Schlagwort-Archiv: BDC

Personalia im April 2026

Beatrice Fundel übernahm im Januar 2026 die Leitung der Zentralen Notaufnahme am St. Agnes-Hospital Bocholt. Zuvor war sie als leitende Oberärztin in der Klinik für Notfallmedizin am Krankenhaus Maria Hilf der Alexianer Krefeld GmbH tätig.

Dr. med. Bassam Hammoud ist seit April 2026 neuer Chefarzt für die Allgemein- und Viszeralchirurgie am Heidekreis-Klinikum. Zuletzt war Dr. Hammoud als geschäftsführender Oberarzt am Marienhospital Osnabrück und im viszeralonkologischen Zentrum der Niels-Stensen-Kliniken tätig.

Prof. PD Dr. med. habil. Jörg Ohnsorge ist seit Februar 2026 neuer Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie an der Maybach-Klinik in Stuttgart.

Dr. med. Simon Rieder, ehemals leitender Oberarzt in Halle, ist Januar 2026 neuer Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Barmherzige Brüder Krankenhaus St. Barbara Schwandorf.

Dr. med. Reza Yusefi-Asrami ist seit Januar 2026 neuer Chefarzt der Abteilung für Handchirurgie am Krankenhaus St. Josef in Schweinfurt.

Dr. med. univ. Mascha Trojer, seit 2021 Chefärztin der Hauptabteilung für Unfall-, Hand- und orthopädische Chirurgie sowie Sportmedizin am Klinikum Landau-Südliche Weinstraße, hat im Januar 2026 turnusgemäß auch die Leitung des Ärztlichen Direktorats am Klinikum übernommen.

Hygiene-Tipp: Müssen Schlussdesinfektionen zwingend durch einen Desinfektor durchgeführt werden?

Frage:

Muss die Schlussdesinfektion eines Patientenzimmers (nach der Pflege eines Patienten mit definierten Infektionskrankheiten) im Krankenhaus durch einen ausgebildeten Desinfektor durchgeführt werden?

Antwort:

Für behördlich (vom Gesundheitsamt) angeordnete Desinfektionen kann der Nachweis einer Sachkunde erforderlich sein. Das ist eine Forderung des Infektionsschutzgesetzes (Infektionsschutzgesetz vom 20. Juli 2000 (BGBl. I S. 1045), zuletzt geändert durch Art. 8 Abs. 8 G v. 27.9.2021 I 4530

§ 17 Infektionsschutzgesetz: Besondere Maßnahmen zur Verhütung übertragbarer Krankheiten, Verordnungsermächtigung

(1) Wenn Gegenstände mit meldepflichtigen Krankheitserregern behaftet sind oder, wenn das anzunehmen ist und dadurch eine Verbreitung der Krankheit zu befürchten ist, hat die zuständige Behörde die notwendigen Maßnahmen zur Abwendung der hierdurch drohenden Gefahren zu treffen.

(3) Erfordert die Durchführung einer Maßnahme nach den Absätzen 1 und 2 besondere Sachkunde, so kann die zuständige Behörde anordnen, dass der Verpflichtete damit geeignete Fachkräfte beauftragt.

Diese geeigneten Fachkräfte sind dann in der Regel staatlich anerkannte Desinfektoren. Bei der Auswahl eines Reinigungsunternehmens ist es daher sinnvoll, das Vorhandensein mindestens eines Desinfektors im Unternehmen sicherzustellen.

Die überwiegende Anzahl der Schlussdesinfektionen erfolgt allerdings ohne behördliche Anordnung. Diese können auch von Mitarbeiter:innen ohne Ausbildung zum Desinfektor (z. B. Krankenpflegepersonal oder Mitarbeiter:innen von Reinigungsunternehmen) realisiert werden. Allerdings setzt auch das eine geeignete Einarbeitung voraus.

Der Kurztipp im Auftrag der DGKH gibt die Meinung der Autoren wieder.

Jatzwauk L, Groth M, Hübner NO, Kohnen W, Wieting D: Hygiene-Tipp: Müssen Schlussdesinfektionen zwingend durch einen Desinfektor durchgeführt werden? Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 04_03.

Versorgung des Thoraxtraumas beim schweren Polytrauma

Schwere Thoraxverletzungen (Abbreviated Injury Score (AIS) ≥ 3) sind bei etwa 45,9 % [1] der Patientinnen und Patienten mit einem Polytrauma nachweisbar. Das heißt, bei einem Polytrauma ist das Thoraxtrauma in der Regel Teil eines komplexen Verletzungsmusters mit konkurrierenden Prioritäten. Thorakale Maßnahmen müssen gegen andere zeitkritische Entitäten (z. B. intrakranielle Blutung, abdominelle Exsanguination) abgewogen werden.

Die S3-Leitlinie Polytrauma empfiehlt eine strukturierte interdisziplinäre Entscheidungsfindung im Schockraum unter Einbeziehung von Unfallchirurgie, Thoraxchirurgie, Anästhesie, Radiologie und Intensivmedizin. Moderne Hybrid-Settings ermöglichen es, Diagnostik und operative bzw. endovaskuläre Therapie zeitnah zu kombinieren und Transportzeiten zu minimieren [2]. Die aktuelle S3-Leitlinie Polytrauma, die WSES–AAST-Leitlinie Thoraxtrauma (2025) sowie ATLS fordern in diesem Sinne ein strikt physiologieorientiertes, zeitkritisches und interdisziplinäres Vorgehen mit klarer Priorisierung lebensbedrohlicher Befunde [2–4].

Diagnostik

Beim Polytrauma stehen die rasche Sicherung der Atemwege (Airways), die Stabilisierung der HWS, die Beurteilung und Sicherstellung der Ventilation (Breathing), sowie die Kontrolle thorakaler, abdomineller und anderer Blutungsquellen oder die Entlastung einer Herzbeuteltamponade (Circulation) entsprechend den ATLS-Prinzipien (ABCDE) im Vordergrund [3].

Entscheidend zur Identifikation des Verletzungsmusters sind bei V.a. Vorliegen eines Polytraumas neben der Unfallanamnese eine zügige Ganzkörperuntersuchung sowohl prähospital als auch im Schockraum sowie eine eFAST-Untersuchung (Extended Focused Assessment with Sonography in Trauma). Ein kontrastverstärktes Ganzkörper-Computertomogramm (WBCT) sollte bei V. a. ein bestehendes Polytrauma zügig durchgeführt werden [2, 4–8].

Mehrere Arbeiten konnten zeigen, dass die Durchführung eines WBCT, auch bei (grenzwertiger hämodynamischer) Instabilität, die Mortalität signifikant reduziert [7, 8]. Die „Europäische Leitlinie zum Management von schweren Blutungen und Gerinnungsstörungen nach Traumata“ empfiehlt eine frühzeitige Bildgebung mittels eines WBCT zur Erkennung und Identifizierung der Art der Verletzung und der möglichen Blutungsquelle (Empfehlungsgrad 1B). Diese Empfehlung schließt auch hämodynamisch instabile Patienten mit ein, wenn die entsprechende Infrastruktur vorhanden und ein professionelles Schockraumteam vor Ort ist [6].

