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Neue Ausgabe der Passion Chirurgie: Perioperatives Management

Hier geht’s zur neuen Ausgabe der PASSION CHIRURGIE 01/02/26: Perioperatives Management

Perioperatives Management steht im Fokus der aktuellen Ausgabe. Drei Fachbeiträge beleuchten das Thema – von den zehn wichtigsten Maßnahmen im perioperativen Management, über den idealisierten Workflow im Zentral-OP bis hin zur Prähabilitation zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung. Viel Spaß beim Lesen!

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Prähabilitation – vom theoretischen Ideal zur praktischen Umsetzung

Lange wurde dem Allgemeinzustand von Patient:innen vor onkologischen Eingriffen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es galt die Devise, den Tumor so rasch wie möglich nach Diagnosestellung zu entfernen. Dabei wurden erhöhte Risiken für Wundinfektionen, längeren Krankenhausaufenthalt, höhere Gesamtmortalität und eine schlechtere postoperative Lebensqualität bei gebrechlichen oder mangelernährten Patient:innen als unvermeidlich akzeptiert [1–3].

Das Konzept der Prähabilitation fokussiert nun darauf, bereits präoperativ Risikofaktoren wie Mangelernährung, Gebrechlichkeit oder Blutarmut zu identifizieren und im Idealfall zu eliminieren. Ziel ist eine postoperative Risikoreduktion und damit verbunden eine schnellere Rekonvaleszenz der betroffenen Patient:innen [4–6].

Prähabilitation ist jedoch keine Einzelmaßnahme, sondern besteht aus einem Bündel an Interventionen im Bereich Ernährung und Physiotherapie ergänzt durch Empfehlungen zur Nikotin- und Alkoholkarenz sowie eine psychoonkologische Anbindung [4–6]. Zusätzlich werden bei Substratmangel Eisen- und Vitaminsubstitution bei anämischen Patient:innen empfohlen.

Was auf den ersten Blick banal erscheint – regelmäßige, zügige Spaziergänge von ca. 30 Minuten täglich oder hochkalorische Trinknahrung [6-8] – ist in der Praxis oft von großer Bedeutung. Jedoch lässt die derzeitige sehr heterogene Studienlage mit unterschiedlichen Patientenkollektiven, unterschiedlichen Interventionen und unterschiedlichen Outcomeparametern bislang nicht eindeutig erkennen, welche Maßnahmen bei welchem Patientenkollektiv am erfolgversprechendsten sind. [5]

In der aktuellen S3-Leitlinie zum perioperativen Management gastrointestinaler Tumore wird daher auch eine über die allgemeinen Empfehlungen hinausgehende strukturierte, ressourcenaufwändige Prähabilitation als verzichtbar bezeichnet [9]. Dies fußt jedoch vor allem auf der Auffassung, dass Empfehlungen zur Erhaltung und Verbesserung der körperlichen Aktivität, zu ausgewogener Ernährung sowie zum Nikotin-/Alkoholverzicht vor Tumoroperationen heutzutage als Mindeststandard gelten sollten. Gleichzeitig betont die Leitlinie, dass Risikopatient:innen bei der Vorbereitung größerer Operationen partizipativ zu einer individualisierten Prähabilitation zu Hause motiviert werden sollten.[9]

Diese Einschätzung und Empfehlung gehen allerdings an der aktuellen Versorgungsrealität in Deutschland vorbei, in der eine strukturierte, präoperative Beratung und Begleitung der Patient:innen nicht flächendeckend gewährleistet ist.

Wir möchten daher sowohl Screeningtools zur Identifikation von Risikopatient:innen, als auch Prähabilitationsmaßnahmen vorstellen, deren positive Effekte belegt und die unseres Erachtens im klinischen Alltag gut umzusetzen sind. [6–8]

Es ist hervorzuheben, dass weder die in der Leitlinie als Standard formulierte perioperative Beratung und Begleitung noch die Betreuung und Prähabilitation von Risikopatienten ohne fachärztliche, ernährungsmedizinische Beteiligung umzusetzen sind. Diese Anforderungen spiegeln sich auch in dem OPS Code für ernährungsmedizinische Komplexbehandlung wider (OPS Code 8-98j, OPS Version 2025), für dessen Codierung die werktägliche Verfügbarkeit eines Ernährungsteams bestehend aus mind. einer Fachärzt:in mit curricularer Weiterbildung oder Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin sowie einer Ernährungsfachkraft erforderlich ist. In unserem Haus wird der Bereich Prähabilitation daher durch eine Stabsstelle Ernährungsmedizin betreut. Als Minimalausstattung ist in den Kliniken jedoch eine konsiliarische ernährungsmedizinische Mitbetreuung anzustreben.

Screening

Nicht alle Patienten bedürfen einer Prähabilitation. Um jedoch jene sicher zu identifizieren, die davon profitieren könnten, sollten alle Patient:innen vor größeren chirurgischen Eingriffen ein Screening durchlaufen, in dem mindestens der Ernährungszustand analysiert, das Vorliegen einer Sarkopenie untersucht wird, sowie eine Anämiediagnostik erfolgt.

Alter und Körpergewicht alleine sind hierfür unzureichend. So gibt es betagte Patient:innen, die weder mangelernährt noch gebrechlich oder sarkopen sind, während derartige Mangelzustände auch bei Jüngeren oder Übergewichtigen vorliegen können (sog. sarcopenic obesity).

Mangelernährung

Sowohl Inzidenz als auch klinische Bedeutung von Mangelernährung werden oft unterschätzt. Etwa 25–30 % aller hospitalisierten Patient:innen und mehr als die Hälfte der onkologischen Patient:innen in Deutschland sind mangelernährt [10]. Zudem ist Mangelernährung nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit Untergewicht, auch übergewichtige Patient:innen können mangelernährt sein.

Zum Nachweis der krankheitsspezifischen Mangelernährung (Info 1) [11] eignet sich das Nutritional Risk Screening, NRS 2002 (Tab. 1), das bereits beim Erstkontakt mit dem Patienten erhoben werden sollte und mit nur einem geringen Zeitaufwand verbunden ist [12].

