Karriere und Familie 01.10.2015
Mitglieder im Einsatz: Humanitäre Hilfe in Afrika
Die Probleme der Entwicklungsländer bezüglich der Ausgestaltung ihres Gesundheitswesens sind auf viele Faktoren zurückzuführen. Jahrhunderte lange Ausbeutung, bewusste Unterdrückung der Entwicklung einer einheimischen Infrastruktur, lange andauernde z. T. extrem grausame Stammeskriege mit vollständiger Zerstörung der bis dahin erreichten Strukturen, das Verharren in überkommenen Naturreligionen, Sprachprobleme zwischen den Volksstämmen, Naturkatastrophen und ganz besonders die Korruption verhindern den Aufbau blühender Staaten, die auf dem Weltmarkt u. a. wegen der Besonderheiten ihrer Produkte und Bodenschätze eine Erfolgschance hätten. Diese Länder bedürfen einer gezielten sinnvollen Unterstützung und Hilfe bei der Erarbeitung eines tragfähigen Wirtschaftskonzeptes. Man muss kein Experte oder Volkswirt sein, um zu erkennen, dass beispielsweise die Einfuhr von subventioniertem Reis in ein Land, dessen Landwirtschaft traditionell vom Reisanbau lebt, eine Fehlinvestition der Europäischen Union darstellt. Diese Unterstützung führt, wo von wir uns überzeugen konnten, zum Rückgang des einheimischen Reisanbaus, da sich der Erlös nicht mehr rechnet.
Sinnvoll muss die gewährte Hilfe sein: Es nützt einem Krankenhaus nichts, einen Bildverstärker oder ein Ultraschallgerät als Geschenk zu erhalten, wenn nicht die einheimischen Ärzte in die Handhabung eingeführt und in der diagnostischen Anwendung ausgebildet werden. Zeitgleich müssen die hauseigenen Techniker für die späteren Reparaturen geschult werden, damit auch sie von vornherein Verantwortung für „ihre“ Geräte übernehmen. Im Klartext bedeutet das: Alle Spenden an diese Länder (und dazu zähle ich auch Operationsleistungen) müssen vorher auf ihre Nachhaltigkeit überprüft werden. Für die Kinderchirurgie gilt deshalb, dass nur solche Operationen vor Ort durchgeführt werden können, für die die Nachbehandlung gesichert ist, entweder durch länger im Land verweilende Teamärzte oder nach Schulung der einheimischen Ärzte.
Hammer Forum e.V.
Das Hammer Forum ist eine Hilfsorganisation, die 1991 nach dem ersten Golfkrieg gegründet wurde unter dem Leitsatz: medizinische Hilfe für Kinder in Krisengebieten. Das ursprüngliche Konzept, Kinder in Deutschland zu behandeln, wurde wegen der auftretenden Probleme bald wieder aufgegeben. Die oft langdauernden Therapiezeiten und der nicht zu vermeidende Kontakt zur westlichen Zivilisation fördern bei den Kindern vielfach den Wunsch, nicht in ihre Heimat zurückkehren zu wollen. Außerdem beschleunigte der immense Kostendruck schnell die Umwandlung des Programmes in eine Hilfe vor Ort. Fachlich sind die Ärzteteams durchaus gemischt: Kinder- und Kieferchirurgen, Plastische Chirurgen, Kinderorthopäden, Kinderurologen und Neurochirurgen ergänzen sich gut. Als Besonderheit arbeiten in Asmara sogar Kinder-Herzchirurgen, die mit vier Teams jährlich ca. 100 Kinder auch mit Einsatz einer Herzlungenmaschine versorgen. Zum Team des Hammer Forum gehört auch ein Geburtshelfer, der sich in Asmara und jetzt auch in Freetown aktiv an der Facharztweiterbildung beteiligt, was dazu geführt hat, dass ein deutscher Gynäkologe beim Facharztexamen in Eritrea im Prüfungsausschuss sitzt. Ich bin der Ansicht, dass medizinische Hilfe in diesen Ländern nur dann auch in Zukunft erfolgreich sein kann, wenn sie die Übermittlung des Know-how im Sinne der Aus- und Weiterbildung zum Ziel hat. Die sogenannte Reisechirurgie mit ABBA-Mentalität (anfahren, behandeln, Bilder für Presse u. Fernsehen machen, abfahren) sollte heute obsolet sein, erfreut sich aber immer noch großer Beliebtheit, weil einerseits in die Weiterbildung einheimischer Ärzte erhebliche Geduld und Zeit investiert werden muss und andererseits die Hilfsorganisationen auf erhebliche Spenden angewiesen sind. Weltweit existieren etwa 37.000 Nichtregierungsorganisationen. Die Zeit ist auch in den Entwicklungsländern nicht stehen geblieben. Sie erwarten heute keine Almosen mehr, sondern Hilfe zur Selbsthilfe und wünschen deshalb ganz besonders die fachliche Weiterbildung.