Initial stabilisierende Maßnahmen beim Thoraxtrauma im Rahmen der Polytraumaversorgung

Tracheobronchialen Verletzungen (Airways) sollten primär klinisch erkannt und unmittelbar behandelt werden, z. B. Säuberung von Blut und Erbrochenem, Intubation, Koniotomie etc., HWS-Stabilisierung.

Bei V. a. und nachgewiesenem Spannungspneumothorax (B/C-Problem) sowie bei Vorliegen eines Pneumothorax bzw. relevanten Hämothorax sollte bei einem Polytrauma initial eine Thoraxdrainage angelegt werden. Bei Vorliegen eines Spannungspneumothorax und Zeitnot kann eine Nadeldekompression der betroffenen Thoraxseite der Anlage einer Thoraxdrainage vorgeschaltet werden [2-4, 9]. Diese Maßnahmen können auch parallel zu anderen lebenserhaltenden Maßnahmen durchgeführt werden.

Zur Vermeidung einer TIK (Trauma-induzierten Koagulopathie) bei aktiv blutenden Schwerverletzten erfolgt parallel eine Damage-Control-Resuscitation mittels frühzeitiger Gerinnungskorrektur, Hypothermieprophylaxe und permissiver Hypotension. Bei schwerem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) und/oder spinalem Trauma mit neurologischer Symptomatik sollte der mittlere arterielle Druck entsprechend angepasst werden [2, 6]. Ultima Ratio bei hämodynamisch instabilen polytraumatisierten Patient:innen mit massiver thorakaler Blutung ist die Notfallthorakotomie. Diese Maßnahme ist in Westeuropa jedoch selten erforderlich und betraf entsprechend einer Arbeit aus dem TraumaRegister DGU® in sechs Jahren (2009-2014) von 99013 erfassten Schockraumpatient:innen weniger als 1 % (887) der erfassten Fälle [10].

Weiterführende Versorgung und definitive Therapie

Nach der initialen Stabilisierung erfolgt die stufenweise definitive Versorgung der/des polytraumatisierten Patient:in. Die weitergehende thorakale Versorgung sollte interdisziplinär abgesprochen werden und stufenweise unter Berücksichtigung konkurrierender Verletzungen erfolgen [2].

Das umfasst die operative oder endovaskuläre Therapie thorakaler Gefäßverletzungen, die operative Stabilisierung der Thoraxwand bei funktionell relevanten Rippenfrakturen sowie die Behandlung pulmonaler Verletzungen. Persistierende respiratorische Dysfunktion, prolongierte Beatmung oder Weaning-Versagen sollten eine Reevaluation der Thoraxpathologie auslösen, einschließlich der Frage nach sekundären Interventionen, z. B. SSRF (Surgical Stabilization of Rib Fractures), Drainage-Revision, Thorakoskopie, etc. [2, 9].

Abb. 1: Akutversorgung Polytrauma; Grenzwertig kardiorespiratorisch stabiler Polytraumapatient (Injury Severity Score: 34) mit Spannungspneumothorax, thorakaler Blutung und weiteren Verletzungen. Primärmaßnahmen: Entlastungspunktion Thorax rechts und Anlage Thoraxdrainage. Bei weiterer thorakaler Blutung, jedoch stabilisierten Verhältnissen, primäre thorakale Versorgung mittels VATS (Videoassistierter Thorakoskopie) und Rippenosteosynthese. A. eingebluteter rechter Lungenunterlappen im WB-CT (schwarzer Pfeil). B. In die Lunge einspießende Rippe (roter Pfeil). C. Durch dislozierte Rippe eingerissener und blutender Lungenunterlappen (gelber Pfeil). D. Abschlussbild mit Rippenosteosynthese (grüner Pfeil).

Notfallbehandlung traumatischer thorakaler Gefäßverletzungen

Initiale Schockraum­versorgung und physiologisches Management

Die Notfallbehandlung beginnt mit einem strikt zeitkritischen Vorgehen entsprechend der ABCDE-Regel (ATLS) [2, 3]. Parallel zur Atemwegssicherung und Oxygenierung ist eine frühe, balancierte Transfusionsstrategie mit konsequentem Temperaturmanagement und zielgerichteter Gerinnungstherapie essenziell, um die traumainduzierte Koagulopathie zu vermeiden bzw. zu durchbrechen [2–4, 11]. Bei Verdacht auf eine Verletzung großer mediastinaler Arterien, insbesondere bei stumpfer thorakaler Aortenverletzung, wird eine kontrollierte Reduktion von Blutdruck und dP/dt („Anti-Impulse Therapy“) bis zur definitiven Versorgung empfohlen, sofern keine konkurrierenden Perfusionsziele (z.  B. schweres Schädel-Hirn-Trauma mit Aufrechterhaltung des zerebralen Perfusionsdrucks) entgegenstehen [11].

Hämodynamische Instabilität: Damage-Control und Resuscitation

Bei refraktärem Schock oder (peri-)traumatischem Kreislaufstillstand aufgrund vermuteter intrathorakaler Blutung ist eine Damage-Control-Strategie erforderlich. Die Notfallthorakotomie bleibt eine Ultima-Ratio-Maßnahme bei streng selektionierten Patienten und dient der sofortigen Temporärkontrolle (z.  B. Aortenklemme zur Zentralisation, Hilus-Kontrolle, direkte Blutstillung) [2, 3, 12].

Der aktuelle Algorithmus der Western Trauma Association definiert zu diesem Thema indikations- und zeitabhängige Grenzen, um unnötige, prognostisch aussichtslose Eingriffe zu vermeiden [12].

Bei zentralen pulmonalen Blutungen oder Hilusverletzungen sollte eine Pneumonektomie, wenn irgend möglich, vermieden werden, um einen „Second-Hit“ zu vermeiden. Stattdessen kommen temporäre Hilusmanöver (Klemme/Loop), Packing und eine selektive Gefäßkontrolle mit späterer endgültiger Versorgung nach Stabilisierung in Betracht [3, 4].

Therapeutisches Vorgehen entsprechend der Gefäßlokalisation

Sowohl die WSES–AAST- als auch ESVS-Leitlinie betonen, dass ein besseres Outcome vor allem durch organisatorische Faktoren erzielt wird: klar definierte Schockraum- und OP-Algorithmen, frühe Aktivierung von Gefäß- und Interventionsradiologie, Verfügbarkeit eines Hybrid-OP oder zumindest eines nahtlosen Transfers sowie standardisierte Nachbeobachtung nach endovaskulären Eingriffen [4, 11].

