Schlagwort-Archiv: Chirurgie

Leserbrief

Betrifft: Artikel von Dr. med. Johanna Ludwig und Jonah Grütters in Passion Chirurgie 12/QIV/2026 „Gen-Z und Weiterbildung in der Chirurgie“HIER finden Sie den Artikel auf BDC|Online

Sehr geehrte Frau Ludwig, sehr geehrter Herr Grütters,

vielen Dank für Ihren Beitrag (s.o.). Um es vorweg zu sagen: die genannten “Konfliktlinien im chirurgischen Alltag” (S.22) sehe ich auch so. In Zusammenhang aber mit dem Absatz auf S.22, der mit “Kulturclash: Klinikalltag trifft Generation Sinn” überschrieben ist, in dem moniert wird, dass “Der Wunsch nach Selbstgestaltung, planbaren Arbeitszeiten und einer sinnstiftenden Tätigkeit, die über das bloße Abarbeiten hinausgeht, …auf eine Weiterbildungskultur [prallt], die noch immer von Unplanbarkeit, körperlicher Belastung und Hierarchien geprägt ist”, muss ich doch sagen: wer diese Einstellung zur Chirurgie als Beruf und Lebensaufgabe hat, sollte besser die Finger davon lassen. So ist Chirurgie nicht und so wird sie nie sein. Zur Chirurgie gehört genau das Unvorhersehbare, das an die Grenzen Gehen im Bereitschaftsdienst, die körperliche Belastung und auch mal das “Abarbeiten” von vielleicht weniger interessanten Aufgaben wie Arztbriefschreiben (und das soll jetzt zuhause digitalisiert im Home Office akzeptabler sein?). Und dass man ein paar Jahre vielleicht auch erst “lernen” muss (weil es zumindest eine fachliche Hierarchie gibt) und noch nicht gleich der große Chirurg sein kann, ist ja in jedem Beruf so, oder?

Chirurgie war für meine Generation (und ist es noch, ich arbeite noch im Alter von 76 an einer Klinik in Teilzeit als Leiter der Sektion Proktologie) eine Art Abenteuer. Diese Einstellung hat uns schon als Assistenten zusammengeschweißt. Selbst das nächtliche Operieren hat(te) seine Reize. Zu wissen, “Wir sind die einzigen, die sich hier im weiten Umfeld der Klinik um 3 Uhr in der Früh die Nacht um die Ohren schlagen, aber etwas Sinnvolles tun!” machte uns stolz und motivierte uns.

Wir haben in den 80er Jahren natürlich sofort erfolgreich gegen die 32-Stunden-Dienste geklagt (an einer Städtischen Klinik). Da gab es nichts zu beschönigen. Da wurde der Altruismus der Ärzte von Staat und Kommunen gnadenlos ausgenutzt. Aber wie sind Maß und Grenze “der Belastung und Zumutbarkeit durch die Arbeitsanforderungen in der Chirurgie” zu beurteilen und festzulegen?

Auch wir hatten einen in gewisser Weise autoritären Chef. So musste ich mir eine (damals durchaus übliche) farbige Haarsträhne wieder umfärben (nachzulesen bei Wolf Stelter, “Der Patron” (sic!), 2020, S. 280 ff.). Und im Nachbarort Offenbach flogen bei dem damaligen Chefarzt der Chirurgie die Messer im OP, wenn ihm etwas nicht passte.
Damals war Ladenschluss um 18:30 Uhr. Vor allem als Privatassistent (sowas gab’s damals noch!) kam man oft erst später aus der Klinik. Da hieß es dann originellerweise: Du kannst ja zum Flughafen fahren, da haben die Läden noch offen. Das sind mit Recht tempi passati. Das brauchte damals schon kein Mensch.

By the way: ich arbeite ja auch mit der Generation Z an unserer Klinik und ich kann mich über ihr Engagement nicht beklagen, trotz vielleicht da und dort anderer Einstellungen zu Freizeit und Dienstschluss.

Aber wenn ich Ihre Ausführungen so lese, da fehlt mir doch der erforderliche Beitrag der Generation Z zur Arbeitswelt, in der wir leben und zur Chirurgie. Es erscheint so, als müssten sich nur die Anbieter der Chirurgie (Kliniken, Ausbildende Ärzte usw.) ändern und den jungen Berufsanfängern sollte quasi der rote Teppich ausgerollt werden, damit sie sich bereit erklären können, die Ausbildung in der Chirurgie antreten zu wollen. Das klingt, als müsste die nachrückende Generation “gepampert” werden, um sich der Chirurgie widmen zu wollen… und als brächte das Berufsleben ganz generell nicht auch weniger schöne Seiten mit sich.

Ich glaube aber, auch weil ich es selbst so – noch unter ganz anderen, heute zu Recht inakzeptablen, Bedingungen – erlebt habe: die Sinnstiftung in der Chirurgie ergibt sich aus anderen Momenten und Erlebnissen als aus der Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes, der Planbarkeit des Tagesablaufs, einer wie auch immer definierten Work-Life-Balance und fehlender körperlicher Belastung. Wem das zu fordernd ist, der sollte sein Augenmerk doch besser auf andere Berufsfelder (Gesundheitsamt, Medizinischer Dienst usw.) lenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Helmut Grosch
Moers

Antwort der Autoren auf den Leserbrief von Herrn Dr. Grosch

Sehr geehrter Herr Grosch,

vielen Dank für Ihre ausführliche und sehr persönliche Rückmeldung zu unserem Beitrag. Man merkt Ihrer Mail an, wie stark Chirurgie für Sie nie nur Beruf, sondern Lebensaufgabe war und teilweise bis heute ist. Diese Haltung verdient Respekt. Und sie erklärt auch, warum unser Text etwas in Ihnen ausgelöst hat.

Lassen Sie uns direkt klarstellen, wo wir vollkommen bei Ihnen sind: Niemand entscheidet sich leichtfertig für die Chirurgie. Niemand glaubt ernsthaft, dass dieser Weg ohne körperliche Belastung, Unplanbarkeit, Nachtdienste und Phasen des Abarbeitens funktioniert. Wer Chirurgin oder Chirurg wird, weiß, dass man Zeit, Energie und private Freiräume investiert. Und ja, viele tun das gerne. Auch heute.

Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Es geht nicht darum, dass niemand mehr länger bleiben will. Es geht darum, dass niemand mehr bereit ist, das dauerhaft und alternativlos zu tun. Die Generation Z kalkuliert Belastung ein. Aber sie akzeptiert sie nicht als Endzustand.

Was wir beschreiben, ist kein Wunsch nach Schonung oder rotem Teppich. Es ist die Frage, ob bestimmte Rahmenbedingungen noch zeitgemäß sind oder ob sie schlicht historisch gewachsen sind, ohne heute noch einen funktionalen Mehrwert zu haben.

Ein paar konkrete Beispiele, die Sie selbst ansprechen oder die täglich Realität sind:

Warum muss ärztliche Weiterbildung zwingend an Anwesenheit gekoppelt sein, auch nach einem Nachtdienst, obwohl Lehre planbar wäre und strukturell anders organisiert werden könnte.

Warum gibt es kaum entlastende Rollen für Tätigkeiten wie Lehre, Organisation oder Dokumentation, obwohl genau diese Aufgaben regelmäßig als Belastung empfunden werden.

Warum sollte ärztliche Dokumentation zwingend vor Ort erfolgen, wenn sie inhaltlich unabhängig vom OP oder der Station ist und technisch problemlos von zuhause erledigt werden kann.

Das sind keine Komfortforderungen. Das sind Effizienzfragen.

Wir wollen nicht, dass Chirurgie ihr Abenteuer verliert. Wir wollen, dass sie ihr Zukunftsversprechen behält. Denn so sehr das nächtliche Operieren für viele Ihrer Generation zusammenschweißend war, so sehr schreckt es heute ab, wenn Belastung ausschließlich über Härte legitimiert wird.

Der Subtext „Wir hatten es schwer, also gehört das dazu“ mag biografisch verständlich sein. Nachwuchspolitisch ist er bedenklich. Denn er übersieht, dass Sinnstiftung nicht verschwindet, wenn Strukturen moderner werden. Sie wird oft sogar stärker, wenn Menschen nicht permanent am Limit arbeiten müssen.

Und vielleicht ist genau das der gemeinsame Nenner zwischen Ihrer Generation und der unseren. Am Ende wollen wir alle das Gleiche: gute Chirurgie, motivierte Teams, exzellente Weiterbildung und Menschen, die diesen Beruf nicht nur anfangen, sondern auch langfristig ausüben.

Nicht für immer unter Vollast. Aber lange genug, um richtig gut zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Jonah Grütters
Johanna Ludwig

Rückantwort Dr. Grosch an die Autoren

Sehr geehrte Frau  Ludwig,
sehr geehrter Herr Grütters,

haben Sie herzlichen Dank für Ihre ausführliche und wohlwollende Antwort! Sie hat mich sehr gefreut und angeregt, wobei ich das Thema als sehr komplex ansehe, wie es mein Leserbrief vielleicht nicht vermuten lässt, meine jetzige Antwort aber schon. Ich danke Ihnen aber auch, dass Sie sich berufspolitisch des Themas annehmen, denn die Bedeutung für unseren Beruf ist ja groß!

„Wohlwollend“ sage ich deshalb, weil natürlich beim Lesen meines Kommentars und in Anbetracht meines Alters schon mal Ihre Augenbrauen hochgegangen sein könnten: klar, so ein alter Sack: immer kalt geduscht und was ihn nicht umbrachte, machte ihn stärker. So haben Sie es aber dankenswerterweise nicht formuliert 😊.

