Krankenhäuser tragen eine besondere Verantwortung: Sie sind Orte der Genesung, große Arbeitgeber und zugleich bedeutende Akteure mit erheblichem Ressourcenverbrauch. Die Ernährung spielt dabei eine zentrale Rolle, nicht nur für die Gesundheit von Patientinnen und Patienten, sondern auch für Klimaschutz, Mitarbeiterzufriedenheit und das gesellschaftliche Vorbild, das Kliniken einnehmen. Eine nachhaltige Verpflegung im Krankenhaus von der Mitarbeiterkantine bis zum Patientenbett bietet ökologische, soziale und ökonomische Vorteile. Sie umfasst hochwertige Ernährung und schont die Ressourcen, gleichzeitig kann dieses Konzept wesentlich zur Attraktivität eines Krankenhauses beitragen und einen Wettbewerbsvorteil darstellen.
Nachhaltige Ernährung als Beitrag zum Klimaschutz
Die Lebensmittelproduktion ist weltweit für einen erheblichen Anteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Besonders tierische Produkte wie Rindfleisch sowie Milchprodukte und stark verarbeitete Lebensmittel verursachen hohe CO2-Emissionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Krankenhäuser besitzen daher ein großes Potential, durch eine nachhaltigere und systematische Speiseplanung ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.
Das CO2-Einsparpotenzial basiert zum großen Teil auf konsequenter Reduzierung des Fleischanteils bei der Verpflegung und verstärktem Einsatz pflanzenbasierter Gerichte. So kann im Vergleich zur durchschnittlichen Mischkost bei Umstellung auf pflanzlich orientierte Kost je Vollverpflegungstag 1,56 kg CO2 eingespart werden. Wenn in einem Krankenhaus mit 500 Vollverpflegungen pro Tag nur 5 Prozent der Essensgäste eine vegetarische Vollverpflegung wählen würden, könnten jährlich mehr als 13.000 kg CO2 eingespart werden. [7]
Durch den Einsatz frischer saisonaler und regionaler Produkte verkürzen sich die Lieferketten. Auch die Reduktion von Lebensmittelabfällen trägt zu CO2-Einsparungen bei [6].
Nährstoffe und Nachhaltigkeit in Mitarbeiterkantinen
Eine Untersuchung des Essensangebots und der Speisepläne in Mitarbeiterkantinen von Marinho et al, erschienen im International Journal of Environmental Research and Public Health, zeigte eine überwiegend mangelhafte Ernährungsqualität mit hohen Kohlenhydratanteilen, Fett- und Salzgehalt auf. Außerdem kompromittieren der extensive Fleischkonsum und der Einsatz hoch verarbeiteter Produkte die Nahrungsqualität und Nachhaltigkeit. Gefordert wird ein höherer Nährstoffgehalt für Kantinenessen. Es bestehe eine wechselseitige Abhängigkeit von Gesundheit und Nachhaltigkeit. Bei der Auswahl der Proteinquellen ist die Herkunft und der Proteintyp entscheidend. Dies hat einen großen Umwelteinfluss mehr noch als die Quantität [4]. Chehade et al fordern, dass Nährstoff- und Umweltaspekten als gängige Parameter für die institutionelle Menüplanung berücksichtig werden. Mahlzeiten sollten nährreich und nachhaltig sein [1]! Einen dringenden Bedarf für eine regelmäßige Bewertungen des Speisenangebots sehen Pörtner et al und geben die Empfehlung einer gesunden nachhaltigen Ernährungsform. Im Rahmen einer gemeinsamen Studie des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), der Charité-Universitätsmedizin und der Stanford University wurden Essensangebote und Speisepläne von Einrichtungen im Gesundheitssystems untersucht. Dabei wurde anhand von Ernährungsindices die Qualität des Essens bewertet und durch Life-Cycle-Assessment-Daten die Umweltbelastung einzelner Lebensmittel erfasst. Hier zeigte sich ein deutliches Verbesserungspotential sowohl für die Ernährungsqualität als auch für die Nachhaltigkeit. Gesunde pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Vollkornprodukte und Hülsenfrüchte waren in den Speiseplänen kaum enthalten. Stattdessen vor allem Produkte tierischen Ursprungs, die verantwortlich für 3/4 des Umwelteinflusses waren. Die schlechte Ernährungsqualität stelle sogar langfristig ein Gesundheitsrisiko dar [5, 6].
Wertschätzung für Mitarbeitende beginnt in der Kantine
Krankenhäuser sind auf motivierte leistungsfähige Mitarbeitende angewiesen. Ein hochwertiges, gesundes und nachhaltiges Essensangebot in der Kantine wird zunehmend als wichtiger Faktor der Wertschätzung wahrgenommen. Gerade im Schichtdienst und unter hoher Arbeitsbelastung ist eine ausgewogene Verpflegung entscheidend für Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden.
Frisch gekochte Speisen, abwechslungsreiche vegetarische und vegane Optionen, transparente Herkunft der Lebensmittel und faire Preise signalisieren: Die Gesundheit der Mitarbeitenden ist wichtig. Dies kann die Zufriedenheit erhöhen, die Bindung an den Arbeitgeber stärken und sich positiv auf das Betriebsklima und die Motivation der Beschäftigten auswirken- ein nicht zu unterschätzender Aspekt angesichts des Fachkräftemangels im Gesundheitswesen.
Beitrag zur Patientenzufriedenheit und Genesung
Essen ist mehr als reine Nährstoffzufuhr- insbesondere für Patientinnen und Patienten. Geschmack, Qualität und Individualisierung der Mahlzeiten beeinflussen die Wahrnehmung des gesamten Krankenhausaufenthalts! Ein abwechslungsreiches Speisenangebot, das frisch, ausgewogen und bedarfsgerecht ist, kann die Patientenzufriedenheit deutlich steigern.
Angepasste Speisepläne für unterschiedliche Krankheitsbilder kulturelle und religiöse Bedürfnisse sowie ansprechend präsentierte Mahlzeiten fördern die Nahrungsaufnahme und unterstützen den Genesungsprozess und können zu gesundheitsfördernden Verhaltensweisen auch nach dem Krankenhausaufenthalt anregen.
Beispiele für gute nachhaltige Ernährung im Krankenhaus
Folge 54 des Podcasts „Bis der Arzt kommt“ von Ärztestellen beschäftigt sich mit dem Thema: Frisch und hochwertig-gutes Essen im Krankenhaus. Das Interview führte Stefanie Hanke mit Ralf Meyer, einem ehemaligen Sternekoch und aktuellen Chef de Cuisine der Augusta Kliniken in Bochum und Hattingen. Ralf Meyer schildert, dass man trotz geringem Budget in guter Qualität kochen könne. Es seien sogar Einsparungen möglich und er benennt Beispiele wie selbstgekochte Marmeladen statt Fertigmarmelade. Durch Systematisierung, frische Zutaten und Zubereitung lasse sich nicht nur Geld einsparen, auch die Qualität sei wesentlich besser und der Verzicht auf Zusätze wie Stabilisatoren und Konservierungsstoffe möglich. Gleichzeitig produziere man auch viel weniger Plastikmüll [3].
Auf der Internetseite Klimaschutz-im-Krankenhaus.de finden sich weitere interessante Praxisbeispiele, die sich überall mit wenig Aufwand und Investition etablieren lassen. [7]
Zertifizierungen und Qualitätsstandards
Um nachhaltige Ernährung systematisch zu verankern und nach außen sichtbar zu machen, bieten sich verschiedene Zertifizierungen und Standards an. Besonders relevant ist der Qualitätsstandard der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die Gemeinschaftsverpflegung in Krankenhäusern. Zertifizierungen schaffen Transparenz unterstützen die Qualitätssicherung und stärken das Vertrauen von Patienten, Mitarbeitenden und Öffentlichkeit.
Empfehlungen aus dem DGE-Positionspapier (Renner et al):
•Anteil pflanzlicher Lebensmittel wie Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte sowie Nüsse und Samen zu erhöhen
•Reduktion des Verzehrs tierischer Lebensmittel, insbesondere von Fleisch
•Auswahl regionaler und saisonale Produkte
•Vermeidung von Lebensmittelverschwendung
•Bervorzugt gering verarbeitete Lebensmittel einkaufen
Weitere mögliche Ansätze sind:
•Bio-Zertifizierungen für einzelne Produktgruppen
•Teilnahme an regionalen Nachhaltigkeitsinitiativen
•Interne Nachhaltigkeitsberichte mit Kennzahlen zu CO2-Abfall und Lebensmittelersatz
Mehrfach ausgezeichnet wurde das ISAR Klinikum, das auch im Jahr 2025 in der Kategorie „Kleine Unternehmen“ den Klimaretter Award gewann. Insgesamt konnten 34.404 kg CO2 eingespart werden. Das ISAR Klinikum wurde im März 2023 als „Best-Practice Krankenhaus“ im Rahmen der „Green HospitalPLUS“-Initiative ausgezeichnet. Die „Green HospitalPLUS“-Initiative ist ein Nachhaltigkeitsinstrument für bayerische Krankenhäuser und Kliniken. Ein Aspekt war die Umsetzung einer nachhaltigen Verpflegung. Dabei setzt das Klinikum auf Bio-regionale Zulieferer, das tägliche Angebot veganer und vegetarischer Optionen und die Reduktion von Lebensmittelverschwendung durch eine optimierte Speiseplanung. Durch den Einsatz einer digitalen Essensbestell-App konnte die Planung des Lebensmittelbedarfs optimiert werden und Papierspeisekarten sowie Papierbestellzettel eingespart werden. Ein Bio-Start-up beliefert das Klinikum mit 50 % des eingesetzten Bio-Obstes und Gemüses. Das Start-up Querfeld hat sich zum Ziel gesetzt, dass Obst und Gemüse mit kleinen Schönheitsfehlern nicht aussortiert wird. Dadurch wird Lebensmittelverschwendungen reduziert und die Erzeugerinnen und Erzeuger unterstützt. Eine nachhaltige Alternative zum konventionellen Großhandel und krummes Gemüse und Obst in Bio-Qualität für die Küche.