Interventionspflichtige Verletzungen der thorakalen Aorta sollten bei geeigneter Anatomie und verfügbarer Expertise bevorzugt endovaskulär (TEVAR/Thoracic Endovascular Aortic Repair) behandelt werden; konservative Strategien können bei Minimalverletzungen unter engmaschigem Follow-up erwogen werden [2, 11, 13, 14].

Bei Läsionen der A. subclavia im Bereich des thoracic outlet sollten endovaskuläre oder hybride Verfahren bei geeigneter Anatomie und Ressourcenlage bevorzugt erwogen werden (s. Abb. 2); die Grenzen der Evidenz aufgrund der Seltenheit sind zu berücksichtigen [11, 13, 15].

Abb. 2: Vascular Plug; Vascular Plug der linken A. subclavia bei traumatischem Gefäßabriss. A. Rupturierte A. subclavia (weißer Pfeil). B. Vascular Plug (roter Pfeil). A. subclavia mit liegendem Katheter zur Lage- und Dichtigkeitskontrolle des eingebrachten Vascular Plugs mit Kontrastmittel (schwarzer Pfeil).

Besonders bei Vorliegen eines Polytraumas ist die Abwägung zwischen sofortiger Gefäßintervention und Priorisierung möglicher konkurrierender letaler Verletzungen (z.  B. intrakranielle Blutung, abdominelle Exsanguination etc.) von zentraler Bedeutung und sollte interdisziplinär getroffen werden.

Zwerchfellverletzungen beim Thoraxtrauma

Allgemeines

Zwerchfellverletzungen stellen eine seltene, jedoch klinisch relevante Entität im Rahmen des Thorax- und Abdominaltraumas dar. Sie treten sowohl nach stumpfem als auch nach penetrierendem Trauma auf und sind häufig mit schweren Begleitverletzungen assoziiert. Die Inzidenz wird bei schwerverletzten Patient:innen mit 0,3 – 5 % angegeben, wobei linksseitige Läsionen deutlich überwiegen. Nicht selten kommt es zu einer Verzögerung der Diagnosestellung, wobei es in der Folge zu einer Hernierung abdomineller Organe mit Komplikationen kommen kann [4, 16-18]. Häufigste Ursache für eine Zwerchfellruptur ist in Westeuropa ein stumpfes Trauma mit hohem Impact [18]. Hierbei kommt es zu einem abrupten Anstieg des intraabdominellen Drucks mit einer Scher- oder Rissverletzung der Zwerchfellmuskulatur. Auch frakturierte Rippen können eine direkte Verletzung des Zwerchfells verursachen [18]. Penetrierende Verletzungen verursachen nicht selten kleinere Defekte, die initial klinisch stumm bleiben können [4, 16, 17].

Initiale Versorgung und klinische Prioritäten

Die Akutversorgung orientiert sich primär an den ATLS-Prinzipien. Zwerchfellverletzungen sind selten die unmittelbare Ursache der hämodynamischen Instabilität. Bei einem Hochrasanztrauma, relevantem thorakoabdominalen Verletzungsmuster oder unklarem Hämothorax sollte an eine Zwerchfellläsion gedacht werden, um diese im Rahmen des Gesamttraumas zu identifizieren [2, 4, 19].

Diagnostik

Das Ganzkörper-CT ist das diagnostische Verfahren der Wahl bei hämodynamisch stabilen oder stabilisierten Patienten. Typische CT-Zeichen sind Diskontinuität des Zwerchfells und die Herniation. Die Sensitivität der CT ist linksseitig höher als rechtsseitig. Bei persistierendem klinischem Verdacht auf eine Zwerchfellruptur, welche im CT nicht diagnostiziert wurde, besteht die Indikation zur diagnostischen Laparoskopie oder Thorakoskopie [2, 4, 17, 19, 20].

Hämodynamische Instabilität und Damage-Control-Aspekte

Bei hämodynamisch instabilen Patienten steht die Kontrolle assoziierter Blutungsquellen im Vordergrund. Die Zwerchfellrekonstruktion erfolgt im Rahmen der Damage-Control-Chirurgie in der Regel verzögert, sobald eine physiologische Stabilität erreicht ist. Ein primärer Verschluss bei instabilen Patient:innen ist nur dann indiziert, wenn der Defekt im Rahmen einer ohnehin notwendigen Thorakotomie oder Laparotomie rasch und ohne relevante Zeitverzögerung adressiert werden kann [4, 16, 19].

Definitive operative Versorgung

Die definitive Therapie besteht in der operativen Rekonstruktion des Zwerchfells. Akute Verletzungen werden bevorzugt mit nicht resorbierbarem Nahtmaterial spannungsfrei verschlossen. Bei größeren Defekten oder chronischen Hernien kann der Einsatz von alloplastischem oder biologischem Netzmaterial erforderlich sein. Minimalinvasive Verfahren (Laparoskopie oder VATS) haben sich in der Versorgung der Zwerchfellverletzung bei stabilen/stabilisierten Patient:innen etabliert und sind mit geringer Morbidität assoziiert [2, 4, 19, 20].

Spätfolgen und besondere Aspekte

Nicht erkannte Zwerchfellverletzungen können zu verzögerten Hernien mit Inkarzeration von Magen, Kolon oder Dünndarm führen und sind mit erheblicher Morbidität verbunden. Daher empfiehlt sich eine systematische Reevaluation bei unklaren thorakoabdominellen Verletzungsmustern und die großzügige Indikation zur explorativen Diagnostik [2, 4, 19].

Abb. 3: Traumatische Zwerchfellverletzung; Legende: Traumatische Zwerchfellruptur links. A. Hämatoserothorax links. Rupturstelle (roter Pfeil) mit nach intrathorakal verlagerten Gewebeanteilen aus dem Abdomen. B. VATS links: Omentum majus Anteile (gelber Pfeil). Milz (blauer Pfeil). C. VATS links: Zwerchfellnaht (weißer Pfeil).

Tracheobronchiale Verletzungen

Ätiologie und Inzidenz

Tracheobronchiale Verletzungen (TBI) sind selten, aber potenziell lebensbedrohlich und herausfordernd bei der Therapie. Ätiologisch werden traumatische und iatrogene Ursachen unterschieden. Traumatische Verletzungen entstehen überwiegend infolge stumpfer Thoraxtraumen, insbesondere bei Dezelerationstraumata und Kompressionstraumata des Thorax, sowie seltener durch penetrierende Verletzungen des Hals- oder Thoraxbereichs [21]. Iatrogene Läsionen treten vor allem im Rahmen endotrachealer Intubationen, Tracheotomien oder interventioneller Bronchoskopien auf [22].

In einer Analyse von 136.389 Patienten aus dem TraumaRegister DGU wurde eine Inzidenz von 0,4 % für traumatische TBI berichtet, bei gleichzeitig signifikant erhöhter Mortalität im Vergleich zu Patienten ohne Atemwegsverletzung [23]. Aufgrund hoher präklinischer Letalität ist jedoch von einer Untererfassung auszugehen [24].