Info 1: Definition krankheitsspezifische Mangelernährung [11]

Body-Mass-Index (BMI) < 18,5 kg/m2
oder
unbeabsichtigter Gewichtsverlust > 10 % in den letzten 3–6 Monaten
oder
Body-Mass-Index (BMI) < 20 kg/m2 und unbeabsichtigter Gewichtsverlust > 5 %
in den letzten 3–6 Monaten

Tab. 1: Nutritional Risk Screening [12]

Vorscreening

BMI < 20,5 kg/m2?

ja

nein

Gewichtsverlust in den letzten drei Monaten?

ja

nein

Während der letzten Woche weniger gegessen als normal?

ja

nein

leidet der Patient an einer schweren Erkrankung?

ja

nein

Wird eine Frage mit ja beantwortet, muss auch das Hauptscreening durchgeführt werden

Hauptscreening

Verschlechterung des Ernährungszustandes

Punkte

Keine Verschlechterung

0

Grad 1 (leicht): Gewichtsverlust > 5 % in drei Monaten oder während der letzten Woche weniger gegessen (50-75 %)

1

Grad 2 (mäßig): Gewichtsverlust > 5 % in zwei Monaten oder BMI 18,5-20,5 + reduzierter AZ oder während der letzten Woche weniger als die Hälfte gegessen (25-50 %)

2

Grad 3 (schwer): Gewichtsverlust > 5 % in einem Monat (> 15 %/3 Mo.) oder BMI < 18,5 + reduzierter AZ oder während der letzten Woche sehr wenig gegessen (< 25 %)

3

Schwere der Erkrankung

normaler, gesunder Patient

0

Grad 1 (leicht): z. B. hüftnahe Fraktur, Zirrhose, COPD, Hämodialyse, Tumorerkrankung

1

Grad 2 (mäßig): z. B. große abdominelle OP, Pneumonie, Chemotherapie, hämatologische Tumorerkrankung

2

Grad 3 (schwer): z. B. Schädel-Hirn-Trauma, Polytrauma, Verbrennung, Intensivpatient (APACHE<10)

3

Lebensalter > 70 Jahre

1

Gesamt

0-7

Gesamtpunktzahl ≥3: Mangelernährung oder hohes Risiko für Mangelernährung

Ernährungsmedizinisches Assessment und Ernährungstherapie erforderlich

Info 2: Definition metabolisches Risiko [13]; ein hohes metabolisches Risiko besteht, wenn mind. 1 Kriterium erfüllt ist. SGA: Subjective Global Assessment.

BMI < 18,5kg/m2
oder
Gewichtsverlust > 10–15 % innerhalb von 6 Monaten
oder
Serumalbumin < 30 g/l (Ausschluss Leber und/oder Nierenerkrankung) oder
SGA Grad C
oder
NRS 5

Dabei kann die Erhebung am einfachsten sichergestellt werden, wenn das NRS im jeweiligen Krankenhausinformationssystem zu einem Pflichtfeld gemacht wird.

Neben dem NRS kann die Bestimmung der Serumalbuminkonzentration im präoperativen Routinelabor einen weiteren Hinweis auf das Vorliegen eines hohen metabolischen Risikos geben (Info-Box 2) [13]. So ist eine Albuminkonzentration im Serum von < 30 g/L ein unabhängiger Prädiktor für postoperative Komplikationen [13, 14].

Bei Vorliegen einer Mangelernährung bzw. eines erhöhten metabolischen Risikos richtet sich das weitere Vorgehen nach dem Ausmaß des Defizits, der Dringlichkeit der Operation und evtl. vorhandener, weiterer Komorbiditäten. Die Abstimmung sollte interdisziplinär zwischen Chirurg:innen und Ernährungsmediziner:innen erfolgen.

Am häufigsten liegt eine leichtgradige Mangelernährung vor, für die sich eine präoperative Ernährungsberatung in Verbindung mit häuslicher Proteinsupplementierung mit Eiweißpulver oder hochkalorischer Trinknahrung für 1–2 Wochen bewährt hat. Bei Diabetikern und Patient:innen mit bereits präoperativ gestörter Glukosetoleranz, sollten Ernährungstherapie und ggfs. antidiabetische Medikation engmaschig überwacht und im Bedarfsfall angepasst werden. In unserer Klinik erfolgt diese Begleitung wöchentlich in der Tagesklinik.

Ausgeprägte Mangelernährung, Schluckstörungen oder ein Passagehindernis im GI-Trakt können hingegen eine stationäre Behandlung mit parenteraler Ernährung vor der Operation erforderlich machen. Bei hochgradiger oder rasch fortschreitender Mangelernährung ist zudem eine langsame, kontrollierte Kaloriensteigerung sowie die bedarfsorientierte Substitution von Mikronährstoffen angezeigt, um das Risiko eines sog. Refeeding Syndroms mit potentiell lebensbedrohlichen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverschiebungen zu minimieren [13].

Sarkopenie

Ein weiterer wichtiger und leicht messbarer Indikator ist die Sarkopenie, die als Verlust von Muskelmasse und -kraft sowie damit einhergehenden funktionellen Einschränkungen definiert ist [15].

In der onkologischen Viszeralchirurgie hat sich zur Bestimmung der Sarkopenie der Total Psoas Index (TPI) etabliert [16]. Der TPI setzt die beidseitige Fläche des M. psoas auf Höhe von LWK 3 ins Verhältnis zur Körpergröße (Info-Box 3).

Da vor einer größeren Operation in der Regel eine Computertomographie des Abdomens zur Diagnostik erfolgt, lässt sich in dieser Untersuchung das Vorliegen einer Sarkopenie in wenigen Minuten über den TPI detektieren (Abb. 4). Der TPI kann auch in extern durchgeführten CTs ermittelt werden.

Patienten mit Sarkopenie profitieren von einer präoperativen Bewegungs- und Sporttherapie, die individuell angepasst von Spazierengehen bis hin zu Krafttraining im Fitnessstudio reichen kann [6].

Eine ausführliche Aufklärung zur präoperativen körperlichen Aktivität sowie Informationsmaterialien mit Übungen für zu Hause unterstützen die Anleitung. Die Therapieadhärenz, aber auch der Erfolg der Intervention lassen sich durch digitale Bewegungsmessung (z. B. Schrittzähler), vor allem aber durch regelmäßiges Üben unter professioneller Anleitung erhöhen [17, 18].

Anämie

Eine Anämie (Hämoglobinkonzentration im Serum bei Männern < 13 g/dl; bei Frauen < 12 g/dl) ist ein unabhängiger Risikofaktor für postoperative Morbidität, Mortalität und längere Krankenhausverweildauer [19]. Perioperative Transfusionen sind bei malignen Erkrankungen sogar mit schlechterer Prognose und erhöhtem Metastasierungsrisiko assoziiert [20].

Info 3: Total Psoas Index (TPI) als ein Maß für Sarkopenie [16].

TPA: total psoas area: beidseitige Fläche des M. psoas auf Höhe LWK 3 in mm2.

Normalwerte: Frauen: > 385 mm2/m2, Männer: > 545mm2/m2.

Nach § 4.2 der Richtlinie Hämotherapie der Bundesärztekammer ist zu prüfen, ob auch andere Maßnahmen als Transfusionen geeignet sind, chronische oder akute Mangelzustände zu beheben. Daher soll im Sinne des Patient-Blood-Management präoperativ so früh als möglich eine Anämieabklärung und, sofern möglich, auch eine Therapie erfolgen [21].

Da bis zu einem Drittel der Anämien viszeralonkologischer Patient:innen durch Eisenmangel bedingt sind, sollte beim Nachweis einer Anämie grundsätzlich der Eisenstatus (Eisen, Ferritin, Transferrinsättigung) erhoben werden. Bei Eisenmangelanämie besteht die Indikation zur präoperativen Eisensubstitution. Idealerweise erfolgt diese intravenös, um eine rasche, präoperative Stabilisierung des Hb zu erreichen.

Die damit verbundene Reduktion des Transfusionsrisikos ist sowohl medizinisch als auch aus Gründen der Kosteneffizienz zu begrüßen. Gleichzeitig kann die Unterlassung des sog. Patient-Blood-Management einen Behandlungsfehler darstellen und dadurch potentiell haftungsrelevant sein [22].

