Schlagwort-Archiv: Nachwuchs

Nachwuchsgewinnung als Zukunfts- und Qualitätsfrage der Chirurgie

Dr. med. Romina Maria Rösch ist Fachärztin für Thoraxchirurgie an der Thoraxklinik Heidelberg des Universitätsklinikums Heidelberg. Sie ist Vorsitzende der Initiative Frauen in der Thoraxchirurgie und engagiert sich im Jungen Forum der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie (DGT), im Perspektivforum Junge Chirurgie der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) sowie in der Jungen AWMF. 

In ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Titel „Nachwuchsmangel in der Thoraxchirurgie – Müssen wir uns anpassen oder aussterben?“ analysiert sie die Nachwuchsgewinnung, die Wahrnehmung chirurgischer Fachgebiete im Medizinstudium sowie die Implikationen für die zukünftige Ausgestaltung chirurgischer Weiterbildung. Für diese Arbeit wurde ihr der Wolfgang-Müller-Osten-Preis der gleichnamigen Stiftung zuerkannt.

Die Sicherung der Zukunftsfähigkeit der Chirurgie gehört zu den zentralen Herausforderungen des Fachs und des gesamten medizinischen Bereichs. Nachwuchsmangel, zunehmende Spezialisierung und sich wandelnde Arbeitsbedingungen stellen nicht nur die Versorgung in Krankenhaus und Praxis infrage, sondern berühren grundlegende Fragen der Qualität und berufsethischen Verantwortung der Chirurgie. In diesem Spannungsfeld gewinnt die chirurgische Weiterbildung eine Schlüsselrolle: Sie ist Bindeglied zwischen medizinischem Fortschritt, ärztlichem Selbstverständnis und nachhaltiger Fachentwicklung.

Besonders spezialisierte Disziplinen wie die Thoraxchirurgie stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Einerseits verkörpern sie höchste operative Expertise und Innovationskraft, andererseits sind sie im Medizinstudium häufig wenig sichtbar und damit für den Nachwuchs schwer greifbar. Die vorliegende Arbeit widmet sich daher der Frage, wie Medizinstudierende die Chirurgie wahrnehmen, welche Faktoren ihre Facharztentscheidung beeinflussen und welche Konsequenzen sich daraus für die zukünftige Ausgestaltung chirurgischer Weiterbildung ergeben.

Bundesweite Studierendenbefragung

Im Rahmen einer bundesweiten, strukturierten Online-Befragung wurden Medizinstudierende verschiedener Studienabschnitte zu ihrem Interesse an der Chirurgie/Thoraxchirurgie, zu ihren Erfahrungen im Studium sowie zu Erwartungen an eine chirurgische Weiterbildung befragt.

Ziel war es, sowohl die Entwicklung des fachlichen Interesses im Studienverlauf als auch strukturelle Einflussfaktoren auf die Facharztentscheidung systematisch zu erfassen.

Wahrnehmung, Sichtbarkeit und Entscheidungsfaktoren

Die Ergebnisse zeigen ein konsistentes Bild: Zu Beginn des Studiums besteht ein ausgeprägtes Interesse an chirurgischen Fächern, welches im weiteren Verlauf deutlich abnimmt. Diese Entwicklung ist weniger Ausdruck einer Ablehnung operativer Medizin als vielmehr Ergebnis struktureller Rahmenbedingungen, die im klinischen Alltag erlebt werden.

Ein zentrales Ergebnis ist die eingeschränkte Sichtbarkeit chirurgischer Subdisziplinen. Ein erheblicher Anteil der Befragten war sich nicht bewusst, dass die Thoraxchirurgie ein eigenständiges Facharztgebiet darstellt (s. Tabelle 1). Dieses Defizit verweist auf ein grundlegendes Problem der chirurgischen Ausbildung: Wenn die Vielfalt und Einheit der Chirurgie im Studium nicht vermittelt werden, fehlt die Grundlage für eine informierte und bewusste Berufsentscheidung. Spezialisierung wird dann nicht als integraler Bestandteil der Chirurgie wahrgenommen, sondern als isolierter Sonderweg.

Neben der fachlichen Wahrnehmung spielen die Bedingungen der Weiterbildung eine entscheidende Rolle. Studierende bewerten die Attraktivität der Chirurgie vor allem anhand von Struktur, Planbarkeit und Ausbildungsqualität. Frühzeitige praktische Einbindung, verlässliche Supervision, transparente Weiterbildungscurricula und realistische Karriereperspektiven wurden als zentrale Einflussfaktoren identifiziert. Damit wird deutlich, dass Nachwuchsgewinnung untrennbar mit Qualitätssicherung verbunden ist: Eine gute Weiterbildung ist Voraussetzung für operative Exzellenz und Patientensicherheit.

Tabelle 1: Interesse an der Chirurgie und Thoraxchirurgie sowie Studienerfahrungen nach Studienabschnitt (n = 224)

Vorklinik

(n = 55)

Klinik

(n = 141)

PJ

(n = 28)

Interesse an der Chirurgie

42 %

33 %

36 %

Interesse an der Thoraxchirurgie

13 %

8 %

0 %

Thoraxchirurgie als eigenständiges Fach bekannt

58 %

69 %

86 %

Keine Teilnahme an thoraxchirurgischer Operation

71 %

49 %

32 %

Spezialisierung, Qualität und berufsethische Verantwortung

Die zunehmende Spezialisierung der Chirurgie verschärft diese Anforderungen. Hochspezialisierte Zentren bieten die Chance auf eine intensive operative Ausbildung, bergen jedoch zugleich das Risiko, dass Weiterbildung unter ökonomischem Druck und hoher Arbeitsverdichtung in den Hintergrund tritt. Ohne verbindliche Ausbildungsstrukturen droht eine Entwicklung, in der Effizienz zwar gesteigert, Ausbildungsqualität jedoch nicht gesichert wird. Spezialisierung kann nur dann ein Gewinn für die Chirurgie sein, wenn sie von klaren Curricula, definierten Rotationen und ausreichenden personellen Ressourcen begleitet wird.

Die Ergebnisse der Arbeit verdeutlichen zudem die berufsethische Dimension der Nachwuchsfrage. Weiterbildung ist kein optionales Zusatzangebot, sondern Kernbestandteil ärztlicher Verantwortung. Die Sicherung von Substanz und Einheit der Chirurgie erfordert ein gemeinsames Verständnis von Ausbildung als zentraler Qualitätsfaktor. Fachgesellschaften tragen hierbei eine besondere Verantwortung, indem sie Standards setzen, Orientierung bieten und den Nachwuchs aktiv in die Weiterentwicklung des Fachs einbinden.

Gleichzeitig richtet sich der Blick auch auf den Nachwuchs selbst. Die heutige Generation von Studierenden und jungen Ärztinnen und Ärzten ist leistungsbereit, erwartet jedoch transparente Strukturen, Wertschätzung und planbare Entwicklungsperspektiven. Diese Erwartungen stehen nicht im Widerspruch zu chirurgischer Exzellenz, sondern sind Voraussetzung für langfristiges Engagement und Motivation. Eine moderne chirurgische Kultur muss diesen Wandel anerkennen und aktiv gestalten.

Nachwuchsgewinnung als gemeinsamer Gestaltungsauftrag

Die vorliegende Arbeit leistet einen Beitrag zur Diskussion über die Zukunft der Chirurgie, indem sie empirische Daten mit einer grundsätzlichen Einordnung verbindet. Sie zeigt, dass das Interesse an der Chirurgie vorhanden ist, jedoch gezielt gefördert werden muss. Nachwuchsgewinnung, Qualitätssicherung und der Erhalt der Einheit der Chirurgie sind dabei keine getrennten Aufgaben, sondern Teil eines gemeinsamen Gestaltungsprozesses.

Letztlich entscheidet sich die Zukunft der Chirurgie daran, ob es gelingt, jungen Menschen nicht nur operative Techniken zu vermitteln, sondern ihnen eine klare Perspektive, strukturierte Weiterbildung und ein überzeugendes berufliches Selbstverständnis zu bieten. Die hier dargestellten Ergebnisse liefern hierfür eine wissenschaftlich fundierte Grundlage – und unterstreichen die Verantwortung der Chirurgie, ihre Zukunft aktiv zu gestalten.

Dr. med. Romina Maria Rösch

Thoraxklinik Heidelberg gGmbH

Universitätsklinikum Heidelberg

romina.roesch@med.uni-heidelberg.de

Intern DGCH

Rösch RM: Nachwuchsgewinnung als Zukunfts- und Qualitätsfrage der Chirurgie. Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 06_01.

BDC-Praxistest: Famulatur in der Chirurgie

Vorwort

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Die Famulatur beinhaltet laut Approbationsordnung in Deutschland ein verpflichtendes 4-monatiges Praktikum für Medizinstudierende. Famulatur in der Chirurgie? Und dann im Ausland? Die chirurgische Famulatur im internationalen Kontext stellt eine besondere Herausforderung dar, da sie sowohl die medizinischen als auch die kulturellen Unterschiede zwischen den Ländern und Gesundheitssystemen berücksichtigt. Ein wesentlicher Aspekt ist die Möglichkeit, verschiedene Behandlungsmethoden und Techniken kennenzulernen, die im eigenen Land möglicherweise weniger gebräuchlich sind. Dies fördert die Entwicklung eines breiten medizinischen Horizonts und kann auch die eigene Herangehensweise an die Chirurgie nachhaltig beeinflussen.

Und wer soll das bezahlen? Das SCOPE-Austauschprogramm der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. (bvmd) bietet Medizinstudierenden aus der ganzen Welt die Möglichkeit, eine vierwöchige Famulatur in deutschen Kliniken bzw. Studierenden aus Deutschland die Chance eine Famulatur im Ausland zu absolvieren. Wir freuen uns, Ihnen im Folgenden die Darstellung unseres Präsidenten und unserer Geschäftsführerin sowie die spannenden Berichte der Studierenden von Ihren Auslands-Famulaturen präsentieren zu dürfen.

Machen Sie mit!

Prof. Dr. med. C. J. Krones und Prof. Dr. med. D. Vallböhmer

DAS SCOPE-AUSTAUSCHPROGRAMM DER BVMD

Das SCOPE-Austauschprogramm der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) ist eine wertvolle Initiative, um die internationale Zusammenarbeit in der Medizin zu stärken. Es bietet Medizinstudierenden aus der ganzen Welt die Möglichkeit, eine vierwöchige Famulatur oder Hospitation in deutschen Kliniken zu absolvieren. Im Gegenzug erhalten Studierende in Deutschland die Chance, für ihre Famulatur ins Ausland zu gehen und so andere Gesundheitssysteme und Kulturen selbst hautnah zu erleben – eine unvergleichliche Chance, sich persönlich wie auch als angehende Ärztinnen und angehender Arzt weiterzuentwickeln.

