Alle Artikel von Kathrin Reisinger

Mit 65 in Rente? „Das wäre meine persönliche Katastrophe geworden!“

Auch Chirurgen müssen einmal in Rente gehen. Aber: Sollen sie freiwillig gehen? Sollen sie geschickt werden? Ab wann gehören Chirurgen zum alten Eisen? Bis wann dürfen, bis wann können sie operieren?

Passion Chirurgie besuchte einen Thoraxchirurgen aus Berlin, der vor fünf Jahren das Rentenalter erreicht hat und sich trotzdem noch lange nicht zur Ruhe setzt. Prof. Dr. Dirk Kaiser erzählt vom „65-Werden“, seinem bisherigen Berufsleben im Rückblick, von der Doppelbelastung als Chefarzt und Ärztlicher Direktor und – von seiner neuen Tätigkeit: Niedergelassener Facharzt für Thoraxchirurgie in dem Klinikum, das er bis vor kurzem leitete. Ein Modell, das vor allem auch die Patienten erfreut.

Prof. Dr. Dirk Kaiser

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Prof. Kaiser, Jahrgang 44, fackelt nicht lange und kommt direkt auf den Punkt: „2009 war mein theoretischer Ruhestand herangerückt. Doch da war an Ruhe gar nicht zu denken. Wir waren mitten in der Erweiterung unseres Klinikums und ich war Chefarzt und seit drei Jahren Ärztlicher Direktor. Das Helios-Klinikum war auch daran interessiert, dass ich noch bleibe. Also habe ich erst einmal um zwei Jahre verlängert, dann noch einmal für zwei Jahre. Ich hatte mir ein tolles Team aufgebaut, so dass ich zunehmend nur noch die Privatpatienten und bei Komplikationen selbst operiert habe. Die Indikationsbesprechungen habe ich geleitet und mit den Patienten immer selbst gesprochen.“

Währenddessen lief im Helios-Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf eine Erfolgsgeschichte, an der Prof. Kaiser maßgeblich beteiligt war. Der Chirurg erzählt begeistert: „Wir konnten 50 Mio. Euro in das Klinikum investieren, bauten eine Palliativstation und eine eigene Infektionsstation auf. Dann haben wir als eine der ersten ein PET-CT angeschafft, haben die invasive Kardiologie hier aufgebaut, Gefäßmedizin und Strahlentherapie eingerichtet. Zwei Bunker unter der Erde mit über ein Meter dicken Wänden. Dafür wurde extra noch aufgeschüttet. Jetzt sind wir Deutschlands einziges Krankenhaus mit `Berg`. Zu Ostern diesen Jahres kam dann der zweite Beschleuniger“. Was der Ärztliche Direktor zu dieser Zeit alles leistete, ahnten die Chirurgen zum Teil nicht einmal. Kaiser: „Es war meine schönste, interessanteste, aber auch anstrengendste Zeit. Dieser Erfolg, die Freude daran, dass es vorwärts ging und die tolle Mannschaft waren die Hauptgründe zu bleiben.“

Belastend ist nicht das Operieren, sondern die Verantwortung

Doch mit einer so guten Mannschaft wird man auch immer ersetzbarer. So, wie es eigentlich auch sein muss. Kaiser merkt außerdem, dass ihm die Doppelbelastung als Chefarzt und Ärztlicher Direktor zunehmend zu viel wird. „Belastend ist dabei nicht das Operieren“, resümiert er, „sondern die Verantwortung.“

Davon hat der Chirurg zeitlebens reichlich. Bereits mit 34 Jahren ist er leitender Oberarzt an der Uni-Klinik Freiburg in der Thoraxchirurgie, mit 40 kommissarischer ärztlicher Direktor dieser Abteilung. Seit 1978 ist er in einer Art Dauer-Verantwortung. Kaiser beschreibt das so: „Man denkt immer an die Klinik, man träumt von der Klinik und auch im Urlaub ist man ständig erreichbar.“ Dazu im Alter von 55/56 Jahren 80- und mehr Stunden-Wochen, Hintergrunddienste, jeden Tag Operationen. „Das schlaucht. Abends kein Glas Rotwein und nachts aufstehen und in die Klinik fahren.“

Ab August 2012 suchen Kaiser und das Heliosklinikum zusammen einen Nachfolger. Und dann kommt „Tag X“: Am 25. April 2013, einen Tag nach seinem 69. Geburtstag absolviert Kaiser seine unwiderruflich letzte Operation. Es folgt eine glamouröse Verabschiedung durch Kollegen, Klinikum, Gesellschaften. Plötzlich ist das Leben ruhig. Zu ruhig.

Prof. Kaiser erinnert sich: „Eigentlich waren es nur zwei Monate, denn ich hatte natürlich schon längst an meiner Idee gearbeitet. Aber diese zwei Monate waren schon wie ein Loch. Von einer Minute zur anderen fällt die riesige Aufgabe weg, die man bisher hatte. Ich habe mein Haus komplett renoviert, den ganzen Garten umgestaltet und war trotzdem noch unruhig.“

Plötzlich haben Patienten, Kollegen und Klinik ihn wieder

Endlich kommt der 1. Juli 2013. Prof. Kaiser eröffnet seine Facharztpraxis für Thoraxchirurgie in den Räumen des Helios-Klinikums. Ein halber Kassensitz, zweimal die Woche Sprechstunde für je fünf Stunden. Und plötzlich haben Patienten, Kollegen und Klinik ihn wieder: Den fähigen Chirurgen, der jetzt untersucht, überweist, auswertet und ausgiebige Patientengespräche führt. Den fähigen Kollegen, dessen Ratschläge immer noch so gefragt sind. Und den großen Namen, dessen Image Patientenströme lenkt. Die Schnittstelle von ambulant zu stationär ist hier jetzt unübersehbare Tatsache.

Prof. Kaiser sagt, er habe nun wieder eine Struktur in seinem Leben. „Zweimal die Woche bin ich für die Patienten da, zweimal gehe ich mit meinem besten Freund Golf spielen, das Wochenende gehört ausschließlich Frau und Kindern.“ Und der Freitag? „Wird freigehalten. Man weiß ja nie, was noch so kommt!“

Mit zunehmender Verknappung werden gute Chirurgen, die physisch fit sind, länger gerbraucht. Davon ist Kaiser überzeugt. Wann Schluss ist mit Operieren merkt jeder selbst. Wenn die Spannkraft, die Konzentration nachlässt. Dafür bedarf es jedoch einer guten Selbstreflektion. Und die zählt zu den notwendigen Charaktereigenschaften eines Chirurgen.

Es gibt kein Muster für die Rente

Es gibt also kein Muster, nach dem Chirurgen in Rente gehen sollten. Es gibt keine Empfehlungen und kein Alter.

Aber es gibt „die Alten“. Und wenn man die fragt, sich mit ihnen unterhält, ihnen zuhört – dann sieht jeder auch ein bisschen in seine eigene Zukunft, kann sich vorbereiten. Sei es mit einer Runde Verlängerung, mit Hobbys, Ehrenämtern, Familie, neuen Jobs und Herausforderungen.

Prof. Kaiser sagt: „Eine Struktur im Leben ist das Wichtigste! Wenn ich zurückblicke – ich würde alles wieder so machen.“

Nur eines ist da, was Kaiser nach eigenen Worten nicht wusste: „… dass man anderthalb Jahre nach Abgabe der Verantwortung immer noch von der Klinik träumt!“

Reisinger K. Mit 65 in Rente? Das wäre meine persönliche Katastrophe geworden! Passion Chirurgie. 2014 November, 4(11): Artikel 09_01.

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Nachwuchs-Kongress „Staatsexamen & Karriere“

Chirurgie oder Innere Medizin? Erstaunlich viele haben sich schon entschieden…

Berlin – Für viele angehende Ärzte war es der erste Kongress im Leben: Knapp 200 Studenten trafen sich kurz vor ihrem letzten Staatsexamen für zwei Tage in der Hauptstadt um sich auf die mündlichen Prüfungen zum Arzt mit Bravour vorzubereiten. Die Berufsverbände der Deutschen Chirurgen (BDC) und Internisten (BDI) hatten zum Nachwuchs-Kongress „Staatsexamen & Karriere“ eingeladen. Ihnen geht es neben der Prüfungsvorbereitung vor allem darum, die jungen Menschen für eine Karriere als Chirurg oder Internist zu begeistern.