Aufbau einer neuen Kinderchirurgie in Sierra Leone
Als neuen Standort für die Kinderchirurgie haben wir Sierra Leone ausgewählt. Es ist eines der ärmsten Länder der Welt, mit dem Human-Development-Index 177 (niedrigster Index ist 188). Der kleine Staat erholt sich nur sehr mühsam von dem extrem grausamen und zerstörerischen Bürgerkrieg (1991-2000), der aus Liberia in das Land hineingetragen wurde und dabei die bis dahin aufgebaute Infrastruktur weitgehend zerstörte. Ein Beispiel: 64 % der Bevölkerung sind Analphabeten. Es besteht Schulpflicht, es fehlen aber 1270 Schulen und natürlich auch Lehrer, die dem Bürgerkrieg zum Opfer gefallen sind. Denn wirtschaftlich wäre Sierra Leone durchaus konkurrenzfähig, wenn da nicht ausländische Gesellschaften (insbesondere Chinesen) die Minen ausbeuteten, denn das Land verfügt über wertvolle Rohstoffe wie Diamanten, seltene Erden und vor der Küste große Erdölfelder, die noch nicht abgebaut werden. Sierra Leone erhofft sich aber eine Verbesserung der Wirtschaftslage, wenn in absehbarer Zeit die bisherigen „Ausbeuterverträge“ auslaufen.
Nun hat dieses schwergebeutelte Land auch noch die Ebola-Epidemie heimgesucht. Von 6500 Erkrankten verstarben 2014 3500 und noch immer werden Neuerkrankungen gemeldet. Auch das St. John-of-God-Hospital in Lunsar (von dem weiter im Text die Rede ist) war sehr betroffen. Das Krankenhaus wurde geschlossen und für Wochen unter Quarantäne gestellt. Obendrein erkrankte der Chefchirurg des Hospitals Frater Manuel Garcia im September 2014 und wurde zur Behandlung nach Madrid ausgeflogen, wo er wenige Tage später verstarb.
Das Gesundheitssystem wurde durch die Ebola-Epidemie zum Erliegen gebracht
Das Gesundheitswesen, das bereits durch den Bürgerkrieg stark überfordert war, wurde nun durch die Ebola-Epidemie fast zum Erliegen gebracht, insbesondere durch die erforderlichen Hygienemaßnahmen, die vielfach im krassen Gegensatz zum alten überlieferten Brauchtum standen. Die Bevölkerung brauchte eine gewisse Zeit, um die Notwendigkeit dieser für sie neuen Richtlinien zu verstehen. Dennoch gibt es ein Grundgerüst für die staatliche medizinische Versorgung der Bürger.
