Vorwort

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Warum ist „der Chefarzt“ so oft ein Mann, obwohl heute zwei Drittel der Medizinstudierenden Frauen sind? Diese Frage ist mehr als eine statistische Auffälligkeit – sie verweist auf ein strukturelles Problem, das gerade chirurgische Fachdisziplinen seit Jahrzehnten begleitet.

Auf dem Weg in Führungspositionen verlieren wir hochqualifizierte Ärztinnen. Nicht, weil ihnen Kompetenz, Ehrgeiz oder Führungswille fehlen, sondern weil sich entlang der Karriereleiter Hürden auftürmen, die häufig unsichtbar bleiben. Diese „gläserne Decke“ entsteht nicht durch eine einzelne Entscheidung, sondern durch viele kleine Benachteiligungen, die sich im Laufe eines Berufslebens summieren.

Der Fachkräftemangel prägt die Zukunft der medizinischen Versorgung. Umso weniger können wir es uns leisten, auf einen großen Teil unseres Potenzials zu verzichten. Chancengleichheit in der Chirurgie ist deshalb keine Frage irgendeiner politischen Symbolik, sondern eine Voraussetzung für Exzellenz, Innovation und eine zukunftsfähige chirurgische Versorgung.

Der vorliegende Beitrag beleuchtet die Ursachen dieser Entwicklung und zeigt mögliche strukturelle Veränderungen auf, damit die Frage „Warum ist der Chefarzt selten eine Frau?“ eines Tages ihre Aktualität verliert.

Erhellende Lektüre
Prof. Dr. med. C. J. Krones und Prof. Dr. med. D. Vallböhmer

Frauen stellen heute rund zwei Drittel der Medizinstudierenden in Deutschland. Betrachtet man jedoch die chirurgischen Fächer, zeigt sich entlang der Karriereleiter ein völlig anderes Bild: Mit jeder Hierarchiestufe nimmt der Frauenanteil deutlich ab. Während immer mehr junge Ärztinnen den Weg in die Chirurgie wählen, bleiben Chefarztpositionen nach wie vor überwiegend Männern vorbehalten. Die Bundesärztestatistik (2025 – Bundesärztekammer) zeigt eine Entwicklung von leitenden Chirurginnen mit einem Anteil von 2,1 % im Jahr 2000 auf 9,9 % im Jahr 2024. Würde diese Entwicklung linear so weitergehen, hätten wir erst im Jahr 2148 ein ausgeglichenes Verhältnis leitender Chirurginnen und Chirurgen, was dann immer noch nicht dem Frauenanteil in der Medizin von aktuell zwei Drittel entspräche.

Leaky Pipeline und Gläserne Decke

Den Verlust weiblicher Talente während zunehmender Qualifikationsstufen nennt man Leaky Pipeline, die Gläserne Decke bezeichnet das Phänomen, dass Frauen die oberen Hierarchiestufen nicht erreichen. Sehr eindrücklich wurde diese Schere anhand einer Erhebung der Personalstruktur in der Herzchirurgie aus dem Jahr 2000 gezeigt [1], siehe Abbildung 1. Es handelt sich um eine unsichtbare Barriere, die Karrieren begrenzt, obwohl formale Zugangshindernisse längst nicht mehr bestehen. Die Decke ist deshalb „gläsern“, weil sie kaum sichtbar ist. Es gibt selten eine einzelne Entscheidung oder offensichtliche Benachteiligung. Vielmehr entsteht sie durch das Zusammenwirken zahlreicher Faktoren.

Abb. 1: (aus [1]): Anteil und Verhältnis von Frauen zu Männern in deutschen herzchirurgischen Fachabteilungen je Hierarchieebene

Gender Gap

Trotz der allgemeinen Auffassung, dass wir bereits einen hohen Grad an Gendergerechtigkeit erreicht haben, gehört die Medizin zu den fünf Berufsgruppen mit dem größten Gender Pay Gap (Statistisches Bundesamt). Der Gender Pay Gap in der Medizin entsteht trotz der Tarifverträge, weil Männer häufiger in besser bezahlten Fachrichtungen wie der Chirurgie arbeiten und mehr Führungspositionen bekleiden, die außertariflich bezahlt werden. Zudem übernehmen Frauen statistisch mehr Teilzeitstellen und leisten weniger zuschlagspflichtige Dienste. Beachtenswert sind auch weitere Phänomene, wie der Gender Award Gap. In der Herzchirurgie wurde beispielsweise der Ernst-Derra-Preis („wer den gewinnt, wird sicher Chef“), in über 50 Jahren erst einmal einer Frau verliehen – und die war keine Herzchirurgin (Chronik Preisträger – DGTHG).

