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Aktuelle Ausgabe PASSION CHIRURGIE: Hernienchirurgie im Wandel

Zur Januar-/Februarausgabe 2025: Hernienchirurgie im Wandel

„Hernienchirurgie im Wandel” ist unser erstes Schwerpunktthema 2025. Sie lesen über den aktuellen und zukünftigen Stand der Weiterbildung, über Hernien- und Hybrid-DRG, die neuen Trends der Ventral- und Narbenhernienchirurgie aus dem Herniamed Register und zu guter Letzt über den neuen „Volker-Schumpelick-Preises” und seinen ersten Preisträger.

Wir beginnen das Jahr in neuem Gewand und haben unseren Newsletter für Sie aufgefrischt. Im Inhaltsverzeichnis unten finden Sie unser ganzes Themenspektrum, wie immer direkt verlinkt zum Artikel auf BDC|Online. Viel Spaß beim Lesen!

Am 21. und 22. Februar findet der Bundeskongress Chirurgie für niedergelassene Chirurginnen und Chirurgen in Nürnberg statt und der BDC ist mit einem Stand vor Ort. Wenn Sie auch vor Ort sind, laden wir Sie ein, die BDC-Sitzungen oder unseren Stand zu besuchen. Wir freuen uns darauf!

Viele Grüße, das Redaktions-Team

P.S.: Unterschreiben Sie unsere Petition zur Sicherung der Weiterbildung in der Chirurgie! Hier geht’s zur BDC-Petition „Kein Weiter ohne Bildung”!  Leiten Sie unsere Kampagne gerne weiter, jede Stimme zählt! Vielen Dank.

 

Zukunft der hernienchirurgischen Weiterbildung

Hernien sind ein sehr häufiges chirurgisches Krankheitsbild. So gehört die Leistenhernienversorgung weltweit zu den am häufigsten durchgeführten Operationen. Sie ist das „täglich Brot” einer jeden Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie [1].

Die Mehrheit der hernienchirurgischen Eingriffe wird in Deutschland in einem elektiven Setting behandelt. Daneben sind aber auch in pathophysiologischer Hinsicht klinische Bilder und Manifestationen der Einklemmung und Inkarzeration möglich, die – zeitgerecht – ein dringliches bzw. Notfallmanagement erfordern und dann mit einer erhöhten postoperativen Morbidität und Mortalität einhergehen können.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass jede/r Allgemein- und Viszeralchirurg/in eine Hernie sowohl

  • klinisch suffizient zu beurteilen und einzustufen,
  • perioperativ zu „managen“ verstehen (sowie)
  • operativ adäquat, d. h. fallspezifisch und befundgerecht zu versorgen

in der Lage sein muss.

Die Hernie muss so auch im (ggf. anspruchsvollen) Notfall operiert werden können, wenn die auf die Hernienchirurgie spezialisierten Kollegen nicht anwesend sind. Ausbildungsassistenten sollten dabei auch besondere Befundkonstellationen kennen. Aus diesen Gründen ist die hernienchirurgische Weiterbildung obligatorischer, ja herausragender Bestandteil der Facharztausbildung zum Allgemein- und Viszeralchirurgen.

Besondere Manifestationen/Fallkonstellationen

Bei den häufigen Manifestationen inguinal und femoral sind besondere Befunde beschrieben, die dem häufig operierenden Kollegen früher oder später diese besonderen Fallkonstellationen „bescheren“:

  • manifeste Tumorläsion der Peritonealkarzinose (wie z. B. des Nebennierenrinden-Karzinoms als Bruchsackinhalt [2]),
  • De-Garengeot-Appendizitis (akute Appendizitis in einer Femoralhernie [3]) – 5 % [3],
  • Amyand-Hernie – besondere Manifestation der inguinalen Herniation mit entzündlich veränderter Appendix vermiformis (akute Appendizitis: 0,10 %; ohne Inflammation: 0,51 % [4] im Bruchsack als eher untypische Ursache rechtsseitiger Unterbauchbeschwerden sowie seltene Differenzialdiagnose des akuten Abdomens [5],
  • Scheidbach et al. [6] mit zwei Fällen, bei denen im Zuge einer laparoskopischen Hernienversorgung intraoperativ eine im Bruchsack entzündete Appendix auffiel und nach Resektion dieser und des Bruchsacks die Hernienversorgung als TAPP (transabdominelle präperitoneale Hernioplastik) erfolgte – bezüglich der Versorgung von Amyand-Hernien resümieren Scheidbach und Mitarbeiter, dass bei einer Amyand-Hernie mit Appendicitis bei geplanter TAPP neben der Appendektomie die Verwendung eines synthetischen Netzes erwägenswert sei,
  • Littré-Hernie (Meckel-Divertikel im inguinalen Bruchsack) [7],
  • inkarzeriertes Meckel‘sches Diverticulum in einer Femoralhernie mit erfolgreicher laparoskopischer Behandlung [8],
  • akute inguinale Schwellung als ungewöhnliche Präsentation einer (postoperativen) nekrotisierenden Pankreatitis [9],
  • seltener Befund von varikös erweiterten und teilthrombosierten Venen
    (para-)inguinal bei schwangerschaftsbedingter venöser Stauung bis in die große Labie mit Varizen des Ligamentum teres uteri im Leistenkanal als Differenzialdiagnose der Leistenhernie, geklärt erst mittels (Duplex-)Sonografie und (gegebenenfalls) MRT bei Wöchnerinnen [10].
  • Weiterhin wurden als ungewöhnlicher inguinaler Bruchsackinhalt Ovar, Tuba ovarica (beide: 2,9 %) und Vesica urinaria (0,36 %) als auch Harnblasendivertikel (n=1/1.950) beschrieben [6].

Die Hernie – theoretisch-praktischer Vermittlungsansatz in der chirurgischen Facharztweiterbildung

Neben einem theoretischen Kenntnisstand ist auch auf die frühzeitige aktive Teilnahme am hernienchirurgischen Op-Geschehen zu orientieren, zunächst als

1. Assistent im laparoskopischen oder offen-chirurgischen Herangehen von

  • Leisten-/Femoralhernien, zunehmend auch im Rezidivfalle,
  • Nabelhernien,
  • „einfachen“ Narbenhernien (oder)

2. (später 1.) Assistent bei komplexen Narbenhernien.

Sukzessive ist die Vermittlung des hernienchirurgischen Profils auch durch demonstrierend-praktische Teilnahme/Assistenz an der operativen Hiatushernienversorgung zu komplettieren.

Zügig und verlässlich ist die Einteilung von (Jung-)Assistenten in OP-Teams zu realisieren. Verlässlich ist die beidseitige Registrierung von Teilnahmezahlen von Ausbilderseite und Seite des Auszubildenden zu führen und mit dem Ausbildungskatalog – natürlich nicht nur in der Hernienchirurgie – abzugleichen.

Ausbilderseite

Der hohe ausbildungsbezogene Stellenwert der Hernienchirurgie sollte jedem Facharzt voll bewusst sein und ihm insbesondere seine „neue“ Rolle klarwerden lassen, wenn die Facharztqualifikation erreicht wurde. So wie ihm eine ansprechende hernienassoziierte Ausbildung zuteilwurde, so erwächst nunmehr diese Verpflichtung auch nach Erwerb der Facharztqualifikation recht unmittelbar und direkt weiterführend auch für die Ausbildung der (noch Nicht-)Fachärzte.

Die nicht selten anspruchsvolle und herausfordernde Umsetzung im klinisch-operativen Alltag klang dahingehend schon in Anbetracht von stetigem Zeit- und Kostendruck an.

Aktueller Stand der hernienchirurgischen Weiterbildung in Deutschland

Derzeit werden im Rahmen der Weiterbildung für die Allgemeinchirurgie und für die Viszeralchirurgie eine definierte Anzahl von Herniotomien gefordert. Hierbei findet zum Teil keine Differenzierung zwischen Bauchwand- und Leistenhernienversorgung statt. Auch der Zugangsweg (robotisch-assistiert, laparoskopisch, offen) ist hierbei nicht von Bedeutung (Tab. 1 und 2).

Tab. 1: Übersicht über die aktuellen Weiterbildungsordnungen bezüglich Hernien für den „Facharzt für Viszeralchirurgie”, aufgeteilt nach Bundesländern.

Bundesland

Hernien gesamt

davon Leistenhernien

davon Bauchwandhernien

davon
Narbenhernien

Baden-Württemberg

60

40

10

10

Bayern

60

40

10

10

Berlin

80

40 (davon 20 minimal-invasiv, 20 offen)

20

20

Brandenburg

50

Bremen

60

40

10

10

Hamburg

60

40

10

10

Hessen

60

40

10

10

Mecklenburg-Vorpommern

60

40

10

10

Niedersachsen

60

40

10

10

Nordrhein-Westfalen

60

40

10

10

Rheinland-Pfalz

60

40

10

10

Saarland

60

40

10

10

Sachsen

60

40

10

10

Sachsen-Anhalt

60

40

10

10

Schleswig-Holstein

60

40

10

10

Thüringen

60

40

10

10

In Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen sind insgesamt 60 Hernieneingriffe (davon 40 Leistenhernien, 10 Bauchwandhernien und 10 Narbenhernien) vorgesehen.
In Berlin werden insgesamt 80 Hernieneingriffe (davon 40 Leistenhernien- jeweils 20 minimal-invasiv und 20 offen-20 Bauchwandhernien und 20 Narbenhernien) vorgeschrieben.
In Brandenburg werden 50 Herniotomien (unabhängig von der Lokalisation der Hernie) vorausgesetzt.

Es besteht zudem seit 2021 die Möglichkeit, sich durch die European Union of Medical Specialists (UEMS) als Spezialist/Spezialistin der Bauchwandrekonstruktion (Abdominal Wall Reconstruction) zertifizieren zu lassen. Bei Erfüllung der Voraussetzungen (siehe HIER) und nach der erfolgreichen Ablegung einer mündlichen und schriftlichen Prüfung wird schließlich der Titel FEBS AWS (Fellow of the European Board of Surgery, Abdominal Wall Section) verliehen.

In enger Kooperation der BDC|Akademie und der Deutschen Herniengesellschaft (DHG) wurde die „DHG Hernienschule“ entwickelt. Diese beinhaltet die Module

  • „Hernie kompakt“ (seit 2011), als Basiskurs für junge Chirurgen,
  • „Hernie konkret“ (seit 2016) für fachspezialisierte Hospitationen (sowie)
  • „Hernie komplex“ (seit 2018) für fortgeschrittene Hernienchirurgen.

Seit der Coronapandemie wurde im Jahr 2020 das Modul „Hernie kontakt“ entwickelt. Hier werden aktuelle und kontroverse Themen der Hernienchirurgie aufgegriffen, vertieft und zur Diskussion gestellt [2]. Auch bietet der HernieKompakt-Kurs jungen Kollegen die Möglichkeit, sich auf dem Gebiet der Hernienchirurgie praktisch und theoretisch fortzubilden [12 und 13].

Über die „Europäische Herniengesellschaft“– die Mehrheit ihrer Mitglieder kommt aus Deutschland – wird die hernienchirurgische Weiterbildung flankiert mit einem Reisemittelzuschuss (Travel Grant) für Hospitationen im europäischen Ausland. Insgesamt können 1.250 Euro eingeworben werden (bzw. „Extended Surgical Stay Grant“: 3500 Euro), mit denen die Hospitation in einem renommierten europäischen Hernienzentrum bezahlt werden kann.

Weiterbildungsordnungen bezüglich Hernien

  • für den „Facharzt für Viszeralchirurgie”, aufgeteilt nach Bundesländern (Tab. 1)

In Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen sind insgesamt 60 Hernieneingriffe (davon 40 Leistenhernien, 10 Bauchwandhernien und 10 Narbenhernien) vorgesehen.

In Berlin werden insgesamt 80 Herniotomien (davon 40 Leistenhernien – jeweils 20 minimalinvasiv und 20 offen – 20 Bauchwandhernien und 20 Narbenhernien) vorgeschrieben.

In Brandenburg werden 50 Herniotomien (unabhängig von der Lokalisation der Hernie) vorausgesetzt.

  • für den „Facharzt für Allgemeinchirurgie”, aufgeteilt nach Bundesländern (Tab. 2)

Tab. 2: Übersicht über die aktuellen Weiterbildungsordnungen bezüglich Hernien für den „Facharzt für Allgemeinchirurgie“ aufgeteilt nach Bundesländern.

Bundesland

Hernien gesamt

davon Leistenhernien

davon Bauchwandhernien

davon Narbenhernien

Baden-Württemberg

60

40

10

10

Bayern

60

40

10

10

Berlin

60

40

10

10

Brandenburg

25

Bremen

60

40

10

10

Hamburg

60

40

10

10

Hessen

60

40

10

10

Mecklenburg-Vorpommern

60

40

10

10

Niedersachsen

60

40

10

10

Nordrhein-Westfalen

60

40

10

10

Rheinland-Pfalz

60

40

10

10

Saarland

60

40

10

10

Sachsen

60

40

10

10

Sachsen-Anhalt

60

40

10

10

Schleswig-Holstein

60

40

10

10

Thüringen

60

40

10

10

In Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen sind insgesamt 60 Hernieneingriffe (davon 40 Leistenhernien, 10 Bauchwandhernien und 10 Narbenhernien) vorgesehen.

In Brandenburg werden 25 Herniotomien (unabhängig von der Lokalisation der Hernie) vorausgesetzt.

Zukunft der hernienchirurgischen Weiterbildung

Trotz sehr vieler erfolgreicher Projekte der vergangenen Jahre, die insbesondere durch engagierte Mitglieder der „Deutschen Herniengesellschaft“ realisiert wurden, gibt es Verbesserungsbedarf.

Insbesondere zwei Zukunftsprojekte drängen sich auf.

Die Hernienchirurgie entwickelt sich wie andere chirurgische Disziplinen weiter. Hernien werden offen und minimal-invasiv operiert. Der Roboter findet ebenso Anwendung. Minimal-invasiv voroperierte sollten in der Regel offen operiert werden und umgekehrt. Die Patientenmorbidität und –konstitution spielen bei der Findung des besten operativen Vorgehens eine Rolle. Kurz – der sogenannte „tailored approach“ hat längst Einzug in die Hernienchirurgie gehalten. Er soll den Alltag der Hernienchirurgie bestimmen und sich auch in der Weiterbildung widerspiegeln. Vor diesem Hintergrund sollte in Zukunft eine Aufschlüsselung der geforderten Herniotomien im Facharztkatalog erfolgen. Denkbar wäre es, in Zukunft zu fordern, dass beispielsweise 20 minimal-invasive und 20 offene Leistenhernienversorgungen durchzuführen sind. Gleiches könnte für die Narben- und Nabelhernien gelten. Hierbei ist anzumerken, dass es sich ja um häufige Eingriffe handelt und es hier wohl zu keinem „Flaschenhals” in der Ausbildung kommen sollte. Auch eine ggf. verpflichtende Weiterbildung im Verbund ist zu diskutieren. An einer Universitätsklinik angestellte Ärztinnen und Ärzte könnten dann in einer festen z. B. 6-monatigen Rotation in die ambulante Chirurgie sich auf dem Gebiet der Hernienchirurgie fortbilden.

Zusätzliche, weiterführende Aspekte

Die hernienchirurgische Weiterbildung sollte zukünftig auch das Lehren wissenschaftlichen Arbeitens zum Ziel haben („Good clinical [and research] practice“; Wie designe ich eine randomisierte Studie; Wie und wo werbe ich Drittmittel ein etc.).

Im internationalen Vergleich werden wenige randomisierte Studien auf dem Gebiet der Hernienchirurgie durchgeführt. Dies scheint der Tatsache geschuldet zu sein, dass die Hernienchirurgie in Deutschland kaum universitär angebunden ist, braucht es doch die wissenschaftlichen Strukturen der Universitätskliniken („study nurse“, Ethikkommission, Studienzentrale, Institut für medizinische Statistik etc.), um diese Studien zu realisieren.

Fazit

Hernienchirurgie ist ein relevantes (Initial-)Thema in der kompetent(geführt)en Facharztausbildung der Allgemein- und Viszeralchirurgie, die sich wesentlich durch theoretische, praktisch-Management-realisierende und -operative Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammensetzt.

Darüber hinaus stellt es eine enorme organisatorische Herausforderung dar, eine zügige, zeitgerechte, kompetente und effektive hernienchirurgische Ausbildung im anspruchsvollen, facettenreichen Klinikalltag verlässlich zu realisieren.

Die Zukunft der hernienchirurgischen Weiterbildung kann aus der Umgestaltung, Konkretisierung und Spezifizierung der Facharztkataloge und der Akademisierung der Hernienchirurgie als Ganzes bestehen.

Literatur

[1]   Primatesta P, Goldacre MJ: Inguinal hernia repair: incidence of elective and emergency surgery, readmission and mortality. International journal of epidemiology,1996; 25(4), 835–839.
[2]   Bachmann M, Peglow S, Petersen M, Schoeder V, Neumann S, Croner RS, Jechorek D, Meyer F: Irreponible Leistenhernie mit manifester Tumorläsion einer Peritonealkarzinose im Bruchsack ungewöhnliche Ursache und seltene Differenzialdiagnose einer symptomatischen Hernie (repräsentative Kasuistik). Verdauungskrankheiten 2021; 39(4):193–201.
[3]   Ring A, Gelis V, Klupsch C, Stern J. [De Garengeot appendicitis–rare variant of a common medical condition]. Zentralbl Chir 2009;134(6):564–6.
[4]   Gurer A, Ozdogan M, Ozlem N, A YildirimH KulacogluR Aydin: Uncommon content in groin hernia sac. Hernia 2006; 10:152–5.
[5]   Hauck F, Arndt S, March C, Eger KI, Croner RS, Meyer F. Amyand-Hernie: Eine besondere Manifestation der inguinalen Herniation und eher untypische Ursache rechtsseitiger Unterbauchbeschwerden sowie seltene Differenzialdiagnose des akuten Abdomens. Verdauungskrankheiten 2021;39(4):185–192.
[6]   Scheidbach H, Blume B, Meyer F. [Laparoscopic Herniotomia and Closure in Case of Appendicitis within the Hernia Sac (Amyand‘s hernia): Is Use of Mesh Contraindicated?]. Zentralbl Chir 2017;142 (3):312–316.
[7]   Clasen K, Kalinski T, Meissner C, Bruns CJ, Meyer F. [77-year-old man with rare Littré‘s hernia]. Dtsch Med Wochenschr 2016; 141(15):1099–101.
[8]   Paasch C, De Santo G, Look P, Boettge K, Hünerbein: M. Laparoscopic Treatment of an Incarcerated Meckel‘s Diverticulum in a Femoral Hernia. Case Rep Surg 2019
[9]   Benedix F, Lippert H, Meyer F. [Acute inguinal swelling–unusual presentation of postoperative necrotising pancreatitis]. Zentralbl Chir 2009; 134 (2):186–8.
[10] Sauerland H, Garlipp B, Wex C, Häusler I, Arndt S, Rabczak J, Urbach A, Meyer F: Ungewöhnliche Differenzialdiagnose einer suspekten inguinalen/femoralen Herniation im Wochenbett. Der Gynäkologe 2019.
[11] Lorenz R, Paasch C: Die Hernienschule –Rück- und Ausblick. Passion Chirurgie.2024 April; 14(04): Artikel 04_01.
[12] Lorenz R, Paasch C, Stechemesser B, Reinpold W, Niebuhr H, Fortelny RH, Mayer F, Köckerling F, Mantke R: Long-term evaluation of the Hernia Compact course of the German Hernia School. Hernia. 2024 Apr;28(2):621–628.

Korrespondierender Autor:

Priv.-Doz. Dr. Christoph Paasch

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie

Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel

christoph.paasch@uk-brandenburg.de

Dr. med. Ralph Lorenz, FEBS-AWS

1. Vorsitzender BDC|Landesverband Berlin

Hernienzentrum 3+CHIRURGEN

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie

Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel

lorenz@3chirurgen.de

Dr. med. Felix Rühlmann

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie

Städtisches Klinikum Karlsruhe

felix.ruehlmann@klinikum-karlsruhe.de

Prof. Dr. med. habil. Frank Meyer

Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Gefäß- und Transplantationschirurgie

Universitätsklinikum Magdeburg A. ö. R.

Chirurgie

Paasch C, Lorenz R, Rühlmann F, Meyer F: Zukunft der hernienchirurgischen Weiterbildung. Passion Chirurgie. 2025 Januar/Februar; 15(01/02): Artikel 03_02.

Mehr zur Hernienchirurgie lesen Sie auf BDC|Online (www.bdc.de) unter der Rubrik Wissen | Fachgebiete | Viszeralchirurgie.

gematik: Digitale Transformation im Gesundheitswesen

PASSION CHIRURGIE: Herzlichen Glückwunsch, Herr Fuhrmann, Sie haben den Vorsitz der Geschäftsführung der Bereiche Strategie und Standards, Recht und Finanzen der gematik übernommen – wie fühlen Sie sich?