Meine Antwort ist ziemlich lang, aber hoffentlich nicht langweilig, allerdings würde ich es nun dabei belassen wollen.

Ich möchte Ihnen zuerst noch etwas zu meiner Person und meiner Biografie mitteilen, die anders ist als vielleicht vermutet und die mich als prodromales Gen Z – Mitglied erscheinen lassen könnte.

Ich bin während der Medizinalassistentenzeit (heute PJ) in den 70er Jahren zweimal je 3 Monate nach Indien und Nepal gereist und habe damals vorher im Prüfungsamt in Frankfurt nachgefragt, ob das ohne Probleme möglich ist. Die Antwort: „des hat bisher noch kaaner wisse wolle“… Nach der Approbation habe ich vier Jahre Philosophie studiert und mich über die Teilnahme am KV-Notdienst finanziert. Nach dramatischen Veränderungen im Leben (Beziehungsende usw., Beendigung des Philosophiestudiums wegen mangelnder intellektueller Begabung) habe ich dann mit einer halben Stelle in der Chirurgie der Städtischen Kliniken Frankfurt angefangen: klare Probleme, klare Lösungen, keine mühsamen Erörterungen mehr von Sein und Existenz. Ein Assistenzarzt hatte auf halbe Stelle reduziert, um sich seinem neugeborenen Kind besser widmen zu können! Das war damals eine Sensation. Er suchte also jemand für die zweite Hälfte. Es handelte sich um Bernd Hontschik, der u.a. seit langem eine regelmäßige Kolumne in der „Frankfurter Rundschau“ schreibt („Dr. Hontschiks Diagnose“). Ich kannte ihn aus der „Portugal-Mediziner-Gruppe“, die wir damals die portugiesische Nelkenrevolution medizinisch unterstützten.

Nach drei Jahren, im zarten Alter von 37 Jahren, wechselte ich auf die erste längerfristige Ganztagsstelle.

Die damalige Ausbildung – und damit komme ich langsam wieder auf unser Thema zurück – war im Vergleich zu heute ein Traum: es gab genug zu operieren und wir hatten ein festes Rotationsverfahren für alle Assistenten in der Weiterbildung (damals noch mit Unfallchirurgie). Es war ein gerechter Plan für die 6 Jahre Weiterbildung, auf den sich alle verlassen konnten. Das war das Verdienst von Bernd Hontschik, unseres Assistentensprechers.

Damit zurück zum Thema: die heutige Weiterbildung hat sich massiv gegenüber früher verändert, die Chirurgie hat sich massiv verändert: viele Eingriffe gibt es gar nicht mehr (Magen), viele gehören nicht mehr zur Weiterbildung für die Allgemein- oder Viszeralchirurgie (Gefäße [außer Portanlage], damals noch Embolektomien, Amputationen usw., Unfallchirurgie usw.), wo man Umgang mit unterschiedlichsten Geweben und Krankheitsverläufen üben und erlernen konnte. Die Einführung der laparoskopischen Chirurgie wurde schnell auf die Assistenten erweitert, das ist bei den robotischen Verfahren heute nicht mehr so usw. usf.

Aber: geklagt wurde über nachfolgende Generationen schon immer: Wir waren damals die Generation „Wir wollen alles, und zwar sofort“ (Sponti- und Züricher Alternativ-Szene), s. auch den Song „I want it all, I want it now“ von The Queen. Und es gab schon in den 70ern den „NST“: den „Neuen Sozialisations-Typ“ (Thomas Ziehe), der sich angeblich nur noch narzisstisch um sich selbst dreht, keinen Bock auf Arbeit und Anstrengung und nur geringe Frustrationstoleranz hat.

Wobei „diese Zuschreibungen … sind meistens ein Gemisch aus kulturpessimistischer Verfallsrhetorik, anekdotischer Plausibilität sowie journalistischer Aufgeregtheit“, wie ich es schön formuliert gefunden habe (https://www.tagesanzeiger.ch/wird-man-narzisstischer-durchs-online-ich-262339899494, aufgerufen 1.3.26)

Andererseits: die Chirurgische Weiterbildung und Tätigkeit hat in den vergangenen Jahren tatsächlich deutlich an Attraktivität eingebüßt. Denn auch die Zukunftschancen sind nicht mehr so wie früher.

Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und die Bürokratisierung („Dokumentation“ !!!)  zeitigen Folgen für die nachrückenden jungen Ärzte.

Hier zwei Fotos aus meiner Klinik, die einerseits den kulturellen Wandel der Jugend, andererseits die Bürokratisierung der Medizin zeigen und ich muss gestehen, dass mein früher unbedingtes Plädoyer für die Chirurgie in den vergangenen Jahren etwas zurückhaltender geworden ist. (Bilder folgen noch)

Was könnte man tun? Man müsste der nachrückenden Generation vermitteln, dass die Chirurgie mit all ihren beruflichen und die Lebensqualität beeinflussenden Nebenwirkungen trotzdem etwas Besonderes, etwas Tolles ist, das uns heraushebt, das Anerkennung verdient; das wäre v.a. Aufgabe der Politik und der Gesundheitsakteure mit entsprechenden Verbesserungen der beruflichen Situation und Bedingungen, aber durchaus auch unsere als Weiterbildende. Aber dass es ohne gelegentliche Mühsal und Härten nicht geht – auch wenn sich die Motivation nicht über die Härte definiert! So hatte ich das nicht gemeint!

Zusätzlich gälte es für uns Weiterbildende, zu vermitteln, dass Chirurgie einfach aufregend ist, hohe Kompetenzen (skills) erwerben und realisieren lässt und eine hohe Befriedigung verschafft.

Und dass sie außer der materiellen Vergütung auch eine sehr hohe immaterielle mit sich bringt: die Dankbarkeit der Patienten. Arbeit mit und am Menschen!

Da haben wir die Leidenschaft, die es für unseren Beruf braucht: die „Passion Chirurgie“. Die es aber doch überall braucht, in jedem Berufsumfeld, oder nicht?

Und man muss die Ärzte unbedingt von nicht zwingenden ärztlichen Aufgaben entlasten:  Die Bürokratisierung halte ich für das größte Problem, der geforderte Dokumentationsumfang, auch z.B. die Abschaffung der Schreibbüros, die uns zwingt, alle Briefe, Berichte etc. selbst zu schreiben oder bestenfalls mithilfe eines Spracherkennungsprogramms diktieren zu können. Teure und qualifizierte Arztzeit und Arztkompetenz wird hier verschleudert. Vermutlich ist das aber tatsächlich billiger als Schreibbüromitarbeiter:innen zu finanzieren (?).

Zum Topos der Gen-Z noch folgende Anmerkungen:

  • die Forderungen, die sie an uns und das Gesundheitswesen stellt, sind die vielleicht schichtenspezifisch? Wie äußert sich dazu die Gen-Z, die als Busfahrer, Lokführer, Schichtarbeiter, in der Hotellerie etc. arbeiten will oder muss?
  • die Gen-Z betreibt wie kaum eine frühere Generation Selbstoptimierung, quält sich in Fitness-Studios, kämpft sich durch Marathons und andere körperlich fordernde Sportarten; warum muss das im Beruf so anders sein, auch hier sind es ja keine 8 Stunden „Volllast“ täglich?
  • sie ist die Generation der Start-up-Gründer: gibt es hier geregelte Arbeitszeiten…?

Ihre “konkreten Beispiele“ sehe ich etwas kritisch: Sollte die Arbeit nicht besser am Platz bleiben? Die Verwischung der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit (auch die permanente Erreichbarkeit) sind doch viel diskutierte Probleme der heutigen Arbeitswelt.

Und die Lehre (ich verstehe darunter auch in interne Fortbildung) kann doch Spaß machen: wenn man aus erster Hand Wissen vermitteln kann.

Genug!

Vielen Dank, dass Sie mir geschrieben haben. Ich hoffe, mein Anliegen konnte ich nun etwas differenzierter darstellen, Leserbriefe sind ja immer etwas polemisch.

Viele Grüße!

Dr. med. Helmut Grosch
Moers

Editorial 03/QIV-2026: Chirurgischer Nachwuchs

Zur Märzausgabe 2026 | PASSION CHIRURGIE

In dieser Ausgabe stellen wir, wie im letzten Jahr, aktuelle Aspekte der Nachwuchsaktivitäten des BDC dar. Im Mittelpunkt der Diskussion standen dabei in den letzten zwölf Monaten die Umsetzung der Leistungsgruppen in Nordrhein-Westfalen und ihre Ausbreitung auf die Bundesrepublik, sowie die Einführung der Hybrid-DRGs. Beide politischen Entscheidungen haben einen großen Einfluss auf unsere Weiterbildung und die damit verbundene Zufriedenheit unserer nächsten Generation an Chirurginnen und Chirurgen. Objektiv beleuchtet haben dies Herr Krones und Herr Braun in ihrem Artikel über Resilienz und die ersten Ergebnisse der Weiterbildungsumfrage des Berufsverbandes zur allgemeinen Zufriedenheit in der chirurgischen Weiterbildung. Hierbei wurden das subjektive Wohlbefinden im chirurgischen Fach und das persönliche Stressempfinden erhoben sowie mögliche Faktoren bzw. Auslöser identifiziert. Um sich der Problematik weiter anzunehmen, plant der BDC ein eigenes Artikelformat zum Thema „Resilienz“, das persönliche Erfahrungsberichte, mögliche Bewältigungsstrategien sowie externe Unterstützungsangebote beinhalten soll.