Medizinstudierenden einen Platz zur Famulatur bieten

2026 sollen wieder bis zu 300 international Studierende in deutschen Kliniken aufgenommen werden. Doch die Studierenden sind dabei auf unsere Unterstützung angewiesen! Für Kliniken bietet sich die Gelegenheit, internationale Studierende kennenzulernen, von denen viele in Betracht ziehen, nach ihrem Abschluss in Deutschland zu arbeiten. Eine Mehrheit der Austauschstudierenden spricht vorwiegend Englisch, was jedoch eine Chance darstellt, die interkulturelle Kompetenz und sprachliche Flexibilität in Ihrem Team zu erweitern und die internationale Bekanntheit der Klinik zu stärken. Eine gute Betreuung fördert ihr Interesse, die deutsche Sprache zu lernen und möglicherweise langfristig in der Klinik zu arbeiten, die sie aufgenommen hat. Viele Studierende, gerade aus dem osteuropäischen Raum, sprechen aber auch schon Deutsch und kommen mit der Absicht, sich hier langfristige Kontakte aufzubauen.

Das Austauschprogramm der bvmd hat eine lange Tradition. Seit 1971, noch als (west-)deutscher Famulantenaustausch (wfa/dfa) ist es eines der zugänglichsten und kostengünstigsten Programme, dank der ehrenamtlichen Organisation durch die bvmd innerhalb ihres internationalen Dachverbandes und der Förderung durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Mit Ihrer Unterstützung leisten Sie einen wichtigen Beitrag zur Förderung des internationalen Austauschs und zur Weiterentwicklung der medizinischen Ausbildung. Wir würden uns freuen, wenn Ihre Klinik Teil dieses wichtigen Netzwerks wird.

Wir freuen uns, wenn Sie diese wichtige Initiative im Sinne der zukünftigen Chirurgen und Chirurginnen unterstützen können.

Für alle Anfragen zum Internationalen Austauschprogramm der bvmd:

Eva Wolschon und Kevin Oehme
0049 (30) 95 60 02 03
buero@bvmd.de
Mehr Informationen und Kontakt HIER…

Meyer HJ, Burgdorf F: BDC-Praxistest: Famulatur in der Chirurgie. Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 05_01.

Wie zwei Austauschaufenthalte in Deutschland meine Sicht auf die Medizin verändert haben

Amer Hadžinurbegović
Medizinstudent
Austauschaufenthalte in Düsseldorf
(Traumatologie) und Tübingen (Anästhesie)

Raus aus der Komfortzone

Studentenaustausche innerhalb der International Federation of Medical Students (IFMSA) und in Kooperation zwischen der Vereinigung der Medizinstudierenden in Bosnien und Herzegowina (BoHeMSA) und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) waren für mich nie einfache Touristenreisen, sondern eine bewusste Entscheidung, meine Komfortzone zu erweitern, neue Freunde kennenzulernen und die Kultur eines anderen Landes zu erleben. Aus diesem Grund hatte ich das große Vergnügen, an zwei solchen Austauschaufenthalten teilzunehmen: dem ersten im September 2024 an der Traumatologischen Klinik des Universitätsklinikums Düsseldorf und dem zweiten im Juni 2025 am Universitätsklinikum Tübingen.

Warum Deutschland, und dann auch noch gleich zweimal?

Als Medizinstudent damals und heute als junger Arzt aus Bosnien und Herzegowina, einem kleinen Land im Herzen des Balkans, interessierte ich mich schon immer für die Arbeit in großen medizinischen Zentren, den Ursprungszentren neuer Forschung und Behandlungsmethoden. Während meines Studiums von Fächern wie Pathologie, Mikrobiologie und Biochemie stachen Namen wie Virchow, Koch, Krebs und Meissner hervor, aber auch Namen von Mikroorganismen wie dem Marburg-Virus. Deshalb beschloss ich, die Sommerferien während meiner klinischen Studienjahre im Rahmen von Studentenaustauschen zu verbringen.

Austausch in Düsseldorf – Begegnung mit einem anderen System

Vor meiner Ankunft in Düsseldorf hatte ich ein gutes Gefühl. Und ich sollte Recht behalten: Am Bahnhof wurde ich von meiner Ansprechpartnerin der bvmd und meiner Vermieterin, bei der ich einen Monat wohnen sollte, empfangen. Ihre Freundlichkeit, Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft übertrafen meine Erwartungen bei Weitem. Ich werde nie das kleine Geschenk meiner Vermieterin vergessen, ein Buch über Düsseldorf, das an diesem Abend in meiner Wohnung auf dem Tisch auf mich wartete.

Vom ersten Tag an in der Klinik fühlte ich mich wie ein Student der Universität Düsseldorf. Ich wurde herzlich aufgenommen und war von Anfang an in die täglichen Aufgaben der Praktikant:innen eingebunden. Zunächst fühlte ich mich etwas unsicher, von der ersten Kontaktaufnahme mit besorgten Patienten bis hin zur Wundversorgung und dem Entfernen von Fäden. Doch das gesamte Team der Station stand mir zur Seite. Jeder neue Tag brachte neue Herausforderungen. Besonders bewegend waren die Momente, in denen ich Patient:innen dem Chefarzt und den Oberärzten vorstellen durfte. Zwanzig Ärzte standen im Flur vor dem Patientenzimmer und hörten meiner Präsentation aufmerksam zu. Meine Stimme zitterte in dem damals noch etwas unsicheren medizinischen Deutsch, aber ich schaffte es, und sie waren sehr zufrieden. In der letzten Woche, zwei Tage vor Ende des Austauschs, stand ich mit einer Professorin für Kinderorthopädie im OP und assistierte bei einer neunstündigen Operation zur Begradigung eines Kinderfußes. Die Müdigkeit und Schwäche in meinen Armen und meinem ganzen Körper verschwanden, nachdem ich den Moment miterlebt hatte, als die Eltern erfuhren, dass ihr Kind die Chance hatte, wieder laufen zu lernen.

Anästhesiologie in Tübingen – eine Begegnung mit Adrenalin

Nach Düsseldorf wusste ich, dass ich einen weiteren Austausch in Deutschland machen wollte. Ich entschied mich für Tübingen, weil ich den Süden Deutschlands kennenlernen wollte, aber auch wegen des guten Rufs der Universität. Die Organisation der bvmd war wieder einmal hervorragend, von der Unterkunft bis hin zum Dienstplan in der Anästhesiologie, wo ich jede Woche auf einer anderen Station eingesetzt war. Dadurch konnte ich die Anästhesie in der Poliklinik, der Frauenklinik, der Viszeralchirurgie und auf der Intensivstation kennenlernen.

Erfahrungen wie Notfallsituationen, beispielsweise die Anästhesie bei einem Notkaiserschnitt, Komplikationen nach dem Aufwachen eines Patienten aus der Vollnarkose oder schwere Traumata, sind Ereignisse, die sich für immer in das Gedächtnis eines jungen Arztes einprägen. Ich werde nie die Möglichkeit vergessen, unter der Aufsicht eines Oberarztes eine Anästhesie im OP durchzuführen. Die Verantwortung für das Leben der Patient:innen, die man dann übernimmt, lässt sich kaum in Worte fassen.

Das kulturelle Leben einer Universitätsstadt wie Tübingen war für mich eine besondere Erfahrung. Bibliotheken, Studententreffen und -aktivitäten eröffnen eine andere Perspektive auf das Studium und bereichern den Alltag.

Wenn der Studentenaustausch zum Wendepunkt wird

Ich selbst konnte kaum glauben, wie sehr diese beiden Studentenaustausche meine zukünftige Karriere und meine tägliche Arbeit prägen würden. Nach jedem Austausch war ich mir sicherer, den richtigen Weg gewählt zu haben: Den Weg des lebenslangen Lernens und der Hingabe, den Weg der Medizin. Die Austausche erweiterten meinen Blick auf die Medizin, schufen lebenslange Freundschaften und Bekanntschaften und ermöglichten mir Weiterbildungen und das Sammeln von Erfahrungen.

An dieser Stelle möchte ich den Universitätskliniken Düsseldorf und Tübingen für die gebotene Möglichkeit, der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) und dem Verband der Medizinstudierenden in Bosnien und Herzegowina (BoHeMSA) für die Organisation und die jährliche Durchführung der Austausche danken.

Abb. 1: Anästhesiemanagement während einer Operation mit DaVinci

Bericht einer Famulatur an einer deutschen Klinik

Anass Laamarti
Medizinstudent
Studentenaustausch in Lübeck

Im Rahmen meines Medizinstudiums an der Fakultät für Medizin und Pharmazie in Oujda (Marokko) hatte ich im März 2025 die Möglichkeit, eine vierwöchige Famulatur auf der neurochirurgischen Intensivstation des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), Campus Lübeck, zu absolvieren. Diese Famulatur kam über das Austauschprogramm der bvmd zustande, das internationalen Medizinstudierenden wertvolle Einblicke in andere Gesundheitssysteme ermöglicht.

Mein Interesse an einer Famulatur in Deutschland war von dem Wunsch geprägt, ein hochstrukturiertes Gesundheitssystem kennenzulernen, meine medizinischen und sprachlichen Kompetenzen weiterzuentwickeln und praktische Erfahrungen auf einer spezialisierten Intensivstation zu sammeln. Bereits vor Beginn der Famulatur verband ich mit diesem Aufenthalt hohe Erwartungen – sowohl fachlich als auch persönlich.

Organisation und Rahmenbedingungen

Die Organisation der Famulatur über die bvmd verlief transparent und reibungslos. Nach der erfolgreichen Vermittlung erhielt ich frühzeitig alle notwendigen Informationen, was mir eine gute Vorbereitung auf den Aufenthalt ermöglichte. Von Beginn an wurde ich auf der neurochirurgischen Intensivstation sehr offen und herzlich in das interprofessionelle Team integriert. Die klaren Strukturen, definierten Zuständigkeiten sowie die pünktlichen und gut organisierten Arbeitsabläufe vermittelten mir schnell Sicherheit im klinischen Alltag.

Fachliche Erfahrungen auf der neurochirurgischen Intensivstation

Während der Famulatur war ich aktiv in den Stationsalltag eingebunden. Zu meinen regelmäßigen Tätigkeiten zählten unter anderem die Stationsarbeit, Anlage von arteriellen und venösen Zugängen unter Anleitung sowie die Assistenz bei Intubationen und Laryngoskopien. Darüber hinaus konnte ich viele weitere intensivmedizinische Maßnahmen beobachten und teilweise unter Supervision durchführen.

Besonders beeindruckend war für mich die enge Verzahnung von Neurochirurgie und Intensivmedizin sowie die präzise, leitlinienorientierte Versorgung der Patient:innen. Die Fachärzt:innen nahmen sich trotz hoher Arbeitsbelastung Zeit für Erklärungen, wodurch jede klinische Situation auch einen didaktischen Mehrwert hatte.

Kommunikation und Teamarbeit als prägende Erfahrung

Was mich während der Famulatur am nachhaltigsten geprägt hat, war die Art der Kommunikation – sowohl innerhalb des Teams als auch im Umgang mit den Patient:innen und ihren Angehörigen. Die Kommunikation war stets respektvoll, klar und aufrichtig. Patient:innen wurden transparent über ihren Zustand und die geplanten Maßnahmen informiert, was wesentlich zum Vertrauensaufbau beitrug.