Florian Fuhrmann: Ich bin überzeugt davon, dass es sinnhaft und notwendig ist, unser Gesundheitswesen weiterzuentwickeln. Dafür bin ich auch bereit, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich ist mir nach so vielen Jahren im Gesundheitswesen bewusst, dass dies keine leichte Aufgabe ist. Deswegen habe ich mir auch viel Zeit genommen, sie gründlich zu überdenken. Jetzt freue ich mich sehr, diesen Aufbruch im Geschäftsführungstrio, mit dem gematik-Team und mit allen Stakeholdern gestalten zu können. Denn die digitale Transformation im Gesundheitswesen ist der Schlüssel für eine patientenzentrierte Versorgung. Und auch für viele strukturelle Herausforderungen.

PC  Was sind Ihre wichtigsten Ziele?

FF  Gerade erreichen wir beim Großprojekt ePA für alle einen entscheidenden Meilenstein. Die bundesweite Einführung steht bevor – das ist natürlich sehr spannend und zugleich fordernd für das ganze Team. Die ePA wird viele neue Möglichkeiten in der Versorgung und in damit verbundenen Prozessen mit sich bringen, das halte ich für sehr relevant.
In den letzten Wochen haben sowohl ich als auch die gesamte Geschäftsführung viele Antrittsbesuche bei den Gesellschaftern der gematik, bei unseren Partnern und anderen Akteuren im Gesundheitsbereich gehabt. Dabei ging es darum, uns einander vorzustellen, auszutauschen und so die anstehenden Projekte und Planungen gemeinsam weiterzuentwickeln. Diesen Kurs des Dialogs und des Miteinanders wollen wir fortführen und intensivieren. Denn von zentraler Bedeutung bei den bereits vorhandenen und den kommenden TI-Anwendungen ist die Nutzerorientierung. Dafür brauchen wir die Perspektive und das Commitment aller.
Inhaltlich ist es mir wichtig, die ärztliche Kompetenz in der gematik zunächst in Form einer ärztlichen Stabsstelle und eines ärztlichen Beirats weiter auszubauen. So wollen wir in einen noch breiteren Austausch mit den medizinischen Anwenderinnen und Anwendern gehen. Technologisch werden wir uns darüber hinaus mit den Möglichkeiten der KI für die Versorgung und unsere Arbeit beschäftigen.

PC  Inwiefern planen Sie die gematik inhaltlich und strukturell neu auszurichten?

FF  Die Stärke der neuen Geschäftsführung der gematik liegt in den verschiedenen Expertisen, die Brenya Adjei, Dr. Florian Hartge und ich mitbringen und die sich sinnvoll ergänzen. So haben wir die Chance, uns intensiver als zuvor mit wichtigen strukturellen und inhaltlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen und selbst zu gestalten. So werden wir die Weiterentwicklung der gematik gemeinschaftlich mit vollem Engagement weiter auf den Weg bringen. Die vereinbarten Roadmaps für die Anwendungen werden wir fokussiert weiterverfolgen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe, und wir gehen sie mit Tempo und Leidenschaft an.

PC  Welche Anwendungen innerhalb der Telematikinfrastruktur sind Ihnen besonders wichtig und wo sehen Sie besonderen Entwicklungsbedarf?

FF  Eine oder mehrere Anwendungen besonders „herauszupicken“, ist nicht nur schwierig, sondern wird der TI nicht gerecht. Denn gerade jetzt, wo die ePA für alle ins Rollen kommt, wird immer deutlicher werden, wie eng verzahnt die einzelnen TI-Anwendungen sind bzw. in Zukunft sein werden. So fließen E-Rezept-Daten beispielsweise in die ePA ein und bilden eine wichtige Grundlage für die Medikationsliste.
Es ist wie ein Puzzle, das sich immer weiter zusammenfügt und in dem jedes einzelne Teil eine wichtige Rolle spielt. Natürlich wird die ePA als eine Art Bindeglied für die verschiedenen Anwendungen und auch die verschiedenen TI-Nutzergruppen eine besondere Funktion haben und auch behalten.
Es ist aber ein großer Fortschritt, dass nach Jahren des infrastrukturellen Aufbaus nun die Anwendungen der TI mehr und mehr an Versorgungsrelevanz gewinnen und weitere Potenziale erschlossen werden können.

PC  Mit welchen Ansätzen wollen Sie dazu beitragen, die Patientenversorgung zu verbessern?

FF  Wie gesagt: Der Nutzen der Anwendungen muss für alle Nutzerinnen und Nutzer spürbar und erlebbar sein. Dafür ist es wichtig, die Bedarfe aller Beteiligten zu kennen und den Zugang zu digitalen Anwendungen so sicher wie nötig, aber so handlich wie möglich zu gestalten. Unsere regelmäßigen Austauschformate mit den Partnern und Stakeholdern in der Versorgung dienen dazu, dieses Ziel zu erreichen. Nicht zuletzt bieten auch die Testerfahrungen aus den beiden gematik-Modellregionen einen großen Mehrwert bei der Betrachtung der Praxistauglichkeit von Anwendungen.
So können wir erreichen, dass die Patientenzentrierung Wirklichkeit wird und Effizienzen, die in der heutigen Organisationszentrierung schwer zu heben sind, erschlossen werden.

PC  Welche Anwendungen können aus Ihrer Sicht insbesondere dazu beitragen, Ärztinnen und Ärzte als Anwender von Bürokratie zu entlasten?

FF  Das ist der Anspruch aller digitalen Anwendungen. Bei der Einführung dieser Anwendungen kann dies auch mit anfänglichen Schmerzen verbunden sein, aber langfristig lohnen sich diese. Ähnlich wie bei einem chirurgischen Eingriff.

PC  Auf welche Anfangsschwierigkeiten beim bundesweiten Rollout der elektronischen Patientenakte (ePA 3.0) sollten sich Ärztinnen und Ärzte schon jetzt vorbereiten?

FF  Der Zeitplan für die Einführung der ePA war und ist ambitioniert. In den letzten Wochen und Monaten haben die gematik und alle beteiligten Partner mit großem Einsatz daran gearbeitet. Es ist großartig zu sehen, dass die Gesellschafter der gematik, die Industrie und alle darüber hinaus Beteiligten hier an einem Strang ziehen. Alle wollen das gemeinsame Ziel, die ePA für alle zum Laufen zu bringen, unbedingt erreichen.
Natürlich gibt es bei einem Projekt dieser Größenordnung immer Herausforderungen. Denn bei der Einführung der elektronischen Patientenakte für alle handelt es sich um das größte IT-Projekt im deutschen Gesundheitswesen, wenn nicht darüber hinaus. Es ist technisch hochkomplex und fußt auf dem Zusammenspiel vieler verschiedener Komponenten, wie beispielsweise den verschiedenen Praxisverwaltungssystemen, die in der Praxis funktionieren müssen.
Wir standen und stehen mit unseren Partnern in der Industrie und den zuständigen Dienstleistern deshalb im intensiven Austausch, damit die neue ePA bestmöglich funktioniert. Es wird aber auch auf den letzten Metern der Einführung immer wieder Bereiche geben, in denen nachgebessert werden muss. Da helfen uns die Ergebnisse aus den Modellregionen Hamburg, Franken und NRW, in denen die ePA für alle vor der bundesweiten Umsetzung zunächst unter realen Bedingungen getestet wird.
Und wie bereits gesagt, lohnen sich die Investitionen in die digitale Transformation.

PC  Welches sind die wichtigsten Inhalte der ePA 3.0 und welche müssen dringend ergänzt werden?

FF  In der ePA können Ärztinnen und Ärzte grundsätzlich alle wichtigen medizinischen Dokumente und Daten im Zuge einer Behandlung speichern. Die standardmäßige künftige Befüllung der ePA beinhaltet: Medikationsdaten, E-Arztbriefe, Befundberichte, Krankenhaus-Entlassbriefe, Laborbefunde und Bildbefunde.
Ebenso werden insbesondere die „Medikationsinformationen“ aus verordneten und eingelösten E-Rezepten auf einen Blick einsehbar; künftig können darüber hinaus „Pflegedokumente“ wie etwa der Pflegeüberleitungsbogen in die ePA hochgeladen werden. Aus Versichertensicht kann die ePA auch genutzt werden, um „Abrechnungsdaten“ oder auch „elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen“ digital vorliegen zu haben.
Die ePA ab 2025 startet zunächst mit der elektronischen Medikationsliste (eML). Der digitale Medikationsplan folgt in einem späteren Schritt.

PC  Grundvoraussetzungen für die Nutzung von Anwendungen ist eine stabile Telematikinfrastruktur. Wie wollen Sie Verbesserungen erreichen?

FF  Wir müssen die bestehende Telematikinfrastruktur, also die TI, gemeinsam mit allen Beteiligten auf das nächste Level heben. Gerade für Versorgungsprozesse wie das E-Rezept ist das essentiell. Wir haben bereits verschiedene Maßnahmen durchgeführt, um Stabilität zu gewährleisten, und werden das auch weiterhin tun. Dazu gehören beispielsweise Hochrechnungen zu Nutzungsannahmen, Lastenprognosen z. B. auf Dienstleisterseite oder auch so genannte „Change-Freezes“ während des Rollouts, um Störungen zu vermeiden. Und wir arbeiten eng mit den Dienstleistern zusammen, damit es künftig weniger manuelle oder prozessuale Schwierigkeiten gibt.

PC  Ab wann werden alle Player, vor allem alle Krankenhäuser, an die Telematikinfrastruktur angeschlossen sein?

FF  Die Krankenhäuser sind, ebenso wie die vertragsärztlichen Niedergelassenen oder die Apotheken, ja bereits an die TI angebunden. Der Pflegebereich kommt ab Mitte 2025 ebenfalls dazu. Andere Nutzergruppen können sich heute schon freiwillig anschließen, wie zum Beispiel Reha-Einrichtungen oder der Öffentliche Gesundheitsdienst, oder kommen in den nächsten Jahren hinzu, etwa die Gesundheitshandwerke.

PC  Wie wollen Sie zukünftig Unstimmigkeiten wie bei der Einführung von eAU und dem eRezept verhindern?

FF  Die gematik ist kein politisch agierendes Unternehmen, wir sind verantwortlich für die technische Umsetzung und den Betrieb. Wir kümmern uns dafür um die fristgerechte Bereitstellung der Konzepte und sind verantwortlich für die Erprobungen, die Zulassungen und die Kontrolle der Anwendungen. All dies tun wir in enger Abstimmung mit unseren Gesellschaftern, allen Playern im Gesundheitswesen und den für die technische Umsetzung zuständigen Industriepartnern.

PC  Welche Bedeutung schreiben Sie dem in der Entwicklung befindlichen TI-Messenger zu?

FF  Die TI-Messenger werden im Alltag zunehmend eine wichtige Hilfestellung in der Versorgung „auf die Schnelle“ leisten. Umso erfreulicher ist es, dass wir in den letzten Monaten bereits TI-Messenger verschiedener Anbieter für die Kommunikation zwischen Leistungserbringenden zulassen konnten.
Erste Auswertungen aus der Modellregion Hamburg und Umland zeigen, dass der TI-Messenger z. B. genutzt wird, um Fragen zu Verordnungen oder Medikationsplänen zu klären, sich bei nicht lieferbaren Medikamenten abzusprechen oder sich rasch zur Wundversorgung und bei organisatorischen Unklarheiten abzustimmen. Hier sind also schon Erleichterungen im Alltag der Versicherten und Leistungserbringenden spürbar.

PC  Wie planen Sie, insbesondere Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenhäuser bzw. deren Vertreter zukünftig besser an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen?

FF  Zum einen sind die maßgeblichen Interessensgruppen, auch aus der Ärzteschaft, Teil der Gesellschafter und Gremien der gematik. Aber das Miteinander soll nicht nur „qua Amt“ stattfinden, deshalb sind uns regelmäßige Arbeitsgruppen zu den Anwendungen, Dialogveranstaltungen oder auch der 1:1-Austausch mit unseren Partnern wichtig.
Die Mitarbeitenden der gematik sind außerdem regelmäßig bei Hospitationen in Praxen und in Krankenhäusern zu Gast und erleben hautnah, wie die Digitalisierung im „daily business“ vor Ort läuft bzw. woran es noch hakt. Diese Erfahrungen werden wiederum ins Haus zurückgetragen und ausgewertet, wenn es um die weiteren Entwicklungsschritte geht.
Wichtig sind dafür außerdem die beiden Modellregionen der gematik für digitale Gesundheit. Hier werden einrichtungsübergreifende Verfahren bzw. Vorgänge der TI mit einer bestimmten Anzahl von Arztpraxen, Zahnarztpraxen und Krankenhäusern, aber beispielsweise auch Pflege- oder Rehaeinrichtungen dem Realitätscheck unterzogen und bei Bedarf nachgebessert, damit sie den Anforderungen der Praktikerinnen und Praktiker entsprechen.
Die neue ärztliche Stabsstelle sowie der ärztliche Beirat sollen ebenfalls den Austausch mit Ärztinnen und Ärzten in Krankenhäusern und Praxen intensivieren.

PC  Welche Hoffnungen dürfen sich speziell die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen machen, deren Bedarfe Ihnen aus langjähriger beruflicher Anschauung in besonderem Maße bekannt sind?

FF  Seit Kindesbeinen bin ich stark geprägt von der pragmatischen, kreativen und zugleich lösungsorientierten Herangehensweise eines Chirurgen. Dabei auch in zeitkritischen und komplexen Situationen den Überblick zu behalten und gelassen zu reagieren, sind die besonderen Fähigkeiten von Chirurginnen und Chirurgen. Mein Vater selbst war Chirurg im Krankenhaus und wünschte sich noch in meiner Jugend das Gleiche für meine berufliche Laufbahn. Diesen Gefallen konnte ich ihm leider nicht tun, da meine Talente an andere Stelle liegen. Den Überblick und die Gelassenheit eines Chirurgen kann ich in meinem Beruf aber ebenfalls gut gebrauchen.
Beruflich habe insbesondere Einblicke in die ambulante Versorgung bekommen. Von 2014 bis Ende 2022 habe ich im Auftrag der KBV die KV Telematik (seit 2019 kv.digital) aufgebaut. Aus diesen Jahren bringe ich natürlich viele Erfahrungen und Kontakte in meine aktuelle Tätigkeit ein. Aber ich habe, wie auch die gematik an sich, eine neutrale Position und war ja darüber hinaus auch für verschiedene andere Unternehmen im Gesundheitswesen tätig. Ich sehe also immer möglichst alle Perspektiven, und das ist ein Vorteil.

PC  Was wünschen Sie sich von Ärzten und Berufsverbänden?

FF  Die neue Patientenakte bietet für den medizinischen Versorgungsalltag viele Vorteile für die Behandlung und unterstützt die Anamnese. Es ist großartig, dass sich viele Ärztinnen und Ärzte in den vergangenen Monaten bei der Entwicklung der ePA für alle mit Rat und Tat eingebracht haben. Wir haben die Materialien, die wir bereitstellen, mit ihnen auf Herz und Nieren gegengecheckt.
Nicht nur die ePA, auch alle Anwendungen der Telematikinfrastruktur leben von dem Verständnis, dass die Digitalisierung im Gesundheitswesen von uns allen für uns alle gemacht wird. Das Miteinander bei der Einführung und Weiterentwicklung digitaler Anwendungen ist deshalb entscheidend.
Ein großer Wunsch an die Berufsverbände ist die wohlwollende Begleitung unserer Anstrengungen, die digitale Transformation im Gesundheitswesen real werden zu lassen. Berufsverbände sind wichtige Multiplikatoren für unsere Arbeit und tragen daher zum Erfolg maßgeblich bei.

» Zur Person

Dr. Florian Fuhrmann

Florian Fuhrmann ist seit dem 01.09.2024 Vorsitzender der Geschäftsführung der gematik. Im Unternehmen verantwortet er die Bereiche Strategie und Standards, Recht und Finanzen. Von 2014 bis Ende 2022 baute er im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung die kv.digital GmbH auf. Zuletzt war Herr Fuhrmann tätig als Mit-Gründer von Lillian Care und Geschäftsführer des Telematikanbieters Kosyma.

Vorherige berufliche Stationen umfassen u. a. eine Unternehmensberatung, einen bundesweiten Versorgungsträger und einen internationalen Softwarekonzern. Seine akademische Laufbahn schloss Florian Fuhrmann mit einer Promotion über Krankenhausprozesse ab.

Unter seiner Führung entwickelten seine Teams in den vergangenen Jahren Kommunikations- und Versorgungsplattformen für Arztpraxen, Krankenhäuser, Impfzentren und Organisationen, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Dr. Florian Fuhrmann war und ist Mitglied bzw. Beisitzer in verschiedenen Jurys und Gremien in den Bereichen Versorgung und Digitalisierung.

Dr. Florian Fuhrmann

Vorsitzender der Geschäftsleitung

Leitung der Bereiche Strategie und Standards, Recht und Finanzen

Gematik GmbH

Gesundheitspolitik

Fuhrmann F: gematik: Digitale Transformation im Gesundheitswesen. Passion Chirurgie. 2025 Januar/Februar; 15(01/02): Artikel 05_02.

Mehr zur Digitalisierung im Gesundheitswesen lesen Sie auf BDC|Online unter der Rubrik Wissen | Fachgebiete | Digitalisierung.

BDC-Praxistest: Change-Management in der Chirurgie

Warum das Thema
„Change-Management“ heute für Kliniken so relevant ist

Kliniken stehen heute vor vielfältigen Herausforderungen: rasante technologische Entwicklungen, steigende Kosten, strengere Regulierungen, demografischer Wandel, strukturelle Veränderungen der Sektoren, … und ganz nebenbei eine immer besser informierte und anspruchsvolle Patientenschaft. Change-Management ermöglicht es Kliniken, sich diesen sich ständig verändernden Rahmenbedingungen anzupassen, um handlungsfähig zu bleiben. Dies ist entscheidend, um zu überleben, die Qualität der Patientenversorgung zu verbessern, Prozesseffizienz zu steigern und um innovativ zu bleiben. Kurzum: Es gibt keine Option zum Verzicht auf Change-Mangement, denn dies hätte existenzielle Folgen.

Konkrete Aufgaben im „Change-Management“

Change-Management umfasst die systematische Planung, Umsetzung und Überwachung von Veränderungsprozessen. Die Aufgaben reichen von der Analyse der Ist-Zustände und der Entwicklung von Zukunftskonzepten bis hin zur Steuerung der Veränderungsprojekte und der Verankerung neuer Abläufe im Klinikalltag. Ebenso wichtig ist die Schulung der Mitarbeiter, um neue Kompetenzen zu vermitteln und die Begleitung der emotionalen und mentalen Anpassungsprozesse.

Der Unterschied zwischen Projektmanagement und Change-Management

Während Projektmanagement sich primär auf die technische Abwicklung von Projekten konzentriert, darunter Zeitplanung, Budgetierung und Qualitätskontrolle, fokussiert Change-Management auf die menschliche Seite der Veränderung. Es geht um die Beeinflussung und Gestaltung der Unternehmenskultur, die Motivation von Mitarbeitenden und die Schaffung einer Basis für dauerhafte Veränderungen.

Wichtige Qualifikationen für Change-Manager

Erfolgreiches Change-Management erfordert nicht nur Kenntnisse in Betriebswirtschaft und Organisationsentwicklung, sondern auch in echtem Management, der Psychologie und in Kommunikationswissenschaften. Diese Fähigkeiten kann man durch spezielle Kurse und Zertifikate in Change-Management erwerben, die oft von Universitäten, Fachhochschulen oder privaten Weiterbildungsanbietern angeboten werden.

Obwohl Führungskräfte wesentlich am Change-Management beteiligt sein sollten, da sie Vorbilder sind und die Veränderung vorantreiben, kann die Komplexität und der Umfang des Change-Managements oft den Einsatz spezialisierter Change Manager erfordern. Diese können sich voll auf das Management des Wandels konzentrieren und verfügen über das notwendige spezialisierte Wissen.

Sind die Führungskräfte im Change-Management angemessen qualifiziert?

Die Qualifikation von Führungskräften kann stark variieren. Erfolgreiche Change Leader sind oft diejenigen, die eine klare Vision haben, empathisch kommunizieren und Mitarbeiter motivieren können. Doch ohne spezifische Schulung oder Erfahrungen im Change-Management könnten ihnen wichtige Fähigkeiten fehlen. Führung und Management sind nun mal Berufe der Wirksamkeit, die erlernt werden müssen – ebenso und erst recht ist Change-Management eine Qualifikation zum Leadership-Experten für Veränderung.

In den Managementtrainings der letzten 20 Jahre habe ich häufig jedoch nur sehr selten Führungskräfte des Oberen- oder Mittleren Managements. Ich frage mich, ob bzw. wo diese Qualifikationen erworben wurden oder werden.