CO2-Fußabdruck im Speiseplan
Das Studierenden WERK Berlin bietet in seinen Mensen und Backshops ein abwechslungsreiches Verpflegungsangebot, bei dem auch der Nachhaltigkeitsaspekt Beachtung findet. Die ehemals klassischen Rezepturen wurden angepasst und durch vegetarische und vegane Gerichte ersetzt. Man achte auf Regionalität, wo es möglich ist [2].
Mit der Schweizer Organisation Eaternity hat das Studierenden WERK einen Partner gefunden, der die Nachhaltigkeit von Speisen rechnerisch ermittelt und bewertet. So wird jedes Gericht mit einem Umwelt-Score ausgewiesen. Dabei wird der CO2-Ausstoß in Gramm CO2-Äquivalente (Wolke) und den Wasserfußabdruck in Liter Wasser (Wassertropfen) für jedes Gericht angegeben.
Eine Studie mit über 8.000 Mensagästen zeigte: Werden die Mahlzeiten mit einem CO2-Label gekennzeichnet, wählen Konsument:innen häufiger die klimafreundliche Variante. (Zur Auswertung Studie „Können CO2-Angaben auf Lebensmitteln das Essverhalten beeinflussen?“ [8])
Was kann jeder selbst tun?
•In vielen Kantinen gibt es einen Wunschbriefkasten, hier können beispielsweise Wünsche nach mehr vegetarischen Angeboten geäußert werden.
•Regen Sie die Einführung von Mehrweg-Geschirr nach dem Pfand-System für die Mitnahme von Kaffee oder Speisen an.
•Gehen Sie auf die Verantwortlichen in der Kantine und Geschäftsführung zu. Vielleicht gibt es in Ihrer Klinik auch ein Green Team, dass sich dieser Aufgabe das Speiseangebot nachhaltiger und gesünder zu gestalten annehmen kann.
•Im privaten Umfeld: Favorisieren Sie pflanzenbasierte Lebensmittel wie Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte, um die Ernährungsqualität zu verbessern. Bei tierischen Lebensmitteln und Fleisch sollte man auf Regionalität und Bio-Qualität achten. Achten Sie bei Produkten wie Kaffee und Schokolade auf faire Arbeitsbedingungen (Fair-Trade-Siegel).
•Kaufen Sie möglichst wenig Fertigprodukte ein und bereiten ihre Speisen frisch zu. Das reduziert Verpackungsmüll und ist gesünder.
•Haben Sie stets einen Mehrweg-Becher dabei. Der Coffee-to-Go schmeckt aus einem wieder verwendbaren Becher nochmal so gut!
Fazit
Nachhaltige Ernährung im Krankenhaus ist kein Zusatzprojekt, sondern ein zentraler Baustein moderner Gesundheitsversorgung. Sie leistet einen Beitrag zum Klimaschutz, spart CO2, steigert die Gesundheit und Zufriedenheit von Mitarbeitenden und Patienten und unterstreicht den gesellschaftlichen Anspruch von Krankenhäusern als verantwortungsbewusste Institutionen. Von der Kantine bis zum Patientenbett bietet nachhaltige Ernährung die Chance, Gesundheit Umwelt und Wertschätzung miteinander zu verbinden.
Literatur
[1] Chehade, Lara; Tucci, Massimiliano; Del Bo‘, Cristian; Riso, Patrizia; Martini, Daniela (2025): Exploring Nutritional Quality and Environmental Impact of Canteen Menus and Meals in Institutional Settings: A Scoping Review. w: Nutrients 17 (22), s. 3550. DOI: 10.3390/nu17223550.
[2] CO2-Fußabdruck im Speiseplan (2026), dostępne na stronie internetowej: https://www.stw.berlin/mensen/faq-mensen/co2-fussabdruck.html, ostatnia aktualizacja 13.07.2026 w dniu 13.07.2026. Zugriff am 13.07.2026
[3] Hanke, Stefanie (2021): Ein Sternekoch fürs Krankenhaus. w: Deutscher Ärzteverlag, 04.01.2021, dostępne na stronie internetowej: https://www.healthrelations.de/doc-insights/ein-sternekoch-fuers-krankenhaus/ w dniu 06.07.2026.
[4] Marinho, Thaís de Gois Santos; Faustino, Maria Luísa Meira; Silva, Maria Izabel de Oliveira; Santos, Tatiane de Gois; Bezerra, Ingrid Wilza Leal; Rolim, Priscilla Moura (2026): Evaluation of Food Offerings for Workers in Commercial Foodservices from the Perspective of Healthiness and Sustainability. w: International Journal of Environmental Research and Public Health 23 (1), s. 71. DOI: 10.3390/ijerph23010071.
[5] mdr.de (2025): Essen in Krankenhäusern und Pflegeheimen ist ungesund und umweltschädlich. w: MDR, 29.07.2025, dostępne na stronie internetowej: https://www.mdr.de/wissen/medizin-gesundheit/krankenhaus-pflegeheim-klinik-essen-kann-krank-machen-potsdam-institut-charite-100.html w dniu 13.07.2026.
[6] Pörtner, Lisa M.; Schlenger, Leon; Gabrysch, Sabine; Lambrecht, Nathalie J. (2025): Dietary quality and environmental footprint of health-care foodservice: a quantitative analysis using dietary indices and lifecycle assessment data. w: The Lancet Planetary Health 9 (7), s. 101274. DOI: 10.1016/j.lanplh.2025.05.004.
[7] Speisenversorgung – KGNW-Initiative Klimaneutrales Krankenhaus (2026), dostępne na stronie internetowej: https://www.klimaschutz-im-krankenhaus.de/praxisbeispiele/handlungsfelder/speisenversorgung/, ostatnia aktualizacja 02.07.2026 w dniu 02.07.2026.
[8] Wer informiert ist,speist nachhaltiger (2026), dostępne na stronie internetowej: https://www.hu-berlin.de/universitaet/aktuelles/details/wer-informiert-ist-speist-nachhaltiger, ostatnia aktualizacja 13.07.2026 w dniu 13.07.2026.
[9] DGE position statement on a more sustainable diet Ernaehrungs Umschau international | 7/2021 Britta Renner+, Ulrike Arens-Azevedo+, Bernhard Watzl, Margrit Richter, Kiran Virmani, Jakob Linseisen on behalf of the German Nutrition Society (DGE) DOI: 10.4455/eu.2021.030
Prinz-Bravin I: Nachhaltige Ernährung im Krankenhaus- von der Kantine bis zum Patientenbett. Passion Chirurgie. 2026 Oktober; 16(10): Artikel 04_04.
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) haben Ende September eine neue Nachhaltigkeitsplattform gestartet. Die gemeinsame Plattform bündelt Informationen, Praxisbeispiele und konkrete Hilfestellungen rund um Nachhaltigkeit und Klimaanpassung im Krankenhaus. www.krankenhaus-nachhaltig.de
Das Angebot richtet sich insbesondere an Verantwortliche für Klimaschutz und Nachhaltigkeit in den Kliniken. Es soll Orientierung bei den zahlreichen gesetzlichen Anforderungen, Fördermöglichkeiten und praktischen Handlungsfeldern geben und Krankenhäuser dabei unterstützen, eigene Nachhaltigkeits- und Klimaschutzprojekte umzusetzen.
Ein Schwerpunkt der Plattform sind Best-Practice-Beispiele aus Kliniken und Regionen. Ergänzt werden diese durch eine umfangreiche Förderprogrammdatenbank, mit der sich geeignete Finanzierungsmöglichkeiten recherchieren lassen, sowie eine Übersicht relevanter Gesetze und Verordnungen. Darüber hinaus stellt die Website Gutachten und Studien zum Thema Nachhaltigkeit bereit und informiert über das DKG-Ernährungsprojekt.
Ein interner Bereich bietet zudem Krankenhäusern und gemeinnützigen Organisationen die Möglichkeit, sich zu vernetzen und Erfahrungen auszutauschen.
Hier geht’s zur neuen Ausgabe der PASSION CHIRURGIE 05/26: Nachhaltigkeit in der Chirurgie
Wie nachhaltig kann Chirurgie heute eigentlich sein? Die Mai-Ausgabe widmet sich der ökologischen Verantwortung im OP – von „Single Use“-Materialien bis zu klimaverträglicher Versorgung. Unser besonderer Blickfang: Das Coverbild der Künstlerin Maria Koijck, das den Ressourcenverbrauch ihres eigenen chirurgischen Eingriffs eindrucksvoll sichtbar macht. Aufschlussreiche Einblicke, klare Forderungen und neue Perspektiven zeigen: Nachhaltigkeit in der Chirurgie geht uns alle an.
Noch auf der Suche nach Fortbildungen für´s zweite Halbjahr? Für alle Karrierestufen finden Sie ein vielfältiges, praxisnahes Fortbildungsangebot mit passgenauen Lernformaten. Planen Sie jetzt Ihre nächste Fortbildung: Seminare für 2026.
Und: Informieren Sie Ihren chirurgischen Nachwuchs über das nächste M3-Training vom 09. bis 10. Oktober 2026 in Berlin!
Eine entspannte Lektüre wünscht
Ihr PASSION CHIRURGIE-Team
Antje Boccatius
Im März 2023 veröffentlichte ich meinen ersten Artikel zum Thema Nachhaltigkeit in einer chirurgischen Praxis. Doch was bedeutet Nachhaltigkeit eigentlich? Sie beschreibt die Fähigkeit, die Bedürfnisse der Gegenwart so zu befriedigen, dass die Möglichkeiten zukünftiger Generationen nicht eingeschränkt werden. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie es uns gelingen kann, dieses anspruchsvolle Vorhaben im alltäglichen Praxisbetrieb und unter den bestehenden gesetzlichen Rahmenbedingungen verantwortungsvoll voranzutreiben.
Wie kann ein Team eine derart komplexe Aufgabe bewältigen?
