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Neue Ausgabe PASSION CHIRURGIE: Nachhaltigkeit in der Chirurgie

Hier geht’s zur neuen Ausgabe der PASSION CHIRURGIE 05/26: Nachhaltigkeit in der Chirurgie

Wie nachhaltig kann Chirurgie heute eigentlich sein? Die Mai-Ausgabe widmet sich der ökologischen Verantwortung im OP – von „Single Use“-Materialien bis zu klimaverträglicher Versorgung. Unser besonderer Blickfang: Das Coverbild der Künstlerin Maria Koijck, das den Ressourcenverbrauch ihres eigenen chirurgischen Eingriffs eindrucksvoll sichtbar macht. Aufschlussreiche Einblicke, klare Forderungen und neue Perspektiven zeigen: Nachhaltigkeit in der Chirurgie geht uns alle an.

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Eine entspannte Lektüre wünscht
Ihr PASSION CHIRURGIE-Team

Wege zu einer umweltbewussten chirurgischen Praxis

Antje Boccatius

Im März 2023 veröffentlichte ich meinen ersten Artikel zum Thema Nachhaltigkeit in einer chirurgischen Praxis. Doch was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich? Sie beschreibt die Fähigkeit, die Bedürfnisse der Gegenwart so zu befriedigen, dass die Möglichkeiten zukünftiger Generationen nicht eingeschränkt werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie es uns gelingen kann, dieses anspruchsvolle Vorhaben im alltäglichen Praxisbetrieb und unter den bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen verantwortungsvoll voranzutreiben.

Wie kann ein Team eine derart komplexe Aufgabe bewältigen?

Die Antwort liegt in einer nachhaltig geprägten und authentisch gelebten Unternehmenskultur sowie einer entsprechenden Führung. Diese beiden Elemente bilden die entscheidenden Pfeiler unserer Teamtransformation. Um Mitarbeitende in diesem Veränderungsprozess mitzunehmen, müssen sowohl Führung als auch Unternehmenskultur Schritt für Schritt auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. Indem Führungskräfte nachhaltige Werte vorleben, schaffen sie ein Arbeitsumfeld, das zur Zielerreichung motiviert und die Umsetzung klimafreundlicher Maßnahmen unterstützt. So kann es gelingen, dass eine Praxis nicht nur ökologisch verantwortungsvoll handelt, sondern auch langfristig erfolgreich bleibt.

Mitarbeitende motivieren

Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter kann einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dafür ist es notwendig, ein Bewusstsein und eine Akzeptanz für nachhaltiges Alltagshandeln zu entwickeln. Mitarbeitende sollen darin bestärkt werden, sowohl privat als auch beruflich ressourcenschonender zu leben und zu arbeiten.

Wir alle wissen, dass es schwerfällt, bestehende Gewohnheiten zu verändern. Der Satz „Das haben wir doch schon immer so gemacht“ ist vielen von uns vertraut – insbesondere von Kolleginnen und Kollegen, die sich mit Veränderungen schwertun (mich eingeschlossen). Dennoch kann es durch gemeinsam formulierte Ziele, eine offene und zuhörende Kommunikationskultur sowie das Wissen um psychologische Veränderungsprozesse gelingen, fest verankerte Routinen aufzubrechen. Entscheidend ist, Mitarbeitende aktiv zu beteiligen, sie in die Entwicklung von Maßnahmen einzubinden und transparent über Fortschritte zu informieren. Auf diese Weise können wir gemeinsam wirksame und nachhaltige Veränderungen erreichen. Ein starkes Wir-Gefühl, geprägt von gegenseitiger Unterstützung und Freude am gemeinsamen Fortschritt, fördert nicht nur das Miteinander, sondern auch die langfristige Weiterentwicklung der gesteckten Ziele.

So konnten wir die Ziele, die wir uns für das Jahr 2023 gesetzt hatten, kontinuierlich weiterentwickeln. Unsere Faxe werden inzwischen in einer digitalen Faxbox empfangen, wodurch wir einen erheblichen Papierverbrauch einsparen. Bestellungen erfolgen ausschließlich digital und online, was zusätzlich unseren Arbeitsalltag erleichtert. Bei der Verschreibung von Medikamenten achten wir darauf, Ibuprofen statt Diclofenac zu verordnen, da bekannt ist, dass Diclofenac das Abwasser stark belastet. Zudem tragen neue Computer mit moderner Technik dazu bei, die Stromkosten zu senken und unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern.

Nachhaltigkeits­beauftragte in der Praxis

Eine Idee aus unserem gemeinsamen Ideenpool ist die Benennung einer oder eines Nachhaltigkeitsbeauftragten. Diese Person ist verantwortlich für die Analyse von Nachhaltigkeitschancen und -risiken innerhalb der Praxis. Darauf aufbauend werden gemeinsam Ziele und Maßnahmen entwickelt, um die Nachhaltigkeitsleistung kontinuierlich zu verbessern. In Teambesprechungen informiert die oder der Beauftragte regelmäßig über den Fortschritt der Strategieumsetzung sowie über die Einbindung externer Akteure wie Patientinnen, Patienten und Lieferanten.

Abschließend kann ich sagen, dass Nachhaltigkeit in der chirurgischen Praxis ein strategischer Erfolgsfaktor ist, der ökologische Verantwortung, ökonomische Stabilität und medizinische Qualität miteinander verbindet. Die erfolgreiche Umsetzung hängt maßgeblich von Führung, Teamkultur und strukturellen Rahmenbedingungen ab. Durch konsequente Digitalisierung, bewusste Material- und Medikamentenwahl sowie institutionalisierte Verantwortlichkeiten können chirurgische Praxen messbare Beiträge zum Klima- und Ressourcenschutz leisten – ohne Abstriche an der Versorgungsqualität.

Antje Boccatius

Qualitäts- und Praxismanagerin

Orthospine Magdeburg

Durchgangsarztpraxis

Lübecker Straße 32

39124 Magdeburg

Chirurgie

Boccatius A: Wege zu einer umweltbewussten chirurgischen Praxis. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_05.

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Editorial 05/2026: Nachhaltigkeit in der Chirurgie

Zur Maiausgabe PASSION CHIRURGIE: Nachhaltigkeit in der Chirurgie

Ökologische Bilanzen ärztlicher Tätigkeit in den Vordergrund zu rücken, fällt aktuell schwer. Krisen drohen dem Gesundheitssystem von überall. Die finanzielle Lücke im Gesundheitssektor ist neben den reinen Kosten auch auf ein Defizit bei den Einnahmen und eine Explosion bei den allgemeinen Ausgaben zurückzuführen. Und so fallen selbst die stetig flackernden Kriege in den weltversorgenden Energieregionen heftig ins Gewicht. Frieden in Europa reicht auch für ein stabiles Gesellschaftssystem nicht mehr aus. Bei so vielen drängenden Herausforderungen lässt sich nur allzu schnell vergessen, dass die ökologische Uhr weiterhin tickt und tickt und tickt. Gerade deshalb ist es so bedeutsam, das große Thema „gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten“ lebendig zu halten. Dieses Heft hat genau dieses Ziel!

Manchmal kann Kunst auf Dinge aufmerksam machen, für die wir im chirurgischen Alltag bereits betriebsblind sind. Auf dem Titelbild der Passion Chirurgie sehen Sie die Künstlerin Maria Koijck inmitten einer ihrer Installationen. Die gebürtige Niederländerin macht Dinge auf ästhetische Weise sichtbar, die uns in ihrer Drastik nicht bewusst sind: So hat sie bei dieser Aktion alle Einmalmaterialien, die rund um ihre Brust-Operation angefallen sind, gesammelt und als riesiges Muster um sich herum drapiert. Im Interview mit Frau Koijck haben wir nach ihrer Motivation für ihre Kunstaktion gefragt und wie sie sie praktisch durchgeführt hat. Ihre Antworten dazu sind unterhaltsam, erkenntnisreich und teilweise sogar abenteuerlich!

Die Anstrengungen ausgewählter Kliniken und Institute, die ökologische Bilanz von Gesundheitspflege zu verbessern, sind im wahrsten Sinne bemerkenswert. Klar scheint, dass Einrichtungen öffentlicher Trägerschaft wie Universitätskliniken mehr Möglichkeiten haben als der lokale Versorger um die Ecke. Aber man braucht nicht unbedingt Elektrofahrzeuge im Shuttleservice des Insektenhotels, um messbare Effekte zu erreichen. Ein einfacher Schlüssel scheint die Vermeidung von „Single-use Items“ zu sein, die nicht nur die Abfallmengen, sondern auch die Emissionen erhöhen. Ein weiteres Beispiel ist die Mülltrennung, die längst jeden Privathaushalt erreicht hat, Krankenhäuser aber oft ausspart. Hier ist jede einzelne Klinik gefragt, einen Beitrag zu leisten. Zur Umsetzung der Ziele müssen wir als Anwender endlich die Industrie in die Pflicht nehmen, die oft den Wiedereinsatz von Instrumenten zugunsten der eigenen Absätze unterbindet und „Design for Recycling“ selbst im anglifizierten Management-Talk für ein Fremdwort hält. Wir als Chirurginnen und Chirurgen haben den Hebel in der Hand, Lösungen einzufordern.

Liebe Leserinnen und Leser, den für die Chirurgie entscheidenden Punkt formuliert letztendlich Viszeralchirurg Johannes Klose: „Es ist nicht die Frage, welche OP-Methode die nachhaltigste ist, sondern wie wir chirurgische Versorgung insgesamt klimaverträglicher gestalten.“ Dieser eine Satz bringt die ökologische Diskussion in der Medizin sicherlich derzeit am besten auf den Punkt.

Packen wir es endlich an. Schaffen wir Bewusstsein.

Dr. med. Jonas Dohmen

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie

Bonn

apl. Prof. Dr. med. Johannes Klose, MBA

Universitätsklinik und Poliklinik für Viszerale, Gefäß- und Endokrine Chirurgie

Universitätsmedizin Halle (Saale)

Prof. Dr. med. Carsten Krones

Klinik für Allgemein-, Visceral- und Thoraxchirurgie, Proktologie

Krankenhaus Düren gem. GmbH

Olivia Päßler

Presse & Kommunikation

Berufsverband der Deutschen Chirurgie e.V.

Dr. med. Ina Prinz-Bravin

Fachärztin für Viszeralchirurgie

Prof. Dr. Daniel Vallböhmer

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie

Evangelisches Klinikum Niederrhein gGmbH

Editorial

Dohmen J, Klose J, Krones C, Paessler O, Prinz-Bravin I, Vallboehmer D: Editorial Nachhaltigkeit in der Chirurgie. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 01.

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Kann ein Krankenhaus der Maximalversorgung überhaupt nachhaltig sein?

Bedeutung der Maximalversorger im deutschen Gesundheitswesen

Krankenhäuser der Maximalversorgung zählen zu den komplexesten Organisationsformen im Gesundheitswesen. Sie gewährleisten hochspezialisierte, innovative und interdisziplinäre Medizin auf höchstem Versorgungsniveau und garantieren die interprofessionelle 24/7-Akutversorgung. Überregionale Einzugsgebiete und die kooperative Unterstützung von Kliniken niedrigerer Versorgungsstufen ergänzen das Leistungsangebot. Sie bilden den ärztlichen Nachwuchs aus und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Forschung.

Gleichzeitig zählen gerade diese Einrichtungen zu den ressourcenintensivsten Institutionen der Gesellschaft. Sie verbrauchen hohe Mengen an Energie, Wasser und Materialien, produzieren große Abfallmengen und verursachen relevante CO2-Emissionen. Bis zu 5,3 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen (THG) entfallen weltweit auf den Gesundheitssektor und in Deutschland sogar bis zu rund 6 Prozent [5]. Damit übertrifft dieser Sektor in Bezug auf die THG-Emissionen den innerdeutschen Flugverkehr (knapp 4 Prozent) [4].

Nachhaltigkeit und Maximalversorgung – Synergie oder Widerspruch?

Es stellt sich daher die Frage, ob Nachhaltigkeit für diese Institutionen letztlich ein wohlmeinender, aber realitätsferner Anspruch ist.

Die Erfahrung am Universitätsklinikum Augsburg (UKA) zeigt: Ein Krankenhaus der Maximalversorgung kann und muss nachhaltig handeln. Nicht trotz, sondern gerade wegen des Versorgungsauftrags. Nachhaltigkeit ist keine Imagefrage oder Einzelmaßnahme, sondern eine Bringschuld gegenüber den Patientinnen und Patienten, den Mitarbeitenden und gegenüber der Gesellschaft.

Universitätsmedizin im Spannungsfeld planetarer Grenzen

Die globalen Klima- und Umweltveränderungen sind längst keine abstrakten Zukunftsszenarien mehr. Extremwetterereignisse, hitzebedingte Mortalität, veränderte Infektionsdynamiken und zunehmende chronische Belastungen betreffen die Versorgungsrealität unmittelbar [1]. Zugleich trägt der Gesundheitssektor selbst erheblich zu Treibhausgasemissionen bei. Daraus entsteht ein ethischer Doppelauftrag mit Konfliktpotential: Das UKA als Maximalversorger ist dazu aufgerufen, seinen Patientinnen und Patienten hochtechnisierte Medizin anzubieten und gleichzeitig den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.

