24.10.2017

Leistungskatalog für Ärzte ist nicht von Gott gegeben

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Im Streit um die Substitution ärztlicher Leistungen ist kein Ende in Sicht

Substituieren, delegieren oder alles beim Alten belassen? Der Ärztemangel insbesondere in den ländlichen Regionen der Bundesrepublik zwingt die am Gesundheitswesen Beteiligten, über eine Umverteilung ärztlicher Leistungen nachzudenken. Welche Aufgaben Ärzte in welcher Form an andere Gesundheitsberufe übertragen sollten, daran scheiden sich jedoch die Geister, wie beim Kongress für Versorgungsforschung in Berlin deutlich wird.

Um die Substitution beziehungsweise Delegation ärztlicher Leistungen ist inzwischen ein zähes Ringen entbrannt. Pflegende und Co. fordern mehr Entscheidungsgewalt ein, die Ärzteschaft dagegen fürchtet um ihre Vormachtstellung im Gesundheitswesen und weigert sich, Verantwortung abzugeben. Zeit, das Thema in einem Pro-und-Kontra-Format von allen Seiten zu beleuchten, entschieden die Veranstalter des Kongresses und luden zum verbalen Schlagabtausch.

Mehr Handlungsspielraum macht Pflegeberuf attraktiver

„Der Leistungskatalog für Ärzte ist nicht von Gott gegeben“, eröffnet die Pflegewissenschaftlerin Prof. Gabriele Meyer von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Im Ausland – etwa in den USA und in Australien – sei die Arbeitsteilung im Gesundheitswesen häufig völlig anders gestaltet als in Deutschland. Und auch der Gemeinsame Bundesauschuss bewerte die Substitution ärztlicher Leistungen als „zeitgemäß und angemessen“. Voraussetzung dafür ist Meyer zufolge, dass die Qualität gleichbleibe. Dies sei in mehreren Übersichtsarbeiten bereits ausreichend belegt. Darüber hinaus könne Substitution „entscheidende Hindernisse im Gesundheitswesen abbauen“. Mehr Handlungsspielraum für das Pflegepersonal würde aus ihrer Sicht zudem die Attraktivität des Berufs erheblich steigern.

Mehr Delegation, aber keine Substitution

Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Dr. Max Kaplan, gibt Meyer zumindest in einem Punkt Recht: „Wir brauchen qualifiziertes Personal, um Ärzte zu entlasten.“ Als Beispiele nennt er medizinische Fachangestellte und nicht-ärztliche Praxisassistenten. Mit dem Konzept Substitution kann er sich jedoch nicht anfreunden. Ob damit das Ziel erreicht werden könne, eine optimale Patientenversorgung zu sichern, stellt er infrage. „Warum sollten unsere Patienten auf das hohe Qualifikationsniveau der Ärzte verzichten?“ Die ärztlichen Kernleistungen wie Diagnose- und Indikationsstellung seien ohnehin nicht substituierbar. Sein Fazit: „Die Gesundheitsberufe müssen sich weiter profilieren und professionalisieren, aber nicht unbedingt in allen Bereichen akademisieren.“

Zusammenarbeit statt Substitution

Schützenhilfe erhält er vom Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen. Er nennt es einen „Trugschluss, man könne ärztlichen Überblick und ärztliche Qualifikation fragmentieren und würde damit die Qualität der Versorgung verbessern“. Zudem sieht er Schwierigkeiten, zwei gesetzlich Versicherten, die denselben Beitrag zahlen, zu erklären, warum einer von beiden eine ärztliche Leistung erhält und diese beim anderen substituiert werde. Statt Substitution „brauchen wir eine Zusammenarbeit der Berufe“, sagt der KBV-Chef. Auch Prof. Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer, wünscht sich mehr interdisziplinäre Kooperation statt Substitution.

„Ärzte können nicht alles und schon gar nicht alles besser als andere Gesundheitsberufe“, stellt der Kassenvertreter klar. Sie seien nicht gerade die idealen Multiplikatoren, wenn es zum Beispiel um Lebensstiländerungen geht. Doch im Gesundheitswesen existieren laut Straub bereits zu viele Schnittstellen und Sektorengrenzen, die Probleme bereiten. Daher hält er zusätzliche Verteilungskämpfe und eine Emanzipation der Pflegenden nicht für sinnvoll. Er fordert mehr berufsgruppenübergreifende Vernetzung und ruft zur integrierten Zusammenarbeit in qualifizierten Teams auf.

Substitution ist bei Ärzten „angstbesetzt“

Die Allgemeinmedizinerin und Physiotherapeutin Dr. Anne Barzel vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zeigt sich diesbezüglich offener als ihre Kollegen. Das Thema Substitution sei von ärztlicher Seite „sehr angstbesetzt“. Sie fürchteten, etwas abgeben zu müssen, was sie nicht zurückbekommen könnten. „Wir sollten etwas mehr Mut haben, die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen in Modellprojekten zu leben und diese zu evaluieren.“

Quelle: Presseagentur Gesundheit, Albrechtstraße 11, 10117 Berlin, www.pa-gesundheit.de, 19.10.2017

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