01.12.2016

DRG-Kodierung 2017 (Teil 1)

Korrespondierender Autor Rolf Bartkowski

Chirurgisch relevante Änderungen bei der Diagnosenkodierung mit der ICD-10-GM

Für die DRG-Kommission der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und des Berufsverbandes Deutscher Chirurgen sowie der AG Chirurgie der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS)

Ungeachtet der Arbeiten an der ICD-11, deren Einführung in Deutschland noch etliche Jahre auf sich warten lassen wird, werden mit der ICD-10-GM bereits ab 2017 einige wichtige Aktualisierungen umgesetzt, die aus der Ärzteschaft vorgeschlagen wurden.

Als Druckausgabe sei auch in diesem Jahrgang auf die anwenderfreundliche Ausgaben der Klassifikationen ICD-10-GM 2017 verwiesen, die im Deutschen Ärzteverlag herausgegeben werden [1, 2].

Diagnosen

Lymphödem

Die Systematik des Lymphödems wurde nach mehrjährigen Beratungen unserer gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung (DGfW) eingereichten Vorschläge grundlegend überarbeitet und an die Erfordernisse des neuen Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetzes (HHVG) angepasst.

Zu unterscheiden ist zwischen hereditären und sonstigen Lymphödemen, die sekundär nach Operationen oder anderen medizinischen Maßnahmen oder auch (selten) sporadisch (nicht hereditär) auftreten können.

Bei der Definition des „Lymphödems nach Mastektomie“ (I97.2-) wurde klargestellt, dass damit auch Lymphödeme gemeint sind, die nach einer Axilladissektion bzw. Lymphknotenexstirpation im Zusammenhang (auch zweizeitig) mit einer Teilresektion der Brust oder einer Mastektomie aufgetreten sind. Als „partielle Mastektomie“ sind auch Tumorektomien, Lumpektomien und Quadrantenresektionen zu verstehen.

Lymphödeme nach anderen Eingriffen am Lymphsystem (auch isoliert bei Lymphknotenrezidiv nach früherer Mastektomie) werden nach Regionen differenziert: zervikal, axillär, inguinal, urogenital und sonstige Lokalisationen.

Bei hereditären Lymphödemen werden lediglich Manifestationen an den Extremitäten und sonstigen Lokalisationen unterschieden.

Für primäre und sekundäre Lymphödeme wird bei allen relevanten Lokalisationen eine weitergehende Differenzierung nach Schweregrad vorgenommen (Tab. 1, 2).

Hinzuweisen ist noch darauf, dass Komplikationen eines Lymphödems ergänzend kodierbar sind (I89.8 für kutane Lymphfisteln, subkutane Lymphozelen, dermale Lymphzysten oder einen chylösen Reflux, L97 bzw. L98.4 für ein lymphogenes Ulkus)

Tabelle 1: Stadieneinteilung des Lymphödems

Stadium 0:

Latenzstadium (unterschwelliges Ödem), noch keine Symptome

Stadium I:

reversibles Stadium, Rückgang bei Hochlagerung, eiweißreiches teigig-weiches Ödem (Delle), nur wenige kleine lokal begrenzte fibrosklerotische Gewebsveränderungen

Stadium II:

spontan irreversibles Stadium, kein Rückgang bei Hochlagerung, hartes Ödem, keine/flache Delle, fibrosklerotische Veränderungen, Fettgewebsproliferation

Stadium III:

massive entstellende Schwellung (Elephantiasis), lymphostatischer Fibrose/Fibrosklerose/Fettgewebsproliferation, eingeschränkte Beweglichkeit, Hautveränderungen (Bläschen, Fisteln, Ekzemen, schlecht heilenden Wunden)

Tabelle 2: Kodierschema für Lymphödeme (* keine spezifischere Kodierung vorgesehen)

Lymphödem

Stad. 0

Stad. I

Stad. II

Stad. III

Nnbez.

