Leserbriefe 31.10.2017
Leserbrief zur Ausgabe 07/2017 und Q3 „Generation Y – Nein danke!“
Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion,
[…]
selten hat mich ein Artikel dermaßen sprachlos hinterlassen. War das jetzt tatsächlich ein vierseitiger Beitrag in einer Fachzeitschrift für (zu 99 %) im Berufsleben erfahrene Chirurgen? Was hat mir, als ein im Arbeitsleben stehender Chirurg, der junge Mann zu sagen, der sich ja noch nicht einmal als Kollege bezeichnen kann? Ich erfahre, wie er den Berufsethos betrachtet – ohne jemals
- nach 22 Stunden Arbeitszeit und einer halben Stunde komatösen Schlaf wieder für eine Prellung (mit Trauma vor 5 Tagen) oder einen betrunkenen Randalierer geweckt worden zu sein,
- wieder mal die wenige Freizeit mit den eigenen Kindern nur übermüdet und erschöpft verbracht zu haben,
- den Rangkämpfen um begehrte Operationen mit den entsprechenden Bevorzugungen ausgesetzt gewesen zu sein,
- die plötzliche Gesinnungsänderung der einst dankbaren Patienten im Falle eines erhofften Schadensersatzanspruches erlebt zu haben und
- die überbordende Bürokratie im Verhältnis zur praktischen Arbeit kennengelernt zu haben.
Hier ließen sich natürlich viele weitere Beispiele nennen…
Kurzum – es wird mir und allen anderen Kollegen ein Berufsethos beschrieben, der nie die Bewährungsprobe an der Brandung der Realität und des Alltags bestanden hat. Das gipfelt in dem Satz: “Doch Ich bereue keine Sekunde, die ich der Medizin, meinen Patienten, meinen Mitmenschen widme als einer anderen Tätigkeit, weil Medizin schlicht und einfach sinnvoll und schön ist.”
Wow. Für jemanden, der sein Arbeitsleben noch nicht begonnen hat, ist das eine beindruckende Bilanz! Erfreulicherweise kann ich nach jetzt fast 15 Jahren behaupten, das mir meine Arbeit auch noch Freude bereitet. Doch gerade wegen meiner Erfahrungen kann ich gerade junge Kollegen, die sich eine auch nur halbwegs ausgeglichene Work-Life-Balance wünschen, bestens verstehen und unterstützen.
Dem jungen Autor zürne ich nicht – seine (weitgehend theoretischen) Berufsbetrachtungen wären sicherlich in einer Schülerzeitung oder Studienzeitschrift gut aufgehoben. Allerdings eine dringende persönliche Empfehlung: wenn auch des Chirurgen seltene Zierde – Bescheidenheit! Solche Sätze wie den o. g. sollte man sich für die Zeit mit echter Berufserfahrung aufheben. An die Redaktion: Wie können Sie es wagen, uns so etwas vorzusetzen? Bei der insgesamt positiven Entwicklung der Zeitschrift war das ein Schlag ins Gesicht – und der Sinn und Zweck völlig schleierhaft.
Vielleicht berichtet demnächst ein Grundschulkind, wie es sich sein Leben als Bundeskanzler vorstellt? Ich erwarte eine Entschuldigung von Ihnen – eine Erklärung kann es meines Erachtens für einen so deplatzierten Artikel nicht geben.
Erol Goek
erolgoek@outlook.com
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