Die Antwort liegt in einer nachhaltig geprägten und authentisch gelebten Unternehmenskultur sowie einer entsprechenden Führung. Diese beiden Elemente bilden die entscheidenden Pfeiler unserer Teamtransformation. Um Mitarbeitende in diesem Veränderungsprozess mitzunehmen, müssen sowohl Führung als auch Unternehmenskultur Schritt für Schritt auf Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. Indem Führungskräfte nachhaltige Werte vorleben, schaffen sie ein Arbeitsumfeld, das zur Zielerreichung motiviert und die Umsetzung klimafreundlicher Maßnahmen unterstützt. So kann es gelingen, dass eine Praxis nicht nur ökologisch verantwortungsvoll handelt, sondern auch langfristig erfolgreich bleibt.
Mitarbeitende motivieren
Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter kann einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dafür ist es notwendig, ein Bewusstsein und eine Akzeptanz für nachhaltiges Alltagshandeln zu entwickeln. Mitarbeitende sollen darin bestärkt werden, sowohl privat als auch beruflich ressourcenschonender zu leben und zu arbeiten.
Wir alle wissen, dass es schwerfällt, bestehende Gewohnheiten zu verändern. Der Satz „Das haben wir doch schon immer so gemacht“ ist vielen von uns vertraut – insbesondere von Kolleginnen und Kollegen, die sich mit Veränderungen schwertun (mich eingeschlossen). Dennoch kann es durch gemeinsam formulierte Ziele, eine offene und zuhörende Kommunikationskultur sowie das Wissen um psychologische Veränderungsprozesse gelingen, fest verankerte Routinen aufzubrechen. Entscheidend ist, Mitarbeitende aktiv zu beteiligen, sie in die Entwicklung von Maßnahmen einzubinden und transparent über Fortschritte zu informieren. Auf diese Weise können wir gemeinsam wirksame und nachhaltige Veränderungen erreichen. Ein starkes Wir-Gefühl, geprägt von gegenseitiger Unterstützung und Freude am gemeinsamen Fortschritt, fördert nicht nur das Miteinander, sondern auch die langfristige Weiterentwicklung der gesteckten Ziele.
So konnten wir die Ziele, die wir uns für das Jahr 2023 gesetzt hatten, kontinuierlich weiterentwickeln. Unsere Faxe werden inzwischen in einer digitalen Faxbox empfangen, wodurch wir einen erheblichen Papierverbrauch einsparen. Bestellungen erfolgen ausschließlich digital und online, was zusätzlich unseren Arbeitsalltag erleichtert. Bei der Verschreibung von Medikamenten achten wir darauf, Ibuprofen statt Diclofenac zu verordnen, da bekannt ist, dass Diclofenac das Abwasser stark belastet. Zudem tragen neue Computer mit moderner Technik dazu bei, die Stromkosten zu senken und unseren ökologischen Fußabdruck zu verringern.
Nachhaltigkeitsbeauftragte in der Praxis
Eine Idee aus unserem gemeinsamen Ideenpool ist die Benennung einer oder eines Nachhaltigkeitsbeauftragten. Diese Person ist verantwortlich für die Analyse von Nachhaltigkeitschancen und -risiken innerhalb der Praxis. Darauf aufbauend werden gemeinsam Ziele und Maßnahmen entwickelt, um die Nachhaltigkeitsleistung kontinuierlich zu verbessern. In Teambesprechungen informiert die oder der Beauftragte regelmäßig über den Fortschritt der Strategieumsetzung sowie über die Einbindung externer Akteure wie Patientinnen, Patienten und Lieferanten.
Abschließend kann ich sagen, dass Nachhaltigkeit in der chirurgischen Praxis ein strategischer Erfolgsfaktor ist, der ökologische Verantwortung, ökonomische Stabilität und medizinische Qualität miteinander verbindet. Die erfolgreiche Umsetzung hängt maßgeblich von Führung, Teamkultur und strukturellen Rahmenbedingungen ab. Durch konsequente Digitalisierung, bewusste Material- und Medikamentenwahl sowie institutionalisierte Verantwortlichkeiten können chirurgische Praxen messbare Beiträge zum Klima- und Ressourcenschutz leisten – ohne Abstriche an der Versorgungsqualität.

Antje Boccatius
Qualitäts- und Praxismanagerin
Orthospine Magdeburg
Durchgangsarztpraxis
Lübecker Straße 32
39124 Magdeburg
Chirurgie
Boccatius A: Wege zu einer umweltbewussten chirurgischen Praxis. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_05.
Zur Maiausgabe PASSION CHIRURGIE: Nachhaltigkeit in der Chirurgie
Ökologische Bilanzen ärztlicher Tätigkeit in den Vordergrund zu rücken, fällt aktuell schwer. Krisen drohen dem Gesundheitssystem von überall. Die finanzielle Lücke im Gesundheitssektor ist neben den reinen Kosten auch auf ein Defizit bei den Einnahmen und eine Explosion bei den allgemeinen Ausgaben zurückzuführen. Und so fallen selbst die stetig flackernden Kriege in den weltversorgenden Energieregionen heftig ins Gewicht. Frieden in Europa reicht auch für ein stabiles Gesellschaftssystem nicht mehr aus. Bei so vielen drängenden Herausforderungen lässt sich nur allzu schnell vergessen, dass die ökologische Uhr weiterhin tickt und tickt und tickt. Gerade deshalb ist es so bedeutsam, das große Thema „gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten“ lebendig zu halten. Dieses Heft hat genau dieses Ziel!
Manchmal kann Kunst auf Dinge aufmerksam machen, für die wir im chirurgischen Alltag bereits betriebsblind sind. Auf dem Titelbild der Passion Chirurgie sehen Sie die Künstlerin Maria Koijck inmitten einer ihrer Installationen. Die gebürtige Niederländerin macht Dinge auf ästhetische Weise sichtbar, die uns in ihrer Drastik nicht bewusst sind: So hat sie bei dieser Aktion alle Einmalmaterialien, die rund um ihre Brust-Operation angefallen sind, gesammelt und als riesiges Muster um sich herum drapiert. Im Interview mit Frau Koijck haben wir nach ihrer Motivation für ihre Kunstaktion gefragt und wie sie sie praktisch durchgeführt hat. Ihre Antworten dazu sind unterhaltsam, erkenntnisreich und teilweise sogar abenteuerlich!
Die Anstrengungen ausgewählter Kliniken und Institute, die ökologische Bilanz von Gesundheitspflege zu verbessern, sind im wahrsten Sinne bemerkenswert. Klar scheint, dass Einrichtungen öffentlicher Trägerschaft wie Universitätskliniken mehr Möglichkeiten haben als der lokale Versorger um die Ecke. Aber man braucht nicht unbedingt Elektrofahrzeuge im Shuttleservice des Insektenhotels, um messbare Effekte zu erreichen. Ein einfacher Schlüssel scheint die Vermeidung von „Single-use Items“ zu sein, die nicht nur die Abfallmengen, sondern auch die Emissionen erhöhen. Ein weiteres Beispiel ist die Mülltrennung, die längst jeden Privathaushalt erreicht hat, Krankenhäuser aber oft ausspart. Hier ist jede einzelne Klinik gefragt, einen Beitrag zu leisten. Zur Umsetzung der Ziele müssen wir als Anwender endlich die Industrie in die Pflicht nehmen, die oft den Wiedereinsatz von Instrumenten zugunsten der eigenen Absätze unterbindet und „Design for Recycling“ selbst im anglifizierten Management-Talk für ein Fremdwort hält. Wir als Chirurginnen und Chirurgen haben den Hebel in der Hand, Lösungen einzufordern.
Liebe Leserinnen und Leser, den für die Chirurgie entscheidenden Punkt formuliert letztendlich Viszeralchirurg Johannes Klose: „Es ist nicht die Frage, welche OP-Methode die nachhaltigste ist, sondern wie wir chirurgische Versorgung insgesamt klimaverträglicher gestalten.“ Dieser eine Satz bringt die ökologische Diskussion in der Medizin sicherlich derzeit am besten auf den Punkt.
Packen wir es endlich an. Schaffen wir Bewusstsein.
Dr. med. Jonas Dohmen
Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie
Bonn
apl. Prof. Dr. med. Johannes Klose, MBA
Universitätsklinik und Poliklinik für Viszerale, Gefäß- und Endokrine Chirurgie
Universitätsmedizin Halle (Saale)
Prof. Dr. med. Carsten Krones
Klinik für Allgemein-, Visceral- und Thoraxchirurgie, Proktologie
Krankenhaus Düren gem. GmbH
Olivia Päßler
Presse & Kommunikation
Berufsverband der Deutschen Chirurgie e.V.
Dr. med. Ina Prinz-Bravin
Fachärztin für Viszeralchirurgie
Prof. Dr. Daniel Vallböhmer
Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Evangelisches Klinikum Niederrhein gGmbH
Editorial
Dohmen J, Klose J, Krones C, Paessler O, Prinz-Bravin I, Vallboehmer D: Editorial Nachhaltigkeit in der Chirurgie. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 01.
Bedeutung der Maximalversorger im deutschen Gesundheitswesen
Krankenhäuser der Maximalversorgung zählen zu den komplexesten Organisationsformen im Gesundheitswesen. Sie gewährleisten hochspezialisierte, innovative und interdisziplinäre Medizin auf höchstem Versorgungsniveau und garantieren die interprofessionelle 24/7-Akutversorgung. Überregionale Einzugsgebiete und die kooperative Unterstützung von Kliniken niedrigerer Versorgungsstufen ergänzen das Leistungsangebot. Sie bilden den ärztlichen Nachwuchs aus und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Forschung.
Gleichzeitig zählen gerade diese Einrichtungen zu den ressourcenintensivsten Institutionen der Gesellschaft. Sie verbrauchen hohe Mengen an Energie, Wasser und Materialien, produzieren große Abfallmengen und verursachen relevante CO2-Emissionen. Bis zu 5,3 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen (THG) entfallen weltweit auf den Gesundheitssektor und in Deutschland sogar bis zu rund 6 Prozent [5]. Damit übertrifft dieser Sektor in Bezug auf die THG-Emissionen den innerdeutschen Flugverkehr (knapp 4 Prozent) [4].
