01.04.2012

Chirurgie für Hilfsorganisationen in Afrika

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Korrespondierender Autor

Schaut ein junger Mediziner auf der Website des BDC nach, welche Voraussetzungen gefordert werden für den Beruf eines Chirurgen, den er favorisiert, dann sollten ihn folgende Eigenschaften auszeichnen: Geschick, Reflexion, Freundlichkeit, Stabilität, Flexibilität, Verantwortung und Geduld. Auf dieser Seite wird ihm außerdem zu dieser Berufswahl gleichsam zugerufen „Nur Mut!“. Mut sollte allerdings dem Chirurgen primär ebenso eigen sein wie Entscheidungskraft und Empathie, die hier hinzuzufügen wären. Durchblättert dieser Mediziner das Heft des BDC Q4-2011, dann wird er sicher auch noch über jene „Sekundäreigenschaften“ stolpern, die ihm ebenfalls eines Tages gut anständen wie Prozessstrukturierung, Informationslogistik, Behandlungskoordination und Qualitätsmanagement. Hat er dann noch eine ausgezeichnete chirurgische Ausbildung erfahren, so wäre er wohl bei Nachweis all dieser Tugenden sowie fachlichen Könnens der ideale Chirurg. Ist er dann auch geeignet für eine erfolgreiche Tätigkeit in sogenannten Drittländern oder gar in Extremsituationen von Krisengebieten?

Es soll versucht werden darzustellen, welche Möglichkeiten beruflicher Tätigkeit sich dem Interessierten bei Einsatz für eine Non Governmental Organisation (NGO) im Ausland bieten. Vor allem aber soll deutlich gemacht werden, was von ihm dabei erwartet und abverlangt wird. Zugrunde gelegt werden chirurgische Erfahrungen aus sechs afrikanischen Ländern seit 2003 sowohl auf dem Gebiet der Allgemeinchirurgie, der Kriegschirurgie als auch der klinischen Forschung. Diese eigenen Leistungen wurden erbracht für die humanitären Organisationen Ärzte ohne Grenzen Berlin, Genf, Paris (MSF), Senior Expert Service Bonn (SES) und die Deutsche Lepra-und Tuberkulosehilfe e.V. Würzburg (DAHW). Die anfänglich rein klinisch-chirurgische Beschäftigung mit der zu erwähnenden Buruli-Krankheit (BU) führte schließlich zu unverzichtbarer Zusammenarbeit mit dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin Hamburg (BNIT) sowie mit der Abteilung Infektions-und Tropenmedizin der Ludwig-Maximilians Universität München (AITM-LMU) und rückte schließlich in den Mittelpunkt gemeinsamer Forschungsprojekte.

Allgemeinchirurgie

Der Autor wird Tätigkeiten anderer Kollegen, die als hochspezialisierte und qualifizierte Fachchirurgen in bestorganisiertem Team projektorientiert und zeitlich begrenzt eine Anzahl stets gleichartiger Erkrankungen, Verletzungsfolgen oder Handicaps in Drittländern operieren, in denen für diese Patienten die fachlichen, technischen und finanziellen Ressourcen zu dauerhaft Erfolg versprechender Therapie oder Rehabilitation weitgehend fehlen, nur vergleichend streifen. Beispielgebend sind hier die Teams von Organisation Hernia, Interplast oder MKG-Chirurgie zu nennen, deren Einsätze und Erfolge sehr anerkennenswert sind. Dagegen sollen hier junge Chirurgen angesprochen werden, die als Verantwortung übernehmende Einzelkämpfer sich zu einer Mission entscheiden. Unter diesen verzichten auch immer wieder einige auf ihren Jahresurlaub, um stattdessen eine NGO im Ausland für mehrere Wochen in einem chirurgischen Projekt zu unterstützen. Diesen gebührt zunächst größte Anerkennung.