Bekanntermaßen fällt der Zeitpunkt der Familiengründung sehr häufig in die Weiterbildungszeit der Kolleginnen und Kollegen. In einem weiteren Artikel geht Frau Rosch auf das Spannungsfeld zwischen der chirurgischen Weiterbildung und Familienplanung ein und zeigt mögliche Lösungsansätze auf. Der Artikel wird ergänzt durch den Beitrag von Frau Samland über moderne Arbeitszeitmodelle in chirurgischen Disziplinen und benennt praktische Umsetzungsstrategien zur Arbeitszeitgestaltung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Kindern.

Überblickt man die letzten 20 Jahre der Nachwuchsförderung – sowohl der Fachgesellschaften als auch der Berufsverbände – zeigt sich, dass sich die wesentlichen Probleme bislang nicht signifikant lösen ließen. Durch die aktuell veränderten Rahmenbedingungen wird es sogar noch schwerer chirurgischen Nachwuchs für das Fach zu begeistern. Auch der Einsatz des Perspektivforums „Junge Chirurgie“ der DGCH versucht durch ihre Aktivitäten und Positionspapiere dem Nachwuchs aller chirurgischen Disziplinen in „Zeiten des Umbruchs“ eine Stimme zu geben und versteht sich als Plattform für Austausch, Vernetzung und Positionsbildung. Hierauf gehen Herr Schaaf und Herr Schlottmann in ihrem Artikel ein.

Auch oder vor allem die chirurgische Lehre an den Hochschulen hat Einfluss auf die spätere Berufswahl und kann somit als möglicher Einflussfaktor auf den chirurgischen Nachwuchs diskutiert werden. Der Kommentar von Herrn Keiber und Herrn Vogt geht darauf ein, wie hochwertige medizindidaktische Konzepte zur Nachwuchsgewinnung beitragen können.

Neben dem ausbleibenden chirurgischen Nachwuchs fehlt es auch an begeisterten Chirurginnen und Chirurgen, die sich in Fachgesellschaften und Berufsverbänden aktiv miteinbringen, um unser Berufsbild mitzugestalten. Aus diesem Grund wurde letztes Jahr der Young Surgeons Club (YSC) des BDC gegründet. Frau Heitzmann, Frau Betzler, Frau Vogel und Herr Braun stellen in ihrem Beitrag das neue Format vor, dass sich als eine Ergänzung zu bereits bestehenden Programmen versteht und eine enge Zusammenarbeit mit anderen Nachwuchsforen ermöglicht. So sollen die Interessen junger Chirurginnen und Chirurgen noch besser abgebildet werden und eine aktive Weiterentwicklung unseres Berufes stattfinden können. Interessierte, die sich beim YSC anschließen wollen, können sich jederzeit über unsere Geschäftsstelle melden. Wir freuen uns über jede aktive Teilnahme und Diskussion. Auch Studierende mit dem Berufsziel ein chirurgisches Fach zu wählen, sind herzlich willkommen.

Für mich persönlich hat sich die Perspektive vom ehemals Weiterzubildenden zum Weiterbilder insofern geändert, dass mir viel bewusster klar ist, in welchem engen Korridor wir uns aufgrund der äußeren Rahmenbedingungen bewegen und dass wir – genau aus diesem Grund – alle Chancen der aktiven Mitgestaltung sinnvoll nutzen müssen. So verstehe ich mich als Motivator für das gemeinsame Ziel einer guten chirurgischen Weiterbildung.

Auf den nächsten Seiten haben wir außerdem noch eine neue Kolumne versteckt: Unter dem Motto „Why I do it“ erzählen uns ab jetzt regelmäßig Chirurginnen und Chirurgen, warum Sie sich für die Chirurgie entschieden haben, eben Passion Chirurgie!

Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre unserer Passion.

Kirschniak A, Braun B, Hättich A, Samland M: Editorial: Chirurgischer Nachwuchs. Passion Chirurgie. 2026 März; 16(03/QI): Artikel 01.

Young Surgeons Club @ BDC – Wieso, weshalb, warum?

Wiebke Heitzmann, Johanna Betzler, Carolina Vogel, Benedikt Braun

Warum?

Das Thema Nachwuchsmangel in der Chirurgie ist älter als viele Mitglieder unseres neuen Young Surgeons Club (YSC). Es wird seit Jahren intensiv diskutiert und von verschiedensten Akteuren bearbeitet. Man darf und muss sich daher die Frage gefallen lassen: Warum ruft der BDC, der mit seinem Nachwuchsressort und etablierten Formaten wie „Nur Mut“, „Staatsexamen und Karriere“, der eAkademie und zahlreichen Webinaren bereits „gut aufgestellt“ ist, nun ein weiteres Forum ins Leben? Schaffen wir damit nicht eine unnötige Parallelstruktur? Aus Sicht des BDC ist die Antwort eindeutig: Man kann gar nicht „zu viel“ für den Nachwuchs tun. Allein die Altersstruktur unseres Verbandes, die sich parallel zur demografischen Entwicklung in Deutschland bewegt, zeigt, dass wir dringend neue, junge Köpfe für unser Fach und unseren Berufsverband begeistern müssen.

Doch es geht nicht nur um Statistik, es geht um die Realität in den Kliniken. Trotz jahrelanger Bemühungen bestehen erhebliche Missstände, insbesondere bezüglich der Rahmenbedingungen, unter denen wir unser eigentlich schönes Fach ausüben, fort. Aktuelle Umfragen zeigen, dass die Burnout-Rate bei Ärzt:innen in Weiterbildung steigt und mehr als die Hälfte der Befragten im WHO-5 Well-Being-Index Werte im kritischen Bereich aufweisen. Gleichzeitig stehen wir durch die Krankenhausstrukturreform (KHVVG/KHAG) vor einem tiefgreifenden Wandel, der die chirurgische Weiterbildung durch Ambulantisierung und neue Versorgungsmodelle deutlich verändern wird. Es besteht also weiterhin ein dringender Handlungsbedarf – sowohl seitens des Nachwuchses als auch gesamtgesellschaftlich. Und wer könnte sich authentischer und effektiver für den Nachwuchs einsetzen als der Nachwuchs selbst?

Wir haben das neue Format daher so konzipiert, dass es die Stimmen aller Ausbildungsstufen bündelt: von Studierenden über Kolleg:innen in Weiterbildung bis hin zu jungen Fachärzt:innen. Unser Ziel ist es, Themen in den Fokus zu rücken, die in bestehenden Gremien oft noch zu kurz kommen. Dazu gehören explizit auch Aspekte wie „Surgeon Well-being“ und Resilienz. Wir wollen keine Konkurrenz, sondern eine sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Programmen sein. Deshalb suchen wir bewusst den Schulterschluss mit den relevanten Akteuren in Deutschland: Wir arbeiten eng mit den Nachwuchsforen der großen Fachgesellschaften im Perspektivforum Junge Chirurgie, mit „Die Chirurginnen“ sowie mit dem fachübergreifenden „Bündnis Junger Ärzte“ zusammen. Unser Anspruch ist es, Synergien zu nutzen, das Angebot für den Nachwuchs qualitativ zu erweitern und uns als starker, integrativer Partner zu positionieren.

Im Folgenden möchten sich Ihnen die Mitglieder des Clubs vorstellen und Ihnen einen Einblick in unsere konkreten Handlungspläne geben. Gleichzeitig verbinden wir diesen Artikel mit einem Appell an Sie alle: Setzen Sie sich gemeinsam mit uns für die Zukunft der Chirurgie ein. Ob vor Ort in Ihrer Klinik oder direkt bei uns im Verband. Die BDC-Website bietet hierfür bereits ein breites Portfolio an Hilfestellungen (z. B. den PJ-Leitfaden in Kooperation mit der bvmd (https://www.bdc.de/chirurgin-werden/pj-leitfaden/) – nutzen Sie diese Ressourcen und treten Sie mit uns in Kontakt. Wir freuen uns auf den Austausch, Ihre Mitarbeit und neue Mitstreiter:innen!