Nachhaltigkeit und Maximalversorgung – Synergie oder Widerspruch?
Es stellt sich daher die Frage, ob Nachhaltigkeit für diese Institutionen letztlich ein wohlmeinender, aber realitätsferner Anspruch ist.
Die Erfahrung am Universitätsklinikum Augsburg (UKA) zeigt: Ein Krankenhaus der Maximalversorgung kann und muss nachhaltig handeln. Nicht trotz, sondern gerade wegen des Versorgungsauftrags. Nachhaltigkeit ist keine Imagefrage oder Einzelmaßnahme, sondern eine Bringschuld gegenüber den Patientinnen und Patienten, den Mitarbeitenden und gegenüber der Gesellschaft.
Universitätsmedizin im Spannungsfeld planetarer Grenzen
Die globalen Klima- und Umweltveränderungen sind längst keine abstrakten Zukunftsszenarien mehr. Extremwetterereignisse, hitzebedingte Mortalität, veränderte Infektionsdynamiken und zunehmende chronische Belastungen betreffen die Versorgungsrealität unmittelbar [1]. Zugleich trägt der Gesundheitssektor selbst erheblich zu Treibhausgasemissionen bei. Daraus entsteht ein ethischer Doppelauftrag mit Konfliktpotential: Das UKA als Maximalversorger ist dazu aufgerufen, seinen Patientinnen und Patienten hochtechnisierte Medizin anzubieten und gleichzeitig den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.
Mit dem aktualisierten International Code of Medical Ethics wurde ökologische Nachhaltigkeit explizit als ärztliche Verpflichtung verankert [7]. Gesundheit zu schützen bedeutet heute auch, natürliche Lebensgrundlagen zu erhalten. Für die Universitätsmedizin Augsburg, die Forschung, Lehre und Krankenversorgung verbindet, ist diese Perspektive integraler Bestandteil des Selbstverständnisses. Dabei erstreckt sich nachhaltiges Handeln nicht nur auf ökologische, sondern explizit auch auf soziale und ökonomische Dimensionen.
Das Universitätsklinikum Augsburg als ein Haus der Maximalversorgung
Das UKA als eines der jüngsten Universitätsklinika in Deutschland gehört mit über 7.600 Mitarbeitenden, 66.870 stationären und 239.430 ambulanten Fällen im Jahr 2025 zu den größten Kliniken des Freistaats. 1.699 stationäre Planbetten und 46 teilstationäre Plätzen stehen für 24 Kliniken und fünf Institute zur Verfügung.
Im Januar 2026 eröffnete das UKA sein neues, hochtechnisiertes Zentrum für Intensivtherapie (ZIT) mit insgesamt 135 Intensiv- und Intermediate-Care Bettenplätzen als eines der modernsten dieser Art in Bayern. Im März 2023 entschied der Freistaat Bayern über einen Neubau des bettenführenden Zentralgebäudes des UKA bis zum Jahr 2040. Die diesbezüglichen Planungen laufen auf Hochtouren.
In Bezug auf soziale Nachhaltigkeit stellt das UKA mit rund 450 Ausbildungsplätzen einen der größten Ausbildungsträger in ganz Bayerisch Schwaben dar.
Vision und Institutionalisierung von Nachhaltigkeit
Das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit bedeutet in erster Linie eine Vision auf Vorstandsebene. Der zweite Schlüssel für gelingende Nachhaltigkeit an einem Maximalversorger liegt in ausgesuchten Governancestrukturen.
- Eindeutige personelle und organisatorische Verantwortlichkeiten – bestenfalls in Nähe zur Unternehmensleitung – verankern Zielsetzungen auf einer transparenten und dynamisch fortzuschreibenden Zeitschiene.
- Einschlägige Regelwerke sichern die Aufgaben, Projektvorhaben und Berichtspflichten verbindlich ab.
- Wiederkehrende Prüfung und Fortentwicklung der hinterlegten Inhalte stehen für belastbare Qualität und Zukunftsorientiertheit.
- Zur Erfüllung gesetzlicher Vorgaben stellt der Vorstand entsprechende finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung.
- Die Institution gibt Raum für Netzwerkarbeit mit der internen und externen Öffentlichkeit.
- Im Idealfall bauen die Verantwortlichen wissenschaftliche Kooperationen auf.
Umsetzung der Institutionalisierung am UKA
Etablierung wirksamer Strukturen
Am UKA etablierte der Vorstand im Jahr 2019 die interprofessionelle Initiative „University Medicine Augsburg Goes Green“ (UMAGG). Der Lenkungskreis von UMAGG vereint Vertreterinnen und Vertreter der Vorstandebene, des ärztlichen und pflegerischen Dienstes, der Administration sowie der Medizinischen Fakultät und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg (siehe Organigramm Lenkungskreis UMAGG).
Die Leitung bekleidet eine stellvertretende Vorstandsposition und steht damit als Garant für einen niedrigschwelligen Austausch mit der obersten Leitungsebene.
Die Interprofessionalität des Gremiums repräsentiert Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe. Die vom Vorstand verabschiedete Satzung von UMAGG steht für die Verbindlichkeit der Aufgaben und deren Zielerreichung.
Nachhaltigkeit und Unternehmenskultur
Seit Februar 2024 ist Nachhaltigkeit eine von vier tragenden Säulen des Leitbildes des Universitätsklinikums Augsburg – gleichrangig mit Menschen, Innovation sowie Forschung und Lehre.
Zeitgleich verabschiedete der Vorstand den Code of Conduct. Auch dieser greift alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit auf. Der Vorstand sichert den Durchdringungsgrad beider Regelwerke durch wiederkehrende Vorstellungen beispielsweise im Rahmen des Einführungstages für neue Mitarbeitende ab. Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit wird zudem u. a. durch die systematische Anwendung des Lob-, Anregungs- und Beschwerdefahrens, das anonyme Hinweisgebersystem und das Angebot zur Durchführung ethischer Fallbesprechungen abgebildet.

Abb. 1: Organigramm Lenkungskreis UMAGG
Nachhaltigkeit als ethische und gesellschaftliche Verpflichtung
Die bildungspolitische Dimension von Nachhaltigkeit griff das UKA unter anderem über das Klinische Ethikkomitee (KEK) auf. Dieses nahm im Jahr 2024 die ökologische Nachhaltigkeit ausdrücklich in seine Beratungsdimension auf [6].
Netzwerke und wissenschaftliche Einbindung
Nachhaltigkeit in der Universitätsmedizin erfordert Kommunikation. Die Initiative UMAGG ist regional und national vernetzt, unter anderem im Nachhaltigkeitsbeirat der Stadt Augsburg, im Verband der Universitätsklinika Deutschlands e. V. sowie in gesundheitsbezogenen Klimanetzwerken.
Die enge Verbindung zur Universität Augsburg und der Medizinischen Fakultät mit dem Forschungsschwerpunkt Environmental Health Sciences (EHS) ermöglicht eine wissenschaftliche Aufarbeitung nachhaltigkeitsbezogener Fragestellungen. Nachhaltigkeit wird dadurch nicht nur operativ umgesetzt, sondern akademisch reflektiert und im Schulterschluss mit der Universität Augsburg weiterentwickelt.
Transparenz und Messbarkeit
Obwohl die gesetzliche Berichtspflicht nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) erst ab 2028 greift, veröffentlichte das UKA für das Berichtsjahr 2024 erstmalig einen Nachhaltigkeitsbericht nach dem VSME-Standard auf freiwilliger Basis [3]. Auf der Agenda für das Jahr 2026 steht die neuerliche Erhebung der Doppelten Wesentlichkeitsanalyse nach erfolgter Revision auf EU-Ebene.
Diese freiwillige Transparenz schafft die Grundlage für systematische Weiterentwicklung. Emissionen in Scope 1, 2 und 3, Energieverbräuche, Abfallstrukturen, Wasserentnahme sowie soziale und Governance-Kennzahlen werden dokumentiert und für Entscheidungsträger steuerbar gemacht.

Abb. 2: Leitbild des UKA
Klimaneutralität als strategische Zielmarke
Im Kontext der Planungen für den Neubau des UKA (s. o.) verfasste eine Expertengruppe unter Federführung der Stabsstelle Medizin und Gesellschaft ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept für die Betriebsplanung des Neubaus [2]. Die hinterlegte Zeitschiene resultierte in einem klimaneutralen UKA unter der Voraussetzung einer Neubauinbetriebnahme bis 2040 („Zero Emission Hospital 2040“). Energiestandards, Energieversorgung, Materialwahl und Prozessorganisation sind mit Klimazielen frühzeitig in Einklang zu bringen.
Operationalisierung von Nachhaltigkeit
Eine Zahl von insgesamt 16 Projekten sind unter UMAGG seit dem Jahr 2019 an den Start gegangen. Unter anderem dienen sie den Nachhaltigkeitszielen Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung, Erhalt der Artenvielfalt, Ressourcenschonung, Energieeffizienz, der nachhaltigen Verpflegung, dem betrieblichen Mobilitätsmanagement und dem Hitzeschutzplan für das UKA.
Schlussfolgerung
Ein Krankenhaus der Maximalversorgung kann nachhaltig sein. Nachhaltigkeit ist unter hochkomplexen Versorgungsbedingungen möglich, wenn sie strategisch verankert, messbar gemacht und kulturell getragen wird.
Die zentrale Herausforderung liegt weniger in der prinzipiellen Umsetzbarkeit als in der strukturellen Ausgestaltung: Nachhaltiges Handeln erfordert klare Verantwortlichkeiten, langfristige Planungshorizonte und geeignete regulatorische sowie finanzielle Rahmenbedingungen.
Universitätsmedizin steht für Exzellenz, Innovation und gesellschaftliche Verantwortung. In Zeiten globaler Klima- und Umweltveränderungen erweitert sich dieser Anspruch.