Abb. 1: Vorbereitung auf das Staatsexamen: Büffeln bis der Arzt kommt

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Bei Anna (29), die in Riga studiert, war das gar nicht mehr nötig: „Ich gehe auf jeden Fall in die Viszeralchirurgie. Abdominale Chirurgie interessiert mich sehr. Später kann ich mir sogar mal eine eigene Praxis vorstellen.“ Anders bei Jenny (23) aus München: „Ich warte erstmal aufs Praktische Jahr. Wenn ich da ein bisschen rumkomme, kann ich besser einschätzen was mir gefällt und wo ich gut bin.“ Beide üben zwischen den Vorträgen schon mal fleißig im Naht- und Knotenkurs.

Abb. 2: Anna (29) und Jenny (23) im Naht- und Knotenkurs, Dr. Krones im Gespräch mit Ismail (25) aus Syrien (Bilder von links nach rechts)

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„Nicht zwischen die Pinzetten kommen, da kriegt ihr einen mörderischen Stromschlag“, sagt Martin Winn, Medizinprodukteberater bei Covidien und zuständig für Elektrochirurgie und Ultraschall. Für eine halbe Stunde sind Andrea (24) aus Aachen und Constanze (25) aus Göttingen „seine“ Studentinnen. Ganz konzentriert beugen sie sich über ihr Schweineschnitzel und lernen etwas über die Schnitt- und Versiegelungszone. Der verbrannte Geruch interessiert hier längst niemanden mehr – da sind sie schon Profis. Während Andrea mit dem Gerät ins rote Fleisch fährt, erzählt sie: „Ich möchte auf jeden Fall Chirurgin werden. Nur das Gebiet steht noch nicht fest.“ Für Constanze dagegen „ist noch alles offen“.

Abb. 3: Andrea (24) und Constanze (25) üben am Schweineschnitzel, B2B-Gespräch in der Pause (Bilder von links nach rechts)

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Ben (27) aus Nürnberg rennt geradezu zu den Sitzungen mit den internistischen Grundlagen. Ihn interessieren die Karrierewege in der Inneren Medizin am meisten. Und hier fasziniert ihn die Lunge „und alles, was damit zusammenhängt“.

Einen Stock tiefer übt Nicole (25) aus Rostock in der Sonografie. Mit dem Ultraschallkopf fährt sie gekonnt über den Bauch ihrer Freundin. „Ich suche gerade die Niere“, sagt sie. Und: „Die linke Niere ist halt schwerer zu finden, weil die Milz sie überdeckt“. Es folgen noch Leberarterie, Magen und Bauchspeicheldrüse, ehe die angehende Ärztin uns verrät: „Bei mir steht alles felsenfest – ich arbeite später in der internistischen Kinderheilkunde!“ Ihre Kommilitonin für einen Tag, Karoline (25) aus München, geht in die Chirurgie, sagt: „Es wird die Unfall-, orthopädische oder Rekonstruktionschirurgie.“

Abb. 4: Nicole (25) und Karoline (25) bei der Sonografie, Historisches Ambiente für die Ärzte von Morgen (Bilder von links nach rechts)

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Am vollsten ist der Saal beim Thema „Prüfungsstrategien und mündliche Präsentation“. Für alle, die jetzt im Oktober mit ihrem Staatsexamen „dran sind“ ist das natürlich ein Muss. Ob Vorbereitung auf die Prüfungen, Videositzungen oder internistische und chirurgische Grundlagen – die Vortragenden sind nicht nur Profis, sondern stecken auch ihr Herzblut in die Ausbildung des Nachwuchses. Kein Wunder also, dass einige von ihnen sogar noch abends bei der Cocktailparty mit den Studenten plaudern und sich Löcher in den Bauch fragen lassen…

Abb. 5: Vanessa (25) hat ihren Job in der Viszeralchirurgie schon in der Tasche

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In der Laparoskopie treffen wir dann noch Vanessa. Die 25-Jährige hat ihren Job schon vor dem Examen in der Tasche. „Das PJ habe ich fertig. Mein schriftliches Staatsexamen ist vom 7. bis 9. Oktober, das mündliche am 21. und 22. Oktober. Ab 1. Januar fange ich schon als Assistenzärztin in der Viszeralchirurgie in Stendal an.“ Als 25-Jährige – so früh? „Ja, ich habe gleich nach dem Abi losgelegt. Und eigentlich wollte ich auf keinen Fall in die Chirurgie. Ich habe immer gedacht, man hat da keinen Kontakt zu den Patienten, weil die nur betäubt auf dem Tisch liegen. Doch das ist ja gar nicht so. Ich muss viel aufklären, erläutern, in Gesprächen die Ängste nehmen. Und dann hat mir das Handwerkliche auch noch so viel Spaß gemacht.“ Und die Arbeitszeiten? „Klar wird mal die eine oder andere Überstunde anfallen. Aber Familie möchte ich trotzdem. Die Kliniken werden sich schon anpassen, denn wir sind jetzt schon viel mehr Frauen. Und mit Kind ist man eben einige Zeit etwas unflexibler.“

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Diesen Artikel finden Sie auf BDC|Online unter der Rubrik Themen/Weiterbildung/Medizinstudium.

Reisinger K. 6. Nachwuchs-Kongress „Staatsexamen & Karriere“. Passion Chirurgie. 2014 November, 4(11): Artikel 05_02.


Personal und Karriere

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Klinik-Clowns – Die lustigen Gesundmacher

Johnny Bambule ist knallbunt angezogen, hoffnungslos überschminkt und – hockt weinend auf dem Klinikflur in der Ecke. Die kleine Josephine traut ihren Augen nicht: das ist doch ein Clown! Der muss doch lachen! Schnurstracks läuft sie hin, streichelt ihm über die (künstliche) Halbglatze und will ihn trösten. Dabei vergisst die Fünfjährige, die schwer an Krebs erkrankt ist, dass sie gerade, beim letzten Tropf noch selbst getröstet wurde. Von Johnny Bambule lässt sie sich nun an der Hand weiterziehen zu den anderen Kindern im großen Spielzimmer. Und jetzt erkennt das Mädchen auch: „Der hat gar nicht geweint – der hat nur so getan!“ Jetzt müssen all losprusten – vor lauter Lachen!

Rund 500 ehrenamtliche und professionelle Clowns sind inzwischen in deutschen Kliniken im Einsatz. Über 170 von ihnen sind im Dachverband „Clowns in Medizin und Pflege Deutschland e.V.“ organisiert. Sie sind in 200 Einrichtungen regelmäßig auf „Clown-Visite“ und erreichen jährlich mehr als 200.000 Menschen. Das Alter spielt der Patienten spielt dabei keine Rolle. Auch in der Geriatrie sind die lustigen Gesundmacher gern gesehen.

Am häufigsten sind sie jedoch auf den Stationen der Kinderonkologie im Einsatz. Dort, wo die jüngsten Patienten das Lachen fast verlernt haben, wo sie wochen- manchmal monatelang in der Klinik leben, wollen die Clowns beim Gesundwerden ein bisschen helfen.
Und das gelingt. Psychologen haben längst in Studien nachgewiesen, welche große Rolle die Psyche bei der Gesundung spielt. Auch in der Onkologie.

Einsatzorte/Dachverband Clowns in Medizin und Pflege Deutschland e.V.

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Auf der Kinderstation (33 Betten) des Städtischen Klinikums Brandenburg hat man das längst erkannt. Hier liegen kleine Patienten mit allen Erkrankungen – vom gebrochenen Fuß bis zu Augenerkrankungen. Die Kids wollen von ihren Krankheiten nichts wissen. Nur schnell nach Hause. Oder – wenn das nicht geht – Abwechslung haben, Spaß mit Ihresgleichen. An diesen Donnerstag sind Heller Propeller (alias Nicola Streifler, 38) und Vitamine (alias Ute von Koerber, 48) von den Potsdamer Klinikclowns für vier Stunden auf der Station. Nicht alle Kinder sind sofort begeistert. Der dreijährige Timo rennt erstmal weg, in die Arme seiner Mama. Doch als er sieht, wie die anderen Kinder Seifenblasen pusten, will er dabei sein. Mutter Stephanie (28) ist mit ihm schon zum zweiten Mal in der Klinik. Timo hat eine geschrumpfte Niere, die aufgespritzt wird.

