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Ein Wunder, dass ich hier stehe und mit den Zehen wackeln kann

Am 30. März war es, ein sonniger Sonntag, Reinhard Weikum erinnert sich genau. „Ich bin mit meiner Suzuki 500 den Berg hochgefahren. Ganz langsam eigentlich. Und ich war auf der Hauptstraße. Plötzlich kam aus einer Seitenstraße der PKW geschossen, voll in die Seite, zertrümmerte mein rechtes Bein. Ich stürzte. Irgendjemand rief den Krankenwagen – ab da weiß ich erstmal nichts mehr.“

Mit Blaulicht kommt der 60Jährige ins St. Georg Klinikum Leipzig. Die Ärzte stehen bereit. Der Schenkel ragt aus dem Gewebe. Reinhard Weikum hat viel Blut verloren. Er erzählt: „In der Notaufnahme bin ich wieder aufgewacht. Ich war noch völlig benommen, da haben mir alle erzählt, was passiert ist. Und dann ging es los. Acht Operationen! Fünf davon in der Unfallchirurgie und drei in der Plastischen Chirurgie. Vor allem ging es darum, die Knochen des rechten Oberschenkels und des Fußes zu stellen und schließlich den Unterschenkel und den Fuß als Ganzes zu retten. Es war auch kurzzeitig die Rede von Amputation. Das war ein Schock für mich. Ich konnte nur noch hoffen. Aus meiner linken Rückenseite haben die Plastischen Chirurgen dann einen großen Lappen geschnitten und unten an meinen Fuß verpflanzt. Heute – 54 Tagen nach meinem Unfall kann ich mit den Zehen wackeln. Der Fuß bewegt sich! Das ist wie ein Wunder, wenn ich hier an mir runtergucke!“

Reinhard Weikum

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„Danach wurde noch alles Mögliche verpflanzt, ist ja nicht so einfach zu verstehen für einen Laien. Ich liege jetzt auf der Plastischen Station und bin den Chirurgen sehr dankbar. Ich hatte ja nur die eine Chance. Wenn der Lappen nicht angewachsen wäre, wär´ jetzt mein Bein ab – bis zur Wade hoch! Stattdessen drehe ich schon mit der Therapeutin täglich zwei Runden mit Krücken durch die Flure. Privatdozent Dr. Dragu, der mich operiert hat, kommt immer persönlich nach mir gucken, erklärt alles ganz geduldig. Das ist schon top! Die Ärzte begrüßen mich mit Handschlag. Das Zwischenmenschliche funktioniert hier einfach. Und das ist sehr wichtig, wenn Sie hier so lange in der Klinik liegen!“

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Dr. med. habil. Adrian Dragu

PD Dr. med. habil. Adrian Dragu, MHBA ist Chefarzt der Klinik für Plastische- und Handchirurgie mit Schwerbrandverletztenzentrum des Klinikums St. Georg gGmbH in Leipzig. „Herr Weikum kam mit schwersten Verletzungen in unsere Klinik. Er hatte einen offenen Oberschenkelbruch mit Mehretagen-Verletzung. Sein Fußskelett hatte eine schwere Fraktur, dazu waren die Weichteile vor allem am Unterschenkel und am Fuß zirkulär Defektverletzt. Die Knochen wurden gerichtet, mit Drähten, Stangen, Platten fixiert.“

Zehn Tage verbrachte Reinhard Weikum auf der Intensivstation, 13 weitere Tage in der Unfallchirurgie. Dragu: „Dann kam er zu uns in die Plastische Chirurgie. Die Knochen waren zwar gerichtet, aber das Gewebe drum herum war abgestorben. Nerven, Gefäße, Sehnen, Knochen lagen frei. Früher hätte man das amputieren müssen, heute haben wir die moderne mikrochirurgische plastisch-rekonstruktive Chirurgie. Unsere Klinik ist eine der größten Plastischen Chirurgien in Deutschland und eine der wenigen Zentren die alle vier Säulen der Plastischen Chirurgie anbieten (Hand, Rekonstruktion, Ästhetik und Verbrennung). Mein pflegerisches und ärztliches Team weist eine extrem große Erfahrung auf dem Gebiet der mikrochirurgischen Gewebeverpflanzung zum Extremitäten-Erhalt auf. Dies kommt unseren Patienten direkt zugute. Wir haben eine große kombinierte Lappenplastik mit zwei Muskeln vom Rücken zum Unterschenkel und Fuß verpflanzt, unter dem Mikroskop an den Blutkreislauf, die Schlagader usw. angeschlossen. Eine solche OP dauert im Schnitt vier bis sechs Stunden.“

Insgesamt musste Herr Weikum acht Operationen über sich ergehen lassen. PD Dr. Dragu: „Gewebetransplantationen sollten nur in Zentren mit hoher mikrochirurgischer Erfahrung und vorhandener Intensivbetreuung vorgenommen werden. Am Besten in einer Klinik für Plastische und Handchirurgie mit einem 24-Stunden Replantationsteam. In den ersten fünf Tagen mussten wir fast stündlich nach dem Patienten schauen. Aus meiner Sicht ist es wichtig, eine Mindestzahl von 50-100 Transplantationen pro Jahr für eine ausreichende Expertise zu haben und dringend die ständige Weiterbildung der jungen Kolleginnen und Kollegen, sowie des gesamten interdisziplinären Teams im Blick zu haben.“

Eines liegt Reinhard Weikum dann noch am Herzen: „Klar bin ich kein Arzt. Aber das Wissen, das ich jetzt habe, dass man aus Menschen was rausschneiden und an anderer Stelle transplantieren kann, das ist schon enorm. Unsere Politiker sollten mal alles dafür tun, um diese Möglichkeiten und Fortschritte der Medizin zu unterstützen. Sonst würde ein Leben nach dem Unfall wohl so manches Mal anders aussehen!“

Reisinger K. Plastische Chirurgie aus Patienten-Sicht. Passion Chirurgie. 2014 Juli, 4(07): Artikel 09_01.

 
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Autor des Artikels

Kathrin Reisinger

Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC)Ehem. PressesprecherinLuisenstr. 58/5910117Berlin

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