Abb. 1: TPI-Messung im CT. A: Patient ohne Sarkopenie mit normalem TPI. B: Sarkopener Patient mit erniedrigtem TPI

Praktisches Vorgehen

In unserer Klinik werden alle Patient:innen bei der Erstvorstellung vor onkologischen Operationen sowie vor anderen größeren chirurgischen Eingriffen auf Mangelernährung, Sarkopenie und Anämie gescreent. Die Erhebung von NRS und TPI erfolgt dabei mit sehr geringem zeitlichem Aufwand. Das Anämiescreening und die Bestimmung des Serumalbumins erfolgen im Rahmen des Routinelabors und verursachen somit keine relevanten Zusatzkosten.

Beim Vorliegen eines der genannten Risikofaktoren erfolgt die Vorstellung der Patient:innen in unserer Stabstelle für Ernährungsmedizin zum weiteren Assessment. Anschließend wird interdisziplinär über notwendige Prähabilitationsmaßnahmen und die dafür erforderliche Behandlungsdauer entschieden.

Bei Patient:innen, die eine neoadjuvante Therapie vor der Operation benötigen, erfolgt die Betreuung bereits während der Neoadjuvanz und wird bis zur Operation fortgeführt.

Im Gegensatz dazu stehen Risikopatienten, bei denen keine neoadjuvante Therapie geplant ist, mitunter einer Prähabilitation zunächst ablehnend gegenüber, meist aus Sorge um einen onkologischen Nachteil durch den Aufschub der Operation. Die Mehrzahl der Patient:innen lässt sich jedoch durch eine ausführliche Aufklärung von den Vorteilen der Prähabilitation überzeugen.

Während das Screening durch die Chirurg:innen erfolgt, werden die Patient:innen in der Prähabilitationsphase in enger Absprache mit den Chirurg:innen vollständig von den Ernährungsmediziner:innen betreut – entweder konsiliarisch oder in einem multimodalen Programm in der Tagesklinik.

Zusammenfassung

Prähabilitation ermöglicht bei viszeralchirurgischen Risikopatient:innen eine Reduktion der perioperativen Risiken. Prähabilitation bedarf Zeit und die positiven Effekte der Prähabilitation sind umso größer, je länger die Maßnahmen erfolgen. Um ausreichend Zeit für die erforderlichen Interventionen zu haben, sollte das Screening so früh wie möglich, am besten bei der Erstvorstellung, erfolgen.

Im klinischen Alltag haben sich Mangelernährung, Sarkopenie und Anämie als Risikofaktoren etabliert, die nicht nur mit geringem Zeit- und Kostenaufwand erhoben werden können, sondern auch ideale Angriffspunkte für prähabilitative Maßnahmen bieten.

Bei den meisten Patienten kann eine deutliche Verbesserung der Mangelzustände bereits nach wenigen Wochen erreicht werden. Diese Zeit sollte man auch investieren, zumal gezeigt werden konnte, dass eine onkologische Operation um bis zu 3–6 Wochen verschoben werden kann, ohne dass hieraus ein Nachteil in Bezug auf die Prognose erwächst [23].

Nicht zu unterschätzen ist auch der psychologische Effekt der Prähabilitation: So bietet die präoperative Vorbereitung motivierten Patient:innen die Möglichkeit, ihren Krankheitsverlauf aktiv zu beeinflussen. Dabei konnten wir beobachten, dass sich auch die Einbindung der Angehörigen positiv auf die Therapieadhärenz insbesondere bei der körperlichen Aktivität und der Umsetzung der Ernährungsempfehlungen auswirkt.

Prähabilitation erscheint auf dem ersten Blick als Banalität hat sich aber zu einem der wichtigsten Faktoren der multimodalen Behandlung vor großen viszeralchirurgischen Operationen entwickelt. So muss man – politisch inkorrekt aber dennoch treffend formuliert – fordern: „Prehabilitation first“.

Literatur

[1]   Studley HO. Percentage of weight loss: basic indicator of surgical risk in patients with chronic peptic ulcer. JAMA 1936;106:458-460.
[2]   Lobo DN, Gianotti L, Adiamah A, et al. Perioperative nutrition: Recommendations from the ESPEN expert group. Clinical Nutrition 2020;39:3211-3227.
[3]   Ryan AM, Power DG, Daly L, et al., Cancer-Associated Malnutrition, Cachexia and Sarcopenia: The Skeleton in the Hospital Closet 40 Years Later. Proc Nutr Soc 2016;75:199-211. doi: 10.1017/S002966511500419X.
[4]   Daniels, S L, Lee MJ, George J et al. Prehabilitation in Elective Abdominal Cancer Surgery in Older Patients: Systematic Review and Meta-Analysis. BJS Open 2020;4:1022-1041. doi: 10.1002/bjs5.50347
[5]   McIsaac DI, Prehabilitation in adult patients undergoing surgery: an umbrella review of systematic reviews. Br J Anaesth 2022;128:244-257doi: 10.1016/j.bja.2021.11.014
[6]   Waterland JL, McCourt O, Edbrooke L, et al. Efficacy of Prehabilitation Including Exercise on Postoperative Outcomes Following Abdominal Cancer Surgery: A Systematic Review and Meta-Analysis. Front. Surg. 2021;8:628848. doi: 10.3389/fsurg.2021.628848
[7]   Berardi G, Cucchetti A, Colasanti M, et al. Prehabilitation With Exercise and Nutrition to Reduce Morbidity of Major Hepatectomy in Patients With Sarcopenia The PREHEP Randomized Clinical Trial. JAMA Surg. 2025;160:1068-1075. doi: 10.1001/jamasurg.2025.3102.
[8]   Molenaar CJL, Minnella EM, Coca-Martinez M, et al. Effect of Multimodal Prehabilitation on Reducing Postoperative Complications and Enhancing Functional Capacity Following Colorectal Cancer Surgery: The PREHAB Randomized Clinical Trial. JAMA Surg. 2023;158:572-581. doi: 10.1001/jamasurg.2023.0198.
[9]   Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Perioperatives Management bei gastrointestinalen Tumoren (POMGAT), Langversion 1.0, 2023, AWMF-Registernummer: 088-010OL https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/perioperatives-management-bei-gastrointestinalen-tumoren-pomgat/; Zugriff am 28.11.2025
[10] Pirlich M, Schütz T, Norman K, et al. The German hospital malnutrition study. Clin Nutr. 2006;25:563-72. doi: 10.1016/j.clnu.2006.03.005. Epub 2006 May 15.
[11] Cederholm T, Barazzoni R, Austin P et al. ESPEN guidelines on definitions and terminology of clinical nutrition. Clin Nutr. 2017;36:49-64. doi: 10.1016/j.clnu.2016.09.004.
[12] Kondrup J, Rasmussen HH, Hamberg O et al. Nutritional risk screening (NRS 2002): a new method based on an analysis of controlled clinical trials. Clin Nutr 2003;22:321-36. doi: 10.1016/s0261-5614(02)00214-5.
[13] Loftus TJ, Brown MP, Slish JH et al. Serum Levels of Prealbumin and Albumin for Preoperative Risk Stratification. Nutr Clin Pract. 2019;34:340-348. doi: 10.1002/ncp.10271.
[14] Weimann A, Bezmarevic M, Braga M, et al. ESPEN guideline on clinical nutrition in surgery – Update 2025. Clin Nutr. 2025;53:222-261. doi: 10.1016/j.clnu.2025.08.029.
[15] Spira, D, Norman K, Nikolov J et al. Prevalence and Definition of Sarcopenia in Community Dwelling Older People: Data from the Berlin Aging Study II (BASE-II). Z Gerontol Geriatr. 2016;49:94-9. doi: 10.1007/s00391-015-0886-z.
[16] Richards SJG, Sajith C. Senadeera SC, Frizelle FA. Sarcopenia, as Assessed by Psoas Cross-Sectional Area, Is Predictive of Adverse Postoperative Outcomes in Patients Undergoing Colorectal Cancer Surgery. Dis Colon Rectum 2020;63:807-815. doi: 10.1097/DCR.0000000000001633.
[17] Amélie Cambriel A, Tsai A, Choisy B, et al. Immune Modulation by Personalized vs Standard Prehabilitation Before Major Surgery. A Randomized Clinical Trial. JAMA Surg. 2025;12:e254917. doi: 10.1001/jamasurg.2025.4917.
[18] Boden I, Skinner EH, Browning L, et al. Preoperative physiotherapy for the prevention of respiratory complications after upper abdominal surgery: pragmatic, double blinded, multicentre randomised controlled trial. BMJ 2018;24:360:j5916. doi: 10.1136/bmj.j5916.
[19] Baron DM, Hochrieser H, Posch M et al. Preoperative anaemia is associated with poor clinical outcome in non-cardiac surgery patients. Br J Anaesth. 2014;113:416-23. doi: 10.1093/bja/aeu098.
[20] Tai YH, Wu HL, Mandell MS et al. The association of allogeneic blood transfusion and the recurrence of hepatic cancer after surgical resection. Anaesthesia 2020;75:464-471 doi: 10.1111/anae.14862.
[21] Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Richtlinie Hämotherapie) https://www.wbbaek.de/richtlinien-leitlinien/haemotherapie-transfusionsmedizin/richtlinie/ Zugriff am 07.12.2025
[22] Ärzteblatt, Deutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches. „Neue Behandlungsmodelle: Patient Blood Management“. Deutsches Ärzteblatt, 30. April 2021. https://www.aerzteblatt.de/archiv/218906/Neue-Behandlungsmodelle-Patient-Blood-Management.
[23] Kucejko RJ, Holleran TJ, Stein DE.et al. How Soon Should Patients With Colon Cancer Undergo Definitive Resection? Dis Colon Rectum 2020;63:172–182 doi: 10.1097/DCR.0000000000001525