Nach und nach trauen sich auch Linus (2), Justin Anthony (4) und Marie (7) zu den Clowns auf den Flur. Marie führt die lustige Truppe ruck zuck an, denn jetzt geht es zu Max (10), der mit seiner Infektion im Zeh nicht aufstehen kann.

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Die Spaßmacher im tristen Klinik-Alltag sind häufig selbständige, freischaffende Künstler. Die meisten werden professionell aus- und weitergebildet. Um sensibel genug arbeiten zu können, haben sie viele Arztgespräche, vor den Auftritten oft ein Briefing zu Alter, Erkrankung und Liegedauer der Patienten. Sie lernen eine Menge über Hygiene und müssen auch die künstlerische Seite immer wieder trainieren. Nicola Streifler und Ute von Koerber etwa sind ausgebildete Theaterpädagoginnen. Sie bilden andere Clowns aus – in Schauspiel, Einfühlungsvermögen, Jonglieren, improvisieren, Inhalte erarbeiten. Nicola Streifler: „Diese Arbeit braucht Qualität. Da kann nicht meine Tante um die Ecke mal eben schnell ein bisschen rumblödeln und Spaß machen. Hier steht mehr auf dem Spiel.“ Das sieht auch der Dachverband der Klinik-Clowns so. Pressesprecherin Karin Platzer: „Unser Verband bemüht sich, ein anerkanntes Berufsbild dafür zu prägen. Dafür brauchen wir öffentliche Gelder.“

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Dies ist wichtig, denn es werden immer mehr Clowns von den Kliniken angefragt. Derzeit sind die Auftritte jedoch mit einem oft hohen ehrenamtlichen Aufwand verbunden, die Bezahlung ist gering und die Clowns sind auf Spenden angewiesen. Ute von Koerber: „Wenn man das professionell machen will, ist es aber ein Full-Time-Job und dann muss man davon leben können.“ Die meisten Klinik-Clowns schlagen sich deshalb mehr schlecht als recht durchs Leben. Das Honorar ist eine Aufwandsentschädigung. Einmal in der Woche trainieren die Clowns für ihre Auftritte. Bestimmte Standards müssen sie drauf haben. Nur aus der Situation heraus improvisieren geht nicht immer. Einen kleinen Koffer mit Requisiten haben die Clowns immer dabei: gefüllt mit Instrumenten, Seifenblasen, Bastel-Utensilien. „Der Star ist das Kind“, sagt Nicola. Wir müssen dafür die Antennen haben – was ist hier notwendig ist und wie wir den Lebensmut wieder herauskitzeln.“ Meist schaffen sie das ziemlich schnell. Für einige Minuten ist dann das Lachen auf der Kinderstation zurück.

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Spenden: Bank für Sozialwirtschaft
Kontonummer: 98 14 200
BLZ 700 205 00
IBAN DE59700205000009814200
BIC BFSWDE33MUE

Weiterführende Informationen
Webseite des Dachverbands Clowns in Medizin und Pflege Deutschland e.V.

Reisinger K. Klinik-Clowns – Die lustigen Gesundmacher. Passion Chirurgie. 2014 September, 4(09): Artikel 09_01.

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Wie sieht eigentlich die „Praxis der Zukunft“ aus?

Patientenorientiertheit, Professionalität, Teamarbeit und Internationalität. In diesem Tenor formuliert Dr. med. Ralph Lorenz von der Praxis 3CHIRURGEN in Berlin-Spandau die Grundidee einer Praxis der Zukunft und damit den Kern seines Konzeptes.

Eines auch gleich vorne weg: „Bei den Chirurgen liegt die Zukunft in der Gemeinschaftspraxis.“ Davon ist Lorenz fest überzeugt. „Spezialisierung ist gefragt, Mut zur Lücke bis zur seltensten Behandlungsmethode. Einer allein kann nicht mehr auf allen Feldern gut sein.“

OEBPS/images/09_01_A_07_2014_Reisinger_image_02.jpgDr. med. Ralph Lorenz
2. Vorsitzender des BDC LV|Berlin und Regionalvertreter der Niedergelassenen
Praxis 3CHIRURGEN
Klosterstrasse 34/35
13581 Berlin
[email protected]
www.3chirurgen.de

„Passion Chirurgie“ hat Lorenz´ Praxis „3CHIRURGEN“ stellvertretend für die vielen modernen, zukunftsweisenden Praxen in Deutschland besucht.

Dienstleistung, Menschlichkeit, Raum und Zeit

Die Praxisräume der Zukunft sind hell, freundlich, offen, lichtdurchflutet. Keine Gardinen am Fenster oder Mutzel-Teppiche auf dem Boden. Der Patient von heute will Sauberkeit atmen, aber keine sterile Atmosphäre.

Abb. 1: Dr. R. Lorenz in seinen Praxisräumen

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Mit kleinen Psycho-Tricks arbeiten da auch die „3CHIRURGEN“. Auf dem Flur, im Wartebereich und den Behandlungszimmern hängen Bilder aus Ruanda. Nicht irgendwelche. Sondern von Dr. Lorenz selbst gemachte – bei seinen jährlichen Einsätzen in diesem wunderbaren, doch so hilfebedürftigen afrikanischen Land. Spielende Kinder, ein Bauer auf dem Fahrrad, ein Fischer im Boot. Das Thema lenkt ab, macht fröhlich, macht nachdenklich. Dann die Werbung mit Fotos von der Praxis: keine Schneidwerkzeuge werden hier stellvertretend gezeigt. Sondern Köpfe. Die eigenen Köpfe. Köpfe der Ärzte, die aufklären, Wissen vermitteln, operieren, nachsorgen. Die Behandlung aus einer Hand wird hier schon dem Patienten unterbewusst vermittelt. Dr. Lorenz: „In einer Klinik wissen die Patienten ja oft nicht einmal, wer sie operiert hat. Wir Niedergelassenen können Sicherheit vermitteln. Und: wir müssen uns Zeit nehmen. Keine Hektik wie im Klinik-Betrieb. Für Neu-Patienten vor einem Eingriff brauchen wir mindestens eine halbe Stunde Zeit für Gespräch und Diagnostik.“

Abb. 2: Warteraum der Gemeinschaftspraxis 3Chirurgen

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Professionalität, Internet und Sprachen

Sucht man im Netz, stößt man ziemlich schnell auf den einladenden, Wissen vermittelnden, professionellen Internetauftritt der Praxis „3CHIRURGEN“. Professionalität auf allen Ebenen ist es, was Dr. Lorenz so am Herzen liegt. „Das geht nicht erst beim chirurgischen Eingriff los, sondern fängt bei der Web-Präsenz an. Wir müssen zielgruppenorientiert sein, wir versuchen, neue Patientenströme zu interessieren, uns immer mehr zu vernetzen.“ Noch vor vier Jahren besuchten rund 1.500 Patienten pro Monat die Seiten der Praxis. Heute sind es 10.000! Dr. Lorenz selbst ist es, der die Zahlen abruft, vergleicht, neue Inhalte einstellt. Und dann sagt er: „Sprachen – die sind wichtig. Englisch ist auch für die Helferinnen Pflicht. Dazu kommen bei uns Kolleginnen, die spanisch, russisch, ungarisch sprechen. Der Patient kommt nicht mehr nur von ´um die Ecke´. Er ist heute mobil, kommt von überall. Also brauchen wir ein internationales Team.“

Abb. 3: Webauftritt www.3Chirurgen.de

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Wenn die Patienten dann erst einmal da sind, müssen Niedergelassene für ihr Honorar wirklich viel tun. Selbst etwas tun! Zum Beispiel die Wundversorgung. „Sie ist Pflicht, aber auch eine Chance“, sagt Lorenz. „Unsere Dienstleistung fängt da an, wo wir den Patienten abholen. Gerade in der chirurgischen Praxis haben die Patienten unendliche Ängste. Also müssen wir sie nicht nur als Patient, als Fall wahrnehmen, sondern als Mensch mit all seinen individuellen Befindlichkeiten. Und der Patient soll in uns nicht nur den Doktor sehen, sondern auch den Menschen. Den, der sich ihre Probleme anhört und ihnen helfen möchte!“

