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Patienten als Partner in der chirurgischen Risikoprävention – ein unterschätzter Sicherheitsfaktor

Die chirurgische Versorgung zählt zu den komplexesten und risikoreichsten Bereichen der Medizin. Zeitkritische Entscheidungen, anspruchsvolle Abläufe und interprofessionelle Teams treffen auf wechselnde Rahmenbedingungen und nicht selten auf ausgeprägte Hierarchien. Trotz etablierter Sicherheitsinstrumente wie OP-Checklisten, CIRS oder Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen kommt es weiterhin zu vermeidbaren unerwünschten Ereignissen. Besonders an den Schnittstellen zwischen Station, OP und postoperativer Versorgung entstehen Risiken durch Informationsverluste, unklare Zuständigkeiten und strukturelle Diskontinuitäten.

Vor diesem Hintergrund gewinnt eine Ressource zunehmend an Bedeutung, die im klinischen Alltag bislang häufig unterschätzt wird: die aktive Beteiligung der Patientinnen und Patienten an sicherheitsrelevanten Abläufen. Da sie den gesamten Versorgungspfad ohne Unterbrechung durchlaufen, erkennen sie Abweichungen im Prozess, Informationslücken oder unzureichend umgesetzte Sicherheitsstandards, etwa bei Händehygiene oder Identitätskontrolle, häufig früher als das Behandlungsteam. Ihre Perspektive ist unabhängig von professionellen Routinen und dadurch besonders wertvoll für die Identifikation subtiler Risiken oder inkonsistenter Abläufe.

Seit der Veröffentlichung des Berichts „To Err Is Human“ im Jahr 1999 erhält die Einbindung von Patientinnen und Patienten als aktive Ressource für mehr Sicherheit im Gesundheitswesen internationale Aufmerksamkeit. Mit dem „WHO Global Patient Safety Action Plan 2021–2030“ wurde diese Perspektive weiter gestärkt und als eines der sieben strategischen Kernziele in der globalen Patientensicherheitsagenda verankert. Die WHO betont, dass eine „Welt, in der niemand durch Gesundheitsversorgung geschädigt wird“, nur erreichbar ist, wenn Patientinnen und Patienten partnerschaftlich in sicherheitsrelevante Entscheidungen und Prozesse eingebunden werden. Ziel ist es, Patientinnen und Patienten sowie ihre Familien so zu befähigen, dass sie Risiken erkennen, sicherheitsrelevante Informationen verstehen und sich auf Augenhöhe in Entscheidungen und Prozesse einbringen können. [1]

Die wissenschaftliche Evidenz der letzten Jahre bestätigt diese Perspektive eindrücklich. Untersuchungen der US-amerikanischen Behörde Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ) zeigen, dass Patientinnen und Patienten Fehler und Unstimmigkeiten häufig früher bemerken als professionelle Teams und damit als wichtige Sensoren im klinischen Alltag fungieren können. Besonders patientenzentrierte Interventionen, die Transparenz, Befähigung und strukturierte Kommunikation fördern, können eine signifikante Verbesserung der Sicherheit bewirken. [2]

Damit dieses Potenzial wirksam werden kann, genügt es jedoch nicht, Patientinnen und Patienten lediglich mit Informationen zu versorgen. Erforderlich ist ihre gezielte und systematische Einbindung in Prozessschritte von der prä- und perioperativen Phase bis zur postoperativen Phase. Voraussetzung dafür sind klare Rollen, transparente Erwartungen, verständliche Materialien sowie Strukturen, die Rückmeldungen ausdrücklich erwünschen und wertschätzen.

Im Folgenden werden zentrale Ansatzpunkte entlang des chirurgischen Behandlungspfads aufgezeigt, die eine solche Einbindung unterstützen.