Wer wir sind

Um den Ansprüchen und Bedürfnissen der jungen Generation gerecht zu werden, haben wir ein Team zusammengestellt, das jeden Ausbildungsstand vertritt – von Studierenden bis zur jungen Fachärzt:in. Die studentische Perspektive bringen Vivien Weber und Robin Horray ein, die sich beide im 7. Semester befinden. Beide entdeckten ihre Faszination für das Fach Chirurgie bereits durch praktische Erfahrungen als studentische Hilfskräfte im OP. Im YSC setzen sie sich nun dafür ein, die Interessen der Studierenden zu vertreten und die Sichtbarkeit des BDC an den Universitäten zu verbessern. Die Gruppe der Ärzt:innen in Weiterbildung bildet den Kern unseres Teams und deckt verschiedene chirurgische Disziplinen und Karriereziele ab. Für die Weiterentwicklung strukturierter Ausbildungskonzepte macht sich Annika Uelwer (Viszeralchirurgie, 3. Weiterbildungsjahr) stark, die parallel zur Klinik an der Fertigstellung ihrer Dissertation arbeitet. Ergänzt wird diese Gruppe durch Wiebke Heitzmann (Viszeralchirurgie, 3. Weiterbildungsjahr), die als Sanitätsoffizier der Bundeswehr besondere Expertise in der Vereinbarkeit verschiedener beruflicher Interessen mitbringt und sich der aktiven Nachwuchsgewinnung widmet. Dr. Dannik Haas (O&U, 3. Weiterbildungsjahr) nutzt seine Begeisterung für wissenschaftliches Arbeiten, um schwerpunktmäßig eine geplante Web-App zur Statusbestimmung des Weiterbildungsfortschritts voranzutreiben. Das Thema „Well-Being und Resilienz“ wird federführend von Dr. Tillman Krones (Viszeralchirurgie, 2. Weiterbildungsjahr) betreut, der neben seiner klinischen Tätigkeit eine akademische Laufbahn mit dem Ziel der Habilitation anstrebt. Die Erfahrung der fortgeschrittenen Weiterbildung und der Facharztebene wird durch Dr. Johanna Betzler (Viszeralchirurgie, 6. Weiterbildungsjahr), Dr. Carolina Vogel (Unfallchirurgie, 4. Weiterbildungsjahr) und Dr. Johanna Miller (Fachärztin, Viszeralchirurgie) repräsentiert. Dr. Betzler steht kurz vor dem Facharzt und strebt eine Habilitation sowie langfristig eine leitende Position an. Als Mutter von zwei Kindern bringt sie ihre persönlichen Erfahrungen ein, um Projekte zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu koordinieren. Frau Dr. Vogel ist ebenfalls wissenschaftlich tätig und sowohl bei „Die Chirurginnen“ als auch im Jungen Forum der DGOU aktiv. Diese Schnittstellenrolle ermöglicht eine gute Verzahnung der Arbeit des YSC mit weiteren Nachwuchsstrukturen. Dr. Johanna Miller (Viszeralchirurgie) ist bereits Fachärztin und seit langem in der Nachwuchsförderung des BDC aktiv, wo sie unter anderem erfolgreich M3-Trainings für Studierende organisiert. Diese Arbeit findet gemeinsam mit dem Nachwuchsressort des BDC statt und sucht ganz bewusst den Schulterschluss in der gemeinsamen Arbeit mit den Nachwuchsvertretungen der Fachgesellschaften und Verbände.

Was wir wollen

Aus unserer gemeinsamen Motivation und unserem Selbstverständnis leitet sich ab, wofür wir stehen und wofür wir uns einsetzen.

1. Exzellente chirurgische Weiterbildung

Vor dem Hintergrund aktueller Strukturreformen im deutschen Gesundheitssystem – insbesondere zunehmender Spezialisierung und Ambulantisierung – setzen wir uns für eine verbindliche chirurgische Weiterbildung auf höchstem Niveau ein. Strukturelle Veränderungen dürfen sich nicht zulasten der Weiterbildungsqualität auswirken. Vielmehr müssen an allen Weiterbildungsstandorten eine strukturierte operative wie auch theoretische Ausbildung gewährleistet sein. Langfristig ist es unser Ziel, dass chirurgische Weiterbildung nicht als „Belastung“, sondern als Qualitätsmerkmal eines Standortes oder Weiterbildungsprogramms wahrgenommen wird. Denn die Förderung und Qualifizierung angehender Chirurg:innen bedeutet die nachhaltige Sicherung der Zukunft unseres Faches.

2. Faire Rahmenbedingungen in der Chirurgie

Trotz bestehender gesetzlicher Regelungen, insbesondere des Arbeitszeitgesetzes, zeigen aktuelle Erhebungen – unter anderem die Befragungen des BDC und des Marburger Bundes aus den Jahren 2024/25 – dass die Umsetzung fairer Arbeitszeitmodelle im chirurgischen Alltag häufig unzureichend bleibt. Diese Herausforderungen sind aus unterschiedlichen Perspektiven bekannt. Wir setzen uns daher für transparente und faire Rahmenbedingungen bei den Arbeitgebern ein: Ärzt:innen in Teilzeit dürfen keine Nachteile in ihrer Weiterbildung erfahren, und eine über das reguläre Maß hinausgehende Arbeitsleistung muss angemessen vergütet werden.

3. Lebenswerte Chirurgie

Faire und flexible Rahmenbedingungen, die sich an die individuellen Lebenssituationen von Chirurg:innen anpassen, wirken sich positiv auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die psychische Gesundheit sowie die langfristige Berufszufriedenheit aus. Wir setzen uns daher für eine lebenswerte Chirurgie ein, die fachliche Exzellenz mit nachhaltigen Arbeitsbedingungen verbindet.

Was wir machen

Im Rahmen eines eintägigen Kick-Off Meetings im November 2025 konnten innerhalb weniger Stunden bereits viele Themenbereiche, wie beispielsweise Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Qualität der Weiterbildung, (fehlende) Feedback-Kultur, Attraktivität der Chirurgie, psychische Gesundheit von Chirurg:innen erarbeitet werden, die chirurgisch interessierten Studierenden, chirurgischen Weiterbildungsassistent:innen sowie jungen Fachärzt:innen am Herzen liegen. Aus den angeregten Diskussionen dieses Tages entstanden die ersten drei Projekte des YSC.

1. Orientierung und Feedback in der Weiterbildung

Ein wiederkehrendes Thema unter Weiterbildungsassistent:innen ist der Wunsch nach besserer Transparenz hinsichtlich des eigenen Ausbildungsstands. Während operative Logbücher und Weiterbildungsordnungen formal existieren, fehlt häufig ein niedrigschwelliges, kontinuierlich nutzbares Instrument zur Selbsteinschätzung und externen Rückmeldung. Der YSC plant daher die Entwicklung einer Web-App, die eine strukturierte Statusbestimmung über alle Weiterbildungsjahre hinweg ermöglicht. Ziel ist es, operative und nicht-operative Skills, typische klinische Situationen sowie zentrale Eingriffe in einem standardisierten Format zu erfassen. Grundlage hierfür ist eine sorgfältige Definition der relevanten Kompetenzen – idealerweise unter Berücksichtigung bestehender Teilschritte-Konzepte. Anschließend sollen geeignete Feedback-Metriken entwickelt werden, um individuelle Fortschritte nachvollziehbar abzubilden. Die App soll nicht nur der Orientierung dienen, sondern auch die Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Ausbildungsstätten erhöhen und so einen Beitrag zur Qualitätssicherung leisten.

2. Begeisterung für die Chirurgie frühzeitig fördern

Chirurgische Fächer genießen früh im Medizinstudium traditionell eine hohe Faszination: Die unmittelbare Wirksamkeit operativer Eingriffe, die technische Komponente sowie das starke Teamgefühl im OP werden häufig als motivierende Faktoren genannt. Gleichzeitig zeigen zahlreiche hochschulinterne Befragungen und nationale Absolventenstudien, dass dieses anfängliche Interesse im Verlauf der klinischen Studienjahre abnimmt. Gründe hierfür sind u. a. die Wahrnehmung hoher Arbeitsbelastung, Unsicherheiten hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ein unzureichender Einblick in moderne Weiterbildungsstrukturen. Viele Studierende erleben Chirurgie vor allem über kurze, wenig strukturierte Pflichtpraktika – und weniger über authentische Einblicke in die Vielfalt des Faches oder die tatsächlichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Vor diesem Hintergrund verfolgt der YSC das Ziel, die Attraktivität der chirurgischen Weiterbildung gezielt sichtbar zu machen und den Kontakt zu Studierenden nachhaltig zu stärken. Ein modular aufgebautes Slide-Deck, das künftig bundesweit am Ende chirurgischer Hauptvorlesungen eingesetzt werden kann, soll über das breite Portfolio des BDC informieren und niederschwellige Zugänge – etwa über die „Nur Mut“-Kampagne oder die Chirurgische Woche – bieten. Darüber hinaus sollen professionelle, aber auch nahbare Videoformate entstehen, in denen Chirurg:innen und ihre Lebenswege vorgestellt werden. Die ersten Videos (mit dem Fokus auf den Themenbereich „Familie und Beruf“) sollen im Rahmen des DCK 2026 produziert werden. Ergänzend ist ein interaktives „Ask me anything“-Webinar geplant, das Studierenden und Weiterbildungsinteressierten authentische Einblicke in Karrierewege, Herausforderungen und Chancen der chirurgischen Weiterbildung ermöglicht.

3. Resilienz und Well-Being in der chirurgischen Weiterbildung

Die Arbeit in chirurgischen Fächern ist geprägt von hoher Verantwortung, körperlicher Belastung und komplexen emotionalen Anforderungen. Neben langen Arbeitszeiten und dem Druck, rasch operative Kompetenzen aufzubauen, erleben viele junge Chirurg:innen eine deutliche Diskrepanz zwischen persönlichem Anspruch, Versorgungsrealität und eigenem Wohlbefinden. Vor diesem Hintergrund hat der Young Surgeons Club Resilienz als eines seiner Kernprojekte definiert. Ziel ist es, junge Kolleg:innen frühzeitig für gesundheitsfördernde Strategien zu sensibilisieren und das Thema dauerhaft im chirurgischen Weiterbildungsdiskurs zu verankern. Als erster, sichtbarer Schritt entsteht ein Auftaktartikel für die Nachwuchsausgabe der Passion Chirurgie, der zentrale Ergebnisse der Weiterbildungsumfrage des BDC aufbereitet und diese um wissenschaftliche Erkenntnisse zu Belastungsfaktoren und Schutzmechanismen ergänzt. Der Artikel soll nicht nur Missstände benennen, sondern positive Beispiele und lösungsorientierte Ansätze hervorheben – etwa gelungene Teamkulturen, realistische Erwartungsmanagement-Modelle oder „Best-Practice“-Beispiele der Selbstfürsorge. Ergänzend soll ein Format für die Passion Chirurgie entwickelt werden, das im Rahmen eines monatlich erscheinenden, einseitigen Artikels positive Vorbilder, persönliche Bewältigungsstrategien und Resilienz fördernde Maßnahmen präsentiert.

