Alle Artikel von Dr. Wolfgang Hothorn

Honorarärzte gleich Honorarärzte?

Nach dem Lesen der Artikel der Mitautoren in der Mitgliederzeitschrift 8/2010 zum Thema Honorarärzte war ich in der Tat etwas verwirrt bezüglich der Begrifflichkeit.

Belegärztliche Tätigkeit, belegärztlich ähnliche Tätigkeit (Konsiliararzt), stationäre Tätigkeit niedergelassener Kolleginnen und Kollegen und schlussendlich, so wie ich es meine, Vertretungstätigkeit im niedergelassenen Bereich bei Urlaub, Krankheit oder Schwangerschaft.

Den zuletzt genannten Komplex gibt es schon lange und wird durch noch im aktiven Dienst stehende oder im Ruhestand befindliche Ärzte wahrgenommen. Es scheint mir, dass eine neue Qualität hinzugekommen ist, an der sich augenblicklich, und das nicht ganz unberechtigt, die Gemüter erhitzen. Aber auch hier muss man unbedingt differenzieren. Zum einen ist die gesetzliche Möglichkeit (Vertragsarztrechtsänderungsgesetz) für in eigner Niederlassung befindliche Kolleginnen und Kollegen geschaffen worden, in Krankenhäusern unterschiedlichen Status z. B. operative Leistungen an „ihren“ Patienten zu vollziehen. Mir sind aus dem orthopädischen wie neurochirurgischen Bereich Fälle bekannt, wo an mehreren (!) Krankenhäusern Leistungen erbracht werden. Sollte damit das gleiche Spektrum der im Krankenhaus befindlichen Hauptabteilung tangiert werden, ist das begreiflicherweise ein Ärgernis und muss natürlich den Protest des zuständigen Chefarztes herausfordern. Zeigt uns nicht aber das daraus resultierende angespannte Arbeitsklima bis hin zum Frust die augenblickliche, aus meiner Sicht, nicht haltbare Leitungsstruktur in einem Krankenhaus?

Ökonomie herrscht vor

Die allmächtige ökonomische Sichtweise der Geschäftsführer, durch die desolate Gesundheitspolitik befördert, macht uns das Unvermögen deutlich, harmonische Strukturen zu installieren. Ein Chefarzt kann sich unter diesen Bedingungen auf den Kopf stellen, wenn ein vorherrschender Ökonom zur Verbesserung seiner finanziellen Situation im Hause auch nur den Hauch einer Chance wittert. In diese Phalanx stoßen nun Kolleginnen und Kollegen, um natürlich ihre eigene finanzielle Situation zu optimieren. Leider kommt es dabei auch zu den beschriebenen Negativerlebnissen, wie in den einzelnen Beiträgen z. T. angemerkt.

Divergierenden Ist-Zustände verändern

Eine andere Sichtweise muss man bei der augenblicklichen Gesetzeslage auch gelten lassen. Bereichern niedergelassene Kolleginnen oder Kollegen mit ihrem angebotenen Spektrum die Palette einer Hauptabteilung, beteiligen sich die Kollegen an der Weiter- und Fortbildung der Ausbildungsassistenten und vor allem kümmern sich die Operateure auch um „ihre“ Patienten und reihen sich in das Qualitätsmanagement einer Klinik ein, wäre dies für alle Beteiligten von Gewinn.

Diese divergierenden Ist-Zustände müssen im Interesse unserer Patienten, aber auch im Interesse aller Teile der Ärzteschaft verändert werden, sonst kommt es zu einer weiteren Verschärfung der augenblicklichen ärztlichen Situation. Es sei in diesem Zusammenhang nur darauf hingewiesen wie viele Kolleginnen und Kollegen vom Assistenzarzt bis zum Chefarzt das Handtuch aus Frust geworfen haben. Wir bekommen jetzt die Rechnung für eine verfehlte Gesundheitspolitik in verschiedenen Ausführungen präsentiert, an der die Ärzteschaft mit ihren unterschiedlichen Interessenlagen auch nicht ganz schuldlos ist.

Fakt ist, dass es augenblicklich in zunehmendem Maße immer weniger Ärzte „am Markt“ gibt. Dieser Umstand führt in inflationärer Weise von politischer Seite zu den skurrilsten Lösungsansätzen. Es bleibt festzuhalten, dass der Markt eben nicht alles löst. Man sollte sich schon mal der Mühe unterziehen, ein ärztliches Netzwerk aufzubauen, in dem die Alterspyramide der Bevölkerung und der Ärzteschaft mit dem sich daraus resultierenden Betreuungsaufwand unter Berücksichtigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts widerspiegelt.