Präoperative Aufklärung und Shared Decision-Making

Die präoperative Aufklärung ist ein wesentliches Instrument der Patientensicherheit. Sie bietet die Möglichkeit, ein realistisches Verständnis über Risiken, Alternativen und Erwartungen zu vermitteln. Materialien wie strukturierte Fragenkataloge, Entscheidungshilfen oder risikobasierte Informationsblätter unterstützen Patientinnen und Patienten dabei, gezielt nachzufragen und somit Missverständnisse zu vermeiden. Entscheidend ist, dass Informationen nicht nur vermittelt, sondern auch verstanden werden. Gerade in komplexen chirurgischen Situationen besteht das Risiko, dass Patientinnen und Patienten aufgrund von Stress oder Informationsüberflutung wesentliche Aspekte nicht aufnehmen.

Shared Decision-Making (SDM) stärkt diesen Prozess. Durch eine dialogorientierte Gesprächsführung entsteht ein gemeinsames Verständnis über Nutzen, Risiken und Ziele des Eingriffs. Patientinnen und Patienten, die sich aktiv beteiligt fühlen, sind nachweislich besser in der Lage, postoperative Empfehlungen einzuhalten und Frühwarnzeichen zu erkennen. Darüber hinaus wirkt SDM präventiv auf das Auftreten von Kommunikationsfehlern, die zu den häufigsten Ursachen unerwünschter Ereignisse zählen. Ein weiterer Nutzen liegt in der emotionalen Entlastung. Studien zeigen, dass ein Gefühl der Kontrolle und der aktiven Mitgestaltung präoperative Angst reduziert – ein Faktor, der wiederum mit besseren postoperativen Ergebnissen korreliert.

Perioperative Vorbereitung

Fehler bei präoperativen Karenzvorgaben führen häufig zu Verzögerungen im Ablauf und erhöhen das Risiko einer Aspiration. Eine einbindende und gut verständliche Kommunikation, die die physiologischen Hintergründe erläutert, klare Zeitvorgaben vermittelt und Hinweise zur sicheren Medikamenteneinnahme gibt, verbessert die Adhärenz der Patientinnen und Patienten nachweislich.

Im Rahmen moderner ERAS-Programme werden Patientinnen und Patienten zunehmend differenziert informiert – etwa zu klaren Flüssigkeitsregeln, dem Umgang mit fester Nahrung, individuellen Medikationsempfehlungen sowie Hinweisen zu Rauch- und Alkoholkarenz. Eine verständliche Erläuterung dieser Zusammenhänge erhöht nachweislich die Bereitschaft, die Vorgaben konsequent umzusetzen. Viele Kliniken nutzen mittlerweile digitale Patientenportale, die automatische Erinnerungen, Checklisten und edukative Inhalte bereitstellen, um damit eine wirksame Ergänzung zur persönlichen Aufklärung darzustellen.

Identitätsprüfung und Seitenkontrolle

Die Vermeidung von Patientenverwechslungen und Seitenfehlern erfordert ein aktives Zusammenspiel zwischen medizinischem Personal und Patientinnen und Patienten. Statt die Identitäts- und Seitenkontrolle ausschließlich als Aufgabe des Behandlungsteams zu betrachten, sollte die aktive Mitwirkung der Patientinnen und Patienten bewusst in den Prozess integriert werden. Dies beginnt damit, sie gezielt aufzufordern, ihre Identität und die betroffene Körperseite selbst zu benennen. Ein solches „Checkback“-Verfahren stärkt das Verantwortungsgefühl der Patientinnen und Patienten und schafft zugleich eine zusätzliche Sicherheitsbarriere.

Entscheidend ist außerdem, Patientinnen und Patienten zu ermutigen, Unstimmigkeiten direkt anzusprechen, insbesondere dann, wenn Name oder Eingriffsseite falsch genannt werden. Auf diese Weise entsteht eine zusätzliche Schutzebene, die kritische Fehler frühzeitig sichtbar machen kann und damit maßgeblich zur Vermeidung von Verwechslungen beiträgt.

