01.12.2019

Ein Jahr Fasciotens – Das berichten Anwender

Avatar
Korrespondierender Autor kein Autor

Vor einem Jahr haben wir bereits über die zwei Chirurgen Dr. Gereon Lill und Dr. Frank Beyer berichtet, die aus einer Not eine Tugend gemacht haben. Sie haben ein neues Produkt auf den Markt gebracht, um die medizinische Versorgung des offenen Abdomens grundlegend zu verbessern. Ein steiniger Weg, der langsam, aber sicher Früchte trägt. Ein Jahr nach der Markteinführung von Fasciotens Abdomen haben wir Anwender nach ihren Erfahrungen gefragt.

Was ist Fasciotens?

Verschiedene Erkrankungen, wie schwere Infektionen, postoperative Komplikationen oder Verletzungen bedingen die Notwendigkeit, einen Bauch offen belassen zu müssen. Das daraus resultierende Hauptproblem ist das Zurückweichen der Bauchdecke, welches einen späteren Bauchverschluss oft unmöglich macht. Der Ansatz, die Bauchdecke bei eröffnetem Bauchraum anzuspannen und das intraabdominelle Volumen zu vergrößern, ist völlig neu. Fasciotens Abdomen verfolgt diesen neuen Ansatz und wurde aus dem chirurgischen Alltag von Chirurgen entwickelt und in Zusammenarbeit mit Experten für Medizintechnik konzipiert.

PC: Fasciotens Abdomen ist ja bei Betrachtung ein recht großes Medizinprodukt, das auf dem Patienten während der intensivmedizinischen Therapie verbleibt. Wie schwierig ist es, den Angehörigen und der Pflege diese Therapie näherzubringen?

Kalff: Hier kommt es sehr auf die Erfahrungen im Team an. Man muss zur Etablierung der Technik alle Beteiligten gut informieren und aufklären. Wenn dann die ersten Anwendungen erfolgt sind, überzeugen die Ergebnisse und die damit verbundenen guten Erfahrungen, wie z. B. frühzeitiger Bauchdeckenverschluss. Dies überzeugt letztendlich die Pflegenden und ein wenn auch geringfügig erhöhter pflegerischer Mehraufwand wird dann gerne in Kauf genommen. Die gemachten Erfahrungen werden stets im gesamten Team in positiver Weise an die Angehörigen weitergegeben. Auch hier stellt sich dann letztendlich meist ein hohes Maß an Zufriedenheit ein.

Abb. 1: Offenes Abdomen nach Leriche Syndrom und abdominellen Kompartmentsyndrom bei retroperitonealem Hämatom; initialer Faszienabstand = 16 cm.

PC: War die Implementierung dieser Technik in Ihrer Klinik schwierig?

Stoffels: Nein, die Anästhesie hatte initial Sorgen bezüglich des Drucks auf den Thorax. Nachdem hier diese Sorge durch eine unveränderte Beatmungssituation unter Therapie und nach Abnahme des Geräts entkräftet wurde, gab es diesbezüglich keine Einwände. Das System ist leicht anwendbar und intuitiv konzipiert, sodass wir chirurgischen Kollegen von Anfang an wenig Berührungsängste hatten. Die Patienten können auch problemlos mit dem System gelagert werden.

PC: Welche Indikationen sehen Sie für eine Anwendung von Fasciotens Abdomen als geeignet an?

Kalff: Alle Patienten mit offenem Abdomen bei entsprechend hohem intraabdominellen Druck, um einen schnelleren Verschluss der Bauchdecken zu erzielen und somit Komplikationen zu vermeiden und ggfs. Kosten zu sparen. Insbesondere geeignet sind Patienten, die in absehbarer Zeit nicht direkt verschlossen werden können (z. B. aufgrund eines septischen Fokus, Z. n. Herdsanierung bei Peritonitis etc.).

PC: Wie viele Patienten haben Sie bisher in Ihrer Klinik behandelt und was waren die zugrundeliegenden Erkrankungen?

Abb. 2: Anlage Fasciotens Abdomen in Kombination mit einer Vakuumtherapie. Kontinuierliche Zugaufbringung von 40-80 Newton (je nach Patientengegebenheiten) während der Zeit des offenen Abdomens.

Stoffels: Insgesamt waren es fünf Patienten (abdominelles Kompartmentsyndrom (ACS) nach Laktatazidose, ACS bei nekrotisierender Pankreatitis, ACS nach retroperitonealer Blutung, ACS nach Mesenterialischämie und Duodenalulcus, ACS nach Reanimation).

PC: Gab es Komplikationen bei den Patienten?