Klassifikation

Eine standardisierte Klassifikation ist entscheidend für Diagnostik, Therapieentscheidung und Vergleichbarkeit wissenschaftlicher Daten. Von der interdisziplinären Arbeitsgruppe der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie (DGT) und der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) wurde 2023 eine einheitliche, praxisorientierte Klassifikation vorgeschlagen [25].

Diese Klassifikation berücksichtigt morphologische Kriterien (Tabelle 1) und den Ort der Läsion (Tabelle 2). Somit können Empfehlungen zum therapeutischen Vorgehen und im Falle einer Operation auch zum Zugangsweg gegeben werden. Die flexible Bronchoskopie bleibt dabei der diagnostische Goldstandard.

Tab. 1: Klassifikation tracheobronchialer Verletzung nach Verletzungsausmaß und der daraus folgenden Therapieempfehlung

Beschreibung der Verletzung

Therapie

0

Mediastinalemphysem ohne sichtbare Verletzung

Konservativ

I

Verletzung Mucosa/Submucosa

Konservativ

II

Verletzung Muskuläre Schicht

Konservativ

IIIA

Komplette Durchtrennung mit Protrusion Ösophagus

Chirurgisches Vorgehen, ggf. Stent

IIIB

Tracheoösophageale Fistel

Chirurgisches Vorgehen, ggf. Stent

IIIC

Subtotale Durchtrennung bronchial

Chirurgisches Vorgehen

IV

Komplette Durchtrennung

Chirurgisches Vorgehen

Tab. 2: Klassifikation tracheobronchialer Verletzung nach Lokalisation der Verletzung und der daraus folgenden Empfehlung des Zugangsweges

Lage der Verletzung

Zugangsweg

a

laryngotrachealer Übergang

collar

b

Trachea subglottisch bis 2 cm cranial der Carina

collar, ggf. mit partieller Sternotomie

c

Carina mit beiden Hauptbronchien

rechtslaterale Thorakotomie

dR + dL

Lappenbronchialbaum

rechtsseitige (dR) oder linksseitig (dL) Thorakotomie

Initiale Behandlung und Sicherung der Atemwege

Die initiale Versorgung folgt den Prinzipien der strukturierten Traumaversorgung mit Fokus auf die frühzeitige Sicherung der Atemwege. Typische klinische Zeichen sind Dyspnoe, Stridor, Hämoptyse und subkutanes Emphysem [22].

Die Atemwegssicherung sollte möglichst bronchoskopisch assistiert erfolgen. In Abhängigkeit von Verletzungsmuster und klinischer Situation können Interventionen wie Tracheotomie, Doppellumentubus oder distale Tubusplatzierung erforderlich sein [2]. Die Empfehlungen der DGT/DGU betonen die Bedeutung eines interdisziplinären Vorgehens bereits in der Akutphase [25].

Chirurgische Versorgung

Eine operative Therapie ist bei ausgedehnten Rupturen, relevanter Atemwegsinstabilität, persistierendem Luftleck oder begleitenden Verletzungen indiziert [24]. Ziel ist die frühzeitige, spannungsfreie Rekonstruktion mittels primärer Naht oder segmentaler Resektion mit Anastomose. Der operative Zugang richtet sich nach der Lokalisation der Läsion. Kleine, stabile iatrogene Verletzungen können in ausgewählten Fällen konservativ oder endoskopisch behandelt werden [26].

Die Literaturliste erhalten Sie auf Anfrage via passion_chirurgie@bdc.de.

Dr. med. Christof Schreyer

Leiter Sektion Thoraxchirurgie

Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie

Bundeswehr Zentralkrankenhaus Koblenz

christofschreyer@bundeswehr.org

Dr. med. Stephan Raab

Leiter Sektion Thoraxchirurgie

Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Transplantations- und Thoraxchirurgie

Universitätsklinikum Augsburg

Stephan.Raab@uk-augsburg.de

Chirurgie

Schreyer C, Raab S: Versorgung des Thoraxtraumas beim schweren Polytrauma. Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 03_05.

www.bdc.de

Fehlerkultur in der Chirurgie und Second-Victim-Phänomen

Allgemeines zu Fehlern in der Chirurgie

Jeder Mensch begeht Fehler am laufenden Band, privat oder bei der Arbeit. Meist sind sie so klein, dass sie nicht der Rede wert sind oder nicht einmal auffallen. Sie können jedoch auch Ausmaße erreichen, die einen Patienten gefährden können. Manchmal sind es absolut vermeidbare Fehler, die durch Unachtsamkeit oder Fahrlässigkeit geschehen. Diese werden in der Rechtsmedizin als Behandlungsfehler gewertet und somit entsprechend geahndet. Beispiele sind Verwechslung der Seite bei einer Knieoperation oder das Vergessen von Gegenständen wie Tupfer oder Instrumente in der Bauchhöhle. Andere Fehler werden als solche erst erkennbar, nachdem sie geschehen sind, wie z. B. eine Operation, die wir besser nicht durchgeführt hätten, weil das Risiko sehr hoch war. Diese Situation ist kein Behandlungsfehler im Sinne des Gerichts, sondern wird durch das erhöhte Risiko provoziert. Das wird mit den Patienten zuvor genauso ausführlich besprochen und das schriftliche Einverständnis eingeholt.

Davon abzugrenzen sind die Komplikationen, die ohne schuldhafte Vorgehensweise auch bei sehr sorgfältiger Behandlung auftreten können, wie z. B. eine Anastomoseninsuffizienz nach einer Darmnaht oder eine Lungenembolie. Je größer eine Operation, desto wahrscheinlicher sind Komplikationen. Bei Ösophagusresektionen sprechen wir von bis zu 50 %, die akzeptiert und meist gut behandelbar sind. Diese werden vor Gericht als schicksalhaft eingestuft und nicht geahndet. Natürlich treten Komplikationen häufiger auf, wenn die Operation technisch nicht optimal durchgeführt wird. Beispiele sind Nachblutungen durch unsaubere Ligaturen oder nicht schichtgerechte OP-Technik, Verletzung von anderen Organen wie dem Ureter oder der Milz. Um dieser Situation zuvorzukommen und um die Qualität der Operation immer so hoch wie möglich zu halten, assistiert ein erfahrener Chirurg dem Unerfahreneren die Operationen so lange, bis die Qualität ausreichend hoch ist, um eigenverantwortlich operieren zu können. Tabelle 1 fasst die drei Typen von Fehlern zusammen.

Nicht jeder Fehler hat einen Schuldigen. Manche sind vermeidbar, andere nicht.

Maßnahmen zur Vermeidung von Fehlern

Die vermeidbaren und angreifbaren Fehler in Punkt 1 der Tab. 1 können durch zahlreiche Maßnahmen minimiert werden (Tab. 2). Sie sind im Fokus zahlreicher sinnvoller Maßnahmen, die immer wieder aktualisiert werden und zu einer deutlichen Reduktion der Fehlerquote geführt haben [1].