Korrespondierende Autorin: Prof. Dr. med. Natascha Nüssler

Klinik für Allgemein-, Viszeralchirurgie und Koloproktologie

München Klinik Neuperlach

natascha.nuessler@muenchen-klinik.de

Dr. med. Eva-Maria Jacob

Stabsstelle Ernährungsmedizin

München Klinik Neuperlach

Chirurgie

Nüssler N, Jacob EM: Prähabilitation – vom theoretischen Ideal zur praktischen Umsetzung. Passion Chirurgie.
2026 Januar/Februar; 16(01/02):
Artikel 03_03.

www.bdc.de

Perioperatives Management – das sind die 10 wichtigsten Maßnahmen

In der modernen Chirurgie spielen viele Maßnahmen bezüglich eines adäquaten prä-, intra- und postoperativen Managements eine relevante Rolle, um die Krankenhausverweildauer sowie die Morbidität und Mortalität der Patient:innen zu reduzieren. Das optimale perioperative Management ist ein interdisziplinäres und interprofessionelles Themengebiet, das sich aus einer Vielzahl an einzelnen Bausteinen zusammensetzt. Von einer guten präoperativen Vorbereitung der Patient:innen, über ein adäquates Narkosemanagement mit minimalinvasiver Operation bis hin zur Versorgung auf Station gibt es viele Punkte zu beachten. Hierbei gibt es nicht die eine entscheidende Maßnahme, vielmehr bauen die einzelnen Punkte aufeinander auf und ergänzen sich. Relevant ist ebenfalls, dass die Patient:innen auch im Rahmen des perioperativen Managements durch eine Fachkraft als Manager der diversen Maßnahmen begleitet und angeleitet werden.[1] Durch den Einsatz der Fachkraft kann die Einhaltung der Maßnahmen, die im weiteren Text beschrieben werden, signifikant gesteigert werden.[2]

Für den deutschsprachigen Raum hat sich mit der POMGAT Leitlinie aus 2023 bereits ein Handlungspfad etabliert, welcher das gesamte Spektrum der Viszeralchirurgie (Ösophagus, Magen, Pankreas, Leber, Kolon und Rektum) abbildet.[1] Auf internationaler Ebene wird diese Leitlinie durch die ERAS®-Guidelines flankiert, welche die einzelnen operativen Gebiete separat thematisieren. Auch wenn der Gedanke der Fast-track-Chirurgie, welche auf einem adäquaten perioperativen Management beruht, bereits vor circa 30 Jahren Einzug in den klinischen Alltag hielt, sind die Maßnahmen hierfür im deutschsprachigen Raum noch nicht flächendeckend etabliert. So zeigten zwei aktuelle Umfragen unter deutschsprachigen Anästhesist:innen und Chirurg:innen auf, dass viele Elemente gar nicht bekannt sind und noch weniger im klinischen Alltag gelebt werden.[3, 4] In diesem Übersichtsartikel sollen die zehn wichtigsten Maßnahmen im Rahmen des perioperativen Managements in Kürze mit Evidenz und den relevanten Informationen für den klinischen Alltag besprochen werden.

1. Präoperative Risikoevaluation

Bei Indikationsstellung zur Operation sollte die Komorbidität der Patient:innen berücksichtigt werden. Gemäß der britischen Leitlinie des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) sollten Screening-Tools (z. B. P-POSSUM, POSSUM) für eine adäquate Stratifizierung der perioperativen Mortalität genutzt werden.[5] Bei weniger komplexen Eingriffen kann der ASA (American Society of Anaesthesiology)-Status, dessen Erhebung mit weniger Aufwand verbunden ist, herangezogen werden.[5, 6] Patient:innen einer höhergradigen ASA-Klasse profitierten beispielsweise durch Prähabilitationsmaßnahmen, die zur Risikoreduktion der postoperativen Komplikationen von bis zu 50 % führen können.[7] Durch weitere einfache Fragebögen lassen sich Risikokonstellation, wie z. B. eine Mangelernährung oder eine Delir-Prädisposition, erkennen.[5] Diese können bereits präoperativ durch eine adäquate Ernährungsberatung oder Delir-Management adressiert werden.

