Politik 01.02.2012
Editorial: Erleichtert aufatmen…
… könnte man, liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn man das zum Jahresbeginn in Kraft getretene Gesundheitsstrukturgesetz betrachtet. Erstmals seit Jahren restriktiver Kostendämpfung und immer absurder werdender dirigistischer Regulation werden wir nicht mit neuen Grenzen konfrontiert, sondern bekommen etwas Luft in der Gestaltung unserer Patientenversorgung. Ein erleichtertes Aufatmen signalisiert ein Ende von Bedrohung. Ist das so?
Ich fürchte nein. Eher ist es ein zwischenzeitliches Luftholen Ertrinkender, denn die nächste Welle kommt mit Sicherheit. Dazu muss man gar nicht eine mögliche Veränderung der Regierungskonstellation mit entsprechend veränderten ideologischen Ansätzen bemühen. Es genügt der einfache Blick auf die zu erwartenden demographischen Veränderungen, die zwangsläufig zu fundamentalen Umwälzungen in unseren sozialen Sicherungssystemen führen und damit auch den Bereich Gesundheitsversorgung betreffen werden. Es wird unausweichlich notwendig werden, über Rationierung, Priorisierung und Finanzierung zu sprechen, auch wenn alle Protagonisten diese Themen meiden wie der Teufel das Weihwasser. Wenn es ums Geld geht, sind die Fronten unverändert verhärtet, die GOÄ-Reform geht, wenn überhaupt, nur äußerst zäh voran und wird jedenfalls nicht mehr Finanzmittel freigeben als bisher vorhanden sind, wenn wir nicht unsere Patienten mit noch höheren Prämien belasten wollen. Gleiches gilt für den Bereich der GKV. Jede noch so berechtigte Forderung der Ärzteschaft findet ihre Grenzen bei der Frage der Zumutbarkeit von Solidarbeiträgen der Bürger.
Wir müssen also nach anderen Wegen suchen, und diese lassen sich im neuen Gesetz zumindest erahnen. Ausdrücklich werden strukturelle Veränderungen, insbesondere in der Verflechtung der bisherigen Versorgungsebenen ermöglicht, wenn auch nicht bindend vorgeschrieben. Leider ist die sektorale Trennung zwischen stationär und ambulant nach wie vor auch in den Köpfen vieler Einzelner verhaftet. Wir müssen jetzt und sofort die Angebote des Gesetzgebers mit Leben füllen und Kooperationen herstellen. Denken Sie immer daran, dass ein nächstes Gesetz die heutigen Optionen mit einem Federstrich wegfegen kann, wenn nicht rechtzeitig Tatsachen geschaffen werden, die nicht mehr wegzuregeln sind.
Nehmen Sie sich bitte die Zeit, in dieser Ausgabe der Passion Chirurgie die Aussagen von Prof. Beske zu den Konsequenzen der demographischen Entwicklung und die Analyse des Gesetzes zu studieren. Ich denke, dass Sie dann mit mir übereinstimmen werden, dass nur Gemeinsamkeit helfen kann, ein Desaster abzuwenden. Wir im BDC haben die große Chance, diesbezüglich eine Vorreiterrolle zu übernehmen, weil wir in unserer Mitgliederschaft alle Chirurginnen und Chirurgen unabhängig von Ihrer Dienststellung, ihrem Versorgerstatus und ihrer sonstigen Gruppenzugehörigkeit vereinen. Wir könnten Modelle entwickeln und etablieren, die innovativ und zukunftsorientiert sind. Aber wie immer braucht es dazu Protagonisten, die bereit sind, mit persönlichem Einsatz die Dinge voranzubringen. Große Veränderungen beginnen nun einmal immer in kleinen Keimzellen. Wir werden gerne erste Erfahrungsberichte breit kommunizieren und tun dies bereits in einer vom BDC organisierten Sitzung anlässlich des diesjährigen Chirurgenkongresses in Berlin. Aber ohne Ihre Mithilfe sind auch wir machtlos.
Um das Eingangsbild nochmals zu bemühen: Ich sehe uns Ärzte kurz an die Oberfläche kommen, um Luft zu schnappen. Aber wir sollten die Gelegenheit nutzen, auf dem Wasser schwimmende Balken auch zu ergreifen, diese zu einem Floß zusammenzufügen und damit den kommenden Stürmen zu trotzen. Tun wir es nicht, versinken wir wieder.
Rüggeberg, J. Erleichtert aufatmen. Passion Chirurgie. 2012 Februar; 2(2): Artikel 01_01.
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