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Ärzte ohne Grenzen auf den Philippinen

Kein Heldenpathos, keine Ehre – ein Arzt ohne Grenzen arbeitet jede Sekunde im Ausnahmezustand. Er tut es nicht für Geld, nicht für Punkte oder Auszeichnungen, sondern einfach nur, um zu helfen. Zu helfen, wo es am Nötigsten fehlt. So, wie nach dem verheerenden Taifun auf den Philippinen.

OEBPS/images/09_03_A_01_2014_Taifun_image_01_barbara-sigge.jpgDr. Tankred Stöbe (44), Internist, Notfallmediziner, Präsident von Ärzte ohne Grenzen Deutschland, gehört dazu. Er war zuletzt im Nordirak, in Syrien, Mogadischu/Somalia und Pakistan. Ein Projekt im Jahr zieht er durch, nimmt dafür seine angesammelten Überstunden

Die Anfrage für die Philippinen kam plötzlich. Und die Bilder – wird keiner der Helfer mehr so schnell vergessen.

Steckbrief:
Dr. Tankred Stöbe (44) Internist, Notfallmediziner am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe, Berlin  Studium in Greifswald, Berlin, Witten-Herdecke Arzt seit 1999

Menschen zwischen Trümmern, Tote am Wegesrand

Stöbe erzählt: „Unsere Organisation ist in 70 Ländern tätig. Deshalb sind wir oft mit den Teams schon lange vor Ort. Doch gerade auf den Philippinen war niemand.“ Die Maschinerie läuft trotzdem schnell an. 24 Stunden nach dem Taifun sind die ersten Leute von Ärzte ohne Grenzen da. Stöbe selbst fliegt wenige Tage später: „Erst nach Cebu, dann mit dem Helikopter nach Ormoc auf der Insel Leyte.“ Was die Ärzte sehen, ist dramatisch. „Eine einzige riesige Verwüstung. Alle Bäume sind umgeknickt, ganze Plantagen und Wälder niedergewalzt. Die Kokosnuss-Ernte, von der die Menschen hier leben – alles auf Jahre vernichtet. Es gibt in einem Gebiet, fast so groß wie Bayern, kein einziges intaktes Haus mehr. Die Menschen sitzen zwischen den Trümmern aus Wellblech, Holz und Pappe. Verzweifelt versuchen sie in aller OEBPS/images/09_03_A_01_2014_Taifun_image_02_Yann_Libessart-MSF.jpgEinfachheit bei 35 Grad Hitze und ständigem Regen sich mit Plastikplanen und ein paar Stangen ein notdürftiges Dach über dem Kopf zu schaffen. Doch alles wird vom Wind immer wieder weggeblasen. Kinder stehen bettelnd am Wegesrand, haben Hunger. Die Menschen trinken Brackwasser und essen, wenn sie Glück haben, ein bisschen Reis. Es ist schlimm zu sehen, wenn Menschen kein Zuhause mehr haben.“

 

100 Patienten am Tag

Mit mobilen Klinken, Wasser-Tanklastwagen und mobilen OP-Zelten ziehen die Ärzte in verschiedenen Teams los, schaffen pro Tag mehrere Orte. Durch eine Schneise der Verwüstung geht es, am Wegesrand liegen oft Tote, notdürftig abgedeckt. Morgens um 7 Uhr ist Meeting. Bis abends um 21 Uhr wird gearbeitet. Tankred Stöbe behandelt rund 100 Patienten am Tag, überwiegend Kinder. Ein kleines Mädchen wächst ihm ans Herz: „Sie kam mit einem völlig kaputten Mittelfinger zu uns. Neun Tage irrte die Kleine umher – ohne ärztliche Hilfe. Wir spülten den eitrigen Finger, gaben Antibiotika. Trotzdem stand sie kurz vor einer Amputation.“

Zum Schluss schaffen sie es trotzdem. Das Mädchen behält seinen Finger. Die vielen Verletzten werden in Windeseile in drei Kategorien eingeteilt: Kat I sind schwere Verletzungen, vereiterte Wunden, Abszesse usw., zu Kat II zählen schwere Durchfälle, Erkältungskrankheiten und Ähnliches, in Kat III werden chronisch Kranke, z. B. mit Bluthochdruck versorgt oder es wird Tetanus geimpft. Zum Teil finden die Behandlungen unterm Regenschirm statt.