Die Debatte sollte daher nicht lauten, ob Maximalversorgung nachhaltig sein kann, sondern unter welchen strukturellen und politischen Bedingungen nachhaltiges Handeln systematisch ermöglicht wird.

Abb. 3: UKA-Stufenkonzept zur Klimaneutralität bis 2040 I Neubauinbetriebnahme
Literatur
[1] An der Heiden, Zacher, RKI -Geschäftsstelle für Klimawandel & Gesundheit, Diercke und Bremer (2024). Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 38 / 2024, Robert Koch-Institut
[2] Linné, R., R. Binder, D. Bolkenius, D. Dubbelfeld (2024). „Nachhaltigkeitskonzept für die Betriebsorganisationsplanung des Neubaus des Universitätsklinikums Augsburg“. Universitätsklinikum Augsburg, Stabsstelle Medizin und Gesellschaft. Abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/UEber_uns/UMAGG/Nachhaltigkeitsberichte/Nachhaltigkeitskonzept_Neubau.pdf.
[3] Wabnitz K., Buser H., Linné R. (2026). „Nachhaltigkeitsbericht 2024.“ Universitätsklinikum Augsburg, abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/UEber_uns/UMAGG/Nachhaltigkeitsberichte/UKA_NHB_2024.pdf.
[4] Deutscher Ärzteverlag (2022). „Gesundheitsbranche umweltschädlicher als Flugverkehr.“ MT im Dialog. Abrufbar unter: https://www.mtdialog.de/news/artikel/gesundheitsbranche-umweltschaedlicher-als-flugverkehr#:~:text=Ausgerechnet%20die%20Gesundheitsbranche%20tr%C3%A4gt%20einen%20wesentlichen%20Teil,ausst%C3%B6%C3%9Ft%20als%20die%20Schifffahrt%20oder%20der%20Flugverkehr.
[5] Karliner, J., S. Slotterback, R. Boyd, B. Ashby, K. Steele und J. Wang (2020). „Health care’s climate footprint: the health sector contribution and opportunities for action.“ European journal of public health 30 (Supplement_5): ckaa165. 843.
[6] Edenhofer O., M. Herrmann (2025). „Erderwärmung: Klimapolitische Konsequenzen und die Verantwortung des Gesundheitswesens“. Jahresveranstaltung des Klinisches Ethikkomitee am Universitätsklinikum Augsburg 2025. Abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/Zentrale-Einrichtungen/Klinisches_Ethikkomitee/PDFs/KEK_0002_Plakat_2025.pdf.
[7] Parsa-Parsi, R. W. (2022). „The international code of medical ethics of the world medical association.“ jama 328(20): 2018-2021.

Korrespondierende Autorin:
Dr. Renate Linné
Stv. Kaufmännische Direktorin
Leitung Stabstelle Medizin und Gesellschaft
Universitätsklinikum Augsburg

Helene Buser
Referentin der Kaufmännischen Direktion
Universitätsklinikum Augsburg
Chirurgie
Linné R, Buser H: Kann ein Krankenhaus der Maximalversorgung überhaupt nachhaltig sein? Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_04.
Da dies mein letzter Kommentar nach zwanzig Jahren Vizepräsidentschaft im BDC ist, will ich die aktuelle Tagespolitik nur am Rande streifen und mich mehr darauf fokussieren, wie Politik, im Speziellen Gesundheitspolitik nachhaltig gestaltet werden kann und ob überhaupt Nachhaltigkeit erwünscht ist.
Der Begriff Nachhaltigkeit wird gemeinhin im Zusammenhang mit dem Umweltschutz definiert als Aufgabe, „Ressourcen so zu nutzen, dass die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generationen erfüllt werden, ohne die Fähigkeit künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu decken.“ Nachhaltigkeit umfasst aber nicht nur ökologische Aspekte, sondern auch ökonomische und soziale Dimensionen., damit eben auch die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung. Wir haben also auf der einen Seite Bedürfnisse, auf der anderen Seite Ressourcen. Angesichts der demographischen Entwicklung und des medizinischen Fortschritts sind die Bedürfnisse massiv gestiegen und werden weiter steigen, die Ressourcen aber hinken in ihrer Entwicklung hinterher. Aufgabe einer nachhaltigen Politik müsste es demnach sein, die sich aufzeigende Schere zwischen den beiden Polen zu schließen.
Der Versuch, in den jetzt nach Vorlage der Vorschläge der Gesundheitskommission anstehenden Gesetzesvorhaben Einsparungen auf der Seite der Leistungserbringer vorzunehmen, verringert die Ressourcen und ist damit auf den ersten Blich nicht nachhaltig. Bei einer anderen Betrachtung wird aber ein anderes ebenso gewichtiges Bedürfnis der Bevölkerung befriedigt, nämlich keinen weiteren Anstieg der Versicherungsbeiträge zuzulassen. Zweites Beispiel Krankenhausreform: Die ursprüngliche Version von Minister Lauterbach ist zwar durch das Krankenhaus-Anpassungsgesetz entschärft worden, dennoch ist das Prinzip das Gleiche. Einsparungen auf der Kostenseite durch Krankenhausschließungen, damit Verminderung der Ressourcen, aber mit der Hoffnung auf Beitragssatzstabilisierung.
Politik wählt also immer den Weg der Bedürfnisbefriedung stabiler Beiträge in Form einer Ressourcenverknappung auf dem Rücken der Leistungserbringer und nimmt keine Rücksicht auf das Bedürfnis nach maximaler Gesundheitsleistung, denn es muss klar sein, dass reduzierte Leistungsangebote auch zu verminderten Leistungen führen werden. Interessanterweise ist die Bevölkerung zu keinem Zeitpunkt gefragt worden, welches der beiden für sich betrachtet nachvollziehbaren Bedürfnisse diese vordringlich befriedigt sehen will. Jedenfalls ist abzusehen, dass mit derlei kurzfristigen Sparmaßnahmen keine Nachhaltigkeit im Sinne der Definition, schon gar nicht für zukünftige Generationen erreicht werden wird.
Wenn also die Ressourcen nicht mehr reichen, muss nach meiner Auffassung die Frage gestellt und beantwortet werden, ob nicht die Bedürfnisse seitens der Bevölkerung aktiv reduziert werden sollten und nicht indirekt durch immer neue Sparmaßnahmen, die durchaus am Ende den gleichen Effekt haben. Nirgendwo auf der Welt ist das Leistungsversprechen der Gesundheitsversorgung derart umfangreich wie bei uns. Man darf darüber nachdenken, ob in anderen Ländern die Zufriedenheit der Bürgerinnen und Bürger geringer ist, weil sie weniger erwarten dürfen. Hierzulande ist es aber ein politisches No-Go, Kürzungen im Leistungsangebot und damit eine nachhaltige Schonung des Gesamtsystems auch nur zu diskutieren. Der Grund ist einfach. Allgemein gilt: wer Wahlen gewinnen will, muss Versprechen abgeben und nicht Appelle zum Verzicht. Bedauerlicherweise hat das mit Nachhaltigkeit nicht das Geringste zu tun. Es fehlt der Mut zu unpopulären Einschnitten und letztlich der Wille, im Sinne einer echten Nachhaltigkeit Entscheidungen zu treffen, die über die jeweilige Legislaturperiode hinaus zum Wohle der kommenden Generation ausgerichtet sind. Trotz der eher düsteren Aussichten blicke ich dankbar und mit etwas Stolz auf das Erreichte, auch mit Zerknirschung auf das Unerreichte zurück und wünsche Ihnen und dem BDC viel Erfolg beim Streben nach der eigenen Nachhaltigkeit.
Rüggeberg JA: Nachhaltigkeit in der Politik. 2026 Mai; 16(05): Artikel 05_01.
Vorwort – Grün, grün, grün sind alle meine Kleider…
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft in einem komplexen Krankenhausbetrieb erfolgreich umzusetzen, ist eine große Aufgabe. In Zeiten, in denen es in vielen Häusern ums das nackten Überleben geht, treten Programme wie die Umweltverträglichkeit von Medizin verständlicherweise in den Hintergrund. Umso wichtiger werden dann die leuchtenden Beispiele wie in diesem Fall das Universitätsklinikum Dresden.
Das UKD hat mit seiner Initiative „Carus Green“ sehr erfolgreich Nachhaltigkeit und Umweltschonung im eigenen Klinikbetrieb etabliert. Die präsentierten Maßnahmen stellen gute Beispiele dar, die sich in der Gruppe, aber auch als Einzelteile auf andere Häuser übertragen lassen. Man muss nicht einen biodiversen Campus pflegen, kann aber sehr leicht Recyclingquoten erhöhen. Man muss auch keine veganen Menüs anbieten, kann aber sehr leicht Narkosegase umstellen. Die Initiative steht also nicht nur in der Tradition des Namensgebers des UKD, Carl Gustav Carus, der als einer der bedeutendsten Ärzte der Romantischen Medizin gilt. Die einzelnen Maßnahmen sind ganz handfest. Es wird schwer sein, in Zeiten großer finanzieller Belastungen im Gesundheitswesen, für Projekte dieser Art aktuell Gehör zu finden. Das schlagende Argument wird „Einsparungen“ lauten, aber auch die lassen sich mit ökologischen Veränderungen erreichen. Wir müssen am Ball bleiben, denn ein gesundes Gesundheitssystem nutzt uns in einer kranken Umwelt wenig.
Aktive Lektüre wünschen
Prof. Dr. med. C. J. Krones und Prof. Dr. med. D. Vallböhmer
„Wir sind ein umweltfreundliches Klinikum“ – ein Leitsatz, dem sich das Universitätsklinikum Dresden bereits seit 2012 mit der Initiative „Carus Green“ verschrieben hat. Das Gesundheitswesen trägt in Deutschland zwischen 5,2 % und 6,7 % zu den gesamten Treibhausgasemissionen bei, wobei Krankenhäuser international etwa 30 % der Emissionen im Gesundheitssektor verursachen [1]. Als Maximalversorger mit über 1.400 Betten zeigt das Dresdner Uniklinikum, wie ökologische Nachhaltigkeit im Klinikalltag gelingen kann – trotz angespannter Finanzierungssituation und eines Systems, das Nachhaltigkeitsmaßnahmen nicht gesondert vergütet.