Die Teamarbeit auf der Station war hervorragend strukturiert: Jede Berufsgruppe kannte ihre Aufgaben, Verantwortlichkeiten waren klar verteilt, und alle arbeiteten gemeinsam auf ein Ziel hin – die bestmögliche Versorgung der Patient:innen. Diese professionelle Arbeitsweise unterschied sich deutlich von meinen bisherigen Erfahrungen und stellte für mich den größten Unterschied im Vergleich zur Ausbildung in meinem Heimatland dar.

Persönliche Eindrücke

Die Arbeitskultur auf der Intensivstation war für mich sowohl eine Herausforderung als auch eine große Motivation. Pünktlichkeit, hohe Einsatzbereitschaft und ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein wurden konsequent gelebt. Besonders positiv überrascht hat mich jedoch die durchweg gute Atmosphäre auf der Station: Trotz hoher Arbeitsdichte herrschten ein respektvoller Umgangston, eine positive Grundstimmung und eine ausgeprägte Bereitschaft zur Lehre. Die deutsche Sprache stellte anfangs eine Herausforderung dar, insbesondere im medizinischen Fachkontext. Gleichzeitig motivierte mich diese Situation sehr, meine Sprachkenntnisse kontinuierlich zu verbessern und aktiv zu nutzen.

Darüber hinaus konnte ich während der Famulatur viele zusätzliche praktische Fertigkeiten entwickeln, die für meine weitere Laufbahn sehr wertvoll sind. Ich lernte beispielsweise, komplexe medizinische Geräte korrekt anzuwenden, Vitalparameter differenziert zu interpretieren und kritische Situationen schnell und effektiv einzuschätzen. Jede Patientensituation bot die Möglichkeit, Entscheidungen im Team zu diskutieren und fachlich fundierte Maßnahmen zu planen. Besonders lehrreich war die enge Supervision durch die Fachärzt:innen, die mir nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch ethische und kommunikative Aspekte der Intensivmedizin näherbrachten.

Auf persönlicher Ebene habe ich gelernt, wie wichtig Eigenverantwortung, Sorgfalt und kontinuierliche Reflexion in der Intensivmedizin sind. Ich konnte beobachten, wie kleine, präzise Handlungen im Alltag einer Intensivstation einen großen Unterschied für das Wohlbefinden der Patient:innen machen. Diese Erkenntnis hat meine Sicht auf die tägliche Arbeit als zukünftiger Ärzt nachhaltig geprägt und motiviert mich, meine Fähigkeiten kontinuierlich zu verbessern.

Bedeutung des Austauschprogramms und Fazit

Rückblickend habe ich aus dieser Famulatur sowohl medizinisch als auch persönlich enorm profitiert. Ich konnte meine praktischen Fähigkeiten erweitern, ein modernes intensivmedizinisches Umfeld kennenlernen und wurde von der fachlichen Kompetenz sowie dem Engagement der Fachärzt:innen nachhaltig inspiriert. Das Austauschprogramm der bvmd stellt aus meiner Sicht ein großes Privileg dar und bietet eine hervorragende Möglichkeit zur fachlichen und persönlichen Weiterentwicklung. Ich würde dieses Programm internationalen Medizinstudierenden uneingeschränkt empfehlen.

Darüber hinaus hat die Famulatur meine beruflichen Zukunftspläne maßgeblich beeinflusst. Mein ursprüngliches Ziel, die Approbation in Deutschland anzustreben, wurde durch diese Erfahrung bestärkt. Nach Abschluss der Famulatur bin ich mir deutlich bewusster, was mich im deutschen Gesundheitssystem erwartet und gehe diesen Weg nun mit größerer Sicherheit und Motivation.

Warum ich immer wieder eine Famulatur im Ausland machen würde

Nicolas Buchert
Medizinstudent
Austauschaufenthalte in Malaysia, Thailand

Motivation

Schon seitdem ich mein Abitur in der Tasche habe, versuche ich jede Möglichkeit zu nutzen, neue Länder und Kulturen zu entdecken. Besonders Länder in Südostasien faszinieren mich schon seit meiner Kindheit, da sie so komplett anders als Länder in Europa (oder auch Nordamerika) sind, angefangen von den Sprachen über das Essen bis zu den Religionen. In einem Gap Year zwischen Schule und Beginn des Medizinstudiums war ich dann auch einige Monate in der Region „backpacken“, wollte aber, sobald es ging, auch während des Studiums wieder dorthin. Im Lernstress der Vorklinik ließ sich das nur schwierig realisieren, aber als ich mitbekam, welche Möglichkeiten es gab, um im Ausland zu famulieren, war ich sofort Feuer und Flamme.

Das Netzwerk der Studenten

Als ich mich mit der Planung von Famulaturen beschäftigte, wurde meine Aufmerksamkeit auf die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland, kurz bvmd, gelenkt, welche einem internationalen Netzwerk, der International Federation of Medical Students‘ Associations IFMSA, angehört und Famulatur- und Forschungsaustauschprogramme rund um den Globus vermittelt und organisiert. Dabei werden die Programme auch von den Regierungen finanziell unterstützt, wodurch auf die Austauschstudent:innen nur geringe Kosten verglichen mit einer privat organisierten Famulatur zukommen.

Bewerbungsprozess

So kam es, dass ich mich für meine erste klinische Famulatur bei der bvmd bewarb, um diese in der Orthopädie in Bangkok, Thailand, zu absolvieren. Das Bewerbungsverfahren ist zweistufig, man bewirbt sich zuerst bei der eigenen Bundesvertretung (bei mir bvmd, da ich ja in Deutschland studiere), gibt hier drei Länder in verschiedener Priorität an und sobald man für eines dieser drei Länder die Zusage erhalten hat, muss man sich bei diesem nochmals bewerben, dann aber muss man entscheiden, ob man sich eher auf Grundlage eines Fachwunsches oder eines Stadtwunsches auf die verschiedenen Universitäten und Krankenhäuser zuteilen lassen möchte. Man kann nämlich dieses Austauschprogramm nur an Standorten mit Universitäten absolvieren, da alles ja selbst von Student:innen organisiert wird.

Abb. 1: Incomings Malaysia (Copyright Universiti Sains Malaysia)

Vorbereitung

Wenn man als Famulant in ein anderes Land geht, muss man sich natürlich im Vorfeld über gewisse Themen informieren, beispielsweise ob man ein Visum benötigt, welche Impfungen empfehlenswert oder vom Krankenhaus sogar vorgeschrieben sind, und was die Kleiderordnung betrifft. So musste man im Krankenhaus in Thailand zum Beispiel schwarze geschlossene Schuhe und eine dunkle Stoffhose tragen, einen Kittel musste ich selbst mitnehmen. In manchen afrikanischen Ländern muss man sogar eigene OP-Kasacks, Mundschutz und Einweghandschuhe selbst mitbringen. Bei jeglichen Fragen zu dem Aufenthalt kann man aber seine Ansprechpartner vor Ort fragen.

Abb. 2: OP Bangkok

Das Austauschprogramm

Was wird nun aber genau organisiert? Nun, zuerst einmal hat man immer mindestens eine Ansprechperson (sog. Contact Person) vor Ort, welche selbst Medizinstudent:in ist. Diese hat sich meistens dann auch um eine Unterkunft für den/die Austauschstudent:in (sog. Incoming) gekümmert, in der der/die Incoming kostenlos für die Zeit der Famulatur wohnen kann. Außerdem organisiert die Contact Person auch den Kontakt mit einem/r zuständigen Arzt/Ärztin des Fachs, in dem man famulieren möchte. Dazu kommt, dass über das Programm meistens mehrere Incomings aus verschiedenen Ländern gleichzeitig an einem Krankenhaus famulieren, sodass man sich mit diesen auch oft treffen kann. Die Contact Persons organisieren darüber hinaus auch oftmals ein Social Program, durch das man z. B. die nähere Umgebung gemeinsam erkundet oder die lokale Kultur besser kennenlernt. Durch eben diese Social Programs lernt man dann auch andere einheimische Student:innen, aber auch weitere Incomings kennen, mit denen man, sofern man sich gut versteht, auch viel Zeit abseits des Krankenhausalltages verbringen kann und wodurch tolle Freundschaften entstehen können.

Lerneffekt einer Auslandsfamulatur

Wenn es jedoch um den Lerneffekt einer Famulatur im Ausland geht, bin ich geteilter Meinung. Im (vor allem außereuropäischen) Ausland ist das Konzept der Famulatur weitgehend unbekannt, und so wird das Praktikum häufig eher als „Observership“ bezeichnet. Und das ist es auch, was man meistens tut: Zuschauen. Man hat keine festen Aufgaben, Patientenkontakt ist in Ländern mit fremden Sprachen natürlich ebenfalls schwierig (daher würde ich sowieso eher eine operative Famulatur empfehlen), und im OP muss man sehr proaktiv vorgehen und fragen, ob man sich auch mal einwaschen oder gar assistieren darf, die einheimischen Studenten schauen nämlich ebenfalls nur zu.

Abb. 3: Ärzteschaft Bangkok

Der Lerneffekt besteht meiner Meinung nach weniger auf fachlichen Aspekten (die man ja eh im universitären Alltag vermittelt bekommt), sondern eher auf den gesellschaftlichen, aber auch persönlichen Aspekten. Man lernt neue Gesundheitssysteme kennen, man erfährt eine neue Atmosphäre im Krankenhaus (in Thailand, und auch Malaysia, wo ich ebenfalls famulierte, herrschten ganz andere, viel freundlichere Umgangstöne, als ich sie in Deutschland gewohnt bin), und man kann sich mit den einheimischen Studenten austauschen, wie diese ihr Studium wahrnehmen und vor welchen Problemen sie stehen.

Fazit

Eine Famulatur im Ausland lässt einen über den eigenen Tellerrand hinausblicken, man lernt neue Perspektiven kennen und kann die Verhältnisse, in denen wir hier leben, umso mehr wertschätzen. Dadurch, dass man ein wenig aus der eigenen Komfortzone rauskommt, lernt man auch etwas über sich selbst, und die Erfahrungen, die man im Ausland macht, tragen nur positiv zur eigenen Persönlichkeitsentwicklung bei.

Aus diesem Grund kann ich jeder/m empfehlen, eine Auslandsfamulatur zu machen.

Famulatur im Ausland

Sophia Schulte-Bocholt
Medizinstudentin
Austauschaufenthalt in Kurdistan (Irak)

Schon lange interessiere ich mich für den kulturellen Austausch. Im Sommer 2024 begann ich daher, meinen eigenen Austausch im Rahmen des Medizinstudiums zu planen. Ich kannte bereits das Austauschprogramm der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e. V. (bvmd) und entschied mich nach meiner Recherche für eine Bewerbung bei der bvmd. Die Bewerbung war erfolgreich und so war für mich im September 2025 eine Famulatur in den kurdischen Autonomiegebieten des Iraks geplant. Kurz vor Beginn des Praktikums musste der Austausch jedoch aufgrund der angespannten sicherheitspolitischen Lage infolge des Konflikts zwischen Israel und dem Iran durch die bvmd abgesagt werden, da sich die Studierendenorganisation um meine Sicherheit sorgte. Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits in engem Kontakt mit den lokalen Medizinstudierenden im Irak stand, mein Visum bereits organisiert war und ich meine Flüge bereits gebucht hatte, entschied ich mich nach sorgfältiger Abwägung dennoch, den Aufenthalt auf eigene Verantwortung anzutreten. Zumindest konnte ich die organisatorischen Strukturen des Austauschprogramms der IFMSA weiterhin nutzen, auch wenn die bvmd selbst nicht mehr involviert war und ich sie nicht über meine Entscheidung informiert hatte. Diese Entscheidung habe ich zu keinem Zeitpunkt bereut: Bereits bei meiner Ankunft wurde ich mit einer außergewöhnlichen Herzlichkeit und Gastfreundschaft empfangen, wie ich sie zuvor noch nie erlebt hatte.