Fehler in Punkt 2 und 3 aus Tabelle 1 können nur durch äußerst sorgfältiges Handeln der Ärzte minimiert werden. Letztlich sind Fehler nie gänzlich vermeidbar.

Tab 1: Fehler in der Chirurgie

1. Behandlungsfehler durch Fahrlässigkeit
Falsche Seite, Verwechselung des Patienten, vergessenes Instrument, falsches Medikament, etc.

2. Sekundärer vermeidbarer Fehler
Zu hohes Risiko der OP, zu viel Chirurgie in einer OP, anstatt eine zweizeitige OP durchzuführen

3. Schicksalhafte Komplikation
Verletzung des Ureters oder der Milz, Anastomoseninsuffizienz, Thrombose, Wundinfektion, Nachblutung

Second-Victim-Phänomen (SVP)

Während das bislang Dargestellte allgemein bekannt ist und in jeder Klinik verpflichtend Anwendung findet, wird deutlich weniger Aufmerksamkeit denjenigen persönlich gewidmet, denen schwerwiegende Fehler unterlaufen. Ein guter und gewissenhafter Chirurg fühlt sich auch bei einer nicht vermeidbaren Komplikation verantwortlich und betroffen, denn er weiß, dass nicht jede Operation gleich ist und oft ihre Tücken hat.

Der erste Gedanke sollte hier sein: „Habe ich persönlich etwas falsch gemacht? Was ich hätte vermeiden können? War ich nicht sorgfältig genug? Hätte ich eine bestimmte Naht anders anlegen sollen?“ Nur durch die eigene Reflexion und Selbstkritik sind wir in der Lage, uns zu verbessern und zu optimieren. Somit kommt es bei ungeplanten Ereignissen zwangsläufig zu einer negativen psychologischen Reaktion. Umso stärker betroffen sind wir, wenn es sich um einen vermeidbaren Behandlungsfehler handelt, der entweder durch eine Verkettung unglücklicher Umstände oder aber durch einen einzigen Zwischenfall entstanden ist. Es können mehrere oder nur eine Person beteiligt sein. In diesen Fällen ist die psychische Belastung für den behandelnden Arzt ungleich größer. Neben dem Schaden für den Patienten kommen mögliche weitere Faktoren dazu. Eine Metaanalyse zeigt die häufigsten Symptome und Auswirkungen bei 6629 Behandlern [2], die in Tabelle 3 aufgelistet sind. Man nennt diese Situation das „Second Victim Phenomenon“ (SVP), wobei der Behandler selbst zum „Opfer“ wird.

Tab. 2: Häufigste Maßnahmen zur Vermeidung von Fehlern

M&M-Konferenzen nach aufgetretenen Fehlern

„Critical Incidence Reporting System“ (CIRS) bei Beinaheunfällen

Patientenidentifikation durch Armbänder mit Namen

Markierung der zu operierenden Seite

Team-Time-Out vor dem Schnitt (= Checkliste mit den wichtigsten Punkten)

Zählen der Tupfer, Instrumente und anderem, was Verwendung im OP fand, durch die Pflege

Zusätzlich kommt noch die Angst vor weiteren Konsequenzen: Neben der emotionalen Last besteht oft die Sorge vor rechtlichen Schritten, dem Verlust der Zulassung oder einer öffentlichen Stigmatisierung.

Diese psychische Belastung und den Umgang damit möchten wir in diesem Artikel hervorheben.

Der Arzt, der den Fehler begeht, kann selbst zum Opfer werden.

In einer italienischen Studie [3] wurden an einem Kollektiv aus 80,7 % Pflegepersonal und 19,3 % Ärzten ein validierter modifizierter Fragebogen (IT-SVEST) verteilt und ausgewertet, der ähnliche Fragen beinhaltete. 57,4 % der Befragten arbeiteten nicht in der Chirurgie. Die beschriebenen Symptome waren ähnlich, jedoch anders gewichtet. Nur 23,5 % litten unter psychischen und 9,9 % unter physischen Symptomen. Die Unterschiede zur Metaanalyse von Bryan könnten an dem sehr ungleichen Kollektiv liegen. Allerdings erbringt eine andere italienische Studie mit demselben Instrument bei allen Heilberufen des Krankenhauses von Udine wieder eine deutlich höhere Häufigkeit von Symptomen, die stärker der Metaanalyse ähnelt [4]. Gemeinsam ist den Studien, dass in einem größeren Teil der Behandler Schäden entstehen, die beseitigt, gelindert oder behandelt werden müssen.

Tab. 3: Auswirkungen des SVP (aus [2])

Emotional

Angst

Schuldgefühle

Trauer

56,3 %

53,8 %

48,3 %

Physisch/psychosomatisch

Schlafstörungen

50,5 %

Professionell

Verlust des Ansehens und des Selbstbewusstseins

35,8 %

Sozial

Interessensverluste

Belastung der sozialen Beziehungen

52,0 %

24,5 %

Auswirkung auf die Betroffenen als Second Victim in der Patientenversorgung

Im Alltag führt das Second-Victim-Phänomen bei den Betroffenen zu einer Verschlechterung der Leistung, denn unter Angst, erneut solch einen Fehler zu begehen, werden Entscheidungen mitunter irrational. Eine deutlich defensivere Medizin mit Entscheidungsschwäche, frühzeitiger Einstufung einer Inoperabilität, Verlegung der Patienten in andere Kliniken oder unnötiger weiterer Diagnostik sind die Folgen. Grundsätzlich werden emotional-psychologische Folgen von einer Verschlechterung der medizinischen Leistungsfähigkeit und vom Absentismus, also von Fehltagen des betroffenen Chirurgen, der sich erst erholen muss, unterschieden.

Wir erinnern uns, dass wir während unserer Assistenzarztphase immer wieder mit Wutausbrüchen unserer vorgesetzten Chefärzte konfrontiert wurden, wenn wir vermeintliche Fehler begangen hatten. Darauf folgte unter Umständen ein OP-Verbot für 4 Wochen. Nach den modernen Konzepten der Deontologie und der medizinischen Didaktik ist diese Vorgehensweise keineswegs empfehlenswert, denn sie belastet die Ärzte noch deutlich mehr und führt zu einer weiteren Verschlechterung ihrer persönlichen Leistung.

Wenn z. B. ein Mensch mit V. a. akute Appendizitis vorstellig wird, ist die übliche Vorgehensweise, bei bestimmten Symptomen und Untersuchungsergebnissen die Appendektomie durchzuführen. Ein psychisch belasteter Arzt wird eher zurückhaltend mit der Entscheidung sein, wird z. T. unnötige Diagnostik wie ein CT oder weiteren Ultraschall initiieren, oder aber die Dringlichkeit verkennen und den Patienten zur Beobachtung aufnehmen. Der richtige OP-Zeitpunkt wird dadurch verschoben und die Folgen für den Patienten werden schwerer. Oder aber ein Tumor wird als inoperabel eingestuft, den der traumatisierte Chirurg zuvor problemlos entfernt hätte. Dieses Verhalten kann sich auf das Team übertragen, insbesondere wenn der Betroffene eine Stellung mit viel Ansehen im Team einnimmt oder ein Vorgesetzter ist. Aufgrund dieser Psychodynamik kann im Team eine Kultur der defensiven Medizin entstehen, die in der Regel nicht günstig ist. Patienten werden zu spät operiert, die Geschwindigkeit des Eingriffs nimmt ab, die Leistungsfähigkeit von Operateur und Team sinkt. Die Angst vor Komplikationen steigt und somit auch vor der Durchführung größerer Operationen. Gleichzeitig erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen in einem mehr oder minder ausgeprägten circulus vitiosus.

