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Neue Ausgabe PASSION CHIRURGIE: Neuer BDC-Vorstand & Kongressnachlese 2026

Zur Juniausgabe PASSION CHIRURGIE: Neuer BDC-Vorstand & Kongressnachlese 2026

Die Chirurgie befindet sich im Wandel – und der BDC gestaltet ihn aktiv mit. In der Juniausgabe der Passion Chirurgie stellen wir Ihnen das neu gewählte BDC-Präsidium vor und verabschieden langjährige Mandatsträger, die den Verband entscheidend geprägt haben. Zudem blicken wir auf den Deutschen Chirurgie Kongress 2026 zurück, der eindrucksvoll gezeigt hat, wie innovativ, engagiert und zukunftsorientiert die Chirurgie in Deutschland aufgestellt ist.

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Viel Spaß beim Lesen
Ihr PASSION CHIRURGIE-Team

Fluoreszenztechnologie

Der Berufsverband deutscher Chirurgie (BDC) hat die Schirmherrschaft des ersten iSPIES Regional Imaging Summit (07.-08.10.2025) in Frankfurt am Main übernommen. Die Veranstaltung setzte sich mit dem praktischen Einsatz der Fluoreszenztechnologie, insbesondere mit Indocyaningrün (ICG), auseinander. Im Folgenden werden Erfahrungen und aktuelle Erkenntnisse für die einzelnen Organabschnitte näher beleuchtet.

ICG Fluoreszenz Allgemein

Nachdem die intraoperative Fluoreszenzbildgebung in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts in verschiedenen Gebieten eingeführt wurde, hat sich diese erst in den letzten Jahren in Form der ICG Floreszenz zu einem wichtigen Baustein in mehreren Feldern der diagnostischen und interventionellen Chirurgie entwickelt [Nowak K: Visceral Med 2021]. Neben der Fluoreszenztechnologie mit dem am häufigsten verwendeten Farbstoff Indocyaningrün (ICG) eröffnen sich zukünftig breite Anwendungsfelder mit gegebenenfalls auch gewebespezifischen bzw. tumorspezifischen Farbstoffen.

In der Viszeralchirurgie ist die häufigste Anwendung der Fluoreszenz Bildgebung mit ICG im Bereich der Gewebeperfusion vor oder nach Fertigstellung einer Anastomose im Bereich der kolorektalen und der Ösophaguschirurgie. Weiterhin kann die Fluoreszenzbildgebung wichtige Hilfestellung leisten im Bereich der Identifikation von Gallewegen und Galleleckagen, der Detektion von Metastasen und der Sentinelnode Detektion.

ICG

Hinsichtlich der physikalischen/optometrischen und chemischen Beschaffenheit von ICG ist die Datenlage für die klinische Anwendung (und experimentelle Anwendung) inkonsistent. In den meisten Studien wird ICG in destilliertem Wasser aufgelöst und intravenös verabreicht. Jedoch empfehlen oftmals Informationen zur genauen Dosierung, der Art der Applikation (Bolus oder fraktioniert), und den Zeitpunkt zudem die Flasche mit ICG geöffnet wurde (ICG degradiert über den Zeitraum) [Mindt et al]. Für die intravenöse Anwendung beträgt die Halbwertszeit im Plasma von ICG ca. 2,4 Minuten. Die Substanz wird dann über die Leber metabolisiert und in der Galle ausgeschieden, was zu einem verlängerten Fluoreszenzeffekt bei Patienten mit limitierter Leberfunktion führt [Ott P 1998].

Kolorektalchirurgie

Bei der Mesenterialischämie hat sich die Anwendung von ICG als hilfreich erwiesen. Es ergaben sich Entscheidungshilfen für/gegen eine Resektion, der Revaskularisierung bzw. second look [KArampinis et al.].

Zu einer Anastomoseninsuffizienz tragen viele Faktoren, neben der Durchblutung des Anstomosenbereichs, bei. Daher ist die isolierte Betrachtung der Perfusion bzw. ICG Perfusion allein als Faktor sicherlich nicht unproblematisch. Im Bereich der Kolorektalchirurgie gibt es die größte Anzahl an Studien zur ICG Perfusion und Anastomosenheilung. Bis heute wurde die Studienlage durch mehrere systematische Reviews und Metaanalysen aus den Daten der Studien zum Einfluss der ICG Fluoreszenz bei kolorektalen Anastomosen gesammelt und ausgewertet. Hierbei wurden mitunter Tumorresektionen und linksseitige Kolonresektionen bzw. Rektumresektionen gesondert analysiert. In den Analysen gibt es mittlerweile eine steigende Anzahl höherwertiger Studien und bisher neun prospektiv randomisierte Studien.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass alle Studien und Metaanalysen eine exzellente Machbarkeit der ICG Fluoreszenz mit 100 % bei einem Zeitbedarf unter vier Minuten, sowie eine Reduktion der Typ A und B Anastomoseninsuffizienzen zeigten. In einem Konsensuspapier der EAES wurde die Anwendung von ICG zur Reduktion der Anastomoseninsuffizienz bei Kolonresektionen klar empfohlen.

Leberchirurgie

Im Bereich der minimal invasiven Leberchirurgie gibt es immer mehr sinnvolle Anwendungen für die ICG Fluoreszenz. Diese haben sich zuerst in asiatischen Zentren verbreitet, sind aber mittlerweile in der täglichen Routine auch in Deutschland vertreten.

Grundsätzlich war der erste Einsatz für die ICG Bildgebung für die Markierung anatomischer Landmarken vorgesehen, hierzu zählt vorwiegend die positive und negative Staining Technik. Diese ist von der von Makuuchi ursprünglich propagierten Methylenblaustaining -Technik abgeleitet.

Vereinfacht gesagt wird zunächst der portale Zufluss eines Segmentes kontrolliert und dann über die intravenöse ICG-Gabe das zu resezierende Segment (Positive Staining) oder die Restleber (Negative Staining) in ihrer individuellen Anatomie markiert und so das Resektionsausmass definiert. So gelingt zum Beispiel auch bei größeren anatomischen Resektionen eine gute Markierung der Transsektionslinie.

Da das größte Problem der minimalinvasiven Leberchirurgie das Fehlen der taktilen Rückmeldung ist, kann mit Systemen der neuesten Generation, bei denen dauerhaft im ICG modus gearbeitet werden kann, auch ein intraparenchymales Tumortracking während der Resektion erfolgen. Dies wird durch die Speicherung von ICG im Tumorgewebe (und peritumoral) bei einer Gabe vor der OP erreicht. Dies ist vermutlich die vielversprechendste Anwendung. Auch die Perfusionskontrolle post-Resektion und die Detektion von Galleleckagen sind mit ICG möglich.

Im Rahmen der Gallenblasenchirurgie verspricht die ICG-Cholangiographie einen deutlichen Benefit für die Erhöhung der Sicherheit bei der Operation (insbesondere bei der akuten Cholecystitis) genauso wie für die schnellere Lernkurve der Auszubildenden Chirurgen.

Auf dem iSpies Meeting konnte im gemeinsamen Austausch mit Faculty und Teilnehmern durch lebhafte Diskussion diese Thematik erörtert werden, anhand von praktischen Beispielen und Videobeiträgen vertieft werden und eine weitere Verbreitung der noch neuen Technik ermöglicht werden. Dabei wurden auch praktische Dinge wie Dosis, Zeitpunkt der Gabe und technische Optimierung für beste Ergebnisse geteilt und diskutiert.

Ösophagus-/Magenchirurgie

Die Fluoreszenzbildgebung wird in der oberen gastrointestinalen Chirurgie breit eingesetzt. Die sichere Nutzung ist durch mehrere Studien belegt [EAES Consensus, Cassinotti et al.]. Es wird insbesondere der intraoperativen Entscheidungsfindung in Echtzeit eingesetzt wird. Durch die Bindung an Plasmaproteine und die damit verbundene Fluoreszenz unter Nahinfrarotlicht ermöglicht ICG die Visualisierung von Strukturen (wie Gallengängen, Gefäßen und Lymphknoten), die sonst schwerer zu identifizieren wären.

In der Ösophaguschirurgie wird sie insbesondere für die Beurteilung der Gefäßdurchblutung des zur Rekonstruktion verwendeten Magenschlauchs benutzt. Hierbei kann sie helfen, schlecht durchblutete Bereiche zu identifizieren, um Anastomoseninsuffizienzen zu reduzieren. Über die intraoperative Gefäßdarstellung in Echtzeit, wird die Durchblutung auch bei der ischämischen Konditionierung [ISCON, Schiffmann et al.].

Zusätzlich wird es bei der Darstellung des Ductus thoracicus genutzt. Die intralymphatische Injektion (z. B. auch im Mesenterium des Dünndarms) von ICG während der Ivor-Lewis-Ösophagektomie ermöglicht die präzise Visualisierung des Ductus thoracicus, was eine sichere Ligatur erleichtert und das Risiko eines Chylothorax verringert kann. Im Bereich des Lymphknotenmapping ist der Effekt bisher nicht von onkologischer Relevanz. Insgesamt ist eine gute Darstellung der Lymphknoten möglich. Durch peritumorale Injektion von ICG 24 h vor der Operation, kann das Lymphabflussgebiet gut dargestellt werden. Eine Voraussage ob diese Lymphknoten metastatisch verändert/befallen sind, lässt sich dadurch aber nicht treffen.

In der Magenchirurgie wird analog zur Ösophaguschirurgie die ICG-Gabe zum Lymphknotenmapping durchgeführt. Hierzu wird ebenfalls 24 h vor dem geplanten Eingriff eine submucöse, peritumorale Injektion durchgeführt. Am OP-Tag können dann die Lymphabflusswege dargestellt werden. Erste Untersuchungen beschäftigen sich mit der Sentenel Lymphknotendarstellung. Insbesondere bei Frühkarzinomen wird versucht eine angepasste, weniger extensive Lymphadenektomie durchzuführen (tailored approach). Aktuell sind die Daten aus westlichen Ländern unzureichend, um eine gezielte Lymphadenektomie onkologisch sicher zu Vertreten. Dennoch ist es so, dass unter der Zuführung der ICG Technik die onkologische Lymphadenektomie singifikant erhöht werden kann. Bei der D2-Lymphadenketomie werden unter ICG Kontrolle relevant mehr Lymphknoten des klassischen Lymphabflussgebietes reseziert als ohne ICG Kontrolle.

 

Abb. 1: a: Magen in 4K Auflösung; b: Magen in ICG-Technik mit Intensity Control

Die intraoperative Fluoreszenzbildgebung mit ICG ist mittlerweile zum festen klinischen Bestandteil im Bereich der Kolorektal-, Ösophagus- und Leberchirurgie geworden. Alles geht ohne, jedoch mehrt sich die Evidenz in allen Bereichen, dass es vielleicht noch besser mit ICG-Fluoreszent geht.

Der diesjährige „iSPIES Regional Imaging Summit“ wird vom 12.-13. November 2026 in Frankfurt stattfinden (Anmeldung via: anna.martens@stryker.com).