Vor seiner ersten Ausreise sollte sich der Chirurg sehr sorgfältig mit der Projektbeschreibung befassen, die er immer von seiner NGO erhält. Er sollte vorab sein fachliches Können sehr kritisch einschätzen nach Größe des Hospitals, in das ihn diese Mission führt, und den Aufgaben, die ihn dort erwarten (Große Chirurgie in vergleichbar leitender Position, fachübergreifende Eingriffe, nur Assistentenfunktion). Er muss sich in der Lage sehen, auch in einem Team arbeiten zu können, dessen chirurgische Ausbildung und Kenntnisse rudimentär sind und darf bei eigenen Eingriffen nicht erwarten, stets durch gekonnte Assistenz intraoperativ entlastet zu werden. Er muss gelernt haben, eine Diagnose nur mithilfe seiner Sinne zu stellen, den jeder Apparatediagnostik voranzustellenden, primär zu praktizierenden ärztlichen Tugenden wie Zuhören (Anamnese) und sorgfältige klinische Untersuchung (Inspektion, Palpation, Auskultation). Auf Sonografie, differenziertes Labor und sogar Röntgen wird er mancherorts verzichten müssen. Ein palpatorisch hoch akutes Abdomen bedarf selten weiterer diagnostischer Verzögerung, eine Fehlstellung des Unterschenkels ist nun mal evidenzbasiert eine Fraktur. Er sollte sich vorbereiten auf Abdomialeingriffe ohne Muskelrelaxation, da Intubationsnarkosen in Distrikthospitälern unüblich sind, auf Instrumente und Nahtmaterial, die er an seiner Heimatklinik der Schwester entsetzt zurückweisen würde. Er muss seiner ärztlichen Verpflichtung und Verantwortung, die er mit einer Operation einging, den Patienten nachhaltig und bestmöglich zu kurieren, mit den Mitteln nachkommen, die ihm geboten werden. Das sind Herausforderungen zu fachlicher Flexibilität und entscheidungsfreudiger Improvisation, ohne am chirurgisch angestrebten Erfolgsziel Abstriche machen zu dürfen.

Dem deutschen Chirurgen eilt sehr häufig im Terrain die Reputation eines Alleskönners voraus. Er hüte sich aber vor Überschätzen der eigenen chirurgischen Fähigkeiten angesichts einer Position, in der er häufig als letzte Instanz gilt sowie vor Überheblichkeit seinen afrikanischen Kollegen gegenüber. Die einheimischen Mitarbeiter haben sehr feine Antennen für Selbstsicherheit aufgrund fachlich nicht zu beanstandender Leistung und menschlicher Integrität und nur dieser Chirurg wird als wahrer „Experte“ geschätzt. Ein „hellhäutiger Besserwisser“ dagegen wird peinlichst deklassiert. Bescheidenheit gepaart mit nicht anzuzweifelndem Erfolg öffnet die Herzen der Mitarbeiter und fördert deren Motivation.

Zahlreiche Hospitäler, in denen ein NGO-Expat tätig sein wird, jedenfalls in Westafrika, sind Distrikthospitäler in der Provinz und sowohl technisch, materiell als auch personell mangelhaft ausgestattet. Diese besitzen niemals einen eigenen Etat, aus dem sie Kosten kompensieren könnten. Patienten müssen für alles zahlen, andernfalls werden sie häufig nicht behandelt oder auch bei Lebensgefährdung sogar ihrem Schicksal überlassen. Angesichts dieser beschränkten Kapazitäten und Ressourcen sind diese Häuser offiziell nur für „Notfälle“ zugelassen. Eine elektive Chirurgie gibt es kaum. Warum sollte der Patient auch bereits „vorsorglich“ für ärztliche Leistungen zahlen, wenn er selbst seine Erkrankung noch nicht als belästigend oder gar lebensbedrohend empfindet, jedenfalls noch auf seinem Feld weiterarbeiten kann! So kommt er


schließlich erst mit incarcerierter Scotalhernie (
Abb. 1), mit hochakutem Abdomen bei fortgeschritten eitriger Perforationsperitonitis infolge Typhus (Abb. 2) oder die Patientin nach dreitägigem Geburtsstillstand mit einer Uterusruptur zur Vorstellung. Dann muss zu operativen Maßnahmen entschieden werden, die wir nicht nur als „Große Chirurgie“ verstehen, sondern die auch fachübergreifend beherrschbar sein müssen (Tab. 1). Eine Verlegung in ein anderes Hospital ist so gut wie immer ausgeschlossen.