Und dann stellt sich noch die Frage, wer die Führungskräfte ausbildet und trainiert – und ob tatsächlich Kenntnisse, Praxis- und Führungserfahrungen der Trainer und Ausbilder vorliegen. Denn Führung im Krankenhaus ist anspruchsvoll und hochkomplex. Aber viele der Führungskräftetrainer haben selbst noch nie geführt, schon gar nicht in Kliniken. Das ist für viele teilnehmenden Führungskräfte dann häufig befremdlich – zurecht, wie ich finde. Ein Fußballtrainer, der noch nie Fußball gespielt hat, wird schwerlich als Trainer erfolgreich sein. In der Regel wird er auch keinen Job bekommen – das läuft im Führungskräfte-Training leider häufig anders. Hier sollten die Anforderungen an Trainer deutlich erhöht werden.

Probleme bei Unsicherheiten oder zu geringer Qualifikation von Führungskräften

In vielen Fällen kommt es zu erheblichen Widerständen, die effektiv gemanagt werden müssen. Hier kommt der Führungskommunikation höchste Bedeutung zu. Das kann sonst zu Verzögerungen, erhöhten Kosten und sogar zum Scheitern von Projekten führen. Mitarbeitende könnten sich dem Wandel widersetzen oder sich entfremdet fühlen, was die Arbeitsmoral und Produktivität massiv beeinträchtigt. Hier schildern Führungskräfte häufig, dass sie mit diesen Situationen verständlicherweise überfordert sind und sich mehr „Handwerkszeug“ wünschen. Dieses lässt sich erfahrungsgemäß, je nach Funktion oder auch Verantwortung, in ein bis zwei Trainingstagen vermitteln. Das ist gut investierte Zeit und kommt einem Fahrsicherheitstraining für schwierige Situationen gleich. Führungskräfte werden dadurch gut vorbereitet. Ich erlebe Auftraggeber solcher Trainings, die sich der Tragweite solcher Maßnahmen bewusst sind und sie gezielt zur Qualifizierung ihrer Führungskräfte einsetzen. Erfolgreich.

Mögliche Fehler und Risiken

Weitere häufige Fehler sind eine unzureichende Risikoanalyse, mangelnde Ressourcenallokation, das Übersehen oder Ignorieren von Feedback der Mitarbeitenden und das Fehlen einer kontinuierlichen Evaluierung und Anpassung des Veränderungsprozesses. Vor allem die Kommunikation ist entscheidend – mit allen Facetten und Aspekten.

Wenn die Geschäftsführung vor die Führungskräfte und Mitarbeitenden tritt und Change verkündet und kommuniziert, so wirkt nicht nur der verbale Anteil, sondern vor allem der non- und paraverbale Anteil. Daher muss eine vollkommene Kongruenz des gesprochenen Wortes mit der Energie und Körperhaltung gegeben sein. Auch die unsichtbare, innere Haltung muss in dem Moment stimmig sein. Es geht um klare Authentizität. Das geht schon über eine normale Führungskommunikation hinaus – es ist eine echte Rhetorik. Es darf kein Glück sein, ob die richtigen Botschaften vermittelt werden. Denn Mitarbeitende lesen diese Kommunikation hochsensitiv aus und bemerken jede Schwäche und Fragwürdigkeit – und beantworten dies ggf. mit Misstrauen und Widerstand. Hier werden häufig viele Fehler gemacht, die nicht mehr aufgeholt bzw. wettgemacht werden können.

Kommunikation mit den Mitarbeitenden

Es ist entscheidend, dass die Kommunikation klar, offen, konsistent, authentisch, glaubwürdig und regelmäßig erfolgt. Mitarbeitende müssen verstehen, warum Veränderungen notwendig sind, welche Ziele verfolgt werden und wie diese die Organisation und sie persönlich betreffen werden. Die Regel lautet: kommuniziere viel und mit allen. Immer und jederzeit. Lieber einmal zu viel als zu wenig. Und vergiss niemanden – sonst droht Widerstand. Widerständen und Ängsten von Mitarbeitenden sollten Führungskräfte offen und verständnisvoll begegnen, um sie in eine konstruktive Energie zu wandeln. Phrasen wie „Machen Sie sich mal keine Sorgen!“ sind respektlos und würdigen nicht die wahrgenommene Situation. Besser ist es, ein Verständnis tiefenwirksamer Führungskommunikation zu besitzen. Ein gutes Beispiel, das sich die Tiefenstruktur der Kommunikation zunutze macht, ist: „Ich lade Sie zur gemeinsamen Veränderung ein! Denn wir sind über das OB hinweg – aber gemeinsam können wir jetzt das WIE gestalten. Bevor irgendjemand kommt und wir dann gestaltet werden.“ Solche Impulse sind sehr wirkungsvoll und unterstützen Führungskräfte in der Kommunikation. Aber auch eine souveräne und gewaltfreie Konfliktkommunikation ist hier eine große Stütze für Führungskräfte, wenn diese erlernt wurde. Sie stellt sicher, dass Konfliktthemen im Change-Management eskalationsfrei angesprochen werden können und in kürzester Zeit Lösungen vereinbart werden. Eine absolute Schlüsselqualifikation in diesen Zeiten, ebenso wie Persönlichkeitsdiagnostik. Das lässt sich alles meist in ein bis zwei Tagen erlernen.

Wie kann man Mitarbeitende davon überzeugen, dass die Veränderungen nötig sind – auch wenn sie manchmal schmerzhaft sein können?

Indem man die Vorteile, den Sinn und Nutzen der Veränderung klar kommuniziert, Unterstützung anbietet und frühzeitig in den Veränderungsprozess einbezieht. Das schafft Vertrauen und ermöglicht es den Mitarbeitern, Teil der Lösung zu sein. Und, ganz wichtig, dass Führungskräfte sicher und souverän in ihrer Haltung und Rolle sind. Das „OB“ darf nicht mehr diskutiert oder durch diese in Frage gestellt werden, lediglich das „WIE“. Das setzt aber voraus, dass Führungskräfte auch gut vom oberen Management „abgeholt“ und informiert wurden. Aber es gibt neben der Bring- auch eine Holschuld, der ich gerecht werden muss, wenn ich noch etwas benötige, um meiner Führungsaufgabe gerecht zu werden.

Man sollte, insbesondere bei verstärkten Ängsten und Widerständen, verstärkt eine Kultur des offenen Dialogs fördern, in der Ängste und Bedenken ohne Nachteile geäußert werden können. Zusätzliche Unterstützung wie Coaching oder Mentoring kann ebenfalls hilfreich sein. Und es ist wichtig, respektvoll mit Bedenken oder Ängsten umzugehen. Auch, wenn ich mich wiederhole, so ist zu betonen, dass es wichtig ist, klarzustellen, dass wir über das OB hinweg sind und es um die gemeinsame Gestaltung des WIE geht. Das löst häufig konstruktive Suchprozesse nach Lösungen aus und erhöht die Beteiligung und das Engagement der Mitarbeitenden – es kanalisiert die Energie von Ängsten hin zu Lösungen.

Warum uns Veränderungen schwerfallen

Menschen sind „Gewohnheitstiere“; Veränderungen bringen Unsicherheit und potenzielles Risiko mit sich, was natürlicherweise Abwehrreaktionen hervorrufen kann. Das Gehirn benötigt zudem im Rahmen von Routinedenken und -arbeiten im sogenannten Automatik-Modus nur ca. 5 % des Gesamtenergieumsatzes des Körpers. Im Rahmen des Change-Managements, also auch des Erlernens von neuen Methoden und Ansätzen, kann bzw. muss es den Energieverbrauch bis auf 20 % erhöhen – aber das Gehirn versucht in der Regel, diese Anstrengung zu vermeiden und „wehrt“ sich. Denn es empfindet Veränderung meist als unfassbar anstrengend und möchte daher lieber die Routine bewahren, da es der ökonomisch günstigere Modus ist. Es ist wichtig, das zu verstehen.

Der Unterschied zwischen Change-Management und Transformation

Change-Management und Transformation sind beides wichtige Konzepte im Bereich des organisatorischen Wandels, unterscheiden sich jedoch in ihrem Umfang, ihrer Tiefe und ihren Zielen.

Change-Management bezieht sich im Allgemeinen auf den Prozess, Veränderungen innerhalb einer Organisation zu planen, zu implementieren, zu steuern und zu stabilisieren. Es geht darum, spezifische Veränderungen zu managen, die oft klar definiert und auf bestimmte Ziele oder Projekte ausgerichtet sind. Change-Management kann sich auf Veränderungen in Prozessen, Systemen, Strukturen oder Technologien beziehen und ist oft reaktiv, d. h., es wird implementiert, um auf interne oder externe Einflüsse zu reagieren. Das Hauptziel von Change-Management ist es, den Übergang von einem bestehenden Zustand zu einem neuen Zustand zu erleichtern, Widerstände zu minimieren und die Akzeptanz unter den Betroffenen zu maximieren.

Transformation hingegen ist weitreichender und bezieht sich auf eine grundlegende Veränderung der Art und Weise, wie eine Organisation funktioniert. Dies kann eine komplette Neugestaltung von Geschäftsprozessen, Unternehmenskultur, Geschäftsmodellen oder der gesamten organisatorischen Struktur umfassen. Transformation ist in der Regel strategisch, tiefgreifend und zielt darauf ab, die Organisation auf lange Sicht zu erneuern oder radikal zu verbessern. Im Gegensatz zum Change-Management, das oft auf spezifische und messbare Ziele ausgerichtet ist, geht es bei der Transformation um eine umfassende Neuausrichtung, die darauf abzielt, die Organisation auf zukünftige Herausforderungen vorzubereiten oder sie wettbewerbsfähiger zu machen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Change-Management oft als ein Werkzeug innerhalb einer größeren Transformationsstrategie angesehen werden kann. Während Change-Management dazu dient, spezifische Veränderungen effektiv zu steuern und umzusetzen, betrachtet Transformation die Veränderung in einem viel breiteren, oft revolutionären Kontext, der die gesamte Organisation betrifft. In der Praxis überschneiden sich diese Konzepte häufig, und die Grenzen können verschwimmen, je nachdem, wie eine Organisation ihre Ziele und Initiativen definiert.

Warum Change-Management und Transformation in guten Zeiten umgesetzt werden sollten

Wirklich gute und erfolgreiche Unternehmen transformieren, wenn es ihnen gut geht, denn genau dann haben sie die in der Regel notwendigen Ressourcen dazu. Und Change benötigt Ressourcen.

Häufig warten Unternehmen jedoch, bis es ihnen immer schlechter geht und der Druck zur Veränderung unausweichlich und groß ist. Sie reagieren eher, als dass sie agieren. Dann haben sie jedoch häufig keine Ressourcen mehr – und schon gar nicht die nötigen Manager. Change-Management und Transformation benötigen jedoch erhebliche Ressourcen.

Zudem werden häufig dann im Rahmen der Notrettung noch die falschen Führungskräfte eingestellt. Ein Betriebswirt oder Volkswirt ist per se noch kein Manager und keine Führungskraft. Es gibt ausreichend exzellente Management-Studiengänge, die das notwendige Wissen vermitteln. Aber die Unterschiede sind den Eigentümern, Betreiber-Gesellschaften, Aufsichtsratsgremien nicht unbedingt bekannt. Auch nicht den Personalberatern. Warum? Keine ausreichende Qualifikation. Daher werden häufig die falschen Führungskräfte eingestellt. Und damit beginnt das Problem.

Proaktives Change-Management kann eine Klinik darauf vorbereiten, auf zukünftige Herausforderungen schnell reagieren zu können. Es ermöglicht eine ständige Anpassung an Best Practices und Innovationen, was langfristig den Erfolg sichert.

Aber auch in schwierigen Zeiten und bei wirtschaftlichem Druck können Veränderungsprozesse aufrechterhalten werden: Durch gut qualifizierte Führungskräfte, die eine klare Priorisierung, effektive Ressourcennutzung und angemessene Kommunikation in den Vordergrund stellen.

Zusammengefasst: Die Faktoren erfolgreichen Change-Managements

Ein klar definiertes Ziel, engagierte und qualifizierte Führungskräfte, effektive Kommunikation, Einbeziehung aller Beteiligten, und eine Kultur, die Veränderungen unterstützt, sind entscheidend für den Erfolg.

Zuerst sollte also eine klare und überzeugende Vision für die Veränderung formuliert werden. Dann sollten strategische Ziele festgelegt und kommuniziert werden. Ein Umsetzungs- und Kommunikationsplan sollte unter Berücksichtigung der vorhandenen und benötigten Ressourcen erstellt werden und Priorisierungen aufweisen. Die aktive Einbeziehung und Schulung der Mitarbeitenden sowie das Monitoring und die Anpassung der Prozesse sind weitere kritische Schritte. Es muss sichergestellt werden, dass sowohl alle Führungskräfte, aber auch die beauftragten Projekt- und Changemanager nicht nur vorhanden, sondern auch qualifiziert sind. Denn diese operieren zwar nicht „im“ aber „am“ Unternehmen. Und das sollte, genauso wie von den echten Chirurgen, methodisch beherrscht werden. Es darf kein Glück sein, wenn es klappt, ein Projekt erfolgreich zu Ende zu führen, denn hier werden letztlich transformative Eingriffe an den Kliniken vorgenommen, die professionell beherrscht, begleitet und verstanden werden müssen.

Dr. med. David Goldberg

DR. GOLDBERG & PARTNER

Führungs- und Organisationsberatung
Akademie für Führungskräfte
Selztalstr. 13
55218 Ingelheim am Rhein

mail@dr-goldberg.com
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Gesundheitspolitik

Goldberg D: BDC-Praxistest: Change-Management in der Chirurgie. Passion Chirurgie. 2025 Januar/Februar; 15(01/02): Artikel 05_01.

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Ein Wegbereiter der regionalen Chirurgie in Jena – Franz Jordan von Ried (1810–1895)

Zum 215. Geburtstag

An der 1558 gegründeten Universität Jena, die 1858 ihr 300-jähriges Bestehen feiern konnte, war Franz Jordan Ried (1810–1895) Dekan der Medizinischen Fakultät und bereits seit 1846, damals als 36-jähriger Chirurg, auf den Lehrstuhl für Chirurgie berufen und zum Direktor der chirurgischen Abteilung der Landesheilanstalten, Jena, ernannt worden.

Als wir gemeinsam mit den ärztlichen Mitarbeitenden der Chirurgie im Mai 1992 zu Ehren von Prof. Dr. med. Erich Lexer [1] (1876–1973) aus Anlass seines 125. Geburtstags ein wissenschaftliches Symposium mit zahlreichen Referent:innen und Gästen (unter ihnen auch die Tochter Lexers, Frau Gunda Holzmeister), veranstalteten, da Lexer auch „Baumeister“ der neuen „Chirurgischen Universitätsklinik“ von 1910–1912 während seiner Tätigkeit in Jena bis 1919 war, stießen wir bei unseren Recherchen auf seine Vorgänger im Amt, wie z. B. Bernhard Riedel (1846–1916) und natürlich auch auf Franz Jordan von Ried (1810–1895).

Mit ihm verbinden wir in Jena den Beginn einer empirisch-wissenschaftlich orientierten regionalen und allgemeinen Chirurgie, an die man sich heute mit Hochachtung erinnert. Unsere Würdigung an dieser Stelle kann nicht sein Lebenswerk in toto wiedergeben, es ist zu umfangreich. Aber ein Kapitel seiner „lokalen Chirurgie“, nämlich sein Vorgehen bei angeborenen, kindlichen Fehlbildungen des Gesichts (speziell bei Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten) verdient es besonders, in die Erinnerung zurückgerufen zu werden, weil festzustellen ist, dass er damit gleichrangig in die Reihe seiner Lehrmeister (z. B.: Dieffenbach (1792–1847), Roux (1780–1854) u. a.) gehört. Bei der Betrachtung chirurgischer Techniken unserer Zeit entdeckt man auch bei v. Ried Vorläuferideen.

Mit unserem Beitrag möchten wir auf der Grundlage ausgewerteter Daten (Dissertation in Latein von E. Hoffmann [2] 1854; Dissertation von L. Koch [3] 1877; Transkription der Collegmitschrift, der zweibändigen Handschrift von E.L. Schillbach [4], 1862) den Beweis antreten, dass v. Ried methodischer Vordenker und Wegbereiter einer funktionellen Chirurgie mit hohem ästhetischem Anspruch und Orientierung am Stand der damaligen Wissenschaft war. Auch seine Würdigung 1862 als Leopoldina-Mitglied durch Friedrich Ludwig Joseph Siebert [5] (1829–1882) mit den Worten: „… war seine Meisterschaft bei der Regulierung der Hasenscharten auf das Vollendetste …“; ist ein Grund, diese „Vollendung“ näher zu betrachten.

Der am 12. Februar 1810 in Kempten im Allgäu geborene F. J. Ried besuchte in Erlangen das Gymnasium Fridericianum, nach dem Abitur 1828 studierte er in Würzburg und Erlangen Medizin. Da sein Vater bayerischer Beamter war (Landgerichts-Assessor, Stadtgerichtsrat), kam es dienstbedingt zu mehreren Ortswechseln. Im Examen musste er sich zur Anatomie des Schädels resp. des Aufbaus des Oberkiefers äußern (Marschall [7], 2005). Seine medizinische Dissertation legte er 1832 mit dem Titel: „Über den Lufteintritt in die Venen bei Chirurgischen Operationen“ vor. Danach wurde er 1833 Assistent an der Medizinischen Klinik der Universität Erlangen. 1835 legte er sein medizinisches Staatsexamen in Bamberg ab (vermutlich bei Prof. Johann Lukas Schönlein, 1793–1864; einem der Lehrer R. Virchows (1821–1902) mit Tätigkeiten in Würzburg, Jena und Bamberg). In Berlin besuchte er 1836 die Kliniken von F. v. Graefe (1787–1850), J. F. Dieffenbach (1792–1847) und lernte deren Spaltchirurgie und rekonstruktive Gesichtschirurgie kennen.

1839 folgte seine Habilitation, nachdem er sieben Kliniken in Paris (P. J. Roux, 1780–1854) und Strasbourg besucht hatte und nun ordinabel wurde. 1846 wurde Ried auf den Lehrstuhl für Chirurgie an der Universität Jena berufen. Ried (Abb. 1) kannte die französische Chirurgie und die Literatur der Operateure des 18. Jahrhunderts, zitierte z. B. F. Chopart (1743–1795) zur Cheiloplastik und war auch Zeitgenosse der deutschen Chirurgen, wie B. v. Langenbeck (1810–1887) und K. A. Burow (1809–1874), dessen Technik der Lappenplastik er anwendete und verbesserte.

Ried hatte eine sehr feine Handschrift (s. a. seine Briefe an E. Haeckel [8], 1834–1919), besaß ein ausgezeichnetes Zeichentalent und bereitete seine Eingriffe akribisch vor. Er versah seine OP- Berichte mit eigenen Skizzen, die wohl auch in seinem Colleg in seinem Privathaus an der Tafel entstanden. Ried war ein fleißiger „Kliniker“, der seine Kranken meist auch am Abend nach der Operation noch einmal aufsuchte, aber dafür weniger publizierte. Unter seiner Betreuung entstanden auch zu unserem Thema interessante medizinische Dissertationen (E. Hoffmann, 1854, L. Koch, 1877), in denen man die Beschreibung der Ideen und das Vorgehen von v. Ried findet. Lindemann [15] (1880–1970) hat 1.950 Einzelschritte, wie sie auch v. Ried anwendete, wiederholt und publiziert.

Abb. 1: Franz Jordan v. Ried (1810–1895), Fotografie des Weimarer Hoffotografen, um 1884, Sammlungen d. ThULB Jena

Eigentlich hatte sich Franz Jordan Ried Hoffnungen gemacht, in Erlangen die Nachfolge seines chirurgischen Lehrers und Freundes M. Jäger (1795–1838) antreten zu können, was aber nicht gelang, obwohl er sehr oft seinen Chef im Amt vertreten musste. In Jena begründete er mit A. Siebert (1805–1855) die „Medizinisch-Naturwissenschaftliche Gesellschaft Jena“ – auch als Ausdruck der Abkehr von der reinen naturheilkundlichen Ausrichtung der Medizin durch Hinwendung zur empirischen Wissenschaft. Er bezog die Landesheilanstalten, einen dreigeschossigen Bau ohne räumliche Trennung von septischem und aseptischem Krankengut, und erreichte die Aufteilung der Heilkunde in Chirurgie und Innere Medizin als getrennte, selbstständige Gebiete (Abb. 2).

Abb. 2: OP-Saal in den Landesheilanstalten zur Zeit F. J. Rieds. Lexer ließ mit seiner Berufung 1910 bis 1912 eine neue Chirurgische Universitäts-Klinik nach eigenen Entwürfen bauen. (Foto Arch. Chir.)

Die Stadt Jena, das Land und die Herzöge von Meiningen und Altenburg ehrten ihn in besonderer Weise (Ehrenbürger, Geheimer Rath, Ernestinischer Hausorden, was die Erhebung in den Adelsstand bedeutete). 1884 reichte er krankheitshalber nach 38-jährigem Direktorat seinen Rücktritt ein.