Medikationssicherheit

Auch im Bereich der Medikationssicherheit bringt die Beteiligung der Patientinnen und Patienten erhebliche Vorteile. Medikationsfehler gehören zu den häufigsten Ursachen schwerwiegender unerwünschter Ereignisse. Studien zeigen, dass die Qualität von Medikationsanamnese und -abgleich deutlich steigt, wenn Patientinnen und Patienten durch strukturierte Informationen in den Überprüfungsprozess eingebunden werden. Transparenz, vollständige Medikamentenlisten und aktives Nachfragen tragen wesentlich zur Fehlervermeidung bei. [2]

Infektionsprävention und Händehygiene

Nosokomiale Infektionen zählen zu den häufigsten vermeidbaren Komplikationen. Patientinnen und Patienten können einen wichtigen Beitrag leisten, wenn sie über kritische Situationen der Händehygiene informiert sind und wissen, wie sie Hygienemängel ansprechen können. Eine gezielte Aufklärung senkt Hemmschwellen und erhöht die Handlungssicherheit der Patientinnen und Patienten.

Darüber hinaus nehmen Patientinnen und Patienten bei der Beobachtung von Wunden, Kathetern und Drainagen eine wichtige Rolle ein. Veränderungen wie Rötungen, Schmerzen oder Sekretveränderungen fallen ihnen häufig früher auf als dem Behandlungsteam. Werden sie geschult, solche Auffälligkeiten systematisch wahrzunehmen und zeitnah zu melden, lässt sich das Risiko einer Infektion erheblich verringern. Bei eingeschränkter Selbstbeobachtung können Angehörige wirkungsvoll unterstützen.

Selbstbeobachtung als Sicherheitsfaktor bei postoperativen Warnzeichen

Ein großer Teil postoperativer Komplikationen tritt nach der Entlassung auf. Patientinnen und Patienten müssen Warnzeichen wie Fieber, Atemnot, Schwellung, Nachblutungen oder Delir früh erkennen können. Hilfsmittel wie Symptomtagebücher (Schmerzskala, Temperaturkurve) oder farbkodierte Notfallschemata erleichtern die Einschätzung und unterstützen ein angemessenes Reaktionsverhalten. Angehörige sollten insbesondere bei kognitiven Veränderungen eingebunden sein.

Sichere Mobilisation und Sturzprävention

Die postoperative Mobilisation trägt wesentlich zur Risikoreduktion bei und unterstützt den Behandlungserfolg. Wenn Patientinnen und Patienten verstehen, dass frühes Aufstehen Komplikationen wie Pneumonie, Thrombose oder Delir reduziert, steigt ihre Bereitschaft zur Mitarbeit. Gemeinsam vereinbarte und dokumentierte Mobilisationsziele stärken die Selbstwirksamkeit.

Eine sichere Mobilisation umfasst zudem Hinweise zu Hilfsmitteln und Schutzmaßnahmen – insbesondere rutschfestes Schuhwerk und die korrekte Nutzung von Gehhilfen. Einfache Balance- und Sturzrisikotests helfen darüber hinaus, das eigene Risiko realistisch einzuschätzen.

Kommunikation als Sicherheitsinstrument

Über alle Prozessschritte hinweg ist eine offene Kommunikationskultur die Grundlage jeder erfolgreichen Patientenbeteiligung. Wenn Patientinnen und Patienten die Regeln für ein sicheres „SpeakUp“ kennen, also wissen, wie sie Bedenken artikulieren können, ohne Angst vor negativen Reaktionen zu haben, stärkt dies ihre Rolle als aktive Partnerin und Partner im Behandlungsprozess. Nicht zuletzt muss das Behandlungsteam geschult sein, Hinweise wertschätzend anzunehmen und die Beteiligung der Patientinnen und Patienten aktiv zu unterstützen. Eine solche Kommunikationskultur schafft Vertrauen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sicherheitsrelevante Hinweise frühzeitig gegeben werden.