Das Land ist aufgeteilt in vier Provinzen und vierzehn Distrikte, die jeweils über ein Krankenhaus verfügen. Daneben existieren etliche private Einrichtungen, deren Inanspruchnahme wesentlich teurer ist. Ärztliche Leistungen sind nur bis zum fünften Lebensjahr und für Schwangere unentgeltlich. Das Durchschnittsalter beträgt bei Frauen 49 und für Männer 48 Jahre, die Säuglingssterblichkeit liegt bei 159/1000 Geburten und die Müttersterblichkeit bei 2100/100.000 Geburten. Die Frauen gebären statistisch 6,1 Kinder. Nur 4 % der Frauen haben Zugriff auf moderne Verhütungsmittel. Die Aidsprophylaxe funktioniert und die kostenfreien Aidstests werden wahrgenommen. Die Aidsinfektionsrate beträgt 1,7 % und 55.000 Personen sind an Aids erkrankt.
Abb. 1: Innenhof des St.-John-of-God-Hospital
Abb. 2: Mädchen mit ausgeprägtem Hydrocephalus
Abb. 3: Jugendlicher mit korrigiertem Klumpfuß
Gespräche endeten mit dem Wunsche, das Projekt unbedingt durchzuführen
Im Jahre 2012 bereisten und erkundeten wir das Land, um einen humanitären Einsatz vorzubereiten. Vorbereitende Gespräche vor 1,5 Jahren mit Ärzten in den Ministerien, dem Deutschen Botschafter, der medizinischen Fakultät und Studenten der oberen Semester endeten alle in dem Wunsch, das von uns geplante Projekt unbedingt durchzuführen. Wir haben deshalb einen Antrag beim Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gestellt und hoffen auf baldige Genehmigung des Zuschusses.
Auf der Suche nach einem geeigneten Krankenhaus kam mir eine süddeutsche orthopädisch ausgerichtete Gruppe zu Hilfe. Der Teamchef, ein Orthopäde aus Erding, berichtete mir von dem St.-John-of-God-Hospital, in dem er mit seinem Team seit zehn Jahren operiere (Abb. 1). Er hatte nach dem Bürgerkrieg beim Wiederaufbau des teilzerstörten Krankenhauses dadurch mitgeholfen, dass er Instrumente, AO-Systeme, Bohrmaschinen, ein Dermatom einen Bildverstärker und vieles mehr aus frei werdenden Bundeswehrbeständen beschaffte. Man sei dort herzlich willkommen, werde gut untergebracht und verpflegt und könne auf gut motiviertes OP-Personal zurückgreifen. Ich reihte mich in das sehr kameradschaftliche Team ein und wurde nicht enttäuscht. Die Krankenhausleitung hatte wie immer das Team durch Aushänge angekündigt und entsprechend lang war die Warteliste vor dem Sprechzimmer.
Das Hospital verfügt über zwei geräumige OPs mit wirkungsvoller Einfachklimatisierung. In der Regel sind in den kleineren Krankenhäusern keine Anästhesisten tätig. Die notwendigen Narkosen werden hier von fachkundigen Anästhesiepflegern durchgeführt, die ihre Materie gut beherrschen. Die bauliche Konzeption eines Innenhofes kommt dem Kommunikationsbedürfnis der Patienten sehr entgegen. Das Labor wurde neu errichtet und vergrößert. Verwaltet wird das Haus von einem versierten Ordensbruder, die medizinische Leitung oblag dem leider verstorbenen Allgemeinchirurgen Pater Daniel Garcia.
Fallbesipiele
Das Patientengut ist natürlich je nach fachlicher Ausrichtung des Teams sehr unterschiedlich: Aus kinderchirurgischer Sicht fanden wir außer etlichen großen Leisten- und Nabelhernien sowie Hydrocelen, zwei Kinder mit ausgeprägtem Hydrocephalus – eines davon mit Balkenmangel (Abb. 2). Beide Kinder konnten während dieses Aufenthaltes wegen fehlender Ventile, die aus Indien nicht pünktlich eingetroffen waren, nicht drainiert werden. (Ein einfaches Ventil kostet in Indien 80 Euro, in Deutschland trotz Firmenrabatt 450 Euro.) Ein weiteres Kind mit einem Morbus Hirschsprung nach Anlage eines Anus praeter passte nicht mehr in den Zeitplan. Nach Kontaktnahme wurden die Kinder von einer Kinderchirurgengruppe aus Lippstadt vier Wochen später operativ versorgt.