Stoffels: Bei einem Patienten gab es eine oberflächliche Blasenbildung und Hautablösung unter einer der beiden Auflageflächen, die im weiteren Verlauf folgenlos abheilte. Ansonsten gab es keinerlei gerätespezifische Probleme. Auch durch die Thoraxkompression gab es keine Beeinträchtigungen der Vital- und Beatmungsparameter.

Anwendung in der ALLGEMEINchirurgie

PC: Was war der Grund für Sie, eine derart neuartige Therapie für Ihre Patienten mit offenem Abdomen in Betracht zu ziehen?

Knoefel: Durch die offene Behandlung des Abdomens wird ja in erster Linie das Ziel verfolgt, den intraabdominellen Druck zu senken. Sobald diese Behandlung aber mehrere Tage dauert, retrahieren sich die Faszien und wir haben alle immer wieder Probleme bei diesen Patienten, nach Kontrolle des intraabdominellen septischen Fokus, die Bauchdecke zu verschließen um nicht große Hernien zu verursachen oder gar einen Fistelbauch.

PC: Welche Vorteile hat die neue Therapie gegenüber der herkömmlichen Therapie offener Abdomen?

Knoefel: Durch den Zug der Faszien nach vorne, also ventral, wird zum einen ein Retrahieren der Faszien vermindert oder sogar verhindert, zum anderen entlastet das Verfahren den intrabdominellen Raum maximal. Nicht einmal die Bauchdecken üben ihren Druck auf das Intestinum, die Leber etc. aus.

PC: Macht eine Fasziendehnung ausschließlich bei Patienten mit einem offenen Abdomen Sinn?

Abb. 3: Faszien-/Bauchwandverschluss nach 6 Tagen, subkutaner Wundinfekt abgeheilt

Knoefel: Wie schon gerade ausgeführt, könnte es durchaus auch beim abdominellen Kompartment einen zusätzlichen Benefit bringen. Untersuchungen zur Anwendung bei großen Bauchwandhernien laufen ebenfalls, erste vielversprechende Berichte gibt es bereits.

PC: Eines der Ziele bei der Behandlung offener Abdomen ist der schnellstmögliche Faszienverschluss. Glauben Sie mittels der neuen Technik diesem Ziel näherzukommen?

Knoefel: Da die Retraktion der Faszien zumindest verzögert, wenn nicht sogar verhindert wird, lässt sich, wenn es gelingt den Fokus zu sanieren, in unserer Erfahrung auf jeden Fall ein zügiger Faszienverschluß erreichen. Wieviel Tage damit allerdings gewonnen werden können, ist noch nicht hinreichend wissenschaftlich belegt.

PC: Wie viele Patienten haben Sie bisher in Ihrer Klinik behandelt und was waren die zugrundeliegenden Erkrankungen?

Knoefel: Insgesamt waren es sechs Patienten: dreimal Pankreatitis, zwei Magenperforationen und eine Sigmaperforation.

Die Anwender

Univ.-Prof. Dr. med. Jörg C. Kalff
Direktor
Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie
Universitätsklinikum Bonn
Venusberg-Campus 1
53127 Bonn
kalff@uni-bonn.de
www.chirurgie-unibonn.de

 

PD Dr. med. Burkhard Stoffels
Oberarzt
Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie
burkhard.stoffels@ukbonn.de
www.chirurgie-unibonn.de

 

 

 

 

Univ.-Prof. Dr. med. Wolfram T. Knoefel
Direktor
Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Kinderchirurgie
Universitätsklinikum Düsseldorf
Moorenstr. 5
40225 Düsseldorf
knoefel@uni-dusseldorf.de
www.uniklinik-duesseldorf.de

Ansprechpartner für Rückfragen

Dr. med. Gereon Lill
Geschäftsführer
Fasciotens GmbH
Aachener Str. 1053-1055
50858 Köln
lill@fasciotens.de

Dr. med. Frank Beyer
Geschäftsführer
Fasciotens GmbH
beyer@fasciotens.de

BDC. Ein Jahr Fasciotens – Das berichten Anwender. Passion Chirurgie. 2019 Dezember, 9(12): Artikel 03_02.

Sie möchten weiterlesen?


Vorteile für BDC-Mitglieder

  • Vergünstigungen bei allen Fort- und Weiterbildungen

  • Exklusive BDC+ Artikel zu aktuellen Themen

  • Umfassendes Webinar- und E-Learning-Angebot

  • Rechtsberatung inklusive

  • Berufs-Haftpflicht-Versicherung inklusive

  • Zugriff auf alle Ausgaben PASSION CHIRURGIE

  • Lifestyle-Angebote

Viszeralchirurgie