Fazit

Patientenbeteiligung im Risikomanagement ist kein „nice to have“, sondern ein zentraler, häufig unterschätzter Sicherheitsfaktor. Patientinnen und Patienten können Risiken frühzeitig sichtbar machen, kritische Prozesse aktiv unterstützen, sicherheitsrelevante Ereignisse melden und bei Verschlechterungen entscheidende Hinweise geben. Damit dies gelingt, braucht es klar definierte Ziele, eine unterstützende Infrastruktur, strukturiertes Teamtraining und eine Sicherheitskultur, in der Nachfragen und Hinweise ausdrücklich erwünscht sind. Der „WHO Global Patient Safety Action Plan 2021–2030“ liefert hierfür einen international abgestimmten Rahmen der Patienten, Familien- und Community-Engagement als zentrales Element einer systemischen und modernen Sicherheitsarbeit positioniert.

In einer zunehmend komplexen Versorgung gewinnt die Perspektive jener an Bedeutung, die den gesamten Versorgungspfad erleben. Patientenpartnerschaft ist nicht die Delegation von Verantwortung, sondern die Stärkung eines gemeinsamen Sicherheitsnetzes. Wer Patientinnen und Patienten partnerschaftlich einbindet, erweitert das Risikomanagement um die Perspektive derjenigen, die die Versorgung in ihrer Gesamtheit erleben, und gewinnt damit eine der wenigen Systemressourcen, die an jeder Schnittstelle verfügbar ist.

Literatur

[1]   Bundesministerium für Gesundheit, WHO Global Patient Safety Action Plan 2021–2030 (deutsche Fassung), 2021. Zugriff: 16.02.2026. [Online]. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/P/Patientensicherheit/WHO_Global_Patient_Safety_Action_Plan_2021-2030_DE.pdf
[2]   Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ), Patient Engagement and Safety. Zugriff: 14.02.2026. [Online]. Verfügbar unter: https://psnet.ahrq.gov/primer/patient-engagement-and-safety
[3]   European Commission, PRIMS – Patient Safety Monitoring and Reporting. Zugriff: 16.02.2026. [Online]. Verfügbar unter: https://health.ec.europa.eu/system/files/2021-02/prims_en_0.pdf

Indra Förg

Risikoberaterin

GRB Gesellschaft für Risiko-Beratung mbH

Ecclesiastraße 1-4

32758 Detmold

indra.foerg@grb.de

Chirurgie+

Förg I: Safety Clip: Patienten als Partner in der chirurgischen Risikoprävention, ein unterschätzter Sicherheitsfaktor. Passion Chirurgie. 2026 Juni; 16(06/II): Artikel 04_03.

www.bdc.de

Safety-Clip Sammelband – Patientensicherheit im Fokus!

Sicherheit in der medizinischen Versorgung entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis von Wissen, Erfahrung, systematischer Analyse und dem konsequenten Willen, aus Risiken zu lernen.  Genau hier setzen die Safety Clips der Ecclesia Gruppe an, die seit Jahren Impulse für ein verantwortungsvolles klinisches Risikomanagement geben. Ihre Stärke liegt in der Verbindung von konkreten Fallbeispielen, klaren Handlungsempfehlungen und einer Perspektive, die über den klinischen Alltag hinausreicht. Diese Mischung macht den besonderen Nutzen dieses Sammelbands aus. Er bietet kompaktes, erprobtes Wissen, das unmittelbar in der Praxis anwendbar ist. Herausgegeben wird der Sammelband von der Ecclesia Gruppe und regelmäßig in der BDC-Mitgliederzeitschrift PASSION CHIRURGIE veröffentlicht. Die Beiträge stammen überwiegend von Autorinnen und Autoren der GRB Gesellschaft für Risiko-Beratung mbH, die innerhalb der Gruppe seit über 30 Jahren auf klinisches Risikomanagement spezialisiert ist. Als spezialisierte Beratungseinheit verbindet sie klinisches, organisatorisches und versicherungstechnisches Know-how.