Abb. 1: Incarcerierte Scrotalhernie

Abb. 2: Fibrinös-eitrige Peritonitis infolge Typhus-Perforation des Dünndarms

Tab. 1: Notfalleingriffe im Terrain

 

Angesichts dieser Notfallchirurgie auf hohem operativem Niveau muss ein Problem unserer chirurgischen Ausbildung angesprochen werden. Junge, ausreisewillige Chirurgen fragen immer wieder, wie sie im Terrain eine Leistenhernie operieren sollen, wenn sie nur noch die Methoden der Minimal Invasiven Chirurgie erlernt haben mit und ohne Netzimplantation Da draußen sind aber nun mal die Altväteroperationen in offener Technik wie Bassini, Shouldice und eventuell McVay gefragt. Ein chirurgischer Einzelkämpfer im Terrain sollte schon aus Gründen des Infektionsrisikos auf eine Fremdkörperimplantation verzichten. Analog ist zu fragen, wer beherrscht noch die offene Cholecystektomie anstelle der laparoskopischen? Was die Traumatologie angeht, so ist neben der primär bevorzugten Gipsbehandlung nach gefühlter Reposition oft ohne Röntgenhilfe operativ allenfalls die Stabilisierung durch äußere Spanner indiziert, sofern das Instrumentarium vorhanden ist. Die interne Osteosynthese verbietet sich allein schon wegen einer Infektionsrate von bis 30 % [1]. Drahtextensionen sind ebenfalls machbar.

Keinesfalls vernachlässigt werden sollte im Terrain die Wissensvermittlung. Denn oftmals sind die Chirurgen in Distrikthospitälern nur mangelhaft ausgebildet. Sie sind begierig von den Fähigkeiten des anderen zu profitieren und zu lernen. Unser Einsatz ist stets zeitbegrenzt, seine Auswirkung sollte jedoch nachhaltig sein. So sollten beispielsweise Herniotomien zunächst als Lehroperationen erfolgen, dann aber unter eigener Assistenz zum learning by doing überlassen werden und ergänzt werden durch Fortbildungen in Anatomie, operativer Technik und Komplikationsbeherrschung. Basischirurgische Wissensvermittlung sollte ebenfalls z. B. Sterilität, Asepsis, allgemeine Wundversorgung und Blutstillung in Abwesenheit eines Elektrokauters beinhalten.

Vielfach muss der Chirurg sich und dem Patienten gegenüber allerdings eingestehen, dass er einfach nicht mehr helfen kann, sei es bei fortgeschrittener Erkrankung, die bei uns die Verlegung in eine Spezialabteilung oder ein Universitätsklinikum zwingend erfordern würde oder weil die Möglichkeit zu einer unabdingbaren, vor allem postoperativen Intensivbetreuung nicht besteht. Die erzwungene Passivität gegenüber einer Maßnahme, zu der man sich eigentlich moralisch zutiefst verpflichtet fühlt, kann zu einer erheblichen, nicht antrainierten psychischen Belastung werden. Diese Situation zu beherrschen, gelingt nur durch kritische Reflexion und die Einsicht, dass einstudierter Perfektionismus mit dem Ziel, alle therapeutischen Möglichkeiten in extremis auszuschöpfen, in die Irre der Selbstüberschätzung führen kann. Wir müssen lernen, dass in der afrikanischen Kultur der Tod nicht ein Ereignis darstellt, dessen Eintrittt so lange Zeit wie nur irgendwie möglich mit allen Mitteln hinauszuzögern gilt, sondern der zu unserem Leben naturgemäß dazu gehört und akzeptiert wird, sobald er sich ankündigt.

Im Terrain darf sich der Chirurg allerdings darüber freuen, dass er sich mit den Subtilitäten von heimischem Qualitätsmanagement, ausgefeilter Prozessstrukturierung usw. nicht herumschlagen muss.

Chirurgie unter Kriegsbedingungen

Der Autor war während des libyschen Kriegs drei Wochen in Schwerpunkthospital in Yefren tätig, einem Ort etwa 150 km südwestlich von Tripolis. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Front des kriegerischen Konflikts bereits etwa 30 km weiter nördlich, nachdem dieser auch über das Hospital hinweg gezogen war. Yefren lag damit bereits in dem von den Rebellen als „befreit“ deklarierten Gebiet. Am Kriegsgeschehen nahm man aber weiterhin akustisch teil.