Hereditär

Extremitäten (obere/untere)

Q82.08

Q82.00

Q82.01

Q82.02

Q82.09

Sonstige Lokalisationen (Kopf, Hals, Thoraxwand, Genitalbereich)

Q82.03

Q82.04

Q82.05

Sporadisch / sekundär

Extremitäten (obere/untere)

I89.08

I89.00

I89.01

I89.02

I89.09

Sonstige Lokalisationen (Kopf, Hals, Thoraxwand, Genitalbereich)

I89.03

I89.04

I89.05

Nach medizinischen Maßnahmen

Nach (partieller) Mastektomie

I97.29*

I97.20

I97.21

I97.22

I97.29

Zervikal

I97.80

Axillär (außer nach Mastektomie)

I97.89*

I97.81

I97.82

I97.83

I97.89*

Inguinal

I97.89*

I97.84

I97.85

I97.86

I97.89*

Urogenital (z. B. Genitalbereich, Harnblase, Prostata, Adnexe, Uterus)

I97.87

Sonstige Lokalisationen (z. B. Thoraxwand)

I97.88

Lipödem

Das Krankheitsbild „Lipödem“ war bisher weder differenziert mit der ICD-10 abbildbar noch klassifikatorisch befriedigend zugeordnet (R60.9 Ödem, nicht näher bezeichnet). Unseren Vorschlägen folgend wird das Lipödem künftig den Lipomatosen zugeordnet und nach Stadien weiter differenziert (Tab. 3, 4).

Lipödeme und Lipomatosis dolorosa (E88.29) sind gegenüber einer „lokalisierten Adipositas“ (E65) aufgrund ihrer obligaten Schmerzhaftigkeit abgrenzbar. Eine schmerzlose lokalisierte Lipohypertrophie ist mit E65 zu kodieren.

Tabelle 3: Stadieneinteilung des Lipödems

Lipödem Definition:

Lokalisierte schmerzhafte symmetrische Lipohypertrophie der Extremitäten mit Ödem

Stadium I:

mit glatter Hautoberfläche, mit gleichmäßig verdickter Subkutis

Stadium II:

mit unebener, wellenartiger Hautoberfläche, mit knotigen Strukturen in verdickter Subkutis

Stadium III:

mit ausgeprägter Umfangsvermehrung und großlappig überhängenden Gewebeanteilen von Haut und Subkutis („Wammenbildung“)

Tabelle 4: Kodierschema für Lipödeme (Lipomatosis dolorosa/Morbus Dercum : E88.29)

Lipödem

Stad. I

Stad. II

Stad. III

Sonstiges / nnbez.

Alle Lokalisationen

E88.20

E88.21

E88.22

E88.28

Adipositas im Kindesalter (3. bis 17. Lebensjahr)

Während die Adipositas bei Patienten ab 18 Jahren aufgrund unserer Initiative bereits seit mehreren Jahren gemäß BMI differenziert kodiert werden kann, war eine entsprechende Differenzierung bisher aus methodischen Gründen schwierig zu operationalisieren. Erst nach einem mehrjährigen Abstimmungsprozess, an dem wir maßgeblich beteiligt waren, wird ab 2017 eine Lösung auch für den Altersbereich 3 bis 17 Jahre verfügbar sein. Unterschieden wird zwischen einer (einfachen) Adipositas und einer extremen Adipositas. Als Bezug dienen die alters- und geschlechtsabhängigen BMI-Perzentilen (95 % bzw. 99,5 %) des Jahres 1998. Tabellen mit den verbindlichen Grenzwerten sind als Anhang in die ICD-10-GM 2017 aufgenommen worden.

Tabelle 5: Kodierschema für Adipositas

Adipositas

Erwachsene ab 18 Jahre

Kinder 3 – 17 J.

< 3 J.

Stad. I BMI 30-34

Stad. II BMI 35-39

Stad. III BMI ≥ 40

Einfach > 95-Perzentil

Extrem > 99,5-Perzentil

Jede Form

durch übermäßige Kalorienzufuhr

E66.00

E66.01

E66.02

E66.04

E66.05

E66.09

arzneimittelinduziert

E66.10

E66.11

E66.12

E66.14

E66.15

E66.19

mit alveolärer Hypoventilation

E66.20

E66.21

E66.22

E66.24

E66.25

E66.29

sonstige

E66.80

E66.81

E66.82

E66.84

E66.85

E66.89

nicht näher bezeichnet

E66.90

E66.91

E66.92

E66.94

E66.95

E66.99

Atemnotsyndrom

Der Kodebereich J80.- ist gemäß ICD-10-Systematik für das „Atemnotsyndrom des Erwachsenen“ vorgesehen. Für das ARDS des Neugeborenen und des Säuglings ist P22.0 definiert, unklar war allerdings bisher, wie das Atemnotsyndrom bei Kindern und Jugendlichen zu kodieren ist, da keine expliziten Kodes für diese Altersgruppe verfügbar sind. Aus systematischen Überlegungen wurde auf unsere Anregung hin klargestellt, dass der Kodebereich J80.- auch bei Kindern und Jugendlichen anzuwenden ist.