Da ich weder Kurdisch noch Arabisch spreche, hatte ich mir im Vorfeld intensiv Gedanken über die Wahl der Fachabteilung gemacht. Aus diesem Grund entschied ich mich für die Allgemeinchirurgie, in der insbesondere im Operationssaal überwiegend Englisch gesprochen wird. Zunächst wurde mir ein Platz in dieser Abteilung zugesagt. Nach meiner Ankunft vor Ort wurde mir jedoch mitgeteilt, dass dies aktuell nicht möglich sei, da in der Allgemeinchirurgie aufgrund ausbleibender staatlicher Gehaltszahlungen ein erheblicher Personalmangel bestehe. Stattdessen wurde ich der chirurgischen Notaufnahme des Shar Hospitals in Sulaimaniyya zugeteilt.

Das Shar Hospital ist eines der beiden öffentlichen Krankenhäuser der Stadt Sulaimaniyya und fungiert zugleich als Universitätsklinikum. Es steht der gesamten Bevölkerung jederzeit offen. Im Gegensatz zu den zahlreichen privaten Kliniken der Region ist für die Aufnahme und Behandlung weder eine Krankenversicherung noch eine finanzielle Vorauszahlung erforderlich; die medizinische Versorgung erfolgt überwiegend kostenfrei. Lediglich Medikamente wie Antibiotika oder Analgetika müssen von den Patient:innen zu erschwinglichen Preisen in der krankenhauseigenen Apotheke erworben werden.

Abb. 1: Shar Hospital Anlage mit dem klassischem Abendrot

Die chirurgische Notaufnahme war durchgehend stark frequentiert. Das Spektrum der behandelten Fälle reichte von Kindern mit Platzwunden über Stichverletzungen und Verkehrsunfällen bis hin zu Stürzen älterer Patient:innen. Eine Röntgendiagnostik stand zur Verfügung, ein CT-Scanner jedoch nicht, da das Gerät seit Februar des Vorjahres defekt war und aufgrund fehlender finanzieller Mittel bis dahin nicht repariert werden konnte. Gerade bei Polytraumapatient:innen stellte dies eine erhebliche diagnostische Einschränkung dar. Entsprechend wurde großer Wert auf eine sorgfältige klinische Untersuchung gelegt. So wurden Schädelbasis- oder Kalottenfrakturen beispielsweise teilweise durch Palpation offener Weichteilverletzungen diagnostiziert.

Abb. 2: Shar Hospital Eingang

Ich empfand die Sprachbarriere zu den Patient:innen, von denen nur sehr wenige Englisch sprachen, als große Herausforderung. Die Ärzte und Ärztinnen sowie ein Großteil des Pflegepersonals verfügten hingegen über sehr gute Englischkenntnisse. Auch die universitäre Lehre, an der ich teilweise teilnehmen konnte, fand vollständig in englischer Sprache statt. Medizinische Fachliteratur war ausschließlich auf Englisch verfügbar.

Viele der Medizinstudierenden berichteten mir, dass sie die USMLE-Prüfungen ablegen und langfristig in den USA arbeiten möchten. Als Gründe nannten sie unter anderem das Überangebot an ärztlichem Personal im Irak sowie die begrenzten beruflichen Perspektiven nach Abschluss des Studiums.

Insgesamt bin ich sehr dankbar für das Austauschprogramm und das Engagement der bvmd und IFMSA, das Medizinstudierenden wie mir zugute kommt. Das Programm kann zu vergleichsweise geringen Kosten angeboten werden, da sich zahlreiche Medizinstudierende in Deutschland und in den internationalen Gastorganisationen ehrenamtlich engagieren. Die Bewerbungsgebühren sind im Vergleich zu den Gebühren anderer Organisationen, die ähnliche Praktika vermitteln, günstig. Gleichzeitig sind ein wenig Flexibilität und gelegentlich Geduld erforderlich, da keine Wunschpraktika organisiert werden können und die endgültigen Praktikumszuweisungen teilweise erst wenige Wochen vor Praktikumsbeginn mitgeteilt werden, sodass mit höheren Reisekosten zu rechnen ist. Eine Vermittlung in bestimmte Städte oder Abteilungen ist über das Austauschpraktikum der bvmd nur schwer möglich. Auch bei der Länderauswahl ist Flexibilität gefragt. Wer damit leben kann, kann sich über die Berichtedatenbank der bvmd hinreichend über individuelle Erfahrungen in den einzelnen Gastländern informieren.

Abb. 3: Suturing Room der chirurgischen Notaufnahme

Bei der Gestaltung des Austauschprogramms der bvmd ist die gute Betreuung durch lokale Medizinstudierende vor Ort besonders positiv hervorzuheben. In meinem Fall begleitete mich eine meiner Kontaktpersonen an vielen Tagen sogar ins Krankenhaus und half mir bei der Übersetzung. Darüber hinaus ermöglichte mir das integrierte Sozial- und Kulturprogramm Einblicke und Erfahrungen, die mir als Touristin nicht zugänglich gewesen wären. Dazu zählten gemeinsame Ausflüge, Café- und Restaurantbesuche. Die außergewöhnliche Gastfreundschaft und das kontinuierliche Engagement meiner Kontaktpersonen in Sulaimaniyya haben meinen Aufenthalt maßgeblich geprägt, worüber ich sehr glücklich bin.

Ich bin sehr dankbar für die tollen Erfahrungen, die ich während meines Austauschs im Irak machen durfte. Ich habe mich persönlich und fachlich weiterentwickelt und werde diesen Mehrwert sicherlich in meiner Arbeit als Ärztin nutzen können. Ich würde den Austausch jederzeit wieder machen und kann ihn allen Medizinstudierenden nur weiterempfehlen.

Leserbrief zu „Gen-Z und Weiterbildung in der Chirurgie“

Betrifft: Artikel von Dr. med. Johanna Ludwig und Jonah Grütters in Passion Chirurgie 12/QIV/2026 „Gen-Z und Weiterbildung in der Chirurgie“HIER finden Sie den Artikel auf BDC|Online

Sehr geehrte Frau Ludwig, sehr geehrter Herr Grütters,

vielen Dank für Ihren Beitrag (s.o.). Um es vorweg zu sagen: die genannten “Konfliktlinien im chirurgischen Alltag” (S.22) sehe ich auch so. In Zusammenhang aber mit dem Absatz auf S.22, der mit “Kulturclash: Klinikalltag trifft Generation Sinn” überschrieben ist, in dem moniert wird, dass “Der Wunsch nach Selbstgestaltung, planbaren Arbeitszeiten und einer sinnstiftenden Tätigkeit, die über das bloße Abarbeiten hinausgeht, …auf eine Weiterbildungskultur [prallt], die noch immer von Unplanbarkeit, körperlicher Belastung und Hierarchien geprägt ist”, muss ich doch sagen: wer diese Einstellung zur Chirurgie als Beruf und Lebensaufgabe hat, sollte besser die Finger davon lassen. So ist Chirurgie nicht und so wird sie nie sein. Zur Chirurgie gehört genau das Unvorhersehbare, das an die Grenzen Gehen im Bereitschaftsdienst, die körperliche Belastung und auch mal das “Abarbeiten” von vielleicht weniger interessanten Aufgaben wie Arztbriefschreiben (und das soll jetzt zuhause digitalisiert im Home Office akzeptabler sein?). Und dass man ein paar Jahre vielleicht auch erst “lernen” muss (weil es zumindest eine fachliche Hierarchie gibt) und noch nicht gleich der große Chirurg sein kann, ist ja in jedem Beruf so, oder?

Chirurgie war für meine Generation (und ist es noch, ich arbeite noch im Alter von 76 an einer Klinik in Teilzeit als Leiter der Sektion Proktologie) eine Art Abenteuer. Diese Einstellung hat uns schon als Assistenten zusammengeschweißt. Selbst das nächtliche Operieren hat(te) seine Reize. Zu wissen, “Wir sind die einzigen, die sich hier im weiten Umfeld der Klinik um 3 Uhr in der Früh die Nacht um die Ohren schlagen, aber etwas Sinnvolles tun!” machte uns stolz und motivierte uns.

Wir haben in den 80er Jahren natürlich sofort erfolgreich gegen die 32-Stunden-Dienste geklagt (an einer Städtischen Klinik). Da gab es nichts zu beschönigen. Da wurde der Altruismus der Ärzte von Staat und Kommunen gnadenlos ausgenutzt. Aber wie sind Maß und Grenze “der Belastung und Zumutbarkeit durch die Arbeitsanforderungen in der Chirurgie” zu beurteilen und festzulegen?

Auch wir hatten einen in gewisser Weise autoritären Chef. So musste ich mir eine (damals durchaus übliche) farbige Haarsträhne wieder umfärben (nachzulesen bei Wolf Stelter, “Der Patron” (sic!), 2020, S. 280 ff.). Und im Nachbarort Offenbach flogen bei dem damaligen Chefarzt der Chirurgie die Messer im OP, wenn ihm etwas nicht passte.
Damals war Ladenschluss um 18:30 Uhr. Vor allem als Privatassistent (sowas gab’s damals noch!) kam man oft erst später aus der Klinik. Da hieß es dann originellerweise: Du kannst ja zum Flughafen fahren, da haben die Läden noch offen. Das sind mit Recht tempi passati. Das brauchte damals schon kein Mensch.

By the way: ich arbeite ja auch mit der Generation Z an unserer Klinik und ich kann mich über ihr Engagement nicht beklagen, trotz vielleicht da und dort anderer Einstellungen zu Freizeit und Dienstschluss.

Aber wenn ich Ihre Ausführungen so lese, da fehlt mir doch der erforderliche Beitrag der Generation Z zur Arbeitswelt, in der wir leben und zur Chirurgie. Es erscheint so, als müssten sich nur die Anbieter der Chirurgie (Kliniken, Ausbildende Ärzte usw.) ändern und den jungen Berufsanfängern sollte quasi der rote Teppich ausgerollt werden, damit sie sich bereit erklären können, die Ausbildung in der Chirurgie antreten zu wollen. Das klingt, als müsste die nachrückende Generation “gepampert” werden, um sich der Chirurgie widmen zu wollen… und als brächte das Berufsleben ganz generell nicht auch weniger schöne Seiten mit sich.