Netzwerke, Spezialisierung und der mündige Patient

Als sich Dr. Lorenz im Jahr 2000 in Spandau niederließ, gab es dort acht Einzelpraxen. Der Doktor: „Im Prinzip kannten wir uns gar nicht und jeder hat alles gemacht. Dann haben wir ein lokales Netzwerk gegründet und uns öfter mal getroffen. Wie eine Art Chirurgen-Stammtisch. Später kamen noch die Chef- und Oberärzte der umliegenden Kliniken dazu. Daraus ist dann eine enge Kooperation geworden. Heute schicken wir uns gegenseitig Patienten – zwischen den Praxen oder zwischen Klinik und Praxis. Durch die Spezialisierung gingen die Zahlen hoch, damit auch die Qualität und dadurch wieder die Zahlen. Wir können jetzt mehr Angebote machen. Diagnostik und Therapie sind individualisierter, es werden unterschiedliche Techniken verwendet. Die Patienten wissen das zu schätzen. Sie kommen mittlerweile auch aus Singapur und Mexiko, Kroatien und Australien zu uns. Durch Spezialisierung und Wissensvermittlung habe ich die aufgeklärten Patienten. Sie recherchieren vorher, fragen aktiv, welche Möglichkeiten es gibt.“

Durchgehend geöffnet:
Termine, Operationen, Organisation

Und dann sind da noch die Wartezeiten. Gerade groß in der öffentlichen Diskussion. Lorenz´ Konzept: „Bei uns soll möglichst keiner länger als zehn Minuten warten und schon gar nicht anderthalb Stunden herum sitzen. Deshalb ist Organisation so wichtig. Alles muss reibungslos laufen – von der Terminvergabe über Gespräche, Diagnostik, OP bis hin zum Einkauf, der Lagerverwaltung, Sterilisation der Werkzeuge und und und… OP-Termine werden bei uns strikt eingehalten. Dadurch, dass wir eine Gemeinschafts-Praxis sind, ist auch immer jemand da. Wir haben durchgehend geöffnet. In der Gemeinschaft kann jeder seine Spezialisierung ausleben. Es gibt eine Urlaubsregelung, Vertretungsregelung, wenn einer operiert. Und: Bei uns heißt es nicht Assistent allein zu Haus´, sondern es ist immer der Facharzt-Standard garantiert.“ Für eine straffe Organisation sorgt auch die papierfreie Praxis. Alles geht sofort ins interne Netz – natürlich datengeschützt. Befunde und Arztbriefe können super schnell generiert und überall hin geschickt werden.

Abb. 4: Organisation – Alles am Lager

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Standort-Vorteil

Die Praxis „3CHIRURGEN“ hat ihre Räume in einem Ärztehaus. Auch das ein riesen Vorteil. Dr. Lorenz: „Hausärzte, Internisten, Anästhesisten mit einem Ambulanten OP-Zentrum, Neurologen Radiologen einschließlich der Möglichkeit zur weiterführenden Diagnostik mit CT und MRT , Impfmöglichkeit – alles im Haus. Wir nehmen den Hörer zur Hand und schon können wir den Patienten schicken. Im schlimmsten Fall rennen wir selbst schnell mit in die nächste Etage. Der Vorteil: kurze Wege, Parkplätze, Fahrstuhl, Barrierefreiheit überall. Um die Ecke Apotheken, der Bahnhof, das Einkaufszentrum und Hotels. Der Patient aus Hannover oder Hamburg ist beinahe genauso schnell hier, wie der aus Berlin-Hellersdorf. Und das ohne Auto!“

Abb. 5: Die 3Chirurgen von links nach rechts: Rolf Peters-Eckhard/Arzt für Chirurgie/Phlebologie, Dr.med. Gabriele Herrmann-Bálizs/Ärztin für Chirurgie/Sportmedizin, Dr.med. Ralph Lorenz/Arzt für Chirurgie/Rettungsmedizin

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Qualitätssicherung: Sich selbst konfrontieren

Konfrontation, vielleicht noch mit den eigenen Zahlen oder manchmal Misserfolgen – wer liebt das schon. Aber die Spiegelung ist wichtig. „Wir haben uns in die freiwillige Qualitätssicherung begeben“, sagt Dr. Lorenz, „Bei uns werden alle Patienten nach einem Jahr noch einmal untersucht.“

Der Erfolg gibt ihm Recht. Die Praxis hat unter 0,1 Prozent Fehlerquote. Und damit sind die 3 Chirurgen zufrieden.

Was ist Zufriedenheit, was macht glücklich?

„Klar ist nicht jede Einzelleistung bei uns Niedergelassenen immer gut honoriert“, zieht Dr. Lorenz sein Fazit. „Aber: die Gesamtbilanz muss stimmen. Ich möchte von meinem Job gut leben, tue das auch. Aber glücklich macht letztendlich vor allem auch die Dankbarkeit der Patienten. Für sie brauchen wir unser Gespür, unsere ganze Sensibilität.“

Reisinger K. Wie sieht eigentlich die „Praxis der Zukunft“ aus? Passion Chirurgie. 2014 August, 4(08): Artikel 09_01.

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BDC Team-Staffeln – Laufend gewonnen

 

Nicht Naht- und Schnittzeiten, sondern Laufzeiten waren gefragt, als sich 15 Running Surgeons des BDC an den Start des 15. 5×5 km Staffel-Laufes im Berliner Tiergarten wagten. Herrliches Team-Staffel-Wetter sorgte am 6. Juni für Hochstimmung und genug Adrenalin in den Waden.

Südlich vor dem Kanzleramt wurden erst einmal die Picknick-Decke ausgerollt, der Sekt kaltgestellt und das Team gebrieft. Schnell noch die Turnschuhe festgezurrt, die Startschilder ans Trikot geheftet und dann ging es los.

Über 26.000 Läufer gingen an drei Tagen (04.-06. Juni) auf die Strecke. Team-Spirit und Spaß am Lauf stehen bei dem von den Berliner Wasserbetrieben gesponserten Event im Vordergrund. Waren es in den ersten Jahren nur Firmen und Verbände, nehmen jetzt auch immer mehr Behörden und Ämter teil. Zum Beispiel die Senatsverwaltung für Justiz und die Deutsche Rentenversicherung.

Während für uns Besucher streckenweise alles orange aussah und wir uns schon in Holland wähnten (keine Angst, es waren nur die Läufer der Berliner Stadtreinigung), stellten ganz andere Firmen die meisten Teilnehmer.

Die größte Anzahl an Staffeln hatte die Charité mit 180, gefolgt von Siemens mit 167 und der Berliner Sparkasse mit 132 Staffeln á fünf Läufern.

Mit dem besten Fitness-Index von 50% konnte Bombardier punkten. Heißt: Über die Hälfte aller Mitarbeiter waren am Start.

Da müssen wir bei uns Chirurgen noch etwas nachbessern. Aber vielleicht wollen sich ja im nächsten Jahr viele Mitstreiter gesund laufen?

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Wenn ja, hat Dr. Tilo Dahn, Niedergelassener Unfallchirurg aus Bad Freienwalde einen Tipp: „Immer mit dem anfangen, was einem Spaß macht. Und wenn man dann irgendwann bestimmte Strecken durchläuft, am besten einen Arbeitskollegen zu einem Lauf anmelden – und sich selbst gleich mit. Dann gibt’s kein Zurück mehr“.

Dahn weiß, wovon er redet, Es ist sein vierter Staffel-Lauf in Berlin und so ganz „nebenbei“ absolviert er übers Jahr noch so manchen Marathon oder Triathlon. Wieviel er dafür trainiert? „Drei bis vier Stunden pro Woche. Wenn ich es zeitlich schaffe.“

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Ein bisschen mehr darf´s dann schon bei Dipl. med. Daniela Dilling, Gefäßchirurgin aus Neuruppin sein. Täglich Sport und 50 bis 70 Wochen-Kilometer sind ein Muss. Dazu tanzt sie Ballett (Spitze), macht Pilates und „…einmal in der Woche ärgere ich meine Herzsportgruppe (50-75Jährige) mit gezielten Übungen“.

Das alles macht sie, um dann so große Momente zu erleben, wie den 72,7 km Rennsteiglauf in Thüringen, den 48-Stunden-Lauf in Gols/Österreich („Ich schlief drei Stunden von 3-6 Uhr und schaffte 229 Kilometer“), diverse Marathons und den Ultra.