2. Patient Blood Management

Bei maligner Grunderkrankung, z. B. einem kolorektalen Karzinom, weisen 30 %-67 % der Patient:innen eine relevante (Tumor)- Anämie auf, welche mit einem schlechteren Overall-Survival einhergeht.[8] Bei initialer Vorstellung der Patient:innen zur Operation sollte nicht nur der Hämoglobin-Wert, sondern bei erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine Eisenmangelanämie ein entsprechendes Panel an Blutwerten abgenommen werden. Bei Vorliegen einer Eisenmangelanämie sollte präoperativ im Rahmen der Prämedikation bevorzugt eine Eiseninfusion verabreicht werden, da diese effektiver als die orale Substitution ist.[9] Durch eine adäquate Gabe von 1-2 g Gramm Eisen (maximal 1 g pro Woche) je nach Ausgangshämoglobinwert ist durch die intravenöse Eiseneingabe ein medianer Anstieg von 1,55 g/dl zu erreichen.[9]

3. PONV (Postoperative Nausea and Vomiting)-Prophylaxe

Das weibliche Geschlecht, Nichtraucher:innen, eine positive Anamnese für PONV oder Reiseübelkeit sowie ein postoperativer Opiatbedarf sind Risikofaktoren für PONV.[10] In diesem Kollektiv sollte eine Kombinationstherapie aus verschiedenen Medikamentenklassen zur Prophylaxe erfolgen.[1] Zur Prophylaxe sollte daher eine intraoperative Gabe von zwei Medikamenten der Substanzklassen 5-HT3-Rezeptorantagonisten, D2-Rezeptorantagonisten, NK1-Rezeptorantagonisten (off-label use) und Kortikosteroide erfolgen.[1, 11] Zudem kann durch den Einsatz einer total intravenösen Anästhesie (TIVA) die PONV-Rate weiter gesenkt werden.[12, 13]

4. Wundinfektions­prophylaxe

Bei viszeralchirurgischen Eingriffen ist mit einer Wundinfektionsrate (Surgical Site Infection), SSI) von 15 % zu rechnen.[14] Verschiedene Maßnahmen fließen in die adäquate Prophylaxe einer Wundinfektion ein. Zentraler Punkt ist die frühzeitige prophylaktische Gabe (60 Minuten vor Hautschnitt) eines Antibiotikums (z. B. 2. Generation Cephalosporin, bei Resektion gastrointestinaler Tumore eine Erweiterung um Metronidazol). Bei Operationen unter drei Stunden ist eine Einzelgabe ausreichend, jedoch sollte die Verabreichung des Antibiotikums bei längeren Operationen wiederholt werden. Ebenfalls relevant ist die Hautdesinfektion mittels Chlorhexidin.[1] Auf eine präoperative Rasur sollte verzichtet werden.[1]

5. Minimalinvasive Chirurgie

Wann immer technisch möglich und sinnvoll sollte ein minimalinvasives Vorgehen (laparoskopisch oder robotisch) dem offenen Verfahren gegenüber bevorzugt werden. Durch einen minimalinvasiven Eingriff kann die postoperative Erholung beschleunigt und dadurch die Liegedauer sowie Morbidität deutlich reduziert werden[15]. Zudem ist bei technischer Expertise die minimalinvasive Chirurgie bei onkologischer Resektion dem offen Verfahren gleichwertig.[16]

6. Drainagemanagement

Wann immer möglich sollte die Anlage einer intraoperativ eingebrachten Drainage vermieden werden. Die Drainagen sind mit erhöhten Infektionsraten und einer Behinderung der Mobilisation der Patient:innen durch verstärkte Schmerzen verbunden, wodurch sich der Krankenhausaufenthalt verlängern kann.[17] Potentielle Ausnahmen stellen Drainagen dar, die eine schnellere Diagnostik bei intraabdomineller Pathologie (Zieldrainagen nach Pankreasresektion) oder der Ableitung erwartbarer relevanter Flüssigkeitsansammlungen dienen (Pleuradrainage nach Ösophagusresektion). Falls – aus spezifischen Gründen – eine Drainage platziert wurde, sollte ihr Nutzen täglich kritisch hinterfragt und eine zeitnahe Entfernung angestrebt werden.

7. Blasenkatheter- und Magensonden­management

Ein Harnblasenkatheter sollte nur bei längeren Operationen zum Monitoring der Nierenfunktion sowie des intraoperativen Flüssigkeitsmanagements eingebracht werden. Idealerweise sollte der Katheter direkt nach der Operation entfernt werden, spätestens innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Operation.[1] Eine unmittelbar präoperativ für die OP-Dauer eingebrachte Magensonde sollte direkt am Ende der OP wieder entfernt werden.

8. Multimodale Schmerztherapie

Zentraler Punkt einer raschen Erholung der Patient:innen nach einer Operation ist eine adäquate Analgesie. Hierdurch können eine rasche Mobilisierung und ein zügiger Kostaufbau der Patient:innen erreicht werden. Bei minimalinvasiven Operationen sollte auf die Anlage eines Periduralkatheters verzichtet werden und stattdessen Regionalanästhesieverfahren wie z. B. der „Transversus abdominis plane Block“ bevorzugt werden.[18] Die postoperative Analgesie auf der Normalstation sollte nach Möglichkeit auf dem Boden einer ausreichenden Basisanalgesie (Metamizol oder Paracetamol) erfolgen. Wo immer möglich sollte auf eine prophylaktische Gabe von Opioiden verzichtet werden, um Nebenwirkungen wie eine Darmatonie oder Atemdepression zu reduzieren.

9. Postoperative Ileusprophylaxe

Optimalerweise sollte eine Stimulation des Magendarmtraktes bereits im Aufwachraum durch die Gabe von oraler Flüssigkeit erfolgen. Weitere Stimulationsmaßnahmen können die Gabe von Kaugummi oder Kaffee darstellen.[19–22] Im nächsten Schritt können Laxantien frühzeitig als Prophylaxe beziehungsweise schon zu Beginn von postoperativer Darmatonie eingesetzt werden.[1] Opioide sollten optimalerweise vermieden werden.

10. Mobilisierung

Es ist eine frühzeitige Mobilisierung der Patient:innen anzustreben, um das Risiko einer Pneumonie oder eines Ileus zu reduzieren. Bei minimalinvasiven Eingriffen ist bereits eine Mobilisierung außerhalb des Bettes am Operationstag zu veranlassen. Durch eine Frühmobilisierung kann zusätzlich die Krankenhausverweildauer signifikant reduziert werden.[23] Wichtig ist, dass die Patient:innen bereits präoperativ über die zentrale Bedeutung der Mobilisation aufgeklärt werden und dadurch die Patient:innen-Motivation gestärkt wird, sich eigenständig und regelmäßig postoperativ zu mobilisieren. [24]

Zusammenfassung

Die in dieser Kurzübersicht aufgeführten Maßnahmen sollen zu einer schnelleren Genesung der Patient:innen, einem kürzeren Krankenhausaufenthalt und einer geringeren Gesamtkomplikationsrate führen. Die Maßnahmen stellen dabei keine einzelnen Handlungen dar, sondern fungieren als Gesamtkonzept. So führt beispielsweise ein adäquates Schmerzmanagement mit der Vermeidung oraler Opioide zu einer schnelleren Mobilisierung der Patient:innen und wiederum zu einer Reduktion der Rate an postoperativen Darmatonien. Für die erfolgreiche Umsetzung aller Maßnahmen und die Koordination zwischen den einzelnen beteiligten Fachdisziplinen ist der Einsatz einer entsprechenden Fachkraft für perioperatives Management („ERAS Nurse“) ratsam.