Die Lage der Ausbildung

Darin eingebunden muss man natürlich auch die akademische Ausbildung unserer jungen Kollegen sehen. Eingebettet darin die zu erwartende Vorbildwirkung der akademischen Lehrer, insbesondere der Ordinarien. Während meines Studiums war es gang und gäbe, dass der Hauptfachvertreter die Kollegien las und wir mit Respekt und Hochachtung auf „unsere“ Professoren schauten und sie durch ihre Persönlichkeit auf jeden einzelnen von uns wirkten. Damit konnte der Grundstein für die spätere Fachwahl gelegt werden. Ist das heute auch noch so? Ist die Facharztausbildung, so wie sie heute angeboten wird, wirklich auf dem höchsten Niveau? Entspricht sie den Erfordernissen der Zeit? Bei der Komplexität des Themas kann ich nur einige Fragen anreißen.

Das Engagement würdigen

Verehrter Leser, Sie bemerken, dass man bei dem Einzelsujet „Honorararzt „ immer wieder schnell an sich verknüpfende Stellen kommt. Nun zu uns „Alten“. Im Kontext zu meinem Artikel möchte ich nochmals festhalten, dass es gut ist, dass sich noch viele Kolleginnen und Kollegen bereiterklären über ihr Pensionseintrittsalter hinaus als Honorarärzte tätig zu sein. Wäre dieses nicht hoch genug zu würdigende Engagement nicht vorhanden, würde es zu erheblichen Versorgungslücken einerseits und zu Einnahmeverlusten u. a. in stationären Einrichtungen auf der anderen Seite kommen. Deshalb halte ich die aufkommenden Diskussionen über die „Abzocke“ durch die Honorarärzte, so wie ich sie definiere, für völlig kontraproduktiv. Ich würde mich über eine sprudelnde sachliche Auseinandersetzung zu diesem Thema freuen!

Hothorn W. Honorarärzte gleich Honorarärzte? Passion Chirurgie. 2011 April; 1(4): Artikel 05_01.

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Eine wunderschöne Zeit danach

Erfahrungsbericht eines Honorararztes a. D.

Als sich bei mir das Ende der aktiven Dienstzeit als Chefarzt einer chirurgischen Abteilung, gekoppelt mit der Funktion des ärztlichen Direktors eines Konglomerates von drei zwangsfusionierten Häusern abzeichnete, habe ich mich „mal einfach so“ bei zwei Vermittlungsagenturen für Honorarärzte gemeldet und meine Unterlagen eingereicht. Ob es überhaupt einmal zu einem Einsatz kommen könnte, schien mir im Jahr 2005 eher ungewiss, da mir die „Ablehnungsgespräche“ mit jungen Kolleginnen und Kollegen noch in bester Erinnerung waren. Die Stellen waren damals alle besetzt und der Begriff „Ärztemangel“ hatte bei weitem noch nicht den inflationären Charakter wie heute, obwohl schon in der berufspolitischen Presse darauf aufmerksam gemacht wurde.

Ende Mai 2005 schied ich aus dem aktiven Dienst aus. Ich teilte diesen Umstand den von mir kontaktierten Agenturen mit. Das Ergebnis ließ nicht lange auf sich warten. Erstaunlich für mich, und durchaus nicht erwartet, häuften sich die Anfragen, ob ich denn nicht gleich könnte … oder wollte. Mein dazu geäußerter Wille, eine kurze Verschnaufpause einlegen zu wollen, fand keine so richtige Gegenliebe. Eine Agentur hat deshalb auch recht schnell ihre Bemühungen, mit mir ins Geschäft zu kommen, eingestellt. Die andere war um so hartnäckiger. Mit Erfolg. Da meine Honorartätigkeit nun auch ihre Götterdämmerung erfährt, möchte ich vorab meiner „Managerin“ ein recht herzliches Dankeschön für die jahrelange harmonische und verständnisvolle Zusammenarbeit aussprechen.

Was kamen für Angebote und wie wurden sie realisiert?

„Wichtig“ und „jetzt gleich“ waren sie alle, ob Praxis oder Krankenhaus.