Rollenbilder und Stereotype

Traditionelle Rollenbilder und fest verankerte Stereotype spielen nicht nur in der Medizin oder der Chirurgie eine entscheidende Rolle und sind schwer zu überwinden. Dass diese verankerten stereotypen Auffassungen bei Männern und Frauen gleichermaßen vorkommen, zeigt eine Studie aus 2011. Hier wurden amerikanische Studierende befragt, welche Studienfächer wohl das höchste Maß an Genialität und Brillanz erfordern. Interessanterweise wurden diejenigen Fächer genannt (z. B. Mathematik oder Physik), die den höchsten Anteil männlicher Professoren aufweisen [2].

Die Care Arbeit wird auch heute noch überwiegend von Frauen übernommen. Von Eltern mit einem Kind unter drei Jahren sind in Deutschland 44,3 % der Frauen in Elternzeit, aber nur 3,1 % der Männer (Personen in Elternzeit – Statistisches Bundesamt). Auch die Teilzeitquote von Frauen im Alter von 15 bis 65 Jahren ist mit 48,7 % deutlich höher als die von Männern (12,2 %, Teilzeitquote nach Geschlecht in der Altersgruppe 15 bis unter 65 Jahren – Statistisches Bundesamt). Diese Daten zeigen das Gesamtbild in Deutschland, Daten für Chirurgen und Chirurginnen gibt es kaum. Doch gerade in der Chirurgie können längere Elternzeiten und anschließende Teilzeittätigkeit den kontinuierlichen Aufbau operativer Erfahrung sowie den wissenschaftlichen und klinischen Karriereweg erschweren. Dies betrifft insbesondere die Phase, in der wesentliche Weichen für Oberarzt- und Führungspositionen gestellt werden. Umso wichtiger sind gezielte Fördermaßnahmen, die diesen strukturellen Nachteilen entgegenwirken. So sollten eine angemessene Umsetzung des Mutterschutzgesetzes zur Ermöglichung des Operierens in der Schwangerschaft (Startseite (OPidS) | OPidS), eine Kultur des positiven Umgangs mit Elternschaft im Team, und Strategien zur Wiedereingliederung mit Weiterführung der chirurgischen Karriere innerhalb der Chirurgie feste Bestandteile der strategischen Personalentwicklung jeder chirurgischen Klinik sein.

Karriereplanung

Entgegen der häufig geäußerten Annahme streben Frauen Führungspositionen grundsätzlich in vergleichbarem Maße an wie ihre männlichen Kollegen [1, 3, 4]. Mehrere Umfragen unter Chirurginnen und chirurgischen Weiterbildungsassistent:innen zeigen eine hohe Karriereorientierung sowie den ausdrücklichen Wunsch, klinische Führungsverantwortung mit Familie zu vereinbaren. Die wesentlichen Unterschiede liegen weniger in den Karrierezielen als vielmehr in den wahrgenommenen strukturellen Barrieren auf dem Weg dorthin. Frauen scheitern folglich nicht an fehlender Qualifikation oder fehlendem Ehrgeiz. Vielmehr wirken häufig strukturelle Mechanismen: Sie werden seltener für Schlüsselaufgaben vorgeschlagen, verfügen über weniger einflussreiche Netzwerke und sind in wissenschaftlichen sowie klinischen Führungspositionen nach wie vor unterrepräsentiert. Auch der oben genannte Gender Award Gap, weniger Vortragseinladungen und weniger übertragene Leitungsfunktionen spiegeln diese Unterschiede wider und beeinflussen wiederum die Sichtbarkeit zukünftiger Führungspersönlichkeiten. Dadurch entstehen Nachteile, die sich über den gesamten Karriereverlauf kumulieren.

Role Models

Gerade deshalb kommt weiblichen Vorbildern eine besondere Bedeutung zu. Sichtbare Chefärztinnen, Klinikdirektorinnen oder wissenschaftliche Leiterinnen zeigen jungen Kolleginnen, dass Führungsverantwortung in der Chirurgie erreichbar ist. Gleichzeitig tragen sie dazu bei, tradierte Rollenbilder aufzubrechen und den Kreis derjenigen zu erweitern, die bei der Besetzung verantwortungsvoller Positionen selbstverständlich mitgedacht werden.