Literatur

[1]   Post, S. and T. Vilz, [S3 Guideline “Perioperative management of gastrointestinal tumors (POMGAT)”]. Chirurgie (Heidelb), 2023. 94(5): p. 468.
[2]   Forsmo, H.M., et al., Compliance with enhanced recovery after surgery criteria and preoperative and postoperative counselling reduces length of hospital stay in colorectal surgery: results of a randomized controlled trial. Colorectal Dis, 2016. 18(6): p. 603-11.
[3]   Willis, M.A., et al., Adherence to fast track measures in colorectal surgery-a survey among German and Austrian surgeons. Int J Colorectal Dis, 2023. 38(1): p. 80.
[4]   Willis, M.A., et al., [Implementation of fast-track measures in colorectal resections : A survey among members of the DGAI]. Anaesthesiologie, 2022. 71(7): p. 510-517.
[5]   National Institute for Health and Care Excellence: Guidelines, in Perioperative care in adults. 2020, National Institute for Health and Care Excellence (NICE); Copyright © NICE 2020.: London.
[6]   Doyle, D.J., J.M. Hendrix, and E.H. Garmon, American Society of Anesthesiologists Classification, in StatPearls. 2024, StatPearls Publishing; Copyright © 2024, StatPearls Publishing LLC.: Treasure Island (FL).
[7]   Barberan-Garcia, A., et al., Personalised Prehabilitation in High-risk Patients Undergoing Elective Major Abdominal Surgery: A Randomized Blinded Controlled Trial. Ann Surg, 2018. 267(1): p. 50-56.
[8]   Wilson, M.J., et al., Long-term prognostic value of preoperative anemia in patients with colorectal cancer: A systematic review and meta-analysis. Surg Oncol, 2017. 26(1): p. 96-104.
[9]   Keeler, B.D., et al., Randomized clinical trial of preoperative oral versus intravenous iron in anaemic patients with colorectal cancer. Br J Surg, 2017. 104(3): p. 214-221.
[10] Apfel, C.C., et al., A simplified risk score for predicting postoperative nausea and vomiting: conclusions from cross-validations between two centers. Anesthesiology, 1999. 91(3): p. 693-700.
[11] Weibel, S., et al., Drugs for preventing postoperative nausea and vomiting in adults after general anaesthesia: a network meta-analysis. Cochrane Database Syst Rev, 2020. 10(10): p. Cd012859.
[12] Schaefer, M.S., et al., Total intravenous anaesthesia versus single-drug pharmacological antiemetic prophylaxis in adults: A systematic review and meta-analysis. Eur J Anaesthesiol, 2016. 33(10): p. 750-60.
[13] Schraag, S., et al., Propofol vs. inhalational agents to maintain general anaesthesia in ambulatory and in-patient surgery: a systematic review and meta-analysis. BMC Anesthesiol, 2018. 18(1): p. 162.
[14] Allegranzi, B., et al., New WHO recommendations on intraoperative and postoperative measures for surgical site infection prevention: an evidence-based global perspective. Lancet Infect Dis, 2016. 16(12): p. e288-e303.
[15] Gaertner, J., et al., Effect of specialist palliative care services on quality of life in adults with advanced incurable illness in hospital, hospice, or community settings: systematic review and meta-analysis. Bmj, 2017. 357: p. j2925.
[16] Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Kolorektales Karzinom, Langversion 3.0, WMF-Registernummer: 021-007OL. 2025.
[17] Intraperitoneal drain placement and outcomes after elective colorectal surgery: international matched, prospective, cohort study. Br J Surg, 2022. 109(6): p. 520-529.
[18] Gustafsson, U.O., et al., Guidelines for perioperative care in elective colorectal surgery: Enhanced Recovery After Surgery (ERAS) Society recommendations 2025. Surgery, 2025. 184: p. 109397.
[19] Yang, T.W., et al., The effect of coffee/caffeine on postoperative ileus following elective colorectal surgery: a meta-analysis of randomized controlled trials. Int J Colorectal Dis, 2022. 37(3): p. 623-630.
[20] Kane, T.D., T.D. Tubog, and J.R. Schmidt, The Use of Coffee to Decrease the Incidence of Postoperative Ileus: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Perianesth Nurs, 2020. 35(2): p. 171-177.e1.
[21] Mei, B., et al., Chewing Gum for Intestinal Function Recovery after Colorectal Cancer Surgery: A Systematic Review and Meta-Analysis. Gastroenterol Res Pract, 2017. 2017: p. 3087904.
[22] Roslan, F., et al., The Impact of Sham Feeding with Chewing Gum on Postoperative Ileus Following Colorectal Surgery: a Meta-Analysis of Randomised Controlled Trials. J Gastrointest Surg, 2020. 24(11): p. 2643-2653.
[23] Ahn, K.Y., et al., The effects of inpatient exercise therapy on the length of hospital stay in stages I-III colon cancer patients: randomized controlled trial. Int J Colorectal Dis, 2013. 28(5): p. 643-51.
[24] Wiesenberger, R., et al., Influence of motivational interviewing on postoperative mobilization in the enhanced recovery after surgery (ERAS®) pathway in elective colorectal surgery – a randomized patient-blinded pilot study. Langenbecks Arch Surg, 2024. 409(1): p. 134.

Korrespondierende Autorin:
Prof. Dr. med. Julia Hardt

Sektionsleiterin Darmchirurgie

Chirurgische Klinik

Universitätsmedizin Mannheim

Universitätsklinikum Heidelberg

Mario Kaufmann

Chirurgische Klinik

Universitätsmedizin Mannheim

Universitätsklinikum Heidelberg

mario.kaufmann@umm.de

Prof. Dr. med. Christoph Reißfelder

Direktor der Chirurgischen Klinik

Universitätsmedizin Mannheim

Universitätsklinikum Heidelberg

Chirurgie

Kaufmann M, Reißfelder C, Hardt J: Perioperatives Management – das sind
die 10 wichtigsten Maßnahmen.
Passion Chirurgie. 2026 Januar/Februar; 16(01/02): Artikel 03_01.

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12. D-Arztforum in Dortmund

Klare Kante in der Gesundheitspolitik und neue Impulse für die Unfallversorgung

„Das wird stark“, hatte BDD-Präsident Dr. Jens-Peter Stahl im Vorfeld versprochen – und er sollte Recht behalten. Vom 4. bis 6. Dezember 2025 versammelten sich Durchgangsärztinnen und -ärzte, deren ständigen Vertreter und Vertreterinnen sowie Vertreter der gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des BNC zum 12. D-Arztforum in Dortmund. Inhaltlich bot das Forum ein breites Spektrum seitens der Ärztekammer und der DGUV zertifizierter Fortbildungen in der Kindertraumatologie, Begutachtung und im Rehamanagment.