Franz Jordan von Ried starb am 11.06.1895 in seinem Haus in der Neugasse in Jena, nachdem ein Schlaganfall seinen rechten Arm gelähmt und sich sein Sehvermögen erheblich verschlechtert hatte. Dem Förderverein „Johannisfriedhof Jena e.V.“ (T. Peschke, 2018) [17] ist sehr zu danken, dass seine Familiengrabstelle erhalten und gepflegt wird (Abb. 3).

Abb. 3: Familiengrab der Familie von Ried auf dem Johannisfriedhof Jena, Foto privat

Die Spaltchirurgie ab 1846 in Jena unter Franz J. Ried

Anfänge der rein operativen Behandlung von Spaltbildungen im Mittelgesicht („Hasenscharten und Wolfsrachen“) lagen auch in Jena in der Hand von Chirurgen (Schumann, D., Rockstroh, G., Rockstroh, J. [6]).

Franz J. Ried besuchte nach seiner Promotion 1832 im Jahre 1836 auf Empfehlung seines Lehrers M. Jaeger (1795–1838) in Berlin F. v. Graefe (1787–1840), J. F. Dieffenbach und in Paris P. J. Roux. Er lernte deren Methoden zur Operation von Spaltbildungen kennen, übernahm ihr Vorgehen am Gaumen und entwickelte eigene Techniken, um Verwachsungen zwischen Gaumen und Rachen zu lösen. Während in Jena mit Ried schon 1846 eine ordentliche Professur mit Lehrstuhl für Chirurgie entstand, folgte das an „großen Universitäten“ wie z. B. in Basel fast 20 Jahre später (1864) mit Auguste Socin (1837–1899), der 27-jährig die erste Berufung eines ordentlichen Professors für Chirurgie an der Universität Basel erhielt. Bekannt sind von Socin die engen Kontakte zu den deutschen Chirurgen v. Bergmann (1836–1907), v. Langenbeck u. a.

Von F. J. Ried wurden heute modern erscheinende Schnittführungen für die Lippen-und Gaumenspalten-Operationen entworfen, die in Anlehnung an Dieffenbach und auch von seinem Zeitgenossen v. Langenbeck publiziert wurden. Insbesondere bei den bogenförmigen Inzisionen zur Chirurgie der Lippenspalten geht Ried den Verfahren heutiger populärer Methoden (z. B.: Rotation Advancement Procedure, Millard,1961 [9]) voraus. Dieses wird bei den doppelten Hasenscharten noch deutlicher (Schillbach, 1862). Auch die von uns über 20 Jahre geübte Technik nach G. Pfeifer [10] (1921–2003), 1966 publiziert als sog. „Wellenschnittverfahren“, kann man schon in dem bogenförmigen Ansatz der Inzisionen bei Ried finden. In dem Vorlesungsmanuskript von Schillbach [4] wird die von F. J. Ried geübte Methode beschrieben. Damit beginnt diese regionale Chirurgie an der chirurgischen Abteilung der Landesheilanstalten Jena und kann auf Rieds Amtsantritt 1846 datiert werden. Ried gehört u. E. damit für diese Krankheitsbilder (LKG-Spalten) in die Reihe der Protagonisten einer modernen Chirurgie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Auch wenn die Veröffentlichung über seine (wohl erstmalig) durchgeführte beidseitige Oberkieferresektion unter den Chirurgen offensichtlich einen höheren Stellenwert bekommen hatte, sind die Würdigungen zu seinen Hasenscharten-Operationen durch die „Leopoldina“ bezeichnend. Damit darf zu Recht von einem Beginn der wissenschaftlichen Spaltchirurgie durch F. J. Ried in Jena ausgegangen werden.

Abb. 4: Büste F. J. v. Ried, Donndorf 1858, Kustodie (Kunstsammlung) der Universität Jena, Foto Grond

In der medizinischen Dissertation von E. Hoffmann [2] (1854) unter Ried ist dieses für die Nachwelt (in Latein) dokumentiert und erhalten. Das betrifft auch die Kenntnis und Anwendung der italienischen und indischen Methoden der Nasenrekonstruktion [16].

Handschrift von v. Ried
(im Zeugnis über Schillbach, zum Antrag auf Dozentur 1854)

E. L. Schillbach (1825–1898) war Assistent und später als a. o. Professor für Chirurgie Mitarbeiter von v. Ried.

Transkription Abb. 5: Zeugnis – Herr Dr. Schillbach hat während eines Zeitraumes von zwei Jahren als Assistent der chirurgischen Klinik fungiert. Er hat sich während dieser Zeit nicht nur durch seine Strenge, Gewissenhaftigkeit in Führung der ihm übertragenen Funktionen und durch die größte den Kranken gewidmete Sorgfalt und Humanität, sondern ganz vorzüglich durch seine dem ganzen Gebiet der Medizin und besonders der Chirurgie umfassende theoretische Kenntnisse sowie praktische Befähigung ausgezeichnet. Der unterzeichnete kann denselben unbedingt als einen seiner vorzüglichen Schüler empfehlen und hält denselben namentlich zum Dozenten der Chirurgie für befähigt. Jena, den 15. Jan. 1854. Dr. F. Ried, Direktor der chirurgischen Klinik.

Abb. 5: Handschrift von Franz J. v. Ried aus der Historischen Sondersammlung der
ThULB UNIJ (Bestand 1.64a, Dekan Martin Bl. 19–21), Foto privat

In der Collegmitschrift von Schillbach lesen wir zur „Operation der einfachen Hasenscharte“: „Die Operation sollte nun nicht nur bestehen in einer einfachen Anfrischung der Spalte („Spaltränder“). Es muss eine Verlagerung der Weichteile sattfinden. Die erste Operation besteht darin, dass man durch zwei Schnitte bis an die Wangen nur (soweit) auszuführen wie es die Lippe verlangt, man vereinigt dann die beiden oberen Läppchen, man schiebt sie aneinander, ohne (sekundäre) Wunde nach unten. Die zweite Methode: Man führt erst einen Schnitt im Halbbogen um den Nasenflügelrand. Mitte der Längsschnitte führt man einen Schnitt nach den Wangen. Reicht dieses auf einer Seite nicht, wird dieses auf der anderen Seite wiederholt. Es ist dieses für das Kind bei jeder Hasenscharte anwendbar. Das mittlere Läppchen benutzt man in Form eines Dreiecks, macht es in Bogenschnitten um die Flügel und von diesen Schnitten in die Wangen. Wesentlich ist, dass man die Teile weit ablöst, um sie recht beweglich zu machen.

Textpassage aus der Handschrift E. L. Schillbach [4] (1862)

Transkription Abb. 6: „In früherer Zeit und historisch auch jetzt war es folgendes: man trug mit Scheren die überstehenden Ränder ab und befestigte mittels unrunder Naht (Nadel) die Ränder wieder in einer Operation. Diese Operation ist aber unzweckmäßig und zwar aus folgenden Gründen: es wird an der Seite eine Einkerbung entstehen. Bei der doppelten (Spalte) wird sich in der Mitte eine Furche bilden. Um dieses zu beheben hat man sich in neuerer Zeit viel Mühe gegeben.“ff

Abb. 6: Textpassage aus der Handschrift E. L. Schillbach [4] (1862)

Die Schriften aus der Schaffensperiode von F. J. Ried liegen in der ThULB Jena vor. Sie lassen eine Rekonstruktion seines operativen Vorgehens und einen Vergleich mit später inaugurierten, z. T. heute noch gebräuchlichen Methoden zu [14].

Das klinische Bild

Klinische Kennzeichen (Tripple D)

Defekt: offene Verbindung zwischen Mund- und Nasenhöhle (fehlender Nasenboden)

Dislokation: Fehlstellungen von Nase, Kiefer, Gaumen, Zwischenkiefer, Zahnkeimen

Deformierung: Verformung von Zwischenkiefer, Gaumenfortsätzen, Vomer Gaumensegel, Naseneingang und -scheidewand

Methode v. Ried (1862)

Transkription aus Sütterlin Handschrift (Abb. 9)

Abb. 7: Einseitig totale Spalte V – das Vomer, Foto Müller

Abb. 8: Doppelseitig totale Spalte PM-Prämaxilla

Abb. 9: Methode von Ried

Ein erster Vorschlag ist der von Dieffenbach: er machte die Wundmachung durch zungenförmige („bogenförmige“) Schnitte. Es bleibt jedoch auch bei dieser (Methode) eine leichte Einkerbung infolge der Verkürzung der Narbe zurück. Eine weitere Methode (Ried) ist die folgende: man macht auf der einen Seite die Wundmachung vollständig, auf der anderen nur teilweise und schneidet die von unten nach oben durch. Das (entstehende) Läppchen wird herunter gebogen und vereinigt. Man (Ried) ist weiter gegangen: man hat auf beiden Seiten in dieser Weise angefrischt, so dass auf jeder Seite ein Lappen entsteht. Dasselbe Verfahren kann man auch bei der doppelten (Spalte) anwenden.“ff Seite 9

Vergleichende Betrachtung

Die Lippenplastik bei einfacher totaler „Hasenscharte“ von 1846–2005 am UNI-Klinikum Jena

V. Ried verwendete bogenförmige Inzisionen, um die verkürzten medialen Lippenanteile bei unvollständiger „Hasenscharte“ zu verlängern und dann zu vereinigen. Den Amorbogen bildete er durch ein dreieckiges Läppchen aus dem Spaltrand. Bei der OP der vollständigen „Hasenscharte“ fallen Ähnlichkeiten zu modernen Schnittführungen auf. Dies ist zwar nur ein Schritt in der Versorgung, aber wesentlich für das Endergebnis und ein Beleg für den hohen Anspruch des Vorgehens von v. Ried. Unser Vorgehen von 1972–1988 zeigt Abb. 11 und lässt Ähnlichkeiten zur Abb 12 (v. Ried) erkennen.

Abb. 10: Grafik li totale LKG-Spalte (Geiling)

Abb. 11: Methode Millard [9]( in Jena 1972 – 1988 )

Abb. 12 A-D: Grafik zeigt die Ähnlichkeit mit der von Millard,1961 angegebenen Methode (Abb. 10 in Abb 11 (B,C) mit Umzeichnung (rot) der Lippenplastik nach v. Ried aus Schillbach, 1862)

Abb. 13: Schema aus Schillbach, 1862

Die Lippenplastik bei doppelter totaler „Hasenscharte“ von 1846–2005 am UNI-Klinikum Jena

Bei den doppelten vollständigen „Hasenscharten“ hat v. Ried die Methode für die einfachen Formen auf die doppelten Spaltbildungen übertragen (Abb. 13). Es dominiert wiederum die bogenförmige Inzision mit entsprechender Ausdehnung in die Wange. Anfangs versuchte er auch den Zwischenkiefer einzuordnen, um eine regelrechte Mastikation zu erreichen.

Nach Fehlversuchen schloss er sich dem Verfahren Dieffenbachs an, der den Zwischenkiefer entfernte (Koch [3]). Auch bei der Operation der doppelseitigen LKG-Spalten hat v. Ried mit seiner Technik auch schon die Idee eines funktionell orientierten und ästhetisch anspruchsvollen Vorgehens verwirklicht.

Wir haben von 1966 an begonnen, die Millardsche Vorgehensweise anzuwenden und sind ab 1987 zur Pfeiferschen Technik mit ebenso guten Resultaten übergegangen.

Textpassage aus der Dissertation E. Hoffmann [2] (1854)

Übersetzung ‚Über die Operationen der Lippenspalte‘:

Wir müssen zuerst definieren, was Hasenscharten sind und welche Krankheiten damit verbunden sind. Die Hasenscharte ist eine angeborene Fehlbildung, auch die Unterlippenspalte wurde einmal beobachtet. (es folgt ein Bibelspruch) Stellen wir uns nun vor, dass beispielsweise die Lippe an einem bestimmten Teil daran gehindert wird, gleichmäßig zu wachsen. Wobei der Zwischenkieferknochen beteiligt ist und sogar die Nase und Nasenlöcher verzogen und erweitert sind. Es sind Risse entstanden, jene Teile wo das Os zwischen Oberkiefer und dem Knochenteil supramaxillär sich verbindet, ist in 3 Teile geteilt. Es können doppelte Spalten vorkommen.“

E. Hoffmann, Med. Diss, Jena, 1854

Ausschnitt aus dem Text, Übersetzung aus dem Lateinischen zur „Operation der einfachen und doppelten Hasenscharte“

Zitat: „Die Operation selbst besteht darin, die Ränder, die nach und nach durch die Schleimhaut des Mundes geschützt werden, abzuschneiden und die Wunde mit blutigen Nähten zu verbinden.“

A. Operation der einfachen Lippenspalte. Akt I. Austrocknung der Ränder.

Lassen Sie uns jene Operationsmethode beschreiben, die wir mit einem Messer oder einer Schere durchführen können. Wenn Sie ein Messer verwenden möchten, greifen Sie die Lippe an der unteren Ecke der Spaltlippe entweder mit den Fingern oder einem Haken oder einer „Hakenpinzette“, wie sie es nennen, oder lassen Sie einen Partner die Lippe an der Stelle greifen, an der sich die freie Kante der Spalte befindet. Führen Sie die Lippe in den Rand der Spalte ein, ziehen Sie sie ein wenig heraus und ziehen Sie sie so heraus, sodass sie herausragt. Legen Sie dann unter den linken Teil der Lippe einen Streifen oder einen flachen Holzstreifen, in dem Sie die Lippe herausziehen und befestigen mit dem Daumen außen, mit dem Zeigefinger innen. Wenn der Streifen unter die rechte Seite der Lippe gelegt wird, wird das Messer mit der linken gegriffen und die rechte Lippe fixiert.

S. 11: Hier und da wird, wie am Anfang, mit einem Messer gearbeitet, mit einer sägeähnlichen Wirkung. Wenn Sie eine Schere verwenden, nehmen Sie die Kanten auf die bereits beschriebene Weise auf, führen Sie die scharfe Klinge der scharfen Schere mit einer kurzen, starken „Pinzette“, wie sie genannt werden, in der Nähe des Randes der Fissur bis zur oberen Naht ein und folgen Sie dabei den Verbindungen, denn es gibt welche, mit der Schere, die während der gesamten Operation von rechts geführt wird, so ist es möglich, mit einer einzigen Führungslinie mehrere Linien von der Lippe abzuschneiden, so dass keine Stelle vom Epithel verdeckt wird, ein wenig einschneiden, auf der anderen Seite das Gleiche machen und darauf achten, dass beide Seiten der Wunde gleich lang sind und in einem spitzen Winkel aufeinandertreffen. Wenn der Rand noch nicht herausgeschnitten ist, wird er mit einer Schere entnommen und entfernt. Es bleibt kein Epithel zurück, so dass eine Heilung stattfinden kann und kein Rest zurückbleiben darf. Der Blutfluss ist im Allgemeinen gering und arteriell. Dadurch können die Mundringarterien komprimiert werden, die Ligatur ist nicht gut, was immer ein Hindernis für eine schnelle Vereinigung darstellt. ff“

B. Operation der Doppellippenspalte

Dabei kommt es vor allem darauf an, ob jede Fissur gleichzeitig oder nacheinander, also erst nach vollständiger Abheilung und Kontraktion, operiert werden soll. Die meisten Chirurgen sind der ersten Meinung; andere, wie A.BELL (1837–1911, schottischer Chirurg) befürchten eine heftige Entzündung und einen Sphacelus (Gangrän) des Mittelteils, von dem ihrer Meinung nach die Zahl der Komplikationen hoch ist.

Es gibt zu viele Gründe für die „Türme“ (Bürzel-Position, Zwischenkieferstellung). Aber wenn dieser Teil groß ist, gibt es Platz für einige Nähte, wenn er kleiner ist, wird er präpariert. Was (den Zwischenkiefer) Dieffenbach immer entfernt, weil er der Meinung ist, dass der obere Teil der Oberlippe kürzer wird, insbesondere im mittleren Teil der Narbe.

Im ersten Akt wird die scharfe Klinge der Schere bis zum Nasenspalt vorgeschoben, der Rand wird breit gemacht und gleichzeitig die dünne Haut, die die Nasenlöcher verschließt, durchtrennt, so dass die Nasenlöcher gleich lang sind. Dann wird der mittlere Teil der Oberlippe von der Verbindungsstelle zur Nasenscheidewand abgetrennt, so dass der Nasenrücken dazwischen verbleibt, und der mittlere Teil wird vollständig abgeschnitten.

Damit die Teile nicht verziehen, werden alle Verbindungen zwischen der Oberlippe und dem Oberkieferknochen bis zu den Nasenlöchern gelockert. Andere möchten, dass ein größeres Stück Material übrig bleibt, das zum Nähen verwendet wird, und es ist nicht nachvollziehbar, warum es verletzt werden kann und warum nicht alles verwendet werden sollte, was man an der Lippe verwenden kann. Im Mittelteil, wenn es nicht bis zum normalen Teil der Lippe reicht, können die erneuerten Ränder, wenn sie kräftig sind, einfach mit zwei Nadeln an den restlichen Rändern der Lippe fixiert und diese zusammengefügt werden, so dass die Wunde die Form eines Y hat, was nach Meinung vieler das erfolgreichste Ergebnis hat. Die Vereinigung erfolgt wie gewohnt.“ Zitat Ende.

Bei der doppelseitigen LKG-Spalte besteht in der Dreiteilung des Oberkiefers und der Position der Prämaxilla ein chirurgisch schwer lösbares Problem, mit dem sich F. J. v. Ried auch beschäftigte. Die Med. Diss. von L. Koch [3] (1877) gibt darüber Auskunft (S. 14).

Abb. 14 aus Pfeifer (1966) Wellenschnittführung

Abb. 15

F. J. v. Ried („Operation der doppelten Hasenscharte“, Handschrift“, Schillbach, 1862)

Transkription (mit Skizze)

Seite 13: Die doppelte Hasenscharte mit doppelter Spaltung der Zwischenkieferstruktur

Das Muster (Abb. 16) ist ein seltenerer Fall, den wir schon mehrfach zu versorgen geübt haben. In früherer Zeit hat man ganz einfach die Intermaxilla mit der Schere entfernt (Dieffenbach). Es entsteht dadurch eine breite Lücke im Oberkiefer und es fehlen dann die oberen Schneidezähne. Die Lippe sinkt ein. Man hat so begonnen bis ziemlich in die heutige Zeit folgendes geübt: die rechte Nase hat man zur Aufhaltung gegebener Sicht befestigt, danach durch lange Kompression des Knochen- („Stücks“ = Prämaxilla) zurückgedrückt. Diese Maßnahme ist langdauernd, quälend und die Zähne wachsen nach rückwärts indem das („Mittel“-) Stück“ gebogen wird. Schließlich hob man den Kopf, das („Knochen“-)Stück zu brechen und zurück zu bringen. Es kann nun hier Mastikation stattfinden. Das problematische ist die Umschneidung eines dreieckigen Stücks der Wange was so eine Verbindung möglich macht, „das Teil“ in die Zahnreihe zurück zu bringen. Dieses Verfahren wird von einzelnen Chirurgen zur eigentlichen Gesichtskonstruktion (verwendet) voraus geschickt, man kann also beides zusammen machen. Die Vereinigung der Gesichtsfortsätze geschieht in analoger Weise wie bei den ersteren angegeben. Es ist dieses für das Kind bei jeder Hasenscharte anwendbar. Das mittlere Läppchen benutzt man in Form eines Dreiecks, macht es in Bogenschnitten um die Flügel und von diesen Schnitten in die Wangen. Wesentlich ist, dass man die Teile weit ablöst, um sie recht beweglich zu machen.

Abb. 16

Bei der Nachbehandlung ist große Vorsicht anzuraten, namentlich betreffs der Nachblutung. Blutstillende sanfte Verbandart erfolgt vom dritten, vierten Tag, dies hängt ab von der Konstitution. Früher machte man nach der Operation einen eng liierten Zuggurt daran an, heute verbindet (man) mit Streifen von Heftpflaster. Dieses war auch nötig die Nahtgefahr abzuwenden, durch einen entsprechenden Druck. Der zweckmäßigste Verband ist der Mullbindenverband. Watte oder Leinen sind bei kleinen Kindern wenig zweckmäßig. Naht ist auch gut gesichert mit Rizinusöl u. Thymianöl, in einer Menge: 1 Tropfen Rizinusöl, und 1 Tropfen Thymianöl.