Mit dem aktualisierten International Code of Medical Ethics wurde ökologische Nachhaltigkeit explizit als ärztliche Verpflichtung verankert [7]. Gesundheit zu schützen bedeutet heute auch, natürliche Lebensgrundlagen zu erhalten. Für die Universitätsmedizin Augsburg, die Forschung, Lehre und Krankenversorgung verbindet, ist diese Perspektive integraler Bestandteil des Selbstverständnisses. Dabei erstreckt sich nachhaltiges Handeln nicht nur auf ökologische, sondern explizit auch auf soziale und ökonomische Dimensionen.

Das Universitätsklinikum Augsburg als ein Haus der Maximalversorgung

Das UKA als eines der jüngsten Universitätsklinika in Deutschland gehört mit über 7.600 Mitarbeitenden, 66.870 stationären und 239.430 ambulanten Fällen im Jahr 2025 zu den größten Kliniken des Freistaats. 1.699 stationäre Planbetten und 46 teilstationäre Plätzen stehen für 24 Kliniken und fünf Institute zur Verfügung.

Im Januar 2026 eröffnete das UKA sein neues, hochtechnisiertes Zentrum für Intensivtherapie (ZIT) mit insgesamt 135 Intensiv- und Intermediate-Care Bettenplätzen als eines der modernsten dieser Art in Bayern. Im März 2023 entschied der Freistaat Bayern über einen Neubau des bettenführenden Zentralgebäudes des UKA bis zum Jahr 2040. Die diesbezüglichen Planungen laufen auf Hochtouren.

In Bezug auf soziale Nachhaltigkeit stellt das UKA mit rund 450 Ausbildungsplätzen einen der größten Ausbildungsträger in ganz Bayerisch Schwaben dar.

Vision und Institutionalisierung von Nachhaltigkeit

Das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit bedeutet in erster Linie eine Vision auf Vorstandsebene. Der zweite Schlüssel für gelingende Nachhaltigkeit an einem Maximalversorger liegt in ausgesuchten Governancestrukturen.

  • Eindeutige personelle und organisatorische Verantwortlichkeiten – bestenfalls in Nähe zur Unternehmensleitung – verankern Zielsetzungen auf einer transparenten und dynamisch fortzuschreibenden Zeitschiene.
  • Einschlägige Regelwerke sichern die Aufgaben, Projektvorhaben und Berichtspflichten verbindlich ab.
  • Wiederkehrende Prüfung und Fortentwicklung der hinterlegten Inhalte stehen für belastbare Qualität und Zukunftsorientiertheit.
  • Zur Erfüllung gesetzlicher Vorgaben stellt der Vorstand entsprechende finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung.
  • Die Institution gibt Raum für Netzwerkarbeit mit der internen und externen Öffentlichkeit.
  • Im Idealfall bauen die Verantwortlichen wissenschaftliche Kooperationen auf.

Umsetzung der Institutiona­lisierung am UKA

Etablierung wirksamer Strukturen

Am UKA etablierte der Vorstand im Jahr 2019 die interprofessionelle Initiative „University Medicine Augsburg Goes Green“ (UMAGG). Der Lenkungskreis von UMAGG vereint Vertreterinnen und Vertreter der Vorstandebene, des ärztlichen und pflegerischen Dienstes, der Administration sowie der Medizinischen Fakultät und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg (siehe Organigramm Lenkungskreis UMAGG).

Die Leitung bekleidet eine stellvertretende Vorstandsposition und steht damit als Garant für einen niedrigschwelligen Austausch mit der obersten Leitungsebene.

Die Interprofessionalität des Gremiums repräsentiert Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe. Die vom Vorstand verabschiedete Satzung von UMAGG steht für die Verbindlichkeit der Aufgaben und deren Zielerreichung.

Nachhaltigkeit und Unternehmenskultur

Seit Februar 2024 ist Nachhaltigkeit eine von vier tragenden Säulen des Leitbildes des Universitätsklinikums Augsburg – gleichrangig mit Menschen, Innovation sowie Forschung und Lehre.

Zeitgleich verabschiedete der Vorstand den Code of Conduct. Auch dieser greift alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit auf. Der Vorstand sichert den Durchdringungsgrad beider Regelwerke durch wiederkehrende Vorstellungen beispielsweise im Rahmen des Einführungstages für neue Mitarbeitende ab. Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit wird zudem u. a. durch die systematische Anwendung des Lob-, Anregungs- und Beschwerdefahrens, das anonyme Hinweisgebersystem und das Angebot zur Durchführung ethischer Fallbesprechungen abgebildet.

Abb. 1: Organigramm Lenkungskreis UMAGG

Nachhaltigkeit als ethische und gesellschaftliche Verpflichtung

Die bildungspolitische Dimension von Nachhaltigkeit griff das UKA unter anderem über das Klinische Ethikkomitee (KEK) auf. Dieses nahm im Jahr 2024 die ökologische Nachhaltigkeit ausdrücklich in seine Beratungsdimension auf [6].

Netzwerke und wissenschaftliche Einbindung

Nachhaltigkeit in der Universitätsmedizin erfordert Kommunikation. Die Initiative UMAGG ist regional und national vernetzt, unter anderem im Nachhaltigkeitsbeirat der Stadt Augsburg, im Verband der Universitätsklinika Deutschlands e. V. sowie in gesundheitsbezogenen Klimanetzwerken.

Die enge Verbindung zur Universität Augsburg und der Medizinischen Fakultät mit dem Forschungsschwerpunkt Environmental Health Sciences (EHS) ermöglicht eine wissenschaftliche Aufarbeitung nachhaltigkeitsbezogener Fragestellungen. Nachhaltigkeit wird dadurch nicht nur operativ umgesetzt, sondern akademisch reflektiert und im Schulterschluss mit der Universität Augsburg weiterentwickelt.

Transparenz und Messbarkeit

Obwohl die gesetzliche Berichtspflicht nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) erst ab 2028 greift, veröffentlichte das UKA für das Berichtsjahr 2024 erstmalig einen Nachhaltigkeitsbericht nach dem VSME-Standard auf freiwilliger Basis [3]. Auf der Agenda für das Jahr 2026 steht die neuerliche Erhebung der Doppelten Wesentlichkeitsanalyse nach erfolgter Revision auf EU-Ebene.

Diese freiwillige Transparenz schafft die Grundlage für systematische Weiterentwicklung. Emissionen in Scope 1, 2 und 3, Energieverbräuche, Abfallstrukturen, Wasserentnahme sowie soziale und Governance-Kennzahlen werden dokumentiert und für Entscheidungsträger steuerbar gemacht.

Abb. 2: Leitbild des UKA

Klimaneutralität als strategische Zielmarke

Im Kontext der Planungen für den Neubau des UKA (s. o.) verfasste eine Expertengruppe unter Federführung der Stabsstelle Medizin und Gesellschaft ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept für die Betriebsplanung des Neubaus [2]. Die hinterlegte Zeitschiene resultierte in einem klimaneutralen UKA unter der Voraussetzung einer Neubauinbetriebnahme bis 2040 („Zero Emission Hospital 2040“). Energiestandards, Energieversorgung, Materialwahl und Prozessorganisation sind mit Klimazielen frühzeitig in Einklang zu bringen.

Operationalisierung von Nachhaltigkeit

Eine Zahl von insgesamt 16 Projekten sind unter UMAGG seit dem Jahr 2019 an den Start gegangen. Unter anderem dienen sie den Nachhaltigkeitszielen Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung, Erhalt der Artenvielfalt, Ressourcenschonung, Energieeffizienz, der nachhaltigen Verpflegung, dem betrieblichen Mobilitätsmanagement und dem Hitzeschutzplan für das UKA.

Schlussfolgerung

Ein Krankenhaus der Maximalversorgung kann nachhaltig sein. Nachhaltigkeit ist unter hochkomplexen Versorgungsbedingungen möglich, wenn sie strategisch verankert, messbar gemacht und kulturell getragen wird.

Die zentrale Herausforderung liegt weniger in der prinzipiellen Umsetzbarkeit als in der strukturellen Ausgestaltung: Nachhaltiges Handeln erfordert klare Verantwortlichkeiten, langfristige Planungshorizonte und geeignete regulatorische sowie finanzielle Rahmenbedingungen.

Universitätsmedizin steht für Exzellenz, Innovation und gesellschaftliche Verantwortung. In Zeiten globaler Klima- und Umweltveränderungen erweitert sich dieser Anspruch.

Die Debatte sollte daher nicht lauten, ob Maximalversorgung nachhaltig sein kann, sondern unter welchen strukturellen und politischen Bedingungen nachhaltiges Handeln systematisch ermöglicht wird.

Abb. 3: UKA-Stufenkonzept zur Klimaneutralität bis 2040 I Neubauinbetriebnahme

Literatur

[1]   An der Heiden, Zacher, RKI -Geschäftsstelle für Klimawandel & Gesundheit, Diercke und Bremer (2024). Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 38 / 2024, Robert Koch-Institut

[2]   Linné, R., R. Binder, D. Bolkenius, D. Dubbelfeld (2024). „Nachhaltigkeitskonzept für die Betriebsorganisationsplanung des Neubaus des Universitätsklinikums Augsburg“. Universitätsklinikum Augsburg, Stabsstelle Medizin und Gesellschaft. Abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/UEber_uns/UMAGG/Nachhaltigkeitsberichte/Nachhaltigkeitskonzept_Neubau.pdf.

[3]   Wabnitz K., Buser H., Linné R. (2026). „Nachhaltigkeitsbericht 2024.“ Universitätsklinikum Augsburg, abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/UEber_uns/UMAGG/Nachhaltigkeitsberichte/UKA_NHB_2024.pdf.

[4]   Deutscher Ärzteverlag (2022). „Gesundheitsbranche umweltschädlicher als Flugverkehr.“ MT im Dialog. Abrufbar unter: https://www.mtdialog.de/news/artikel/gesundheitsbranche-umweltschaedlicher-als-flugverkehr#:~:text=Ausgerechnet%20die%20Gesundheitsbranche%20tr%C3%A4gt%20einen%20wesentlichen%20Teil,ausst%C3%B6%C3%9Ft%20als%20die%20Schifffahrt%20oder%20der%20Flugverkehr.

[5]   Karliner, J., S. Slotterback, R. Boyd, B. Ashby, K. Steele und J. Wang (2020). „Health care’s climate footprint: the health sector contribution and opportunities for action.“ European journal of public health 30 (Supplement_5): ckaa165. 843.

[6]   Edenhofer O., M. Herrmann (2025). „Erderwärmung: Klimapolitische Konsequenzen und die Verantwortung des Gesundheitswesens“. Jahresveranstaltung des Klinisches Ethikkomitee am Universitätsklinikum Augsburg 2025. Abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/Zentrale-Einrichtungen/Klinisches_Ethikkomitee/PDFs/KEK_0002_Plakat_2025.pdf.

[7]   Parsa-Parsi, R. W. (2022). „The international code of medical ethics of the world medical association.“ jama 328(20): 2018-2021.

Korrespondierende Autorin:
Dr. Renate Linné

Stv. Kaufmännische Direktorin

Leitung Stabstelle Medizin und Gesellschaft

Universitätsklinikum Augsburg

renate.linne@uk-augsburg.de

Helene Buser

Referentin der Kaufmännischen Direktion

Universitätsklinikum Augsburg

helene.buser@uk-augsburg.de

Chirurgie

Linné R, Buser H: Kann ein Krankenhaus der Maximalversorgung überhaupt nachhaltig sein? Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_04.

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CO2-Footprintanalyse in der kolorektalen und Pankreas-Chirurgie

Um dem Klimawandel entgegen wirken zu können, müssen die Treibhausgas(THG)-Emissionen weltweit drastisch reduziert werden. Der Gesundheitssektor, dessen Aufgabe die Förderung und Erhaltung der Gesundheit auf unserem Planeten ist, trägt mit 4,4 % wesentlich zum globalen CO2-Fußabdruck bei. In Deutschland verursacht das Gesundheitssystem 5,2 % der gesamten THG-Emissionen, in den Vereinigten Staaten von Amerika sind es 7,6 % [7].

Seit 2016 sind die THG-Emissionen im Gesundheitssektor sogar um 36 % gestiegen [16] und damit ist der Gesundheitssektor weit entfernt von einem Ziel einer CO2-Neutralität. Dabei trägt der OP-Bereich maßgeblich zu den THG-Emissionen im Krankenhaus bei: ca. 30 % des Krankenhausabfalls fällt im Operationsbereich an. Zudem ist der Operationsbereich 3-6mal energieintensiver als andere Krankenhausbereiche, u. a. wegen der Heizung, Lüftung und Klimatisierung [8, 11].

Diese Zahlen verdeutlichen wie wichtig und dringend die THG-Emissionen im Operationsbereich erfasst und reduziert werden müssen. Für die Viszeralchirurgie als eine der größten chirurgischen Fachrichtungen liegen nur wenig belastbare Daten zum CO2e-Fußabdruck vor. Stellungnahmen und Empfehlungen für klimaschonende Prozesse wurden jedoch bereits von anästhesiologischen, gastroenterologischen und auch der Amerikanischen Gesellschaft der Gastrointestinal- und endoskopischen Chirurgen (SAGES) gemeinsam mit der Europäischen Gesellschaft für Endoskopische Chirurgie (EAES) [1] veröffentlicht.