Ich glaube aber, auch weil ich es selbst so – noch unter ganz anderen, heute zu Recht inakzeptablen, Bedingungen – erlebt habe: die Sinnstiftung in der Chirurgie ergibt sich aus anderen Momenten und Erlebnissen als aus der Einhaltung des Arbeitszeitgesetzes, der Planbarkeit des Tagesablaufs, einer wie auch immer definierten Work-Life-Balance und fehlender körperlicher Belastung. Wem das zu fordernd ist, der sollte sein Augenmerk doch besser auf andere Berufsfelder (Gesundheitsamt, Medizinischer Dienst usw.) lenken.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Helmut Grosch
Moers

Antwort der Autoren auf den Leserbrief von Herrn Dr. Grosch

Sehr geehrter Herr Grosch,

vielen Dank für Ihre ausführliche und sehr persönliche Rückmeldung zu unserem Beitrag. Man merkt Ihrer Mail an, wie stark Chirurgie für Sie nie nur Beruf, sondern Lebensaufgabe war und teilweise bis heute ist. Diese Haltung verdient Respekt. Und sie erklärt auch, warum unser Text etwas in Ihnen ausgelöst hat.

Lassen Sie uns direkt klarstellen, wo wir vollkommen bei Ihnen sind: Niemand entscheidet sich leichtfertig für die Chirurgie. Niemand glaubt ernsthaft, dass dieser Weg ohne körperliche Belastung, Unplanbarkeit, Nachtdienste und Phasen des Abarbeitens funktioniert. Wer Chirurgin oder Chirurg wird, weiß, dass man Zeit, Energie und private Freiräume investiert. Und ja, viele tun das gerne. Auch heute.

Der entscheidende Punkt ist ein anderer. Es geht nicht darum, dass niemand mehr länger bleiben will. Es geht darum, dass niemand mehr bereit ist, das dauerhaft und alternativlos zu tun. Die Generation Z kalkuliert Belastung ein. Aber sie akzeptiert sie nicht als Endzustand.

Was wir beschreiben, ist kein Wunsch nach Schonung oder rotem Teppich. Es ist die Frage, ob bestimmte Rahmenbedingungen noch zeitgemäß sind oder ob sie schlicht historisch gewachsen sind, ohne heute noch einen funktionalen Mehrwert zu haben.

Ein paar konkrete Beispiele, die Sie selbst ansprechen oder die täglich Realität sind:

Warum muss ärztliche Weiterbildung zwingend an Anwesenheit gekoppelt sein, auch nach einem Nachtdienst, obwohl Lehre planbar wäre und strukturell anders organisiert werden könnte.

Warum gibt es kaum entlastende Rollen für Tätigkeiten wie Lehre, Organisation oder Dokumentation, obwohl genau diese Aufgaben regelmäßig als Belastung empfunden werden.

Warum sollte ärztliche Dokumentation zwingend vor Ort erfolgen, wenn sie inhaltlich unabhängig vom OP oder der Station ist und technisch problemlos von zuhause erledigt werden kann.

Das sind keine Komfortforderungen. Das sind Effizienzfragen.

Wir wollen nicht, dass Chirurgie ihr Abenteuer verliert. Wir wollen, dass sie ihr Zukunftsversprechen behält. Denn so sehr das nächtliche Operieren für viele Ihrer Generation zusammenschweißend war, so sehr schreckt es heute ab, wenn Belastung ausschließlich über Härte legitimiert wird.

Der Subtext „Wir hatten es schwer, also gehört das dazu“ mag biografisch verständlich sein. Nachwuchspolitisch ist er bedenklich. Denn er übersieht, dass Sinnstiftung nicht verschwindet, wenn Strukturen moderner werden. Sie wird oft sogar stärker, wenn Menschen nicht permanent am Limit arbeiten müssen.

Und vielleicht ist genau das der gemeinsame Nenner zwischen Ihrer Generation und der unseren. Am Ende wollen wir alle das Gleiche: gute Chirurgie, motivierte Teams, exzellente Weiterbildung und Menschen, die diesen Beruf nicht nur anfangen, sondern auch langfristig ausüben.

Nicht für immer unter Vollast. Aber lange genug, um richtig gut zu werden.

Mit freundlichen Grüßen

Jonah Grütters
Johanna Ludwig

Rückantwort Dr. Grosch an die Autoren

Sehr geehrte Frau  Ludwig,
sehr geehrter Herr Grütters,

haben Sie herzlichen Dank für Ihre ausführliche und wohlwollende Antwort! Sie hat mich sehr gefreut und angeregt, wobei ich das Thema als sehr komplex ansehe, wie es mein Leserbrief vielleicht nicht vermuten lässt, meine jetzige Antwort aber schon. Ich danke Ihnen aber auch, dass Sie sich berufspolitisch des Themas annehmen, denn die Bedeutung für unseren Beruf ist ja groß!

„Wohlwollend“ sage ich deshalb, weil natürlich beim Lesen meines Kommentars und in Anbetracht meines Alters schon mal Ihre Augenbrauen hochgegangen sein könnten: klar, so ein alter Sack: immer kalt geduscht und was ihn nicht umbrachte, machte ihn stärker. So haben Sie es aber dankenswerterweise nicht formuliert 😊.

Meine Antwort ist ziemlich lang, aber hoffentlich nicht langweilig, allerdings würde ich es nun dabei belassen wollen.

Ich möchte Ihnen zuerst noch etwas zu meiner Person und meiner Biografie mitteilen, die anders ist als vielleicht vermutet und die mich als prodromales Gen Z – Mitglied erscheinen lassen könnte.

Ich bin während der Medizinalassistentenzeit (heute PJ) in den 70er Jahren zweimal je 3 Monate nach Indien und Nepal gereist und habe damals vorher im Prüfungsamt in Frankfurt nachgefragt, ob das ohne Probleme möglich ist. Die Antwort: „des hat bisher noch kaaner wisse wolle“… Nach der Approbation habe ich vier Jahre Philosophie studiert und mich über die Teilnahme am KV-Notdienst finanziert. Nach dramatischen Veränderungen im Leben (Beziehungsende usw., Beendigung des Philosophiestudiums wegen mangelnder intellektueller Begabung) habe ich dann mit einer halben Stelle in der Chirurgie der Städtischen Kliniken Frankfurt angefangen: klare Probleme, klare Lösungen, keine mühsamen Erörterungen mehr von Sein und Existenz. Ein Assistenzarzt hatte auf halbe Stelle reduziert, um sich seinem neugeborenen Kind besser widmen zu können! Das war damals eine Sensation. Er suchte also jemand für die zweite Hälfte. Es handelte sich um Bernd Hontschik, der u.a. seit langem eine regelmäßige Kolumne in der „Frankfurter Rundschau“ schreibt („Dr. Hontschiks Diagnose“). Ich kannte ihn aus der „Portugal-Mediziner-Gruppe“, die wir damals die portugiesische Nelkenrevolution medizinisch unterstützten.

Nach drei Jahren, im zarten Alter von 37 Jahren, wechselte ich auf die erste längerfristige Ganztagsstelle.

Die damalige Ausbildung – und damit komme ich langsam wieder auf unser Thema zurück – war im Vergleich zu heute ein Traum: es gab genug zu operieren und wir hatten ein festes Rotationsverfahren für alle Assistenten in der Weiterbildung (damals noch mit Unfallchirurgie). Es war ein gerechter Plan für die 6 Jahre Weiterbildung, auf den sich alle verlassen konnten. Das war das Verdienst von Bernd Hontschik, unseres Assistentensprechers.

Damit zurück zum Thema: die heutige Weiterbildung hat sich massiv gegenüber früher verändert, die Chirurgie hat sich massiv verändert: viele Eingriffe gibt es gar nicht mehr (Magen), viele gehören nicht mehr zur Weiterbildung für die Allgemein- oder Viszeralchirurgie (Gefäße [außer Portanlage], damals noch Embolektomien, Amputationen usw., Unfallchirurgie usw.), wo man Umgang mit unterschiedlichsten Geweben und Krankheitsverläufen üben und erlernen konnte. Die Einführung der laparoskopischen Chirurgie wurde schnell auf die Assistenten erweitert, das ist bei den robotischen Verfahren heute nicht mehr so usw. usf.

Aber: geklagt wurde über nachfolgende Generationen schon immer: Wir waren damals die Generation „Wir wollen alles, und zwar sofort“ (Sponti- und Züricher Alternativ-Szene), s. auch den Song „I want it all, I want it now“ von The Queen. Und es gab schon in den 70ern den „NST“: den „Neuen Sozialisations-Typ“ (Thomas Ziehe), der sich angeblich nur noch narzisstisch um sich selbst dreht, keinen Bock auf Arbeit und Anstrengung und nur geringe Frustrationstoleranz hat.

Wobei „diese Zuschreibungen … sind meistens ein Gemisch aus kulturpessimistischer Verfallsrhetorik, anekdotischer Plausibilität sowie journalistischer Aufgeregtheit“, wie ich es schön formuliert gefunden habe (https://www.tagesanzeiger.ch/wird-man-narzisstischer-durchs-online-ich-262339899494, aufgerufen 1.3.26)

Andererseits: die Chirurgische Weiterbildung und Tätigkeit hat in den vergangenen Jahren tatsächlich deutlich an Attraktivität eingebüßt. Denn auch die Zukunftschancen sind nicht mehr so wie früher.

Die Ökonomisierung des Gesundheitswesens und die Bürokratisierung („Dokumentation“ !!!)  zeitigen Folgen für die nachrückenden jungen Ärzte.

Hier zwei Fotos aus meiner Klinik, die einerseits den kulturellen Wandel der Jugend, andererseits die Bürokratisierung der Medizin zeigen und ich muss gestehen, dass mein früher unbedingtes Plädoyer für die Chirurgie in den vergangenen Jahren etwas zurückhaltender geworden ist. (Bilder folgen noch)

Was könnte man tun? Man müsste der nachrückenden Generation vermitteln, dass die Chirurgie mit all ihren beruflichen und die Lebensqualität beeinflussenden Nebenwirkungen trotzdem etwas Besonderes, etwas Tolles ist, das uns heraushebt, das Anerkennung verdient; das wäre v.a. Aufgabe der Politik und der Gesundheitsakteure mit entsprechenden Verbesserungen der beruflichen Situation und Bedingungen, aber durchaus auch unsere als Weiterbildende. Aber dass es ohne gelegentliche Mühsal und Härten nicht geht – auch wenn sich die Motivation nicht über die Härte definiert! So hatte ich das nicht gemeint!

Zusätzlich gälte es für uns Weiterbildende, zu vermitteln, dass Chirurgie einfach aufregend ist, hohe Kompetenzen (skills) erwerben und realisieren lässt und eine hohe Befriedigung verschafft.

Und dass sie außer der materiellen Vergütung auch eine sehr hohe immaterielle mit sich bringt: die Dankbarkeit der Patienten. Arbeit mit und am Menschen!

Da haben wir die Leidenschaft, die es für unseren Beruf braucht: die „Passion Chirurgie“. Die es aber doch überall braucht, in jedem Berufsumfeld, oder nicht?

Und man muss die Ärzte unbedingt von nicht zwingenden ärztlichen Aufgaben entlasten:  Die Bürokratisierung halte ich für das größte Problem, der geforderte Dokumentationsumfang, auch z.B. die Abschaffung der Schreibbüros, die uns zwingt, alle Briefe, Berichte etc. selbst zu schreiben oder bestenfalls mithilfe eines Spracherkennungsprogramms diktieren zu können. Teure und qualifizierte Arztzeit und Arztkompetenz wird hier verschleudert. Vermutlich ist das aber tatsächlich billiger als Schreibbüromitarbeiter:innen zu finanzieren (?).