Korrespondierender Autor:

PD Dr. Benjamin Babic F.E.B.S.

Chefarzt

Chirurgische Klinik I

Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Tumorchirurgie

Sana Klinikum Offenbach GmbH

benjamin.babic@sana.de

Prof. Dr. med. Kai Nowak

Chefarzt

Klinik für Allgemein-, Gefäß- und Thoraxchirurgie

RoMed Klinikum Rosenheim

Akad. Lehrkrankenhaus der LMU München

Leitung Viszeralonkologisches Zentrum

chirurgie.ro@ro-med.de

Dr. med. Dr. habil Gregor A. Stavrou, FEBS (HPB, SurgOnc)

Chefarzt

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Thoraxchirurgie

Chirurgische Onkologie

gstavrou@klinikum-saarbruecken.de

Univ.-Prof. Dr. med. Hans Fuchs FACS FEBS (Hon.)

Professor für roboterassistierte minimal-invasive Viszeralchirurgie & Künstliche Intelligenz in der Chirurgie

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Transplantationschirurgie

Uniklinik Köln (AöR)

hans.fuchs@uk-koeln.de

Chirurgie

Babic B, Nowak K, Stavrou G, Fuchs H: Fluoreszenztechnologie. Passion Chirurgie. 2026 Juni; 16(06/II): Artikel 03_01.

www.bdc.de

Patienten als Partner in der chirurgischen Risikoprävention – ein unterschätzter Sicherheitsfaktor

Die chirurgische Versorgung zählt zu den komplexesten und risikoreichsten Bereichen der Medizin. Zeitkritische Entscheidungen, anspruchsvolle Abläufe und interprofessionelle Teams treffen auf wechselnde Rahmenbedingungen und nicht selten auf ausgeprägte Hierarchien. Trotz etablierter Sicherheitsinstrumente wie OP-Checklisten, CIRS oder Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen kommt es weiterhin zu vermeidbaren unerwünschten Ereignissen. Besonders an den Schnittstellen zwischen Station, OP und postoperativer Versorgung entstehen Risiken durch Informationsverluste, unklare Zuständigkeiten und strukturelle Diskontinuitäten.

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine Ressource zunehmend an Bedeutung, die im klinischen Alltag bislang häufig unterschätzt wird: die aktive Beteiligung der Patientinnen und Patienten an sicherheitsrelevanten Abläufen. Da sie den gesamten Versorgungspfad ohne Unterbrechung durchlaufen, erkennen sie Abweichungen im Prozess, Informationslücken oder unzureichend umgesetzte Sicherheitsstandards, etwa bei Händehygiene oder Identitätskontrolle, häufig früher als das Behandlungsteam. Ihre Perspektive ist unabhängig von professionellen Routinen und dadurch besonders wertvoll für die Identifikation subtiler Risiken oder inkonsistenter Abläufe.

Seit der Veröffentlichung des Berichts „To Err Is Human“ im Jahr 1999 erhält die Einbindung von Patientinnen und Patienten als aktive Ressource für mehr Sicherheit im Gesundheitswesen internationale Aufmerksamkeit. Mit dem „WHO Global Patient Safety Action Plan 2021–2030“ wurde diese Perspektive weiter gestärkt und als eines der sieben strategischen Kernziele in der globalen Patientensicherheitsagenda verankert. Die WHO betont, dass eine „Welt, in der niemand durch Gesundheitsversorgung geschädigt wird“, nur erreichbar ist, wenn Patientinnen und Patienten partnerschaftlich in sicherheitsrelevante Entscheidungen und Prozesse eingebunden werden. Ziel ist es, Patientinnen und Patienten sowie ihre Familien so zu befähigen, dass sie Risiken erkennen, sicherheitsrelevante Informationen verstehen und sich auf Augenhöhe in Entscheidungen und Prozesse einbringen können. [1]

Die wissenschaftliche Evidenz der letzten Jahre bestätigt diese Perspektive eindrücklich. Untersuchungen der US-amerikanischen Behörde Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ) zeigen, dass Patientinnen und Patienten Fehler und Unstimmigkeiten häufig früher bemerken als professionelle Teams und damit als wichtige Sensoren im klinischen Alltag fungieren können. Besonders patientenzentrierte Interventionen, die Transparenz, Befähigung und strukturierte Kommunikation fördern, können eine signifikante Verbesserung der Sicherheit bewirken. [2]

Damit dieses Potenzial wirksam werden kann, genügt es jedoch nicht, Patientinnen und Patienten lediglich mit Informationen zu versorgen. Erforderlich ist ihre gezielte und systematische Einbindung in Prozessschritte von der prä- und perioperativen Phase bis zur postoperativen Phase. Voraussetzung dafür sind klare Rollen, transparente Erwartungen, verständliche Materialien sowie Strukturen, die Rückmeldungen ausdrücklich erwünschen und wertschätzen.

Im Folgenden werden zentrale Ansatzpunkte entlang des chirurgischen Behandlungspfads aufgezeigt, die eine solche Einbindung unterstützen.

Präoperative Aufklärung und Shared Decision-Making

Die präoperative Aufklärung ist ein wesentliches Instrument der Patientensicherheit. Sie bietet die Möglichkeit, ein realistisches Verständnis über Risiken, Alternativen und Erwartungen zu vermitteln. Materialien wie strukturierte Fragenkataloge, Entscheidungshilfen oder risikobasierte Informationsblätter unterstützen Patientinnen und Patienten dabei, gezielt nachzufragen und somit Missverständnisse zu vermeiden. Entscheidend ist, dass Informationen nicht nur vermittelt, sondern auch verstanden werden. Gerade in komplexen chirurgischen Situationen besteht das Risiko, dass Patientinnen und Patienten aufgrund von Stress oder Informationsüberflutung wesentliche Aspekte nicht aufnehmen.

Shared Decision-Making (SDM) stärkt diesen Prozess. Durch eine dialogorientierte Gesprächsführung entsteht ein gemeinsames Verständnis über Nutzen, Risiken und Ziele des Eingriffs. Patientinnen und Patienten, die sich aktiv beteiligt fühlen, sind nachweislich besser in der Lage, postoperative Empfehlungen einzuhalten und Frühwarnzeichen zu erkennen. Darüber hinaus wirkt SDM präventiv auf das Auftreten von Kommunikationsfehlern, die zu den häufigsten Ursachen unerwünschter Ereignisse zählen. Ein weiterer Nutzen liegt in der emotionalen Entlastung. Studien zeigen, dass ein Gefühl der Kontrolle und der aktiven Mitgestaltung präoperative Angst reduziert – ein Faktor, der wiederum mit besseren postoperativen Ergebnissen korreliert.

Perioperative Vorbereitung

Fehler bei präoperativen Karenzvorgaben führen häufig zu Verzögerungen im Ablauf und erhöhen das Risiko einer Aspiration. Eine einbindende und gut verständliche Kommunikation, die die physiologischen Hintergründe erläutert, klare Zeitvorgaben vermittelt und Hinweise zur sicheren Medikamenteneinnahme gibt, verbessert die Adhärenz der Patientinnen und Patienten nachweislich.

Im Rahmen moderner ERAS-Programme werden Patientinnen und Patienten zunehmend differenziert informiert – etwa zu klaren Flüssigkeitsregeln, dem Umgang mit fester Nahrung, individuellen Medikationsempfehlungen sowie Hinweisen zu Rauch- und Alkoholkarenz. Eine verständliche Erläuterung dieser Zusammenhänge erhöht nachweislich die Bereitschaft, die Vorgaben konsequent umzusetzen. Viele Kliniken nutzen mittlerweile digitale Patientenportale, die automatische Erinnerungen, Checklisten und edukative Inhalte bereitstellen, um damit eine wirksame Ergänzung zur persönlichen Aufklärung darzustellen.

Identitätsprüfung und Seitenkontrolle

Die Vermeidung von Patientenverwechslungen und Seitenfehlern erfordert ein aktives Zusammenspiel zwischen medizinischem Personal und Patientinnen und Patienten. Statt die Identitäts- und Seitenkontrolle ausschließlich als Aufgabe des Behandlungsteams zu betrachten, sollte die aktive Mitwirkung der Patientinnen und Patienten bewusst in den Prozess integriert werden. Dies beginnt damit, sie gezielt aufzufordern, ihre Identität und die betroffene Körperseite selbst zu benennen. Ein solches „Checkback“-Verfahren stärkt das Verantwortungsgefühl der Patientinnen und Patienten und schafft zugleich eine zusätzliche Sicherheitsbarriere.

Entscheidend ist außerdem, Patientinnen und Patienten zu ermutigen, Unstimmigkeiten direkt anzusprechen, insbesondere dann, wenn Name oder Eingriffsseite falsch genannt werden. Auf diese Weise entsteht eine zusätzliche Schutzebene, die kritische Fehler frühzeitig sichtbar machen kann und damit maßgeblich zur Vermeidung von Verwechslungen beiträgt.

Medikationssicherheit

Auch im Bereich der Medikationssicherheit bringt die Beteiligung der Patientinnen und Patienten erhebliche Vorteile. Medikationsfehler gehören zu den häufigsten Ursachen schwerwiegender unerwünschter Ereignisse. Studien zeigen, dass die Qualität von Medikationsanamnese und -abgleich deutlich steigt, wenn Patientinnen und Patienten durch strukturierte Informationen in den Überprüfungsprozess eingebunden werden. Transparenz, vollständige Medikamentenlisten und aktives Nachfragen tragen wesentlich zur Fehlervermeidung bei. [2]

Infektionsprävention und Händehygiene

Nosokomiale Infektionen zählen zu den häufigsten vermeidbaren Komplikationen. Patientinnen und Patienten können einen wichtigen Beitrag leisten, wenn sie über kritische Situationen der Händehygiene informiert sind und wissen, wie sie Hygienemängel ansprechen können. Eine gezielte Aufklärung senkt Hemmschwellen und erhöht die Handlungssicherheit der Patientinnen und Patienten.

Darüber hinaus nehmen Patientinnen und Patienten bei der Beobachtung von Wunden, Kathetern und Drainagen eine wichtige Rolle ein. Veränderungen wie Rötungen, Schmerzen oder Sekretveränderungen fallen ihnen häufig früher auf als dem Behandlungsteam. Werden sie geschult, solche Auffälligkeiten systematisch wahrzunehmen und zeitnah zu melden, lässt sich das Risiko einer Infektion erheblich verringern. Bei eingeschränkter Selbstbeobachtung können Angehörige wirkungsvoll unterstützen.

Selbstbeobachtung als Sicherheitsfaktor bei postoperativen Warnzeichen

Ein großer Teil postoperativer Komplikationen tritt nach der Entlassung auf. Patientinnen und Patienten müssen Warnzeichen wie Fieber, Atemnot, Schwellung, Nachblutungen oder Delir früh erkennen können. Hilfsmittel wie Symptomtagebücher (Schmerzskala, Temperaturkurve) oder farbkodierte Notfallschemata erleichtern die Einschätzung und unterstützen ein angemessenes Reaktionsverhalten. Angehörige sollten insbesondere bei kognitiven Veränderungen eingebunden sein.