Ihr Auftrag ist es, Gesundheitseinrichtungen dabei zu unterstützen, Risiken frühzeitig zu erkennen, professionell zu managen und so die Sicherheit sowie die Qualität der Versorgung nachhaltig zu verbessern. Denn wer Risiken versteht, kann sie steuern – und wer sie steuert, kann sie vermeiden, vermindern oder, wenn nötig, gezielt versichern.

Die in diesem Sammelband versammelten Beiträge spiegeln genau diesen Ansatz wider. Sie zeigen, dass Risikomanagement kein abstraktes Konstrukt ist, sondern ein integraler Bestandteil guter Medizin. Wir hoffen, dass diese Zusammenstellung Ihnen wertvolle Impulse für Ihre tägliche Arbeit gibt und dazu beiträgt, Sicherheit im Gesundheitswesen weiterzudenken und aktiv zu gestalten.

Hier geht´s zu den gesammelten Safety-Clips, die in der BDC-Mitgliederzeitschrift PASSION CHIRURGIE veröffentlicht wurden…

Download "Safety Clip Sammelband 2026"

Safety Clip: Präzision beginnt beim Sprechen – Kommunikation als Sicherheitsfaktor

Kommunikation ist einer der zentralen Faktoren für Patientensicherheit – und gleichzeitig eine der größten Fehlerquellen im klinischen Alltag. Der folgende Safety Clip zeigt, wie unsichere Kommunikation Unsicherheit erzeugt, wie fokussierte Kommunikation Sicherheit schafft und welche Tools im Alltag unterstützen können.

Kommunikation als Risiko – und als Chance

Aus dem privaten Bereich kennen wir alle Missverständnisse, unterschiedliche Wahrnehmungen und Interpretationen. Was harmlos beginnt, kann im klinischen Umfeld jedoch ernsthafte Konsequenzen haben. Ein aktuelles systematisches Review (Keshtkar, L et al, 2025 mit 67.826 Patientenfällen aus 46 Studien) zeigt, dass fehlerhafte Kommunikation bei rund 24 Prozent aller Sicherheitsvorfälle beteiligt ist und in etwa 13 Prozent sogar die alleinige Ursache darstellt. Betroffen von Fehlern sind alle Bereiche: OP, Visite, Notfallsituationen, Übergaben, Telefonate usw.. Kommunikation ist also ein messbarer Faktor zu unerwünschten Ereignissen im klinischen Setting.

Besonders erschwerend wirken typische Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen, wie Hierarchien, Zeitdruck, Unterbrechungen, Stress, Nachtarbeit, unterschiedliche Berufsgruppen, unklare Rollen und sprachliche Barrieren.

„Das größte Problem in der Kommunikation ist die Illusion, sie hätte stattgefunden.“

So formulierte es George Bernard Shaw treffend. Nicht entscheidend ist, was gesagt wurde – entscheidend ist, was verstanden und umgesetzt wird. Wenn Ursache und Ausmaß des Risikos also klar sind, ist die Konsequenz eindeutig: Wir sollten Kommunikationsfehler systematisch reduzieren.

Kommunikation-Tools im klinischen Alltag

Standardisierte Tools bieten hierfür eine effektive Möglichkeit. Sie strukturieren Gespräche, definieren notwendige Inhalte und helfen, auch unter Stress sicher zu kommunizieren.

Voraussetzung für ihren Erfolg ist, dass sie regelmäßig trainiert, interdisziplinär abgestimmt und im Team konsequent angewendet werden.

Close the loop

Close the Loop ist ein wichtiges Element im Crew Ressource Management in Notfallsituationen. Es besteht aus einer klaren Anweisung, eine Wiederholung dessen und Benennung der Ausführung sowie der finalen Bestätigung. Dieses Prinzip beschleunigt Prozesse und erhöht die Sicherheit:

SBAR

Es gibt verschiedene Instrumente für spezifische Übergabesettings (z. B. SINNHAFT für die Notaufnahme). Das SBAR-Schema ist universell einsetzbar, kann zudem bereichsspezifisch angepasst werden und wird von der WHO als Instrument empfohlen. Es verbessert Struktur, Vollständigkeit und Klarheit – ohne Zeitverlust. Typische Einsatzorte sind telefonische Hinzuziehungen, Schicht- und Dienstübergaben sowie Verlegungen zwischen Bereichen.