Koch, L., Med. Diss., Jena, 1877 „Soll man bei der Operation der complicirten doppelseitigen Hasenschartenbildung den Zwischenkiefer erhalten oder wegnehmen“

Zusammenfassendes Postulat der Dissertation

In der von L. Koch vorgelegten Arbeit, die 1877 unter dem Ordinariat von F. J. Ried in Jena entstand, findet man das wechselvolle chirurgische Vorgehen am Zwischenkiefer beschrieben. Schon G. Dupuytren (1777–1835) hat die Erhaltung des Zwischenkiefers als mit zu viel Nachteilen behaftet eingeschätzt. J. F. Dieffenbach folgte dieser Erfahrung und resezierte die Prämaxilla mit einer Zange. B. v. Langenbeck warnte wegen der zu erwartenden Blutung vor einer „blutigen Reposition“ und versuchte anfangs die Schnittführung, die von V. v. Bruns (1812–1883) vorgeschlagen worden war, in eine Horizontale von ventral nach dorsal am Vomer zu modifizieren, um den Zwischenkiefer ohne Dislokation zurückverlagern zu können. Die frühen Ergebnisse waren anfangs akzeptabel, aber nach den späteren Kontrollen erwies sich das Vorgehen nicht dem Zweck entsprechend. Die Prämaxilla blieb beweglich und war funktionell unbrauchbar. Auch nach antiseptischem Vorgehen und unter allgemeiner Betäubung zur Schaffenszeit von F. J. v. Ried (1810–1895) sollten die Versuche der operativen Einordnung des Zwischenkiefers nicht besser werden [15].

F. J. v. Ried entfernte wie vorher o. g. Chirurgen nun in Jena bei doppelseitigen LKG-Spalten auch die Prämaxilla. Man kann feststellen, dass es nahezu bis zum Ende des 19. Jahrhunderts nicht gelang, die Bedeutung der Prämaxilla zu erkennen und dem in der Therapie Rechnung zu tragen, was natürlich operativ-technische Gründe hatte und durch Blutungen und Infektionen riskant war.

Abb. 17A: Deckblatt der Dissertation
(ThULB UNIJ )

Abb. 17 B: Spiegelaufnahme (Fotos Schumann) bei doppelseitiger „komplizierter“ LKG-Spalte mit Kennzeichnung der Prämaxilla (PM rot) und der Markierung ihrer Entfernung (x)

Abb. 17 C: Schema der Kennzeichnung von
Spaltbildungen des primären und sekundären
Gaumens (rot – Prämaxilla) (Dokumentationsblatt)

Zusammenfassung

Die von uns ausgewerteten Dokumente über die Schaffensperiode von F. J. v. Ried in Jena belegen bezüglich seiner geübten „regionalen Chirurgie“ von angeborenen und erworbenen Spaltbildungen des Mittelgesichts unter besonderer Berücksichtigung der LKG-Spalten einen hohen Anspruch an den Grad einer funktionellen und ästhetischen Rekonstruktion.

Aus der Vorlesungsmitschrift von Schillbach (1862) entnahmen wir Skizzen und detaillierte Beschreibungen seines Vorgehens bei ein- und doppelseitigen angeborenen Spaltbildungen, die er nach eigenen Vorstellungen und in Anlehnung an Methoden Dieffenbachs und Rouxs versorgte. Die Berücksichtigung einer angestrebten regionalen, lokalen Heilung in Verbindung mit einer Sprachverbesserung (Abschwächung der Rhinophonie), einer Unterstützung zur Entwicklung einer regelrechten Mastikation und einem hohen ästhetischen Anspruch für das Aussehen belegt die komplexe Sicht von v. Ried in seinem Therapiekonzept. Das sind Aspekte der speziellen Chirurgie angeborener, kindlicher Fehlbildungen des Gesichts, die wir bei Viktor Veau [11] (1871–1049) und Wolfgang Rosenthal [12] (1882–1971) in prinzipieller Form später wiederfinden.

Wir wollen aus Anlass der 215. Wiederkehr des Geburtstags von Franz Jordan v. Ried an seine hervorragenden Leistungen (Schröder, Trebing [13], 1997) auch auf dem Gebiet der LKG-Spalten erinnern, dem Beginn einer wissenschaftlich fundierten Spaltchirurgie in Jena mit seinem Amtsantritt 1846. Viele Anregungen haben die nachfolgenden Chirurgengenerationen durch v. Ried erhalten und die weitere Entwicklung der speziellen Chirurgie an der Universität Jena damit günstig beeinflusst, so wie auch später B. Riedel (1846–1916) und E. Lexer (1857–1937), der von 1910–1919 die Chirurgische Universitätsklinik leitete.

International agierende Teams der „Spaltchirurgie“ sind heute gut beraten, wenn sie sich auch hin und wieder mit den über 200 Jahre alten Pionierleistungen in ihrem speziellen, chirurgischen Fachgebiet beschäftigen. Das hat den Vorteil, bei neuen Konzepten „Fehler der Alten“ zu vermeiden.

Auch moderne Therapiekonzepte, bei denen der Gesamtverschluss von Lippe und Gaumen in einer Operation erfolgt (Benitez et al. [18]), legen den Fokus auf eine Heilung ohne offene Wunde, so wie es von Ried damals für die reine Lippenspalte ebenfalls wichtig und erwähnenswert fand „… man vereinigt die beiden oberen Läppchen, man schiebt sie aneinander, ohne Wunde nach unten.“

Es ist aus den Vorläufern der rein chirurgischen Behandlung eine komplexe, interdisziplinäre Therapie und Betreuung mit dem Ziel geworden, die betroffenen Kinder altersgerecht einschulen zu können. Dazu gehören Normalgehör, gut verständliche Umgangssprache, regelrechte Mastikation, sozial angepasstes Gruppenverhalten und ein unauffälliges ästhetisches Gesamtbild im Mittelgesicht.

Franz Jordan v. Ried hat uns mit seiner Vorleistung ein weniger bekanntes Lehrstück für die Chirurgie der angeborenen Fehlbildungen des kindlichen Gesichts geliefert, und das besonders für die Spaltchirurgie. Sein Beitrag für die regionale Chirurgie an der Universität Jena bleibt wohl unvergessen. Für die Unterstützung bei der Bearbeitung des Themas bedanken wir uns sehr herzlich bei Teresa Killian (ThULB) und Herrn Blankenburg, Jena.

Literatur

[1]   Schumann, D., Akademische Festvorlesung zu Ehren des 125. Geburtstages von E. Lexer (1867–1937) Sonderdruck der Friedrich-Schiller – Universität Jena, 1992
[2]   Hoffmann, E. Med. Diss. Jena 1854, De labii leporini operationibus
[3]   Koch, L. Med. Diss. Jena 1877, Soll man bei der Operation der complicirten . doppelseitigen Hasenschartenbildung den Zwischenkiefer erhalten oder wegnehmen.
[4]   Schillbach, E.L. Chirurgie Vorlesung Ried, 1862, ThULB Jena. Ms.Prov. o.45
[5]   Siebert, J. Leopoldina Personalia, 1862.
[6]   Schumann, D., Rockstroh, G., Rockstroh, J., Long Term Results of a Surgery – only . treatment in Patient with Cleft Lip and Palate at the surgical Clinic of the University of. Jena, Dec. 92(12), 842-47 Stomat DDR, Englisch USA.
[7]   Marschall, M. Med. Diss. 2002, Die Begründung und Entwicklung des ersten . chirurgischen Lehrstuhls der Universität Jena und der chirurgischen Abteilung der . Landesheilanstalten Jena unter Franz Jordan v. Ried.[8]   Taszus, Claudia (Hrsg.) 2022 Amtskorrespondenz (Ried/ Haeckel) Universität Jena. 1860–1916 Müller, Gerhard (Hrsg.)
[9]   Millard R., Cleft Craft, Little Brown & Comp. Boston 1973
[10] Pfeifer, G., Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten, Zeitschrift f. Kinderchirurgie (Sonderdruck). 1976, 110–135
[11] Victor Veau, Bec-de-Lièvre, Hypothèse sur la Malformation initiale. Ann. d’Anat. . pathol. 1935, Jg. 12, p. 389–424.
[12] Rosenthal, Wolfgang Dtsche Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Bd 13,
H.1-2, 1950
[13] Schröder H., Trebing G. Bedeutende Chirurgen aus Thüringen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Ärzteblatt Thüringen, 1997, Bd 8, S 231–234
[14] Schliephake, H., Hausamen, J-E. Lippen-, Kiefer-, Gaumen-Spalten in MKG-Chirurgie/Operationslehre, Springer 2021
[15] Lindemann, A. Die Chirurgie der Mundhöhle, der Kiefer und des Gesichts A. Barth. Leipzig 1950
[16] Joseph, J. Nasenplastik und andere Gesichtsplastiken, Curt Kabitzsch, Leipzig, 1931
[17] Peschke, T. Lebensskizzen Franz Jordan von Ried, Förderverein Johannisfriedhof Jena, e.V. 2017, Heft 17
[18] Benitez BK, Brudnicki A, Surowiec Z, Singh RK, Nalabothu P, Schumann D, Mueller AA, Kontinuierlicher zirkulärer Verschluss bei einseitiger Lippenspalte und Plattenreparatur in einer Operation, Journal of Cranio-Maxillofacial Surgery, 2022; 50(1).

Korrespondierender Autor:

Prof. em. Dr. Dr. med. Dieter A. Schumann

Facharzt für Chirurgie & Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgie

Burgheimer Lage 5

96049 Bamberg

 

Prof. Dr. med. Dr. med. dent.
Dr. phil. Andreas A. Müller

Leitung Universitäres Zentrum für Lippen-Kiefer-Gaumenspalten und Gesichtsfehlbildungen

Universitätsspital Basel

Spitalstr. 21

4031 Basel/Schweiz

Panorama

Schumann DA, Müller AA: Ein Wegbereiter der regionalen Chirurgie in Jena – Franz Jordan von Ried (1810–1895). Passion Chirurgie. 2025 Januar/Februar; 15(01/02): Artikel 09.

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S3 Leitlinie „Perioperatives Management gastrointestinaler Tumoren (POMGAT)“

Eine Zusammenfassung der relevantesten Empfehlungen

Die Ausarbeitung der Leitlinie erfolgte im Rahmen des onkologischen Leitlinienprogrammes der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) und mit Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Die finanzielle Förderung erfolgte durch die Deutschen Krebshilfe (70114164).

Einleitung

Malignome des Gastrointestinal (GI)-Traktes zählen mit fast 120.000 Neuerkrankungen pro Jahr zu den häufigsten Tumorerkrankungen, in den allermeisten Fällen ist eine Kuration ohne einen chirurgischen Eingriff nicht möglich. Jedoch handelt es sich meist um komplexe viszeralchirurgische Eingriffe, die mit einer relevanten Morbidität vergesellschaftet sind [1]. Postoperative Komplikationen führen allerdings zu einer protrahierten Erholung und einem verzögerten Start einer eventuell notwendigen adjuvanten Behandlung, was die Prognose der Patienten negativ beeinflusst [2, 3].

Mitte der 90er Jahre wurde erstmalig von Henrik Kehlet das perioperative Fast-Track-Konzept (FT) beschrieben. Bei Patienten mit einer anstehenden Colonresektion aufgrund eines Karzinoms (KRK) konnte durch Optimierung verschiedener perioperativer Maßnahmen die Morbidität, Mortalität und die Verweildauer (KHV) gesenkt werden [4]. Das initial aus fünf Bausteine bestehende FT wurde in den folgenden 30 Jahre erweitert und auf andere Organentitäten übertragen [5]. Weiterhin konnte in großen Registerstudien neben einer Reduktion der postoperativen Komplikationen in der onkologischen Kolorektalchirurgie auch ein positiver Einfluss auf das onkologische Outcome nachgewiesen werden, insbesondere bei Patienten mit fortgeschrittenen Tumorstadien (UICC III), die von einer adjuvanten Therapie profitieren [6, 7]. Zusammengefasst gibt es also für wenige Interventionen in der Viszeralchirurgie der letzten Jahre so gute Evidenz, wie für den Einsatz multimodaler perioperativer Konzepte (mPOM). Dennoch ist die Adhärenz in deutschen Kliniken gering, wie eine Umfrage unter deutschsprachigen Chirurgen zeigen konnte: Für einzelne Bausteine, wie den Verzicht auf das Einlegen von Zieldrainagen in das OP Feld, liegt die Adhärenz teilweise bei nur 10 % [8]. Die Gründe sind multifaktoriell, oft werden interdisziplinäres und interprofessionelles Silo-Denken, ein hoher logistischer Aufwand sowie das Fehlen Evidenz-basierter Handlungsempfehlungen angegeben. Auch das Festhalten an tradierten Empfehlungen wird als Hürde aufgeführt [9].

Um Abhilfe zu schaffen und die Implementierung der Maßnahmen zu forcieren, wurde die POMGAT S3-Leitlinie durch ein interdisziplinäres und interprofessionelles Gremium unter Berücksichtigung der aktuellen Datenlage ausgearbeitet.

Methodik

Die Ausarbeitung der Leitlinie erfolgt entsprechend dem Regelwerk der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) für S3-Leitlinien und erfüllt die notwendigen Kriterien [10]. Dies beinhaltet ein interdisziplinäres und interprofessionelles Gremium (bestehend aus Mandatsträgern der wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Patientenorganisationen sowie Experten ohne Stimmrecht (Tab. 1)) und einen transparenten Umgang mit Interessenkonflikten. Konsensbasierte Empfehlungen (EK) sowie Evidenzbasierte Empfehlungen (EbE) wurden unter Berücksichtigung des AWMF Regelwerkes ausgearbeitet, ein strukturierter Konsensusprozess durchgeführt und eine Konsultationsfassung publiziert. Diese konnte öffentlich kommentiert werden, die eingegangenen Kommentare wurden von der Leitliniengruppe diskutiert und führten zu Anpassungen in der finalen Version.

Die ausführliche Darlegung der Methodik der Leitlinienentwicklung inklusive der Ableitung empfehlungsbasierter Qualitätsindikatoren findet sich im Leitlinienreport sowie im publizierten Methodikprotokoll [11].

Präoperative Empfehlungen

Intensivierte, multimodale Prähabilitation

Unter einer intensivierten Prähabilitation werden Maßnahmen zusammengefasst, mit denen Patienten sich bestmöglich auf eine OP vorbereiten können. Hierzu gehören beispielsweise eine psychoonkologische Begleitung, körperliche Aktivität mittels Trainingsplan, Noxenverzicht, Behandlung einer Fehlernährung etc [12]. Aktuell ist die Datenlage für eine intensivierte Prähabilitation noch nicht gut genug und der Aufwand zur Durchführung zu groß, sodass nach einer Nutzen-Kosten-Abwägung im Sinne eines Evidence-to-Decision-Framework keine Empfehlung ausgesprochen werden kann (EbE, Empfehlungsgrad 0). Hierbei ist allerdings zu beachten, dass eine Empfehlung zum Erhalt der körperlichen Aktivität, ausgewogener Ernährung und Noxenverzicht, was als internationaler Standard anzusehen ist, hiervon unberührt ist.

Tab. 1: Gremium der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) für S3-Leitlinien

Beteiligte Fachgesellschaften, Organisationen und Experten

Personen

Adresse

Koordinator

Prof. Dr. Stefan Post

Klinik für Chirurgie, Universitätsmedizin Mannheim

Koordinator

Prof. Dr. Tim Vilz

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie, Universitätsklinikum Bonn

AIO Arbeitsgruppe Kolon-Rektum-Dünndarmtumoren in der DKG

Prof. Dr. Gunnar Folprecht

Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Dresden

AIO Arbeitsgruppe Pankreaskarzinom in der DKG

Dr. Dirk Waldschmidt

Klinik und Poliklinik für Gastroenterologie, Universitätsklinikum Köln

AIO AG Ösophagus-/Magenkarzinom der

Prof. Dr. Markus Möhler

Medizinische Klinik I, Universitätsklinikum Mainz

Arbeitsgemeinschaft Deutscher Darmkrebszentren (AddZ)

Prof. Dr. Stefan Benz

Klinik für Chirurgie, Kliniken Böblingen

Arbeitsgemeinschaft Onkologische Rehabilitation und Sozialmedizin in der DKG (AGORS)

PD Dr. Reiner Caspari

Klinik Niederrhein, Bad Neuenahr

Arbeitsgemeinschaft Palliativmedizin in der DKG (APM)

PD Dr. Stefan Wirz

Abteilung für Anästhesie, CURA Kath. Krhs. im Siebengebirge gGmbH

Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Medizin in der Onkologie in der DKG (PRiO)

Prof. Dr. Arved Weimann

Klinik für Allgemein-, Viszeral- und onkologische Chirugie, Klinikum Sankt Georg Leipzig

Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie in der DKG (AGSMO)

Timo Niels

Centrum für Integrierte Onkologie, Universitätsklinik Köln

Arbeitskreis Regionalanästhesie der DGAI

Prof. Dr. Thomas Standl

Klinik für Anästhesiologie, Städtisches Klinikum Solingen

Arbeitskreis Schmerzmedizin der DGAI

PD Dr. Dr. Hans Gerbershagen

Klinik für Anästhesie, operative Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Marienhospital Gelsenkirchen

Assoziation Chirurgische Onkologie (ACO) der DGAV

Prof. Dr. Jörg Kalff

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie, Universitätsklinikum Bonn

Chirurgische Arbeitsgemeinschaft Akutschmerz (CAAS) der DGCH

Prof. Dr. Stephan Freys

Chirurgische Klinik, Diako Bremen

Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für Colo-Proktologie (CACP) der DGAV

Prof. Dr. Stefan Fichtner-Feigl

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Universtitätsklinikum Freiburg

Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für Leber-, Galle- und Pankreas (CALGP) der DGAV

Prof. Dr. Christiane Bruns

Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Tumor- und Transplantationschirurgie, Universtitätsklinikum Köln

Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für Minimal Invasive Chirurgie (CAMIC) der DGAV

PD Dr. Alexander Buia

Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie, Asklepios Klinik Langen

Chirurgische Arbeitsgemeinschaft für perioperative Medizin (CAPM) der DGCH

Prof. Dr. Benno Stinner

Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie, Elbeklinikum Stade

Chirurgische Arbeitsgemeinschaft oberer Gastrointestinaltrakt (CAOGI) der DGAV

Prof. Dr. Ines Gockel

Klinik für Viszeral-, Transplantations-, Thorax- und Gefäßchirurgie, Universitätsklinikum Leipzig

Chirurgischen Arbeitsgemeinschaft Intensivmedizin und Notfallmedizin (CAIN) der DGCH

Dr. Rene Wildenauer

Hausarztzentrum Wiesentheid, Wiesentheid

Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV)

Prof. Dr. Christian Eckmann

Klinik für Chirurgie, Klinikum Hann. Münden

Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI)

Prof. Dr. Peter Kienbaum

Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum Düsseldorf

Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM)

Prof. Dr. Marc Martignoni

Klinik und Poliklinik für Chirurgie, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München

Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS)

PD Dr. Henrike Lenzen

Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Endokrinologie, Medizinische Hochschule Hannover

Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO)

Prof. Dr. Dirk Arnold

II. Medizinische Klinik (Onkologie), Asklepios Tumorzentrum Hamburg

Deutsche Gesellschaft für Koloproktologie (DGK)

Prof. Dr. Julia Hardt

Klinik für Chirurgie, Universitätsmedizin Mannheim

Deutsche Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft (DGPTW)

Prof. Dr. Bernhard Elsner

Physiotherapie, Universität Lübeck

Deutsche ILCO

Erich Grohmann

Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)

Prof. Dr. Wolfgang Hartl

Abteilung für Thoraxchirurgie, Bereichsleitung chirurgische Intensivmedizin, LMU Kliniken München

Deutsche Schmerzgesellschaft

Prof. Dr. Esther Pogatzki-Zahn

Abteilung für Anästhesie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Universitätsklinikum Münster

Konferenz Onkologischer Kranken- und Kinderkrankenpflege in der DKG (KOK)

Kerstin Paradies

Selbsthilfegruppe Ratgeber Magenkrebs/Speiseröhrenkrebs

Barbara Kade

Selbsthilfegruppe Semi-Colon

Nicola Reents

Simone Widhalm

Eingeladene Experten ohne Stimmrecht

PD Dr. Viola Andresen

Viszeralmedizinisches Zentrum, Israelitisches Krankenhaus Hamburg

Dr. Esther Biesel

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Universtitätsklinikum Freiburg

Prof. Dr. Marc Coburn

Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Bonn

Prof. Dr. Jörg Glatzle

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Klinikum Konstanz

Dr. Oliver Haase

Chirurgische Klinik, Campus Charite Mitte / Campus Virchow Klinikum

PD Dr. Andreas Hecker

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie, Universitätsklinikum Gießen

Prof. Dr. Martin Hübner

Department of Visceral Surgery, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois (CHUV)

Prof. Dr. Bettina Jungwirth

Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum Ulm

PD Dr. Simone Kagerbauer

Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum Ulm

Prof. Dr. Matthias Leschke

Medizinisches Versorgungszentrum Innere Medizin, Esslingen

Dr. Franziska Peters

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Helios Kliniken Schwerin

Dr. Martin Reichert

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax-, Transplantations- und Kinderchirurgie, Universitätsklinikum Gießen

Prof. Dr. Christoph Reißfelder

Klinik für Chirurgie, Universitätsmedizin Mannheim

Prof. Dr. Jörg-Peter Ritz

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Helios Kliniken Schwerin

Dr. Benedikt Schick

Klinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum Ulm

PD Dr. Rosa Schmuck

Chirurgische Klinik, Campus Charite Mitte / Campus Virchow Klinikum

Prof. Dr. Wolfgang Schröder

Klinik für Allgemein-, Viszeral-, Tumor- und Transplantationschirurgie, Universtitätsklinikum Köln

Prof. Dr. Martin Söhle

Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin, Universitätsklinikum Bonn

Prof. Dr. Dirk Weyhe

Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie, Pius Hospital Oldenburg

Dr. Maria Willis

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie, Universitätsklinikm Bonn

Dr. Konstantinos Zarras

Klinik für Viszeral-, minimalinvsive und onkologische Chirurgie, Marienhospital Düsseldorf

Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Fachgesellschaften (AWMF)

Dr. Monika Nothacker

Philipps-Universität Marburg

Leitlinienprogramm Onkologie, Deutsche Krebsgesellschaft (DKG)

Dr. Markus Follmann

Deutsche Krebgesellschadt, Berlin

Thomas Langer

Jedoch muss berücksichtigt werden, dass bei der Ausarbeitung der Empfehlung in der POMGAT LL die aktuellste RCT von Charlotte Molenaar zur multimodalen Prähabilitation vor onkologischer Kolorektalchirurgie aufgrund des späteren Publikationsdatum in die Entscheidungsfindung nicht eingeflossen ist [13]. Allerdings verbleibt unklar, ob diese etwas an der Aussage der Metaanalyse verändert hätte.