Die chirurgische Abteilung des Hospitals war sehr gut eingerichtet mit kompletten zwei Operationseinheiten, Intensivpflegestation, sehr gut funktionierender Röntgenabteilung, zügig arbeitendem Labor, einer Kapazität von etwa 70 stationären Betten und Ambulanzräumen. Diese waren die Anlaufstation für alle Kriegsverletzten, sowohl denen der Befreiungsarmee als auch der Pro-Gaddafi-Truppen. Kleinere Hospitäler befanden sich in der Umgebung, waren aber weniger einsatzbereit oder nicht nutzbar, da diese noch vom Kriegsgeschehen umschlossen waren.

Das Stammpersonal sowohl in der Pflege als auch der Ärzte bestand in der Mehrzahl aus Ukrainern, darunter ein Chirurg, zwei Traumatologen und zwei Anästhesisten, ferner Bangladeshi und Angehörigen anderer nordafrikanischen Staaten. Libysche Mitarbeiter waren selten, während zwei über das normale Maß hinaus sich engagierende und sehr gut ausgebildete Operationsschwestern aus Bangladesh bis zur Erschöpfung rund um die Uhr schufteten, war die Einsatzfreudigkeit der meisten Mitarbeiter gerade bei extremer Belastung durch mehrere Schwerstverwundete doch sehr verhalten. Die unterschiedliche Arbeitsmotivation erklärte man aus der Tatsache, dass dem Personal seit mehreren Monaten unter dem Krieg kein Gehalt mehr gezahlt worden sei.

Das MSF-Team bestand aus einem deutschen Chirurgen, einem australischen Anästhesisten, einer deutschen Krankenschwester und einem mexikanischen Mediziner. In beispiellos sich engagierender Weise wurde dieses Team unterstützt durch freiwillig für ihr Land mitarbeitende Medizinstudenten, die infolge der aktuellen Situation ihr Studium in Tripolis unterbrechen mussten. Später wurde das Chirurgenteam noch ergänzt durch zwei in Kanada und zwei in Deutschland tätige Chirurgen, die aber gebürtige Libyer waren und spontan angereist waren, um ebenfalls durch zeitbegrenzten Einsatz ihrem Land zu helfen.

Abb. 3: Ambulanz in Yefren/Libyen

Zwischen wenigen Tagen der Ruhe, in denen sich die Rebellen der Befreiungsarmee jeweils neu formierten, kamen sowohl tags als auch nachts plötzlich bis zehn Schwerstverwundete mit Schuss-und Explosionstraumen aller Körperhöhlen, schwersten Blutungen, langstreckigen Defektfrakturen und Teilamputationen, teilweise hochgradig ateminsuffizient, viele bewusstlos zur Aufnahme (Abb. 3). In den ersten zehn Tagen koordinierte der deutsche Chirurg die Operationen nach Dringlichkeit sowie freier Kapazität im Operationssaal und operierte unter Assistenz der Chirurgen des Hauses oder Medizinstudenten Multiorganverletzungen von Leber, Niere, Intestinum, massive Blutungen aus den Femoralgefäßen sowie Extraktionen von Projektilen aus den Weichteilen. Operationen am Skelettsystem wurden von den traumatologischen Orthopäden übernommen. Soweit zeitlich möglich, erfolgte frühmorgens jeweils eine Verbandsvisite aller Patienten gemeinsam mit dem Direktor der Klinik und den zuständigen Schwestern.

Operationstechnisch konnten alle Eingriffe ohne Schwierigkeiten beendet werden. Schwere postoperative Komplikationen und Sekundärinfektionen wurden nicht beobachtet. Belastend bis zur Erschöpfung waren eher deren Häufigkeit und Dauer insbesondere während der Nacht sowie danach der sofortige Wechsel in die Ambulanz, um bei der Primärversorgung neu angekommener Verletzter wieder zu helfen. War die Operationseinheit auch ausreichend klimatisiert, so betrug die Umgebungstemperatur außerhalb bis zu 40 Grad Celsius.

Mittelpunkt der Aufnahme von bis zu jeweils sechs Schwerverletzten waren zwei mittelgroße Räume. Hier erfolgten gleichzeitig Triage im Hinblick auf Behandlungspriorität, Intubation, Reanimation, Schocktherapie, Thoraxdrainagen, primäre Blutstillung und Wundversorgung (Abb. 4). Der hier verantwortliche Anästhesist von MSF kämpfte mit den willigen Medizinstudenten bis zum Umfallen. Diese Räume waren mit allen Materialien und Medikamenten ausgestattet, die für derartige Notfallbehandlungen benötigt wurden, einschließlich EKG-, Narkosegerät und Absaugung. An einer reichlichen Bevorratung in einem entfernteren Magazin fehlte es nicht. Wir mussten nur immer wieder bei unserer Ankunft frühmorgens feststellen, dass diese Räume in der Nacht geplündert worden waren. Medikamente, Handschuhe, Drainagen, Intubationsbestecke, Trachealkanülen und Geräte fehlten, so dass wir selbst uns erst um deren Ersatz kümmern mussten, oftmals noch während des Eintreffens der ersten Schwerverletzten. Vom regulären Personal fühlte sich für diese Aufgabe keiner zuständig.