Entstehung: Vom Trainee-Projekt zur Nachhaltigkeitsmarke
Die Initiative „Carus Green“ entstand 2012 aus einem interdisziplinär besetzten Trainee-Projekt. Zwölf Trainees aus unterschiedlichen Fachbereichen – darunter Rechtsstelle, Pflege, Bau und Technik, Personal, Finanzen und Qualitätsmanagement – erarbeiteten in einer Konzeptphase erste Handlungsfelder und Maßnahmenkataloge. Im Anschluss wurde das Projekt an eine neu gegründete Mitarbeiterinitiative übergeben, die bis heute unter Koordination der Krankenhausökologie fortbesteht. Sechs zentrale Handlungsfelder wurden definiert: Bildung/Sensibilisierung, Campusgestaltung/Biodiversität, Ressourcenverbrauch, Energiemanagement, Verpflegung und Mobilität.
Umgesetzte Maßnahmen im Überblick
Seit 2012 wurden zahlreiche Projekte realisiert, die messbare ökologische und ökonomische Effekte erzielen:
- Energie: Photovoltaik-Anlagen mit über 140 kWp Gesamtleistung erzeugen jährlich ca. 130 MWh Strom und sparen 48 t CO2 Emissionen. LED-Umrüstungen reduzieren den Strombezug um weitere 82 MWh pro Jahr. Das bedarfsorientierte Herunterfahren von OP-Lüftungsanlagen in betriebsfreien Zeiten spart zusätzlich 40 MWh jährlich und wurde zur Blaupause für andere Kliniken. Die Einführung eines Energiemanagementsystems nach DIN ISO 50001 ermöglicht eine systematische Erfassung weiterer Einsparpotenziale.
- Narkosegase: Die Umstellung von Desfluran auf Sevofluran in Verbindung mit der Minimal-Flow-Anästhesie senkt die direkten Treibhausgasemissionen erheblich.
- Mobilität: Aktuell 22 Elektrofahrzeuge ersetzen rund ein Viertel des konventionellen Fuhrparks. Ergänzt wird dies durch Lastenräder, abschließbare Fahrradstellplätze, Job-Bike-Angebote und die Teilnahme am Stadtradeln.
- Ressourcen: Die Recyclingpapierquote wurde auf über 50 % gesteigert. Über 120 Wasserspender vermeiden Einwegplastikflaschen, das Projekt „Stifte sammeln“ führte zum Recycling von 4,4 t Material und vermied 9 t CO2. Weitere Maßnahmen umfassen Mehrweg-OP-Kittel, die Rückführung von Polypropylen und Polyethylen in den Stoffkreislauf, die Wiederverwendung von Styroporboxen sowie einen internen Möbelkiosk.
- Biodiversität und Campus: Blühwiesen, Insektenhotels und Nistkästen schaffen naturnahe Lebensräume für Insekten sowie Erholungsräume für Patient:innen und Mitarbeitende.
- Verpflegung: Die sukzessive Einführung vegetarischer und veganer Menüs im Mitarbeiterrestaurant ebnet den Weg in Richtung der Planetary Health Diet.
Organisationsstruktur und Erfolgsfaktoren
Das Carus-Green-Team organisierte sich in Arbeitsgruppen und traf sich regelmäßig zum Projektupdate. Die Mitglieder fungierten als Ideengeber:innen, Vernetzer:innen wichtiger Stakeholder und Empfänger:innen von Mitarbeitervorschlägen – die konkrete Umsetzung erfolgt meist in den jeweiligen Fachbereichen. Diese dezentrale Struktur bei zentraler Koordination durch die Krankenhausökologie hat sich als praxistauglich erwiesen. Um weitere Potentiale heben zu können wird es künftig eine neue Carus Green-Steuerungsgruppe geben, die die Umweltstrategie weiter ausbaut, zentral koordiniert und regelmäßig Bericht an den Vorstand erstattet.
Erfolgsfaktoren für die Übertragbarkeit:
- Engagierte Mitarbeitende, die für ökologische Themen brennen
- Rückendeckung durch die Geschäftsleitung
- Niedrigschwellige erste Maßnahmen (Energiespartipps, zusätzliche Abfallfraktionen, Blühwiesen)
- Eine gemeinsame Dachmarke, die Sichtbarkeit schafft
Herausforderungen und Learnings
Der kontinuierliche Erhalt implementierter Maßnahmen gestaltet sich im Klinikalltag anspruchsvoll. Die Erkenntnis reifte, dass es in jedem Bereich sogenannte Umwelt- und Energiebotschafter:innen braucht – Mitarbeitende, denen diese Themen persönlich wichtig sind und die nach entsprechender Schulung dauerhaft in ihrem Bereich auf die Umsetzung achten. Diese „Carus Green Botschafter:innen“ sollen künftig als Multiplikator:innen den Nachhaltigkeitsgedanken ins Kollegium tragen.
Ausblick und Preisträger 2025
Im September 2025 wurde „Carus Green“ mit dem Lohfert-Preis „Green Hospital – Umweltschutz und Ressourceneffizienz in Krankenhäusern“ ausgezeichnet. Außerdem stand man im Finale des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Gesundheit 2025. „Diese Würdigungen verstehen wir aber vor allem aber als Auftrag zur Weiterentwicklung, denn es ist noch sehr viel zu tun. An Ideen, wie man universitäre Spitzenmedizin nachhaltiger und umweltfreundlicher machen kann, mangelt es nicht.“
Konkrete Ziele für 2026 umfassen die systematische Erhebung von Kennzahlen zu CO2-Einsparungen, die kontinuierliche Erweiterung der PV-Kapazität sowie die Optimierung des Campus in Richtung eines klimaresilienten, biodiversitätsfreundlichen, gesundheitsfördernden Raumes.
Literatur
[1] Pichler P et al. (2019). International comparison of health care carbon footprints. https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/ab19e1, zuletzt geprüft am 08.06.2023

Dipl.-Ing.(BA) Patrick Emmerlich
Referent für Umweltschutz
Team Krankenhausökologie
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
patrick.emmerlich@uniklinikum-dresden.de
Gesundheitspolitik
Emmerlich P: BDC-Praxistest: Carus Green – Nachhaltigkeit und höhere Umweltverträglichkeit am Universitätsklinikum Dresden. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 05_02.
Der Auftrag des Gesundheitswesens ist eindeutig. Es soll Krankheiten behandeln, Leben retten und die Lebensqualität sichern. Wenn in Deutschland über Klimaschutz gesprochen wird, fällt der Begriff Gesundheitssektor jedoch meist spät. Dabei ist seine Klimabilanz beachtlich. Globale Analysen beziffern den Anteil des Gesundheitswesens an den weltweiten Treibhausgasemissionen auf rund 5 % [3]. Für Deutschland weist das Bundesgesundheitsministerium für 2019 rund 68 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus. Dies entspricht 6 % der nationalen Emissionen [5].
Noch deutlicher wird die Problematik mit Blick auf die Ressourcenperspektive. Der Rohstoffbedarf des deutschen Gesundheitssektors liegt bei etwa 107 Millionen Tonnen pro Jahr, das entspricht 5 % des gesamten deutschen Rohstoffverbrauchs [7].
Parallel dazu wächst der Druck auf die Branche. Emissionen sollen gesenkt und Ressourcenkreisläufe geschlossen werden. Der Deutsche Ärztetag fordert die Klimaneutralität des Gesundheitswesens [1] und die EU setzt mit Kreislaufwirtschafts- und Rohstoffstrategien den Rahmen [2].

Abb. 1: Das Team Medizintechnik-Recycling am Fraunhofer IWKS bestehend aus von links: Leonie Wenzel, Dr. Romy Auerbach, Daniel Hikisch
Wie „linear“ der Alltag in deutschen Krankenhäusern ist, zeigt ein Blick in die Abfallstatistiken. Eine aktuelle Benchmarkstudie der Hochschule Pforzheim mit 122 Krankenhausstandorten zeigt, dass im Mittel 1.545 kg Abfall pro Bett und Jahr anfällt. Innerhalb der Abfallgruppe 18 01 („Abfälle aus der Diagnose, Behandlung oder Vorbeugung von Krankheiten beim Menschen“) dominiert der nicht infektiöse Abfall (18 01 04) mit rund 95,6 % der Masse [6]. Nach geltendem Abfallrecht wäre ein großer Teil dieses Abfalls stofflich verwertbar, wird aber in der Praxis nahezu vollständig thermisch behandelt [4]. In Bezug auf die Klima- und Ressourcenpolitik ist dieser Sachverhalt problematisch, da auf dieser Grundlage weder die Klimaneutralität noch eine Kreislaufwirtschaft entstehen kann.
In der Praxis dominieren Einwegprodukte die Kliniklandschaft. Häufig kommen Verbundkunststoffe und Hochleistungspolymere zum Einsatz, die mit etablierten mechanischen Recyclingverfahren kaum hochwertig zu verwerten sind.
Gleichzeitig stammen in Deutschland 81 % der gesundheitsbezogenen Emissionen aus dem Bereich Scope 3, also aus eingekauften Gütern und Dienstleistungen [5]. Genau dort finden sich auch die durch Einwegprodukte verursachten Emissionen wieder. Kurz gesagt ist das, was heute in der Klinik als „Abfall“ endet, ein wesentlicher Teil des Klima- und Ressourcenproblems und zugleich ein wichtiger Hebel für Lösungen. Vor diesem Hintergrund braucht es Akteure, die technische Lösungen und neue Konzepte in den Klinikalltag bringen. Genau hier setzt das Fraunhofer IWKS an.