In der telefonischen Hinzuziehung von Ärztinnen und Ärzten bietet eine strukturierte Übergabe – wie SBAR – eine deutlich verbesserte Grundlage zur Einschätzung von Dringlichkeit und notwendigen Maßnahmen. Die hinzugezogene Person ist so bereits vor dem Eintreffen beim Patienten besser informiert und kann gezielter handeln.

Für eine zuverlässige Implementierung empfiehlt sich eine umfassende Schulung mit praktischen Übungen im Team. Zur nachhaltigen Verankerung im Alltag unterstützen zudem Pocketkarten, Poster oder andere visuelle Merkhilfen an Übergabestandorten.

Abb. 1:Tools zur Verbesserung der Kommunikation (Fachperson-Fachpersonal; Fachpersonal-Patient)

Read Back-Repeat Back

Telefonische Anordnungen sollten im Sinne der Patientensicherheit nur im absoluten Ausnahmefall erfolgen. Sollte es dazu jedoch kommen, so wird das Read-Back-Repeat- Back-Prinzip empfohlen.

  1. Anordnung notieren
  2. Anordnung vollständig durch den Empfänger wiederholen
  3. Anordnenden bestätigen oder korrigieren

Gerade bei Hintergrundgeräuschen, Dialekt/Sprachproblemen oder Sound-alike Medikamenten verhindert diese Vorgehensweise Missverständnisse, aber auch ohne diese Zusatzfaktoren können mit diesem Verfahren Fehlerraten reduziert werden.

Abb. 2: Close the Loop

Das Team Time Out mit der WHO Surgical Safety Checklist

Die WHO-Checkliste ist ein sehr bekanntes, aber nicht immer stringent umgesetztes Tool. Es kann nachweislich perioperative Morbidität und Mortalität reduzieren. Voraussetzung ist eine gelebte Sicherheitskultur: Vorbildfunktion der Führung, konsequente Anwendung und ein Team, das Unsicherheiten jederzeit offen äußern kann („Speak Up“).

  • Ein Time Out wirkt nur dann sicher, wenn alle Beteiligten konzentriert teilnehmen und alle Punkte vollständig besprochen werden.

Abb. 3: Das SBAR-Schema

Shared Decison Making (SDM)

SDM (synonym: Partizipative Entscheidungsfindung) stärkt das Gefühl der Patientinnen und Patienten, aktiv beteiligt zu sein und selbstbestimmt zu entscheiden. Ihr Recht auf Selbstbestimmung leitet sich aus dem Grundgesetz und dem Patientenrechtegesetz ab. SDM steigert die Compliance und die Zufriedenheit aller Beteiligten. Die Methode ist besonders geeignet, wenn mehrere medizinisch vertretbare Optionen bestehen – etwa bei elektiven Eingriffen.

Abb. 4: Wesentliche Aspekte des SDM

Obwohl die Vorteile des SDM klar belegt sind, ist es in Deutschland noch längst nicht flächendeckend etabliert. Immer mehr Kliniken beginnen jedoch mit der Umsetzung. Für den Erfolg entscheidend sind die Haltung des Operateurs und eine klar strukturierte und geübte Gesprächsführung, die eine echte Partizipation ermöglicht. Gleichzeitig müssen auch Patientinnen und Patienten gezielt befähigt werden, sodass die partnerschaftliche Entscheidung bereits vor dem eigentlichen Aufklärungsgespräch erfolgt.

Für die erfolgreiche Umsetzung von SDM sind gezielte Trainings mit individuellem 1:1-Feedback für Ärztinnen und Ärzte notwendig, ergänzt durch Schulungen für Pflege, MFA und andere Berufsgruppen. Ebenso essenziell ist die Entwicklung klarer, verständlicher Informationsmaterialien. Entscheidend bleibt jedoch eine konsequent patientenorientierte Haltung im gesamten Team – nur so gelingt echte Partizipation.