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben wir eine CO2e-Fußdruckanalyse für kolorektale und Pankreas-Resektionen interdisziplinär und multiprofessionell durchgeführt, um Optimierungspotenziale zu identifizieren.

Grundlagen und Methodik der CO2e-Fußabruckanalyse

Entscheidend für die Bewertung einer Treibhausgasanalyse ist der Umfang der berücksichtigten Variablen und die zugrundeliegenden Berechnungsverfahren. Vielfach werden die drei Bereiche (Scopes) entsprechend des THG-Protokolls [5,] definiert, wobei „Scope 1“ die direkten Emissionen des Krankenhauses (z. B. Anästhesiegas und die Verbrennung von Stadtgas), „Scope 2“ die indirekten Emissionen der Energieerzeugung (z. B. Erzeugung von Elektrizität und Fernwärme) und „Scope 3“ die übrigen indirekten Emissionen (während der Produktkette inkl. Transport und Abfallbeseitigung) umfasst [11]. Im eigenen Vorgehen wurde eine lebenszyklusbasierte Analyse entsprechend der Product Environmental Footprint (PEF) Empfehlungen der Europäischen Kommission durchgeführt (2021). Dabei wurde sich an den Phasen Zieldefinition (einschließlich Scope-Definition), Sach- und Wirkungsbilanz sowie Interpretation orientiert. Die im eigenen Vorgehen berücksichtigten Ressourcen und Prozesse für die CO2e-Analyse von kolorektalen und Pankreasoperationen sind in Tabelle 1 dargestellt (Tab. 1).

Tab. 1: Berücksichtigte Ressourcen und Prozesse für die CO2e-Analyse

Input

Intraoperativ

Output

Rohstoffgewinnung und Verarbeitung

Energie: Heizung

Abfallentsorgung (Recycling, Verbrennung, Deponie)

Herstellung*

Energie: Kühlung

Sterilisation

Transport und Distribution*

Energie: Strom

Direkte Emissionen

Medizinprodukte (Einweg = single use)

Medizinprodukte (wiederverwendbar)

Pharmazeutika

CO2-Gase

Wasser*

*Für die eigene Lebenszyklus-Analyse nicht berücksichtigt

Insgesamt wurden 30 kolorektale und Pankreasoperationen in einem Zeitraum von drei Monaten in zwei definierten Operationssälen im Jahr 2024 analysiert. Um möglichst genaue Daten über den Energieverbrauch zu erhalten, wurde der gesamte Stromverbrauch (u. a. auch für Heizung und Lüftung) dieser zwei Operationssäle aufgezeichnet, aber auch der entstandene Müll der Operationen gewogen. Für die LCA wurden relevante Informationen und Herstellerangaben über die verwendeten Medizinprodukte verwendet. Die Ergebnisse wurden in CO2-Äquivalenten (d. h. CO2e) angegeben. Das Projekt wurde durch eine medizinische Doktorarbeit und eine Masterarbeit im Bereich der Wirtschaftswissenschaften der Universität Hamburg begleitet und unterstützt.

Ergebnisse am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf – Entscheidend für die CO2e-Analyse ist das multiprofessionelle Team

Die Erfassung und Auswertung der komplexen Daten erfordert ein motiviertes interdisziplinäres und multiprofessionelles Team und den Rückhalt der Geschäftsführung, welches wir am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zusammenführen konnten. Auf ärztlicher Seite führten Chirurg:innen und Anästhesist:innen die Untersuchungen, unterstützt durch LCA-Expert:innen des Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, durch. Umfangreiche Unterstützung erhielten wir hierbei von der OP- und Anästhesiepflege, den Mitarbeiter:innen der AEMP (Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte) sowie dem technischen Dienst des Klinikums.

Insgesamt bildeten die 30 Operationen die aktuelle Entwicklung hin zu minimalinvasiven oder robotischen Operationen ab. Davon wurden nur neun Operationen primär offen operiert. Der mittlere CO2e-Fußabdruck aller Resektionen betrug 49 kg CO2e. Pankreasoperationen hatten einen höheren CO2e-Verbrauch als kolorektale Resektionen. Den größten Beitrag in dieser prospektiven Studie produzierten die Einwegprodukte.

Studienüberblick in der Abdominalchirurgie

Da mittlerweile mehrere Arbeiten über den CO2-Verbrauch von viszeralchirurgischen Operationen publiziert wurden, lassen sich die eigenen Ergebnisse nun einordnen. Eine systematische Übersichtsarbeit hatte den CO2e-Fußabdruck verschiedener Operationen in mehreren Ländern von jeweils 6 kg CO2e) (Katarakt-Operation) bis zu 814 kg CO2e (robotische Hysterektomie) aufgezeigt [11]. Während bei einer laparoskopischen Cholecystektomie ca. 20,3 kg CO2e anfallen, wurden Kolonresektionen bei entzündlichen Darmerkrankungen mit einem CO2-Abdruck von 43,6–116 kg CO2e berechnet [9]. Bei diesen Ergebnissen muss allerdings immer die entsprechende Methodik der CO2e-Fußdruckanalyse berücksichtigt und bewertet werden, um Vergleiche schließen zu können.

Interessant für den Bereich der Viszeralchirurgie ist der Vergleich der offenen und minimalinvasiven Operationstechniken. Einige Autoren attestieren den robotischen Eingriffen einen höheren CO2e-Verbrauch (12–40,3 kg CO2e) als den laparoskopischen und den geringsten CO2e-Fußabdruck dem offenen Vorgehen [2, 18], allerdings ist die Datenlage und die Anzahl der Operationen limitiert. Zuletzt wurden die Ergebnisse einer monozentrischen Studie von 24 kolorektalen Resektionen publiziert, bei der die robotischen kolorektalen Resektionen verglichen mit den laparoskopischen einen signifikant höheren Abfall- und CO2e-Verbrauch verursacht haben [10]. In unserer Studie konnte keine verlässliche Aussage getroffen werden, ob robotische Eingriffe mit einem höheren CO2e-Verbrauch assoziiert waren als laparoskopische, da die Fallzahl der laparoskopischen (kolorektalen) Operationen zu gering war. Allen Studien gemeinsam ist aber, dass das für das Capnoperitoneum eingesetzte CO2-Gas nur einen vernachlässigbaren Einfluss auf den CO2e-Fußabdruck von minimalinvasiven Operationen hat ([2], eigene Daten).

Einmalprodukte sind die kritische Determinante für den CO2-Fußabdruck

Der negative Effekt von Einmalprodukten („single use items“) auf den CO2e-Fußabdruck wurde in allen Studien einheitlich dokumentiert. Teilweise waren Einmalprodukte für 68 % des CO2e-Fußabdrucks verantwortlich [12, 17] und auch unsere Analyse kam zu diesem Ergebnis. Aktuelle Berechnungen zeigen, dass die Reduktion von single-use items und der Einsatz von Hybrid-Produkten eine klimafreundliche und ökonomisch sinnvolle Alternative sein kann [13, 14].

Eine große Mehrheit der Chirurg:innen (55–97 %) sind sich der Klimaverantwortung im OP bewusst und bereit ihre Arbeitsweise anzupassen, um die Nachhaltigkeit zu verbessern, allerdings ist bei der Auswahl der Medizinprodukte für eine laparoskopische Cholecystektomie der CO2-Fußabdruck nur bei der Hälfte ein entscheidender Faktor [3, 4]. Auch ca. die Hälfte der Chirurg:innen gab in dieser Umfragestudie an, keine sterilisierbaren Trokare zur Verfügung zu haben.

Konklusion und Ausblick

Es bleibt außer Frage, dass der Gesundheitssektor die dringende Notwendigkeit der klimafreundlichen CO2e-Einsparung erkannt und erste Maßnahmen zur Verbesserung durchgeführt hat. Das Ziel einer Klimaneutralität ist jedoch noch in weiter Ferne. Während 57 % von klimaorientierten Krankenhäusern erste Schritte zur Quantifizierung und Reduktion von THG-Emissionen absolviert haben, werden nachhaltige Maßnahmen im OP-Bereich nur in 6 % unternommen [4].

Die kolorektalen und Pankreas-Resektionen sind zwei der wichtigsten Hauptbereiche der Viszeralchirurgie, welche zunehmend von minimalinvasiven (laparoskopisch und robotisch) Operationsmethoden dominiert werden. Die minimalinvasiven Verfahren gehen in der Regel mit einem höheren Verbrauch von Einmal-Medizinprodukten einher, welcher im Hinblick auf die Klimaziele nun wieder kritischer betrachtet werden sollte. Zu diesem Ergebnis sind wir auch im Rahmen unserer Studie gekommen. Es zeigten sich, dass Einweg-Medizinprodukte der Hauptverursacher für die Gesamtmenge an CO2e sind. Insgesamt kann der Verbrauch an Einmalprodukten reduziert, die Nutzung von Recyclingverfahren erhöht und auch die Abfallsortierung und -Entsorgung optimiert werden. Wahrscheinlich ist diese Transformation auch ökonomisch günstiger und birgt keine Nachteile für die medizinische Versorgung. Die Mehrheit der Chirurg:innen zeigt hierfür Bereitschaft. Für eine erfolgreiche Umsetzung bedarf es jedoch einer stärkeren Priorisierung des Themas durch die Fachgesellschaften und die Geschäftsführungen.

Danksagung: Die Autoren bedanken sich vor allem bei Fr. Khanh Van Nghiem (KFE, UKE) sowie allen Pflegekräften für die herausragende Unterstützung zur Realisierung dieses Projekts.

Die Literaturliste erhalten Sie auf Anfrage via passion_chirurgie@bdc.de.

Lucas Hartmann

Klinik und Poliklinik für Allgemein- Viszeral- und Thoraxchirurgie

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Djurdjija Petrovic

Fachbereich Mathematik – Naturwissenschaften

Universität Koblenz

Dr. med. Mark A. Punke

Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Prof. Dr. Timo Busch

Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Universität Hamburg, Deutschland

Prof. Dr. med. Thilo Hackert

Klinik und Poliklinik für Allgemein- Viszeral- und Thoraxchirurgie

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Dr. Sven Lundie

Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Universität Hamburg, Deutschland

Water Research Centre

School of Civil and Environmental Engineering

University of New South Wales, Sydney, NSW, Australia

Prof. Dr. med. Thilo Welsch

Klinik und Poliklinik für Allgemein- Viszeral- und Thoraxchirurgie

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Tumorchirurgie

Krankenhaus Nordwest, Frankfurt

Chirurgie

Hartmann L, Petrovic D, Punke MA, Busch T, Hackert T, Lundie S, Welsch T: CO2-Footprintanalyse in der kolorektalen und Pankreas-Chirurgie. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_03.

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BDC-Praxistest: Carus Green – Nachhaltigkeit und höhere Umweltverträglichkeit am Universitätsklinikum Dresden

Vorwort – Grün, grün, grün sind alle meine Kleider…

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft in einem komplexen Krankenhausbetrieb erfolgreich umzusetzen, ist eine große Aufgabe. In Zeiten, in denen es in vielen Häusern ums das nackten Überleben geht, treten Programme wie die Umweltverträglichkeit von Medizin verständlicherweise in den Hintergrund. Umso wichtiger werden dann die leuchtenden Beispiele wie in diesem Fall das Universitätsklinikum Dresden.

Das UKD hat mit seiner Initiative „Carus Green“ sehr erfolgreich Nachhaltigkeit und Umweltschonung im eigenen Klinikbetrieb etabliert. Die präsentierten Maßnahmen stellen gute Beispiele dar, die sich in der Gruppe, aber auch als Einzelteile auf andere Häuser übertragen lassen. Man muss nicht einen biodiversen Campus pflegen, kann aber sehr leicht Recyclingquoten erhöhen. Man muss auch keine veganen Menüs anbieten, kann aber sehr leicht Narkosegase umstellen. Die Initiative steht also nicht nur in der Tradition des Namensgebers des UKD, Carl Gustav Carus, der als einer der bedeutendsten Ärzte der Romantischen Medizin gilt. Die einzelnen Maßnahmen sind ganz handfest. Es wird schwer sein, in Zeiten großer finanzieller Belastungen im Gesundheitswesen, für Projekte dieser Art aktuell Gehör zu finden. Das schlagende Argument wird „Einsparungen“ lauten, aber auch die lassen sich mit ökologischen Veränderungen erreichen. Wir müssen am Ball bleiben, denn ein gesundes Gesundheitssystem nutzt uns in einer kranken Umwelt wenig.

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Prof. Dr. med. C. J. Krones und Prof. Dr. med. D. Vallböhmer

„Wir sind ein umweltfreundliches Klinikum“ – ein Leitsatz, dem sich das Universitätsklinikum Dresden bereits seit 2012 mit der Initiative „Carus Green“ verschrieben hat. Das Gesundheitswesen trägt in Deutschland zwischen 5,2 % und 6,7 % zu den gesamten Treibhausgasemissionen bei, wobei Krankenhäuser international etwa 30 % der Emissionen im Gesundheitssektor verursachen [1]. Als Maximalversorger mit über 1.400 Betten zeigt das Dresdner Uniklinikum, wie ökologische Nachhaltigkeit im Klinikalltag gelingen kann – trotz angespannter Finanzierungssituation und eines Systems, das Nachhaltigkeitsmaßnahmen nicht gesondert vergütet.