Wiebke Heitzmann

Ärztin in Weiterbildung

Viszeralchirurgie, 3. Weiterbildungsjahr

Bundeswehrkrankenhaus in Ulm

Prof. Dr. med. Benedikt Braun, MBA

Stellv. Leiter der BDC|Akademie

BDC-Themen-Referat Nachwuchs

BDC-Themen-Referat Digitalisierung und technische Innovationen

Beauftragter für die Nachwuchsförderung in der Gemeinsamen Weiterbildungskommission Chirurgie

Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie

Eberhard Karls Universität Tübingen

BG Klinik Tübingen

bbraun@bgu-tuebingen.de

Dr. med. Johanna Betzler

Ärztin in Weiterbildung

Viszeralchirurgie, 6. Weiterbildungsjahr

Dr. med. Carolina Vogel

Ärztin in Weiterbildung

Unfallchirurgie, 4. Weiterbildungsjahr

BG Klinik Tübingen

Chirurgie

Heitzmann W, Betzler J, Vogel C, Braun B: Young Surgeons Club @ BDC – Wieso, weshalb, warum? Passion Chirurgie. 2026 März; 16(03/I): Artikel 03_04.

www.bdc.de

Passion Chirurgie 01/02-2026: Perioperatives Management

Hier geht’s zur neuen Ausgabe der PASSION CHIRURGIE 01/02/26: Perioperatives Management

Perioperatives Management steht im Fokus der aktuellen Ausgabe. Drei Fachbeiträge beleuchten das Thema – von den zehn wichtigsten Maßnahmen im perioperativen Management, über den idealisierten Workflow im Zentral-OP bis hin zur Prähabilitation zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung. Viel Spaß beim Lesen!

Sicher operieren will gelernt sein – am besten von Beginn an. Gerade in den ersten Weiterbildungsjahren sind praxisnahe Trainingsformate besonders wertvoll. Für das 1. und 2. Weiterbildungsjahr empfehlen wir drei Seminare mit hohem Hands-on-Anteil: den Praktischen Workshop Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie (07.–09.05.2026, Berlin), MIC Modul 1 (11.–12.06.2026, Hamburg) sowie den Workshop Basischirurgie (08.–09.10.2026, Ingolstadt). Planen Sie schon jetzt Ihr Fortbildungsjahr und sichern Sie sich frühzeitig Ihre Seminare für 2026.

Viele Grüße, das Redaktions-Team

BDC-Praxistest: Mit oder Ohne? Unsterile Handschuhe

Vorwort

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Das Gesundheitswesen ist der Dienstleistungssektor mit den höchsten Treibhausgasemissionen. So entspricht der Klima-Fußabdruck des weltweiten Gesundheitswesens 4,4 % der globalen Nettoemissionen, entsprechend den jährlichen Treibhausgasemissionen von 514 kohlebetriebenen Kraftwerken. Natürlich besteht allgemeiner Konsens, dass die Gesundheitsversorgung zu priorisieren ist. Es ist jedoch zeitgemäß zu evaluieren, ob auch hier ein Einsparpotential aus Sicht der ökologischen Nachhaltigkeit gegeben ist.

Was kann denn in unserem klinischen Alltag eingespart werden? Eine der von uns am häufigsten verwendeten Produkte in der täglichen Arbeit sind unsterile Handschuhe. So wird der globale Markt für medizinische Einmalhandschuhe perspektivisch von ca. 15 Mrd. USD im Jahr 2022 auf ca. 21 Mrd. USD im Jahr 2029 wachsen. Aber ist vielleicht für Patienten und Umwelt „weniger mehr“? Sieht das Tragen von Einmalhandschuhen oft hygienischer aus als es tatsächlich ist? Falls wir tatsächlich in unserer täglichen Arbeit fälschlicherweise zu oft „mit“ anstatt „ohne“ unterwegs sind, könnte der sachgerechte Einsatz von Handschuhen zur häufigeren Händedesinfektion, geringeren Hautbelastung des Personals, weniger Abfall und geringeren Kosten führen.

Anregende Lektüre wünschen

Prof. Dr. med. C. J. Krones

und

Prof. Dr. med. D. Vallböhmer

Der bewusste Einsatz unsteriler Handschuhe als Hebel für hygienische und ökologische Fortschritte im perioperativen Management

Wir alle kennen folgende Situationen: Eine Ärztin oder Pflegende verlässt ein Patientenzimmer mit benutzten Handschuhen an den Händen, um auf dem Flur etwas aus dem Pflegewagen zu entnehmen oder um zu telefonieren. Im Nachbarzimmer dokumentiert eine Fachkraft in der elektronischen Patientenakte den soeben durchgeführten Verbandswechsel, obwohl sie noch die dabei verwendeten Handschuhe trägt. Ein paar Türen weiter bereitet ein Arzt eine Impfung vor. Aus Routine greift er zu einem frischen Paar Handschuhe, obwohl dazu für eine solche Injektion keine Indikation besteht. Auch beim Umlagern einer Patientin im Nebenzimmer gehen die Teammitglieder wie selbstverständlich zur Handschuhbox, obwohl kein Kontakt zu Blut oder Ausscheidungen zu erwarten ist.

Im Klinikalltag ist der Griff zur Handschuhbox häufig zum Reflex geworden. Die dahinterstehende Logik scheint auf den ersten Blick überzeugend: „Mit Handschuhen kann ich mich selbst vor Infektionen schützen – und den Patient:innen schadet es auch nicht.“ Jedoch beginnt genau hier das Problem des unbewussten Gebrauchs von unsterilen Handschuhen: Studien zeigen, dass sich Mitarbeitende vor und nach dem Patient:innen-Kontakt deutlich seltener die Hände desinfizieren, wenn sie Handschuhe tragen. [1] So hat eine gut gemeinte Schutzmaßnahme am Ende unter Umständen das Gegenteil zur Folge: Eine erhöhte Infektionsrate.

Verwendung zu vieler Handschuhe – trotz klarer Empfehlungen

Unsterile Handschuhe sind ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der persönlichen Schutzausrüstung. Aus Beobachtungsstudien wissen wir allerdings, dass rund 35 bis 45 Prozent der Handschuhnutzung im klinischen Alltag medizinisch nicht indiziert sind. [1] Das Problem ist weniger der Handschuhgebrauch selbst als das Verhalten, das er auslöst: „Handschuh statt Händedesinfektion“ – anstatt „Handschuh plus Händedesinfektion“. Denn viele Mitarbeitende in Gesundheitsberufen verlassen sich fälschlich auf die „Barriere“ des Handschuhs und verzichten dabei auf die Händedesinfektion vor und nach dem Patient:innen-Kontakt. Zudem werden teilweise dieselben Handschuhe über mehrere Tätigkeiten hinweg getragen oder sogar zwischen dem Kontakt mit verschiedenen Patient:innen nicht gewechselt. Dies führt zur Verbreitung von Erregern – zwischen verschiedenen Körperstellen oder Wunden und zwischen verschiedenen Patient:innen und dem Personal.

Vielen Mitarbeitenden ist nicht bekannt, dass unsterile Handschuhe nicht 100-prozentig dicht sind, denn sie können teilweise mikroskopisch kleine Defekte aufweisen, durch die Krankheitserreger von Patient:innen auf die Haut von Pflegefachkräften, Ärzten und Ärztinnen, Therapeut:innen und anderen Gesundheitsberufler:innen übertragen werden können, und umgekehrt. Zudem kann das unkontrollierte Ausziehen der Handschuhe zu einer Kontamination der Hände oder Handgelenke mit erregerhaltigem Material führen. Werden die Hände nach dem Patient:innen-Kontakt dann nicht desinfiziert, steht einer Verbreitung der Erreger wenig im Weg. Hygienisch bleibt daher klar: Keine Maßnahme ersetzt die korrekte Händedesinfektion!

Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) hat das Problem des Fehlgebrauches und der fehlenden zusätzlichen Händedesinfektion deshalb ausdrücklich adressiert. In einem Kommentar zum indikationsgerechten Einsatz medizinischer Einmalhandschuhe beschreibt sie, dass Handschuhe im deutschen Gesundheitswesen zu häufig und zu ungezielt eingesetzt werden – und dass dieser Übergebrauch hygienisch problematisch ist. Die KRINKO betont zugleich, dass medizinische Einmalhandschuhe ein unverzichtbares Instrument des Infektionsschutzes bleiben – jedoch nur in den richtigen Situationen und mit der richtigen Anwendung. Ihre Empfehlungen zeigen deutlich, wann Handschuhe erforderlich sind und wann nicht. Damit gibt sie erstmals eine präzise Orientierung, die Gesundheitsberufler:innen unmittelbar unterstützt. [2]

Trotz dieser nicht erst seit der KRINKO-Empfehlung definierten Indikationen ist der Handschuhverbrauch in vielen Einrichtungen in den letzten Jahren weiter gestiegen. Rückmeldungen aus dem Mitgliedsnetzwerk des Kompetenzzentrums für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen (KliMeG | www.klimeg.de) zeigen, dass insbesondere die SARS-CoV-2-Pandemie diesen Trend verstärkt hat – während der Verbrauch von Händedesinfektionsmitteln zum Teil zurückgegangen ist!

Wann sind unsterile Handschuhe wirklich indiziert – und wann nicht?