Chronische respiratorische Insuffizienz

Bei der Kodierung von Patienten mit einer chronischen respiratorischen Insuffizienz (J96.1-) sind zwei neue Klarstellungen zu beachten:Bei aufgepfropfter akuter respiratorischer Insuffizienz kann neben der akuten (J96.0-) auch die chronische (J96.1-) respiratorische Insuffizienz kodiert werden, wobei die Vorgaben der DKR D003 Nebendiagnosen [3] selbstverständlich zu beachten sind.

Bei einer bereits vorbestehenden Absaug- oder Beatmungspflicht ist Z99.0 Abhängigkeit (langzeitig) vom Aspirator oder Z99.1 Abhängigkeit (langzeitig) vom Respirator als zusätzliche Schlüsselnummer zu benutzen.

Bestimmte Antibiotikaresistenzen (Multiresistenzen)

Entsprechend den Empfehlungen der KRINKO wurde für die Abbildung multiresistenter gramnegativer Erreger eine neue Systematik in die ICD-10-GM eingearbeitet (Tab. 6).

Tabelle 6: Kodierschema für bestimmte (Multi-) Resistenzen – Neuerungen

Erreger

2MRGN Neopäd

3MRGN

4MRGN

Escherichia coli

U81.00!

U81.20!

U81.40!

Klebsiella pneumoniae

U81.01!

U81.21!

U81.41!

Klebsiella oxytoca

U81.02!

U81.22!

U81.42!

Klebsiella spp.

U81.03!

U81.23!

U81.43!

Enterobacter-cloacae-Komplex

U81.04!

U81.24!

U81.44!

Citrobacter-freundii-Komplex

U81.05!

U81.25!

U81.45!

Serratia marcescens

U81.06!

U81.26!

U81.46!

Proteus mirabilis

U81.07!

U81.27!

U81.47!

sonstige Enterobakterien

U81.09!

U81.29!

U81.49!

Pseudomonas aeruginosa

U81.10!

U81.30!

U81.50!

Acinetobacter-baumanii-Gruppe

U81.11!

U81.31!

U81.51!

Aus Gründen der Systematik wird der Kode U80.7! Burkholderia und Stenotrophomonas mit Resistenz gegen Chinolone, Amikacin, Ceftazidim, Piperacillin/Tazobactam oder Cotrimoxazol auf den neuen Kode U81.6! übergeleitet. Neu eingeführt werden Kodes für Multiresistenzen von „Sonstigen grampositiven Bakterien“ (U80.8!) und „Sonstigen gramnegative Bakterien“ (U81.8!), der bisherige unspezifische Kode U81 Bakterien mit Multiresistenzen wird dadurch ersetzt.

Weichteilmetastasen

Für die Kodierung von metastatischen Neubildungen in Halsweichteilen und anderem Halsbindegewebe ist künftig der Kode C79.85 verfügbar. Für entsprechende Metastasen im Bereich der Extremitäten ist C79.86 vorgesehen. Mit diesen Kodes können z. B. Lokalrezidive nach radikalen Resektionen (Schilddrüse, Kompartmentresektionen etc.) abgebildet werden.

Tabelle 7: Kodierschema für spinale Blutungen

Lokalisation

Nicht-traumatisch

Traumatisch

Postoperativ

spinal, epidural

G95.10

HWS: S15.80 BWS: S25.80 LWS: S35.80

G97.82

spinal, subdural

HWS: S15.81 BWS: S25.81 LWS: S35.81

G97.83

spinal, subarachnoidal

HWS: S15.82 BWS: S25.82 LWS: S35.82

G97.84

Blutungen im Bereich des Rückenmarks

Für spinale Blutungen werden differenzierte Kodes eingeführt, mit denen nichttraumatische, traumatische und postoperative Blutungen voneinander abgegrenzt werden können.

Verletzungen der Dura mater und sonstiger Strukturen im Bereich der Wirbelsäule

Während zerebrale Duraverletzungen immer schon mit der ICD-10 kodierbar waren, war dies bei Verletzungen der Rückenmarkshäute bisher nicht möglich. In Abhängigkeit von der Lokalisation werden entsprechende spezifische Kodes eingeführt (Tab. 8). Durch die neuen Differenzierungen der Resteklassen S15.8 und S19.8 entstehen neue Fünfsteller für diese Resteklassen. Sonstige Blutgefäße des Thorax sind z. B. die Mammaria-Gefäße sowie die V. azygos. Sonstige Blutgefäße des Abdomens, der Lumbosakralgegend und des Beckens sind z. B. die hypogastrischen, ovariellen und uterinen Gefäße.