Entstehung: Vom Trainee-Projekt zur Nachhaltigkeitsmarke

Die Initiative „Carus Green“ entstand 2012 aus einem interdisziplinär besetzten Trainee-Projekt. Zwölf Trainees aus unterschiedlichen Fachbereichen – darunter Rechtsstelle, Pflege, Bau und Technik, Personal, Finanzen und Qualitätsmanagement – erarbeiteten in einer Konzeptphase erste Handlungsfelder und Maßnahmenkataloge. Im Anschluss wurde das Projekt an eine neu gegründete Mitarbeiterinitiative übergeben, die bis heute unter Koordination der Krankenhausökologie fortbesteht. Sechs zentrale Handlungsfelder wurden definiert: Bildung/Sensibilisierung, Campusgestaltung/Biodiversität, Ressourcenverbrauch, Energiemanagement, Verpflegung und Mobilität.

Umgesetzte Maßnahmen im Überblick

Seit 2012 wurden zahlreiche Projekte realisiert, die messbare ökologische und ökonomische Effekte erzielen:

  • Energie: Photovoltaik-Anlagen mit über 140 kWp Gesamtleistung erzeugen jährlich ca. 130 MWh Strom und sparen 48 t CO2 Emissionen. LED-Umrüstungen reduzieren den Strombezug um weitere 82 MWh pro Jahr. Das bedarfsorientierte Herunterfahren von OP-Lüftungsanlagen in betriebsfreien Zeiten spart zusätzlich 40 MWh jährlich und wurde zur Blaupause für andere Kliniken. Die Einführung eines Energiemanagementsystems nach DIN ISO 50001 ermöglicht eine systematische Erfassung weiterer Einsparpotenziale.
  • Narkosegase: Die Umstellung von Desfluran auf Sevofluran in Verbindung mit der Minimal-Flow-Anästhesie senkt die direkten Treibhausgasemissionen erheblich.
  • Mobilität: Aktuell 22 Elektrofahrzeuge ersetzen rund ein Viertel des konventionellen Fuhrparks. Ergänzt wird dies durch Lastenräder, abschließbare Fahrradstellplätze, Job-Bike-Angebote und die Teilnahme am Stadtradeln.
  • Ressourcen: Die Recyclingpapierquote wurde auf über 50 % gesteigert. Über 120 Wasserspender vermeiden Einwegplastikflaschen, das Projekt „Stifte sammeln“ führte zum Recycling von 4,4 t Material und vermied 9 t CO2. Weitere Maßnahmen umfassen Mehrweg-OP-Kittel, die Rückführung von Polypropylen und Polyethylen in den Stoffkreislauf, die Wiederverwendung von Styroporboxen sowie einen internen Möbelkiosk.
  • Biodiversität und Campus: Blühwiesen, Insektenhotels und Nistkästen schaffen naturnahe Lebensräume für Insekten sowie Erholungsräume für Patient:innen und Mitarbeitende.
  • Verpflegung: Die sukzessive Einführung vegetarischer und veganer Menüs im Mitarbeiterrestaurant ebnet den Weg in Richtung der Planetary Health Diet.

Organisationsstruktur und Erfolgsfaktoren

Das Carus-Green-Team organisierte sich in Arbeitsgruppen und traf sich regelmäßig zum Projektupdate. Die Mitglieder fungierten als Ideengeber:innen, Vernetzer:innen wichtiger Stakeholder und Empfänger:innen von Mitarbeitervorschlägen – die konkrete Umsetzung erfolgt meist in den jeweiligen Fachbereichen. Diese dezentrale Struktur bei zentraler Koordination durch die Krankenhausökologie hat sich als praxistauglich erwiesen. Um weitere Potentiale heben zu können wird es künftig eine neue Carus Green-Steuerungsgruppe geben, die die Umweltstrategie weiter ausbaut, zentral koordiniert und regelmäßig Bericht an den Vorstand erstattet.

Erfolgsfaktoren für die Übertragbarkeit:

  • Engagierte Mitarbeitende, die für ökologische Themen brennen
  • Rückendeckung durch die Geschäftsleitung
  • Niedrigschwellige erste Maßnahmen (Energiespartipps, zusätzliche Abfallfraktionen, Blühwiesen)
  • Eine gemeinsame Dachmarke, die Sichtbarkeit schafft

Herausforderungen und Learnings

Der kontinuierliche Erhalt implementierter Maßnahmen gestaltet sich im Klinikalltag anspruchsvoll. Die Erkenntnis reifte, dass es in jedem Bereich sogenannte Umwelt- und Energiebotschafter:innen braucht – Mitarbeitende, denen diese Themen persönlich wichtig sind und die nach entsprechender Schulung dauerhaft in ihrem Bereich auf die Umsetzung achten. Diese „Carus Green Botschafter:innen“ sollen künftig als Multiplikator:innen den Nachhaltigkeitsgedanken ins Kollegium tragen.

Ausblick und Preisträger 2025

Im September 2025 wurde „Carus Green“ mit dem Lohfert-Preis „Green Hospital – Umweltschutz und Ressourceneffizienz in Krankenhäusern“ ausgezeichnet. Außerdem stand man im Finale des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Gesundheit 2025. „Diese Würdigungen verstehen wir aber vor allem aber als Auftrag zur Weiterentwicklung, denn es ist noch sehr viel zu tun. An Ideen, wie man universitäre Spitzenmedizin nachhaltiger und umweltfreundlicher machen kann, mangelt es nicht.“

Konkrete Ziele für 2026 umfassen die systematische Erhebung von Kennzahlen zu CO2-Einsparungen, die kontinuierliche Erweiterung der PV-Kapazität sowie die Optimierung des Campus in Richtung eines klimaresilienten, biodiversitätsfreundlichen, gesundheitsfördernden Raumes.

Hier geht’s zu einem Interview mit
Carolin Liebel-Ros, Betriebsbeauftragte
für Abfall im Universitätsklinikum
Carl Gustav Carus Dresden,
und Patrick Emmerlich zur Initiative
„Carus Green“…

Literatur

[1]   Pichler P et al. (2019). International comparison of health care carbon footprints. https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/ab19e1, zuletzt geprüft am 08.06.2023

Dipl.-Ing.(BA) Patrick Emmerlich

Referent für Umweltschutz

Team Krankenhausökologie

Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

patrick.emmerlich@uniklinikum-dresden.de

Gesundheitspolitik

Emmerlich P: BDC-Praxistest: Carus Green – Nachhaltigkeit und höhere Umweltverträglichkeit am Universitätsklinikum Dresden. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 05_02.

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Nachhaltigkeit in der Medizintechnik – warum sich ein Recycling lohnt

Der Auftrag des Gesundheitswesens ist eindeutig. Es soll Krankheiten behandeln, Leben retten und die Lebensqualität sichern. Wenn in Deutschland über Klimaschutz gesprochen wird, fällt der Begriff Gesundheitssektor jedoch meist spät. Dabei ist seine Klimabilanz beachtlich. Globale Analysen beziffern den Anteil des Gesundheitswesens an den weltweiten Treibhausgasemissionen auf rund 5 % [3]. Für Deutschland weist das Bundesgesundheitsministerium für 2019 rund 68 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus. Dies entspricht 6 % der nationalen Emissionen [5].

Noch deutlicher wird die Problematik mit Blick auf die Ressourcenperspektive. Der Rohstoffbedarf des deutschen Gesundheitssektors liegt bei etwa 107 Millionen Tonnen pro Jahr, das entspricht 5 % des gesamten deutschen Rohstoffverbrauchs [7].

Parallel dazu wächst der Druck auf die Branche. Emissionen sollen gesenkt und Ressourcenkreisläufe geschlossen werden. Der Deutsche Ärztetag fordert die Klimaneutralität des Gesundheitswesens [1] und die EU setzt mit Kreislaufwirtschafts- und Rohstoffstrategien den Rahmen [2].

Abb. 1: Das Team Medizintechnik-Recycling am Fraunhofer IWKS bestehend aus von links: Leonie Wenzel, Dr. Romy Auerbach, Daniel Hikisch

Wie „linear“ der Alltag in deutschen Krankenhäusern ist, zeigt ein Blick in die Abfallstatistiken. Eine aktuelle Benchmarkstudie der Hochschule Pforzheim mit 122 Krankenhausstandorten zeigt, dass im Mittel 1.545 kg Abfall pro Bett und Jahr anfällt. Innerhalb der Abfallgruppe 18 01 („Abfälle aus der Diagnose, Behandlung oder Vorbeugung von Krankheiten beim Menschen“) dominiert der nicht infektiöse Abfall (18 01 04) mit rund 95,6 % der Masse [6]. Nach geltendem Abfallrecht wäre ein großer Teil dieses Abfalls stofflich verwertbar, wird aber in der Praxis nahezu vollständig thermisch behandelt [4]. In Bezug auf die Klima- und Ressourcenpolitik ist dieser Sachverhalt problematisch, da auf dieser Grundlage weder die Klimaneutralität noch eine Kreislaufwirtschaft entstehen kann.

In der Praxis dominieren Einwegprodukte die Kliniklandschaft. Häufig kommen Verbundkunststoffe und Hochleistungspolymere zum Einsatz, die mit etablierten mechanischen Recyclingverfahren kaum hochwertig zu verwerten sind.

Gleichzeitig stammen in Deutschland 81 % der gesundheitsbezogenen Emissionen aus dem Bereich Scope 3, also aus eingekauften Gütern und Dienstleistungen [5]. Genau dort finden sich auch die durch Einwegprodukte verursachten Emissionen wieder. Kurz gesagt ist das, was heute in der Klinik als „Abfall“ endet, ein wesentlicher Teil des Klima- und Ressourcenproblems und zugleich ein wichtiger Hebel für Lösungen. Vor diesem Hintergrund braucht es Akteure, die technische Lösungen und neue Konzepte in den Klinikalltag bringen. Genau hier setzt das Fraunhofer IWKS an.

Die Rolle des Fraunhofer IWKS

Im Themenfeld Kreislaufwirtschaft entwickelt das Institut

  • ganzheitliche Kreislaufwirtschaftskonzepte,
  • innovative Verfahren durch sensorbasierte und KI-gestützte Trenn- und Sortierprozesse,
  • Geschäftsmodellentwicklungen,
  • Etablierung von Sammel- und Recyclingstrategien,
  • sowie Short-loop und Long-loop Recyclingstrategien für sämtliche Wertstoff- und Abfallströme.

Für den Gesundheitssektor bedeutet das sehr konkret, dass aus Wegwerfprodukten Wertstoffquellen werden.

Gemeinsam mit dem Institut für Recycling, Ökologie, Design (IRED) entwickelte das Fraunhofer IWKS bereits 2018 ein Sammel- und Verwertungssystem für Einweg-Instrumente aus Chromstahl. Dabei wurden gebrauchte Instrumente in speziellen Abwurfbeuteln gesammelt, über die klinikinterne Logistik in gesicherte Container verbracht und von dort aus gebündelt direkt in eine Edelstahlschmelze überführt. Die Erprobung in vier deutschen Kliniken zeigte, dass das System hygienisch sicher, praktisch umsetzbar und rechtlich zulässig ist. Eine Risikobewertung ergab keine erhöhten Gesundheits- oder Sicherheitsrisiken gegenüber der bisherigen Entsorgung über den allgemeinen Krankenhausabfall.

Abb. 2: Bestimmung der Materialzusammensetzung einer Endoprothese mittels Röntgenstrahlen (im Bild: Hr. Hikisch)

Auch für typische Verbrauchsprodukte wie Einweghandschuhe, Schutzkleidung oder Wundabdeckungen wäre ein rohstofferhaltendes Recycling der Königsweg. Am Fraunhofer IWKS werden dazu unter anderem Plasmapyrolyse-Verfahren erprobt, mit denen sich aus verunreinigten Kunststoffabfällen Wasserstoff und elementarer Kohlenstoff zurückgewinnen lassen. Solche Verfahren sind gerade für stark kontaminierte Fraktionen interessant, bei denen das mechanische Recycling an seine Grenzen stößt.

Abb. 3: Bestimmung der Materialzusammensetzung einer Endoprothese mittels Röntgenstrahlen (im Bild: Hr. Hikisch)

Herausforderungen und Lösungsansätze

Trotz dieser Fortschritte bleiben Kreislauflösungen in der Medizin noch die Ausnahme. Aus Sicht des Fraunhofer IWKS zeichnet sich ab, dass weitere Schritte erforderlich sind.

Medizinprodukte sind bislang überwiegend nicht recyclinggerecht konstruiert. Aufwendige Verbundmaterialien, fehlende Kennzeichnungen und intransparente Materialdaten erschweren jede hochwertige Verwertung. „Design-for-Recycling“, modulare Bauweisen und digitale Produktpässe könnten hier Abhilfe schaffen und sind zugleich Voraussetzung, um EU-Vorgaben zu erfüllen [2].