Chirurgische ambulante Tätigkeit inklusiver D-Arzt-Aufgabe waren für mich nichts außergewöhnliches, ebenso nicht die klinischen Verrichtungen in leitender Position.

Spannend war aber alles Neue – die Räumlichkeiten, die Mitarbeiter, das Umfeld. Trotz langandauernder klinischer Tätigkeit überkam mich manchmal das bange Gefühl mit der Frage, erfülle ich auch alle Anforderungen im Sinne des Praxisinhabers und der Kliniken? Bekannterweise führen viele Wege nach Rom, das weiß aber nur der, der den Weg auch kennt. So kann es schon mal vorkommen das unterschiedliche Sichtweisen in Diagnostik und Therapie zu Irritationen bei dem nachgeordneten Personal kommt. Bescheidenheit und Zurückhaltung, gepaart mit einer ruhigen, aber durchaus klaren Ansprache lässt schnell Vertrauen und Akzeptanz wachsen. So wurden die Jahre meiner Honorartätigkeit, ohne mich jetzt in Details zu verlieren, aus vielerlei Gründen zu einem wunderbaren Erlebnis, welches bei mir nach dem jahrelangen administrativen Stress ein echtes Glücksgefühl hinterlassen hat.

Das Arztsein trat wieder deutlicher in den Vordergrund, der immer wieder stattfindende Gedankenaustausch mit den Kolleginnen und Kollegen durch eine unverblendete Sicht, ob fachlich oder privat, tat der Seele gut. Der eigene Horizont erfuhr eine deutliche Erweiterung, nicht zuletzt auch dadurch, dass ich z. T. in einem Team arbeiten konnte, in welchem sich junge Kolleginnen und Kollegen aus Russland, Polen, der Slowakei, Afrika und Gesamtdeutschland befanden. Folgerichtig blieben Kontakte bis heute erhalten, die ich nicht missen möchte. Die schönste Anerkennung für mich war immer die Frage nach dem Wiederkommen, welches eigentlich traurigerweise bei fast allen meinen Einsätzen notwendig wurde. Die Freude darüber bei den Mitarbeitern hat bei mir eine tiefe Dankbarkeit hinterlassen.

So verlasse ich nun ganz langsam das Feld der Medizin, um mich mehr um meine Hobbys und den neu erworbenen und alten Kontakten zu kümmern. Ob es das entgültig gewesen ist, kann ich beim besten Willen noch nicht sagen.

Liebe Leser, erlauben Sie mir bitte noch einige Worte des Ausblicks! Die augenblicklich boomende Honorararzttätigkeit ist ehrlicherweise dem Umstand einer verfehlten Ausbildungspolitik unser jungen Kolleginnen und Kollegen, aber auch einem gewissen Paradigmenwechsel der Sicht auf unseren Beruf geschuldet. Der Wille von uns „Unruheständlern“, nicht gleich von 100 auf null beruflich abgebremst zu werden, kommt der notwendigen Deckung entstandener Personallücken natürlich sehr entgegen. Ein personelles Bedarsfsnetzwerk, mit der Konsequenz einer den heutigen Bedingungen angepassten optimalen Patientenversorgung, würde den Ärztemangel schnell aufheben und den Willen der Pensionäre verpuffen lassen.

Im niedergelassenen Bereich, als bisherige Hauptdomäne der Vertretungsärzte, wird sich auch in Zukunft eine Entwicklung etablieren, die die Hinzuziehung von Kollegen im normalen Arbeitsleben und die „Alten“ fast überflüssig machen. Neue Organisationsformen, wie Doppelpraxen als kleinste Einheiten bis hin zu den wiedererstandenen Polikliniken werden Urlaub, Weiterbildung, Mutterschaft, Erziehungsurlaub und Ausbildungsrotation gegen die Interessenlage der Honorarärzte leichter gestalten lassen. Bei diesem Hintergrund wäre es dennoch schön, wenn arbeits– und helfenswillige Kolleginnen und Kollegen nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst eine befriedigende Tätigkeit beim Hinübergleiten in die definitive Ruhephase finden würden, natürlich nicht, um das Ruhesalär aufzubessern. Dieser Gedanke sollte nie Platz greifen, oder?

Überlassen wir das Futurum der weiteren Entwicklung. In der Gegenwart jedenfalls werden wir noch gebraucht und das ist aus meiner Sichtweise gut so.

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