Sichere Mobilisation und Sturzprävention

Die postoperative Mobilisation trägt wesentlich zur Risikoreduktion bei und unterstützt den Behandlungserfolg. Wenn Patientinnen und Patienten verstehen, dass frühes Aufstehen Komplikationen wie Pneumonie, Thrombose oder Delir reduziert, steigt ihre Bereitschaft zur Mitarbeit. Gemeinsam vereinbarte und dokumentierte Mobilisationsziele stärken die Selbstwirksamkeit.

Eine sichere Mobilisation umfasst zudem Hinweise zu Hilfsmitteln und Schutzmaßnahmen – insbesondere rutschfestes Schuhwerk und die korrekte Nutzung von Gehhilfen. Einfache Balance- und Sturzrisikotests helfen darüber hinaus, das eigene Risiko realistisch einzuschätzen.

Kommunikation als Sicherheitsinstrument

Über alle Prozessschritte hinweg ist eine offene Kommunikationskultur die Grundlage jeder erfolgreichen Patientenbeteiligung. Wenn Patientinnen und Patienten die Regeln für ein sicheres „SpeakUp“ kennen, also wissen, wie sie Bedenken artikulieren können, ohne Angst vor negativen Reaktionen zu haben, stärkt dies ihre Rolle als aktive Partnerin und Partner im Behandlungsprozess. Nicht zuletzt muss das Behandlungsteam geschult sein, Hinweise wertschätzend anzunehmen und die Beteiligung der Patientinnen und Patienten aktiv zu unterstützen. Eine solche Kommunikationskultur schafft Vertrauen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sicherheitsrelevante Hinweise frühzeitig gegeben werden.

Fazit

Patientenbeteiligung im Risikomanagement ist kein „nice to have“, sondern ein zentraler, häufig unterschätzter Sicherheitsfaktor. Patientinnen und Patienten können Risiken frühzeitig sichtbar machen, kritische Prozesse aktiv unterstützen, sicherheitsrelevante Ereignisse melden und bei Verschlechterungen entscheidende Hinweise geben. Damit dies gelingt, braucht es klar definierte Ziele, eine unterstützende Infrastruktur, strukturiertes Teamtraining und eine Sicherheitskultur, in der Nachfragen und Hinweise ausdrücklich erwünscht sind. Der „WHO Global Patient Safety Action Plan 2021–2030“ liefert hierfür einen international abgestimmten Rahmen der Patienten, Familien- und Community-Engagement als zentrales Element einer systemischen und modernen Sicherheitsarbeit positioniert.

In einer zunehmend komplexen Versorgung gewinnt die Perspektive jener an Bedeutung, die den gesamten Versorgungspfad erleben. Patientenpartnerschaft ist nicht die Delegation von Verantwortung, sondern die Stärkung eines gemeinsamen Sicherheitsnetzes. Wer Patientinnen und Patienten partnerschaftlich einbindet, erweitert das Risikomanagement um die Perspektive derjenigen, die die Versorgung in ihrer Gesamtheit erleben, und gewinnt damit eine der wenigen Systemressourcen, die an jeder Schnittstelle verfügbar ist.

Literatur

[1]   Bundesministerium für Gesundheit, WHO Global Patient Safety Action Plan 2021–2030 (deutsche Fassung), 2021. Zugriff: 16.02.2026. [Online]. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/P/Patientensicherheit/WHO_Global_Patient_Safety_Action_Plan_2021-2030_DE.pdf
[2]   Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ), Patient Engagement and Safety. Zugriff: 14.02.2026. [Online]. Verfügbar unter: https://psnet.ahrq.gov/primer/patient-engagement-and-safety
[3]   European Commission, PRIMS – Patient Safety Monitoring and Reporting. Zugriff: 16.02.2026. [Online]. Verfügbar unter: https://health.ec.europa.eu/system/files/2021-02/prims_en_0.pdf

Indra Förg

Risikoberaterin

GRB Gesellschaft für Risiko-Beratung mbH

Ecclesiastraße 1-4

32758 Detmold

indra.foerg@grb.de

Chirurgie+

Förg I: Safety Clip: Patienten als Partner in der chirurgischen Risikoprävention, ein unterschätzter Sicherheitsfaktor. Passion Chirurgie. 2026 Juni; 16(06/II): Artikel 04_03.

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Experimentelle Chirurgie – Strukturen für forschende Chirurginnen und Chirurgen

Der Fortschritt in der Chirurgie basiert auf einer konsequenten wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihren Herausforderungen. Innovation entsteht dort, wo klinische Erfahrung systematisch hinterfragt und die gewonnenen Erkenntnisse durch Forschung und Entwicklung adressiert werden. Forschende Chirurginnen und Chirurgen, Surgeon Scientists, nehmen hierbei eine zentrale Rolle ein, stehen jedoch zugleich vor erheblichen strukturellen Herausforderungen: Eine zunehmende Verdichtung klinischer Abläufe, ökonomischer Druck sowie die zeitintensive und anspruchsvolle Tätigkeit im Operationssaal erschweren ihr wissenschaftliches Engagement. Dabei gehört die Forschung – neben Krankenversorgung und Lehre – zum unverzichtbaren Kernauftrag einer Universitätsklinik. Dieses Selbstverständnis wird auch von der Öffentlichkeit wahrgenommen und ist sicherlich einer der Gründe, sich für eine Behandlung in einer universitären Einrichtung zu entscheiden: Dort, wo die Chirurgie unter wissenschaftlichen Kautelen weiterentwickelt wird, ist Spitzenmedizin für die individuelle Behandlung zu erwarten. Daraus ergibt sich die Verpflichtung, chirurgische Innovationen systematisch voranzutreiben und den wissenschaftlichen Nachwuchs frühzeitig einzubinden. Akademisch interessierte Chirurginnen und Chirurgen sollten daher bereits zu Beginn ihrer Ausbildung in wissenschaftliche Projekte eingebunden werden, um ein nachhaltiges Verständnis für wissenschaftliches Arbeiten zu entwickeln. Wir wurden gebeten, das an der Charité – Universitätsmedizin Berlin etablierte Modell vorzustellen.

Forschungsstrukturen für Chirurginnen und Chirurgen

In Deutschland existieren bislang nur wenige eigenständige Institute für chirurgische Forschung. Häufiger sind Strukturen innerhalb chirurgischer Kliniken, welche die notwendige labortechnische und personelle Ausstattung sowie geschützte Zeiten für Forschung und Entwicklung für klinisch tätige Chirurginnen und Chirurgen gewährleisten. Eigenständige Institute bieten den Vorteil größerer inhaltlicher und personalpolitischer Unabhängigkeit. Oft übernehmen sie auch Funktionen als Dienstleister für andere Disziplinen. In chirurgische Kliniken integrierte Forschungsstrukturen werden in der Regel von W2-Professorinnen und -Professoren geleitet und stehen somit in einer gewissen strukturellen Abhängigkeit von den jeweiligen Ordinarien. Diese Einbindung erfordert ein hohes Maß an Vertrauen und strategischer Abstimmung bezüglich der notwendigen Freiräume bei der inhaltlichen und organisatorischen Ausgestaltung.

Eine Leitung der experimentellen chirurgischen Forschung durch Chirurginnen und Chirurgen ist nicht zwingend erforderlich, jedoch mit Vorteilen verbunden: Sie ermöglicht eine unmittelbare Übersetzung praktischer Fragestellungen aus der chirurgischen Versorgungspraxis in wissenschaftliche Projekte. Dadurch wird sichergestellt, dass Forschungsfragen relevante klinische Probleme adressieren und echte Translation statt rein theoretischer Ansätze fördern. Zudem erleichtert eine chirurgische Leitung die Inte­gration wissenschaftlicher Projekte in den klinischen Alltag. Aspekte wie die Freistellung von klinischen Verpflichtungen für Forschung, die Rekrutierung wissenschaftlich interessierter Nachwuchskräfte sowie die Akzeptanz neuer Technologien oder Studienprotokolle profitieren häufig davon, wenn die Leitung selbst aus dem operativen Fach stammt und insbesondere dessen besondere Rahmenbedingungen aus eigener Erfahrung kennt.

An der Chirurgischen Klinik, Campus Charité Mitte | Campus Virchow Klinikum, Charité – Universitätsmedizin Berlin, wurde bewusst ein in die Klinik integriertes Modell etabliert. Die Professur für Experimentelle Chirurgie fungiert hierbei als strategischer Impulsgeber und als zentrale Schnittstelle zwischen Klinik und Forschung. Diese Funktion ist in Personalunion mit der stellvertretenden Klinikleitung mit dem Schwerpunkt Forschung verbunden.

Zu den zentralen Aufgaben dieser Struktur zählen der Aufbau und Betrieb leistungsfähiger Laborstrukturen, die Förderung von Synergien zwischen Arbeitsgruppen sowie von nationalen und internationalen Kooperationen, die wissenschaftliche Betreuung klinisch tätiger Surgeon Scientists, sowie die Unterstützung der Karriereentwicklung im Hinblick auf akademische Abschlüsse und die Gestaltung moderner Karrierewege (Abb. 1).

 

Ein besonderer Fokus liegt auf der frühzeitigen Nachwuchsförderung. Studierende sowie Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung werden frühzeitig in Forschungsprojekte eingebunden, um eine schnelle Qualifikation für Programme mit geschützter Zeit für Forschung (Clinician Scientist Programme) zu ermöglichen. Durch die Einbindung von Studierenden mit Interesse an der Chirurgie im Rahmen wissenschaftlicher Hausarbeiten und später bei Promotionsvorhaben ist eine gegenseitige Evaluation über einen längeren Zeitraum möglich. Zudem kann eine frühzeitige Einbindung in bestehende Arbeitsgruppen erfolgen. Auf diesem Weg konnte an der Chirurgischen Klinik der Charité ein Großteil des ärztlichen Nachwuchses rekrutiert werden.

In Absprache mit der Klinikleitung (Direktor und Stellvertreter) sowie den Bereichsleitenden werden regelmäßig Zielvereinbarungen mit den übrigen Teammitgliedern hinsichtlich der chirurgisch-technischen Ausbildung und wissenschaftlicher Projekte in den jeweiligen Bereichen formuliert. Die direkte organisatorische Einbindung des Leiters der Experimentellen Chirurgie ermöglicht dabei einerseits die Sicherstellung der erforderlichen Freistellung von Chirurginnen und Chirurgen aus dem klinischen Umfeld für die Forschung, andererseits soll auch die chirurgisch-technische Ausbildung dieser wissenschaftlich besonders engagierten Kolleginnen und Kollegen beispielsweise im Rahmen der Rotations- und Einsatzplanung sichergestellt werden.