Indikationen für die Verwendung:

  • Kontakt mit Blut, Sekreten oder Exkreten
  • Umgang mit Erregern, gegen die alkoholische Händedesinfektionsmittel teilweise unwirksam sind (z. B. Clostridioides difficile aufgrund der Sporenbildung)
  • Kontakt mit Schleimhäuten
  • Kontakt mit nicht-intakter Haut
  • Kontakt mit z. B. Zytostatika und Desinfektionsmitteln

Keine Indikationen bestehen in den folgenden Fällen, hier reicht die alleinige hygienische Händedesinfektion aus, z. B. bei:

  • Körperlichen Untersuchungen ohne Kontakt zu Körperflüssigkeiten, Schleimhäuten und nicht-intakter Haut
  • Umlagern, Mobilisieren oder Transportieren von Patient:innen
  • Messen von Vitalzeichen (Blutdruck, Temperatur, Puls)
  • Verabreichen von Mahlzeiten oder Anreichen von Essen
  • Dokumentation und Computerarbeit
  • Sonografie und vielen weiteren diagnostischen Tätigkeiten an intakter Haut

Abb. 1: Indikationen für den bewussten Gebrauch unsteriler Handschuhe. © KliMeG

Weitere Vorteile durch das Weglassen nicht-indizierter unsteriler Handschuhe

1. Ökologische Dimension

Der Über- und Fehlgebrauch unsteriler Handschuhe ist nicht nur ein hygienisches Risiko, sondern auch ein bislang unterschätzter Faktor einer der größten Gesundheitsherausforderungen unserer Zeit: Dem Klimawandel. Das Gesundheitswesen verursacht ca. sechs Prozent der bundesweiten Treibhausgasemissionen und trägt damit erheblich zu einer Krise bei, die wiederum unsere Gesundheit massiv beeinträchtigt – durch Hitzewellen, Extremwetterereignisse, Luftverschmutzung und die Ausbreitung bisher in Deutschland unbekannter Infektionskrankheiten. [3] Vor diesem Hintergrund haben sich im KliMeG-Netzwerk bereits über 350 Einrichtungen auf den Weg gemacht, Klimaschutz im Krankenhaus konkret umzusetzen. Ein überraschend großer Hebel hierbei: Der Verbrauch nicht-steriler Handschuhe.

Analysen zeigen, dass Handschuhe bis zu einem Prozent der Gesamtemissionen eines Krankenhauses verursachen können [4]. Ihre Herstellung basiert überwiegend auf kunststoffbasierten Materialien; entlang der Produktions- und Lieferkette werden erhebliche Mengen Energie, Wasser und Chemikalien eingesetzt. Am Ende steht eine Entsorgung unnötig großer Mengen an Abfall, mit entsprechendem ökologischem Fußabdruck. Jeder eingesparte Handschuh reduziert daher nicht nur Kunststoff, sondern unmittelbar auch Emissionen und Ressourcenverbrauch.

2. Hautgesundheit des Krankenhauspersonals

Beim Tragen von Handschuhen entsteht zwischen Haut und Handschuh häufig eine sogenannte feuchte Kammer, die die Haut aufweicht und anfälliger für Irritationen und Ekzeme macht. Wer seltener Handschuhe trägt, berichtet von weniger Hautproblemen und weniger Belastung durch Schwitzen.

3. Empathischer Patient:innen-Kontakt

Berührungen ohne Handschuhe wird von vielen Patient:innen als wärmer, direkter und empathischer erlebt. Gerade in pflegerischen und ärztlichen Situationen, in denen keine Indikation für Handschuhe besteht – etwa beim Eincremen, bei der Mobilisation oder bei der körperlichen Untersuchung ohne Kontakt zu Körperflüssigkeiten – kann direkter Hautkontakt das Erleben von Fürsorge und Nähe stärken und damit den Genesungsprozess positiv beeinflussen.

Jetzt aktiv werden! Mit unserer Kampagne „Mit oder Ohne? – Handschuhe bewusst einsetzen“

Gemeinsam mit Kolleg:innen aus Hygiene, Pflege, OP-Management und Klimamanagement hat KliMeG die Kampagne „Mit oder Ohne? – Handschuhe bewusst einsetzen“ entwickelt. Unser Ziel ist, dass alle Gesundheitsberufler:innen genau wissen, in welchen Situationen unsterile Handschuhe tatsächlich erforderlich sind – und dass Handschuhe niemals die hygienische Händedesinfektion ersetzen.

Die Kampagne wurde mit Unterstützung der Röchling-Stiftung ins Leben gerufen. Die KliMeG-Webseite dient als zentrale Anlaufstelle, die alle Materialien bündelt, die für die Umsetzung in Ihrer Einrichtung benötigt werden:

  • Wissenschaftlich geprüfte Informationen
  • Poster zum Aushängen
  • Info-Sheets mit Indikationen
  • Schulungsfolien
  • Praxisleitfaden
  • Social Media-Vorlagen
  • Kommunikationsbausteine für Intranet, Newsletter oder Stationsaushänge

Alle Materialien können HIER kostenlos heruntergeladen und an die eigene Klinik angepasst werden.

4. Ökonomische Vorteile

Schließlich sind auch ökonomische Effekte messbar: Weniger Handschuhe bedeuten weniger Einkauf, weniger Abfallvolumen sowie geringere Entsorgungs- und Beschaffungskosten. In Zeiten knapper Budgets und steigender Preise ist dies ein überzeugender Nebeneffekt.

Umsetzung der Kampagne im OP- und Stationsalltag

In der Praxis hat sich ein mehrstufiges Vorgehen bewährt. Zunächst melden sich interessierte Häuser über die Kampagnen-Website an und benennen eine:n Koordinator:in, die häufig aus dem Bereich Hygiene, Pflege, Klimamanagement oder dem Ärztlichen Dienst kommt. In einem online Start-Workshop werden die Kampagne erläutert, typische Fehlanwendungen dargestellt und erste Ideen für lokale Maßnahmen gesammelt.

Im nächsten Schritt formen viele Einrichtungen ein interdisziplinäres Projektteam aus Pflege, Ärzt:innen, Hygiene, Arbeitsschutz, Einkauf und Öffentlichkeitsarbeit. Dieses Team sichtet die Einkaufsdaten zum Handschuhverbrauch, identifiziert Schwerpunktbereiche – häufig OP, Notaufnahme oder Intensivstation – und definiert messbare Ziele.

Auf Station oder im OP selbst kommen anschließend die Kampagnenmaterialien zum Einsatz: Poster in Aufenthaltsräumen, Info-Sheets mit KRINKO-Indikationen an Desinfektionsmittelspendern und Handschuhboxen, kurze Schulungssessions im Rahmen bestehender Fortbildungen, Quiz-Formate für Teams oder Fallbeispiele in Morgenbesprechungen.

Erfahrungen aus der Praxis und Ausblick

Mittlerweile beteiligen sich bereits über 50 Einrichtungen aktiv an der Kampagne – von großen Maximalversorgern über Fachkliniken bis zu Praxen und Pflegeeinrichtungen. In den monatlichen online Austauschformaten berichten viele von ähnlichen Mustern: Einem sehr hohen Ausgangsverbrauch, teils verunsicherten Teams nach der Pandemie und der Erfahrung, dass schon kleine Interventionen spürbare Effekte haben können. Gerade im perioperativen Management ist der bewusste Umgang mit Einmalhandschuhen ein naheliegender Baustein für eine nachhaltigere und sicherere Versorgung. Er verbindet zentrale Ziele chirurgischer Einrichtungen: Hohe Patient:innen-Sicherheit, guter Arbeitsschutz, effiziente Prozesse und eine Reduktion des ökologischen Fußabdrucks.

Am Ende ist die Frage „Mit oder Ohne?“ keine Detailfrage, sondern ein Symbol für einen größeren kulturellen Wandel: Weg von reflexhaften Routinen, hin zu bewussten Entscheidungen auf Basis von Evidenz. Wenn es gelingt, dass Gesundheitsberufler:innen im perioperativen Setting diese Frage immer wieder kurz stellen – und informiert beantworten – ist viel gewonnen: Infektionsschutz, Hautgesundheit, Klimaschutz. In einem Wort zusammengefasst: Gesundheitsschutz.

Literatur

[1]   Bellini C, Eder M, Senn L, Sommerstein R, Vuichard-Gysin D, Schmiedel Y et al. Providing care to patients in contact isolation: is the systematic use of gloves still indicated? Swiss Med Wkly 2022; 152:w30110. doi: 10.4414/SMW.2022.w30110.
[2]   Robert-Koch-Institut. Kommentar der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) zum indikationsgerechten Einsatz medizinischer Einmalhandschuhe im Gesundheitswesen. Epidemiologisches Bulletin 2024:3–15 [Stand: 04.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2024/10_24.pdf?__blob=publicationFile&v=3.
[3]   Traidl-Hoffmann C, Schulz CM, Herrmann M, Simon B, Hrsg. Planetary health: Klima, Umwelt und Gesundheit im Anthropozän. Berlin: MWV; 2021. Verfügbar unter: https://www.beck-elibrary.de/10.32745/9783954666737.
[4]   Schneider M, Michael J. Nachhaltiger Einkauf in der Charité. Nachhaltiger Einkauf in der Klinik 2025:18–9 [Stand: 04.12.2025]. Verfügbar unter: https://epaper.nachhaltige-beschaffung.com/p/special-interest/24-06-25/r/10/18-19/8695/1950013.

Dr. Katharina Schilcher

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen

kathi.schilcher@gmail.com

Dr. Sybille Barkhausen

Institut für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene

Universitätsklinikum Freiburg

Gesundheitspolitik

Schilcher K, Barkhausen S: BDC-Praxistest: Mit oder Ohne? Der bewusste Einsatz unsteriler Handschuhe. Passion Chirurgie. 2025 Januar/Februar; 16(01/02): Artikel 05_02.