Die Rolle des Fraunhofer IWKS
Im Themenfeld Kreislaufwirtschaft entwickelt das Institut
- ganzheitliche Kreislaufwirtschaftskonzepte,
- innovative Verfahren durch sensorbasierte und KI-gestützte Trenn- und Sortierprozesse,
- Geschäftsmodellentwicklungen,
- Etablierung von Sammel- und Recyclingstrategien,
- sowie Short-loop und Long-loop Recyclingstrategien für sämtliche Wertstoff- und Abfallströme.
Für den Gesundheitssektor bedeutet das sehr konkret, dass aus Wegwerfprodukten Wertstoffquellen werden.
Gemeinsam mit dem Institut für Recycling, Ökologie, Design (IRED) entwickelte das Fraunhofer IWKS bereits 2018 ein Sammel- und Verwertungssystem für Einweg-Instrumente aus Chromstahl. Dabei wurden gebrauchte Instrumente in speziellen Abwurfbeuteln gesammelt, über die klinikinterne Logistik in gesicherte Container verbracht und von dort aus gebündelt direkt in eine Edelstahlschmelze überführt. Die Erprobung in vier deutschen Kliniken zeigte, dass das System hygienisch sicher, praktisch umsetzbar und rechtlich zulässig ist. Eine Risikobewertung ergab keine erhöhten Gesundheits- oder Sicherheitsrisiken gegenüber der bisherigen Entsorgung über den allgemeinen Krankenhausabfall.

Abb. 2: Bestimmung der Materialzusammensetzung einer Endoprothese mittels Röntgenstrahlen (im Bild: Hr. Hikisch)
Auch für typische Verbrauchsprodukte wie Einweghandschuhe, Schutzkleidung oder Wundabdeckungen wäre ein rohstofferhaltendes Recycling der Königsweg. Am Fraunhofer IWKS werden dazu unter anderem Plasmapyrolyse-Verfahren erprobt, mit denen sich aus verunreinigten Kunststoffabfällen Wasserstoff und elementarer Kohlenstoff zurückgewinnen lassen. Solche Verfahren sind gerade für stark kontaminierte Fraktionen interessant, bei denen das mechanische Recycling an seine Grenzen stößt.

Abb. 3: Bestimmung der Materialzusammensetzung einer Endoprothese mittels Röntgenstrahlen (im Bild: Hr. Hikisch)
Herausforderungen und Lösungsansätze
Trotz dieser Fortschritte bleiben Kreislauflösungen in der Medizin noch die Ausnahme. Aus Sicht des Fraunhofer IWKS zeichnet sich ab, dass weitere Schritte erforderlich sind.
Medizinprodukte sind bislang überwiegend nicht recyclinggerecht konstruiert. Aufwendige Verbundmaterialien, fehlende Kennzeichnungen und intransparente Materialdaten erschweren jede hochwertige Verwertung. „Design-for-Recycling“, modulare Bauweisen und digitale Produktpässe könnten hier Abhilfe schaffen und sind zugleich Voraussetzung, um EU-Vorgaben zu erfüllen [2].
Aktuell existieren in Deutschland keine etablierten Verwertungspfade, die dem komplexen Wertgehalt der klinischen Wertstoffe Rechnung tragen. Verschiedene Häuser und Hersteller testen Insellösungen, jedoch fehlt eine flächendeckende Umsetzung. Stoffstromanalysen der deutschen Krankenhäuser können dabei helfen, Ziele zu formulieren und Fortschritte messbar zu machen. Wiederaufbereitete Produkte und Sekundärrohstoffe sollten nicht die Ausnahme darstellen, sondern zum Regelfall werden, während Sicherheit und Qualität gewährleistet sind.
Obwohl die Kreislaufwirtschaft im Gesundheitswesen zunehmend Aufmerksamkeit erhält, verläuft die Umsetzung nur langsam. Die Gründe liegen vor allem in regulatorischen Lücken mit unverbindlichen Vorgaben und einer fehlenden Gesamtstrategie für medizinische Abfälle. Gleichzeitig stehen Kliniken unter starkem ökonomischem Druck durch begrenzte Budgets und Personalmangel. Die Auflagen des Gesundheitsschutzes erschweren eine Zuführung zum Recycling. Oftmals ist das Mengengerüst einzelner Kliniken und Praxen auch nicht hoch genug, um eine ökonomische Logistikkette aufzubauen und eine separate Sammlung ist mit zusätzlichem Aufwand verbunden. Darüber hinaus erschweren technische und organisatorische Hürden eine effiziente Sammlung, Sortierung und Verwertung. Gerade deshalb kommt Forschungseinrichtungen wie dem Fraunhofer IWKS eine Schlüsselrolle zu. Sie können praxistaugliche Technologien entwickeln, diese im Klinikalltag testen, Risiken bewerten, gemeinsam mit Industrie und Kliniken neue Geschäftsmodelle und Logistiklösungen gestalten und unterstützen Politik und Verbände bei der Entwicklung geeigneter Rahmenbedingungen.

Abb. 4: Darstellung modularer Endoprothese: Knieendoprothese mit Schaft

Abb. 5: Darstellung modularer Endoprothesenkomponenten (links: Hüftendoprothese, rechts: Knieendoprothese mit Anhaftungen von Knochenzement)
Die Zukunft – zum Wegwerfen zu schade
Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen ist längst mehr als ein Image-Thema. Sie entscheidet mit über Versorgungsqualität, Versorgungssicherheit und die Glaubwürdigkeit eines Systems, das Gesundheit schützen soll, ohne selbst schädliche Nebenwirkungen zu erzeugen. Hersteller und Nutzer sind aus ökologischen und ökonomischen Gründen gut beraten, die Recyclingquote von Medizinprodukten nachhaltig zu verbessern, um die darin enthaltenen Wertstoffe zurückzugewinnen. Die Datenlage ist klar. Emissionen, Rohstoff- und Abfallmengen sind hoch und die technische Machbarkeit einer Kreislaufführung ist an vielen Stellen belegt.
Das Fraunhofer IWKS begleitet Kliniken, Hersteller und Entsorger entlang der Wertschöpfungskette mit anwendungsnaher Forschung, regulatorischem Verständnis und einem belastbaren Netzwerk. Aufbauend auf den gemeinsam mit dem Institut für Recycling, Ökologie, Design (IRED) erzielten Ergebnissen richtet das Fraunhofer IWKS aktuell den Fokus auf weitere hochwertige Stoffströme wie metallische Einmalinstrumente, hochwertige Verpackungen und auch Explantate, bei denen die Rückgewinnung von Legierungen und Funktionswerkstoffen im Vordergrund steht. In einer intern laufenden Machbarkeitsstudie werden hierzu sichere, rechtlich belastbare und wirtschaftliche Verwertungspfade geprüft.
Als nächster Schritt sollen die validierten Ansätze in den Pilotmaßstab überführt und gemeinsam mit Partnern aus Industrie, Gesundheitswesen und Entsorgungswirtschaft in einem Verbundprojekt weiterentwickelt werden. Welche Stoffströme im Projekt adressiert werden, legen die beteiligten Partner fest.
Informationen und Ansprechpartner finden sich HIER.

Literatur
[1] Bundesärztekammer (2021): TOP Vb Nachtragshaushalt für das Geschäftsjahr 2021/2022 (01.07.2021–30.06.2022) – Bericht über die Beratungen in den Finanzgremien. Berlin: Bundesärztekammer (125. Deutscher Ärztetag, Beschlussprotokoll).
[2] Europäische Kommission (2020): Ein neuer Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft — Für ein saubereres und wettbewerbsfähigeres Europa. Verfügbar unter: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=OJ:L_202401252 (abgerufen am 27.02.2026).
[3] Health Care Without Harm; Arup (2019): Health care’s climate footprint: How the health sector contributes to the global climate crisis and opportunities for action. Verfügbar unter: https://global.noharm.org/resources/health-care-climate-footprint-report (abgerufen am 19.01.2026).
[4] Lukac, S.; Schüler-Toprak, S.; Hasenburg, A.; Goeckenjan-Festag, M. (2025): Nachhaltigkeit in der Klinik – Was können wir tun? Die Gynäkologie 58(6), 373–380. https://doi.org/10.1007/s00129-025-05341-2.
[5] Pichler, P.-P.; Jaccard, I. S.; Hanewinkel, L.; Weisz, H. (2023): Sachbericht zum Projekt: Evidenzbasis Treibhausgasemissionen des deutschen Gesundheitswesens „GermanHealthCFP“. Berlin: Bundesministerium für Gesundheit. Verfügbar unter: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/5_Publikationen/Gesundheit/Abschlussberichte/GermanHealthCFP_Sachbericht.pdf (abgerufen am 27.02.2026).
[6] Vielsack, A. (2025): Benchmarkstudie zur Abfallentstehung an deutschen Krankenhäusern. Verfügbar unter: https://www.hs-pforzheim.de/fileadmin/user_upload/uploads_redakteur/Forschung/IWWT/Projekte/meik/Aktuelle_Benchmarkstudie_Version.pdf (abgerufen am 23.02.2026).
[7] Ostertag, K.; Bratan, T.; Gandenberger, C.; Hüsing, B.; Pfaff, M. (2021): Ressourcenschonung im Gesundheitssektor – Erschließung von Synergien zwischen den Politikfeldern Ressourcenschonung und Gesundheit. Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt (TEXTE 15/2021). Verfügbar unter: https://www.umweltbundesamt.de/publikationen (abgerufen am 27.02.2026).
Korrespondierende Autorin:
Dr. Romy Auerbach
Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS
Alzenau und Hanau
romy.auerbach@iwks.fraunhofer.de
Daniel Hikisch
Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS
Alzenau und Hanau
Leonie Wenzel, M. Eng.
Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS
Alzenau und Hanau
Chirurgie
Hikisch D, Auerbach R, Wenzel L: Nachhaltigkeit in der Medizintechnik – warum sich ein Recycling lohnt. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_02.