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Das alles machte Staffel-Neuling Dr. Annette Kunstmann, Chirurgin im medizinischen Dienst in Wiesbaden, zuerst etwas Angst. „Ich jogge erst seit drei bis vier Jahren, immer so meine fünf bis sechs Kilometer, zwei- bis dreimal pro Woche. Meine erste Veranstaltung war ein Brustkrebslauf. Und jetzt wollte ich unbedingt mal für den BDC starten und das auch noch in Berlin! Ich habe extra für eine Nacht hier eingecheckt, um vor dieser Kulisse dabei zu sein.“

Wir sagen: Hut ab vor allen Läufern und – bitte mehr davon. Auch im nächsten Jahr wollen wir wieder gern für die Organisation und ein tolles Ambiente sorgen.

Ach so, auch wenn es (eigentlich) gar nicht wichtig ist – hier noch die Ergebnisse unserer Running Surgeons: Team 3 hat Platz 123, Team 2 Platz 294 und Team 1 Platz 435 belegt.

Zur Einordnung: es gab insgesamt 1560 Staffeln und damit Plätze.

Fazit: Es ist wie im Job. Chirurgen sind leider zu wenige. Aber dafür sind sie schnell!

Staffel

Läufer

Platz

Running Surgeons 3

Dr. Annette Kunstmann, Kemmelmeier, Florian Kemmelmeier,
Dr. Wolfgang Philipp, Dariusch Philipp, Raphael Philipp

123

Running Surgeons 2

Susan Erben, Dr. Mike Bereuter, Jeannette Bayer
René Mettke, Annett Schulz

294

Running Surgeons 1

Dr.Tilo Dahn, Leonid Sverdlov, Daniela Dilling,
Thomas Urbaniak, Marc Hanisch

435

Reisinger K. BDC Team-Staffeln – Laufend gewonnen. Passion Chirurgie. 2014 Juli, 4(07): Artikel 09_04.

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Plastische Chirurgie aus Patienten-Sicht

Ein Wunder, dass ich hier stehe und mit den Zehen wackeln kann

Am 30. März war es, ein sonniger Sonntag, Reinhard Weikum erinnert sich genau. „Ich bin mit meiner Suzuki 500 den Berg hochgefahren. Ganz langsam eigentlich. Und ich war auf der Hauptstraße. Plötzlich kam aus einer Seitenstraße der PKW geschossen, voll in die Seite, zertrümmerte mein rechtes Bein. Ich stürzte. Irgendjemand rief den Krankenwagen – ab da weiß ich erstmal nichts mehr.“

Mit Blaulicht kommt der 60Jährige ins St. Georg Klinikum Leipzig. Die Ärzte stehen bereit. Der Schenkel ragt aus dem Gewebe. Reinhard Weikum hat viel Blut verloren. Er erzählt: „In der Notaufnahme bin ich wieder aufgewacht. Ich war noch völlig benommen, da haben mir alle erzählt, was passiert ist. Und dann ging es los. Acht Operationen! Fünf davon in der Unfallchirurgie und drei in der Plastischen Chirurgie. Vor allem ging es darum, die Knochen des rechten Oberschenkels und des Fußes zu stellen und schließlich den Unterschenkel und den Fuß als Ganzes zu retten. Es war auch kurzzeitig die Rede von Amputation. Das war ein Schock für mich. Ich konnte nur noch hoffen. Aus meiner linken Rückenseite haben die Plastischen Chirurgen dann einen großen Lappen geschnitten und unten an meinen Fuß verpflanzt. Heute – 54 Tagen nach meinem Unfall kann ich mit den Zehen wackeln. Der Fuß bewegt sich! Das ist wie ein Wunder, wenn ich hier an mir runtergucke!“

Reinhard Weikum

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„Danach wurde noch alles Mögliche verpflanzt, ist ja nicht so einfach zu verstehen für einen Laien. Ich liege jetzt auf der Plastischen Station und bin den Chirurgen sehr dankbar. Ich hatte ja nur die eine Chance. Wenn der Lappen nicht angewachsen wäre, wär´ jetzt mein Bein ab – bis zur Wade hoch! Stattdessen drehe ich schon mit der Therapeutin täglich zwei Runden mit Krücken durch die Flure. Privatdozent Dr. Dragu, der mich operiert hat, kommt immer persönlich nach mir gucken, erklärt alles ganz geduldig. Das ist schon top! Die Ärzte begrüßen mich mit Handschlag. Das Zwischenmenschliche funktioniert hier einfach. Und das ist sehr wichtig, wenn Sie hier so lange in der Klinik liegen!“

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Dr. med. habil. Adrian Dragu

PD Dr. med. habil. Adrian Dragu, MHBA ist Chefarzt der Klinik für Plastische- und Handchirurgie mit Schwerbrandverletztenzentrum des Klinikums St. Georg gGmbH in Leipzig. „Herr Weikum kam mit schwersten Verletzungen in unsere Klinik. Er hatte einen offenen Oberschenkelbruch mit Mehretagen-Verletzung. Sein Fußskelett hatte eine schwere Fraktur, dazu waren die Weichteile vor allem am Unterschenkel und am Fuß zirkulär Defektverletzt. Die Knochen wurden gerichtet, mit Drähten, Stangen, Platten fixiert.“

Zehn Tage verbrachte Reinhard Weikum auf der Intensivstation, 13 weitere Tage in der Unfallchirurgie. Dragu: „Dann kam er zu uns in die Plastische Chirurgie. Die Knochen waren zwar gerichtet, aber das Gewebe drum herum war abgestorben. Nerven, Gefäße, Sehnen, Knochen lagen frei. Früher hätte man das amputieren müssen, heute haben wir die moderne mikrochirurgische plastisch-rekonstruktive Chirurgie. Unsere Klinik ist eine der größten Plastischen Chirurgien in Deutschland und eine der wenigen Zentren die alle vier Säulen der Plastischen Chirurgie anbieten (Hand, Rekonstruktion, Ästhetik und Verbrennung). Mein pflegerisches und ärztliches Team weist eine extrem große Erfahrung auf dem Gebiet der mikrochirurgischen Gewebeverpflanzung zum Extremitäten-Erhalt auf. Dies kommt unseren Patienten direkt zugute. Wir haben eine große kombinierte Lappenplastik mit zwei Muskeln vom Rücken zum Unterschenkel und Fuß verpflanzt, unter dem Mikroskop an den Blutkreislauf, die Schlagader usw. angeschlossen. Eine solche OP dauert im Schnitt vier bis sechs Stunden.“

Insgesamt musste Herr Weikum acht Operationen über sich ergehen lassen. PD Dr. Dragu: „Gewebetransplantationen sollten nur in Zentren mit hoher mikrochirurgischer Erfahrung und vorhandener Intensivbetreuung vorgenommen werden. Am Besten in einer Klinik für Plastische und Handchirurgie mit einem 24-Stunden Replantationsteam. In den ersten fünf Tagen mussten wir fast stündlich nach dem Patienten schauen. Aus meiner Sicht ist es wichtig, eine Mindestzahl von 50-100 Transplantationen pro Jahr für eine ausreichende Expertise zu haben und dringend die ständige Weiterbildung der jungen Kolleginnen und Kollegen, sowie des gesamten interdisziplinären Teams im Blick zu haben.“

Eines liegt Reinhard Weikum dann noch am Herzen: „Klar bin ich kein Arzt. Aber das Wissen, das ich jetzt habe, dass man aus Menschen was rausschneiden und an anderer Stelle transplantieren kann, das ist schon enorm. Unsere Politiker sollten mal alles dafür tun, um diese Möglichkeiten und Fortschritte der Medizin zu unterstützen. Sonst würde ein Leben nach dem Unfall wohl so manches Mal anders aussehen!“

Reisinger K. Plastische Chirurgie aus Patienten-Sicht. Passion Chirurgie. 2014 Juli, 4(07): Artikel 09_01.