Abb. 4: Explosionsverletzung, li. Leistenbeuge

Nachdem die erwähnten libyschen Chirurgen aus dem Ausland unser Team erweitert hatten, kam es keinesfalls zu schnelleren Prozessabläufen und Optimierung der Versorgung. Vielmehr wurde unser aller Tätigkeit wesentlich erschwert. In dem verständlichen Bestreben, mit ihrem Können ihrem Land so engagiert wie möglich zu helfen, aber auch in der Vorstellung, dass sie nun mal hier zuhause das Sagen hätten, wurden vom MSF-Team festgelegte und bewährte, strikt zu beachtende organisatorische Maßnahmen, gegenseitige Konsultationen, Entscheidungen zur Behandlungspriorität und geordnete Visiten unterlaufen. So wurde ein dringender Notfall in den Operationssaal eingeschleust, der ohne vorherige Absprache durch eine keinesfalls dringliche Intervention bereits belegt war.

Wenige Tage nach Rückflug des deutschen Chirurgen wurde von MSF die Entscheidung getroffen, das eigene, durch eine neue Chirurgin ergänzte Team in einem Hospital in Tripolis einzusetzen.

Chirurgie in Krisengebieten kann fachlich besonders hohe Ansprüche stellen. Belastend waren allerdings vornehmlich physische und psychische Erschöpfung. Erschwerend kamen der Mangel an optimierter Koordination und kollegialer Integration zweier Teams hinzu sowie zeitraubende Diskussionen, die zu keiner Klärung führten, obwohl in internen, vom MSF-Chirurgen einberufenen Konferenzen die Dringlichkeit verbesserter Teamarbeit wiederholt angemahnt wurde. So blieb die Unzufriedenheit, es nicht geschafft zu haben, dieses Problem in gegenseitiger Akzeptanz zu lösen.

Wie bereits bei früheren Einsätzen erlebt, arbeitete dagegen das MSF-Team „wie aus einem Guss“.

Klinik und Forschung zum Buruli-Ulcus

Zur Krankheit der Buruli-Ulcus (BU, Buruli Ulcer, Ulcère de Buruli) sowie zu seiner Tätigkeit auf diesem Gebiet in Kamerun, Ghana und Togo hatte der Autor bereits im Heft „Der Chirurg“ BDC 02-2009 eine umfassende Übersichtsarbeit veröffentlicht.

Es handelt sich um eine vorwiegend in Westafrika endemische, nicht tödliche, aber bei verzögerter Behandlung mit schweren Komplikationen einhergehende Geschwürskrankheit von Haut und Subcutis, die in über 50% der Fälle Kinder bis zu 15 Jahren befällt und bereits 1998 von der WHO als „neglected and emerging disease causing serious public health problems“ eingestuft wurde. Es ist die dritthäufigste mycobacterielle Erkrankung nach Tuberkulose und Lepra in dieser Region. Endemisch besonders bevorzugte Gebiete weisen eine Prävalenz von 16 bis 20 % auf. Dabei handelt es sich um abgelegene Dörfer in ländlichen Gegenden, in denen die Menschen gezwungen sind, stehende Gewässer in Sumpfgebieten zur Körperhygiene und zum Waschen der Wäsche zu nutzen und in denen die Kinder spielen. Die Übertragung des Erregers, Mycobacterium Ulcerans, scheint über nur dort heimische Wassermücken zu erfolgen.

Abb. 5: GA, 9 J, BU seit 7 Monaten

Im präulcerativen Stadium findet sich ein indolenter, mobiler Knoten unter der Haut bevorzugt an den Extremitäten. Dieser ulceriert schließlich. Auch dann bestehen weder Schmerzen, Lymphknotenschwellungen noch Fieber. Das Geschwür bereitet sich ohne Behandlung über Monate flächenhaft aus und kann zu schweren Kontrakturen führen, wenn eine progressive Ulceration gelenküberschreitend längere Zeit bestehen bleibt (Abb. 5). Die Morbidität ist hoch, primäre Mortalität besteht ganz selten.