Zum Topos der Gen-Z noch folgende Anmerkungen:

  • die Forderungen, die sie an uns und das Gesundheitswesen stellt, sind die vielleicht schichtenspezifisch? Wie äußert sich dazu die Gen-Z, die als Busfahrer, Lokführer, Schichtarbeiter, in der Hotellerie etc. arbeiten will oder muss?
  • die Gen-Z betreibt wie kaum eine frühere Generation Selbstoptimierung, quält sich in Fitness-Studios, kämpft sich durch Marathons und andere körperlich fordernde Sportarten; warum muss das im Beruf so anders sein, auch hier sind es ja keine 8 Stunden „Volllast“ täglich?
  • sie ist die Generation der Start-up-Gründer: gibt es hier geregelte Arbeitszeiten…?

Ihre “konkreten Beispiele“ sehe ich etwas kritisch: Sollte die Arbeit nicht besser am Platz bleiben? Die Verwischung der Grenze zwischen Arbeit und Freizeit (auch die permanente Erreichbarkeit) sind doch viel diskutierte Probleme der heutigen Arbeitswelt.

Und die Lehre (ich verstehe darunter auch in interne Fortbildung) kann doch Spaß machen: wenn man aus erster Hand Wissen vermitteln kann.

Genug!

Vielen Dank, dass Sie mir geschrieben haben. Ich hoffe, mein Anliegen konnte ich nun etwas differenzierter darstellen, Leserbriefe sind ja immer etwas polemisch.

Viele Grüße!

Dr. med. Helmut Grosch
Moers

Editorial 03/QIV-2026: Chirurgischer Nachwuchs

Zur Märzausgabe 2026 | PASSION CHIRURGIE

In dieser Ausgabe stellen wir, wie im letzten Jahr, aktuelle Aspekte der Nachwuchsaktivitäten des BDC dar. Im Mittelpunkt der Diskussion standen dabei in den letzten zwölf Monaten die Umsetzung der Leistungsgruppen in Nordrhein-Westfalen und ihre Ausbreitung auf die Bundesrepublik, sowie die Einführung der Hybrid-DRGs. Beide politischen Entscheidungen haben einen großen Einfluss auf unsere Weiterbildung und die damit verbundene Zufriedenheit unserer nächsten Generation an Chirurginnen und Chirurgen. Objektiv beleuchtet haben dies Herr Krones und Herr Braun in ihrem Artikel über Resilienz und die ersten Ergebnisse der Weiterbildungsumfrage des Berufsverbandes zur allgemeinen Zufriedenheit in der chirurgischen Weiterbildung. Hierbei wurden das subjektive Wohlbefinden im chirurgischen Fach und das persönliche Stressempfinden erhoben sowie mögliche Faktoren bzw. Auslöser identifiziert. Um sich der Problematik weiter anzunehmen, plant der BDC ein eigenes Artikelformat zum Thema „Resilienz“, das persönliche Erfahrungsberichte, mögliche Bewältigungsstrategien sowie externe Unterstützungsangebote beinhalten soll.

Bekanntermaßen fällt der Zeitpunkt der Familiengründung sehr häufig in die Weiterbildungszeit der Kolleginnen und Kollegen. In einem weiteren Artikel geht Frau Rosch auf das Spannungsfeld zwischen der chirurgischen Weiterbildung und Familienplanung ein und zeigt mögliche Lösungsansätze auf. Der Artikel wird ergänzt durch den Beitrag von Frau Samland über moderne Arbeitszeitmodelle in chirurgischen Disziplinen und benennt praktische Umsetzungsstrategien zur Arbeitszeitgestaltung für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Kindern.

Überblickt man die letzten 20 Jahre der Nachwuchsförderung – sowohl der Fachgesellschaften als auch der Berufsverbände – zeigt sich, dass sich die wesentlichen Probleme bislang nicht signifikant lösen ließen. Durch die aktuell veränderten Rahmenbedingungen wird es sogar noch schwerer chirurgischen Nachwuchs für das Fach zu begeistern. Auch der Einsatz des Perspektivforums „Junge Chirurgie“ der DGCH versucht durch ihre Aktivitäten und Positionspapiere dem Nachwuchs aller chirurgischen Disziplinen in „Zeiten des Umbruchs“ eine Stimme zu geben und versteht sich als Plattform für Austausch, Vernetzung und Positionsbildung. Hierauf gehen Herr Schaaf und Herr Schlottmann in ihrem Artikel ein.

Auch oder vor allem die chirurgische Lehre an den Hochschulen hat Einfluss auf die spätere Berufswahl und kann somit als möglicher Einflussfaktor auf den chirurgischen Nachwuchs diskutiert werden. Der Kommentar von Herrn Keiber und Herrn Vogt geht darauf ein, wie hochwertige medizindidaktische Konzepte zur Nachwuchsgewinnung beitragen können.

Neben dem ausbleibenden chirurgischen Nachwuchs fehlt es auch an begeisterten Chirurginnen und Chirurgen, die sich in Fachgesellschaften und Berufsverbänden aktiv miteinbringen, um unser Berufsbild mitzugestalten. Aus diesem Grund wurde letztes Jahr der Young Surgeons Club (YSC) des BDC gegründet. Frau Heitzmann, Frau Betzler, Frau Vogel und Herr Braun stellen in ihrem Beitrag das neue Format vor, dass sich als eine Ergänzung zu bereits bestehenden Programmen versteht und eine enge Zusammenarbeit mit anderen Nachwuchsforen ermöglicht. So sollen die Interessen junger Chirurginnen und Chirurgen noch besser abgebildet werden und eine aktive Weiterentwicklung unseres Berufes stattfinden können. Interessierte, die sich beim YSC anschließen wollen, können sich jederzeit über unsere Geschäftsstelle melden. Wir freuen uns über jede aktive Teilnahme und Diskussion. Auch Studierende mit dem Berufsziel ein chirurgisches Fach zu wählen, sind herzlich willkommen.

Für mich persönlich hat sich die Perspektive vom ehemals Weiterzubildenden zum Weiterbilder insofern geändert, dass mir viel bewusster klar ist, in welchem engen Korridor wir uns aufgrund der äußeren Rahmenbedingungen bewegen und dass wir – genau aus diesem Grund – alle Chancen der aktiven Mitgestaltung sinnvoll nutzen müssen. So verstehe ich mich als Motivator für das gemeinsame Ziel einer guten chirurgischen Weiterbildung.

Auf den nächsten Seiten haben wir außerdem noch eine neue Kolumne versteckt: Unter dem Motto „Why I do it“ erzählen uns ab jetzt regelmäßig Chirurginnen und Chirurgen, warum Sie sich für die Chirurgie entschieden haben, eben Passion Chirurgie!

Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre unserer Passion.

Kirschniak A, Braun B, Hättich A, Samland M: Editorial: Chirurgischer Nachwuchs. Passion Chirurgie. 2026 März; 16(03/QI): Artikel 01.

Young Surgeons Club @ BDC – Wieso, weshalb, warum?

Wiebke Heitzmann, Johanna Betzler, Carolina Vogel, Benedikt Braun

Warum?

Das Thema Nachwuchsmangel in der Chirurgie ist älter als viele Mitglieder unseres neuen Young Surgeons Club (YSC). Es wird seit Jahren intensiv diskutiert und von verschiedensten Akteuren bearbeitet. Man darf und muss sich daher die Frage gefallen lassen: Warum ruft der BDC, der mit seinem Nachwuchsressort und etablierten Formaten wie „Nur Mut“, „Staatsexamen und Karriere“, der eAkademie und zahlreichen Webinaren bereits „gut aufgestellt“ ist, nun ein weiteres Forum ins Leben? Schaffen wir damit nicht eine unnötige Parallelstruktur? Aus Sicht des BDC ist die Antwort eindeutig: Man kann gar nicht „zu viel“ für den Nachwuchs tun. Allein die Altersstruktur unseres Verbandes, die sich parallel zur demografischen Entwicklung in Deutschland bewegt, zeigt, dass wir dringend neue, junge Köpfe für unser Fach und unseren Berufsverband begeistern müssen.

Doch es geht nicht nur um Statistik, es geht um die Realität in den Kliniken. Trotz jahrelanger Bemühungen bestehen erhebliche Missstände, insbesondere bezüglich der Rahmenbedingungen, unter denen wir unser eigentlich schönes Fach ausüben, fort. Aktuelle Umfragen zeigen, dass die Burnout-Rate bei Ärzt:innen in Weiterbildung steigt und mehr als die Hälfte der Befragten im WHO-5 Well-Being-Index Werte im kritischen Bereich aufweisen. Gleichzeitig stehen wir durch die Krankenhausstrukturreform (KHVVG/KHAG) vor einem tiefgreifenden Wandel, der die chirurgische Weiterbildung durch Ambulantisierung und neue Versorgungsmodelle deutlich verändern wird. Es besteht also weiterhin ein dringender Handlungsbedarf – sowohl seitens des Nachwuchses als auch gesamtgesellschaftlich. Und wer könnte sich authentischer und effektiver für den Nachwuchs einsetzen als der Nachwuchs selbst?

Wir haben das neue Format daher so konzipiert, dass es die Stimmen aller Ausbildungsstufen bündelt: von Studierenden über Kolleg:innen in Weiterbildung bis hin zu jungen Fachärzt:innen. Unser Ziel ist es, Themen in den Fokus zu rücken, die in bestehenden Gremien oft noch zu kurz kommen. Dazu gehören explizit auch Aspekte wie „Surgeon Well-being“ und Resilienz. Wir wollen keine Konkurrenz, sondern eine sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Programmen sein. Deshalb suchen wir bewusst den Schulterschluss mit den relevanten Akteuren in Deutschland: Wir arbeiten eng mit den Nachwuchsforen der großen Fachgesellschaften im Perspektivforum Junge Chirurgie, mit „Die Chirurginnen“ sowie mit dem fachübergreifenden „Bündnis Junger Ärzte“ zusammen. Unser Anspruch ist es, Synergien zu nutzen, das Angebot für den Nachwuchs qualitativ zu erweitern und uns als starker, integrativer Partner zu positionieren.

Im Folgenden möchten sich Ihnen die Mitglieder des Clubs vorstellen und Ihnen einen Einblick in unsere konkreten Handlungspläne geben. Gleichzeitig verbinden wir diesen Artikel mit einem Appell an Sie alle: Setzen Sie sich gemeinsam mit uns für die Zukunft der Chirurgie ein. Ob vor Ort in Ihrer Klinik oder direkt bei uns im Verband. Die BDC-Website bietet hierfür bereits ein breites Portfolio an Hilfestellungen (z. B. den PJ-Leitfaden in Kooperation mit der bvmd (https://www.bdc.de/chirurgin-werden/pj-leitfaden/) – nutzen Sie diese Ressourcen und treten Sie mit uns in Kontakt. Wir freuen uns auf den Austausch, Ihre Mitarbeit und neue Mitstreiter:innen!