Entwicklungsvereinbarungen zwischen Klinikleitung, Bereichsverantwortlichen und Mitarbeitenden gewährleisten dabei die Balance zwischen chirurgisch-technischer Ausbildung und wissenschaftlicher Tätigkeit und ermöglichen so erfolgreiche Karrierewege innerhalb der Chirurgischen Klinik (Abb. 1). Die enge organisatorische Verzahnung ermöglicht durch die gemeinsame die Rotations- und Einsatzplanung sowohl die Freistellung für Forschung als auch die kontinuierliche operative Weiterbildung. Diese Strategie hat sich als äußerst erfolgreich erwiesen: Allein aus der Chirurgischen Klinik konnten bislang 30 Förderungen in den hochkompetitiven BIH Charité (Digital) Clinician Scientist Programmen der Charité eingeworben werden. Diese ermöglichen 20 bis 50 Prozent geschützte Zeit für Forschung. Damit gehört die Chirurgische Klinik zu den führenden Einrichtungen innerhalb dieser Programme.

Thematische Schwerpunkte in der Chirurgischen Forschung

Die Transplantationschirurgie und die regenerative Medizin zählen traditionell zu den zentralen Forschungsschwerpunkten der Chirurgischen Klinik der Charité. Wesentliche Motivation für die in diesen Bereichen tätigen Chirurginnen und Chirurgen ist dabei der weiterhin bestehende Organmangel. Diese Herausforderung wird unter anderem durch die Entwicklung extrakorporaler Organunterstützungsverfahren, die extrakorporale Organperfusion und die Organ-Konditionierung sowie die Herstellung von Gewebestrukturen und Organen mittels Tissue Engineerings auf Basis der De- und Rezellularisierung und des 3D-Gewebedrucks adressiert. Die hierbei entwickelte methodische Expertise findet zunehmend auch Anwendung in der onkologischen Grundlagenforschung, insbesondere im Bereich der mechanischen Tumormikroumgebung und ihrer Wechselwirkungen mit der extrazellulären Matrix.

Zudem hat die digitale Transformation die chirurgische Forschung in den vergangenen Jahren maßgeblich methodisch und inhaltlich geprägt. An der Charité liegen die Schwerpunkte insbesondere auf Anwendungen und Entwicklungen in den Bereichen Extended Reality, Künstliche Intelligenz und Robotik. Das Ziel besteht dabei nicht, diese Technologien lediglich anzuwenden und zu evaluieren, sondern auch, ihre Entwicklung aktiv mitzugestalten. Zu diesem Zweck wurde ein interdisziplinäres Team etabliert, das neben Chirurginnen und Chirurgen auch Expertise aus den Bereichen Medienwissenschaften, Softwareentwicklung, Psychologie und Philosophie vereint. Diese im Rahmen des Exzellenzclusters Matters of Activity um eine Juniorprofessur für Digitale Chirurgie geschaffene und anschließend verstetigte Arbeitsgruppe ermöglicht die die systematische Identifikation von Herausforderungen und die Bewertung geeigneter digitaler Lösungsansätze sowie die Entwicklung innovativer Konzepte von der prototypischen Umsetzung bis zur klinischen Anwendung. Ein weiterer zentraler Bestandteil ist der Wissens- und Technologietransfer. Dieser zielt darauf ab, digitale Kompetenzen und Fähigkeiten sowohl bei medizinischem Fachpersonal als auch bei Patientinnen und Patienten zu vermitteln und nachhaltig zu etablieren.

Beispielhafte Projekte umfassen KI-gestützte Frühwarnsysteme für postoperative Komplikationen, eine automatisierte Operationsdokumentation auf Basis semantischer Videoanalyse, den Einsatz von Extended Reality in Planung, Durchführung und Ausbildung, sowie auf Maschinellem Lernen gestützte Analysen für ein Echtzeit-Warnsystem vor postoperativen Komplikationen auf Normalstationen.

Abb. 1: Verzahnung von akademischer Karriere und chirurgisch-technischer Ausbildung an der Chirurgischen Klinik, CCM|CVK, der Charité – Universitätsmedizin Berlin

Die Etablierung sogenannter Living Labs ermöglicht dabei zunächst die Evaluation neuer Technologien unter realitätsnahen Bedingungen und anschließend ein Einsatz im klinischen Alltag – ein Ansatz, für den wissenschaftlich engagierte Chirurginnen und Chirurgen sowie insbesondere auch diesbezüglich interessiertes Pflegepersonal notwendig sind.

Die Frage, wie breit das thematische Spektrum einer Forschungsabteilung einer chirurgischen Klinik sein sollte, ist regelmäßig Gegenstand interner Diskussionen. Die Konzentration der Aktivitäten auf einen der zuvor genannten großen Bereiche könnte die Vorteile einer tieferen Expertise in der Arbeitsgruppe, eine effizientere Zusammenarbeit und einer klaren Außendarstellung haben. Eine breite thematische Aufstellung erhöht die Unabhängigkeit von kurzfristigen Trends und schafft zugleich die Grundlage für echte Interdisziplinarität. Verändern sich Förderlandschaften oder wissenschaftliche Prioritäten, kann die Forschungsgruppe flexibel reagieren und neue Themenfelder erschließen. Voraussetzung dafür ist eine klare strategische Ausrichtung und eine effektive Koordination. Digitale und agile Kommunikations- und Kollaborationstools wie Basecamp, Notion oder vergleichbare Plattformen bieten wissenschaftlichen Arbeitsgruppen eine Reihe zentraler Vorteile für die Organisation und Zusammenarbeit: Neben der Strukturierung komplexer Projekte (Teilaufgaben, Zeitpläne, Zuständigkeiten) erhöhen sie die Transparenz, indem sie allen Beteiligten jederzeit Zugriff auf denselben Informationsstand ermöglichen und so eine effizientere Zusammenarbeit ermöglichen. Informationen, Aufgaben und Diskussionen sind nicht mehr an synchrone Meetings gebunden, sondern jederzeit abrufbar und nachvollziehbar dokumentiert. Gleichzeitig sollten regelmäßige persönliche, gemeinschaftliche Austauschformate beibehalten werden. Persönliche Treffen der Arbeitsgruppen, Forschungs-Colloquien und Workshops ermöglichen ein höheres Maß an Vertrauen, Verständnis, Kreativität und Verbindlichkeit in der Zusammenarbeit und stärken den sozialen Zusammenhalt.

Die Zukunft der Chirurgie wird maßgeblich davon abhängen, inwieweit es gelingt, wissenschaftliche Exzellenz strukturell zu verankern und nachhaltig zu fördern. Forschung darf nicht als fakultativer Zusatz, sondern muss als integraler Bestandteil chirurgischer Tätigkeit insbesondere an Universitätskliniken verstanden und entsprechend ausgestattet werden. Dies erfordert verlässliche Rahmenbedingungen: verbindlich geregelte geschützte Zeiten für die Forschung, planbare Karrierewege für Surgeon Scientists sowie eine gezielte finanzielle und institutionelle Förderung translationaler Forschung.

Hier sind nicht nur die Universitätskliniken selbst, sondern auch Politik, Förderorganisationen und Fachgesellschaften gleichermaßen gefordert. Es bedarf eines gemeinsamen Verständnisses, dass Innovation in der Chirurgie Zeit, Ressourcen und strukturelle Verlässlichkeit voraussetzt. Nur wenn es gelingt, forschende Chirurginnen und Chirurgen systematisch zu fördern und ihnen echte Entwicklungsperspektiven zu bieten, wird die internationale Wettbewerbsfähigkeit langfristig gesichert werden können.

Die chirurgischen Fachgesellschaften sollten diese Entwicklung aktiv gestalten – als Stimme der Wissenschaft, als Impulsgeber für strukturelle Reformen und als Plattform für die nächste Generation von Surgeon Scientists. Denn der Fortschritt in der Chirurgie entsteht nicht zufällig: Er ist das Ergebnis kluger Förderung, klarer Strategien und eines gemeinsamen politischen Willens.

Korrespondierender Autor:

Univ.-Prof. Dr. med. Igor M. Sauer

Leiter der Experimentellen Chirurgie

Stellvertretender Klinikdirektor der Chirurgischen Klinik

Campus Charité Mitte | Campus Virchow-Klinikum

Charité – Universitätsmedizin Berlin

Direktor des BIH Charité Digital Clinician Scientist Program

Principle Investigator des Exzellenzclusters „Matters of Activity. Image Space Material“ (EXC 2025)

igor.sauer@charite.de

www.experimental-surgery.de

Univ.-Prof. Dr. med. Johann Pratschke

Direktor der Chirurgischen Klinik

Campus Charité Mitte | Campus Virchow-Klinikum

Charité – Universitätsmedizin Berlin
Principle Investigator des Exzellenzclusters „Matters of Activity. Image Space Material“ (EXC 2025)

johann.pratschke@charite.de

www.chirurgie.charite.de

Panorama

Sauer IM, Pratschke J: Experimentelle Chirurgie – Strukturen für forschende Chirurginnen und Chirurgen. Passion Chirurgie. 2026 Juni; 16(06/II): Artikel 09_01.

www.bdc.de

PASSION CHIRURGIE 05/2026: Nachhaltigkeit in der Chirurgie

Hier geht’s zur neuen Ausgabe der PASSION CHIRURGIE 05/26: Nachhaltigkeit in der Chirurgie

Wie nachhaltig kann Chirurgie heute eigentlich sein? Die Mai-Ausgabe widmet sich der ökologischen Verantwortung im OP – von „Single Use“-Materialien bis zu klimaverträglicher Versorgung. Unser besonderer Blickfang: Das Coverbild der Künstlerin Maria Koijck, das den Ressourcenverbrauch ihres eigenen chirurgischen Eingriffs eindrucksvoll sichtbar macht. Aufschlussreiche Einblicke, klare Forderungen und neue Perspektiven zeigen: Nachhaltigkeit in der Chirurgie geht uns alle an.

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Eine entspannte Lektüre wünscht
Ihr PASSION CHIRURGIE-Team

Wege zu einer umweltbewussten chirurgischen Praxis

Antje Boccatius

Im März 2023 veröffentlichte ich meinen ersten Artikel zum Thema Nachhaltigkeit in einer chirurgischen Praxis. Doch was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich? Sie beschreibt die Fähigkeit, die Bedürfnisse der Gegenwart so zu befriedigen, dass die Möglichkeiten zukünftiger Generationen nicht eingeschränkt werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie es uns gelingen kann, dieses anspruchsvolle Vorhaben im alltäglichen Praxisbetrieb und unter den bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen verantwortungsvoll voranzutreiben.

Wie kann ein Team eine derart komplexe Aufgabe bewältigen?

Die Antwort liegt in einer nachhaltig geprägten und authentisch gelebten Unternehmenskultur sowie einer entsprechenden Führung. Diese beiden Elemente bilden die entscheidenden Pfeiler unserer Teamtransformation. Um Mitarbeitende in diesem Veränderungsprozess mitzunehmen, müssen sowohl Führung als auch Unternehmenskultur Schritt für Schritt auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. Indem Führungskräfte nachhaltige Werte vorleben, schaffen sie ein Arbeitsumfeld, das zur Zielerreichung motiviert und die Umsetzung klimafreundlicher Maßnahmen unterstützt. So kann es gelingen, dass eine Praxis nicht nur ökologisch verantwortungsvoll handelt, sondern auch langfristig erfolgreich bleibt.