Vertrauen und gute Kommunikation helfen das Selbstvertrauen wieder aufzubauen.

Maßnahmen zur Reduktion der Auswirkungen des SVP

Eine hilfreiche Fehlerkultur kann diese Entwicklungen stoppen oder zurück in eine günstige Richtung lenken. Man kann sie auch als Kommunikationskultur bezeichnen, da sie eigentlich die Besprechung, Beurteilung und Verarbeitung schwieriger Ereignisse und Erlebnisse beinhaltet und das Stigma des Versagens zu vermeiden hilft. Dazu gehören die Punkte in Tabelle 4:

Tab. 4: Kernmerkmale und Vorteile einer offenen Kommunikationskultur:

Vertrauensbasis

Mitarbeiter können Meinungen äußern, ohne negative Konsequenzen befürchten zu müssen.

Fehler- und Feedbackkultur

Fehler werden als Lernchancen genutzt; konstruktives Feedback ist der Standard.

Transparenz

Informationen fließen frei, was Spekulationen (Flurfunk) minimiert.

Innovation & Leistung

Unterschiedliche Perspektiven führen zu besseren Entscheidungen, höherer Kreativität und gesteigerter Leistung.

Stärkerer Zusammenhalt

Fördert ein positives Teamklima, in dem gemeinsame Ziele verfolgt werden.

Typisch sind die Bewältigungsmechanismen oder Coping-Strategien von Second Victims. Was bei Feuerwehr, Rettungskräften und Soldaten vielfach beschrieben wurde, gilt auch in diesem Fall: Reden hilft. Aber es ist nicht egal, mit wem.

Im Team wird das Gespräch in 72,5 % bei Kollegen und im familiären und Freundeskreis in 52,0 % gesucht [2]. Von größter Bedeutung ist, dass der Chefarzt mit gutem Beispiel vorangeht. Im Idealfall trifft er die richtigen Entscheidungen und ist ein Vorbild für das Team. Wenn ihm aber ein Fehler unterläuft oder eine Komplikation entsteht, soll er damit offen und transparent umgehen und die Dynamik des Vorfalls am besten aus verschiedenen Blickwinkeln im Team diskutieren. Dabei ist die Aufforderung zur Beteiligung an andere Teammitglieder wesentlich, um einen Monolog des Mächtigen zu vermeiden. Auf diese Weise zeigt er, dass auch er nicht unfehlbar ist, was Vertrauen aufbaut. Er muss auch Kritik im Team standhalten und sie als etwas konstruktives Hilfreiches aufnehmen. Die Fehler müssen im Team besprochen werden, damit Lernprozesse entstehen. Alle sollten wissen, dass Komplikationen und Fehler zum „Geschäft“ gehören. Wenn ein Mitarbeiter des Teams offenbar durch eigenen Fehler belastet ist, sollte er darin unterstützt werden, die gleiche Operation erneut durchzuführen, am besten mit einem erfahreneren Kollegen oder dem Chefarzt. Der Chefarzt oder andere erfahrene Mitarbeiter sollten auch zu Hilfe gerufen werden können, wenn etwas schwieriger ist als erwartet. In der Chirurgie bedeutet dies auch für den Chefarzt, ggf. nachts in die Klinik zu fahren, um seinem Team in schwierigen Situationen zu helfen. Solche Maßnahmen zeigen nicht nur die praktische Unterstützung, sondern auch den mentalen Rückhalt, den die Assistenzen erfahren.

In den meisten Kliniken fehlt eine organisierte Unterstützung, sodass sie im Wesentlichen in der Abteilung selbst organisiert werden muss.

Aus unserer Sicht sind offene Gespräche bei der Arbeit mit den Kollegen und den Vorgesetzten essenziell, um die psychische Last zu mildern. Im familiären Bereich, der auch in über 50 % der Fälle genutzt wird, sollte die innere Harmonie wiederhergestellt werden. Sport zu treiben, wird von vielen als Behandlungsmaßnahme angewendet, um den Stress abzubauen.

Spezielle Trainingsformen wie Peer-Support-Programme, bei denen die Betroffenen mit anderen erfahrenen Kollegen sprechen können, oder Resilienztraining können sehr hilfreich und wirksam sein und sollten im Einzelfall in Erwägung gezogen werden.

Falls sich das Second Victim über mehrere Wochen verstärkt angespannt, schreckhaft und unruhig fühlt, den Ort des Geschehens durch Fehltage zu vermeiden beginnt und sich aufdrängende Erlebnisbilder, sogenannte Flashbacks, einstellen, liegt eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung vor. Sie ist die Indikation für psychotherapeutische Betreuung oder, falls diese Maßnahmen nicht ausreichen, auch für psychiatrische Behandlung mit antidepressiven Medikamenten, die das Angst- und Anspannungsniveau senken [5].

Qualitäts-, Sicherheits- und Risikomanagement sind, so bürokratisch sie manchmal erscheinen mögen, präventive Vorkehrungen, die die Sicherheit der Patienten und das Wohlbefinden im Helferberuf auf direktem Wege erhöhen.

Im psychologischen Sinn ist Wohlbefinden trotz wiederholter Stresssituationen eng mit einer Fähigkeit verknüpft, die der Philosoph Nassim Nicholas Taleb „Antifragilität“ genannt hat: Es geht darum, nicht zu zerbrechen. Noch weiter reicht der Begriff der Resilienz. Sie ist die Fähigkeit, an Krisen zu wachsen oder aus Fehlern so zu lernen, dass zukünftige schwierige Situationen zunehmend besser gemeistert werden können.

Aaron Antonovsky studierte in dieser Hinsicht das Schicksal von Frauen, die das KZ überstanden hatten. Er entdeckte, dass 29 % von ihnen ohne besondere Hilfen zu einem normalen Leben zurückfanden, und analysierte die Faktoren, die ihnen dabei zugutekamen, also ihre Resilienz stützten. Er stieß auf drei allgemein gültige Prozesse, die in jeder kritischen Situation, auch für Second Victims oder Third Victims (darunter versteht man die Organisationen, in denen Behandlungsfehler auftreten, also in unserem Fall die Krankenhäuser) gelten: Es soll die Überschaubarkeit, die Beeinflussbarkeit und die Sinnhaftigkeit der schwierigen Lage erhöht werden. Je besser ich einen gesetzten Schaden überblicke (und damit auch eingrenze), je mehr ich sofort oder später dagegen unternehmen kann und je größeren Wert der leidvolle Weg grundsätzlich besitzt, desto leichter lassen sich Second-Victim-Phänomene vermeiden oder mindern.