In der Kindertraumatologie wurden neben den immerwährenden Themen typischer Verletzungen und deren Behandlung vor allem auch das Management von Komplikationen offen angesprochen und diskutiert.

In der Begutachtung erläuterten Experten aktuelle Urteile und gaben praktische Tipps für die rechtssichere Erstellung von Gutachten, einem Bereich, der für viele D-Ärzte zunehmend an Komplexität gewinnt.

In der Session Rehamedizin und Rehamanagment wurden unter anderem neue digitale Konzepte in der Nachbehandlung von Unfallverletzen vorgestellt.

Alle drei Kurse waren mit hochrangigen Referenten besetzt und das Niveau der Veranstaltung lag entsprechend hoch, was von den Teilnehmern auch sehr wertschätzend kommuniziert wurde.

Die politische Positionierung des Durchgangsarztes in einem zunehmend digitalisierten und ökonomisch angespannten Gesundheitswesen stand in diesem Jahr im Fokus. Die Stärkung und Abgrenzung des SGB VII zum SGB V wurde eindringlich gefordert, um die hohe Qualität der Versorgung gesetzlich Unfallversicherter weiter gewährleisten zu können. So dürfen etwa Regelungen des SGB V nicht einfach in den Wirkungsbereich des SGB VII übernommen werden. Der Nachwuchs in der D-Arzt Praxis muss zudem mehr angesprochen werden, um das System der Behandlung Unfallverletzter weiter flächendeckend aufrecht erhalten zu können. Dies bedeutet auch, dass die ambulante D-Arztpraxis in die Ausbildung des Nachwuchses miteinbezogen werden sollte.

Politischer Vormittag: Dialog auf Augenhöhe

Ein Höhepunkt der Veranstaltung war der „Politische Vormittag“ am Samstag, den 6. Dezember. In einer Zeit, in der die ambulante und stationäre Notfallversorgung gleichermaßen unter Druck stehen und neue Strukturen z. B. in den Zentralen Notaufnahmen eingeführt wurden und stetig geschärft werden, betont der Bundesverband der Durchgangsärzte e. V., dass den Anforderungen der unfallchirurgischen Primärversorgung u. a. mit der Aufgabe der primär hoheitlichen Tätigkeit des D-Arztes Rechnung getragen werden muss. Diskutiert wurde diesbezüglich auch die Umsetzung der durchgangsärztlichen Versorgung in der Zentralen Notaufnahme eines Hauses als organisatorische Herausforderung, da die strengen formalen Vorgaben der DGUV mit den hochfrequenten Abläufen einer interdisziplinären Zentralen Notaufnahme in Einklang gebracht werden müssen. Die Umsetzung dieser Prozesse sollten in den einzelnen Häusern durch die DGUV überwacht werden. Die primäre Diagnostik und Versorgung eines Unfallpatienten bedarf eines Unfallchirurgen, eines weisungsungebundenen D-Arztes!

Diskutiert wurden die aktuellen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen, die die Arbeit der D-Ärzte massiv beeinflussen. Eine zentrale Forderung blieb die angemessene Honorierung hochspezialisierter Leistungen, die D-Ärzte täglich erbringen. „Wir sind Partner der DGUV, aber wir brauchen eine Partnerschaft, die auch die wirtschaftlichen Realitäten der Kliniken und Praxen abbildet“, so der Tenor der berufspolitischen Debatten. Während die Einnahmen nach der Reform der UV-GOÄ im Juli 2025 um 4,41 % gestiegen sind, so liegen die Kostensteigerungen für Personal, Material und Energie eher im Bereich von 8–10 %.

Die Anwesenheit von Vertretern aus Politik und Selbstverwaltung auf dem D-Arzt-Forum ermöglichte einen direkten und konstruktiven Schlagabtausch über die Zukunft des berufsgenossenschaftlichen Heilverfahrens. Alle Teilnehmenden waren sich darüber einig, dass es sich bei dem Heilverfahren auf der Basis des SGB VII um ein System mit einer hohen Qualität und Struktur handelt, das unbedingt zukunftssicher weiterentwickelt werden und sich zudem eindeutig von den Maßgaben des SGB V abgrenzen muss. Das verfahren ist hocheffizient, was sich auch in den Bemühungen um eine stete Ausweitung der Versicherten (Bundespolizei, Bundeswehr) zeigt.

Diesbezüglich ist die Situation spezialisierter D-Arzt-Praxen und -Kliniken von einem erheblichen Kostendruck gekennzeichnet, um den hohen Anforderungen einer qualitativ hochwertigen Versorgung der Verletzten mit allen erforderlichen Mitteln gerecht werden zu können. Es gilt wirksam drohendem Personalmangel und Leistungseinschränkungen entgegenzuwirken.

Eine wirkliche Weiterentwicklung ist im ambulanten, aber auch stationären Bereich nur mit gemeinsamer Anstrengung aller Durchgangsärzte und ihrem Engagement möglich.

Networking in westfälischer Atmosphäre

Dass der kollegiale Austausch nicht zu kurz kam, dafür sorgte das Rahmenprogramm. Der Tagungsort in den Räumlichkeiten der traditionsreichen Dortmunder Actien-Brauerei bot den passenden Hintergrund für das „Get-together“ im historischen Sudhaus am Freitagabend. In persönlichen Gesprächen über Sektorengrenzen hinweg tauschten sich Niedergelassene und Klinikärzte bei hervorragender italienischer Musik über die Versorgungsrealitäten aus.

Fazit

Das 12. D-Arzt Forum hat erneut bewiesen, dass es mehr ist, als eine reine Fortbildungsveranstaltung. Es ist das zentrale Sprachrohr einer Berufsgruppe, die als Rückgrat der traumatologischen Versorgung in Deutschland fungiert. Mit einem klaren Auftrag für die politische Arbeit und frischem Fachwissen im Gepäck blicken die Teilnehmer nun auf das kommende Jahr 2026.

Korrespondierender Autor:

Dr. med. Dirk Arbter

Orthospine Magdeburg

Lübecker Straße 32

39124 Magdeburg

dirk-arbter@t-online.de

Dr. med. Jens-Peter Stahl

Direktor

Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie

Klinikum Dortmund gGmbH

Gesundheitspolitik

Arbter D, Stahl JP: 12. D-Arztforum in
Dortmund. Passion Chirurgie.
2026 Januar/Februar; 16(01/02):
Artikel 05_03.

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BDC-Praxistest: Mit oder Ohne? Unsterile Handschuhe

Vorwort

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Das Gesundheitswesen ist der Dienstleistungssektor mit den höchsten Treibhausgasemissionen. So entspricht der Klima-Fußabdruck des weltweiten Gesundheitswesens 4,4 % der globalen Nettoemissionen, entsprechend den jährlichen Treibhausgasemissionen von 514 kohlebetriebenen Kraftwerken. Natürlich besteht allgemeiner Konsens, dass die Gesundheitsversorgung zu priorisieren ist. Es ist jedoch zeitgemäß zu evaluieren, ob auch hier ein Einsparpotential aus Sicht der ökologischen Nachhaltigkeit gegeben ist.