 
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FRAUENPOWER – BDC fragt, Nachwuchs antwortet

Ich will Chirurgin werden, weil…

OEBPS/images/09_01_A_06_2014_Frauenpower_image_Alexandra.JPG Alexandra (28) aus Nürnberg: „…dieser Job so abwechslungsreich ist. Hier kann ich trockene Theorie mit praktischem Handwerk verbinden. Ich möchte unbedingt in die Gefäßchirurgie.“
OEBPS/images/09_01_A_06_2014_Frauenpower_image_Katharina.JPG Katharina (32) aus Bremen:
„… ich als bisherige Physiotherapeutin immer erst hinterher alles richten kann. Deshalb studiere ich jetzt Medizin, um später direkt an den kaputten Organen oder Extremitäten eingreifen zu können.“
OEBPS/images/09_01_A_06_2014_Frauenpower_image_Jana.JPG Jana (29) aus Bielefeld: „… ich im PJ auf der Intensivstation gearbeitet habe und mir alles genau so vorgestellt hatte. Ich möchte unbedingt in die Neurochirurgie, die ist so speziell, so hochtechnisiert.“
OEBPS/images/09_01_A_06_2014_Frauenpower_image_Janna.JPG Janna (28) aus Oldenburg:
„… es im Pflegepraktikum für mich in den OP ging. Dort hat es jobmäßig gefunkt. Bei meinen zwei Famulaturen habe ich noch geschwankt – zwischen Gynäkologie und Chirurgie.“
OEBPS/images/09_01_A_06_2014_Frauenpower_image_Marlene.JPG Marlene (30) aus Regensburg: „…ich unbedingt Kindern helfen möchte. Früher wollte ich immer in die Pädiatrie, bis ich durch Zufall zu einem Aushilfsjob kam. Und der war in der Kinderchirurgie!“
OEBPS/images/09_01_A_06_2014_Frauenpower_image_Theresa.JPG Theresa (25) aus Frankfurt:
„ … halt – das steht bei mir noch gar nicht fest. Eigentlich schwanke ich gerade zwischen Innerer Medizin und Dermatologie. Die Derma hat so interessante Krankheitsbilder, die Innere ist so vielfältig aufgestellt. Mal sehen. Aber egal, was ich mache, auch wenn´s  doch noch die Chirurgie wird – ich möchte auf jeden Fall als Niedergelassene arbeiten!“

Reisinger K. FRAUENPOWER – BDC fragt, Nachwuchs antwortet. Passion Chirurgie. 2014 Juni, 4(06): Artikel 09_01.

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Transplantationsmedizin – Rettung für Lenie

Und: Was sich in Deutschland ändern muss, damit wir morgen noch erfolgreich transplantieren können

Glück spürt Bianca Richter. Nichts als Glück, als sie nach der Geburt endlich ihre kleine Tochter in den Armen hält. Lenie heißt die Kleine und ist von nun an das Nesthäkchen der fünfköpfigen fröhlichen Familie aus Niedersachsen. Doch das so normale Glück ist einen Tag nach der Geburt jäh beendet: Lenie erbricht Darminhalt. Immer wieder. Immer mehr. Sie wird mehrfach operiert. Vier künstliche Darmausgänge ragen danach wie kleine rote Pilze aus dem Kinderbauch. Drei Wochen später haben die Ärzte die Ursache gefunden: Lenie wurde ohne funktionstüchtigen Darm geboren, ohne Zotten, ohne Nerven, ohne Peristaltik. Einfach nur ein leerer Schlauch – sonst nichts.

Ohne „Bauchhirn“ aber, kann der Körper nicht funktionieren. 100 Millionen Neuronen in einer hauchdünnen Netzschicht sorgen normalerweise für die Koordination der hochkomplexen Verdauungs- und Abwehrarbeit. Als autarkes Nervensystem erzeugt das Bauchhirn mehr als 40 Nervenbotenstoffe, die mit Gefühlslagen in Verbindung stehen.

Die Mutter erinnert sich an die Schock-Diagnose: „Niemand konnte uns sagen, wie es nun weitergeht. Ob Lenie je krabbeln kann, essen oder trinken darf, ob und wie sie leben wird. Unter mir tat sich der Boden auf.“

Nur ein kurzer Moment der Hilflosigkeit, der Resignation – dann fängt Bianca Richter an zu kämpfen! Sie vertraut ihrer Kraft, sie vertraut den Ärzten, glaubt an den medizinischen Fortschritt, irgendetwas muss es da doch geben. Monatelang ist sie mit ihrer Tochter in Krankenhäusern. Das Kind hängt an Schläuchen, wird künstlich ernährt und künstlich entleert. Immer wieder vergiftet Lenies Darm den eigenen kleinen geschwächten Körper. Infektionen bedrohen ihr Leben. Die Pflege des Kindes wird zum Vollzeitjob für die Eltern. Die Geschwister kennen nur eines – zurückstecken.

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Die Odysseen nehmen kein Ende, als Lenie drei Jahre alt wird. Noch nie hat Sie gekaut, verdaut, Stuhldrang verspürt. Sie weiß nicht, was „essen“ eigentlich ist. Sie kann inzwischen „Katheter“ und „Infusionsbeutel“ sagen. Ihr Kinderzimmer gleicht einem sterilen Labor. Sie kann nicht in die Kita, nicht mit Freunden spielen. Es geht einzig und allein immer nur – ums Überleben!

2009 ist Lenie auf der Kinderstation der Tübinger Universitätsklinik. Gastroenterologen beraten sich mit den Transplantationschirurgen. Klinikdirektor Prof. Alfred Königsrainer hat ein Team aufgebaut. Es ist erfolgreich, es funktioniert. Doch diesen Eingriff, der jetzt folgen soll, hat in Deutschland noch keiner gewagt. Lenie soll einen neuen Darm bekommen. Bianca Richter schwankt, zögert mit der Unterschrift. „Wir wussten, dass es keine Garantie gab, dass Lenie wieder mit nach Hause kommt“, sagt die Mutter heute.

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Prof. Dr. Alfred Königsrainer
Ärztlicher Direktor
Universitätsklinikum Tübingen
Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie

Die Eltern haben keine Wahl. Die Transplantation ist ihre, ist Lenies einzige Chance. Die Leber macht nicht mehr mit. Es folgt ein 15-stündiger Mega-Eingriff. Eine Schlacht der Ärzte gegen ein krankes Organ. „Das war für mich die Hölle“, erinnert sich Bianca Richter.

Prof. Königsrainer: „Wir stehen am Ende der Kette aller medizinischen Möglichkeiten. Die Darmtransplantation ist für diese Patienten die letzte Option. Die Leber reagiert auf die hochkalorische Ernährung mit Zirrhose. Wenn mehr als zwei große Gefäße verloren sind, muss transplantiert werden. 60 Prozent der Betroffenen sind unter 18 Jahre. Das ist das Tragische. 50 Prozent sterben an akuten oder chronischen Infektionen. Die Medikamentengabe ist eine ständige Gratwanderung. Geben wir zu viel, geht das Immunsystem komplett kaputt. Geben wir zu wenig, wird das Organ abgestoßen.“

Der hochriskante Eingriff glückt. Bianca Richter weint. Sie kennt die Gefahr der Abstoßung, die Bedrohung durch Krebs, den Fluch der Infektionen.

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Anderthalb Monate später liegt Lenie in einem Isolierzimmer der Kinderstation. Ein halbes Jahr darf sie nicht mit anderen Kindern spielen. Zuerst will sie nichts essen, leckt dann aber doch am Eis, nippt am Joghurt. Es geht ihr gut. Danach wird für lange Zeit Butter ihre Lieblingsspeise.


Heute ist Lenie 8 Jahre alt. Ihr Lieblingsessen: Hamburger, wie bei allen Kindern. Sie geht in die Grundschule, spielt mit Freunden, tobt mit ihrem Hund Charlie herum. „Der Darm war für uns ein Sechser im Lotto“, sagt Bianca Richter, „Wir haben 200 Prozent Lebensqualität gewonnen. Wir sind den Ärzten in Tübingen dankbar, die immer noch Tag und Nacht für uns da sind. Und den Eltern des verunglückten Kindes, dass sie sich damals für eine Organspende entschieden haben.“

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Die Organspende liegt auch Prof. Königsrainer am Herzen. Rund 11.000 Patienten warten derzeit auf ein neues Organ. Im letzten Jahr gab es für sie nur 876 Spender. Und die Zahlen sind in den ersten Monaten in diesem Jahr noch weiter gesunken. Auf seiner letzten Pressekonferenz in Berlin forderte der BDC nun für Transplantationen eine Änderung der Gesetze in Deutschland. Die Organ-Spenderkriterien müssen dringend neu definiert werden. Prof. Königsrainer: „Wir haben in Deutschland eine ausgezeichnete Transplantationsmedizin. Und trotzdem müssen so viele Menschen sterben. Für die zu transplantierenden Patienten stehen als Vorgabe Dringlichkeit und Erfolgsaussicht im Gesetz. Diese beiden Kriterien widersprechen sich jedoch. Weil wir so wenige Organe haben, stehen die Menschen zu lange auf den Wartelisten. Wenn sie dann dran sind, sind viele zu schwach, um noch transplantiert zu werden. Dazu kommt, dass rund 50 Prozent aller Kliniken potentielle Spender nicht registrieren und nicht melden. Hier müssen die Vorgaben schärfer gezogen und auch kontrolliert werden.“

Dr. Jörg Rüggeberg, Vizepräsident des BDC, unterstreicht: „Mit zunehmendem Organmangel, kommen wir an ernst zu nehmende Grenzen. Wir müssen die Ärzte aus dem ethischen Dilemma holen, sich für das medizinisch Mögliche aber damit gegen das Gesetz zu entscheiden. Oder stur nach Gesetz zu arbeiten und das medizinisch Mögliche außer Acht zu lassen. Hier ist die gesamte Gesellschaft und vor allem die Politik gefragt.“

Dr. Hania Luczak, Autorin der Zeitschrift GEO, begleitete Lenie, ihre Eltern und das Team um Prof. Königsrainer journalistisch über viele Monate und Jahre.