Wer wir sind

Um den Ansprüchen und Bedürfnissen der jungen Generation gerecht zu werden, haben wir ein Team zusammengestellt, das jeden Ausbildungsstand vertritt – von Studierenden bis zur jungen Fachärzt:in. Die studentische Perspektive bringen Vivien Weber und Robin Horray ein, die sich beide im 7. Semester befinden. Beide entdeckten ihre Faszination für das Fach Chirurgie bereits durch praktische Erfahrungen als studentische Hilfskräfte im OP. Im YSC setzen sie sich nun dafür ein, die Interessen der Studierenden zu vertreten und die Sichtbarkeit des BDC an den Universitäten zu verbessern. Die Gruppe der Ärzt:innen in Weiterbildung bildet den Kern unseres Teams und deckt verschiedene chirurgische Disziplinen und Karriereziele ab. Für die Weiterentwicklung strukturierter Ausbildungskonzepte macht sich Annika Uelwer (Viszeralchirurgie, 3. Weiterbildungsjahr) stark, die parallel zur Klinik an der Fertigstellung ihrer Dissertation arbeitet. Ergänzt wird diese Gruppe durch Wiebke Heitzmann (Viszeralchirurgie, 3. Weiterbildungsjahr), die als Sanitätsoffizier der Bundeswehr besondere Expertise in der Vereinbarkeit verschiedener beruflicher Interessen mitbringt und sich der aktiven Nachwuchsgewinnung widmet. Dr. Dannik Haas (O&U, 3. Weiterbildungsjahr) nutzt seine Begeisterung für wissenschaftliches Arbeiten, um schwerpunktmäßig eine geplante Web-App zur Statusbestimmung des Weiterbildungsfortschritts voranzutreiben. Das Thema „Well-Being und Resilienz“ wird federführend von Dr. Tillman Krones (Viszeralchirurgie, 2. Weiterbildungsjahr) betreut, der neben seiner klinischen Tätigkeit eine akademische Laufbahn mit dem Ziel der Habilitation anstrebt. Die Erfahrung der fortgeschrittenen Weiterbildung und der Facharztebene wird durch Dr. Johanna Betzler (Viszeralchirurgie, 6. Weiterbildungsjahr), Dr. Carolina Vogel (Unfallchirurgie, 4. Weiterbildungsjahr) und Dr. Johanna Miller (Fachärztin, Viszeralchirurgie) repräsentiert. Dr. Betzler steht kurz vor dem Facharzt und strebt eine Habilitation sowie langfristig eine leitende Position an. Als Mutter von zwei Kindern bringt sie ihre persönlichen Erfahrungen ein, um Projekte zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu koordinieren. Frau Dr. Vogel ist ebenfalls wissenschaftlich tätig und sowohl bei „Die Chirurginnen“ als auch im Jungen Forum der DGOU aktiv. Diese Schnittstellenrolle ermöglicht eine gute Verzahnung der Arbeit des YSC mit weiteren Nachwuchsstrukturen. Dr. Johanna Miller (Viszeralchirurgie) ist bereits Fachärztin und seit langem in der Nachwuchsförderung des BDC aktiv, wo sie unter anderem erfolgreich M3-Trainings für Studierende organisiert. Diese Arbeit findet gemeinsam mit dem Nachwuchsressort des BDC statt und sucht ganz bewusst den Schulterschluss in der gemeinsamen Arbeit mit den Nachwuchsvertretungen der Fachgesellschaften und Verbände.

Was wir wollen

Aus unserer gemeinsamen Motivation und unserem Selbstverständnis leitet sich ab, wofür wir stehen und wofür wir uns einsetzen.

1. Exzellente chirurgische Weiterbildung

Vor dem Hintergrund aktueller Strukturreformen im deutschen Gesundheitssystem – insbesondere zunehmender Spezialisierung und Ambulantisierung – setzen wir uns für eine verbindliche chirurgische Weiterbildung auf höchstem Niveau ein. Strukturelle Veränderungen dürfen sich nicht zulasten der Weiterbildungsqualität auswirken. Vielmehr müssen an allen Weiterbildungsstandorten eine strukturierte operative wie auch theoretische Ausbildung gewährleistet sein. Langfristig ist es unser Ziel, dass chirurgische Weiterbildung nicht als „Belastung“, sondern als Qualitätsmerkmal eines Standortes oder Weiterbildungsprogramms wahrgenommen wird. Denn die Förderung und Qualifizierung angehender Chirurg:innen bedeutet die nachhaltige Sicherung der Zukunft unseres Faches.

2. Faire Rahmenbedingungen in der Chirurgie

Trotz bestehender gesetzlicher Regelungen, insbesondere des Arbeitszeitgesetzes, zeigen aktuelle Erhebungen – unter anderem die Befragungen des BDC und des Marburger Bundes aus den Jahren 2024/25 – dass die Umsetzung fairer Arbeitszeitmodelle im chirurgischen Alltag häufig unzureichend bleibt. Diese Herausforderungen sind aus unterschiedlichen Perspektiven bekannt. Wir setzen uns daher für transparente und faire Rahmenbedingungen bei den Arbeitgebern ein: Ärzt:innen in Teilzeit dürfen keine Nachteile in ihrer Weiterbildung erfahren, und eine über das reguläre Maß hinausgehende Arbeitsleistung muss angemessen vergütet werden.

3. Lebenswerte Chirurgie

Faire und flexible Rahmenbedingungen, die sich an die individuellen Lebenssituationen von Chirurg:innen anpassen, wirken sich positiv auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die psychische Gesundheit sowie die langfristige Berufszufriedenheit aus. Wir setzen uns daher für eine lebenswerte Chirurgie ein, die fachliche Exzellenz mit nachhaltigen Arbeitsbedingungen verbindet.

Was wir machen

Im Rahmen eines eintägigen Kick-Off Meetings im November 2025 konnten innerhalb weniger Stunden bereits viele Themenbereiche, wie beispielsweise Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Qualität der Weiterbildung, (fehlende) Feedback-Kultur, Attraktivität der Chirurgie, psychische Gesundheit von Chirurg:innen erarbeitet werden, die chirurgisch interessierten Studierenden, chirurgischen Weiterbildungsassistent:innen sowie jungen Fachärzt:innen am Herzen liegen. Aus den angeregten Diskussionen dieses Tages entstanden die ersten drei Projekte des YSC.

1. Orientierung und Feedback in der Weiterbildung

Ein wiederkehrendes Thema unter Weiterbildungsassistent:innen ist der Wunsch nach besserer Transparenz hinsichtlich des eigenen Ausbildungsstands. Während operative Logbücher und Weiterbildungsordnungen formal existieren, fehlt häufig ein niedrigschwelliges, kontinuierlich nutzbares Instrument zur Selbsteinschätzung und externen Rückmeldung. Der YSC plant daher die Entwicklung einer Web-App, die eine strukturierte Statusbestimmung über alle Weiterbildungsjahre hinweg ermöglicht. Ziel ist es, operative und nicht-operative Skills, typische klinische Situationen sowie zentrale Eingriffe in einem standardisierten Format zu erfassen. Grundlage hierfür ist eine sorgfältige Definition der relevanten Kompetenzen – idealerweise unter Berücksichtigung bestehender Teilschritte-Konzepte. Anschließend sollen geeignete Feedback-Metriken entwickelt werden, um individuelle Fortschritte nachvollziehbar abzubilden. Die App soll nicht nur der Orientierung dienen, sondern auch die Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Ausbildungsstätten erhöhen und so einen Beitrag zur Qualitätssicherung leisten.

2. Begeisterung für die Chirurgie frühzeitig fördern

Chirurgische Fächer genießen früh im Medizinstudium traditionell eine hohe Faszination: Die unmittelbare Wirksamkeit operativer Eingriffe, die technische Komponente sowie das starke Teamgefühl im OP werden häufig als motivierende Faktoren genannt. Gleichzeitig zeigen zahlreiche hochschulinterne Befragungen und nationale Absolventenstudien, dass dieses anfängliche Interesse im Verlauf der klinischen Studienjahre abnimmt. Gründe hierfür sind u. a. die Wahrnehmung hoher Arbeitsbelastung, Unsicherheiten hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ein unzureichender Einblick in moderne Weiterbildungsstrukturen. Viele Studierende erleben Chirurgie vor allem über kurze, wenig strukturierte Pflichtpraktika – und weniger über authentische Einblicke in die Vielfalt des Faches oder die tatsächlichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Vor diesem Hintergrund verfolgt der YSC das Ziel, die Attraktivität der chirurgischen Weiterbildung gezielt sichtbar zu machen und den Kontakt zu Studierenden nachhaltig zu stärken. Ein modular aufgebautes Slide-Deck, das künftig bundesweit am Ende chirurgischer Hauptvorlesungen eingesetzt werden kann, soll über das breite Portfolio des BDC informieren und niederschwellige Zugänge – etwa über die „Nur Mut“-Kampagne oder die Chirurgische Woche – bieten. Darüber hinaus sollen professionelle, aber auch nahbare Videoformate entstehen, in denen Chirurg:innen und ihre Lebenswege vorgestellt werden. Die ersten Videos (mit dem Fokus auf den Themenbereich „Familie und Beruf“) sollen im Rahmen des DCK 2026 produziert werden. Ergänzend ist ein interaktives „Ask me anything“-Webinar geplant, das Studierenden und Weiterbildungsinteressierten authentische Einblicke in Karrierewege, Herausforderungen und Chancen der chirurgischen Weiterbildung ermöglicht.

3. Resilienz und Well-Being in der chirurgischen Weiterbildung

Die Arbeit in chirurgischen Fächern ist geprägt von hoher Verantwortung, körperlicher Belastung und komplexen emotionalen Anforderungen. Neben langen Arbeitszeiten und dem Druck, rasch operative Kompetenzen aufzubauen, erleben viele junge Chirurg:innen eine deutliche Diskrepanz zwischen persönlichem Anspruch, Versorgungsrealität und eigenem Wohlbefinden. Vor diesem Hintergrund hat der Young Surgeons Club Resilienz als eines seiner Kernprojekte definiert. Ziel ist es, junge Kolleg:innen frühzeitig für gesundheitsfördernde Strategien zu sensibilisieren und das Thema dauerhaft im chirurgischen Weiterbildungsdiskurs zu verankern. Als erster, sichtbarer Schritt entsteht ein Auftaktartikel für die Nachwuchsausgabe der Passion Chirurgie, der zentrale Ergebnisse der Weiterbildungsumfrage des BDC aufbereitet und diese um wissenschaftliche Erkenntnisse zu Belastungsfaktoren und Schutzmechanismen ergänzt. Der Artikel soll nicht nur Missstände benennen, sondern positive Beispiele und lösungsorientierte Ansätze hervorheben – etwa gelungene Teamkulturen, realistische Erwartungsmanagement-Modelle oder „Best-Practice“-Beispiele der Selbstfürsorge. Ergänzend soll ein Format für die Passion Chirurgie entwickelt werden, das im Rahmen eines monatlich erscheinenden, einseitigen Artikels positive Vorbilder, persönliche Bewältigungsstrategien und Resilienz fördernde Maßnahmen präsentiert.