Aktuell existieren in Deutschland keine etablierten Verwertungspfade, die dem komplexen Wertgehalt der klinischen Wertstoffe Rechnung tragen. Verschiedene Häuser und Hersteller testen Insellösungen, jedoch fehlt eine flächendeckende Umsetzung. Stoffstromanalysen der deutschen Krankenhäuser können dabei helfen, Ziele zu formulieren und Fortschritte messbar zu machen. Wiederaufbereitete Produkte und Sekundärrohstoffe sollten nicht die Ausnahme darstellen, sondern zum Regelfall werden, während Sicherheit und Qualität gewährleistet sind.

Obwohl die Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen zunehmend Aufmerksamkeit erhält, verläuft die Umsetzung nur langsam. Die Gründe liegen vor allem in regulatorischen Lücken mit unverbindlichen Vorgaben und einer fehlenden Gesamtstrategie für medizinische Abfälle. Gleichzeitig stehen Kliniken unter starkem ökonomischem Druck durch begrenzte Budgets und Personalmangel. Die Auflagen des Gesundheitsschutzes erschweren eine Zuführung zum Recycling. Oftmals ist das Mengengerüst einzelner Kliniken und Praxen auch nicht hoch genug, um eine ökonomische Logistikkette aufzubauen und eine separate Sammlung ist mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Darüber hinaus erschweren technische und organisatorische Hürden eine effiziente Sammlung, Sortierung und Verwertung. Gerade deshalb kommt Forschungseinrichtungen wie dem Fraunhofer IWKS eine Schlüsselrolle zu. Sie können praxistaugliche Technologien entwickeln, diese im Klinikalltag testen, Risiken bewerten, gemeinsam mit Industrie und Kliniken neue Geschäftsmodelle und Logistiklösungen gestalten und unterstützen Politik und Verbände bei der Entwicklung geeigneter Rahmenbedingungen.

Abb. 4: Darstellung modularer Endoprothese: Knieendoprothese mit Schaft

Abb. 5: Darstellung modularer Endoprothesenkomponenten (links: Hüftendoprothese, rechts: Knieendoprothese mit Anhaftungen von Knochenzement)

Die Zukunft – zum Wegwerfen zu schade

Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen ist längst mehr als ein Image-Thema. Sie entscheidet mit über Versorgungsqualität, Versorgungssicherheit und die Glaubwürdigkeit eines Systems, das Gesundheit schützen soll, ohne selbst schädliche Nebenwirkungen zu erzeugen. Hersteller und Nutzer sind aus ökologischen und ökonomischen Gründen gut beraten, die Recyclingquote von Medizinprodukten nachhaltig zu verbessern, um die darin enthaltenen Wertstoffe zurückzugewinnen. Die Datenlage ist klar. Emissionen, Rohstoff- und Abfallmengen sind hoch und die technische Machbarkeit einer Kreislaufführung ist an vielen Stellen belegt.

Das Fraunhofer IWKS begleitet Kliniken, Hersteller und Entsorger entlang der Wertschöpfungskette mit anwendungsnaher Forschung, regulatorischem Verständnis und einem belastbaren Netzwerk. Aufbauend auf den gemeinsam mit dem Institut für Recycling, Ökologie, Design (IRED) erzielten Ergebnissen richtet das Fraunhofer IWKS aktuell den Fokus auf weitere hochwertige Stoffströme wie metallische Einmalinstrumente, hochwertige Verpackungen und auch Explantate, bei denen die Rückgewinnung von Legierungen und Funktionswerkstoffen im Vordergrund steht. In einer intern laufenden Machbarkeitsstudie werden hierzu sichere, rechtlich belastbare und wirtschaftliche Verwertungspfade geprüft.

Als nächster Schritt sollen die validierten Ansätze in den Pilotmaßstab überführt und gemeinsam mit Partnern aus Industrie, Gesundheitswesen und Entsorgungswirtschaft in einem Verbundprojekt weiterentwickelt werden. Welche Stoffströme im Projekt adressiert werden, legen die beteiligten Partner fest.

Informationen und Ansprechpartner finden sich HIER.

Literatur

[1]   Bundesärztekammer (2021): TOP Vb Nachtragshaushalt für das Geschäftsjahr 2021/2022 (01.07.2021–30.06.2022) – Bericht über die Beratungen in den Finanzgremien. Berlin: Bundesärztekammer (125. Deutscher Ärztetag, Beschlussprotokoll).

[2]   Europäische Kommission (2020): Ein neuer Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft — Für ein saubereres und wettbewerbsfähigeres Europa. Verfügbar unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=OJ:L_202401252 (abgerufen am 27.02.2026).

[3]   Health Care Without Harm; Arup (2019): Health care’s climate footprint: How the health sector contributes to the global climate crisis and opportunities for action. Verfügbar unter: https://global.noharm.org/resources/health-care-climate-footprint-report (abgerufen am 19.01.2026).

[4]   Lukac, S.; Schüler-Toprak, S.; Hasenburg, A.; Goeckenjan-Festag, M. (2025): Nachhaltigkeit in der Klinik – Was können wir tun? Die Gynäkologie 58(6), 373–380. https://doi.org/10.1007/s00129-025-05341-2.

[5]   Pichler, P.-P.; Jaccard, I. S.; Hanewinkel, L.; Weisz, H. (2023): Sachbericht zum Projekt: Evidenzbasis Treibhausgasemissionen des deutschen Gesundheitswesens „GermanHealthCFP“. Berlin: Bundesministerium für Gesundheit. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Gesundheit/Abschlussberichte/GermanHealthCFP_Sachbericht.pdf (abgerufen am 27.02.2026).

[6]   Vielsack, A. (2025): Benchmarkstudie zur Abfallentstehung an deutschen Krankenhäusern. Verfügbar unter: https://www.hs-pforzheim.de/fileadmin/user_upload/uploads_redakteur/Forschung/IWWT/Projekte/meik/Aktuelle_Benchmarkstudie_Version.pdf (abgerufen am 23.02.2026).

[7]   Ostertag, K.; Bratan, T.; Gandenberger, C.; Hüsing, B.; Pfaff, M. (2021): Ressourcenschonung im Gesundheitssektor – Erschließung von Synergien zwischen den Politikfeldern Ressourcenschonung und Gesundheit. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt (TEXTE 15/2021). Verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen (abgerufen am 27.02.2026).

Korrespondierende Autorin:

Dr. Romy Auerbach

Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS

Alzenau und Hanau

romy.auerbach@iwks.fraunhofer.de

www.iwks.fraunhofer.de

Daniel Hikisch

Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS

Alzenau und Hanau

Leonie Wenzel, M. Eng.

Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS

Alzenau und Hanau

Chirurgie

Hikisch D, Auerbach R, Wenzel L: Nachhaltigkeit in der Medizintechnik – warum sich ein Recycling lohnt. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_02.

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Vom Pleuraerguss zum Pleuraempyem – Diagnostik und Therapie im chirurgischen Alltag

Ein Pleuraerguss kombiniert mit klinischen Infektionszeichen ist charakteristisch für einen parapneumonischen Erguss (PPE), der die häufigste Ursache für ein Pleuraempyem darstellt. Die Inzidenz dieser pleuralen Infektionen ist ansteigend und stellt ein zunehmend klinisch relevantes Krankheitsbild dar, welches eine differenzierte Abklärung und Behandlung erfordert. Beim Pleuraempyem werden weiterhin abhängig vom Krankheitsstadium und den Vorerkrankungen des Patienten:in hohe Mortalitätsarten zwischen 6 % bis 35 % berichtet [1].

Pathophysiologie

Zur Klassifizierung des Krankheitsstadiums können drei verschiedene Systeme genutzt werden, die sich in der Stadieneinteilung ähneln.

Die Light-Kriterien beschreiben in sieben Stufen die Entwicklung vom nicht-signifikanten PPE bis hin zum komplexem Pleuraempyem auf der Grundlage von laborchemischen, radiologischen und physikalischen Parametern (Abb. 1) [2]. Gemäß der British Thoracic Society (BTS) erfolgt eine Differenzierung zwischen dem unkompliziertem PPE (UPPE = klares Punktat, keine Septierungen, pH-Wert > 7,2, LDH < 1000 IU/l, Glukose > 40 mg/dl), dem komplizierten PPE (CPPE = trübes/purulentes Punktat, häufig Septierungen, pH-Wert < 7,2, LDH > 1000 IU/l, Glukose < 40 mg/dl) und dem klassischen Pleuraemypem (purulentes Punktat, häufig Keimnachweis) (Abb. 1) [3]. Die klinische Stadieneinteilung sowie die adaptierte chirurgische Therapie richtet sich vornehmlich an die ATS-Klassifikation (American Thoracic Society), welche gemäß dem pathophysiologischen Verlauf einen fließenden Übergang zwischen der exsudativen (I), der fibrino-purulenten (II) und der Organisationsphase (III) unterscheidet [4].

Abb. 1: Stadien-adaptierte Therapie des PPE bis hin zum Pleuraempyem (VAC= Vacuum-Assisted Closure; OWT= Open Window Thoracostomy); modifiziert nach [10, 11].

Klinisches Bild und Diagnostik

Die klinische Vorstellung von Patienten:innen mit einem PPE oder Pleuraempyem erfolgt meist mit unspezifischen Symptomen wie Husten, Fieber, thorakalen bzw. pleuritischen Schmerzen und Dyspnoe. Zudem sollte bei wiederauftretendem Fieber oder respiratorischer Verschlechterung ein bis zwei Wochen nach Behandlung einer Pneumonie an ein PPE bzw. Pleuraempyem gedacht werden und entsprechende Patient:innen auf einen potentiellen PPE untersucht werden. Bei einer Pneumonie ohne initialen Nachweis eines Pleuraergusses kann sich im Verlauf in bis zu 57 % der Fälle ein PPE bilden, weshalb entsprechende Kontrollen (Sonographie, Röntgen, CT) erfolgen sollten [5]. Insbesondere auch postoperativ (z. B. prolongierte Parenchymfistelung, bronchiale oder ösophageale Anastomoseninsuffizienz, Bronchusstumpfinsuffizienz) sollte bei jeder unklaren Sepsis mit Thoraxschmerz an die Möglichkeit einer mediastinalen oder pleuralen Infektion gedacht werden.

Entscheidend für den Therapieerfolg ist eine zügige und zielgerichtete Diagnostik, die eine frühe Differenzierung zwischen unkomplizierten und komplizierten PPE und einem Pleuraempyem ermöglicht (Abb. 2). Die Indikation für ein Kontrastmittel-CT des Thorax besteht bei ausbleibender Besserung unter der Pneumonie-Therapie oder komplexen Pleuraergüssen. Hierbei weisen abgekapselte Ergussanteile sowie das „split-pleura-sign“ auf einen komplizierten PPE oder bereits auf ein Pleuraempyem hin. Lufteinschlüsse im Verhalt sind pathognomonisch [6].

Eine sofortige Abklärung eines Pleuraergusses ist erforderlich bei:

  • persistierendem oder erneutem Fieber > 48 h unter Antibiotika
  • Sepsis mit unklarem Fokus
  • einseitigem Thoraxschmerz oder Dyspnoe bei Pneumonie
  • sonographisch septiertem oder echogenem Pleuraerguss
  • Hinweise auf Ösophagusperforation oder Infekt nach thorakalem Eingriff

Abb. 2: Diagnostisches Vorgehen beim PPE bis hin zum Pleuraempyem.

Therapieprinzipien

Die Therapie des PPE bzw. Pleuraempyems basiert auf drei Säulen [6]:

  1. Kontrolle der Infektion
  2. Drainage bzw. Entfernung des infizierten Ergusses und Gewebes
  3. Re-Expansion der Lunge

Die Therapie sollte immer Stadien-adaptiert und dem klinischen Zustand des Patienten:in angepasst erfolgen (Abb. 1) [7–10]. Anwendung finden lokale (v. a. Drainage, Operation) und zugleich systemische (v. a. Antibiotikatherapie) Maßnahmen. Eine empirische Antibiotikatherapie sollte frühestmöglich initiiert werden und neben klassischen Pneumonie-Erregern (grampositive Aerobier) auch Anaerobier abdecken. Bei positiven Erregernachweis ist die Antibiotikatherapie dem Antibiogramm anzupassen. Die Dauer der Antibiotikagabe ist individuell und richtet sich nach den klinischen und laborchemischen Parametern. Empfohlen wird eine intravenöse Antibiotikatherapie für mindestens fünf bis sieben Tage, gefolgt von einer oralen Antibiotikagabe über weitere ein bis zwei Wochen in Abhängigkeit vom klinischen Verlauf und den Entzündungsparametern. Ein engmaschiges Monitoring von Drainagefunktion (Fördermenge, Ergussqualität), Fieberverlauf und laborchemischen Entzündungswerten ist unerlässlich.