Kein Strom, kein Wasser, keine Medikamente

Stöbe erinnert sich: „Es gibt keinen Strom, kein fließend Wasser, alle Medikamente sind weggeschwemmt. Die Menschen haben nur noch, was sie auf dem Leib tragen. Ich habe auf Hunderten Kilometern kein funktionsfähiges Krankenhaus gesehen. Die Geräte sind kaputt, die Betten verschwunden. Alle Menschen, die wir treffen, fragen wir immer wieder „Haben Sie noch genug Wasser zum Trinken?“

Viele betroffene Dörfer sind noch 2 Wochen nach der Katastrophe vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Die Not nimmt immer mehr zu. HELP, WE NEED H2O oder FOOD steht in riesigen Lettern auf den Asphalt geschrieben – in der Hoffnung auf Hilfe aus der Luft. Atemwegs- und Durchfallerkrankungen nehmen rasant zu. Stöbe: „Die hygienischen Umstände sind schwierig. Doch die Menschen klagen nicht. Es ist ein positives Erlebnis, wie tapfer sie mit ihrem Schicksal umgehen.“

Setting up the inflatable hospital at Bethany Hospital.

Bergdörfer mit komplett verschwundenen Häusern

Auch die Helfer selbst haben nur eine halboffene, rudimentäre Unterkunft. Zuerst ohne Strom und Wasser. Dann bauen die Logistiker nach und nach ein einfaches Hotel daraus auf. Die Generatoren laufen, Medikamente, frisches Wasser, viele Tonnen Hilfsgüter werden gebracht. Vom Sturm verdreckte Brunnen müssen mit Chlor gereinigt werden.

Tankred Stöbe hat schon viele Gemeinden hinter sich, als sie plötzlich in ein Bergdorf kommen, wo noch keine Hilfe war. Auf die Frage nach Verletzten zeigen die Bewohner mit den Händen in eine Richtung am Ende des Dorfes. Dort treffen die Ärzte auf einen völlig verstörten Mann, mit einer riesigen vernarbten Kopfverletzung. Das Haus hinter ihm ist komplett verschwunden. Nur die große Eingangstür liegt noch da. Die hat den Mann beinahe erschlagen.

Viele andere Bewohner sind in rostige Nägel getreten, haben tiefe Schnittverletzungen, zum Teil auch vom Wellblech.

Stöbe: „Am letzten Tag kommen wir bei einer großen Müllhalde an. Hier wohnen die Ärmsten der Armen. Über 60 Kleinkinder, viele unter 5 Jahre alt. Alle Hütten sind weggeweht. Die Menschen haben sich an Bäume geklammert, um zu überleben, wohnen jetzt zum Teil in LKW´s, zum Teil unter freiem Himmel. Auch sie haben noch 09_03_A_01_2014_Taifun_image_07_caroline-van-nespenkeinen Arzt gesehen. Die kleinen Kinder haben alle durchweg Erkältungskrankheiten, müssen von uns mit Medikamenten behandelt, zum Teil geimpft werden. Die Gefahr, dass hier Seuchen ausbrechen, ist hoch.“

Kinderlachen – Hoffnung auf Zukunft

„Die Menschen haben alle Furchtbares durchgemacht. Ihre Geschichten gehen mir selbst immer wieder sehr nah“, sagt Stöbe. Obwohl er doch so erfahren ist.

Doch einige Kinder spielen schon wieder mit einem Ball. Mitten in den Trümmern ein kurzer Augenblick fröhliches Kinderlachen. Das ist die Zukunft des Landes. Und Tankred Stöbe ist dankbar für dieses Lachen.

 

Ärzte ohne Grenzen hat ständig auch einen großen Bedarf an Chirurgen!
Haben Sie Interesse, Zeit, das Bedürfnis, ins Ausland zu gehen? Vielleicht für fünf Tage, vielleicht gleich für ein halbes Jahr? Ihre Hilfe wird gebraucht.
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Autor des Artikels

Kathrin Reisinger

Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC)Ehem. PressesprecherinLuisenstr. 58/5910117Berlin

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