Patientenaufklärung

Verschiedene Studien konnten nachweisen, dass eine präoperative Patientenschulung, in der das mPOM Konzept und deren Bausteine dem Patienten erklärt werden, zu einer besseren Umsetzung der mPOM Maßnahmen, einer höheren Zufriedenheit sowie einer verkürzten Verweildauer führte [14]. Daher sollte vor einer OP über mPOM Konzepte aufgeklärt werden (EK).

Präoperative Risikoevaluierung

Risikostratifizierungs-Scores (POSSUM, E-PASS, NSQUIP) ermöglichen die Vorhersage der perioperativen Mortalität. Daher wird auch in der NICE Guideline eine Risikoevaluierung positiv bewertet, sodass präoperativ ein Risikostratifizierungsinstrument angewendet werden sollte und die Ergebnisse mit dem Patienten besprochen werden sollten (EbE, Empfehlungsgrad B) [15]. Dies ermöglicht eine partizipative Patientenentscheidung für oder gegen eine Operation.

Vorbereitung des GI-Traktes

Das primäre Ziel einer spezifischen Vorbereitung des GI-Traktes ist die Reduktion infektiologischer Komplikationen wie Wundinfekte, Anastomoseninsuffizienzen oder Pneumonien. Prinzipiell kann unterschieden werden zwischen:

a.Kombinierte Darmvorbereitung (orale Antibiose + mechanische Darmreinigung)
Insbesondere in der Kolorektalchirurgie zeigen sich gute Effekte bei der Reduktion von Wundinfekten und Anastomoseninsuffizienzen wie ein aktueller Cochrane Review zeigen konnte [16]. Daher sollte eine Kombinationsbehandlung aus oraler Antibiose + mechanischer Darmreinigung erfolgen (EbE, Empfehlungsgrad B). Eine alleinige mechanische Darmreinigung hingegen soll nicht durchgeführt werden (EbE, Empfehlungsgrad A). Bei hepatopankreatobiliären Eingriffen oder OPs am oberen GI-Trakt sollte keine mechanische Darmreinigung erfolgen.

b.Selektive Darmdekontamination (SDD)
Unter einer SDD versteht man die präoperative Gabe oraler, nicht-resorbierbarer Antibiotika in Kombination mit Antimykotika für 3–7 Tage sowie eine Fortsetzung nach der OP. Hierdurch wurde nach Eingriffen am oberen GI Trakt sowohl die Rate an Anastomoseninsuffizienzen als auch an Pneumonien reduziert [17]. Einschränkend muss jedoch die große methodische Varianz (unterschiedliche Länge der Dekontamination) und die kleinen Fallzahlen der Studienerwähnt werden, sodass dies in der Empfehlung berücksichtigt wurde. Daher kann die SDD vor Eingriffen am oberen GI Trakt erwogen werden.
Bei Eingriffen am unteren GI Trakt sollte keine SDD erfolgen (EbE, Empfehlungsgrad B), für hepatopankreatobiliäre Eingriffe kann aufgrund fehlender Daten keine Empfehlung erfolgen.

Präoperative Hygienemaßnahmen

Die Sinnhaftigkeit einer präoperativen Antibiotikaprophylaxe (PAP) zur Vermeidung von Wundinfekten ist hinlänglich bekannt [18]. Aus diesem Grunde soll die Gabe innerhalb einer Stunde, allerspätestens direkt vor Hautschnitt erfolgen (EK). Postoperativ soll die PAP nicht fortgesetzt werden (EK).

Neben der PAP ist auch die Vorbehandlung des OP Feldes zur Vermeidung von Wundinfekten relevant: Gemäß Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts soll auf eine präoperative Haarentfernung mittels Rasur oder chemischer Depilation im OP Gebiet verzichtet werden. Bei operationsbedingter Notwendigkeit eine Haarentfernung sollte dies mittels elektrischer Haarschneidemaschinen mit Einwegköpfen erfolgen (EK). Die chirurgische Desinfektion sollte mittels Chlorhexidin-haltiger, alkoholischer Lösungen erfolgen (EbE, Empfehlungsgrad B), bei Unverträglichkeiten können auch Povidon-Iod haltige Lösungen angewendet werden (EbE, Empfehlungsgrad 0) [19]

Intraoperative Empfehlungen Drainagenmanagement

Ösophagusresektionen

Nach McKeown Ösophagektomie ergibt sich bei insgesamt schlechter Datenlage für die Anlage einer cervicalen Drainage kein Benefit, sodass hierauf verzichtet werden sollte (EK) [20]. Bei transthorakaler Ösophagektomie soll hingegen eine singuläre Thoraxdrainage mit oder ohne Sog (EK) angelegt werden, eine zweite thorakale Drainage führt nur zu mehr Schmerzen ohne nachweisbaren Benefit [21]. Die Drainage kann bei einem Fördervolumen <250 ml/24h gezogen werden [22]. Auf die Einlage einer abdominellen Drainage sollte hingegen sowohl nach transthorakaler als auch nach einer transhiatal erweiterten Gastrektomie verzichtet werden (EK), da keine intraabdominellen Anastomosen angelegt wurden.

Gastrektomie

Eine abdominelle Drainage nach Gastrektomie oder subtotaler Magenresektion erhöht die Morbidität (RR 0,47; 95 % KI 0,26 bis 0,86) ohne Einfluss auf die Verweildauer, sodass auf eine Einlage verzichtet werden sollte (EbE, Empfehlungsgrad B) [23].

Pankreaschirurgie

Die Situation in der Pankreaschirurgie ist aufgrund unterschiedlicher Einschlusskriterien in den durchgeführten Studien und somit unterschiedlichem Risikokonstellationen für eine Pankreasfistel komplex. So zeigt sich bezüglich der Einlage einer Drainage nach Pankreaskopf- oder Schwanzresektion eine Reduktion der 90d-Mortalität bei niedrigem Vertrauen in die Evidenz (RR 0,23; 95 % KI 0,06 bis 0,90) [24]. Alle anderen Endpunkte (Morbidität, 30-Tage Mortalität, intraabdominelle Infektionen, Verweildauer) verblieben unbeeinflusst. Aus diesem Grunde kann eine Zieldrainage nach Pankreasresektionen erwogen werden (EbE, Empfehlungsgrad 0). Diese Drainage kann nach Ausschluss einer Pankreasfistel bis zum vierten Tag nach der OP gezogen werden (EbE, Empfehlungsgrad 0).

Leberresektionen

Bei Leberresektionen ohne vaskuläre oder biliäre Rekonstruktion soll keine Drainage eingelegt werden, da das Auftreten eines Gallelecks begünstigt wird (OR 2,32; 95 % KI 1,18 bis 4,55), die Komplikationsrate erhöht ist (OR 1,71; 95 % KI 1,45 bis 2,03) und die Verweildauer um einen Tag verlängert (MD 1,01 Tage; 95 % KI 0,47 bis 1,56) wird (EbE, Empfehlungsgrad A). Ist hingegen eine Rekonstruktion notwendig, kann eine prophylaktische Drainage eingelegt werden (EbE, Empfehlungsgrad 0) [25].

Kolorektale Eingriffe

In der elektiven Kolorektalchirurgie soll keine intrabadominelle Drainage eingelegt werden (EbE, Empfehlungsgrad A), da kein Einfluss auf die Rate oder den Diagnosezeitpunkt einer Anastomoseninsuffizienz nachweisbar ist, infektiöse Komplikationen in beiden Gruppen gleich sind und die Mortalität vergleichbar bleibt. Dies gilt sowohl für Colonresektion als auch für Rektumresektionen mit extraperitonealer (tiefer) Anastomose [26].

Intraoperative Testung einer Anastomose

Transthorakale Ösophagsresektion

Es liegen verschiedene systematische Reviews (SR) vor, die den Einsatz von Indoycyaningrün (ICG) zur Überprüfung der Vaskularisation des Magenschlauches untersuchen. Zwar sind keine RCTs inkludiert, jedoch konnte eine Reduktion der Anastomoseninsuffizienzrate sowie von Interponatnekrosen beschrieben werden [27]. Aus diesem Grunde kann ICG zur Überprüfung der Perfusion eingesetzt werden (EK).

Kolorektale Chirurgie

Eine Anastomose zum Rektum sollte intraoperativ auf Dichtigkeit überprüft werden (EK). Hierzu existieren verschiedene Verfahren (AirLeak Test, Methylenblau Füllung, intraoperative Endoskopie); die als gleichwertig angesehen werden können. Durch die Überprüfung der mechanischen Integrität kann eine Reduktion der Anastomoseninsuffizienzrate erreicht werden [28]. Welche Konsequenz jedoch aus einem positiven Test resultiert (Übernähung, Stoma, Neuanlage), verbleibt aufgrund fehlender Daten unklar.

Neben der mechanischen Dichtigkeit spielt auch die Perfusion einer Anastomose nach Colon- und Rektumresektionen für eine regelrechte Heilung eine wichtige Rolle. Aus diesem Grunde soll die Perfusion der Anastomose intraoperativ überprüft werden (EK), beispielsweise durch den „cold steel Test“ oder eine intraoperative Zweitmeinung. Alternativ kann auch ICG zur Beurtelung von Rektumanastomosen eingesetzt werden. Für die Anwendung von ICG zeigt sich zwar in einer Metaanalyse eine Reduktion der Anastomoseninsuffizienzrate, allerdings sind viele der inkludierten Studien aufgrund des Industriesponsorings mit einem Bias belastet [29]. Weiterhin sind die Anschaffungskosten recht hoch und ein objektiver CutOff Level ist nicht vorhanden.

Postoperatives Management Magensonden (NGS)

Ösophagus- und Magenchirurgie

Aufgrund der beidseitigen Vagotomie im Rahmen einer Ösophagusresektion erleiden eine signifikante Anzahl an Patienten eine postoperative Magenentleerungsstörung, sodass eine doppellumige NGS zur Dekompression des Magenschlauchs eingelegt werden sollte (EK). Die NGS kann allerdings bereits innerhalb der ersten 48 Stunden entfernt (EK) werden [30].

Bei Magenresektionen ist die Situation anders: Eine NGS führt zu einem verzögerten Kostaufbau (MD 0,45 Tage; 95 % KI 0,29 bis 0,61) und einer längeren Verweildauer (MD 0,48 Tage; 95 % KI -0,01 bis 0,98) ohne anderweitige positive Effekte [31], sodass sie am Ende der OP gezogen werden soll (EbE, Empfehlungsgrad A).

Leber- und Pankreaschirurgie

Bei elektiven Leberresektionen soll auf eine intraoperative Magensonde vor Narkoseausleitung gezogen werden, da kein Benefit hinsichtlich Übelkeit oder Erbrechen nachweisbar ist und durch den frühzeitigen Zug der Zeitpunkt bis zum Kostaufbau und die Krankenhausdauer verkürzt sind (EbE) [32].

In der Pankreaschirurgie ist die Situation komplex: Im Falle einer klassischen Whipple Operation kann die Magensonde am Ende der OP gezogen werden (EK) [33], da keine positiven Effekte nachweisbar waren. Für das Vorgehen nach einer Longmire-Traverso Operation, bei einer Rekonstruktion mittels Pankreatogastrostomie oder bei Pankreaslinksresektionen kann in Anbetracht der unzureichenden Datenlage keine Empfehlung ausgesprochen werden.

Kolorektale Resektionen

Auch im Rahmen kolorektalchirurgischer Eingriffe erbringt eine NGS keinen Benefit [34], sodass sie vor der Narkoseausleitung gezogen werden soll (EK).

Blasenkatheter (DK)

Zum Monitoring der intraoperativen Diurese sowie zur Verhinderung einer Überlaufblase unter Narkose ist ein intraoperativer DK bei vielen Operationen sinnvoll. Bei kolorektalen Operationen soll ein transurethraler DK innerhalb von 24h nach der OP gezogen werden. Sofern Risikofaktoren für einen postoperativen Harnverhalt bestehen (tiefe Rektumresektion oder Rektumexstirpation, männliches Geschlecht), kann der Blasenkatheter bis zu drei Tage belassen werden (EK) [35].

Eine Empfehlung, ob eine suprapubische Harnableitung gegenüber der transurethralen Ableitung einen Vorteil hat oder wie das Vorgehen bei nicht kolorektalen Resektionen ist, kann aufgrund unzureichender Daten nicht ausgesprochen werden.

Postoperative Schmerztherapie

Im Falle eines offenen, viszeralonkologischen Eingriffes sollte eine kontinuierliche Epiduralanalgesie (EA) intra- und postoperativ eingesetzt werden (EbE, Empfehlungsgrad B). Dies senkt verglichen mit der systemischen Schmerztherapie die Schmerzintensität bei Belastung 24h (MD -1,83; 95 % KI -2,34 bis -1,33) und 48h MD (-1,68; 95 % KI -2,22 bis -1,14) postoperativ, bei allerdings erhöhter Rate an Nebenwirkungen (RR 4,54; 95 % KI 0,23 bis 89,62) wie Schwindel, Hypotonie und Harnverhalt (EbE) [36].

Als weitere, einfach umzusetzende und kostengünstige Maßnahme kann nach Medianlaparotomie zur postoperativen Analgesie eine Bauchbinde angelegt werden (EbE, Empfehlungsgrad 0). Dies resultiert in weniger abdominellen Schmerzen am 1. (SMD -0,38; 95 % KI -0,69 bis -0) und am 5. postoperativen Tag SMD -0,55; 95 % KI -0,89 bis -0,21) ohne Beeinträchtigung der pulmonalen Funktion. Ob auch ein langfristiger Nutzen (Prophylaxe von Narbenhernien) besteht, verbleibt unklar [37].

In der minimalinvasiven kolorektalen Chirurgie kann als Alternative zur EA ein Transversus Abdominis Plain (TAP) Block angewendet werden. Der TAP Block besitzt 24h (VAS 1-10: MD 0,33; 95 % KI 0,11 bis 0,55) und 48h postoperativ (VAS 1-10: MD 0,2; 95 % KI 0,05 bis 0,35) einen analgetisch äquivalenten Effekt bei Belastung verglichen mit der EA bei weniger Hypotonien (RR 0,14; 95 % KI 0,03 bis 0,58), weniger Sensibilitätsstörungen (RR 0,05; 95 % KI 0,01 bis 0,28) und einer rascheren Entfernung eines DKs (MD -14,27 Stunden; 95 % KI -21,66 bis -6,87 (EbE, Empfehlungsgrad 0) [10].

Prävention und Therapie postoperativer gastrointestinaler Motilitätsstörungen

Ein postoperativer Ileus (POI) ist ein relevantes Problem nach abdominalchirurgischen Operationen und resultiert in einer erhöhten Morbidität, einer verlängerten Krankenhausverweildauer und Erhöhung der Behandlungskosten. Da die Pathogenese des POI multifaktoriell ist, existieren verschiedene Interventionsansätze, die unterschiedlich erfolgsversprechend sind und somit unterschiedlich bewertet wurden (Tab. 2) [38].

Postoperative Mobilisation und Atemtherapie

Bezüglich einer alleinigen frühzeitigen postoperativen Mobilisation zeigt die aktuelle Datenlage keinen Vorteil bezüglich Morbidität, Mortalität, Darmmotilität oder Verweildauer (39). Jedoch ergibt sich auch kein erhöhtes Komplikationsrisiko für eine frühzeitige Mobilisation. Da diese Maßnahme recht einfach umsetzbar ist und bereits in die klinische Routine integriert ist, wird im Rahmen der POMGAT S3 Leitlinie eine „Soll-Empfehlung“ bezüglich einer frühzeitigen Mobilisation ausgesprochen (EK).

Insbesondere Oberbaucheingriffe oder Zweihöhleneingriffe führen zu einer Einschränkung der postoperativen Lungenfunktion. Daher liegt der Gedanke nahe, dass eine postoperative Atemtherapie im Sinne einer Incentive Spirometrie (IS) diese Einschränkung verhindern kann. Jedoch zeigt sich in einer Metaanalyse weder eine Reduktion pulmonaler Komplikationen noch eine Reduktion der Mortalität. Ebenso wenig lässt sich eine Reduktion der Verweildauer erreichen. Aus diesem Grunde und unter Berücksichtigung der entstehenden Kosten kann auf die IS als alleine postoperative Maßnahme verzichtet werden (EbE, Empfehlungsgrad 0) [40].

Tab. 2: Behandlungsoptionen beim POI

Maßnahmen, die erfolgen sollten

Maßnahmen, die angewendet werden können

Maßnahmen, die NICHT angewendet werden sollten

Maßnahmen, die NICHT angewendet werden sollen

Laxantien (z.B. Bisacodyl)

Nicht steroidale Antiphlogistika zur Analgesie

Daikenchuto

Methylnaltrexon

Kaugummi kauen

Kaffee Konsum

Prucaloprid

Propanolol

Akupunktur

Metoclopramid

Neostigmin („als ultima ratio“)

Erythromycin

Simethicon

Wasserlösliches orales Kontrastmittel

Multimodales perioperatives Managementkonzept (mPOM) als Gesamtmaßnahme

Ösophaguschirurgie

Ein mPOM Konzept in der Ösophaguschirurgie führt zu einer Reduktion der Gesamtmorbidität (OR 0,68; 95 % KI 0,49 bis 0,96), einer geringeren Rate an Anastomoseninsuffizienzen (OR 0,60; 95 % KI 0,37 bis 0,99) und weniger pulmonalen Komplikationen OR 0,45; 95 % KI 0,31 bis 0,65). Dies resultiert in einer um fast zwei Tage verkürzten Verweildauer (SMD -1,92; 95 % KI -2,78 bis -1,06) und eine Senkung der Kosten. Aus diesem Grunde sollten onkologische Eingriffe am Ösophagus im Rahmen eines mPOM Konzepts stattfinden (EbE, Empfehlungsgrad B) [41].

Magenchirurgie

Onkologische Eingriffe am Magen mit mPOM Begleitung resultieren in weniger pulmonalen Infekten (RR 0,51; 95 % KI 0,29 bis 0,91), einer verkürzten Krankenhausverweildauer um 1,8 Tage (MD -1,85 Tage; 95 % KI -2,27 bis -1,43) und weniger Kosten [42]. Daher sollte die perioperative Betreuung in der onkologischen Magenchirurgie durch mPOM Konzepte erfolgen (EbE, Empfehlungsgrad B).

Pankreasresektionen

Multimodale perioperative Konzepte in der Pankreaschirurgie führen zu einer reduzierten Morbidität (RD [=risk difference] 0,96; 95 % KI 0,92 bis 0,99) und einer geringer ausgeprägten Magenentleerungsstörung (RD 0,89; 95 % KI 0,80 bis 0,99), was in einer verkürzten Verweildauer von über zwei Tagen resultiert (MD -2,33 Tage; 95 % KI -2,98 bis -1,69). Aus diesem Grunde sollten Patienten durch mPOM Konzepte betreut werden (EbE, Empfehlungsgrad B) [43].

Leberresektionen

Onkologischen Leberresektionen eingebettet in ein mPOM Konzept sind mit einer geringeren Rate an Komplikationen assoziiert (RR 0,58; 95 % KI 0,48 bis 0,72) und demzufolge auch einer kürzeren postoperativen Krankenhausverweildauer (MD -3,18 Tage; 95 % KI -3,97 bis -2,38) [44]. Daher wird auch für die Leberresektionen eine „sollte“ Empfehlung ausgesprochen (EbE, Empfehlungsgrad B).