Die sonographisch gesteuerte Anlage einer möglichst weitlumigen Thoraxdrainage (ggf. Spül-Saugdrainage) ist zur Evakuierung bzw. Entlastung des pleuralen Verhaltes v. a. beim UPPE und einem Pleuraempyem Stadium I indiziert. Insbesondere ab einem pH-Wert < 7,2 ist die Thoraxdrainagenanlage angezeigt [2, 7]. Bei nicht operationsfähigen Patient:innen und frustraner Drainagebehandlung kann der Einsatz von intrapleuralen Fibrinolytika erwogen werden. Aktuell ist das therapeutische Regime (DNAse + tPA) jedoch nur im Off-Label-Use anwendbar. Weiter ist zu bedenken, dass die routinemäßige Behandlung mit Fibrinolytika die chirurgische Behandlung möglicherweise verzögert. Bleibt die Symptomatik nach 48 bis 72 Stunden unter adäquater Drainage unverändert oder zeigt sich im CT ein nicht drainierter Erguss, muss bei diesen Patienten die operative Therapie erneut diskutiert werden.

Bei der operativen Therapie wird zwischen dem chirurgischen Debridement (= Entfernung von entzündlichem und nekrotischem Gewebe im Pleuraraum) und der Dekortikation (= Entfernung der entzündlich veränderten viszeralen und/oder parietalen Pleura) differenziert, wobei beide Maßnahmen abhängig vom Erkrankungsstadium Anwendung finden. Die video-assistierte Thorakoskopie (VATS) ist abhängig vom Stadium und der pleuralen Ausprägung der bevorzugte operative Zugang (Abb. 3). Das minimal-invasive Vorgehen bietet gegenüber einer Thorakotomie die bekannten Vorteile einer geringeren Morbidität und Mortalität, kürzeren Verweildauer und besseren Lebensqualität [11].

Abb. 3: Thorakoskopische Destruktion bei Pleuraemypem Stadium II.

Beim CPPE bzw. beim Pleuraempyem in den Stadien II und III ist die thoraxchirurgische Destruktion mit den Zielen einer vollständigen Evakuierung des infizierten pleuralen Gewebes und der Wiederherstellung der Lungenexpansion zur Vermeidung einer Resthöhlenbildung sowie Verbesserung der Lungenfunktion durchzuführen [12]. Eine Verzögerung der Operation erschwert die vollständige Dekortikation und erhöht die Komplikations- sowie Mortalitätsrate. Pleuraempyeme in fortgeschrittenen Stadien II-III erfordern aufgrund der pleuralen Schwartenbildung i. d. R. eine Thorakotomie zur möglichst vollständigen Dekortikation (Abb. 4). Bei schwer vorerkrankten oder für komplexere Eingriffe inoperablen Patienten:innen bieten sich spezielle Verfahren wie insbesondere die intrathorakale Vakuumtherapie als therapeutisches Verfahren an [13].

Abb. 4: Offene Dekortikation bei Pleuraempyem Stadium III.

Fazit

Das Pleuraempyem ist ein häufig unterschätztes, aber potenziell lebensbedrohliches Krankheitsbild. Entscheidend für den Therapieerfolg sind die frühzeitige, differenzierte Diagnostik und ein stadien-adaptiertes Behandlungskonzept. Die Drainage ist beim komplizierten PPE unverzichtbar. Bei unzureichender Entlastung muss frühzeitig die thoraxchirurgische, operative Versorgung erfolgen.

Literatur

[1]   Bedawi EO, Ricciardi S, Hassan M, Gooseman MR, Asciak R, Castro-Añón O, Armbruster K, Bonifazi M, Poole S, Harris EK, Elia S, Krenke R, Mariani A, Maskell NA, Polverino E, Porcel JM, Yarmus L, Belcher EP, Opitz I, Rahman NM. ERS/ESTS statement on the management of pleural infection in adults. Eur Respir J. 2023 Feb 2;61(2):2201062. doi: 10.1183/13993003.01062-2022. PMID: 36229045
[2]   Light RW. A new classification of parapneumonic effusions and empyema. Chest. 1995 Aug;108(2):299-301. doi: 10.1378/chest.108.2.299. PMID: 7634854.
[3]   Davies HE, Davies RJ, Davies CW; BTS Pleural Disease Guideline Group. Management of pleural infection in adults: British Thoracic Society Pleural Disease Guideline 2010. Thorax. 2010 Aug;65 Suppl 2:ii41-53. doi: 10.1136/thx.2010.137000. PMID: 20696693.
[4]   Andrews N, Parker E, Shaw R, Wilson N, Webb W. Management of nontuberculous empyema. A statement of the ATS subcommittee on surgery. Am Rev Respir Dis; 1962.
[5]   Dean NC, Griffith PP, Sorensen JS, McCauley L, Jones BE, Lee YC. Pleural Effusions at First ED Encounter Predict Worse Clinical Outcomes in Patients With Pneumonia. Chest. 2016 Jun;149(6):1509-15. doi: 10.1016/j.chest.2015.12.027. Epub 2016 Jan 16. PMID: 26836918; PMCID: PMC6026265.
[6]   Hecker E, Hecker HC, Hecker KA. Pleuraempyem – Behandlungsstrategien unter Berücksichtigung der Ätiologie [Pleural empyema – treatment strategies in light of etiology]. Zentralbl Chir. 2013 Jun;138(3):353-77; quiz 378-9. German. doi: 10.1055/s-0032-1328638. Epub 2013 Jun 27. PMID: 23807591.
[7]   Roberts ME, Rahman NM, Maskell NA, Bibby AC, Blyth KG, Corcoran JP, Edey A, Evison M, de Fonseka D, Hallifax R, Harden S, Lawrie I, Lim E, McCracken D, Mercer R, Mishra EK, Nicholson AG, Noorzad F, Opstad KS, Parsonage M, Stanton AE, Walker S. British Thoracic Society Guideline for pleural disease. Thorax. 2023 Nov;78(11):1143-1156. doi: 10.1136/thorax-2023-220304. Epub 2023 Aug 8. PMID: 37553157.
[8]   Reichert M, Hecker M, Witte B, Bodner J, Padberg W, Weigand MA, Hecker A. Stage-directed therapy of pleural empyema. Langenbecks Arch Surg. 2017 Feb;402(1):15-26. doi: 10.1007/s00423-016-1498-9. Epub 2016 Nov 4. PMID: 27815709.
[9]   Shen KR, Bribriesco A, Crabtree T, Denlinger C, Eby J, Eiken P, Jones DR, Keshavjee S, Maldonado F, Paul S, Kozower B. The American Association for Thoracic Surgery consensus guidelines for the management of empyema. J Thorac Cardiovasc Surg. 2017 Jun;153(6):e129-e146. doi: 10.1016/j.jtcvs.2017.01.030. Epub 2017 Feb 4. PMID: 28274565.
[10] Hofmann HS. Modern management of empyema thoracis. Semin Thorac Cardiovasc Surg. 2013 Winter;25(4):287-91. doi: 10.1053/j.semtcvs.2013.07.006. PMID: 24673957.
[11] Ried M, Graml J, Großer C, Hofmann HS, Sziklavari Z. Para- and Postpneumonic Pleural Empyema: Current Treatment Strategies in Children and Adults. Zentralbl Chir. 2015 Oct;140 Suppl 1:S22-8. German. doi: 10.1055/s-0035-1557771. Epub 2015 Sep 9. PMID: 26351760.
[12] Potzger T, Ried M, Hofmann HS. Dekortikation bei Pleuraempyem: funktionell sinnvoll? [Decortication in Pleural Empyema: Reasonable Effects on Lung Function?]. Zentralbl Chir. 2016 Sep;141 Suppl 1:S18-25. German. doi: 10.1055/s-0042-112025. Epub 2016 Sep 8. PMID: 27607885.
[13] Sziklavari Z, Hammoudeh S, Petrone AM, Stange S, Orban K, Fekete JT, Hofmann HS. Outcomes of Vacuum-Assisted Closure in Patients with Empyema Thoracis: A 10-Year Experience. Ann Thorac Surg. 2025 Jun;119(6):1206-1212. doi: 10.1016/j.athoracsur.2024.08.003. Epub 2024 Aug 22. PMID: 39178929.

Korrespondierender Autor:

Dr. med. Dominik Herrmann

Klinik für Thoraxchirurgie

Evangelisches Krankenhaus Herne

d.herrmann@evk-herne.de

Dr. med. Dipl.-Oec. Erich Hecker

Klinik für Thoraxchirurgie

Evangelisches Krankenhaus Herne

Prof. Dr. med. Hans-Stefan Hofmann

Abteilung für Thoraxchirurgie

Universitätsklinikum Regensburg

Klinik für Thoraxchirurgie

Krankenhaus Barmherzige Brüder Regensburg

Prof. Dr. med. Michael Ried

Abteilung für Thoraxchirurgie

Universitätsklinikum Regensburg

Chirurgie

Herrmann D, Hecker E, Hofmann HS, Ried M: Vom Pleuraerguss zum Pleuraempyem – Diagnostik und Therapie im chirurgischen Alltag. Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 03_04.

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Operative Therapie von Lungenmetastasen

Die Lungenmetastasektomie hat sich als wichtiger Baustein in der Behandlung von pulmonal metastasierten soliden Tumoren etabliert [1]. Unter günstigen Voraussetzungen kann die Operation dabei der konservativen Therapie und der Bestrahlung in der Verbesserung des Overall survivals (OS) überlegen sein (HR: 0.68; p < 0.001) [2]. Das Behandlungsziel ist die Verbesserung des Overall survival (OS) mit einer guten Lebensqualität. Dabei kann die „tumorfreie Zeit“ und die „chemotherapiefreie Zeit“ nach einer Metastasektomie genauso wie die progressionsfreie Zeit unter Systemtherapie, zum Gesamt-OS beitragen. In günstigen Fällen wird durch die Operation eine Heilung erzielt.

Mit der Entfernung von Lungenmetastasen werden die einzigen festgestellten Herde, von denen eine weitergehende hämatogene Streuung ausgehen kann, beseitigt. Die Wahrscheinlichkeit, einen wesentlichen Beitrag zur Verlängerung des OS mit der Metastasektomie beizutragen, hängt von der Histologie und zahlreichen weiteren Prognosefaktoren ab (Tab. 1). Je größer die Anzahl und je ausgeprägter einzelne negative Prognosefaktoren sind, desto geringer wird der positive Einfluss einer radikalen Lungenmetastasektomie sein. Daher kommt dem Erhalt der Lebensqualität, und dem Funktionserhalt der Lunge eine besondere Bedeutung zu.

Tab. 1: Negative Prognosefaktoren

Prognosefaktor

Autor / Jahr

Multiple Metastasen

Pastorino 1997 [3], Younes 2011 [4], Petrella 2017 [1]

Synchrones Auftreten der Metastasen

Pastorino 1997 [3]

Inkomplette Resektion (R1, R2)

Pastorino 1997 [3], Baier 2015 [5], Cheung 2019 [6]

Krankheitsfreies Intervall < 36 Monate, synchrone Metastasierung

Pastorino 1997 [3], Younes 2011 [4], Cariboni 2019 [7], Meacci 2021 [8]

Max. Größe der Hauptmetastase

Younes 2011 [4], Meacci 2021 [8], Viehof 2019 [9]

Intrathorakale Lymphknotenmetastasen

Winter 2010, Petrella 2017 [1], Meacci 2021 [8]

Myxofibrosarkome, Maligne periphere Nervenscheidentumoren und Ewingsarkome als aggressive Sarkomtypen

Cariboni 2019 [7]

Nicht klarzellige Histologie beim Nierenzellkarzinom

Meacci 2021 [8]

Männliches Geschlecht bei Melanomen

Viehof 2018 [9]

Erhöhtes CEA bei CRC

Osoegawa 2016 [10]

Negativer Hormonrezeptorstatus beim MammaCa

Fan 2015 [11]

Einschlusskriterien

Damit eine Lungenmetastasektomie für den Patienten wahrscheinlich einen Nutzen erbringt, müssen folgende Einschlusskriterien beachtet werden:

  1. Kontrollierter, besser komplett eradizierter/resezierter Primärtumor
  2. Keine unkontrollierbare weitere extrapulmonale Metastasierung
  3. Technisch mögliche komplette Entfernung aller Lungenmetastasen
  4. Ausreichende kardio-pulmonale Reserve für den geplanten Eingriff
  5. Keine bessere systemische Therapiealternative [6]

Bedeutung des Primärtumors für die Indikationsstellung

Es gibt wenig und nur sehr ungenaue Angaben, bei welcher Primärtumorart, wie häufig ausschließlich Lungenmetastasen vorkommen. Die nachfolgende Tabelle ist daher nur eine grobe Orientierung. Die Art des Primärtumors hat wesentlichen Einfluss auf die Chance einer kurativen Lungenmetastasektomie. So metastasieren Weichteilsarkome am häufigsten primär in die Lunge, die Lungenmetastasektomie hat hier einen hohen Stellenwert. Dagegen metastasieren Mammakarzinome am häufigsten in den Knochen. Die Lungenmetastasektomie kommt daher selten zur Anwendung, und dann nur bei einzelnen, oder ganz wenigen Herden nach Ausschluss einer extrapulmonalen Streuung (Tab. 2).