Literatur

[1]   Houben P. et al. Fehler-und Komplikations-Management in der Chirurgie. Chirurg2021·92:232–236

[2]   Bryan J, et al Second victim syndrome in surgeons: systematic review and meta-analysis of the impact of adverse events on surgeons. Br J Surg. 2025 Dec 24;113(1):

[3]   Sedile R et al. Understanding the Second Victim Phenomenon Among Healthcare Workers in an Italian Hospital. Eur J Investig Health Psychol Educ. 2024 Dec 16;14(12):3073-3086.

[4]   Moretti V. et al. The impact of the second victim phenomenon in an Italian Academic Hospital: a cross-sectional study. Eur J of Public Health 2021 31 (3), ckab 164. 668.

[5]   Strametz R. et al. The second victim phenomenon: comprehensive support and systemic change in healthcare. Internat J for Quality in Healthcare 2.

Korrespondierender Autor:

Prof. Dr. med. Guido Schumacher

Chirurgische Klinik

Krankenhaus Brixen und Sterzing

Dantestraße 51

39042 Brixen (BZ)

Italien

guido.schumacher@sabes.it

Dr. med. Roger Pycha

Klinik für Psychiatrie

Krankenhaus Brixen

Dantestraße 51

39042 Brixen (BZ)

Italien

roger.pycha@sabes.it

Panorama

Schumacher G, Pycha R: Fehlerkultur in der Chirurgie und Second Victim Phänomen. Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 09.

www.bdc.de

Was bringt der neue BDC-Messenger von Doctolib Connect?

Es ist so weit! Der neue BDC-Messenger ist „up and running”!

Der Messenger bietet BDC-Mitgliedern exklusiv eine Plattform zum Netzwerken und datensicheren Austausch von Informationen unter Chirurginnen und Chirurgen. Darüber hinaus stellt der BDC hier relevante aktuelle Informationen rund um den chirurgischen Beruf bereit. Seien Sie immer auf dem neuesten Stand zu den Themen wie Vergütung, Rechtstipps, etc. Los geht’s!

Klicken Sie sich durch die jeweiligen Themenkanäle und finden Sie die Beiträge, die für Sie wichtig sind!

Tauschen Sie sich mit Kolleginnen und Kollegen in den geschützten Chatgruppen zu bestimmten Themen aus. Eine Liste der existierenden Chats finden Sie im Themenkanal „Chatgruppen“. Sollten Sie Mitglied in bestimmten Chats werden wollen, schreiben Sie einfach an mail@bdc.de.

Einen Einblick in die App und ihre Funktionen erhalten Sie im Erklärvideo.

Eine Anleitung, zum Download der App und zum Beitreten ins BDC-Netzwerk finden Sie hier: BDC-Messenger_Anleitung.

Dr. Carolina Vogel, Ärztin in Weiterbildung für Unfallchirurgie an der BG Unfallklinik Tübingen

„Mit dem BDC-Messenger geht der Berufsverband einen wichtigen Schritt in Richtung digitale Vernetzung. Die Plattform ist übersichtlich, intuitiv bedienbar und ermöglicht einen unkomplizierten den Austausch unter Chirurginnen und Chirurgen. Neben der Chatfunktion sind auch Informationen aus dem BDC schnell verfügbar. Für mich ein wichtiger Impuls im Sinne einer nachhaltigen digitalen Transformation des BDC!“

Dr. Ralf Schmitz, niedergelassener Unfallchirurg und Mitgründer des MVZ Chirurgie in Kiel

„Ich persönlich nutze schon seit langem die Vorläufer-App Siilo und war und bin immer noch begeistert über das einfache Kommunizieren. So können ganz einfach mittels Container-Funktion medizinische Fälle zusammengestellt werden – und mit einer Desktop-Version sogar direkt aus dem KISS oder PVS heraus. Und das ganze datenschutzkonform ohne ungebetene Mitleser. Nun erwarte ich mit dem BDC Zugang und den verschiedenen Gruppen einen deutlich schnelleren Austausch und die kurzfristige Beantwortung oder Kommentierung von in die Gruppe geposteten Inhalten.“

Dr. Marie Samland, Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie am BG Klinikum Unfallkrankenhaus Berlin

„Über die Chatfunktion im BDC-Messenger ist ein datenschutzkonformer Austausch von Patientenfällen möglich, es lässt sich über Diagnosen und Therapieoptionen diskutieren. Auch kann ich mich hier mit Kolleginnen und Kollegen über den beruflichen Alltag austauschen und profitiere von der Erfahrung anderer. Der Rahmen ist dabei so geschützt, dass auch Konflikte oder Schwierigkeiten angesprochen werden können. Eine echte Bereicherung und Möglichkeit also, niederschwellig in den Kontakt zu kommen und sich auszutauschen. Die Frage ist: Wie haben wir es vorher ohne geschafft??“

Päßler O: Was bringt der neue BDC-Messenger von Doctolib Connect? Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 07_02.

Erklärtes Ziel: Schulterschluss aller Chirurginnen und Chirurgen in allen Regionen Deutschlands

Interview mit Professor Carolin Tonus und Dr. Björn Schmitz

Im September 2025 wurden Professor Dr. Carolin Tonus und Dr. Björn Schmitz als Doppelspitze zu Sprechern der BDC-Landesverbandsvorsitzenden und der Regionalvertretungen ernannt. Der BDC hat nachgefragt, wie die beiden sich ihre Arbeit mit den Mandatsträgerinnen und -trägern in den Landesverbänden des BDC vorstellen und welche Pläne sie verfolgen. Das Interview führte Olivia Päßler vom BDC.

Passion Chirurgie: Welchen Auftrag haben Sie sich als Vertreter der BDC-Landesverbände auf die Fahne geschrieben? Welche Pläne haben Sie bereits besprochen?

Carolin Tonus (CT): Es ist der Moment gekommen, in dem wir bei unserer Arbeit einen integrativen Ansatz verfolgen müssen. Dies meinen wir in alle Richtungen: Wir möchten nicht nur die Landesverbände an einen Tisch, sondern auch Kliniker und Niedergelassene miteinander ins Gespräch bringen und zur Zusammenarbeit einladen. Wir wollen unsere Themen und Projekte auch in enger Abstimmung mit Vorstand und Geschäftsführung vorantreiben.

Björn Schmitz (BS): Mit der Neuwahl möchten wir einen Neuanfang wagen. Wir haben eine Riesenchance, als Landesverbände gemeinsam sichtbarer zu werden. Den integrativen Ansatz wollen wir dabei nach außen wie auch nach innen verfolgen. Wenn wir als berufspolitischer Chirurgieverband etwas bewegen wollen und etwa bei den großen Themen wie Krankenhausreform und Weiterbildung gehört werden und mitbestimmen wollen, geht das nur, wenn wir uns einig sind und mit einer Stimme sprechen.