Mitarbeitende motivieren

Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter kann einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dafür ist es notwendig, ein Bewusstsein und eine Akzeptanz für nachhaltiges Alltagshandeln zu entwickeln. Mitarbeitende sollen darin bestärkt werden, sowohl privat als auch beruflich ressourcenschonender zu leben und zu arbeiten.

Wir alle wissen, dass es schwerfällt, bestehende Gewohnheiten zu verändern. Der Satz „Das haben wir doch schon immer so gemacht“ ist vielen von uns vertraut – insbesondere von Kolleginnen und Kollegen, die sich mit Veränderungen schwertun (mich eingeschlossen). Dennoch kann es durch gemeinsam formulierte Ziele, eine offene und zuhörende Kommunikationskultur sowie das Wissen um psychologische Veränderungsprozesse gelingen, fest verankerte Routinen aufzubrechen. Entscheidend ist, Mitarbeitende aktiv zu beteiligen, sie in die Entwicklung von Maßnahmen einzubinden und transparent über Fortschritte zu informieren. Auf diese Weise können wir gemeinsam wirksame und nachhaltige Veränderungen erreichen. Ein starkes Wir-Gefühl, geprägt von gegenseitiger Unterstützung und Freude am gemeinsamen Fortschritt, fördert nicht nur das Miteinander, sondern auch die langfristige Weiterentwicklung der gesteckten Ziele.

So konnten wir die Ziele, die wir uns für das Jahr 2023 gesetzt hatten, kontinuierlich weiterentwickeln. Unsere Faxe werden inzwischen in einer digitalen Faxbox empfangen, wodurch wir einen erheblichen Papierverbrauch einsparen. Bestellungen erfolgen ausschließlich digital und online, was zusätzlich unseren Arbeitsalltag erleichtert. Bei der Verschreibung von Medikamenten achten wir darauf, Ibuprofen statt Diclofenac zu verordnen, da bekannt ist, dass Diclofenac das Abwasser stark belastet. Zudem tragen neue Computer mit moderner Technik dazu bei, die Stromkosten zu senken und unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern.

Nachhaltigkeits­beauftragte in der Praxis

Eine Idee aus unserem gemeinsamen Ideenpool ist die Benennung einer oder eines Nachhaltigkeitsbeauftragten. Diese Person ist verantwortlich für die Analyse von Nachhaltigkeitschancen und -risiken innerhalb der Praxis. Darauf aufbauend werden gemeinsam Ziele und Maßnahmen entwickelt, um die Nachhaltigkeitsleistung kontinuierlich zu verbessern. In Teambesprechungen informiert die oder der Beauftragte regelmäßig über den Fortschritt der Strategieumsetzung sowie über die Einbindung externer Akteure wie Patientinnen, Patienten und Lieferanten.

Abschließend kann ich sagen, dass Nachhaltigkeit in der chirurgischen Praxis ein strategischer Erfolgsfaktor ist, der ökologische Verantwortung, ökonomische Stabilität und medizinische Qualität miteinander verbindet. Die erfolgreiche Umsetzung hängt maßgeblich von Führung, Teamkultur und strukturellen Rahmenbedingungen ab. Durch konsequente Digitalisierung, bewusste Material- und Medikamentenwahl sowie institutionalisierte Verantwortlichkeiten können chirurgische Praxen messbare Beiträge zum Klima- und Ressourcenschutz leisten – ohne Abstriche an der Versorgungsqualität.

Antje Boccatius

Qualitäts- und Praxismanagerin

Orthospine Magdeburg

Durchgangsarztpraxis

Lübecker Straße 32

39124 Magdeburg

Chirurgie

Boccatius A: Wege zu einer umweltbewussten chirurgischen Praxis. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_05.

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Editorial 05/2026: Nachhaltigkeit in der Chirurgie

Zur Maiausgabe PASSION CHIRURGIE: Nachhaltigkeit in der Chirurgie

Ökologische Bilanzen ärztlicher Tätigkeit in den Vordergrund zu rücken, fällt aktuell schwer. Krisen drohen dem Gesundheitssystem von überall. Die finanzielle Lücke im Gesundheitssektor ist neben den reinen Kosten auch auf ein Defizit bei den Einnahmen und eine Explosion bei den allgemeinen Ausgaben zurückzuführen. Und so fallen selbst die stetig flackernden Kriege in den weltversorgenden Energieregionen heftig ins Gewicht. Frieden in Europa reicht auch für ein stabiles Gesellschaftssystem nicht mehr aus. Bei so vielen drängenden Herausforderungen lässt sich nur allzu schnell vergessen, dass die ökologische Uhr weiterhin tickt und tickt und tickt. Gerade deshalb ist es so bedeutsam, das große Thema „gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten“ lebendig zu halten. Dieses Heft hat genau dieses Ziel!

Manchmal kann Kunst auf Dinge aufmerksam machen, für die wir im chirurgischen Alltag bereits betriebsblind sind. Auf dem Titelbild der Passion Chirurgie sehen Sie die Künstlerin Maria Koijck inmitten einer ihrer Installationen. Die gebürtige Niederländerin macht Dinge auf ästhetische Weise sichtbar, die uns in ihrer Drastik nicht bewusst sind: So hat sie bei dieser Aktion alle Einmalmaterialien, die rund um ihre Brust-Operation angefallen sind, gesammelt und als riesiges Muster um sich herum drapiert. Im Interview mit Frau Koijck haben wir nach ihrer Motivation für ihre Kunstaktion gefragt und wie sie sie praktisch durchgeführt hat. Ihre Antworten dazu sind unterhaltsam, erkenntnisreich und teilweise sogar abenteuerlich!

Die Anstrengungen ausgewählter Kliniken und Institute, die ökologische Bilanz von Gesundheitspflege zu verbessern, sind im wahrsten Sinne bemerkenswert. Klar scheint, dass Einrichtungen öffentlicher Trägerschaft wie Universitätskliniken mehr Möglichkeiten haben als der lokale Versorger um die Ecke. Aber man braucht nicht unbedingt Elektrofahrzeuge im Shuttleservice des Insektenhotels, um messbare Effekte zu erreichen. Ein einfacher Schlüssel scheint die Vermeidung von „Single-use Items“ zu sein, die nicht nur die Abfallmengen, sondern auch die Emissionen erhöhen. Ein weiteres Beispiel ist die Mülltrennung, die längst jeden Privathaushalt erreicht hat, Krankenhäuser aber oft ausspart. Hier ist jede einzelne Klinik gefragt, einen Beitrag zu leisten. Zur Umsetzung der Ziele müssen wir als Anwender endlich die Industrie in die Pflicht nehmen, die oft den Wiedereinsatz von Instrumenten zugunsten der eigenen Absätze unterbindet und „Design for Recycling“ selbst im anglifizierten Management-Talk für ein Fremdwort hält. Wir als Chirurginnen und Chirurgen haben den Hebel in der Hand, Lösungen einzufordern.

Liebe Leserinnen und Leser, den für die Chirurgie entscheidenden Punkt formuliert letztendlich Viszeralchirurg Johannes Klose: „Es ist nicht die Frage, welche OP-Methode die nachhaltigste ist, sondern wie wir chirurgische Versorgung insgesamt klimaverträglicher gestalten.“ Dieser eine Satz bringt die ökologische Diskussion in der Medizin sicherlich derzeit am besten auf den Punkt.

Packen wir es endlich an. Schaffen wir Bewusstsein.

Dr. med. Jonas Dohmen

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie

Bonn

apl. Prof. Dr. med. Johannes Klose, MBA

Universitätsklinik und Poliklinik für Viszerale, Gefäß- und Endokrine Chirurgie

Universitätsmedizin Halle (Saale)

Prof. Dr. med. Carsten Krones

Klinik für Allgemein-, Visceral- und Thoraxchirurgie, Proktologie

Krankenhaus Düren gem. GmbH

Olivia Päßler

Presse & Kommunikation

Berufsverband der Deutschen Chirurgie e.V.

Dr. med. Ina Prinz-Bravin

Fachärztin für Viszeralchirurgie

Prof. Dr. Daniel Vallböhmer

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie

Evangelisches Klinikum Niederrhein gGmbH

Editorial

Dohmen J, Klose J, Krones C, Paessler O, Prinz-Bravin I, Vallboehmer D: Editorial Nachhaltigkeit in der Chirurgie. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 01.

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Kann ein Krankenhaus der Maximalversorgung überhaupt nachhaltig sein?

Bedeutung der Maximalversorger im deutschen Gesundheitswesen

Krankenhäuser der Maximalversorgung zählen zu den komplexesten Organisationsformen im Gesundheitswesen. Sie gewährleisten hochspezialisierte, innovative und interdisziplinäre Medizin auf höchstem Versorgungsniveau und garantieren die interprofessionelle 24/7-Akutversorgung. Überregionale Einzugsgebiete und die kooperative Unterstützung von Kliniken niedrigerer Versorgungsstufen ergänzen das Leistungsangebot. Sie bilden den ärztlichen Nachwuchs aus und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Forschung.

Gleichzeitig zählen gerade diese Einrichtungen zu den ressourcenintensivsten Institutionen der Gesellschaft. Sie verbrauchen hohe Mengen an Energie, Wasser und Materialien, produzieren große Abfallmengen und verursachen relevante CO2-Emissionen. Bis zu 5,3 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen (THG) entfallen weltweit auf den Gesundheitssektor und in Deutschland sogar bis zu rund 6 Prozent [5]. Damit übertrifft dieser Sektor in Bezug auf die THG-Emissionen den innerdeutschen Flugverkehr (knapp 4 Prozent) [4].

Nachhaltigkeit und Maximalversorgung – Synergie oder Widerspruch?

Es stellt sich daher die Frage, ob Nachhaltigkeit für diese Institutionen letztlich ein wohlmeinender, aber realitätsferner Anspruch ist.

Die Erfahrung am Universitätsklinikum Augsburg (UKA) zeigt: Ein Krankenhaus der Maximalversorgung kann und muss nachhaltig handeln. Nicht trotz, sondern gerade wegen des Versorgungsauftrags. Nachhaltigkeit ist keine Imagefrage oder Einzelmaßnahme, sondern eine Bringschuld gegenüber den Patientinnen und Patienten, den Mitarbeitenden und gegenüber der Gesellschaft.

Universitätsmedizin im Spannungsfeld planetarer Grenzen

Die globalen Klima- und Umweltveränderungen sind längst keine abstrakten Zukunftsszenarien mehr. Extremwetterereignisse, hitzebedingte Mortalität, veränderte Infektionsdynamiken und zunehmende chronische Belastungen betreffen die Versorgungsrealität unmittelbar [1]. Zugleich trägt der Gesundheitssektor selbst erheblich zu Treibhausgasemissionen bei. Daraus entsteht ein ethischer Doppelauftrag mit Konfliktpotential: Das UKA als Maximalversorger ist dazu aufgerufen, seinen Patientinnen und Patienten hochtechnisierte Medizin anzubieten und gleichzeitig den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.