Tab. 2: Primärtumore und die Häufigkeit von Lungenmetastasen [12] [13] [14] [15]

Primärtumor

Häufigkeit von Lungenmetastasen bei ED

Häufigkeit von ausschließlich Lungenmetastasen

Kolorektale Karzinome

10–20 %

10 %

Nierenzellkarzinom

25–30 %

32 % aller Metastasierten

Malignes Melanom

Häufigster Metastasierungsort

19 % aller Metastasierten

Weichteilsarkome

20–50 %

70 % aller Metastasierten bei ED

Kopf-Hals-Tumoren

Ca. 8 %

4,7 % aller Patienten bei ED

MammaCa

1,7 % entspricht 30,4 % der metastasierten Patientinnen

Sehr selten

Bildgebung

Die präoperative Bildgebung soll möglichst alle Metastasen in der Lunge detektieren. Dabei sollen auch Läsionen von 1-2 mm dargestellt werden, die durch intraoperative Palpation aufgefunden werden können. Noch kleinere Herde sind in der Regel nicht palpierbar, wenn sie nicht unmittelbaren Kontakt zur visceralen Pleura haben. Dafür eignet sich das KM-CT des Thorax in dünnen Schichten (1mm). Mittels Maximum intensity projection (MIP) lassen sich Herde besser von Gefäßstrukturen unterscheiden und die Detektion aller Metastasen wird am besten durch KI-gestützte Analyse (Computer assisted detection = CAD) ergänzt [16] [17]. Leider kann die Durchführung des Thorax-CT und PET-CT keine absolute Sicherheit für die Detektion aller Herde bieten [18].

Operativer Zugang

Die Entscheidung für das minimalinvasive oder offene Vorgehen basiert auf drei Überlegungen: ist es ein diagnostischer Eingriff, dann ist die VATS zu präferieren. Ist es eine singuläre Metastase, oder sind nicht mehr als zwei Herde im CT zu sehen, so ist ebenfalls ein minimalinvasives Vorgehen sinnvoll. Ist jedoch eine vollständige Entfernung (kurative Intention) von mehr als zwei Herden geplant, sollte ein offenes Vorgehen präferiert werden. In älteren Publikationen wird berichtet, dass durch Palpation der Lunge in 20-25 % okkulte Herde getastet werden können, die auf dem präoperativen CT nicht zu sehen waren [19]. Eine Arbeitsgruppe zur Metastasenchirurgie in der ESTS hebt hervor, dass die Palpation der Lunge die sicherste Methode ist, keinen Herd zu übersehen, dass aber bei Verwendung von KM-CTs in 1mm Schichten alle Herde dargestellt werden, die durch Palpation auffindbar wären [20]. In einem Best Evidence Report wurden unter Berücksichtigung von acht retrospektiven Studien mit 337 VATS und 485 TKT keine signifikanten Unterschiede im RFS und OS festgestellt [21]. Zusammenfassend kann man sagen, dass bei guter präoperativer Bildgebung (KM-CT in dünnen Schichten  1mm, MIP, CAD-Analyse) die VATS ein geeignetes Verfahren zur Lungenmetastasektomie darstellt, sofern alle identifizierten Herde minimalinvasiv zu erreichen sind.

Technik und Ausmaß der Lungenresektion

Die Metastasenresektion erfolgt durch halbkugelförmige Ausschneidung der Metastase unter Mitnahme von 5-10 mm gesundem Lungengewebe als Sicherheitsabstand in alle Richtungen [22]. Diese Methode kann mit dem Elektrokauter oder mit dem Laser durchgeführt werden. Durch Einsatz des Lasers wird trotz dichter Resektion um die Metastase ein ausreichender Sicherheitsabstand über die Vaporisation von Gewebe, Karbonisation und Koagulation der im Patienten verbleibenden Resektionsränder erreicht und bestmöglich Lungengewebe erhalten [23, 24, 25]. Die „Verbrennung“ von Lungengewebe am Resektionsrand sorgt für eine niedrige Rate an lokalen Rezidiven (3 %) [26].

Im Vergleich dazu liegt die Rate an lokalen Rezidiven (Abb. 1) nach atypischer Klammernahtresektion zwischen 10-20 % [6]. Bei der Resektion isolierter Lungenmetastasen kann die lokale Kontrolle durch anatomische Resektion an Stelle der atypischen Resektion verbessert werden. Dass dadurch das OS verbessert wird, konnte bisher allerdings nur in einer Studie belegt werden [27, 28, 29]. Der Nutzen der verbesserten lokalen Kontrolle wird dabei durch den negativen Einfluss weiterer Prognosefaktoren überlagert.

Abb. 1: Verlauf nach parenchymsparender Resektion einer isolierten kolorektalen Lungenmetastase

Lymphadenektomie

Der Befall intrathorakaler Lymphknoten kann auf zwei Hauptwegen erfolgen: durch lymphangische Ausbreitung ausgehend von Lungenmetastasen, oder aus dem Bauchraum über transdiaphragmale Lymphbahnen und den Ductus thoracicus. Letzterer Weg ist bekannt für Nierenzellkarzinome und kolorektale Lebermetastasen [30]. Die Lymphadenektomie ist Bestandteil einer kompletten Metastasenresektion. Aufgrund der unterschiedlichen Häufigkeit und prognostischen Bedeutung von Lymphknotenmetastasen bei Lungenmetastasen wird grundsätzlich ein Lymphknoten Sampling empfohlen und bei kolorektalen Karzinomen, Nierenzellkarzinomen und nicht-seminomatösen Hodentumoren auch eine systematische Lymphadenektomie [30, 31, 32]. Im Falle der intraoperativen Detektion von Lymphknotenmetastasen, soll die Metastasektomie konsequent zu Ende durchgeführt werden [31]. Auch wenn der prognostische Benefit der systematischen Lymphadenektomie bisher nicht eindeutig belegt ist, so liefert der Nachweis von intrathorakal befallenen Lymphknoten wertvolle Hinweise zur Prognose des Patienten [33].

Ergebnisse

Die Ergebnisse der Lungenmetastasenchirurgie können nach perioperativen Komplikationen, perioperative Letalität, Auftreten von Metastasenrezidiven und hinsichtlich Lebensqualität und Überleben bewertet werden. Da es bisher fast ausschließlich retrospektive Beobachtungsstudien gibt, und dabei ein erheblicher Selektionsbias besteht, sind die Aussagen mit Vorsicht zu interpretieren.

Komplikationsrate und Letalität

Die perioperative Letalität nach Lungenmetastasenresektion wird in einer Studie mit 0,1 % bei 1284 Patienten angegeben, die zwischen 2012 und 2023 operiert wurden [34]. In einer Übersichtsarbeit unter Einschluss von 61 Studien wird eine Letalität von 0 – 4,7 % nach Metastasektomie angegeben [35]. Die entsprechenden Komplikationsraten werden mit 11,3 % [34] und 0-23 % [35] angegeben. Spezifische Komplikationen nach Kauter- oder Laserenukleation sind zum einen pneumonieähnliche inflammatorische Reaktionen des Lungengewebes um die Resektionsstellen mit entsprechend radiologisch fleckförmigen Verschattungen und passager erhöhten Entzündungswerten, zum anderen prolongierte Luftfistelung, Pneumothorax und ggf. Abszess/Aspergillomentwicklung in den Resektionsdefekten. Laser assoziierte Komplikationen sind mit 6 % insgesamt selten [36].

Metastasenrezidive

Leider sind intrapulmonale Metastasenrezidive mit 38,5-42,9 % [28, 37]auch nach Resektion singulärer Metastasen, relativ häufig. Intrapulmonale Lokalrezidive an der Resektionsstelle (Abb. 1) werden mit 10,2 % – 28 % [26, 28, 29] angegeben. Der Verhinderung intrapulmonaler Lokalrezidive, insbesondere bei sonst günstigen Prognosefaktoren, kommt eine besondere Bedeutung zu. Diese kann z. B. durch anatomische Resektion, oder Laseranwendung erreicht werden [26, 28].

Gesamtüberleben

Das Gesamtüberleben (OS) und das rezidivfreie Überleben (RFS) bewegt sich in einem breiten Spektrum. So kann bei günstigen Voraussetzungen, wie z. B. bei isolierten kolorektalen Lungenmetastasen nach kompletter Resektion eine 5- und 10-Jahres Überlebensrate von 61 %-70 % und 47 % erreicht werden [4, 28], während bei ungünstiger Histologie und ungünstigen Prognosefaktoren die 5-Jahres Überlebensrate unter 25 % bleibt [4], oder gar 7 %, wenn eine komplette Metastasektomie bei Nierenzellkarzinommetastasen nicht erreicht werden konnte [5].

Diskussion

Das Auftreten ausschließlich von Lungenmetastasen ist einerseits Ausdruck der Freisetzung von zirkulierenden Tumorzellen des Primärtumors, andererseits einer gewissen Pulmotropie der Tumorzellen, wie z. B. bei den meisten Sarkomen. Diese kann erklärbar sein, wenn die Lunge die erste Filterpassage für das Blut darstellt, das als venöser Abfluss aus dem Primärtumor kommt. Zum Zeitpunkt der operativen Metastasektomie muss daher bedacht werden, dass sichtbare und okkulte Herde in der Lunge vorliegen. Die Wahrscheinlichkeit für okkulte Metastasen sinkt, je länger das krankheitsfreie Intervall und je länger eine bekannte Metastase beobachtet wurde ohne Nachweis weiterer Herde. Allerdings können Metastasen auch metastasieren, und eine lange Beobachtung von Oligometastasen, um einen schnellen Progress der metastasierten Erkrankung auszuschließen, ist daher nicht gerechtfertigt. Wenn multiple Metastasen festgestellt werden, hat es sich in der Praxis als sinnvoll erwiesen, zunächst eine Systemtherapie durchzuführen und bei stabiler, oder regredienter Erkrankung die Metastasektomie als „Residualchirurgie“ durchzuführen. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit für einen schnellen, unkontrollierbaren Krankheitsprogress. Andererseits ist bei Vorliegen weniger, nicht gesicherter Herde in der Lunge die primär vollständige Metastasektomie gerechtfertigt und bei einzelnen Entitäten kann eine Zeit der Tumornachsorge folgen. Die Systemtherapie steht dann für ein Metastasenrezidiv zur Verfügung.

Ausblick

Der zunehmende Einsatz von zielgerichteten Therapien und von Chemo-Immuntherapie führt nicht etwa dazu, dass Metastasektomien überflüssig werden, sondern eher dazu, dass Patienten auch im Stadium IV länger überleben und eine Resektion bei stabiler Metastasierungssituation angefragt wird [38]

Die Literaturliste erhalten Sie auf Anfrage via passion_chirurgie@bdc.de.

Korrespondierender Autor:

PD Dr. med. Stefan Welter

Abteilung Thoraxchirurgie

Lungenklinik Hemer

stefan.welter@lkhemer.de

Mousa Mezher

Abteilung Thoraxchirurgie

Lungenklinik Hemer

Chirurgie

Welter S, Mezher M: Operative Therapie von Lungenmetastasen. Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 03_02.

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Lungenkrebsfrüherkennung

Das neue Früherkennungsangebot für Lungenkrebs mittels Niedrigdosis-Computertomographie hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Juni 2025 durch Ergänzung der Krebsfrüherkennungs-Richtlinie als Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung beschlossen. Im September 2025 wurde es durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) genehmigt. Die dafür als Voraussetzung erforderliche Lungenkrebs-Früherkennungs-Verordnung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV), in der die strahlenschutzrechtliche Zulässigkeit festgestellt wird, war bereits am 01. Juli 2024 in Kraft getreten.

Die Früherkennung für das Lungenkarzinom ist damit das fünfte gesetzlich verankerte Krebsfrüherkennungsprogramm (Abb. 1). Wie für Hautkrebs und Prostatakrebs ist es „nur“ ein Programm nach § 25 SGB V. Dies bedeutet, es werden keine Einladungen mit Termin verschickt, wie das bei den Programmen nach § 25a (Darmkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Brustkrebs) der Fall ist. Der Hintergrund ist, dass die Früherkennung für Lungenkrebs noch nicht in einer europäischen Leitlinie verankert ist, was Voraussetzung für ein erweitertes Programm nach § 25a ist.

Abb. 1: Gesetzlich verankerte Krebsfrüherkennungsuntersuchungen

Die Lungenkrebsfrüherkennung ist das erste Früherkennungsprogramm mit einem risikobasierten Ansatz. Während bei den anderen Früherkennungsprogrammen bevölkerungsbasiert lediglich Alter und Geschlecht die Anspruchsberechtigung definieren, kommt bei der Lungenkrebsfrüherkennung der Risiko-Cofaktor Zigarettenkonsum hinzu. [1]

Anspruchsberechtigt sind langjährige, aktive oder ehemalige Raucherinnen und Raucher zwischen 50 und 75 Jahren (d. h. ab vollendetem 50. bis zur Vollendung des 76. Lebensjahrs), die mindestens 25 Jahre im Umfang von rechnerisch mindestens 15 Packungsjahren geraucht haben oder noch rauchen. Wenn sie mit dem Rauchen aufgehört haben, darf dies nicht länger als zehn Jahre zurückliegen.

Wie läuft das Programm ab?