Welche Vorteile versprechen Sie sich von Ihrer Doppelspitzenfunktion?

BS: Ich kann sehr stark von Carolins Erfahrung profitieren. Sie ist in mehreren Funktionen in Hamburg und darüber hinaus aktiv, hat sogar eine Funktion als Aufsichtsrat an der Asklepios Kliniken Hamburg GmbH inne. Das ist extrem wertvoll für die Vernetzung und die berufspolitische Tätigkeit im BDC.

CT: Und ich profitiere von Björns jugendlichem Elan und seinen Ideen. Wir ticken ähnlich und ergänzen uns gut. Aufgrund meiner vielen Ämter hätte ich diese Aufgabe alleine nicht übernommen und ich bin dankbar, dass wir das gemeinsam machen. Zusammen haben wir einfach mehr Power und Perspektive. Es tut gut, wenn man sich mit seinen Gedanken ergänzt – natürlich auch gemeinsam mit allen anderen Playern.

Zu den Personen

Prof. Dr. med. Carolin Tonus
1. Vorsitzende BDC|Landesverband Hamburg
Sprecherin der Landes- und Regionalvertreter:innen im BDC
Chefärztin der Allgemein- und Viszeralchirurgie
Asklepios Klinik St. Georg

Professor Carolin Tonus im Portrait…

Dr. med. Björn Schmitz, MHBA
Vorsitzender des Landesverbands BDC|Westfalen-Lippe
Sprecher der Landes- und Regionalvertreter:innen im BDC
Mitglied BDC-Themenreferat „Krankenhausstrukturen, sektorenübergreifende Versorgung und Nachhaltigkeit“
Knappschaft Kliniken Westfalen
Allgemein- und Viszeralchirurgie, Proktologie

Dr. Björn Schmitz im Portrait…

Welche Verantwortung und welchen Einfluss haben speziell die Landesverbände aus Ihrer Sicht?

CT: Die Landesverbände sind die Sprecher der Basis. Und die Basis braucht Gewicht: Der Erfolg der Chirurgie in Deutschland hängt davon ab, dass bekannt ist, wo in den einzelnen Regionen der Schuh drückt. Das möchten wir transparent machen, zusammentragen und mit der Verbandsführung diskutieren. Nutzen wir die Stärke der Basis. Wir möchten sichtbar und wirksam werden und fordern daher auch von unseren Mitgliedern Engagement und Einsatz.

BS: Bei uns ist es ähnlich wie in der Politik. Wir als Landesvertretungen wollen bewirken, dass unser Vorstand und unsere Führungsspitze unsere Interessen vertreten. Dafür müssen wir aktiv werden, unsere Anliegen sammeln und konsentierte Themen beim Vorstand adressieren. Kurzgefasst: Wir identifizieren gemeinsame Themen, kommunizieren und begleiten sie.

Wie möchten Sie mit den Landesverbänden kooperieren, was erwarten Sie von den Landesverbänden?

CT: Eines ist klar: Wir fordern die Zusammenarbeit mit allen und untereinander ein. Wir sind keine Alleinunterhalter und wir können nicht die Kuh zum Kalben tragen. Deshalb begrüßen wir in den Ämtern für den BDC engagierte Mandatsträgerinnen und -träger, die etwas bewegen wollen. Wir sehen unsere Rolle so, dass wir eine Plattform bieten, informieren und begleiten möchten. Zudem möchten wir als Bindeglied Richtung Politik und BDC-Vorstand agieren.

BS: Der kleine praktische Schritt, wie wir dies umsetzen können, sind unsere regelmäßige gemeinsame Zoom-Konferenzen. Viele können schnell zusammenkommen. Das hat Zukunft, und die Termine für dieses Jahr stehen schon fest. Wichtig ist ein produktives Miteinander. Wir können nicht die Treiber sein, ein Mandat in den Landesverbänden erfordert Eigenengagement. Und ich kann sagen: Das zahlt sich für jeden einzelnen und jede einzelne aus!

Welche Herausforderungen sehen Sie für sich selbst in Ihrer Position?

CT: Zunächst einmal sind wir als Ärztinnen und Ärzte keine Lobbyexperten. Wir arbeiten aus Überzeugung und Erfahrung heraus. Bei mir kommt noch dazu, dass meine Generation es als Baby-Boomer gewöhnt ist, sich durchzubeißen und gegeneinander zu konkurrieren. Die heutige Generation ist geprägt von Kooperation. Dieses Mandat auf Alleinherrschaft ist also vorbei. Wir wollen den Föderalismus überwinden und die Schwarmintelligenz untereinander fördern. Je mehr wir uns vernetzen und austauschen, desto besser sind wir. Das sehe ich in der Klinik auch: Egal ob in der Ärzteschaft oder der Pflege oder übergreifend: Ein Team ist immer stärker als die einzelnen Charaktere.

Ein Schlusswort bitte!

CT: Nochmal – durch Zusammenarbeit können wir mehr PS als die jeweils einzelnen Landesverbände auf die Straße bringen. Das Zusammen ist also wichtig, bedarf aber auch der Loyalität.

BS: Die Landesverbände sollen eine Basis des gemeinsamen Gedeihens sein. Wir fordern Loyalität von allen Seiten, das heißt auf der horizontalen und auf der vertikalen Ebene, und aktives Mitgestalten. So können wir sichtbar werden und uns für unsere Belange effektiv einsetzen. Für den einzelnen erweitert es den Horizont, denn wir alle können voneinander lernen.

Päßler O: Erklärtes Ziel: Schulterschluss aller Chirurginnen und Chirurgen in allen Regionen Deutschlands. Passion Chirurgie. 2026 Januar/Februar; 16(01/02): Artikel 07_03.

ZDF-Morgenmagazin: OP-Aufkommen normalisiert sich

Das MOMA berichtete am 20. August 2020 über die Situation in deutschen OP-Sälen nach dem Lockdown. Dabei gab Prof. Joachim Jähne, Chefarzt Chirurgie, Viszeralchirurgie, spezielle Viszeralchirurgie und chirurgische Intensivmedizin am DIAKOVERE-Klinikum in Hannover seine Einschätzung stellvertretend für den Berufsverband der Deutschen Chirurgen und der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie: „Seit Mitte Juni arbeitet das Klinikum wieder im Normalbetrieb. Eine deutliche Entspannung ist zu verzeichnen.“ Patienten, deren Eingriffe verschoben werden mussten, würden wieder einbestellt. „Wir sind auf einem guten Weg“, so Professor Joachim Jähne.

Hier geht’s zum Beitrag:

https://www.daserste.de/information/politik-weltgeschehen/morgenmagazin/videos/corona-aktuell-aufgeschobene-ops-100.html