Wiebke Heitzmann

Ärztin in Weiterbildung

Viszeralchirurgie, 3. Weiterbildungsjahr

Bundeswehrkrankenhaus in Ulm

Prof. Dr. med. Benedikt Braun, MBA

Stellv. Leiter der BDC|Akademie

BDC-Themen-Referat Nachwuchs

BDC-Themen-Referat Digitalisierung und technische Innovationen

Beauftragter für die Nachwuchsförderung in der Gemeinsamen Weiterbildungskommission Chirurgie

Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie

Eberhard Karls Universität Tübingen

BG Klinik Tübingen

bbraun@bgu-tuebingen.de

Dr. med. Johanna Betzler

Ärztin in Weiterbildung

Viszeralchirurgie, 6. Weiterbildungsjahr

Dr. med. Carolina Vogel

Ärztin in Weiterbildung

Unfallchirurgie, 4. Weiterbildungsjahr

BG Klinik Tübingen

Chirurgie

Heitzmann W, Betzler J, Vogel C, Braun B: Young Surgeons Club @ BDC – Wieso, weshalb, warum? Passion Chirurgie. 2026 März; 16(03/I): Artikel 03_04.

www.bdc.de

Jetzt mitmachen! BDC-Umfrage zur Situation in der chirurgischen Weiterbildung

Wir wollen Prozesse anstoßen und zum laufen bringen. Dafür brauchen wir die Unterstützung derjenigen, die mittendrin sind in der Situation. Deine Meinung ist gefragt: Wie geht es dir aktuell in deiner Weiterbildung?

Klar, Zeit ist knapp, aber die Beantwortung der Umfrage dauert nicht länger als 13 Minuten und gibt uns damit einen einmaligen Einblick zum aktuellen Status quo der Weiterbildung in den chirurgischen Fachgebieten in Deutschland.

Hier geht es direkt zur Umfrage: Teilnehmen

Warum wir das machen? Die Ergebnisse dieser Umfrage sind von entscheidender Bedeutung, um den aktuellen Stand der Weiterbildung realistisch einzuschätzen, Vergleiche zu den Vorjahren zu ziehen und die Effekte der Entwicklungen in unserem Berufsfeld zu verstehen. Dies ermöglicht es uns als Berufsverband, zielgerichtete Maßnahmen zur Nachwuchsarbeit zu entwickeln und zu ergreifen.

WELL-BEING! Dieses Jahr ist Ihre Perspektive wichtiger denn je, da wir die Umfrage um zusätzliche, entscheidende Fragen zu Ihrem persönlichen Well-Being und Aspekten der Resilienz erweitert haben. Diese beiden Faktoren sind von fundamentaler Bedeutung für die Ausübung unseres Berufes. Als BDC möchten wir uns in Zukunft noch stärker diesen Themen widmen und sammeln daher mit dieser Umfrage essenzielle Daten, um die Arbeitsbedingungen und die Zufriedenheit in der Chirurgie nachhaltig zu verbessern.

Ihre offene und ehrliche Einschätzung, auch zu Themen wie Arbeitsbelastung, Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie der Qualität der Weiterbildung in Ihrer Klinik, trägt maßgeblich dazu bei, ein umfassendes Bild der aktuellen Situation zu zeichnen und gibt uns die Basis, gemeinsam mit Ihnen und für Sie unsere Weiterbildungsarbeit fortzusetzen.
Wir freuen uns über jede Beteiligung. Herzlichen Dank.

Weiterer Comic macht auf fachärztliche Weiterbildung aufmerksam

„Kein Weiter ohne Bildung“ geht in die zweite Runde. Mit einem weiteren Comic sorgt das Kampagnenteam des BDC erneut dafür, auf die Wichtigkeit einer qualitativ hochwertigen und finanziell gesicherten Weiterbildung hinzuweisen.

Dr. Ralf Schmitz und Professor Carsten Krones engagieren sich im BDC-Projekt für die fachärztliche Weiterbildung. Gemeinsam beantworten sie die wichtigsten Fragen zum Follow-up der langfristig angelegten Weiterbildungskampagne.

Erst Arm ab, jetzt Darm raus – was soll das?

Krones: Die Kampagne war von Anfang an als Serie gedacht. Mit unserem gelben Protagonisten können wir auf deutliche Art und Weise überspitzt und humorvoll zeigen, was passieren wird, wenn die Politik den ärztlichen Nachwuchs ignoriert. Schon unser erster Clip in Videoformat kam ausgesprochen gut an, sowohl bei den Nachwuchskräften in der Chirurgie, als auch bei etablierten Chirurginnen und Chirurgen. Es geht nicht um Aufmerksamkeit für teures Geld, sondern um Provokation mit Hintersinn und Witz. Aus unserer Sicht ist das Szenario mit den DIY-Anleitungen nicht unrealistisch, wenn wir die momentane Situation des Fachärztemangels betrachten, und, wie sie sich entwickeln kann.

Was genau drückt Comic 2 aus?

Schmitz: Der Comic-Streifen ist diesmal detaillierter. Im ersten Video stand die Figur noch vorm OP und verzweifelte am Automaten, der die DIY-Anleitung ausdruckte. Im Zweiten Comic ist unser gelber Protagonist nun schon einen Schritt weiter: Mutig, da alternativlos betritt er den OP und sucht sich eine der DIY-Anleitungen heraus. Letztendlich scheitert er aber dann doch beim Versuch, an sich selbst chirurgisch Hand anzulegen. Verständlich! Es ist doch so: In vielen Bereichen finden Patientinnen und Patienten heute schon medizinische Informationen und Anleitungen per Ratgeber und KI aus dem Netz. Das mag in manchen Bereichen gehen. Die Chirurgie ist und bleibt aber ein Fachgebiet, dass Expertinnen und Experten vorbehalten ist und eine fundierte Weiterbildung erfordert!

Wohin soll die Kampagne führen?

Krones: Mit der Kampagne verbunden ist eine Petition auf change.org, für die wir damit Werbung machen. Ein gut ausgebildeter chirurgischer Nachwuchs sollte alle interessieren! Und die Zahl der Unterschriften und Kommentare auf der Petitionsplattform gibt uns Recht: Nicht nur in der Chirurgie Tätige, sondern Bürgerinnen und Bürger unterstützen uns mit ihrer Unterschrift. Da wir kein Riesenbudget für Plakate vor dem Bundestag, in U-Bahnen und auf Taxis haben, konzentrieren wir uns auf eine Online-Kampagne, die wir über unsere Soziale Netzwerke und unsere Kontakte verbreiten. Um im Bewusstsein zu bleiben, müssen wir aktiv bleiben und zeigen, dass wir mit Herzblut, Sinn für den Nachwuchs und auch Spaß an der Sache bleiben.

Wie schätzen Sie den bisherigen Erfolg der Kampagne ein?

Schmitz: Erst einmal sind wir zufrieden über die Resonanz. Wir haben knapp 31.500 Unterschriften einsammeln können und positives Feedback aus vielen Richtungen erhalten. Unter den niedergelassenen Chirurginnen und Chirurgen war der Zuspruch enorm. Einige haben die Kampagne aus der Online-Welt in ihre Praxen geholt und mit Plakaten, Flyern und auf Praxis-TV dafür geworben. Fachärztliche Berufsverbände machen Werbung dafür, Ärztekammern liken uns in den Sozialen Medien, die jungen fachärztlichen Bündnisse mögen und unterstützen uns. Aber stetig ernährt sich das Eichhörnchen: In einer Welt von Reizüberflutung können wir uns nicht ausruhen und müssen weiter kommunizieren. Und wir sind ehrgeizig: Bevor wir die Unterschriften für die Petition an den Bundestag weiterreichen, möchten wir die 50.000 Marke erreicht haben!

Wie können BDC-Mitglieder Sie unterstützen?

Krones: Wer bis heute noch nicht unterschrieben hat, möge dies bitte im Sinne der chirurgischen Weiterbildung tun. Es kommt uns allen zugute, nicht nur für die Zukunft der Chirurgie, sondern auch als zukünftige Patientinnen und Patienten!

Schmitz: Redet darüber – als Mandatsträgerinnen, in den Praxen, mit Chefinnen und Chefs und Weiterbildungsassistenten, in den Kammern. Teilt die Links auf euren Social Media Kanälen. Unsere kleinen Geschichten geben genug Gesprächsstoff und Anknüpfungspunkte. Und wem sie nicht gefallen: Redet mit uns – wir haben ein offenes Ohr und sind für Vorschläge offen. Die dritte Idee ist übrigens schon in Planung.

Privat

Dr. Ralf Schmitz ist niedergelassener Chirurg im MVZ Chirurgie Kiel. Beim BDC ist er Vorstandsmitglied, Referatsleiter Niedergelassene Chirurgen sowie Mitglied in zwei Themenreferaten.

Professor Dr. Carsten Krones ist Chefarzt der Allgemeinmedizin im Krankenhaus Düren. Beim BDC ist er Vorstandsmitglied und Vorsitzender des Themenreferats Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.

Mehr Informationen zur Weiterbildungskampagne des BDC

Umfrage zur Nachhaltigkeit in der Chirurgie

Als Chirurginnen und Chirurgen tragen wir eine besondere Verantwortung – insbesondere im Hinblick auf Abfallmanagement und Energieverbrauch im OP. Doch wie können wir eine umweltfreundlichere Chirurgie gestalten, ohne die Versorgungsqualität unserer Patientinnen und Patienten zu beeinträchtigen?

In Kooperation mit dem Universitätsklinikum Bonn und der Universitätsmedizin Halle (Saale) führt die Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für perioperatives Management in der Viszeralchirurgie, kurz CA PeriVis, eine Umfrage durch, um praxisnahe Lösungen zur Reduktion der CO₂-Emissionen in der Chirurgie zu entwickeln.

? HIER GEHT ES ZUR UMFRAGE: Nachhaltigkeit in der Chirurgie

⏳ Dauer: ca. 5 Minuten

Sie können bis zum 30. April an der Umfrage teilnehmen.

Selbstverständlich werden alle Angaben anonym erfasst und unterliegen den geltenden Datenschutzbestimmungen.

Bei Fragen stehen Ihnen die Initiatoren Dr. Jonas Dohmen und PD Dr. Johannes Klose jederzeit gerne zur Verfügung.

Podcast zur fachärztlichen Weiterbildung mit Dr. Friederike Burgdorf

Das Podcastformat “Medizin aufs Ohr” der Aesculap-Akademie richtet dieses Mal den Blick auf die Weiterbildung in der Chirurgie.

Im Rahmen der Umsetzung des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes, bei der Ambulantisierung, der Digitalisierung im Gesundheitswesen, aber auch aufgrund des wachsenden Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung muss ich die fachärzliche Weiterbildung immer stärker in den Fokus genommen werden. Die Aesculap-Akademie hat BDC-Geschäftsführerin Frau Dr. Friederike Burgdorf dazu befragt. „Es muss allen klar sein, dass die medizinische Weiterbildung die Basis für eine qualitativ hochwertige ärztliche Versorgung ist,“ so Burgdorf.

Jetzt nicht verpassen ? – zum Podcast