Für ihre Reportage „Ein neuer Bauch für Lenie“ (GEO Thema 06/13) wurde sie vom BDC mit dem „Journalistenpreis der Deutschen Chirurgen 2014“ ausgezeichnet.

Reisinger K. Transplantationsmedizin – Rettung für Lenie. Passion Chirurgie. 2014 April, 4(04): Artikel 09_01.

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Nach dem Taifun: Hilfe im Ausnahmezustand

Ärzte ohne Grenzen auf den Philippinen

Kein Heldenpathos, keine Ehre – ein Arzt ohne Grenzen arbeitet jede Sekunde im Ausnahmezustand. Er tut es nicht für Geld, nicht für Punkte oder Auszeichnungen, sondern einfach nur, um zu helfen. Zu helfen, wo es am Nötigsten fehlt. So, wie nach dem verheerenden Taifun auf den Philippinen.

OEBPS/images/09_03_A_01_2014_Taifun_image_01_barbara-sigge.jpgDr. Tankred Stöbe (44), Internist, Notfallmediziner, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, gehört dazu. Er war zuletzt im Nordirak, in Syrien, Mogadischu/Somalia und Pakistan. Ein Projekt im Jahr zieht er durch, nimmt dafür seine angesammelten Überstunden

Die Anfrage für die Philippinen kam plötzlich. Und die Bilder – wird keiner der Helfer mehr so schnell vergessen.

Steckbrief:
Dr. Tankred Stöbe (44) Internist, Notfallmediziner am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin  Studium in Greifswald, Berlin, Witten-Herdecke Arzt seit 1999

Menschen zwischen Trümmern, Tote am Wegesrand

Stöbe erzählt: „Unsere Organisation ist in 70 Ländern tätig. Deshalb sind wir oft mit den Teams schon lange vor Ort. Doch gerade auf den Philippinen war niemand.“ Die Maschinerie läuft trotzdem schnell an. 24 Stunden nach dem Taifun sind die ersten Leute von Ärzte ohne Grenzen da. Stöbe selbst fliegt wenige Tage später: „Erst nach Cebu, dann mit dem Helikopter nach Ormoc auf der Insel Leyte.“ Was die Ärzte sehen, ist dramatisch. „Eine einzige riesige Verwüstung. Alle Bäume sind umgeknickt, ganze Plantagen und Wälder niedergewalzt. Die Kokosnuss-Ernte, von der die Menschen hier leben – alles auf Jahre vernichtet. Es gibt in einem Gebiet, fast so groß wie Bayern, kein einziges intaktes Haus mehr. Die Menschen sitzen zwischen den Trümmern aus Wellblech, Holz und Pappe. Verzweifelt versuchen sie in aller OEBPS/images/09_03_A_01_2014_Taifun_image_02_Yann_Libessart-MSF.jpgEinfachheit bei 35 Grad Hitze und ständigem Regen sich mit Plastikplanen und ein paar Stangen ein notdürftiges Dach über dem Kopf zu schaffen. Doch alles wird vom Wind immer wieder weggeblasen. Kinder stehen bettelnd am Wegesrand, haben Hunger. Die Menschen trinken Brackwasser und essen, wenn sie Glück haben, ein bisschen Reis. Es ist schlimm zu sehen, wenn Menschen kein Zuhause mehr haben.“

 

100 Patienten am Tag

Mit mobilen Klinken, Wasser-Tanklastwagen und mobilen OP-Zelten ziehen die Ärzte in verschiedenen Teams los, schaffen pro Tag mehrere Orte. Durch eine Schneise der Verwüstung geht es, am Wegesrand liegen oft Tote, notdürftig abgedeckt. Morgens um 7 Uhr ist Meeting. Bis abends um 21 Uhr wird gearbeitet. Tankred Stöbe behandelt rund 100 Patienten am Tag, überwiegend Kinder. Ein kleines Mädchen wächst ihm ans Herz: „Sie kam mit einem völlig kaputten Mittelfinger zu uns. Neun Tage irrte die Kleine umher – ohne ärztliche Hilfe. Wir spülten den eitrigen Finger, gaben Antibiotika. Trotzdem stand sie kurz vor einer Amputation.“

Zum Schluss schaffen sie es trotzdem. Das Mädchen behält seinen Finger. Die vielen Verletzten werden in Windeseile in drei Kategorien eingeteilt: Kat I sind schwere Verletzungen, vereiterte Wunden, Abszesse usw., zu Kat II zählen schwere Durchfälle, Erkältungskrankheiten und Ähnliches, in Kat III werden chronisch Kranke, z. B. mit Bluthochdruck versorgt oder es wird Tetanus geimpft. Zum Teil finden die Behandlungen unterm Regenschirm statt.

Kein Strom, kein Wasser, keine Medikamente

Stöbe erinnert sich: „Es gibt keinen Strom, kein fließend Wasser, alle Medikamente sind weggeschwemmt. Die Menschen haben nur noch, was sie auf dem Leib tragen. Ich habe auf Hunderten Kilometern kein funktionsfähiges Krankenhaus gesehen. Die Geräte sind kaputt, die Betten verschwunden. Alle Menschen, die wir treffen, fragen wir immer wieder „Haben Sie noch genug Wasser zum Trinken?“

Viele betroffene Dörfer sind noch 2 Wochen nach der Katastrophe vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Die Not nimmt immer mehr zu. HELP, WE NEED H2O oder FOOD steht in riesigen Lettern auf den Asphalt geschrieben – in der Hoffnung auf Hilfe aus der Luft. Atemwegs- und Durchfallerkrankungen nehmen rasant zu. Stöbe: „Die hygienischen Umstände sind schwierig. Doch die Menschen klagen nicht. Es ist ein positives Erlebnis, wie tapfer sie mit ihrem Schicksal umgehen.“

Setting up the inflatable hospital at Bethany Hospital.

Bergdörfer mit komplett verschwundenen Häusern

Auch die Helfer selbst haben nur eine halboffene, rudimentäre Unterkunft. Zuerst ohne Strom und Wasser. Dann bauen die Logistiker nach und nach ein einfaches Hotel daraus auf. Die Generatoren laufen, Medikamente, frisches Wasser, viele Tonnen Hilfsgüter werden gebracht. Vom Sturm verdreckte Brunnen müssen mit Chlor gereinigt werden.

Tankred Stöbe hat schon viele Gemeinden hinter sich, als sie plötzlich in ein Bergdorf kommen, wo noch keine Hilfe war. Auf die Frage nach Verletzten zeigen die Bewohner mit den Händen in eine Richtung am Ende des Dorfes. Dort treffen die Ärzte auf einen völlig verstörten Mann, mit einer riesigen vernarbten Kopfverletzung. Das Haus hinter ihm ist komplett verschwunden. Nur die große Eingangstür liegt noch da. Die hat den Mann beinahe erschlagen.

Viele andere Bewohner sind in rostige Nägel getreten, haben tiefe Schnittverletzungen, zum Teil auch vom Wellblech.