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Facharztmangel – Zwei Schritte, um die Ausbildung von Chirurgen zu retten

Ein Modellprojekt in Kiel verbindet die chirurgische Weiterbildung in Klinik und Praxis. Damit werden die Sektoren zwischen stationär und ambulant überbrückt. Ein Modell, das Schule machen könnte, um wieder mehr Chirurgen auszubilden. Wäre da nicht die fehlende Finanzierung.

Wer monatelang auf Facharzttermine wartet, weiß: Nicht nur in der ländlichen Fläche werden medizinische Strukturen ausgedünnt. Das liegt auch an fehlendem Nachwuchs von Medizinern. Dieses Problem wird noch dramatischer, warnt Ralf Schmitz, schleswig-holsteinischer Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgie (BDC).

Denn die Krankenhausreform verstärke eine „eigentlich gute“ Entwicklung: Bestimmte Leistungen werden in dafür besser ausgestatteten Zentren angeboten, und der medizinische Fortschritt ermöglicht mehr ambulante Behandlungen ohne stationäre Klinikaufenthalte.

Qualität der Facharztausbildung steht auf dem Spiel

Doch ein Aspekt sei bei Zentralisierung und Ambulantisierung vergessen worden: die fachärztliche Weiterbildung. Am Beispiel seines Fachbereichs, der Orthopädie und Unfallchirurgie, macht Schmitz klar, in welche Sackgasse das Gesundheitssystem hier geraten ist. Seine Warnung: „Die Qualität der Fachärzte nimmt ab.“

Abb. 1: Ralf Schmitz ist Landesvorsitzender
des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgie
(BDC) für Schleswig-Holstein und leitender Arzt
am MVZ Chirurgie in Kiel.

Bereits vor zehn Jahren hat er gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) ein Modell auf den Weg gebracht, das Schnittmuster für eine Lösung sein könnte.

Wechsel zwischen dem OP in der Uniklinik und in der Praxis

Das „Modellprojekt sektorenübergreifender chirurgischer Weiterbildungsverbund Kiel“ Orthopädie und Unfallchirurgie ermöglicht Assistenzärzten, in der Weiterbildung zu wechseln zwischen dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) und einer vertragsärztlichen Praxis, dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Chirurgie in Kiel. Über die Jahre kommen sie so zu der Bandbreite an Fällen, die sie für ihre Qualifizierung brauchen. Also etwa Wirbelsäulenchirurgie an der Uni, Handchirurgie in der Praxis.

„Volle Weiterbildung“ in einem Krankenhaus gibt es nicht mehr

In den Kliniken sei das immer seltener möglich, erklärt Schmitz. In Häusern ab einer bestimmten Klinikgröße – beispielsweise beim Schwerpunktversorger Neumünster – gab es mal die „volle Weiterbildung“ mit der erforderlichen Bandbreite an Behandlungsfällen innerhalb des Hauses. Doch immer mehr Eingriffe und Diagnostikverfahren fänden nicht mehr überall statt.

Operieren – nur wo? Der Berufsverband der Chirurgie warnt, dass das Fallspektrum für Weiterbildungsassistent:innen in der Chirurgie immer kleiner wird. Die Lösung: sektorenübergreifend denken.

Jetzt seien Weiterbildungsassistenten oft gezwungen, selbst innerhalb eines Fachbereichs mehrere Ausbildungsstätten abzuklappern, „Klinik-Hopping“ sozusagen. Und das schrecke immer mehr junge Mediziner ab, so Schmitz: „Sie werden damit alleingelassen“, ganz nach dem Motto: „Sieh zu, wo du hingehst.“

Krankenhausreform verstärkt das
Facharzt-Problem

Was die 2024 verabschiedete Krankenhausreform noch verstärkt und sich auch durch angekündigte Nachbesserungen durch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kaum noch ändern wird: die weitere Spezialisierung durch die Leistungsgruppen, die das Spektrum von Krankheitsfällen und Operationstechniken nochmals verkleinert.

Im Reform-Vorzeigeland Nordrhein-Westfalen, wo Leistungsgruppen schon greifen, gibt es ein weiteres Problem. Wo Kliniken die notwendigen Kriterien nicht erfüllen, wurden schon Abteilungen geschlossen und Assistenzärzte standen mitten in der Ausbildung auf der Straße.

Abb. 2: Patrick Reimund, Geschäftsführer der
Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein,
@ KGSH

Patrick Reimund, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein, sieht in dem Kieler Projekt „eine Brücke, die über die Sektorengrenzen hinweg geschlagen wird“: zwischen einem Hochleistungskrankenhaus und Maximalversorger einerseits, den Erfahrungen aus der Praxis im MVZ auf der anderen Seite. Das habe Vorteile, nicht nur für die angehenden Chirurgen, sondern auch für die Patientenversorgung, wie Reimund betont. Auch die Ärztekammer begrüßt das Modell.

Vor allem soll es beweisen, so Schmitz dazu, „dass es geht“, um wieder mehr Bewerber zu gewinnen für „die Krone der Medizin“, die Chirurgie. Im Juli 2024 wurde das Projekt neu aufgelegt, ein ähnliches gebe es laut Schmitz für den Fachbereich sonst nur noch in Berlin.

Um die Vorlage aus Kiel bundesweit umsetzen zu können, nennt der Arzt zwei Schritte:

Zuerst die Finanzierung absichern

Erstens, die Finanzierung zu regeln. Zwar gibt es eine Förderung von Kassenärztlichen Vereinigungen und den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) zur Weiterbildung von Haus- und Fachärzten, aber die Plätze und Mittel seien „sehr begrenzt“. Die Finanzierung des Projekts könne auch kein Vorbild sein, denn hier, sagt Schmitz, komme das Geld „von den falschen Partnern“: je hälftig von den GKV und den Vertragsärzten. Seine Forderung: „Eigentlich müsste es aus Steuermitteln kommen, denn die Weiterbildung von Fachärzten ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Fester Lehrplan für sechs Jahre Weiterbildung

Der zweite Schritt wäre, sektorenübergreifende Weiterbildungsverbünde auf die Beine zu stellen zwischen Kliniken und Praxen. Allerdings dann verpflichtend: Chirurgen in Weiterbildung müssten ein sechsjähriges Curriculum durchlaufen, „wo festgelegt ist, wann und wo welche Kompetenzen erworben werden“. Das gebe es so längst in anderen Ländern. „Und wir müssen es jetzt auch so machen, wir haben gar keine andere Wahl.“

Damit werde die Freiheit der Klinikwahl für angehende Chirurgen zwar eingeschränkt. Aber: „Wer die Qualifizierung will, erhält sie. Immerhin gibt es dann Planungssicherheit.“ Da viele zu Beginn der Weiterbildung in der Phase der Familiengründung seien, hält er Kinderbetreuungsangebote an den Weiterbildungsstätten für zwingend erforderlich.

Dass mit der Weiterbildung Wechsel verbunden wären, sei nicht zu vermeiden, aber dann immerhin vorhersehbar. Das sieht Schmitz nicht nur als Nachteil: „Es ist gut, auch mal zu sehen, wie in anderen Küchen gekocht wird.“ Bundesweit herumgeschickt, ergänzt der Mediziner, würden die Assistenzärzte eher nicht. „Dank des Föderalismus“ werde nicht jede Weiterbildung in jedem Bundesland gleichermaßen anerkannt.

Kampagne: Kein Weiter ohne Bildung

Der BDC hat eine Kampagne „Kein Weiter ohne Bildung“ gestartet, um auf die fehlenden Weiterbildungsmöglichkeiten für Chirurgen aufmerksam zu machen. Dazu gibt es auch eine Petition zum Unterschreiben. (Anmerkung Redaktion: Erstveröffentlichung im Juli 2025. Mittlerweile ist die Kampagne erfolgreich mit 32.000 Unterschriften abgeschlossen.)

Wie Schleswig-Holstein von einem neuen System profitieren könnte

 

Dieses Thema wurde schon lange vor der Krankenhausreform diskutiert: es anderen Ländern nachzumachen und die festen Schranken zwischen den Sektoren in unserem Gesundheitssystem aufzuheben – nicht nur zwischen ambulantem und stationärem Bereich; auch Pflege, Reha und soziale Dienste müssten nahtlos eingebunden sein. Die Krankenkasse Barmer hat 2023 für den Norden hochgerechnet: Im vierten Quartal des Jahres 2022 hätten fast 20 Prozent der Krankenhausfälle auch ambulant durchgeführt werden können.

Gerade das Flächenland Schleswig-Holstein könnte von einer Durchlässigkeit des Systems profitieren, denn es verfügt über ein entsprechendes Spektrum von Versorgern: von Facharztpraxen über MVZ bis zu Unikliniken, die im Bundesvergleich qualitativ gut dastehen.

Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen, die mit der Krankenhausreform umgesetzt werden sollen, seien laut Ralf Schmitz vom Berufsverband der Deutschen Chirurgie vom Prinzip her zwar sinnvoll: Komplexe Eingriffe in Klinik A, einem Zentralkrankenhaus, und ambulante OPs in Klinik B, das nicht die entsprechende Leistungsgruppe aufweist. Doch auch hier gilt: Das Fachpersonal fehlt, womit sich nichts ändert am Problem der Finanzierung fachärztlicher Weiterbildung.