Netzwerke

Frauen berichten häufig, dass sie für verantwortungsvolle Aufgaben oder Führungspositionen schlicht nicht „auf dem Schirm“ waren. Sichtbarkeit entsteht häufig über Netzwerke – und genau diese wurden in der Chirurgie über Jahrzehnte überwiegend von Männern aufgebaut. Eine erfreuliche Entwicklung ist die Etablierung weiblicher Netzwerke in den vergangenen Jahren, wie Die Chirurginnen e. V., das Netzwerk Herzchirurginnen, Women in Thoracic Surgery u. a. Sie schaffen Möglichkeiten zum fachlichen Austausch, fördern Mentoring, machen Expertinnen sichtbar und unterstützen Frauen dabei, wissenschaftliche und klinische Karrieren aktiv zu gestalten. Solche Netzwerke ersetzen keine strukturellen Veränderungen, können diese jedoch wirkungsvoll begleiten und beschleunigen.

Fazit

Die Ursachen der Gläsernen Decke sind somit komplex. Umso wichtiger ist es, Diversität nicht dem Zufall zu überlassen, sondern als strategische Führungsaufgabe zu verstehen. Kliniken sollten deshalb ein schriftlich formuliertes Diversitätskonzept entwickeln, das konkrete Ziele, Verantwortlichkeiten und Maßnahmen definiert und überprüft. Wie eingangs vorgerechnet, würde es noch 150 Jahre dauern, wenn man die Weiterentwicklung sich selbst überlässt, was angesichts hohen Zahl Medizinstudentinnen und des damit verbundenen Verlusts vorhandenen Potenzials nicht akzeptabel ist.

Dieser Artikel enthält zahlreiche Verweise auf weiterführende Informationen. Alle Links stehen Ihnen in der Online-Version der PASSION CHIRURGIE auf BDC|Online direkt zum Anklicken zur Verfügung.

Literatur

[1]   Hanke, J.S., Färber, G., Beckmann, A. et al. Frauen in der Herzchirurgie. Z Herz- Thorax- Gefäßchir 37, 252–262 (2023). https://doi.org/10.1007/s00398-023-00565-7

[2]   Leslie, Sarah-Jane & Cimpian, Andrei & Meyer, Meredith & Freeland, Edward. (2015). Expectations of Brilliance Underlie Gender Distributions Across Academic Disciplines. Science (New York, N.Y.). 347. 262-5. 10.1126/science.1261375.

[3]   Radunz S, Hoyer DP, Kaiser GM, Paul A, Schulze M. Career intentions of female surgeons in German liver transplant centers considering family and lifestyle priorities. Langenbecks Arch Surg. 2017 Feb;402(1):143-148. doi: 10.1007/s00423-016-1434-z. Epub 2016 Apr 21. PMID: 27102324.

[4]   Gray K, Neville A, Kaji AH, Wolfe M, Calhoun K, Amersi F, Donahue T, Arnell T, Jarman B, Inaba K, Melcher M, Morris JB, Smith B, Reeves M, Gauvin J, Salcedo ES, Sidwell R, Murayama K, Damewood R, Poola VP, Dent D, de Virgilio C. Career Goals, Salary Expectations, and Salary Negotiation Among Male and Female General Surgery Residents. JAMA Surg. 2019 Nov 1;154(11):1023-1029. doi: 10.1001/jamasurg.2019.2879. PMID: 31461140; PMCID: PMC6714007.

Prof. Dr. Sabine Bleiziffer

Chefärztin

Klinik für Herzchirurgie

Zentralklinik Bad Berka GmbH

Robert-Koch-Allee 9 • 99437 Bad Berka

sabine.bleiziffer@zentralklinik.de

www.zentralklinik.de

Gesundheitspolitik

Bleiziffer S: BDC-Praxistest: Zwischen Skalpell und gläserner Decke – warum der Chefarzt selten eine Frau ist. Passion Chirurgie. 2026 September; 16(09/III): Artikel 05_02.

www.bdc.de/

Unser Format BDC|Schnittstelle präsentiert in regelmäßigen Abständen Persönlichkeiten aus den BDC|Landesverbänden. Heute im Fokus: Professorin Carolin Tonus, Vorsitzende des Landesverbands BDC|Hamburg

1. Frau Professorin Tonus, welchen Auftrag haben Sie sich für Ihren Landesverband auf die Fahne geschrieben?
Wir mussten nach der Pandemie den Landesverband regelrecht reanimieren. Dieses Jahr hatten wir dann wieder eine gut besuchte und spannende Jahrestagung im November. Wir bleiben dran, das Interesse an der regionalen Verbandsarbeit nachhaltig zu wecken.