Kolorektale Resektionen

Für die perioperative Betreuung von kolorektalchirurgischen Patienten mPOM Konzepte existieren die meisten und qualitativ besten Studien. Zwar ist auch hier – wie bei allen anderen viszeralonkologischen Eingriffen auch – keine Reduktion der Mortalität nachweisbar, allerdings eine niedrigere Komplikationsrate (RR 0,59; 95 % KI 0,40 bis 0,86), eine raschere Erholung der Darmfunktion (Flatus: MD -12,18 Stunden; 95 % KI -16,69 bis -7,67, Stuhlgang MD -32,93 Stunden; 95 % KI -45,36 bis -20,5) sowie eine verkürzte Verweildauer um zwei Tage (MD -2,0 Tage; 95 % KI -2,52 bis –1,48) [45].In Anbetracht der qualitativ hochwertigen Studien sollen daher Patienten bei kolorektalchirurgischen Operationen in ein mPOM Konzept eingebettet werden (EbE, Empfehlungsgrad A).

Perioperative Betreuung durch mPOM geschulte Fachkräfte

Der relevante Faktor für ein funktionierendes mPOM Konzept ist eine hohe Compliance der Patienten: Dies wird vor allem daran deutlich, dass bei einer bestehenden Adhärenz für die einzelnen Bausteine von weniger als 70 % der positive Effekt insbesondere auf das langfristige onkologische Outcome nicht mehr nachweisbar zu sein scheint [6]. Um die Patienten perioperativ möglichst engmaschig zu betreuen und zu unterstützen, sind auf mPOM Konzepte spezialisierte Fachkräfte (Pflegepersonal, Medizinische Fachangestellte… mit spezieller Fortbildung) eine sinnvolle Option, die sich ausschließlich dem perioperativen Management widmen. Eine RCT bei kolorektalchirurgischen Patienten konnte beispielsweise zeigen, dass durch Einsatz dieser Fachkräfte eine frühere Mobilisation, eine kürzere Darmatoniephase sowie eine schneller erlangte Schmerzkontrolle durch orale Analgetika erreicht werden konnte. Dies führte zu verkürzten Krankenhausverweildauer um zwei Tage [14]. Aus diesem Grunde können Patienten, die sich einem viszeralonkologischen Eingriff unterziehen, durch eine auf perioperative Interventionen spezialisierte Fachkraft begleitet werden.

Zusammenfassung

Mit der hier zusammengefassten Leitlinie erfolgte erstmalig die strukturierte Aufarbeitung der aktuellen Datenlage zum perioperativen Management bei gastrointestialen Tumoren auf S3 Niveau. Durch die interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit bei der Leitlinienerstellung werden alle an der perioperativen Medizin beteiligten Fachgruppen involviert, was die Umsetzung der Empfehlungen verbessern wird. Durch eine Reduktion der Komplikationsrate bei stringenter Umsetzung des mPOM Konzeptes resultiert eine raschere Erholung, was wiederrum einen frühzeitigen Beginn einer eventuell notwendigen adjuvanten Therapie begünstigen kann (RIOT = return to intended oncological treatment) und somit auch einen direkten Einfluss auf die onkologische Prognose haben kann [46].

Die Empfehlungen beziehen sich allerdings nicht ausschließlich auf die onkologische Viszeralchirurgie, sondern können auch auf Operationen aufgrund benigner Erkrankungen wie beispielsweise chronisch-entzündliche Darmerkrankungen etc. übertragen werden. Weiterhin können die Empfehlungen auch bei onkologischen Eingriffen aus der Gynäkologie (Debulking Operationen bei Ovarialkarzinom) oder der Urologie (Zystektomien…) umgesetzt werden.

HIER klicken für die Literaturliste.

Für die POMGAT Leitliniengruppe (siehe Tab. 1)

Korrespondierender Autor:

Prof. Dr. med. Tim O. Vilz

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie

Universitätsklinikum Bonn

tim.vilz@ukbonn.de

Prof. Dr. med. Stefan Post

ehemals Chirurgische Klinik

Universitätsklinikum Mannheim

Dr. med. Maria Willis

Assistenzärztin

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie

Universitätsklinikum Bonn

Chirurgie

Vilz TO, Post S, Willis M: S3 Leitlinie „Perioperatives Management gastrointestinaler Tumoren (POMGAT)“. Passion Chirurgie. 2024 Dezember; 14(12/IV): Artikel 03_04.

Mehr zur Viszeralchirurgie finden Sie auf BDC|Online (www.bdc.de) unter der Rubrik Wissen | Fachgebiete | Viszeralchirurgie.

Neue PASSION CHIRURGIE: Register – Fluch oder Segen?

Zur Dezemberausgabe 2024: Register – Fluch oder Segen?

Hier kommt die letzte Ausgabe der Passion Chirurgie dieses Jahres, lesen Sie darin spannende Beiträge zu unserem Fokusthema „Register – Fluch oder Segen?“. Auch dabei ist das neue BDC|Akademie-Programm 2025. Suchen Sie schon heute Ihre Seminare für nächstes Jahr heraus! Wir halten wieder für alle Karrierestufen qualitativ hochwertige Fortbildungsangebote bereit, sofort buchbar.

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Viel Spaß beim Lesen, eine schöne vorweihnachtliche Zeit, tolle Weihnachtstage und einen guten Rutsch ins neue Jahr, wünscht Ihnen das Redaktions-Team

Das TraumaRegister DGU® der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie – die Erfolgsgeschichte ist jetzt Ü30

Als ein zentrales Instrument der Versorgungsforschung dienen medizinische Register dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und stellen ein wertvolles Werkzeug zur medizinischen Qualitätssicherung dar. Die strukturierte, plausibilitätsgeprüfte Erfassung einer großen Anzahl von Patientenfällen auf einer longitudinal ausgerichteten Zeitachse mit unterschiedlichen Zeitpunkten der Datenerhebung lassen Aussagen zu zahlreichen relevanten Outcomes – nicht nur der Mortalität von Patienten – zu.

Wie funktioniert das TraumaRegister DGU®?

Das TraumaRegister DGU® (TR-DGU) wurde 1993 durch die Arbeitsgemeinschaft Polytrauma als ein standardisiertes Instrument zur systematischen Erfassung und Analyse der Versorgung Schwerverletzter im deutschsprachigen Raum geschaffen. Zielsetzungen waren die Verbesserung der Versorgungsqualität, die Abbildung der Versorgungsabläufe, die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in „Leitlinien“ und die Erhebung von Daten zur Entwicklung eines Polytrauma-Scores für die Prognoseabschätzung und zur Klassifikation von Schwerverletzten für wissenschaftliche Zwecke.

Im Kleinen mit fünf teilnehmenden Kliniken begonnen, wurden in der Zwischenzeit im Register ca. 550.000 Behandlungsverläufe dokumentiert. Aktuell werden jährlich Patientendaten aus 700 Kliniken erfasst, was einer fast vollständigen Abdeckung der traumatologischen Versorgung in Deutschland bedeutet. Das TR-DGU ist damit auch international ein Referenzregister für die Qualität der Schwerverletztenversorgung in hochentwickelten Gesundheitssystemen.

Das TR-DGU ist ein mortalitiätsorientiertes Register mit einem Fokus auf der externen Qualitätssicherung von zertifizierten Traumazentren. Es beantwortet aber auch Fragen der Versorgungsforschung bei schwerverletzten Patienten, daher gelten festgelegte Einschlusskriterien, die ein Patient für den Einschluss in TR-DGU erfüllen muss: „In das TR-DGU einzuschließen sind alle über den Schockraum aufgenommen Patienten mit anschließender Intensiv- oder IMC-Überwachung und alle Patienten, die die Klinik mit Lebenszeichen erreichen und vor Aufnahme auf die Intensivstation versterben. Außerdem sind alle die zuverlegten Patienten im Register zu dokumentieren, für die in der erstbehandelnden Klinik bereits eine Dokumentation im TraumaRegister DGU® angelegt wurde.“ (www.bit.ly/TraumaregisterDGU) Diese Kriterien sind pragmatisch gewählt, um zum Beispiel ein Scoring im Schockraum zu vermeiden.

Die Datenerhebung erfolgt über einen mehrteiligen Fragebogen, der aus vier aufeinanderfolgenden Phasen besteht:

  1. Präklinik,
  2. Schockraum und anschließend OP,
  3. Intensivstation und
  4. Entlassung.

Der prähospitale Teil ist dabei basierend auf der prähospitalen Dokumentation oder durch das behandelnde Rettungsdienstteam z. B. den Notarzt auszufüllen, die nachfolgenden Teile von dem jeweils behandelnden Klinikarzt. Sie beinhalten detaillierte Informationen über Demografie, Verletzungsmuster, Komorbiditäten, prähospitales und innerklinisches Management, intensivmedizinischen Verlauf und wichtige Laborbefunde einschließlich Transfusionsdaten. Weiterhin werden Daten zum Outcome wie beispielsweise der Zustand des Patienten nach Entlassung und das Entlassungsziel dokumentiert.

Die Daten werden über eine Web-gestützte Applikation in anonymer Form in eine zentrale Datenbank eingegeben und können folglich ausgewertet werden. Die Dateneingabe ist im Rahmen des Zertifizierungsprozesses als TraumaZentrum DGU obligat.

Neben der sehr guten, fast flächendeckenden Datenerfassung für Deutschland wächst die Beteiligung am Register aus dem europäischen, aber auch weltweiten Ausland stetig an. Zurzeit gibt es Registerdaten aus Belgien, Finnland, Luxemburg, Niederlande, Österreich, Schweiz, Slowenien und den Vereinigten Arabische Emiraten. Seit 2023 nimmt auch Nepal am TR-DGU in einem Pilotbetreib teil und ist damit das erste Lower Middle Income Country im Register. Der wissenschaftliche Vergleich von Outcome-Daten zwischen Ländern mit unterschiedlich ausgerichteten Behandlungsstandards kann weitere wertvolle Erkenntnisse für die Qualitätsverbesserung in der Schwerverletztenversorgung erbringen.

Die technische und organisatorische Entwicklung sowie der kontinuierliche Betrieb des Registers inklusive Datenmanagement und statistischer Analyse erfolgt durch die AUC – Akademie der Unfallchirurgie GmbH.

Die wissenschaftliche Leitung obliegt der Sektion Notfall, Intensivmedizin und Schwerverletztenversorgung der DGU (Sektion NIS). Der Arbeitskreis Traumaregister der Sektion NIS gewährleistet die wissenschaftliche Weiterentwicklung des TR-DGU und liefert die für die Fortentwicklung notwendige umfangreiche traumatologisch-fachliche Expertise.

Auswertungen des TraumaRegister DGU® – Jahresbericht

Auf jährlicher Basis werden die Auswertungen zu einem Jahresbericht zusammengefasst und im September eines Jahres auf dem TNT-Kongress veröffentlicht. Neben dem allgemeinen, öffentlichen Jahresbericht erhält jede teilnehmende Klinik einen individuellen Jahresbericht, was ein anonymisiertes Benchmarking i. S. der Qualitätssicherung der eigenen Klinik mit anderen Kliniken ermöglicht und individuelle Qualitätsbemühungen unterstützt.

Der Jahresbericht berichtet in stets gleicher Struktur von der Entwicklung der realen Letalität im Vergleich zur Prognose basierend auf dem RISC II-Score, den demografischen Basisdaten, den überwiegend auf Zeiten basierenden Indikatoren zur Prozessqualität, den anonymisierten Klinikvergleichen, ausgewählten Subgruppen und der Dokumentationsqualität bzw. Vollständigkeit.

Der allgemeinen Jahresberichte des TR-DGU spiegelt somit valide den Stand der Schwerverletztenversorgung in Deutschland in der jeweiligen Berichtsperiode wider.  Der Jahresbericht ist in digitaler Form frei auch für Dritte verfügbar (www.bit.ly/JahresberichtDGU2023). Die aktuellen Zahlen des Berichtszeitraumes werden im Bericht stets mit denen des Vorjahres und dem letzten Zehn-Jahres-Durchschnitt verglichen, um strukturelle Veränderungen oder den Einfluss von Leitlinien zu dokumentieren.

Der individuelle Jahresbericht kann dabei beim lokalen Klinikadministrator angefragt werden.

Über den Jahresbericht hinaus liefert das TR-DGU einen wichtigen Beitrag zur Forschung, indem es Analysen in unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen ermöglicht. Die jeweiligen Publikationen werden einem registerinternen Reviewprozess unterworfen und unterliegen der Publikationsrichtlinie (www.bit.ly/PublikationsrichtlinieDGU). Aus den Registerdaten werden im jährlichen Durchschnitt 24 Publikationen erstellt, womit das Register auch Einfluss auf Handlungsempfehlungen wie zum Beispiel der S3-Leitlinie Polytrauma nehmen konnte. Somit hat das TR-DGU einen hohen Stellenwert in der wissenschaftlichen Arbeit zur Schwerstverletztenversorgung dar.

Mitwirkung am TraumaRegister DGU®

Für traumatologisch begeisterte Ärztinnen und Ärzte gibt es zahlreiche Möglichkeiten sich auf unterschiedlichen Ebenen konzeptionell an der Registerarbeit zu beteiligen.

Die Aussagekraft eines jeden Registers wird maßgeblich durch die Güte der eingebenden Daten beeinflusst. Neben der Vollständigkeit ist die Validität der Daten ein zentraler Baustein. Das wünschenswerte Maximalziel ist die Teilnahme aller an der Verletztenversorgung beteiligten Kliniken, die Erfassung eines jeden versorgten Patienten und die vollständige Dateneingabe des gesamten Datensatzes (Standardbogen). Die Erfüllung dieser Formel würde eine optimale Voraussetzung zur Verbesserung der Behandlungsqualität von Schwerverletzten in Deutschland und für die wissenschaftliche Aussagekraft des TR-DGU schaffen.

Jeder motivierte Mitarbeitende kann in seiner Klinik an der Güte der Datenqualität mitwirken. Zentral scheint es aber vor Ort geeignete Patienten für den Einschluss in das Register zu identifizieren und nach ausführlicher Aufklärung deren Einwilligung zum Dateneinschluss einzuholen. Denn spätestens seit Mai 2018 – dem Inkrafttreten der EU-Datenschutz-Grundverordnung (EU-DSGVO) – unterliegt der Einschluss von Patienten einer verschärften Regulierung. Das künftige Registergesetz in Deutschland schafft hier hoffentlich deutliche Erleichterungen bei der Dokumentation von Routinedaten. Bis dahin gefährdet der Verlust von potenziellen Patienten die Aussagekraft des erfolgreich implementierten Registers.

Wer auf der wissenschaftlichen Ebene eine individuelle Fragestellung verfolgen möchte, dem ist die Kontaktaufnahme mit dem lokalen Klinikadministrator des TR-DGU an der eigenen Klinik empfohlen. Denn jeder Klinik, die Patienten über den Standardbogen einpflegt, ist nach der bereits erwähnten Publikationsrichtlinie grundsätzlich berechtigt die eigenen Daten zur Auswertung anzufordern bzw. Projektskizzen mit Antrag auf Datenauswertung einzureichen.

Wer auf konzeptioneller Ebene am Register mitarbeiten möchte, der ist herzlich eingeladen, sich dem Arbeitskreis Traumaregister der Sektion NIS anzuschießen. Die Gruppe trifft sich regelmäßig bei den Sektionssitzungen der NIS, auf dem Jahreskongress von TraumaRegister DGU®, Sektion NIS und TraumaNetzwerk DGU® (TNT) oder im Rahmen einer zweitägigen Klausurtagung in Bensberg bei Köln, wo das TR-DGU traumatolgisch-inhaltlich weiterentwickelt wird und vorhandenen Items der Dokumentation diskutiert und an den aktuellen Stand der Wissenschaft angepasst werden. Voraussetzung für die Teilnahme ist lediglich die Mitgliedschaft in der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und eine formlose Mail an den Schriftführer der NIS mit der Bitte um Aufnahme in die Sektion.

Weitere Infos zur NIS finden sich hier (www.bit.ly/NIS-DGU).

Fazit

Zusammenfassend stellt das TraumaRegister DGU(R) seit über 30 Jahren eine Erfolgsgeschichte für die Qualitätssicherung in der Schwerverletztenversorgung dar. Es lieferte aber auch die Datenbasis für zahlreiche herausragende Studien, deren Ergebnisse maßgeblich in die Versorgungsleitlinien und in der Folge in die tägliche Praxis Eingang gefunden haben. Damit hat das Register national und international Maßstäbe für die Register- und Versorgungsforschung gesetzt. Diese Leistung wäre ohne die engagierten Personen hinter den verschiedenen Arbeitsgruppen der DGU und schon gar nicht ohne die zahllosen Kolleginnen und Kollegen in den lokalen, regionalen und überregionalen Traumazentren, die die Daten in mühevoller, kleinteiliger Arbeit erfassen, möglich.

Dafür möchten wir uns an dieser Stelle bei Ihnen, die das möglich machen, bedanken und freuen uns sehr auf die weitere Zusammenarbeit.

Dr. med. Heiko Trentzsch

Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement (INM)

Klinikum der Universität München

Ines Mittelstädt

Prof. Dr. med. habil. Gerrit Matthes

Ärztlicher Leiter Zentrum für Chirurgie I

Chefarzt

Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie

Überregionales Traumazentrum

SAV-Klinik der DGUV

Klinikum Ernst von Bergmann gGmbH

Potsdam

gerrit.matthes@klinikumevb.de

Dr. med. Sebastian Imach

Zentrum für Orthopädie, Plastische Chirurgie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie

Zentrum OPUS Köln-Merheim

 

Chirurgie

Mittelstädt I, Trentzsch H, Matthes G, Imach S: Das TraumaRegister DGU® der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie – die Erfolgsgeschichte ist jetzt Ü30. Passion Chirurgie. 2024 Dezember; 14(12/IV): Artikel 03_02.

Mehr zum Thema finden Sie auf BDC|Online (www.bdc.de) unter der Rubrik Wissen | Fachgebiete | Fachübergreifend.

Safety Clip: Safety-II und Funktionale Resonanzanalyse

Umgang mit Komplexität im Gesundheitswesen

To Err Is Human“, das Standardwerk zur Patientensicherheit, das das Denken und Handeln in Bezug auf Patientenschäden durch medizinische Behandlung grundlegend verändert hat, wird 25 Jahre alt. Es beschreibt die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels im Umgang mit Fehlern im Gesundheitswesen (Institute of Medicine, 2000). Zudem wird betont, wie wichtig es ist, eine Kultur des offenen Austauschs und des Lernens aus Fehlern zu entwickeln, anstatt Fehler zu vertuschen oder zu bestrafen. Der Bericht diente als Katalysator für Reformen und Bemühungen zur Verbesserung der Patientensicherheit. Er betont auch, dass vermeintliche Fehler oft das Ergebnis vieler Faktoren sind. Eine Beschränkung der Fehlerursache auf den vermeintlichen Verursacher und dessen Sanktionierung würde langfristig nicht zu einer Fehlerreduktion führen, da die mitverursachenden Faktoren nicht beseitigt würden. Daher investieren Gesundheitseinrichtungen in Präventionsstrategien zur Fehlervermeidung und in Schulungsprogramme zur Risikominimierung und Qualitätsverbesserung.

Dennoch ist die Zahl vermeidbarer unerwünschter Ereignisse im deutschen Gesundheitswesen nach wie vor sehr hoch. Laut Weißbuch wird die Zahl der vermeidbaren Todesfälle von Patienten in Deutschland auf 20.000 pro Jahr geschätzt (Schrappe, 2018). Der klassische Ansatz zur Optimierung der Patientensicherheit konzentriert sich bislang auf die Vermeidung inakzeptabler Risiken und die Reduktion inakzeptabler Ergebnisse (Zwischenfälle, Patientenschäden) durch Instrumente des klinischen Risikomanagements. Patientensicherheit wird in diesem Verständnis als Abwesenheit unerwünschter Ereignisse definiert. Eine hohe Sicherheit ist erreicht, wenn wenige oder keine unerwünschten Ereignisse oder Schäden auftreten (Safety-I).

Fehler und Zwischenfälle machen im medizinischen Alltag nur einen geringen Anteil aus, verglichen mit gut bewältigten schwierigen Aufgaben, positiven Verläufen und Überraschungen (siehe Abb. 1). Ein Beispiel aus der Luftfahrtindustrie soll das Lernen aus überwiegend erfolgreichen Verläufen verdeutlichen. Das Management einer Fluggesellschaft weiß, dass harte Landungen zwar selten, aber bei den Kunden unbeliebt sind und diese nach einem solchen Erlebnis möglicherweise die Fluggesellschaft wechseln. Deshalb werden harte Landungen erfasst und versucht, die Ursachen zu identifizieren und – darauf aufbauend – Maßnahmen zu ergreifen, um harte Landungen zu vermeiden. Da aber weiche Landungen das eigentliche Ziel sind, stellt sich die Frage, ob die Analyse harter Landungen genügend Informationen über weiche Landungen liefert. Andererseits bietet die Untersuchung weicher Landungen ein viel größeres Lernfeld. Bezogen auf den Alltag im Gesundheitswesen bedeutet diese Erkenntnis, dass auf das Vorhandensein positiver Ereignisse und erfolgreicher Patientenbehandlungen geachtet wird. Dieser Ansatz liegt Safety-II zugrunde und betont das Lernen aus erfolgreichen Alltagssituationen.