Bis vor einigen Jahren war die Therapie fast ausschließlich chirurgisch. Es galt das Ulcus mitsamt dem nekrotischen Grund bis zur Fascie weit in die gesunden Ränder hinein zu excidieren und die Wunde über Wochen zu konditionieren, bis spontane Granulationen den Zeitpunkt zur Deckung mittels Spalthautlappen anzeigten (Abb. 6, 7).

Abb. 6: Spalthaut-Entnahme gelingt auch ohne Dermatom


Abb. 7: DJ, 13 J, großflächiges BU, Deckung mit Spalthaut

Inzwischen ist bestätigt, dass die Kombination von Rifampicin und Streptomycin täglich über acht Wochen in der Lage ist, kleinere Ulcera völlig zur Abheilung zu bringen und die Fläche größerer deutlich zu verkleinern. Die operativ dann doch noch notwendige Excision nekrotischer Ränder kann schließlich wesentlich sparsamer erfolgen.

Eine wirksame Prävention gibt es nicht, die Menschen bleiben ihrem Lebensraum verhaftet oder kehren dorthin zurück. Präventiv helfen flächendeckend Aufklärung und Kampagnen der Sensibilisierung in Dörfern und Schulen zur Früherkennung verdächtiger Erstsymptome, die unverzüglich dem BU-Spezialisten vorgestellt werde sollten, um ohne Verzögerung die adäquate Therapie einzuleiten. Die Behandlung von BU-Patienten ist in den betroffenen Ländern staatlich geregelt kostenfrei.

Der BU-Erfahrene ist in der Lage, aufgrund der Lebensumstände des Patienten und dem meistens typischen Erscheinungsbild seiner Läsion die Diagnose mit großer Sicherheit bereits klinisch zu stellen. Dennoch muss diese durch das Labor verifiziert werden. Dazu dienen Wundabstriche mit bakteriologischer Färbung nach Ziehl-Neelsen sowie aus Gewebeproben des Ulcusrandes die molekularbiologische Untersuchung auf DNA des Erregers mittels Polymerase-Chain-Reaction (PCR).

Der Autor beschäftigt sich seit 2007 mehrfach im Jahr in Togo mit dieser Erkrankung. Nachdem die chirurgischen Aktivitäten in den Hintergrund gerückt sind, hat sich das Schwergewicht der Tätigkeit verlagert auf regelmäßige Fortbildungsveranstaltungen insbesondere für die „Health Worker“ des Landes, deren Aufgabe es ist, aus den Dörfern verdächtige Krankheitsbilder zu melden. Gleichrangig wichtig sind die erwähnten Aufklärungsmaßnahmen. Im Anschluß an eine solche werden in der Schule alle Schüler körperlich auf mögliche Knoten oder bereits Ulcera untersucht. Das „Active Case Finding“ beansprucht sorgfältige Planung, um mit einem Team in abgelegenen Gegenden nach möglichen BU-Erkrankten zu suchen. Hierzu zählen auch das Nachuntersuchen ehemals Operierter auf Rezidive. Ferner fordern Vorbereitungen neuer Projekte vor Ort viel Zeit.

Das erst 2007 initiierte BU-Engagement der DAHW in Togo hat in Kollaboration mit dem BNIT und der AITM-LMU sowie Dank der Unterstützung des staatlichen BU-Programms (PNLUB) zu großen Erfolgen für die Bevölkerung in Togo geführt. Wiederholt hat diese BU-Arbeitsgruppe zu ihrer Tätigkeit und Forschungserfolgen Publikationen in wissenschaftlich renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht, so zuletzt 2011 [2]. Aufgrund internationaler Anerkennung dieses BU-Teams ist Togo neben drei weiteren west-und zentralafrikanischen Staaten an dem von der EU 2011 inaugurierten und finanziell geförderten Forschungsprojekt „Burulivac: Identification and Development of Vaccine Candidates for Buruli Ulcer Disease“ beteiligt.

Bewertung eines Engagements für NGO´s

Leitlinien jetzt auch für eine evidenzbasierte Tätigkeit im Auftrag einer NGO? Aufgrund eigener Erfahrung wurde versucht, diese ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu formulieren (Tab. 2).