Deeskalierende Kommunikation

Deeskalation ist ein mehrstufiger Prozess – von Prävention bis Nachsorge. Im klinischen Alltag entstehen aggressive Situationen häufig durch akute Überforderung, Schmerzen, lange Wartezeiten, Kontrollverlust oder enttäuschte Erwartungen. Hinzu kommen Patientinnen und Patienten, die ihre Emotionen nicht regulieren können oder unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen oder Medikamenten stehen. Auch Angehörige reagieren in kritischen Momenten – etwa nach Komplikationen oder Verzögerungen – mit Wut oder Frustration.

Einige zentrale Aspekte zum Umgang in derartigen Situationen lassen sich wie folgt skizzieren:

  1. Organisationsbezug & Implementierung: wiederholte Trainings, klare Standards, Umgebungsgestaltung
  2. Eigenkontrolle & Sicherheit zuerst: Ruhe bewahren, Sicherheitsabstand, Fluchtweg bedenken, ruhige Atmung führt zu ruhiger Stimme, Hände sichtbar, Unbeteiligte entfernen
  3. Früherkennung & rechtzeitiges Eingreifen: Früh intervenieren; erste Anzeichen von Anspannung ernst nehmen
  4. Kontakt herstellen & Beziehung sichern: Ruhige Ansprache, Spiegeln/Validieren von Verhalten und Gefühlen, Wertschätzung vermitteln, ggf. Ortswechsel ermöglichen
  5. Klare, einfache, wertfreie Sprache: Kurze, klare Sätze, Vermeidung von Provokation/Drohung/Fachjargon; Fragen zur Konkretisierung; „Was genau…?“ statt „Warum“-Fragen, Zeit geben eine einzelne Frage zu beantworten.
  6. Grenzen setzen & Handlungsspielräume aufzeigen: Regeln, Konsequenzen ohne Drohcharakter aussprechen und das Anbieten realistischer Optionen – kleine, erreichbare Schritte.
  7. Nachbereitung: Debriefing zum individuellen und organisationalen Lernen, kollegiale Erstbetreuung, ggf. psychologische Hilfe.

Sichere Patientenidentifikation

Verwechslungen gelten als vollständig vermeidbar – und kommen dennoch vor. Patientenarmbänder bieten Sicherheit, wenn sie konsequent geprüft werden.

Grundregeln:

  • Abgleich des Armbandes durch Sichtkontrolle und ggf. Barcode-Scan
  • Offene Fragen: „Wie ist Ihr Name?“ statt „Sind Sie Frau Müller?
  • Zwei-Faktoren-Identifikation: Name + Geburtsdatum

Eine verbindliche Anwendung im gesamten Team ist unerlässlich.

Fazit

Sichere Chirurgie lebt nicht nur von technischem Können, sondern von präziser, fokussierter Kommunikation. Die datenbasierte Erkenntnis, dass beinahe jeder vierte Sicherheitsvorfall kommunikative Ursachen hat – und jeder achte ausschließlich darauf zurückzuführen ist – macht deutlich, dass ein Handeln notwendig ist. Standardisierte Tools wie SBAR, Time-Out, Read-Back, Close the Loop, SDM oder deeskalierende Kommunikation sind praktische Instrumente, die Sicherheit steigern können. Voraussetzung ist jedoch, dass sie konsequent trainiert werden und, dass Führungskräfte vorangehen, im Team die Anwendung einfordern und in jeder Situation anwenden – besonders unter Stress, Zeitdruck oder Hierarchien.

Die Literaturliste erhalten Sie auf Anfrage via passion_chirurgie@bdc.de.

Pope A: Safety Clip: Präzision beginnt beim Sprechen – Kommunikation als Sicherheitsfaktor. Passion Chirurgie. 2026 März; 16(03/I): Artikel 04_02.