Abb. 4: Osteomyelitis
Aus orthopädischer Sicht wurden bei 37 Jugendlichen im Alter von 12 bis 16 Jahren fünf Klumpfüße korrigiert. Bei einem Patienten handelte es sich um einen begeisterten BVB-Anhänger, der über den Tabellenplatz seines Vereins genau Bescheid wusste (Abb. 3).
Ein hohes Aufkommen der Osteomyelitis beschäftigte uns täglich, desgleichen großflächige Abszesswunden, die nach Säuberung einer Hauttransplantation bedurften (Abb. 4).
Abb. 5: Unterschenkelamputation
Bei einer ausgedehnten Handphlegmone waren wir tagelang nicht sicher, ob der freiliegende fünfte Strahl reseziert werden müsste. Nach fünf-monatigem Verlauf mit schwerer Abwehrschwäche mussten wir uns bei diesem Kind wegen der Osteomyelitis der gesamten Tibia bei frei liegenden bonifizierten Knochen zu einer Unterschenkelamputation entschließen (Abb. 5).
Abb. 6: Dieses pflaumengroße Enchondrom entfernten wir aus dem Metatarsale des linken Fußes.
Der folgende Patient stammt von einem LKW-Unfall mit insgesamt zwölf Verletzten (Abb. 7). Bei der Versorgung sahen wir eine offene Stirnhöhle und die vollständige Durchtrennung sämtlicher Strecksehnen des linken Handrückens. Nach zweitägiger Zitterpartie ums Überleben des Patienten überraschte uns der Patient am dritten Tag im Innenhof des Krankenhauses.
Abb. 7: Schwere Verletzungen nach einem LKW-Unfall
Eine Besonderheit zum Schluss: Dieses kleine Frühgeborene wog bei der Geburt – vier Wochen zuvor – 700 g (Abb. 9). Es wurde zunächst von der 12-jährigen Mutter gestillt und anschließend mit dem Löffel gefüttert, wie man auf dem Bild mit der glücklichen Mutter erkennen kann (Abb. 10). Zum Zeitpunkt unseres Besuches in der Klinik wog es bereits 1000 g.
Abb. 8: Der Rarität wegen möchte ich dieses Kind mit crus varum congenitum vorstellen, das man in dieser Ausprägung nur extrem selten zu Gesicht bekommt.
Résumé
Den ärmsten Ländern muss geholfen werden, indem man sie nachhaltig bei der Aus- und Weiterbildung unterstützt, denn nur mit der nötigen Fachkompetenz wird man auf Dauer in der Lage sein, auch größere Eingriffe vorzunehmen, die eine anspruchsvolle Nachsorge voraussetzen – z. B. kann eine Neugeborenenchirugie nicht ohne qualifiziertes kinderchirurgisches Equipment und ohne eine pädiatrische Intensivbetreuung betrieben werden. Die Hilfe muss dahin führen, dass die weitergebildeten einheimischen Ärzte auch in der Lage und willens sind, die Verantwortung für ihre Patienten zu übernehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt müssen Teamärzte auch für die Nachbehandlung zur Verfügung stehen. Des Weiteren darf nicht übersehen werden, dass noch immer etwa 15 % der Bevölkerung im Krankheitsfall den Voodoo-Heiler aufsuchen, sicher eine Behandlung, die geeignet ist, Ängste abzubauen, aber nicht zur Therapie.
Abb. 9: Frühgeborenes – 700g

Abb. 10: 12-jährigen Mutter füttert ihren Säugling
Abb. 11: Zum Abschluss zwei Tage zur Erholung am Strand von Sussex.
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Tewes G. Mitglieder im Einsatz: Humanitäre Hilfe in Afrika. Passion Chirurgie. 2015 Oktober, 5(10): Artikel 09_01.
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