Dieser Perspektivenwechsel wird unausweichlich aufgrund der zunehmenden Komplexität in der Versorgung. Die Einhaltung von Leitlinien und Prozessen ist bei Routinetätigkeiten gut möglich. In der Patientenversorgung wird dies jedoch durch die zunehmende Komplexität deutlich erschwert. Das Gesundheitssystem ist hochkomplex und wird durch eine Vielzahl von Elementen bestimmt, die in zahlreichen, teilweise unvorhersehbaren Wechselwirkungen stehen. Es ist gekennzeichnet durch ein soziotechnisches System, das komplexe organisatorische Abläufe durch interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit als soziales Subsystem umfasst, und ein technisches Subsystem, das moderne technische Geräte, Automatisierung und technisierte Behandlungsmethoden beinhaltet. Die optimale Integration beider Teilsysteme ist entscheidend für die Gesamtleistung. Die Schwere der Erkrankungen der Patientinnen und Patienten (Multimorbidität) sowie die damit einhergehende Mehrfachmedikation (Polypharmazie) erhöhen die Komplexität zusätzlich. In der täglichen Praxis zeigt sich, dass auch außerhalb von Akutsituationen trotz klarer Ablaufvorgaben entscheidende Maßnahmen nicht oder nicht rechtzeitig durchgeführt werden. Die Gründe hierfür sind vielfältig, zum Beispiel ein Überangebot an unterschiedlichen Leitlinien und komplizierte Handlungsanweisungen. Eine immer weitergehende Standardisierung menschlichen Handelns allein erscheint daher nicht erfolgversprechend. Soziotechnische Systeme wie das Gesundheitswesen müssen lern- und anpassungsfähig sein.

Safety-II als neuer Ansatz zur Stärkung der Patientensicherheit fokussiert auf die überwiegend positiven Behandlungsverläufe und die dafür notwendigen Anpassungen der Beteiligten in der täglichen Praxis sowie die dafür verantwortlichen Faktoren. Safety-II versteht Sicherheit als einen Zustand, in dem möglichst viele positive Ergebnisse erzielt werden. Lernen orientiert sich in diesem neuen Ansatz an der Häufigkeit von Ereignissen und nicht an deren Schwere. Kleine Verbesserungen im Alltag sind oft wichtiger als große Veränderungen bei seltenen Ereignissen. Das übergeordnete Ziel besteht darin, die Fähigkeit zu erhalten und zu stärken, sich an Veränderungen und Störungen anzupassen, um die Ziele unter erwarteten und unerwarteten Bedingungen, wie zum Beispiel Notfallsituationen, zu erreichen. Aus Sicht von Safety-II sind Verhaltensanpassungen unter den Bedingungen von Komplexität zu erwarten. Sie sind das Ergebnis einer Abwägung zwischen den Zielen Gründlichkeit und Effizienz. Effizienz spart Zeit, darf aber nicht zu Lasten der Gründlichkeit gehen. Gründlichkeit wiederum ist die Grundlage für Effizienz an anderer Stelle. Effizienz und Gründlichkeit sind komplementär. Im konkreten Fall konkurrieren diese Ziele miteinander, da nie beide Ziele gleichwertig verfolgt werden können.

Abb. 1: Lernen aus dem Alltag

Ein zentraler Indikator für Komplexität ist die Differenz zwischen Vorstellungen über Versorgungsprozesse (‚work-as-imagined‘, WAI) und der realen Vorgänge (‚work-as-done‘, WAD) (Hollnagel, 2012). Bei der Planung, dem Design, dem Management oder der Analyse von Systemen wird oft stillschweigend davon ausgegangen, dass die Vorgänge im System bekannt und verstanden sind. Diese Überzeugung beruht auf bisherigen Erfahrungen, dem Vergleich mit anderen Systemen und der Beschreibung in Dokumenten wie Layouts, Organigrammen, Stellenbeschreibungen oder Standards. Vorstellungen über das System (WAI) sind vereinfacht und veralten mehr oder weniger schnell. WAD hingegen beschreibt die tatsächlichen Abläufe im System. Obwohl WAI und WAD nie exakt übereinstimmen, spielt dies in einer einfachen, nicht komplexen Arbeitswelt praktisch keine Rolle, da die Abweichungen tolerierbar sind. In komplexen Systemen kann der Unterschied zwischen WAI und WAD jedoch erheblich sein. Ein wesentlicher Grund für den Unterschied liegt in den ständigen Anpassungen der Handlungen an die situativen Gegebenheiten im System. Diese Anpassungen werden ausgelöst durch sich ständig ändernde Anforderungen und Rahmenbedingungen wie Personalwechsel, technische Ausfälle, Wartezeiten auf Leistungen und Lieferungen oder unerwartetes Patientenverhalten sowie unvollständige und widersprüchliche Informationen.

Eine Funktionale Resonanzanalyse (FRAM) kann die Diskrepanz zwischen WAI und WAD in Prozessen aufdecken und erklären (Hollnagel 2012). Dazu werden Daten über theoretische (das heißt: geplante, dokumentierte, erwartete) Arbeitsabläufe (WAI) und tatsächlich stattfindende Arbeitsabläufe (WAD) gesammelt. Die Datenerhebung kann durch Befragung, Beobachtung, Dokumentenanalyse und Begehung erfolgen. Die Ergebnisse der FRAM können grafisch dargestellt werden. Die Gründe für die festgestellten Unterschiede zwischen WAI und WAD können dann zusammen mit den beteiligten Personen analysiert werden. Auf dieser Basis werden Verbesserungspotenziale identifiziert und Maßnahmen zur Verbesserung der systemischen Resilienz der Prozesse entwickelt, so dass sie robuster gegen Veränderungen und Störungen werden.

Das strategische Ziel des Patientensicherheitsplans der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für den Zeitraum 2021–2030 ist das Konzept hochzuverlässiger Systeme (Bundesministerium für Gesundheit, 2021). Der Leitgedanke dieses Konzepts ist die Resilienz. Diese wird definiert als die Fähigkeit einer Organisation, vor, während oder nach einer Störung einen stabilen und sicheren Zustand aufrechtzuerhalten oder zumindest schnellstmöglich in diesen zurückzukehren. Resiliente Organisationen sind demnach besonders geeignet, die Patientensicherheit in einem komplexen Arbeitsumfeld zu gewährleisten. Der systemische Ansatz von Safety-II ist eine notwendige Antwort auf die zunehmende Komplexität im Gesundheitswesen. Um effektiv entscheiden und handeln zu können, ist es entscheidend, Komplexität zu verstehen und zu bewältigen. Die Resilienz medizinischer Behandlungsteams ermöglicht es ihnen, Krisen zu bewältigen und die Funktion des sozio-technischen Systems auch bei Störungen und unerwarteten Umständen entschlossen aufrecht zu erhalten. Die Anwendungsmöglichkeiten von Safety-II erstrecken sich dabei über Notfall- und Krisensituationen hinaus auf den gesamten Bereich der Gesundheitsversorgung. Safety-I und Safety-II ergänzen sich und sollten idealerweise zu einer Gesamtlösung kombiniert werden (Hollnagel, 2014).

Fazit

In einer komplexen Welt vertragen sich hohe Anforderungen und Erwartungen an die Versorgung nicht mehr mit überkommenen Lösungsansätzen. Sicherheit bedeutet nicht nur die Abwesenheit unerwünschter Ereignisse, sondern gerade auch die aktive Fähigkeit, Sicherheit zu erzeugen, insbesondere in unerwarteten kritischen Situationen und unter Druck. Statt immer umfangreicherer Standardisierung und der Jagd nach menschlichen Fehlern müssen wir die Quellen für Resilienz identifizieren und sie in unseren Prozessen stärken. Ein erprobtes Hilfsmittel dafür ist die Funktionale Resonanzanalyse aus dem Methodenrepertoire von Safety-II.

Eine kompakte Einführung und Übersicht zu Safety-II bietet das Buch von Mühlbradt, T., Schröder, S., Speer, T. (2024). Safety-II: Neue Wege zur Patientensicherheit. Strategien, Methoden und praktische Erfahrungen. Wiesbaden: Springer Gabler.

Literatur

[1]   Institute of Medicine (US) Committee on Quality of Health Care in America (2000). To Err is Human: Building a Safer Health System. Kohn LT, Corrigan JM, Donaldson MS, editors. Washington (DC): National Academies Press.

[2]   Schrappe, M. (2018). APS-Weißbuch Patientensicherheit. Sicherheit in der Gesundheitsversorgung: neu denken, gezielt verbessern. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, S. 309–315.

[3]   Hollnagel, E. (2012). FRAM: the Functional Resonance Analysis Method. Farnham, Surrey: Ashgate.

[4]   Bundesministerium für Gesundheit (2021). Globaler Aktionsplan für Patientensicherheit 2021–2030. Auf dem Weg zur Beseitigung vermeidbarer Schäden in der Gesundheitsversorgung (Deutsche Übersetzung). https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/P/Patientensicherheit/WHO_Global_Patient_Safety_Action_Plan_2021-2030_DE.pdf (abgerufen am 13.07.2024).

[5]   Hollnagel, E. (2014). Safety-I and Safety-II. The Past and Future of Safety Management. Boca Raton: CRC Press.

Prof. Dr. med. Stefan Schröder, MHBA

Chefarzt

Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie

Krankenhaus Düren gem. GmbH

Roonstraße 30

52351 Düren

stefan.schroeder@krankenhaus-dueren.de

Chirurgie+

Schröder S: Safety Clip: Safety-II und Funktionale Resonanzanalyse. Passion Chirurgie. 2024 Dezember; 14(12): Artikel 04_02.

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Zum hundertsten Todestag von Prof. Dr. Edoardo Bassini

Edoardo Bassini wurde am 14. April 1844 in Pavia als Sohn einer wohlhabenden Gutsbesitzerfamilie geboren. 1866 schloss er sein Studium der Medizin und Chirurgie an der Universität von Pavia mit Auszeichnung ab. Sein vollständiger Name war Pietro Francesco Odoardo, der später in Edoardo geändert wurde. Er wuchs in einer Atmosphäre des glühenden Patriotismus auf, unter anderem hatte er einen Onkel namens Angelo, einen glühenden Garibaldianer.

Leben und Leid als Soldat

Nachdem er sein Studium der Chirurgie unterbrochen hatte, meldete er sich als Privatsoldat bei den „Cacciatori delle Alpi“, um aktiv am Dritten Unabhängigkeitskrieg teilzunehmen. Als er sich meldete, verheimlichte er jedoch, dass er Arzt war, um nicht in einem Feldlazarett eingesetzt zu werden. Im Oktober 1867, nach der bitteren Enttäuschung über den Ausgang des Krieges, gehörte er zu einer Gruppe junger Patrioten unter der Führung der Brüder Cairoli (Enrico und Giovanni), die die Befreiung Roms vom Temi-Gebiet aus versuchen wollten. Am 23. Oktober 1867 kam es auf dem Parioli-Hügel, in der Nähe der Villa Glori, zu einem Zusammenstoß mit der päpstlichen Armee, bei dem diese überwältigt wurde. Enrico Cairoli wurde schwer verwundet und starb in den Armen seines Bruders, während Bassini eine Bajonettwunde in der rechten Leistengegend erlitt und gefangen genommen wurde.

Zunächst wurde er in ein französisches Feldlazarett eingeliefert, später wurde er unter Arrest in das St. John‘s Hospital verlegt, wo er nach einer Sepsis mit dem Auftreten einer enterocutanen Fistel mehrere Monate blieb. Während seines Aufenthalts erhielt er auch einen Besuch von Papst Pius IX. Befreit, aber noch nicht geheilt, kehrte er im Dezember 1868 nach Pavia zurück und wurde von seinem Lehrer Prof. Luigi Porta betreut.

Berufliche Karriere

Nach seiner endgültigen Genesung im Mai 1869 kehrte er an die Universität zurück und wurde zum zweiten Assistenten des Direktors der Chirurgischen Klinik ernannt. Auf Anraten seines Lehrers begann er, durch Europa zu reisen und die renommiertesten chirurgischen Schulen jener Zeit zu besuchen. Im Einzelnen waren es Theodor Billroth in Wien, Bernhard Langenbeck in Berlin und Johann von Nussbaum in München. Stark angezogen von den Mitteilungen über Studien zu Mikroorganismen und Sepsis, reiste er auch nach Großbritannien, um mit Joseph Lister und Sir Thomas Spencer-Wells zusammenzuarbeiten, die als erste Fenol als antibakterielle Mittel einsetzten.

Als er 1874 nach Pavia zurückkehrte, wurde er zum ersten Assistenten von Prof. Luigi Porta ernannt und 1875 erhielt er einen Lehrauftrag an der Freien Universität. Im selben Jahr starb sein Mentor, aber er war auch zu jung, um den Wettbewerb um den Lehrstuhl zu gewinnen, der an Enrico Bottini vergeben wurde. Er kehrte nach England zurück, um seine Studien bei Lister fortzusetzen.

1878 wurde er als Dozent für klinische Chirurgie an die Universität Parma berufen, wo er zwei Jahre lang blieb und später Chefarzt des Krankenhauses von La Spezia wurde. Dort konzentrierte er sich auf das Studium der Leistengegend und der Hernien, während sein Ansehen enorm wuchs. Gleichzeitig nahm er an Wettbewerben für die Professuren für Chirurgie an den Universitäten von Neapel, Genua und Parma teil, und obwohl er der Gewinner der Wettbewerbe war, wurde ihm aufgrund einer vulgären Intrige nur die Professur in Parma angeboten, die er jedoch ablehnte und in La Spezia blieb. Später erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für spezielle chirurgische Pathologie in Padua, den er am 9. November 1882 antrat. Ab dem 3. Mai 1888 wurde er zudem für den Lehrstuhl für klinische Chirurgie benannt.

Chirurgische Leistungen

Am 23. Dezember 1884 führte er seine erste Hernienplastik durch und nahm in den folgenden drei Jahren weitere 41 Operationen an 38 Patienten vor. Seine erste Fallbeschreibung präsentierte er auf dem Nationalen Kongress der Italienischen Gesellschaft für Chirurgie (Società Italiana di Chirurgia) im Jahr 1887 in Genua. Die Gesellschaft wurde kurz zuvor, am 3. April 1882 in Rom auf Initiative von sieben Universitätschirurgen gegründet. In einer späteren Präsentation wurde über 262 Leistenoperationen bei 216 Patienten mit einer vollständigen Nachsorge berichtet. Bei unkomplizierten Verläufen lag die Mortalität bei 0 % und die Rezidivrate bei 3 % (n = 7). Die Wundinfektionsrate belief sich auf 4 %.

Dies waren besonders günstige Ergebnisse im Vergleich zu den Daten der Billroth-Klinik, die eine Sterblichkeitsrate von 6 % und Rezidive von über 33 % beschrieb.

Bassini veröffentlichte nur sechs Artikel über seine Technik im Zeitraum von 1887 bis 1894, drei auf Italienisch und drei auf Deutsch, während er 1889 sein grundlegendes Werk über Hernien mit 106 Seiten veröffentlichte, ein Werk, das 1937 in Padua von seinem Schüler Attilio Catterina neu aufgelegt wurde. Bassinis Zögern, seine Technik zu veröffentlichen, führte zu einer modifizierten Anwendung dieser Technik mit Fehlern bei der Interpretation und Durchführung der Operationen. Erst 1899, als der amerikanische Chirurg Willys Andrew (Chicago) Bassinis Klinik in Padua besuchte, ihn operieren sah und seine Erfahrungen nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten veröffentlichte, wurde die korrekte Technik in den USA verbreitet.

Bassini leistete nach den Aussagen seiner Schüler auch in anderen Bereichen der Chirurgie persönliche und originellen Beiträge, der jedoch aufgrund seines schüchternen und introvertierten Charakters nicht veröffentlicht wurde. Die Berichte wurden relativiert oder im Namen seiner Schüler veröffentlicht.

So soll beispielsweise die Schilddrüsenchirurgie zuerst von Bassini durchgeführt worden sein, obwohl sie Kocher zugeschrieben wurde. Die subtotale Hysterektomie, die weltweit unter anderen Namen bekannt ist, scheint ebenfalls zuerst von ihm durchgeführt worden zu sein. Auch die skapulothorakale Amputationstechnik mit primärer Ligatur der Arteria Subclavia, die ileokolische Resektion, die Nephropexie der Wanderniere und andere gehen auf ihn zurück.

Die von Bassini vorgeschlagene neue Technik zur „radikalen Behandlung des Leistenbruchs“ wurde zwar in ihren Grundsätzen wie die anatomische Rekonstruktion der Schichten der Leistengegend akzeptiert, doch wurde sie zunächst vor allem von nordamerikanischen Chirurgen wie William Steward Halsted im Hinblick auf die Methode der Rekonstruktion der hinteren Wand angefochten. Sie waren der Ansicht, dass die Inzision der Fascia transversalis für die Rekonstruktion der „dreifachen Schicht“ nicht indiziert und nicht notwendig sei, aber später folgten auch sie den Prinzipien von Bassini mit der Positionierung des Samenstrangs ventral der Aponeurose des Musculus obliquus externus, d. h. im Subcutanraum (Halsted). Die Technik von Halsted, die als Variante der Bassini-Technik gedacht war, sah vor, die „Dreifachschicht“ nicht mehr am unteren Rand des Leistenbandes, sondern am Ligamentum Cooper zu vernähen.

1940 schlugen Anson und McVay eine weitere Modifikation von Halsted vor, indem sie vor der „Dreilagen“-Naht einen kurzen Längsschnitt entlang des seitlichen Randes der Faszie des vorderen Musculus rectus vornahm, um die Spannung auf die Nahtlinie zu verringern. In Italien ist Halsteds Variante der Bassini-Technik auch als „Bassini second way“ bekannt.

Der Mensch Bassini

Zum Menschen Edoardo Bassini ist zu sagen, dass er ein schüchterner, introvertierter Mann mit einer faszinierenden Persönlichkeit war, die psychologisch schwer zu fassen ist. Er war ein bescheidener, großzügiger Mann, dem Geld überhaupt nicht wichtig war. Neben der Chirurgie waren seine Leidenschaften die Landwirtschaft, das Schwimmen, die Berge und das Reiten. Er kaufte ein 300 Hektar großes landwirtschaftliches Anwesen im Dorf Vigasio in der Provinz Verona, welches er in 18 Parzellen aufteilte und an seine Bauern verschenkte, für deren Familien er zuvor auch Häuser gebaut hatte. Er lehrte sie in Anbausystemen der Lombardei und vor allem, wie sie sich gegen Malaria schützen konnten.

Am 15. Mai 1904 wurde er zum Senator des Königreichs ernannt und trat der Senatsfraktion der Liberaldemokraten, später der Demokratischen Union bei. Er war auch Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Träger zahlreicher Ehrungen, die er zwischen 1886 und 1900 erhielt.

In der Zwischenzeit gründete einer seiner Schüler, Prof. Preto, in Mailand ein kleines Krankenhaus zur „Heilung von armen Hernien“. Später, noch zu Lebzeiten, schenkte Bassini der Stiftung seinen gesamten Besitz, einschließlich des Vigasio-Anwesens, wobei er sich lediglich das Wohnrecht vorbehielt. Das heutige, nach ihm benannte Krankenhaus befindet sich in der Stadt Cinisello Balsamo an der Grenze zwischen den Provinzen Mailand und Monza Brianza. Edoardo Bassini starb plötzlich am 19. Juli 1924 in Vigasio und ruht in der Familiengruft in Pavia.

Literatur

[1]   Adelmann C.V. Medizinisch-chirurgische Beobachtungen, gemacht auf einer Reise nach Italien 1881–1882 (Berl.Klin.Woch. 1883, Nr. 22)
[2]   Historisches Archiv des Senats der Italienischen Republik
[3]   Austoni A. La vita e le opere di E. Bassini (Bologna, Cappelli, ed 1922)
[4]   Bassini E. La terra ai contadini Seganini (Pavia 1919)
[5]   Cairoli G. Spedizione dei Monti Parioli (Mailand 1878 Nachdruck)

Korrespondierender Autor:

Prof. Dr. med. Guido Schumacher

Abteilung für Chirurgie

Krankenhaus Brixen/Sterzing

Dantestraße 51

39042 Brixen (BZ)/Italien

guido.schumacher@sabes.it

Eraldo Camillo Dehò

Abteilung für Chirurgie

Krankenhaus Sterzing

St.-Margarethen-Str. 24

39049 Sterzing (BZ)/Italien

ecdeho@gmail.com

Panorama

Dehò EC, Schumacher G: Zum Hundertsten Todestag von Prof. Dr. Edoardo Bassini.
Passion Chirurgie. 2024 Dezember; 14(12/IV): Artikel 09_01.

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