Stöbe: „Am letzten Tag kommen wir bei einer großen Müllhalde an. Hier wohnen die Ärmsten der Armen. Über 60 Kleinkinder, viele unter 5 Jahre alt. Alle Hütten sind weggeweht. Die Menschen haben sich an Bäume geklammert, um zu überleben, wohnen jetzt zum Teil in LKW´s, zum Teil unter freiem Himmel. Auch sie haben noch 09_03_A_01_2014_Taifun_image_07_caroline-van-nespenkeinen Arzt gesehen. Die kleinen Kinder haben alle durchweg Erkältungskrankheiten, müssen von uns mit Medikamenten behandelt, zum Teil geimpft werden. Die Gefahr, dass hier Seuchen ausbrechen, ist hoch.“

Kinderlachen – Hoffnung auf Zukunft

„Die Menschen haben alle Furchtbares durchgemacht. Ihre Geschichten gehen mir selbst immer wieder sehr nah“, sagt Stöbe. Obwohl er doch so erfahren ist.

Doch einige Kinder spielen schon wieder mit einem Ball. Mitten in den Trümmern ein kurzer Augenblick fröhliches Kinderlachen. Das ist die Zukunft des Landes. Und Tankred Stöbe ist dankbar für dieses Lachen.

 

Ärzte ohne Grenzen hat ständig auch einen großen Bedarf an Chirurgen!
Haben Sie Interesse, Zeit, das Bedürfnis, ins Ausland zu gehen? Vielleicht für fünf Tage, vielleicht gleich für ein halbes Jahr? Ihre Hilfe wird gebraucht.
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Transplantationsmedizin: Der Kampf um das zweite Leben

Moritz ist 12. Liebevoll weckt ihn seine Mutter: „Aufstehen, mein Kleiner, wir brauchen die Zeit“. Und dann kommt fast jeden Morgen das, was Moritz so hasst: die Dialyse. Der Junge steht auf der Warteliste für eine Spenderniere. Sein größter Wunsch: er will endlich Fußball spielen. Das könnte er auch jetzt schon. Aber: „Die meisten Vereine wollen mich ja nicht. Also, wenn sie schon hören `nierenkrank´, dann denken sie gleich an nicht so viel Kraft und an so halb behindert. Das bin ich aber einfach nicht“, erzählt er.

Moritz ist nur ein Beispiel von 11.000 Patienten, die derzeit in Deutschland auf ein Spenderorgan warten. Die Spendenbereitschaft ist deutlich zurückgegangen, seit im Sommer 2012 Unregelmäßigkeiten an deutschen Transplantationszentren bekannt wurden. Im ersten Halbjahr 2013 gab es bundesweit 459 Organspender. Im gleichen Zeitraum 2012 waren es noch 562 (Deutsche Stiftung Organtransplantation). Nur jeder fünfte Erwachsene in Deutschland besitzt derzeit einen ausgefüllten Organspende-Ausweis (Forsa).

Moritz mit seiner Mutter und dem Hip-Hopper Flo Bauer
Moritz mit seiner Mutter und dem Hip-Hopper Flo Bauer

Der Berufsverband der Deutschen Chirurgen unterstützt diese Kampagne in seinen Publikationen, online und offline. Am Ende des Artikels können Sie sich einen Organspende-Ausweis herunterladen.

Doch was bewegte die TK die Kampagne „Von Mensch zu Mensch“ ins Leben zu rufen?

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK und selbst Transplantationsmediziner: „Vor drei Jahren hatte wir bereits einen Info-Film für den Schulunterricht produziert. Er war sehr sachlich und faktenlastig. Doch allein auf diesem Weg funktioniert die Aufklärung nicht. Es ist wichtig, zu zeigen, dass hinter den statistischen Zahlen menschliche Schicksale stehen. Wir wollten diesmal die Betroffenen und ihr Umfeld zeigen, wollten mehr machen, als die vorgeschriebenen Informationen des Gesetzgebers weiterzugeben.“

So sind dann aus 23 Gesprächen mit Menschen, die das Thema auf unterschiedlichste Weise berührt, 23 sehr emotionale Kurzfilme geworden. Aus dem gesamten Material produzierte das Filmteam eine einstündige Dokumentation.

07_01_a_12_2013_organ_image_03Der Musiker Flo Bauer hat seinen Einstand als Reporter und Moderator mit Bravour bestanden. Er ist nachdenklicher geworden, sagt er. Und erklärt sein Engagement: „Wir haben viele Menschen kennengelernt, die auf ein Spenderorgan warten. Auch Menschen, die dank einer Organspende eine neue Lebenschance bekommen haben. Ich war immer aufgeregt, einfach so in die Familien reinzuplatzen, soviel Leid und Freude zu sehen. Überall wurden wir offenherzig empfangen, ich habe großen Respekt dafür. Es gab schlimme Täler: eine Patientin, die wir auf einer Dialyse-Station kennenlernten, ist inzwischen gestorben, weil sie nicht rechtzeitig ein Organ erhielt. Sie war erst 18. Aber es gab auch Hoffnung: der 32jährige Nils postete einen Tag nach der OP: ´Gestern hab´ ich ´ne neue Leber bekommen´. Während unserer Auftritte und bei Gesprächen in den Fußgängerzonen vieler Städte haben wir immer wieder gehört, dass die Menschen viel zu wenig über Organspende wissen, um eine Entscheidung zu treffen. Genau das möchten wir ändern!“

Eine, der ersten Stationen von Flo Bauer war ein Besuch bei Sänger Roland Kaiser. 2010 musste der Star mitten im Konzert abbrechen, weil er keine Luft mehr bekam. Dank einer neuen Lunge hat er überlebt und kann sogar wieder vor einem riesigen Publikum auftreten.

Moritz meistert indessen tapfer seinen Alltag, beantwortet sogar geduldig die unsinnigsten Fragen seiner Mitschüler und mancher Erwachsener. Den Anruf, dass eine Niere für ihn da sei, erwartet seine Mutter jeden Tag. Sie sagt, sie würde sich freuen und Angst haben zugleich. Moritz denkt dabei immer an seinen großen Traum: endlich Fußball spielen!

Drei Fragen an Roland Kaiser

07_01_a_12_2013_organ_image_04BDC: Wie geht es Ihnen heute?
RK: „Mir geht es gut. Und ich kann wieder drei Stunden Live-Auftritte absolvieren – vor ausverkauften Häusern. Das hätte ich damals nie geglaubt!“

 

BDC: Chirurgen haben Ihr Leben gerettet, aber Chirurgen haben auch den Organ-Spende-Skandal ausgelöst. Wie stehen Sie zu dieser Berufsgruppe?
RK: „Eigentlich ist es ja kein Organ-Spende-Skandal. Das haben nur die Medien dazu gemacht. Weder Spender noch Patienten können ja etwas dafür. Es ist vielmehr ein Verteilungs-Skandal. Allerdings sind es einige wenige Ärzte, die Fehler gemacht haben und dafür zur Verantwortung gezogen werden. Deshalb werfe ich noch lange nicht die gesamte Berufsgruppe in einen Topf. Und das tun auch die meisten anderen Menschen nicht. Ärzte leisten eine unglaublich schwere, wichtige Arbeit. Und ich bin meinem Chirurgen extrem dankbar – das können Sie mir glauben!“

 

BDC: Was geben Sie gesunden Menschen mit auf den Weg?
RK: „Ich erwarte, dass alle Menschen sich dem ´WIR´ verpflichtet fühlen. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein neues Organ im Leben braucht ist drei Mal so hoch, als die Wahrscheinlichkeit, zum Spender zu werden. Wir müssen noch mehr aufklären. Ein Mensch muss erst hirntod sein, bevor er als Organspender infrage kommt. Dies müssen alle weitererzählen – in der Familie, bei Freunden, Arbeitskollegen. Dann schwindet auch die Angst, einen Spenderausweis bei sich zu tragen. Auf den Stationen, wo ich für die Dreharbeiten des Films ´Von Mensch zu Mensch´ mit dabei war, habe ich alles erlebt: vom Zittern auf der Warteliste bis zur glücklichen Entlassung. Wenn Sie in die befreiten Gesichter dieser Patienten sehen, die gerettet wurden, ein zweites Leben geschenkt bekommen haben, dann werden Sie das nie mehr vergessen!“

Informationen zum Thema

Filmtrailer ‚Organspende’
Der Doku-Film „Von Mensch zu Mensch“
Playlist aller Clips
Organspendeausweis zum Download

Reisinger K. Transplantationsmedizin: Der Kampf um das zweite Leben. Passion Chirurgie. 2013 Dezember, 3(12): Artikel 07_01.

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