Tab. 2: Leitlinien für Expats

Die Begegnung mit andersartiger Kultur und deren Traditionen in Afrika verlangt vor allem Bescheidenheit im Auftreten und Respekt gegenüber den Menschen. Der Afrikaner, insbesondere derjenige ohne ausreichende Schulbildung, fühlt sich primär stets dem Weißen unterlegen. Sich seines Vertrauens zu versichern, und seinen natürlichen Stolz nicht zu verletzen gelingt nur, wenn er das Gefühl vermittelt bekommt, so akzeptiert zu werden, wie er ist und anerkannt wird mit seinen, in unserer oft überheblichen Beurteilung bescheidenen Leistungen. Dann können wir auf einen lernwilligen und motivierten Mitarbeiter zählen.

Der Afrikaner unterscheidet sich von uns durch seine Sorglosigkeit für den nächsten Tag, durch seine natürliche Lebensfreude, Gelassenheit und eine oft überwältigende Freundlichkeit. Diese Erfahrungen sind eine unschätzbare, bleibende Bereicherung des eigenen Lebens, wenn man als Expat aus diesen Ländern zurückkehrt und von sich selbst behaupten kann, von diesen Menschen ebenfalls akzeptiert worden zu sein.

In Abhängigkeit der zugewiesenen Aufgaben kann die Tätigkeit als Chirurg für NGO’s sehr belastend sein. Diese erfordert immer ein hohes Maß an fachlichem Können und verlangt manche Eigenschaften, die im eigenen, hierarchischen Klinikgefüge nicht unbedingt gefragt sind. Die Tätigkeit kann aber sogar auch dazu führen, bei glücklichen Umständen und eigenem Engagement Leistungen hervorzubringen, die wissenschaftliche Anerkennung finden.

In dem sehr lesenswerten Buch des Autors Dieter Jacobi [3], als deutscher Chirurg jahrelang Chefarzt eines Distrikthospitals in Togo, findet sich der bemerkenswerte Satz für eine gerechtere Zukunft aller Menschen, der hier auch für ein Engagement im Dienste von NGO’s plädieren soll: „Die Welt braucht beides, sowohl den kühlen spezialisierten Experten als auch den blutjungen Anfänger mit dem heißen Herzen.“

Also nur Mut!

LEBENSLAUF JÖRG NITSCHKE

Jörg Nitschke wurde am 6. August 1938 in Cottbus geboren. 1965 schloss er sein Medizinstudium und seine Promotion an der Universität München ab. Sein Beruf führte in schließlich an die Universitätsklinik Marburg, wo er 1975 den Facharzt erwarb und sich 1978 habilitierte. Aus der Position des Oberarztes wurde er 1986 zum Chefarzt der Chirurgie eines kommunalen Krankenhauses in Hamburg gewählt. Von dort wechselte er 1991 als erster Oberarzt und Leiter der Proktologischen Abteilung ans Bürgerhospital Frankfurt/M, von wo er 2002 sich in den vorgezogenen Ruhestand versetzen ließ, um fortan für verschiedene NGO’ s tätig zu sein. Seit 2003 arbeitete er zunächst in Kamerun, Ghana und seit 2007 ununterbrochen in Togo auf dem Gebiet des Buruli-Ulcus. Als Chirurg ist er inzwischen anerkannter europäischer Experte für dieses Krankheitsbild, ausgewiesen durch zahlreiche Publikationen in renommierten Fachzeitschriften. Außerdem war er in Burkina Faso und der Elfenbeinküste allgemeinchirurgisch tätig sowie 2011 in Libyen unter den Bedingungen des Krieges.

Literatur:

[1] Informationen für Chirurgen bei Médecins Sans Frontières MSF Berlin, 2008

[2] Bretzel G et al „Laboratory Confirmation of Buruli Ulcer Disease in Togo, 2007-2010” PLOS, Neglected Tropical Diseases 2011, 5 (7), 1-7

[3] Jacobi D „ Fufu ist keine Götterspeise“ Westkreuz Verlag GmbH Berlin/Bonn, 2. Auflage, 2005

Nitschke J. Chirurgie für Hilfsorganisationen in Afrika. Passion Chirurgie. 2012 April; 2(04): Artikel 02_02.

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