Tabelle 8: Kodierschema für Verletzungen der Rückenmarkshäute und sonstiger Strukturen

Verletzung

HWS/zervikal

BWS/thorakal

LWS/abdominal/lumbosakral/pelvin

Dura mater (Rückenmarkshaut)

S19.80

S29.80

S39.81

sonstige Blutgefäße

S15.88

S25.88

S35.88

sonstige Verletzungen

S19.88

S29.88

S39.88

Ösophagusfisteln

Um eine eindeutige Kodierung von Ösophagusfisteln zu gewährleisten wurde klargestellt, dass ösophagotracheale Fisteln dem Kode J86.0 Pyothorax mit Fistel und ösophagokutane Fisteln dem neu differenzierten Kode K22.80 zugeordnet sind.

Rechtsherzinsuffizienz

Analog zur Linksherzinsuffizienz ist künftig auch die Rechtsherzinsuffizienz nach NYHA-Stadien klassifizierbar. Dabei ist zu beachten, dass bei primärer und sekundärer Rechtsherzinsuffizienz das Stadium mit einem Sekundärkode aus dem Bereich I50.02! bis I50.05! abgebildet wird, während bei einer Globalinsuffizienz wie bisher die Stadienkodes einer Linksherzinsuffizienz ergänzend angegeben werden.

Tabelle 9: Kodierschema für die Herzinsuffizienz

Herzinsuffizienz

Linksherz

Rechtsherz

primär

Rechtsherz

sekundär

global

NYHA I (ohne Beschwerden)

I50.11

I50.00 + I50.02!

I50.01 + I50.02!

I50.01 + I50.11

NYHA II (Beschwerden bei stärkerer Belastung)

I50.12

I50.00 + I50.03!

I50.01 + I50.03!

I50.01 + I50.12

NYHA III (Beschwerden bei leichterer Belastung)

I50.13

I50.00 + I50.04!

I50.01 + I50.04!

I50.01 + I50.13

NYHA IV (Beschwerden in Ruhe)

I50.14

I50.00 + I50.05!

I50.01 + I50.05!

I50.01 + I50.14

Stadium nicht näher bezeichnet

I50.19

I50.00

I50.01

I50.01 + I50.19

Akutes Nierenversagen

Bei der Stadieneinteilung des akuten Nierenversagens bestanden Unklarheiten hinsichtlich der Zuordnung und Definition des prärenalen Nierenversagens. Die bisherige Formulierung „adäquate Flüssigkeitszufuhr vorausgesetzt“ im Zusammenhang mit der Messung der Ausscheidung und des Serum-Kreatinins wird jetzt ersetzt durch die Formulierung „adäquater, dem klinischen Zustand angepasster Hydratationszustand zum Zeitpunkt der Messungen“, die jedoch nur im Stadium I maßgeblich ist. In den höheren Stadien ist der Hydratationszustand für die Stadienzuordnung nicht relevant!

Sollte eine histologische Diagnose vorliegen (z. B. Tubulusnekrose, akute Rindennekrose, Marknekrose) können die entsprechenden Kategorien N17.0- bis N17.89) auch ohne Nachweis der KDIGO-Kriterien kodiert werden.

Literatur

[1] ICD-10-GM 2017 – Systematisches Verzeichnis, Deutscher Ärzteverlag ISBN 978-3-7691-3584-8

[2] ICD-10-GM 2017 – Alphabetisches Verzeichnis, Deutscher Ärzteverlag ISBN 978-3-7691-3585-5

[3] Deutsche Kodierrichtlinien 2017, http://www.g-drg.de/cms/G-DRG-System_2017/Kodierrichtlinien/Deutsche_Kodierrichtlinien_2017

Bartkowski R. DRG-Kodierung 2017 (Teil 1). Passion Chirurgie. 2016 Dezember, 6(12/Q4): Artikel 04_05.

Sie möchten weiterlesen?


Vorteile für BDC-Mitglieder

  • Vergünstigungen bei allen Fort- und Weiterbildungen

  • Exklusive BDC+ Artikel zu aktuellen Themen

  • Umfassendes Webinar- und E-Learning-Angebot

  • Rechtsberatung inklusive

  • Berufs-Haftpflicht-Versicherung inklusive

  • Zugriff auf alle Ausgaben PASSION CHIRURGIE

  • Lifestyle-Angebote

DRG