Orthopädie/Unfallchirurgie 01.05.2012
Schulterverletzungen im Sport – Innovative arthroskopische Behandlungskonzepte
Schulterverletzungen im Sport zeigen eine zunehmende Prävalenz und können bei fehlender oder insuffizienter Behandlung mit der Aufgabe der sportlichen Aktivität bzw. dem Karriere-Aus des Athleten verbunden sein. Die minimal-invasive bzw. arthroskopische Versorgung von Schultergelenkserkrankungen hat in den vergangenen Jahrzehnten eine fast schon revolutionäre Entwicklung durchlaufen. Selbst komplexe rekonstruktive Eingriffe können arthroskopisch unter Aufhebung der Nachteile der offenen Verfahren präzise und erfolgsversprechend durchgeführt werden. Die wesentlichen Vorteile sind in einer reduzierten Zugangsmorbidität, Abnahme des Infektionsrisikos, verbesserten Kosmetik und schnelleren Rehabilitation zu sehen.
Akute Verletzungen und Überlastungsschäden:
Grundsätzlich müssen akut traumatische, durch einen adäquaten Unfall bedingte Verletzungen der Schulter, von den chronischen Überlastungsschäden des Sportlers unterschieden werden. Zu den häufigsten traumatischen Verletzungen zählen im Wesentlichen die erworbenen Schultergelenkinstabilitäten, Sprengungen des Schultereckgelenks und Ausrissverletzungen der Rotatorenmanschette. Gerade bei Überkopfsportlern kommt den chronischen Überlastungsschäden, bedingt durch repetitive Mikrotraumen, eine entscheidende Rolle zu. Dabei werden überwiegend Verletzungen der inneren Schichten der Rotatorenmanschette, strukturelle Schäden der langen Bizepssehne und des Bizepssehnenankers aber auch Knorpelschäden beobachtet. Eine detaillierte Befunderhebung inklusive apparativer Diagnostik ist entscheidend, um die Möglichkeiten einer arthroskopischen Versorgung mit dem Sportler zu besprechen und Erfolgsaussichten aufzeigen zu können.
Schultergelenkinstabilitäten
Schulterluxationen können durch einen Sturz auf den angehobenen Arm, beispielsweise beim Handball oder Football, oder durch eine Krafteinwirkung auf den abgespreizten und nach außen gedrehten Arm z. B. durch einen Gegenspieler bei Ballsportarten, auftreten. Das pathomorphologische Korrelat der akuten vorderen Schulterluxation ist die Ausrissverletzung des Kapsel-Labrum-Komplexes. Die konservative Therapie geht bei Sportlern mit einer inakzeptablen hohen Rezidivrate einher, sodass eine operative Versorgung in der Regel indiziert ist. Die arthroskopische Stabilisierung des Schultergelenks mit den modernen Verfahren der Kapsel-Labrum-Rekonstruktion unter Verwendung von Fadenankern oder knotenfreien Implantaten stellt ein bewährtes Verfahren mit guten und sehr guten klinischen Ergebnissen dar und erlaubt eine Rückkehr zum früheren Aktivitätslevel in der Mehrzahl der Fälle. Auch knöcherne Absprengungen des Pfannenrandes stellen heutztage keine Kontraindikation für ein arthroskopisches Vorgehen mehr dar. Die chronische Form der Schulterinstabilität ist gekennzeichnet durch wiederkehrende Luxationsereignisse, die zu einem Verlust der knöchernen Stabilisatoren des Schultergelenks führen können. In dieser Situation ist eine detaillierte radiologische Diagnostik erforderlich, um einen relevanten knöchernen Substanzdefekt nachzuweisen. Auch ein größerer Knochenverlust der Schulterpfanne kann durch arthroskopische Spanplastiken suffizient minimal-invasiv therapiert werden (Abb. 1 und 2a-d).
Abb. 1: Beteiligte Fachdisziplinen an der Therapie von Sportlerleisten