Margitta True

Reporterin

Redaktion Schleswig-Holstein

sh:z Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag GmbH & Co KG

margitta.true@shz.de

Zweitverwertung mit freundlicher Genehmigung von sh:z Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag GmbH & Co KG, Erstveröffentlichung am 31.07.2025 in der sh:z

Chirurgie+

True M: Facharztmangel: Zwei Schritte, um die Ausbildung von Chirurgen zu retten. Passion Chirurgie. 2026 Januar/Februar; 16(01/02):
Artikel 04_02.

www.bdc.de

Webinar-Reihe „Fraktur im Fokus“ geht weiter

Die Webinar-Reihe „Fraktur im Fokus“ nimmt auch 2026 jeden Monat eine Fraktur unter die Lupe! Expert:innen für den jeweiligen Bereich stellen die aktuelle Entwicklungen auf ihrem Gebiet vor und diskutieren diese anschließend anhand von konkreten Fallbeispielen.

Für Teilnehmer:innen besteht während des Webinars die Möglichkeit zur Vorstellung eigener Fälle. Begleitet wird jeder Vortrag von einem voraufgezeichneten Einführungswebinar, Literaturempfehlungen der Referent:innen und/oder Links zu OP-Videos zur Nachbereitung.

Was erwartet Sie?

Die BDC-Webinare sind in einem bewusst niederschwelligen Format zur Fort- und Weiterbildung in kompaktem Rahmen konzipiert – außerhalb der Arbeitszeit und bequem von zu Hause. Jedes Webinar vereint durch Darstellung der aktuellen Literatur und interaktiven Falldiskussion das Thema zu einem praxisbezogenen Update.

Tab. 1: Webinar-Termine, (Startzeit: 17.00 Uhr)

Im Fokus: Proximale Humerusfrakturen

25.02.2026

Im Fokus: Terrible Triad Verletzungen

25.03.2026

Im Fokus: Beckenringfrakturen

29.04.2026

Im Fokus: Acetabulumfrakturen

20.05.2026

Im Fokus: Proximale Tibiafrakturen

17.06.2026

Im Fokus: Distale Femurfrakturen

08.07.2026

Im Fokus: Calcaneusfrakturen

26.08.2026

Im Fokus: Proximale Femurfrakturen

23.09.2026

Im Fokus: Metatarsale und Lisfrac Frakturen

28.10.2026

Im Fokus: Pilon Tibiale Frakturen

11.11.2026

Im Fokus: Distale Radiusfrakturen

02.12.2026

Hier geht’s zum Programm und zur Anmeldung.

Webinar-Reihe „Fraktur im Fokus“. Passion Chirurgie. 2026 Januar/Februar; 16(01/02): Artikel 04_01.

Patientensicherheit durch Fehlerkultur in der operativen Medizin essenziel – speziell bei Kindern und Jugendlichen

Berlin, den 12. September 2025 – Der Berufsverband der Deutschen Chirurgie e.V. (BDC) hat erneut die Schirmherrschaft bei der Veranstaltung der Medizinischen Hochschule Hannover zum Welttag der Patientensicherheit am 17. September übernommen. Der Verband unterstützt damit die Initiative des Aktionsbündnis Patientensicherheit und das diesjährige Motto „Patientensicherheit von Kind an – eine Investition fürs Leben“ – und macht in diesem Rahmen auf das Fehler-Berichts- und Lernsystem CIRS aufmerksam.

„Kinder und Jugendliche sind in der Chirurgie eine ganz spezielle Patientengruppe, die viel Erfahrung und äußerste Sensibilität und Sorgfalt bei Anamnese, Behandlung sowie Vor- und Nachsorge erfordert“, erklärt BDC-Verbandspräsident Professor Dr. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer. Um die Qualität der Behandlung junger Patientinnen und Patienten auf hohem Niveau zu halten, gilt es unter anderem, die Fehlerquote oder Komplikationsrate rund um chirurgische Eingriffe möglichst gering zu halten, beziehungsweise Fehler möglichst ganz zu vermeiden. Daher weist der BDC seine fast 17.000 Mitglieder besonders auf das CIRSmedical.de, das bundesweite, einrichtungsübergreifende Berichts- und Lernsystem für kritische Ereignisse in der Medizin, hin.

Ärztinnen und Ärzte können im System kritische Ereignisse und (Beinahe)-Fehler erfassen und analysieren. Das Teilen dieser Informationen unterstützt das gemeinsame Lernen und zeigt Lösungen auf, um diese zukünftig möglichst zu vermeiden. Etwaige Risiken, auf die gerade im Bereich der Kindermedizin zu achten ist, sind unter anderem Medikationsfehler, vermeidbare Schmerzen oder Stress, zu spätes Erkennen von Verschlechterungen des Krankheitszustands oder von Lebensgefahr und Infektionen mit Krankenhauskeimen. „CIRS kann auf diese Risiken aufmerksam machen. Der BDC setzt sich daher für eine intensive und verantwortungsvolle Nutzung des Systems durch die Ärzteschaft ein, da es zu einer nachhaltigen Verbesserung und Stärkung der Sicherheitskultur und damit zur Erhöhung der Patientensicherheit beiträgt“, betont Meyer.

Krankenhausreform-anpassungsgesetz bleibt für den BDC hinter den Erwartungen zurück

Berlin, den 13.08.2025 – Aus Sicht des BDC bietet die Flexibilisierung im Rahmen des Krankenhausreformanpassungsgesetzes (KHAG) Chancen. Für wichtige Themenfelder fehlten im Referentenentwurf jedoch nach wie vor relevante Lösungsansätze und einige Regelungen müssten dringend angepasst werden.

„Wir erkennen im KHAG das erklärte Ziel von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, die Krankenhausreform praxistauglicher zu machen und begrüßen dies generell. Um eine qualitativ hochwertige chirurgische Versorgung in den Krankenhäusern in der BRD auch zukünftig sicherzustellen, fehlen dem Gesetz jedoch entscheidende Vorgaben“, erklärt BDC-Präsident Professor Dr. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer.

So beinhalte der vorliegende Referentenentwurf keine Änderung in Bezug auf die Anrechenbarkeit von Fachärztinnen und Fachärzten pro Leistungsgruppe. Dies aber ist und bleibt eine Forderung des BDC. „Die spezialisierte Chirurgie ist in besonderem Maße betroffen von der hohen Anzahl vorzuhaltender Fachärztinnen und Fachärzte, wenn mehr als ein oder zwei verwandte Leistungsgruppen vorgehalten werden sollen. In diesen Fällen verdoppelt oder verdreifacht sich die Anzahl der benötigten Fachärzte zur Erfüllung der Anforderungen. Dies wird in vielen Kliniken die ohnehin schon angespannte Personalsituation weiter verschärfen und sich nur schwer realisieren lassen“, erläutert Meyer.

Auch die vom BDC und zahlreichen anderen ärztlichen Berufsverbänden vielfach kritisierten Regelungen zur Hybrid-DRG wurden nicht revidiert. „Behandlungen dürfen kein Nullsummen- oder Minusspiel sein, sonst wird die Chirurgie als ärztlicher Beruf unattraktiv. Diese Schieflage in der Abrechnung von Leistungen im Rahmen der Hybrid-DRG muss daher unbedingt korrigiert werden“, fordert Meyer. Beibehalten werden soll auch die Vorhaltevergütung als zentrales Reformelement. Dies beurteilt der BDC ebenfalls sehr kritisch und bleibt bei seiner Forderung nach einer grundlegenden Überarbeitung der Betriebskostenfinanzierung für Krankenhäuser und übergangsweisen Einführung weiterer Strukturkostenkomponenten, etwa Zuschläge für Notfallstufen, Zentren und insbesondere auch für die Weiterbildung.

Bezüglich der fachärztlichen Weiterbildung vermisst der BDC nach wie vor Lösungen für die Finanzierung in Klinik und Praxis: Im Rahmen der neuen Leistungsgruppenzuteilung müssten komplexe Modelle der Rotation für Weiterzubildende entwickelt werden für eine fundierte und zeitgerechte Erfüllung des Weiterbildungscurriculums. Hierfür müsse eine angemessene Vergütung vorgesehen werden.

Insgesamt begrüßt der Verband, dass die Reform einige wesentliche Forderungen der Länder und Krankenhäuser zum Zeitplan und zu Ausnahmen umsetzt. Tiefgreifende Veränderungen in der Systematik der Krankenhausreform seien aktuell jedoch ausgeblieben. „Die Umsetzung der Krankenhausreform ist von besonderer Relevanz für den chirurgischen Alltag. Wir nehmen Bundesgesundheitsministerin Warken beim Wort und erwarten von ihr Gesprächsbereitschaft mit den Expertinnen und Experten aus den ärztlichen Berufsverbänden und den wissenschaftlichen Fachgesellschaften zur Weiterentwicklung des Krankenhausreformanpassungsgesetzes“, erklärt BDC-Geschäftsführerin Dr. Friederike Burgdorf.

NDR-Beitrag Schwer verwundet: Ukrainische Kriegsopfer in deutschen Kliniken

Der Beitrag “Schwer verwundet: Ukrainische Kriegsopfer in deutschen Kliniken” von Alexandra Bidian und Lennart Banholzer war einer der Favoriten des BDC-Journalistenpreis. Die Redakteurin und der Redakteur portraitieren drei Personen, zwei Männer und eine Frau, die an der Front oder im zivilen Leben durch Kriegsangriffe schwer geschädigt worden sind. Schwerverletzte werden über Polen unter anderem ins Militärkrankenhaus Hamburg gebracht und dort behandelt. Die Zuschauer begleiten die schwierigen Heilungs- und Rehabilitationsprozesse der Patient:innen. Daneben geben sie Einblick in deren Leben in Deutschland, mit ihren Familien und den Personen, die ihnen helfen. Und sie befragen sie, wie sie in die Zukunft blicken.

Zum Beitrag in der ARD-Mediathek