Nachhaltigkeit als neue Dimension chirurgischer Versorgungsqualität
Der Klimawandel rückt die ökologische Verantwortung des Gesundheitswesens zunehmend in den Fokus. In den westlichen Industrienationen verursacht das Gesundheitssystem 4–8 % der nationalen Treibhausgasemissionen [1, 2]. Der Operationssaal zählt dabei zu den ressourcen- und energieintensivsten Bereichen eines Krankenhauses und trägt wesentlich zu dessen CO2-Emissionen bei [3]. Lebenszyklusanalysen zeigen, dass ein erheblicher Anteil der Emissionen nicht intraoperativ, sondern in vorgelagerten Produktions- und Lieferketten entsteht. Offene Verfahren sind apparativ weniger komplex, können jedoch durch längere postoperative Verweildauer relativ höhere Gesamtressourcenverbräuche verursachen. Laparoskopische Eingriffe weisen häufig einen erhöhten materialbedingten CO2-Ausstoß auf, profitieren jedoch von verkürzten Krankenhausaufenthalten und reduzierten Komplikationsraten. Robotische Verfahren zeigen derzeit meist die höchsten prozedurbezogenen Emissionen, insbesondere aufgrund energieintensiver Systemtechnik und limitierter Instrumentennutzungszyklen.
Neben der Operationstechnik beeinflussen strukturelle Faktoren wie OP-Auslastung, Energiequelle des Krankenhauses, Instrumentenmanagement und insbesondere die Wahl des Anästhesieverfahrens die Klimabilanz erheblich. Nachhaltige Chirurgie erfordert daher eine systemische, interdisziplinäre Betrachtung. Die ökologische Bewertung chirurgischer Verfahren sollte die gesamte Behandlungskette berücksichtigen. Nachhaltigkeit entwickelt sich damit zu einer zusätzlichen Dimension chirurgischer Qualität, ohne die patientenzentrierte Indikationsstellung zu kompromittieren. Das Ziel dieses Beitrags ist es, den CO2-Fußabdruck offener, laparoskopischer und robotischer Operationsverfahren vergleichend darzustellen und zentrale Einflussfaktoren zu identifizieren.
Emissionsquellen im OP
Die Emissionen entstehen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Lebenszyklusanalysen (Life Cycle Assessments, LCA) zeigen, dass ein großer Anteil der CO2-Last aus Herstellung, Transport und Entsorgung von Medizinprodukten stammt [4, 5]. Relevante Quellen sind:
- Energiebedarf von Raumlufttechnik (Laminar-Flow), Klimatisierung und Beleuchtung
- Stromverbrauch medizinischer Geräte
- Produktion und Entsorgung von Einwegmaterialien
- Sterilisation und Aufbereitung von Mehrweginstrumenten
- Anästhesiegase mit hohem Treibhauspotenzial
- Logistik und Lieferketten
Oft werden 60–80 % der Emissionen vorgelagerten Prozessen zugeschrieben [5]. Die Wahl des Verfahrens beeinflusst somit nicht nur den intraoperativen Verbrauch, sondern auch die industrielle Emissionsbilanz.
Offene Chirurgie
Der CO2-Fußabdruck, ausgedrückt als das CO2-Aquivalent (CO2e), gilt als das direkteste Maß für die verursachte Umweltbelastung eines bestimmten Ereignisses, Methode, Verfahren oder ähnlichem [6]. Daher wurde die Bestimmung des CO2e auch in der Chirurgie untersucht, um das mit der Prozedur verbundene Ausmaß der Umweltbelastung quantifizieren zu können.
Offene Eingriffe sind apparativ weniger komplex als minimalinvasiver Verfahren. So entfallen etwa Insufflatoren, Videotürme oder Robotersysteme. Insgesamt ist die Datenlage zum CO2-Fußabdruck der offenen Chirurgie schmal. Wenige Daten zu gynäkologischen Prozeduren suggerieren eine bessere CO2-Bilanz offener Operationen im Vergleich zur minimalinvasiven Technik [7, 8]. Im direkten OP-Vergleich zeigen sich teils geringere gerätebezogene Emissionen [4]. Dieser Vorteil relativiert sich jedoch bei Einbezug postoperativer Faktoren. Längere Verweildauer, höherer Analgetikabedarf und potenziell mehr Wundkomplikationen können den stationären Ressourcenverbrauch erhöhen [3]. Eine valide ökologische Bewertung muss daher die gesamte Behandlungskette berücksichtigen.
Minimalinvasive Chirurgie
Die minimalinvasive Chirurgie erfordert neben der CO2-Insufflation, Video- und Lichtsysteme sowie häufig Einweg-Trokare und Energieinstrumente. Für einzelne Eingriffe wurde ein erhöhter materialbedingter CO2-Ausstoß gegenüber offenen Verfahren beschrieben [4]. Robotische Systeme erhöhen Präzision und Ergonomie, gehen jedoch mit zusätzlichem apparativem Aufwand einher: höherer Energiebedarf, komplexe Herstellung der Plattform sowie limitierte Nutzungszyklen der Instrumente. Vergleichende Analysen berichten häufig die höchsten prozedurbezogenen Emissionen für robotische Eingriffe [7]. Haupttreiber sind Produktion und begrenzte Wiederverwendbarkeit der Instrumente. Gleichzeitig sind postoperative Vorteile gut belegt: weniger Schmerzen, geringere Komplikationsraten, kürzere Liegedauer [3, 6]. Diese Effekte reduzieren stationäre Ressourcen und können die Gesamtbilanz verbessern. Präzisere Daten hinsichtlich des CO2-Fußabdruckes kommen wieder aus der Gynäkologie. Robotische Operationen, wie die robotisch-assistierte Hysterektomie, weisen dabei im Vergleich zur laparoskopischen Technik ein höheres CO2e auf. Im Durchschnitt entsteht bei einer robotischen Hysterektomie ein CO2e von 40,3 kg pro Patientin im Vergleich zu 29,9 kg CO2e pro Patientin im Rahmen einer laparoskopischen Hysterektomie oder 22,7 kg CO2e pro Patientin bei einer konventionell offenen Hysterektomie [7, 8]. Damit verursacht eine robotische Hysterektomie durchschnittlich eine höheres CO2e verglichen mit den laparoskopischen bzw. offenen Operationstechnik (p<0,01). Im Vergleich dazu weisen andere chirurgische Prozeduren ein deutlich niedrigeres CO2e auf. Eine minimalinvasive Emulsifikation der Augenlinse führt zu einem CO2e von 6 kg pro Fall [10]. Die CO2-Emission wird dabei insbesondere durch die notwendige Energie und die Entsorgung des entstandenen Mülls verursacht.

Abb. 1: Vergleich des CO2-Fußabdrucks von offenen Operationen, Laparoskopie und Robotik, Emissionsquellen im OP und Reduktionsstrategien.
Bei der minimalinvasiven Chirurgie wird die CO2-Emission einerseits durch die Insufflation des Gases zur Herstellung eines Pneumoperitoneums verwendet [10]. Das dadurch versuchte CO2e akkumuliert sich im Jahr auf geschätzte 355.294 Tonnen CO2, die in den USA jährlich durch laparoskopische oder robotische Operationen verursacht werden [11]. Dennoch ist die reine CO2-Insufflation und der damit verbundene Ausstoß von Treibhausgasen nicht der einzige Grund für das hohe CO2e der minimalinvasiven Chirurgie. Alle für die Sterilisation der Instrumente notwendige Energie, der Energieverbrauch der Geräte an sich (Strom-Applikator für die monopolaren oder bipolaren Koagulationsgeräte oder der Monitor), der OP-Beleuchtung oder der durch die Anästhesie verursachte Verbrauch an CO2 hat einen erheblichen Anteil an dem CO2e minimalinvasiver Operationen [10]. Hier zeigt sich zugleich eine Möglichkeit, das CO2e zu reduzieren. Dazu gehört beispielsweise die Verwendung von total intravenösen Narkoseführungen und der Verzicht auf Gasnarkosen [12]. Allein durch die Verwendung der total intravenösen Anästhesie (TIVA) kann eine Reduktion des CO2e um knapp ein Drittel erreicht werden [12, 13].
Strukturelle Faktoren
Zentrale Ansätze zur Reduktion der CO2-Belastung minimalinvasiver Operationen sind standardisierte OP-Sets, die Reduktion unnötiger Einwegkomponenten und – wo sicher möglich – der Einsatz von Mehrweginstrumenten [15]. Neben dem Verfahren wirken OP-Dauer, Saalauslastung, Energiequelle der Klinik, Wiederaufbereitung und Abfallmanagement auf die Bilanz. Green-OR-Initiativen zeigen relevante Reduktionen ohne Einbußen der Patientensicherheit [15, 16]. Optimierte Instrumentensiebe, Verpackungsreduktion, Recyclingprogramme und energieeffiziente Raumlufttechnik sind wirksame Maßnahmen. Eine erneuerbare Stromversorgung verbessert die Bilanz aller Verfahren deutlich [16].
Fazit
Der OP ist ein Emissions-Hotspot. Offene Verfahren sind apparativ weniger komplex, aber nicht automatisch klimafreundlicher. Laparoskopische Eingriffe verursachen höhere Materialemissionen, können durch kürzere Verweildauer kompensieren. Robotische Operationen zeigen derzeit meist die höchsten prozedurbezogenen Emissionen. Entscheidend ist die systemische Optimierung der chirurgischen Versorgung. Die Indikationsstellung bleibt primär patientenorientiert. Klimaschutz darf die Behandlungsqualität nicht kompromittieren. Sind Verfahren klinisch gleichwertig, kann die ökologische Bilanz jedoch ein legitimer Entscheidungsfaktor sein. Nachhaltigkeit wird damit zu einer zusätzlichen Dimension chirurgischer Qualität. Die entscheidende Frage lautet daher nicht „Welches Operationsverfahren ist am nachhaltigsten?“, sondern „Wie gestaltet man chirurgische Versorgung insgesamt klimaverträglicher?“. Nachhaltiges Handeln und achtsames Operieren wird damit zu einer neuen Qualitätsdimension chirurgischer Exzellenz.
Literatur
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