Mit dem aktualisierten International Code of Medical Ethics wurde ökologische Nachhaltigkeit explizit als ärztliche Verpflichtung verankert [7]. Gesundheit zu schützen bedeutet heute auch, natürliche Lebensgrundlagen zu erhalten. Für die Universitätsmedizin Augsburg, die Forschung, Lehre und Krankenversorgung verbindet, ist diese Perspektive integraler Bestandteil des Selbstverständnisses. Dabei erstreckt sich nachhaltiges Handeln nicht nur auf ökologische, sondern explizit auch auf soziale und ökonomische Dimensionen.

Das Universitätsklinikum Augsburg als ein Haus der Maximalversorgung

Das UKA als eines der jüngsten Universitätsklinika in Deutschland gehört mit über 7.600 Mitarbeitenden, 66.870 stationären und 239.430 ambulanten Fällen im Jahr 2025 zu den größten Kliniken des Freistaats. 1.699 stationäre Planbetten und 46 teilstationäre Plätzen stehen für 24 Kliniken und fünf Institute zur Verfügung.

Im Januar 2026 eröffnete das UKA sein neues, hochtechnisiertes Zentrum für Intensivtherapie (ZIT) mit insgesamt 135 Intensiv- und Intermediate-Care Bettenplätzen als eines der modernsten dieser Art in Bayern. Im März 2023 entschied der Freistaat Bayern über einen Neubau des bettenführenden Zentralgebäudes des UKA bis zum Jahr 2040. Die diesbezüglichen Planungen laufen auf Hochtouren.

In Bezug auf soziale Nachhaltigkeit stellt das UKA mit rund 450 Ausbildungsplätzen einen der größten Ausbildungsträger in ganz Bayerisch Schwaben dar.

Vision und Institutionalisierung von Nachhaltigkeit

Das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit bedeutet in erster Linie eine Vision auf Vorstandsebene. Der zweite Schlüssel für gelingende Nachhaltigkeit an einem Maximalversorger liegt in ausgesuchten Governancestrukturen.

  • Eindeutige personelle und organisatorische Verantwortlichkeiten – bestenfalls in Nähe zur Unternehmensleitung – verankern Zielsetzungen auf einer transparenten und dynamisch fortzuschreibenden Zeitschiene.
  • Einschlägige Regelwerke sichern die Aufgaben, Projektvorhaben und Berichtspflichten verbindlich ab.
  • Wiederkehrende Prüfung und Fortentwicklung der hinterlegten Inhalte stehen für belastbare Qualität und Zukunftsorientiertheit.
  • Zur Erfüllung gesetzlicher Vorgaben stellt der Vorstand entsprechende finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung.
  • Die Institution gibt Raum für Netzwerkarbeit mit der internen und externen Öffentlichkeit.
  • Im Idealfall bauen die Verantwortlichen wissenschaftliche Kooperationen auf.

Umsetzung der Institutiona­lisierung am UKA

Etablierung wirksamer Strukturen

Am UKA etablierte der Vorstand im Jahr 2019 die interprofessionelle Initiative „University Medicine Augsburg Goes Green“ (UMAGG). Der Lenkungskreis von UMAGG vereint Vertreterinnen und Vertreter der Vorstandebene, des ärztlichen und pflegerischen Dienstes, der Administration sowie der Medizinischen Fakultät und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg (siehe Organigramm Lenkungskreis UMAGG).

Die Leitung bekleidet eine stellvertretende Vorstandsposition und steht damit als Garant für einen niedrigschwelligen Austausch mit der obersten Leitungsebene.

Die Interprofessionalität des Gremiums repräsentiert Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe. Die vom Vorstand verabschiedete Satzung von UMAGG steht für die Verbindlichkeit der Aufgaben und deren Zielerreichung.

Nachhaltigkeit und Unternehmenskultur

Seit Februar 2024 ist Nachhaltigkeit eine von vier tragenden Säulen des Leitbildes des Universitätsklinikums Augsburg – gleichrangig mit Menschen, Innovation sowie Forschung und Lehre.

Zeitgleich verabschiedete der Vorstand den Code of Conduct. Auch dieser greift alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit auf. Der Vorstand sichert den Durchdringungsgrad beider Regelwerke durch wiederkehrende Vorstellungen beispielsweise im Rahmen des Einführungstages für neue Mitarbeitende ab. Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit wird zudem u. a. durch die systematische Anwendung des Lob-, Anregungs- und Beschwerdefahrens, das anonyme Hinweisgebersystem und das Angebot zur Durchführung ethischer Fallbesprechungen abgebildet.

Abb. 1: Organigramm Lenkungskreis UMAGG

Nachhaltigkeit als ethische und gesellschaftliche Verpflichtung

Die bildungspolitische Dimension von Nachhaltigkeit griff das UKA unter anderem über das Klinische Ethikkomitee (KEK) auf. Dieses nahm im Jahr 2024 die ökologische Nachhaltigkeit ausdrücklich in seine Beratungsdimension auf [6].

Netzwerke und wissenschaftliche Einbindung

Nachhaltigkeit in der Universitätsmedizin erfordert Kommunikation. Die Initiative UMAGG ist regional und national vernetzt, unter anderem im Nachhaltigkeitsbeirat der Stadt Augsburg, im Verband der Universitätsklinika Deutschlands e. V. sowie in gesundheitsbezogenen Klimanetzwerken.

Die enge Verbindung zur Universität Augsburg und der Medizinischen Fakultät mit dem Forschungsschwerpunkt Environmental Health Sciences (EHS) ermöglicht eine wissenschaftliche Aufarbeitung nachhaltigkeitsbezogener Fragestellungen. Nachhaltigkeit wird dadurch nicht nur operativ umgesetzt, sondern akademisch reflektiert und im Schulterschluss mit der Universität Augsburg weiterentwickelt.

Transparenz und Messbarkeit

Obwohl die gesetzliche Berichtspflicht nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) erst ab 2028 greift, veröffentlichte das UKA für das Berichtsjahr 2024 erstmalig einen Nachhaltigkeitsbericht nach dem VSME-Standard auf freiwilliger Basis [3]. Auf der Agenda für das Jahr 2026 steht die neuerliche Erhebung der Doppelten Wesentlichkeitsanalyse nach erfolgter Revision auf EU-Ebene.

Diese freiwillige Transparenz schafft die Grundlage für systematische Weiterentwicklung. Emissionen in Scope 1, 2 und 3, Energieverbräuche, Abfallstrukturen, Wasserentnahme sowie soziale und Governance-Kennzahlen werden dokumentiert und für Entscheidungsträger steuerbar gemacht.

Abb. 2: Leitbild des UKA

Klimaneutralität als strategische Zielmarke

Im Kontext der Planungen für den Neubau des UKA (s. o.) verfasste eine Expertengruppe unter Federführung der Stabsstelle Medizin und Gesellschaft ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept für die Betriebsplanung des Neubaus [2]. Die hinterlegte Zeitschiene resultierte in einem klimaneutralen UKA unter der Voraussetzung einer Neubauinbetriebnahme bis 2040 („Zero Emission Hospital 2040“). Energiestandards, Energieversorgung, Materialwahl und Prozessorganisation sind mit Klimazielen frühzeitig in Einklang zu bringen.

Operationalisierung von Nachhaltigkeit

Eine Zahl von insgesamt 16 Projekten sind unter UMAGG seit dem Jahr 2019 an den Start gegangen. Unter anderem dienen sie den Nachhaltigkeitszielen Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung, Erhalt der Artenvielfalt, Ressourcenschonung, Energieeffizienz, der nachhaltigen Verpflegung, dem betrieblichen Mobilitätsmanagement und dem Hitzeschutzplan für das UKA.

Schlussfolgerung

Ein Krankenhaus der Maximalversorgung kann nachhaltig sein. Nachhaltigkeit ist unter hochkomplexen Versorgungsbedingungen möglich, wenn sie strategisch verankert, messbar gemacht und kulturell getragen wird.

Die zentrale Herausforderung liegt weniger in der prinzipiellen Umsetzbarkeit als in der strukturellen Ausgestaltung: Nachhaltiges Handeln erfordert klare Verantwortlichkeiten, langfristige Planungshorizonte und geeignete regulatorische sowie finanzielle Rahmenbedingungen.

Universitätsmedizin steht für Exzellenz, Innovation und gesellschaftliche Verantwortung. In Zeiten globaler Klima- und Umweltveränderungen erweitert sich dieser Anspruch.

Die Debatte sollte daher nicht lauten, ob Maximalversorgung nachhaltig sein kann, sondern unter welchen strukturellen und politischen Bedingungen nachhaltiges Handeln systematisch ermöglicht wird.

Abb. 3: UKA-Stufenkonzept zur Klimaneutralität bis 2040 I Neubauinbetriebnahme

Literatur

[1]   An der Heiden, Zacher, RKI -Geschäftsstelle für Klimawandel & Gesundheit, Diercke und Bremer (2024). Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 38 / 2024, Robert Koch-Institut

[2]   Linné, R., R. Binder, D. Bolkenius, D. Dubbelfeld (2024). „Nachhaltigkeitskonzept für die Betriebsorganisationsplanung des Neubaus des Universitätsklinikums Augsburg“. Universitätsklinikum Augsburg, Stabsstelle Medizin und Gesellschaft. Abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/UEber_uns/UMAGG/Nachhaltigkeitsberichte/Nachhaltigkeitskonzept_Neubau.pdf.

[3]   Wabnitz K., Buser H., Linné R. (2026). „Nachhaltigkeitsbericht 2024.“ Universitätsklinikum Augsburg, abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/UEber_uns/UMAGG/Nachhaltigkeitsberichte/UKA_NHB_2024.pdf.

[4]   Deutscher Ärzteverlag (2022). „Gesundheitsbranche umweltschädlicher als Flugverkehr.“ MT im Dialog. Abrufbar unter: https://www.mtdialog.de/news/artikel/gesundheitsbranche-umweltschaedlicher-als-flugverkehr#:~:text=Ausgerechnet%20die%20Gesundheitsbranche%20tr%C3%A4gt%20einen%20wesentlichen%20Teil,ausst%C3%B6%C3%9Ft%20als%20die%20Schifffahrt%20oder%20der%20Flugverkehr.

[5]   Karliner, J., S. Slotterback, R. Boyd, B. Ashby, K. Steele und J. Wang (2020). „Health care’s climate footprint: the health sector contribution and opportunities for action.“ European journal of public health 30 (Supplement_5): ckaa165. 843.

[6]   Edenhofer O., M. Herrmann (2025). „Erderwärmung: Klimapolitische Konsequenzen und die Verantwortung des Gesundheitswesens“. Jahresveranstaltung des Klinisches Ethikkomitee am Universitätsklinikum Augsburg 2025. Abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/Zentrale-Einrichtungen/Klinisches_Ethikkomitee/PDFs/KEK_0002_Plakat_2025.pdf.

[7]   Parsa-Parsi, R. W. (2022). „The international code of medical ethics of the world medical association.“ jama 328(20): 2018-2021.