2. Welches Thema liegt Ihnen für Hamburg in den nächsten Jahren besonders am Herzen?
Für die Chirurgenschaft möchte ich einen starken Verbund in diesem wunderbaren Stadtstaat Hamburg kreieren mit einem Dreigestirn aus Niederlassung, MVZ und Klinik. Der BDC soll für alle Chirurgen und Chirurginnen in Hamburg eine Heimat bieten mit relevanten Themen und Aufgaben.

3. Wie möchten Sie es mit ihrem Verband anpacken? Wen und was benötigen Sie dafür? Was sind die Hürden?
Wir möchten Jüngere für den Vorstand gewinnen. Wir haben uns dazu überlegt, dass wir die Assistenzarztsprecher:innen, die schon einen recht guten Überblick in die beruflichen Strukturen haben, in die BDC-Geschäftsstelle einladen. Mein Plan ist, mit ihnen nach Berlin zu reisen. Gemeinsam mit dem BDC-Vorstand möchte ich den Interessierten die Verbandsarbeit näherbringen und sie dafür begeistern. Ich halte das für ein schönes Pionierprojekt!

4. Welche Verantwortung und welchen spezifischen Einfluss auf die Politik haben die Landesvertretungen des BDC aus Ihrer Sicht?
Wir befinden uns in Zeiten der Veränderung und der Reformation, daher sind mir zwei Dinge wichtig: Wir wollen daran aktiv mitwirken und gestalten. Wir sehen uns dabei wie gesagt als Interessensvertretung für alle, Niedergelassene wie Angestellte in Klinik und MVZ. Der BDC muss sich hier meiner Meinung nach sehr breit aufstellen. Und ich meine außerdem: Nur die, die Herzen gewinnen und begeistern, werden in Zukunft Erfolg haben. Das gilt überall: Im beruflichen, chirurgischen wie auch im Verbandsumfeld.

5. Was wünschen Sie sich für Ihren Landesverband und die BDC Landesverbände in den nächsten Jahren nach innen und nach außen?
Der BDC ist der größte chirurgische Verband in Europa. Die BDC-Landesverbände haben die Möglichkeit, als starker Verbund zu agieren. Mir persönlich gefällt diese Struktur, aber auch mit welchem persönlichen Engagement meine Kolleg:innen dabei sind. Für den Landesverband Hamburg wünsche ich mir, dass wir eine Vorbildfunktion einnehmen können und Strahlkraft gewinnen. Ich möchte mit meinem Landesverband beweisen, dass wir für die Menschen, die in der Chirurgie arbeiten, Erfolge erzielen können!

6. Warum lohnt sich als BDC Mitglied ein Engagement in den Landesverbänden, und wer kann/sollte für ein Mandat kandidieren?
Hier hast du die Chance, etwas positiv zu begleiten und zu gestalten. Wichtig dabei ist, dass man kein Amt aus Eitelkeit bekleidet oder nur, weil man einen Titel tragen möchte. Das Interesse muss immer intrinsisch sein, aus eigener Überzeugung kommen. Ich möchte für die Chirurgie etwas bewirken. Ich bin ein absoluter Überzeugungstäter!

Privat

 

Kurzporträt Professorin Dr. med. Carolin Tonus

Proessorin Dr. Carolin Tonus, Chefärztin der Allgemein- und Visceralchirurgie in der Asklepios Klinik St. Georg, Hamburg

Professorin Tonus ist seit über 32 Jahren durchweg Vollzeit in der Chirurgie tätig. Bereits mit vierzig Jahren wurde sie Chefärztin und begleitet seit vielen Jahren das ärztliche Direktoriat. Sie ist eine der wenigen Ärzt:innen, die sich von extern habilitiert haben. Seit rund zehn Jahren ist Tonus zudem Aufsichtsrätin eines privaten Trägers auf der Arbeitgeberbank. Über Jahrzehnte im BDC in unterschiedlichsten Funktionen aktiv, seit 2021 Landesverbandsvorsitzende für Hamburg. Das chirurgische Herz schlägt ihr als Mitglied in verschiedenen Fachgesellschaften. Professor Tonus hat einen Sohn und ist mit einem Chirurgen verheiratet. Privaten Ausgleich findet sie beim Fußball, „leidet“ seit Jahren mit ihrem HSV.

Professorin Carolin Tonus‘ Homepage: carolintonus.de

Der BDC|Landesverband Hamburg
Kurzpräsentation BDC-Landesverband Hamburg 2023 im PDF-Format

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