Abb. 2a-d: Arthroskopische Glenoidrekonstruktion mit autologer Spanplastik

Schultereckgelenksprengung
Insbesondere beim jungen und sportlichen Patienten gehören Schultereckgelenksprengungen zu den häufigsten Verletzungen des Schultergürtels. Dabei ist der direkte Sturz beispielsweise vom Fahrrad auf den Schultergürtel mit Depression der Skapula gegenüber der Klavikula der typische Unfallmechanismus. Auch in der Versorgung von Schultereckgelenksprengungen haben sich in den vergangenen Jahren arthroskopisch-assistierte Techniken etabliert, die es unter Verwendung von flaschenzugartigen Implantaten ermöglichen, Anatomie und Stabilität im Schultereckgelenk wiederherzustellen (Abb. 3a und b). Die bisher beschriebenen kurz- bis mittelfristigen Resultate moderner arthroskopischer Verfahren sind den offenen Techniken hinsichtlich der klinischen und radiologischen Ergebnisse mindestens ebenbürtig. Ein obligater Zweit-Eingriff zur Implantatentfernung ist hierbei nicht erforderlich.
Abb. 3a und b: Schematische und radiologische Darstellung einer arthroskopischen Stabilisierung des Schultereckgelenkes mit modernen Implantaten


Rotatorenmanschettenrupturen
Das Spektrum der Rotatorenmanschettenverletzung des Sportlers reicht von sogenannten Partialdefekten bis hin zu massiven Ausrissen von mehreren Sehnen. Die fehlende Zentrierung des Humeruskopfes führt zu den spezifischen klinischen Symptomen beim Sportler. Während kleinere Defekte eher mit Schmerzen bei Überkopfbewegungen einhergehen, führen große Risse zu einem funktionellen Defizit. Sowohl kleine Partialdefekte, als auch komplette Ausrissverletzungen der Rotatorenmanschette stellen heutzutage eine Domäne der arthroskopischen Versorgung dar. Die gegenwärtig verfügbaren arthroskopischen Techniken erlauben eine anatomische Rekonstruktion der rupturierten Sehnen und gewährleisten eine hohe Primärstabilität mit dem Ziel, eine dauerhafte Einheilung zu gewährleisten (Abb. 4a-d).
Abb. 4a-d: Arthroskopische Darstellung einer in moderner Doppelreihentechnik rekonstruierten Supraspinatussehne

Bizepssehnen- und Bizepsankerläsionen
Neben den Rotatorenmanschettenläsionen stellen Pathologien der langen Bizepssehne bzw. des Bizepssehnenankers häufige Probleme beim Überkopfsportler dar. Repetitive Mikrotraumen im Rahmen von Wurf-, Stoß-, oder Schlagsportarten führen zu Entzündungen oder Einrißen der Bizepssehne bzw. Avulsionsverletzungen des Bizepssehnenankers (sog. SLAP-Läsionen) (Abb. 5). Bei traumatischen Ausrissverletzungen des Bizepssehnenankers erlauben knotenfreie Rekonstruktionstechniken eine Wiederherstellung der anatomischen Situation. Eine verläßliche Alternative stellt die sog. Bizepssehnentenodese dar, bei der die lange Bizepssehne von ihrem Ansatz an der Schulterpfanne abgelöst wird und am Oberarmknochen unter Verwendung von Anker- oder Schraubensystemen stabil reinseriert wird. Mit dieser Technik kann die kosmetische und funktionelle Situation des Bizepsmuskels aufrechterhalten werden.
Abb. 5: Typisches Bild einer Avulsionsverletzung des Bizepssehnenankers (SLAP-Läsion) beim Überkopfsportler

Fazit
Schulterverletzungen im Sport sind häufig und bedürfen einer genauen Abklärung, um ein an die Ansprüche des Athleten adaptiertes Therapiekonzept zu gewährleisten. Ist eine operative Versorgung indiziert, können mit den heutzutage zur Verfügung stehenden arthroskopischen bzw. minimal-invasiven Techniken eine schnelle Rehabilitation und Wiederherstellung der Sportfähigkeit der Patienten in der Mehrzahl der Fälle erreicht werden.
Scheibel M. Schulterverletzungen im Sport. Passion Chirurgie. 2012 Mai; 2(05): Artikel 02_03.
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