Korrespondierende Autorin:
Dr. Renate Linné

Stv. Kaufmännische Direktorin

Leitung Stabstelle Medizin und Gesellschaft

Universitätsklinikum Augsburg

renate.linne@uk-augsburg.de

Helene Buser

Referentin der Kaufmännischen Direktion

Universitätsklinikum Augsburg

helene.buser@uk-augsburg.de

Chirurgie

Linné R, Buser H: Kann ein Krankenhaus der Maximalversorgung überhaupt nachhaltig sein? Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_04.

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CO2-Footprintanalyse in der kolorektalen und Pankreas-Chirurgie

Um dem Klimawandel entgegen wirken zu können, müssen die Treibhausgas(THG)-Emissionen weltweit drastisch reduziert werden. Der Gesundheitssektor, dessen Aufgabe die Förderung und Erhaltung der Gesundheit auf unserem Planeten ist, trägt mit 4,4 % wesentlich zum globalen CO2-Fußabdruck bei. In Deutschland verursacht das Gesundheitssystem 5,2 % der gesamten THG-Emissionen, in den Vereinigten Staaten von Amerika sind es 7,6 % [7].

Seit 2016 sind die THG-Emissionen im Gesundheitssektor sogar um 36 % gestiegen [16] und damit ist der Gesundheitssektor weit entfernt von einem Ziel einer CO2-Neutralität. Dabei trägt der OP-Bereich maßgeblich zu den THG-Emissionen im Krankenhaus bei: ca. 30 % des Krankenhausabfalls fällt im Operationsbereich an. Zudem ist der Operationsbereich 3-6mal energieintensiver als andere Krankenhausbereiche, u. a. wegen der Heizung, Lüftung und Klimatisierung [8, 11].

Diese Zahlen verdeutlichen wie wichtig und dringend die THG-Emissionen im Operationsbereich erfasst und reduziert werden müssen. Für die Viszeralchirurgie als eine der größten chirurgischen Fachrichtungen liegen nur wenig belastbare Daten zum CO2e-Fußabdruck vor. Stellungnahmen und Empfehlungen für klimaschonende Prozesse wurden jedoch bereits von anästhesiologischen, gastroenterologischen und auch der Amerikanischen Gesellschaft der Gastrointestinal- und endoskopischen Chirurgen (SAGES) gemeinsam mit der Europäischen Gesellschaft für Endoskopische Chirurgie (EAES) [1] veröffentlicht.

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf haben wir eine CO2e-Fußdruckanalyse für kolorektale und Pankreas-Resektionen interdisziplinär und multiprofessionell durchgeführt, um Optimierungspotenziale zu identifizieren.

Grundlagen und Methodik der CO2e-Fußabruckanalyse

Entscheidend für die Bewertung einer Treibhausgasanalyse ist der Umfang der berücksichtigten Variablen und die zugrundeliegenden Berechnungsverfahren. Vielfach werden die drei Bereiche (Scopes) entsprechend des THG-Protokolls [5,] definiert, wobei „Scope 1“ die direkten Emissionen des Krankenhauses (z. B. Anästhesiegas und die Verbrennung von Stadtgas), „Scope 2“ die indirekten Emissionen der Energieerzeugung (z. B. Erzeugung von Elektrizität und Fernwärme) und „Scope 3“ die übrigen indirekten Emissionen (während der Produktkette inkl. Transport und Abfallbeseitigung) umfasst [11]. Im eigenen Vorgehen wurde eine lebenszyklusbasierte Analyse entsprechend der Product Environmental Footprint (PEF) Empfehlungen der Europäischen Kommission durchgeführt (2021). Dabei wurde sich an den Phasen Zieldefinition (einschließlich Scope-Definition), Sach- und Wirkungsbilanz sowie Interpretation orientiert. Die im eigenen Vorgehen berücksichtigten Ressourcen und Prozesse für die CO2e-Analyse von kolorektalen und Pankreasoperationen sind in Tabelle 1 dargestellt (Tab. 1).

Tab. 1: Berücksichtigte Ressourcen und Prozesse für die CO2e-Analyse

Input

Intraoperativ

Output

Rohstoffgewinnung und Verarbeitung

Energie: Heizung

Abfallentsorgung (Recycling, Verbrennung, Deponie)

Herstellung*

Energie: Kühlung

Sterilisation

Transport und Distribution*

Energie: Strom

Direkte Emissionen

Medizinprodukte (Einweg = single use)

Medizinprodukte (wiederverwendbar)

Pharmazeutika

CO2-Gase

Wasser*

*Für die eigene Lebenszyklus-Analyse nicht berücksichtigt

Insgesamt wurden 30 kolorektale und Pankreasoperationen in einem Zeitraum von drei Monaten in zwei definierten Operationssälen im Jahr 2024 analysiert. Um möglichst genaue Daten über den Energieverbrauch zu erhalten, wurde der gesamte Stromverbrauch (u. a. auch für Heizung und Lüftung) dieser zwei Operationssäle aufgezeichnet, aber auch der entstandene Müll der Operationen gewogen. Für die LCA wurden relevante Informationen und Herstellerangaben über die verwendeten Medizinprodukte verwendet. Die Ergebnisse wurden in CO2-Äquivalenten (d. h. CO2e) angegeben. Das Projekt wurde durch eine medizinische Doktorarbeit und eine Masterarbeit im Bereich der Wirtschaftswissenschaften der Universität Hamburg begleitet und unterstützt.

Ergebnisse am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf – Entscheidend für die CO2e-Analyse ist das multiprofessionelle Team

Die Erfassung und Auswertung der komplexen Daten erfordert ein motiviertes interdisziplinäres und multiprofessionelles Team und den Rückhalt der Geschäftsführung, welches wir am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zusammenführen konnten. Auf ärztlicher Seite führten Chirurg:innen und Anästhesist:innen die Untersuchungen, unterstützt durch LCA-Expert:innen des Instituts für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, durch. Umfangreiche Unterstützung erhielten wir hierbei von der OP- und Anästhesiepflege, den Mitarbeiter:innen der AEMP (Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte) sowie dem technischen Dienst des Klinikums.

Insgesamt bildeten die 30 Operationen die aktuelle Entwicklung hin zu minimalinvasiven oder robotischen Operationen ab. Davon wurden nur neun Operationen primär offen operiert. Der mittlere CO2e-Fußabdruck aller Resektionen betrug 49 kg CO2e. Pankreasoperationen hatten einen höheren CO2e-Verbrauch als kolorektale Resektionen. Den größten Beitrag in dieser prospektiven Studie produzierten die Einwegprodukte.

Studienüberblick in der Abdominalchirurgie

Da mittlerweile mehrere Arbeiten über den CO2-Verbrauch von viszeralchirurgischen Operationen publiziert wurden, lassen sich die eigenen Ergebnisse nun einordnen. Eine systematische Übersichtsarbeit hatte den CO2e-Fußabdruck verschiedener Operationen in mehreren Ländern von jeweils 6 kg CO2e) (Katarakt-Operation) bis zu 814 kg CO2e (robotische Hysterektomie) aufgezeigt [11]. Während bei einer laparoskopischen Cholecystektomie ca. 20,3 kg CO2e anfallen, wurden Kolonresektionen bei entzündlichen Darmerkrankungen mit einem CO2-Abdruck von 43,6–116 kg CO2e berechnet [9]. Bei diesen Ergebnissen muss allerdings immer die entsprechende Methodik der CO2e-Fußdruckanalyse berücksichtigt und bewertet werden, um Vergleiche schließen zu können.

Interessant für den Bereich der Viszeralchirurgie ist der Vergleich der offenen und minimalinvasiven Operationstechniken. Einige Autoren attestieren den robotischen Eingriffen einen höheren CO2e-Verbrauch (12–40,3 kg CO2e) als den laparoskopischen und den geringsten CO2e-Fußabdruck dem offenen Vorgehen [2, 18], allerdings ist die Datenlage und die Anzahl der Operationen limitiert. Zuletzt wurden die Ergebnisse einer monozentrischen Studie von 24 kolorektalen Resektionen publiziert, bei der die robotischen kolorektalen Resektionen verglichen mit den laparoskopischen einen signifikant höheren Abfall- und CO2e-Verbrauch verursacht haben [10]. In unserer Studie konnte keine verlässliche Aussage getroffen werden, ob robotische Eingriffe mit einem höheren CO2e-Verbrauch assoziiert waren als laparoskopische, da die Fallzahl der laparoskopischen (kolorektalen) Operationen zu gering war. Allen Studien gemeinsam ist aber, dass das für das Capnoperitoneum eingesetzte CO2-Gas nur einen vernachlässigbaren Einfluss auf den CO2e-Fußabdruck von minimalinvasiven Operationen hat ([2], eigene Daten).

Einmalprodukte sind die kritische Determinante für den CO2-Fußabdruck

Der negative Effekt von Einmalprodukten („single use items“) auf den CO2e-Fußabdruck wurde in allen Studien einheitlich dokumentiert. Teilweise waren Einmalprodukte für 68 % des CO2e-Fußabdrucks verantwortlich [12, 17] und auch unsere Analyse kam zu diesem Ergebnis. Aktuelle Berechnungen zeigen, dass die Reduktion von single-use items und der Einsatz von Hybrid-Produkten eine klimafreundliche und ökonomisch sinnvolle Alternative sein kann [13, 14].

Eine große Mehrheit der Chirurg:innen (55–97 %) sind sich der Klimaverantwortung im OP bewusst und bereit ihre Arbeitsweise anzupassen, um die Nachhaltigkeit zu verbessern, allerdings ist bei der Auswahl der Medizinprodukte für eine laparoskopische Cholecystektomie der CO2-Fußabdruck nur bei der Hälfte ein entscheidender Faktor [3, 4]. Auch ca. die Hälfte der Chirurg:innen gab in dieser Umfragestudie an, keine sterilisierbaren Trokare zur Verfügung zu haben.

Konklusion und Ausblick

Es bleibt außer Frage, dass der Gesundheitssektor die dringende Notwendigkeit der klimafreundlichen CO2e-Einsparung erkannt und erste Maßnahmen zur Verbesserung durchgeführt hat. Das Ziel einer Klimaneutralität ist jedoch noch in weiter Ferne. Während 57 % von klimaorientierten Krankenhäusern erste Schritte zur Quantifizierung und Reduktion von THG-Emissionen absolviert haben, werden nachhaltige Maßnahmen im OP-Bereich nur in 6 % unternommen [4].

Die kolorektalen und Pankreas-Resektionen sind zwei der wichtigsten Hauptbereiche der Viszeralchirurgie, welche zunehmend von minimalinvasiven (laparoskopisch und robotisch) Operationsmethoden dominiert werden. Die minimalinvasiven Verfahren gehen in der Regel mit einem höheren Verbrauch von Einmal-Medizinprodukten einher, welcher im Hinblick auf die Klimaziele nun wieder kritischer betrachtet werden sollte. Zu diesem Ergebnis sind wir auch im Rahmen unserer Studie gekommen. Es zeigten sich, dass Einweg-Medizinprodukte der Hauptverursacher für die Gesamtmenge an CO2e sind. Insgesamt kann der Verbrauch an Einmalprodukten reduziert, die Nutzung von Recyclingverfahren erhöht und auch die Abfallsortierung und -Entsorgung optimiert werden. Wahrscheinlich ist diese Transformation auch ökonomisch günstiger und birgt keine Nachteile für die medizinische Versorgung. Die Mehrheit der Chirurg:innen zeigt hierfür Bereitschaft. Für eine erfolgreiche Umsetzung bedarf es jedoch einer stärkeren Priorisierung des Themas durch die Fachgesellschaften und die Geschäftsführungen.