Der Einschluss in das Programm erfolgt durch Allgemeinmediziner, Internisten und Arbeitsmediziner mit einer abgeschlossenen Fortbildung im Bereich der Lungenkrebsfrüherkennung (Abb. 2). Eine direkte Anmeldung bei einer Radiologie ist nicht möglich. Aufgabe des/der erstberatenden Arztes/Ärztin ist die Identifikation von möglichen Teilnehmern am Früherkennungsprogramm, die Beratung über potenziellen Nutzen und Schaden und die Beurteilung des medizinischen Eignungsprofils, insbesondere mit Hinblick auf die Gefahr der Überdiagnose und der Übertherapie. Überdiagnose und Übertherapie heißt, dass ein frühes Lungenkarzinom diagnostiziert und behandelt wird, das – angesichts einer bestehenden signifikanten Begleitmorbidität – keine Bedeutung für das Überleben der betreffenden Person gehabt hätte. Dieser Aspekt spielt bei der Lungenkrebsfrüherkennung in dem anspruchsberechtigten Personenkreis eine größere Rolle als bei anderen Krebsfrüherkennungsprogrammen. Des Weiteren soll der erstberatende Arzt/die erstberatende Ärztin auf Anlaufstellen und Beratungsmöglichkeiten zum Rauchstopp bei aktiven Rauchern verweisen.

Abb. 2: Wie läuft das Programm ab?

Anschließend folgt die Terminvereinbarung bei einer (für die Lungenkrebsfrüherkennung zugelassenen) Radiologie und die Durchführung der Niedrigdosis CT-Untersuchung. Die Befundung der CT-Untersuchung muss strukturiert entsprechend der Lung-RADS Klassifikation erfolgen, zunächst durch einen qualifizierten Radiologen und anschließend unter Nutzung einer (CAD-) Software. Dabei wird eine Einstufung in drei unterschiedliche Kategorien: „negativ“, „kontrollbedürftig“ oder „abklärungsbedürftig“ vorgenommen. Negative Befunde (rund 90 % der Fälle) gehen direkt in die nächste Screeningrunde nach 12 Monaten. Kontroll- oder abklärungsbedürftige Befunde müssen von einem weiteren Radiologen, der an einem Zentrum tätig ist, (zweit-)befundet werden, wiederum zunächst durch den Radiologen/die Radiologin selbst und anschließend unter Nutzung einer Software. Stimmt die Beurteilung von Erst- und Zweitbefundung überein, gehen kontrollbedürftige Befunde in ein verkürztes Kontrollintervall (nach drei oder sechs Monaten) und Personen mit abklärungsbedürftigen Befunden wird direkt eine Vorstellung an einem Zentrum vermittelt. Ist die Beurteilung von Erst- und Zweitbefundung diskrepant, muss der Erstbefunder im Rahmen einer „kleinen Fallkonferenz“, eine gemeinsame Beurteilung der CT-Untersuchung von Erst- und Zweitbefunder veranlassen.

Das Ergebnis der Lungenkrebsfrüherkennungsuntersuchung soll durch den Erstbefunder innerhalb von 14 Tagen nach Erstellung der Niedrigdosis-Computertomographieaufnahme der versicherten Person als strukturierter Befundbericht übermittelt werden. Bei Einwilligung der teilnehmenden Person übermittelt der Erstbefunder auch dem zuweisenden erstberatenden Arzt bzw. der erstberatenden Ärztin das Ergebnis der Lungenkrebsfrüherkennungsuntersuchung als strukturierten Befundbericht.

Strukturvoraussetzungen und Qualifikation der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte

Alle an der Lungenkrebsfrüherkennung beteiligten Ärztinnen und Ärzte müssen nach den Vorgaben der Lungenkrebs-Früherkennungs-Verordnung und gemäß § 43 Krebsfrüherkennungs-Richtlinie verpflichtende Fortbildungen absolvieren. Die Bundesärztekammer hat hierfür Vorgaben erstellt:

  • Erstberatende Allgemeinmediziner, Internisten, Arbeitsmediziner:
    ◦Online-Curriculum im Selbststudium, 1 Unterrichtseinheit (45 min), verfügbar ab April 2026
  • FÄ für Radiologie als Erst- und Zweitbefunder:
    ◦Der theoretische Teil umfasst mindestens 2 Unterrichtseinheiten (UE) und vermittelt das für die Lungenkrebsfrüherkennung mittels Niedrigdosis-CT erforderliche Wissen über die wissenschaftlichen Grundlagen und die Umsetzung der Lungenkrebsfrüherkennung in Deutschland.
    ◦Im praktischen Teil mit einem Umfang von 10 UE wird die Befundung an 60 Fallbeispielen trainiert.

Ärztinnen und Ärzte, die als Zweitbefunder im Rahmen der Untersuchung zur Lungenkrebsfrüherkennung Computertomographieaufnahmen befunden, bedürfen hierfür einer Genehmigung der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung. Die Genehmigung setzt voraus, dass die oben genannte fachliche Qualifikation erfüllt ist und die Ärztin oder der Arzt an einer Einrichtung tätig ist, die auf die Untersuchung und Behandlung von Lungenkrebs spezialisiert ist.

Eine „auf die Untersuchung und Behandlung von Lungenkrebs spezialisierte Einrichtung“ ist nach der Definition gemäß Krebsfrüherkennungs-Richtlinie ein zugelassenes Krankenhaus, das die Mindestmengenregelung des G-BA für die „Thoraxchirurgische Behandlung des Lungenkarzinoms bei Erwachsenen nach §136 SGB V“ erfüllt. Effektiv werden das weit überwiegend die nach den Kriterien der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Lungenkrebszentren sein.

Nutzen und Risiken der Lungen­krebs­früher­kennung mittels Niedrigdosis-CT

Ziel der neuen Früherkennung ist es, Lungenkrebs bei Raucherinnen und Rauchern früh zu diagnostizieren, zeitnah die Behandlung zu ermöglichen und so die Überlebenschancen zu erhöhen.

Der G-BA hat am 18. Dezember 2025 eine Versicherteninformation zur neuen Lungenkrebsfrüherkennung beschlossen. Darin wird erläutert, wie die Untersuchung abläuft und welche Untersuchungsergebnisse möglich sind. Dargestellt wird auch, wie mit auffälligen Befunden umgegangen wird und welche Versorgung sich je nach Befund anschließt. Schließlich werden die Vor- und Nachteile der freiwilligen Früherkennungsuntersuchung gegenübergestellt, auf die Strahlenbelastung durch die eingesetzte Niedrigdosis-Computertomographie hingewiesen sowie das Risiko falsch-positiver oder falsch-negativer Befunde und Überdiagnosen erläutert. [2] [3] [4] [5] [6]

Praxisnah erscheint eine Beratung potenziell teilnehmender Personen mit Bezug auf zwei mögliche Szenarien: a) die teilnehmende Person hat Lungenkrebs, oder b) die teilnehmende Person hat keinen Lungenkrebs (Abb. 3).

Abb. 3: Nutzen und Risiken der Lungenkrebsfrüherkennung mittels Niedrigdosis-CT

Der Nutzen für einen Teilnehmer oder eine Teilnehmerin mit einem bisher unentdeckten Lungenkrebs an der Früherkennung liegt in der frühen Diagnose mit besseren Heilungschancen. Dabei besteht allerdings besteht ein gewisses Risiko, dass sehr kleine maligne Herde zunächst nicht als solche erkannt werden. Ca. 8 % aller Lungenkrebsfälle werden in der ersten CT-Untersuchung falsch negativ gewertet und erst anhand des Größenwachstums in der Kontrolluntersuchung erkannt. Andererseits muss in 1–3 % der Fälle davon ausgegangen werden, dass der diagnostizierte Lungenkrebs zeitlebens keine Probleme verursacht hätte und somit eine Überdiagnose darstellt.

Der Nutzen für Teilnehmer oder Teilnehmerinnen bei denen schlussendlich kein Lungenkrebs entdeckt wird, ist primär die Befreiung von der Angst Lungenkrebs zu haben. Allerdings gelingt diese Befreiung nicht immer sofort, da in bis zu 20 % der Fälle falsch positiv gewertete Befunde erst nach weiteren kurzfristigen Kontrollen als solche erkannt werden und in ca. 1 % der Fälle sogar erst mit einer invasiven Diagnostik ein Malignom sicher ausgeschlossen werden kann. Ohne Krebsdiagnose ist auch die Strahlenbelastung durch die CT-Diagnostik ein Risikofaktor. Pro Niedrigdosis-CT-Untersuchung erhöht sich das Lungenkrebsrisiko bei Frauen um etwa 0,25 %, bzw. bei Männern um etwa 0,1 %.

Erwartbare Teilnehmerzahlen für die Lungenkrebs­früherkennung in Deutschland

Nach den Erfahrungen in anderen Ländern wird allgemein mit einer primär geringen Teilnehmerquote im einstelligen Prozentsatz gerechnet. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass die Mehrzahl der anspruchsberechtigten Personen typischerweise ein medizinfernes Leben führt und zunächst keine individuelle Einladung erfolgt.

Etwa 7 % der in Deutschland lebenden Bevölkerung erfüllen die Einschlusskriterien für die Teilnahme an der Lungenkrebsfrüherkennung (Abb. 4). Bei 83,5 Millionen Einwohnern entspricht das einer potenziellen Screening-Population von ca. 5,8 Mio. Personen. Bei einer erwarteten Teilnahmequote von 5–10 % würden zwischen 290.000 und 580.000 CT-Untersuchungen pro Jahr in jeder Runde der Früherkennung durchgeführt werden. Bei der derzeit in Deutschland jährlich durchgeführten Anzahl von 12 Mio. CT-Untersuchungen pro Jahr entspräche das einer Steigerung um 2 bis 5 %, was im regulären Betrieb machbar erscheint.

Abb. 4: Erwartbare Teinehmerzahlen für die Lungenkrebsfrüherkennung in Deutschland

Über 90 % der Früherkennungs-CT-Untersuchungen haben einen negativen Befund und gehen ohne weitere Maßnahmen in die nächste Screeningrunde nach 12 Monaten. Rund 9 % (25.000 bis 50.000) sind kontroll- bzw. abklärungsbedürftige Befunde und erfordern zunächst eine Zweitbefundung durch den Radiologen am Zentrum.

Bei ca. 2 % der durchgeführten Früherkennungs-CT-Untersuchungen werden abklärungsbedürftige Lungenherde entdeckt. Der Abklärungsprozess ist nicht mehr Teil der Früherkennung und soll interdisziplinär an „einer auf die Untersuchung und Behandlung von Lungenkrebs spezialisierten Einrichtung“ erfolgen, damit defacto an einem nach den Kriterien der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Lungenkrebszentrum. Bei Verteilung der an den Zentren zu erbringenden Leistungen auf die 76 aktuell in Deutschland zertifizierten Lungenkrebszentren würde das folgende Mehrleistungen nach sich ziehen:

  • Für den Radiologen am Zentrum: 8–15 CT-Zweitbefundungen pro Woche
  • Für das Tumor-/Rundherdboard am Zentrum: 2–3 zusätzliche Fälle pro Woche
  • Für das Zentrum insgesamt: 40–80 zusätzlich zu behandelnde Lungenkrebspatienten pro Jahr

Ausblick

Der Erfolg des neuen Angebots zur Lungenkrebs-Früherkennung hängt zunächst davon ab, ob es gelingt, den anspruchsberechtigten Personenkreis in größerer Zahl zur Teilnahme zu motivieren. Im nächsten Schritt ist eine Weiterentwicklung der Einschlusskriterien dringend erforderlich, um auch der wachsenden Zahl der nichtrauchenden Lungenkrebspatienten ein Angebot machen zu können. [6] Für Raucher – und das ist auch heute noch die größte Gruppe – gilt jedoch, dass schlussendlich der Rauchstopp die effektivste Methode der Prävention ist.

Literatur

[1]   Blum TG, Vogel-Claussen J, Andreas S et al. Positionspapier zur Implementierung eines nationalen organisierten Programms in Deutschland zur Früherkennung von Lungenkrebs in Risikopopulationen mittels Low-dose-CT-Screening inklusive Management von abklärungsbedürftigen Screeningbefunden. Pneumologie 2024; 78: 15–34
[2]   Team NLSTR. Lung cancer incidence and mortality with extended follow-up in the National Lung Screening Trial. Journal of Thoracic Oncology 2019; 14: 1732–1742
[3]   Becker N, Motsch E, Trotter A et al. Lung cancer mortality reduction by LDCT screening—results from the randomized German LUSI trial. International journal of cancer 2020; 146: 1503–1513
[4]   de Koning HJ, van Der Aalst CM, de Jong PA et al. Reduced lung-cancer mortality with volume CT screening in a randomized trial. New England journal of medicine 2020; 382: 503–513
[5]   Nekolla EA, Brix G, Griebel J. Lung cancer screening with low-dose CT: radiation risk and benefit–risk assessment for different screening scenarios. Diagnostics 2022; 12: 364
[6]   Vogel-Claussen J, Bollmann B-A, May K et al. Effectiveness of NELSON versus PLCOm2012 lung cancer screening eligibility criteria in Germany (HANSE): a prospective cohort study. The Lancet Oncology 2025; 26: 1541–1551

Prof. Dr. med. Hans Hoffmann

Sektion Thoraxchirurgie

TUM Klinikum Rechts der Isar

Ismaninger Str. 22

81675 München

hans.hoffmann@tum.de

Chirurgie

Hoffmann H: Lungenkrebsfrüherkennung. Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 03_01.

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