Danksagung: Die Autoren bedanken sich vor allem bei Fr. Khanh Van Nghiem (KFE, UKE) sowie allen Pflegekräften für die herausragende Unterstützung zur Realisierung dieses Projekts.

Die Literaturliste erhalten Sie auf Anfrage via passion_chirurgie@bdc.de.

Lucas Hartmann

Klinik und Poliklinik für Allgemein- Viszeral- und Thoraxchirurgie

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Djurdjija Petrovic

Fachbereich Mathematik – Naturwissenschaften

Universität Koblenz

Dr. med. Mark A. Punke

Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Prof. Dr. Timo Busch

Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Universität Hamburg, Deutschland

Prof. Dr. med. Thilo Hackert

Klinik und Poliklinik für Allgemein- Viszeral- und Thoraxchirurgie

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Dr. Sven Lundie

Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

Universität Hamburg, Deutschland

Water Research Centre

School of Civil and Environmental Engineering

University of New South Wales, Sydney, NSW, Australia

Prof. Dr. med. Thilo Welsch

Klinik und Poliklinik für Allgemein- Viszeral- und Thoraxchirurgie

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Tumorchirurgie

Krankenhaus Nordwest, Frankfurt

Chirurgie

Hartmann L, Petrovic D, Punke MA, Busch T, Hackert T, Lundie S, Welsch T: CO2-Footprintanalyse in der kolorektalen und Pankreas-Chirurgie. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_03.

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BDC-Praxistest: Carus Green – Nachhaltigkeit und höhere Umweltverträglichkeit am Universitätsklinikum Dresden

Vorwort – Grün, grün, grün sind alle meine Kleider…

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft in einem komplexen Krankenhausbetrieb erfolgreich umzusetzen, ist eine große Aufgabe. In Zeiten, in denen es in vielen Häusern ums das nackten Überleben geht, treten Programme wie die Umweltverträglichkeit von Medizin verständlicherweise in den Hintergrund. Umso wichtiger werden dann die leuchtenden Beispiele wie in diesem Fall das Universitätsklinikum Dresden.

Das UKD hat mit seiner Initiative „Carus Green“ sehr erfolgreich Nachhaltigkeit und Umweltschonung im eigenen Klinikbetrieb etabliert. Die präsentierten Maßnahmen stellen gute Beispiele dar, die sich in der Gruppe, aber auch als Einzelteile auf andere Häuser übertragen lassen. Man muss nicht einen biodiversen Campus pflegen, kann aber sehr leicht Recyclingquoten erhöhen. Man muss auch keine veganen Menüs anbieten, kann aber sehr leicht Narkosegase umstellen. Die Initiative steht also nicht nur in der Tradition des Namensgebers des UKD, Carl Gustav Carus, der als einer der bedeutendsten Ärzte der Romantischen Medizin gilt. Die einzelnen Maßnahmen sind ganz handfest. Es wird schwer sein, in Zeiten großer finanzieller Belastungen im Gesundheitswesen, für Projekte dieser Art aktuell Gehör zu finden. Das schlagende Argument wird „Einsparungen“ lauten, aber auch die lassen sich mit ökologischen Veränderungen erreichen. Wir müssen am Ball bleiben, denn ein gesundes Gesundheitssystem nutzt uns in einer kranken Umwelt wenig.

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Prof. Dr. med. C. J. Krones und Prof. Dr. med. D. Vallböhmer

„Wir sind ein umweltfreundliches Klinikum“ – ein Leitsatz, dem sich das Universitätsklinikum Dresden bereits seit 2012 mit der Initiative „Carus Green“ verschrieben hat. Das Gesundheitswesen trägt in Deutschland zwischen 5,2 % und 6,7 % zu den gesamten Treibhausgasemissionen bei, wobei Krankenhäuser international etwa 30 % der Emissionen im Gesundheitssektor verursachen [1]. Als Maximalversorger mit über 1.400 Betten zeigt das Dresdner Uniklinikum, wie ökologische Nachhaltigkeit im Klinikalltag gelingen kann – trotz angespannter Finanzierungssituation und eines Systems, das Nachhaltigkeitsmaßnahmen nicht gesondert vergütet.

Entstehung: Vom Trainee-Projekt zur Nachhaltigkeitsmarke

Die Initiative „Carus Green“ entstand 2012 aus einem interdisziplinär besetzten Trainee-Projekt. Zwölf Trainees aus unterschiedlichen Fachbereichen – darunter Rechtsstelle, Pflege, Bau und Technik, Personal, Finanzen und Qualitätsmanagement – erarbeiteten in einer Konzeptphase erste Handlungsfelder und Maßnahmenkataloge. Im Anschluss wurde das Projekt an eine neu gegründete Mitarbeiterinitiative übergeben, die bis heute unter Koordination der Krankenhausökologie fortbesteht. Sechs zentrale Handlungsfelder wurden definiert: Bildung/Sensibilisierung, Campusgestaltung/Biodiversität, Ressourcenverbrauch, Energiemanagement, Verpflegung und Mobilität.

Umgesetzte Maßnahmen im Überblick

Seit 2012 wurden zahlreiche Projekte realisiert, die messbare ökologische und ökonomische Effekte erzielen:

  • Energie: Photovoltaik-Anlagen mit über 140 kWp Gesamtleistung erzeugen jährlich ca. 130 MWh Strom und sparen 48 t CO2 Emissionen. LED-Umrüstungen reduzieren den Strombezug um weitere 82 MWh pro Jahr. Das bedarfsorientierte Herunterfahren von OP-Lüftungsanlagen in betriebsfreien Zeiten spart zusätzlich 40 MWh jährlich und wurde zur Blaupause für andere Kliniken. Die Einführung eines Energiemanagementsystems nach DIN ISO 50001 ermöglicht eine systematische Erfassung weiterer Einsparpotenziale.
  • Narkosegase: Die Umstellung von Desfluran auf Sevofluran in Verbindung mit der Minimal-Flow-Anästhesie senkt die direkten Treibhausgasemissionen erheblich.
  • Mobilität: Aktuell 22 Elektrofahrzeuge ersetzen rund ein Viertel des konventionellen Fuhrparks. Ergänzt wird dies durch Lastenräder, abschließbare Fahrradstellplätze, Job-Bike-Angebote und die Teilnahme am Stadtradeln.
  • Ressourcen: Die Recyclingpapierquote wurde auf über 50 % gesteigert. Über 120 Wasserspender vermeiden Einwegplastikflaschen, das Projekt „Stifte sammeln“ führte zum Recycling von 4,4 t Material und vermied 9 t CO2. Weitere Maßnahmen umfassen Mehrweg-OP-Kittel, die Rückführung von Polypropylen und Polyethylen in den Stoffkreislauf, die Wiederverwendung von Styroporboxen sowie einen internen Möbelkiosk.
  • Biodiversität und Campus: Blühwiesen, Insektenhotels und Nistkästen schaffen naturnahe Lebensräume für Insekten sowie Erholungsräume für Patient:innen und Mitarbeitende.
  • Verpflegung: Die sukzessive Einführung vegetarischer und veganer Menüs im Mitarbeiterrestaurant ebnet den Weg in Richtung der Planetary Health Diet.

Organisationsstruktur und Erfolgsfaktoren

Das Carus-Green-Team organisierte sich in Arbeitsgruppen und traf sich regelmäßig zum Projektupdate. Die Mitglieder fungierten als Ideengeber:innen, Vernetzer:innen wichtiger Stakeholder und Empfänger:innen von Mitarbeitervorschlägen – die konkrete Umsetzung erfolgt meist in den jeweiligen Fachbereichen. Diese dezentrale Struktur bei zentraler Koordination durch die Krankenhausökologie hat sich als praxistauglich erwiesen. Um weitere Potentiale heben zu können wird es künftig eine neue Carus Green-Steuerungsgruppe geben, die die Umweltstrategie weiter ausbaut, zentral koordiniert und regelmäßig Bericht an den Vorstand erstattet.

Erfolgsfaktoren für die Übertragbarkeit:

  • Engagierte Mitarbeitende, die für ökologische Themen brennen
  • Rückendeckung durch die Geschäftsleitung
  • Niedrigschwellige erste Maßnahmen (Energiespartipps, zusätzliche Abfallfraktionen, Blühwiesen)
  • Eine gemeinsame Dachmarke, die Sichtbarkeit schafft

Herausforderungen und Learnings

Der kontinuierliche Erhalt implementierter Maßnahmen gestaltet sich im Klinikalltag anspruchsvoll. Die Erkenntnis reifte, dass es in jedem Bereich sogenannte Umwelt- und Energiebotschafter:innen braucht – Mitarbeitende, denen diese Themen persönlich wichtig sind und die nach entsprechender Schulung dauerhaft in ihrem Bereich auf die Umsetzung achten. Diese „Carus Green Botschafter:innen“ sollen künftig als Multiplikator:innen den Nachhaltigkeitsgedanken ins Kollegium tragen.

Ausblick und Preisträger 2025

Im September 2025 wurde „Carus Green“ mit dem Lohfert-Preis „Green Hospital – Umweltschutz und Ressourceneffizienz in Krankenhäusern“ ausgezeichnet. Außerdem stand man im Finale des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Gesundheit 2025. „Diese Würdigungen verstehen wir aber vor allem aber als Auftrag zur Weiterentwicklung, denn es ist noch sehr viel zu tun. An Ideen, wie man universitäre Spitzenmedizin nachhaltiger und umweltfreundlicher machen kann, mangelt es nicht.“

Konkrete Ziele für 2026 umfassen die systematische Erhebung von Kennzahlen zu CO2-Einsparungen, die kontinuierliche Erweiterung der PV-Kapazität sowie die Optimierung des Campus in Richtung eines klimaresilienten, biodiversitätsfreundlichen, gesundheitsfördernden Raumes.

Hier geht’s zu einem Interview mit
Carolin Liebel-Ros, Betriebsbeauftragte
für Abfall im Universitätsklinikum
Carl Gustav Carus Dresden,
und Patrick Emmerlich zur Initiative
„Carus Green“…

Literatur

[1]   Pichler P et al. (2019). International comparison of health care carbon footprints. https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/ab19e1, zuletzt geprüft am 08.06.2023

Dipl.-Ing.(BA) Patrick Emmerlich

Referent für Umweltschutz

Team Krankenhausökologie

Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

patrick.emmerlich@uniklinikum-dresden.de

Gesundheitspolitik

Emmerlich P: BDC-Praxistest: Carus Green – Nachhaltigkeit und höhere Umweltverträglichkeit am Universitätsklinikum Dresden. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 05_02.

www.bdc.de