Was kann denn in unserem klinischen Alltag eingespart werden? Eine der von uns am häufigsten verwendeten Produkte in der täglichen Arbeit sind unsterile Handschuhe. So wird der globale Markt für medizinische Einmalhandschuhe perspektivisch von ca. 15 Mrd. USD im Jahr 2022 auf ca. 21 Mrd. USD im Jahr 2029 wachsen. Aber ist vielleicht für Patienten und Umwelt „weniger mehr“? Sieht das Tragen von Einmalhandschuhen oft hygienischer aus als es tatsächlich ist? Falls wir tatsächlich in unserer täglichen Arbeit fälschlicherweise zu oft „mit“ anstatt „ohne“ unterwegs sind, könnte der sachgerechte Einsatz von Handschuhen zur häufigeren Händedesinfektion, geringeren Hautbelastung des Personals, weniger Abfall und geringeren Kosten führen.

Anregende Lektüre wünschen

Prof. Dr. med. C. J. Krones

und

Prof. Dr. med. D. Vallböhmer

Der bewusste Einsatz unsteriler Handschuhe als Hebel für hygienische und ökologische Fortschritte im perioperativen Management

Wir alle kennen folgende Situationen: Eine Ärztin oder Pflegende verlässt ein Patientenzimmer mit benutzten Handschuhen an den Händen, um auf dem Flur etwas aus dem Pflegewagen zu entnehmen oder um zu telefonieren. Im Nachbarzimmer dokumentiert eine Fachkraft in der elektronischen Patientenakte den soeben durchgeführten Verbandswechsel, obwohl sie noch die dabei verwendeten Handschuhe trägt. Ein paar Türen weiter bereitet ein Arzt eine Impfung vor. Aus Routine greift er zu einem frischen Paar Handschuhe, obwohl dazu für eine solche Injektion keine Indikation besteht. Auch beim Umlagern einer Patientin im Nebenzimmer gehen die Teammitglieder wie selbstverständlich zur Handschuhbox, obwohl kein Kontakt zu Blut oder Ausscheidungen zu erwarten ist.

Im Klinikalltag ist der Griff zur Handschuhbox häufig zum Reflex geworden. Die dahinterstehende Logik scheint auf den ersten Blick überzeugend: „Mit Handschuhen kann ich mich selbst vor Infektionen schützen – und den Patient:innen schadet es auch nicht.“ Jedoch beginnt genau hier das Problem des unbewussten Gebrauchs von unsterilen Handschuhen: Studien zeigen, dass sich Mitarbeitende vor und nach dem Patient:innen-Kontakt deutlich seltener die Hände desinfizieren, wenn sie Handschuhe tragen. [1] So hat eine gut gemeinte Schutzmaßnahme am Ende unter Umständen das Gegenteil zur Folge: Eine erhöhte Infektionsrate.

Verwendung zu vieler Handschuhe – trotz klarer Empfehlungen

Unsterile Handschuhe sind ein fester und unverzichtbarer Bestandteil der persönlichen Schutzausrüstung. Aus Beobachtungsstudien wissen wir allerdings, dass rund 35 bis 45 Prozent der Handschuhnutzung im klinischen Alltag medizinisch nicht indiziert sind. [1] Das Problem ist weniger der Handschuhgebrauch selbst als das Verhalten, das er auslöst: „Handschuh statt Händedesinfektion“ – anstatt „Handschuh plus Händedesinfektion“. Denn viele Mitarbeitende in Gesundheitsberufen verlassen sich fälschlich auf die „Barriere“ des Handschuhs und verzichten dabei auf die Händedesinfektion vor und nach dem Patient:innen-Kontakt. Zudem werden teilweise dieselben Handschuhe über mehrere Tätigkeiten hinweg getragen oder sogar zwischen dem Kontakt mit verschiedenen Patient:innen nicht gewechselt. Dies führt zur Verbreitung von Erregern – zwischen verschiedenen Körperstellen oder Wunden und zwischen verschiedenen Patient:innen und dem Personal.

Vielen Mitarbeitenden ist nicht bekannt, dass unsterile Handschuhe nicht 100-prozentig dicht sind, denn sie können teilweise mikroskopisch kleine Defekte aufweisen, durch die Krankheitserreger von Patient:innen auf die Haut von Pflegefachkräften, Ärzten und Ärztinnen, Therapeut:innen und anderen Gesundheitsberufler:innen übertragen werden können, und umgekehrt. Zudem kann das unkontrollierte Ausziehen der Handschuhe zu einer Kontamination der Hände oder Handgelenke mit erregerhaltigem Material führen. Werden die Hände nach dem Patient:innen-Kontakt dann nicht desinfiziert, steht einer Verbreitung der Erreger wenig im Weg. Hygienisch bleibt daher klar: Keine Maßnahme ersetzt die korrekte Händedesinfektion!

Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) hat das Problem des Fehlgebrauches und der fehlenden zusätzlichen Händedesinfektion deshalb ausdrücklich adressiert. In einem Kommentar zum indikationsgerechten Einsatz medizinischer Einmalhandschuhe beschreibt sie, dass Handschuhe im deutschen Gesundheitswesen zu häufig und zu ungezielt eingesetzt werden – und dass dieser Übergebrauch hygienisch problematisch ist. Die KRINKO betont zugleich, dass medizinische Einmalhandschuhe ein unverzichtbares Instrument des Infektionsschutzes bleiben – jedoch nur in den richtigen Situationen und mit der richtigen Anwendung. Ihre Empfehlungen zeigen deutlich, wann Handschuhe erforderlich sind und wann nicht. Damit gibt sie erstmals eine präzise Orientierung, die Gesundheitsberufler:innen unmittelbar unterstützt. [2]

Trotz dieser nicht erst seit der KRINKO-Empfehlung definierten Indikationen ist der Handschuhverbrauch in vielen Einrichtungen in den letzten Jahren weiter gestiegen. Rückmeldungen aus dem Mitgliedsnetzwerk des Kompetenzzentrums für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen (KliMeG | www.klimeg.de) zeigen, dass insbesondere die SARS-CoV-2-Pandemie diesen Trend verstärkt hat – während der Verbrauch von Händedesinfektionsmitteln zum Teil zurückgegangen ist!

Wann sind unsterile Handschuhe wirklich indiziert – und wann nicht?

Indikationen für die Verwendung:

  • Kontakt mit Blut, Sekreten oder Exkreten
  • Umgang mit Erregern, gegen die alkoholische Händedesinfektionsmittel teilweise unwirksam sind (z. B. Clostridioides difficile aufgrund der Sporenbildung)
  • Kontakt mit Schleimhäuten
  • Kontakt mit nicht-intakter Haut
  • Kontakt mit z. B. Zytostatika und Desinfektionsmitteln

Keine Indikationen bestehen in den folgenden Fällen, hier reicht die alleinige hygienische Händedesinfektion aus, z. B. bei:

  • Körperlichen Untersuchungen ohne Kontakt zu Körperflüssigkeiten, Schleimhäuten und nicht-intakter Haut
  • Umlagern, Mobilisieren oder Transportieren von Patient:innen
  • Messen von Vitalzeichen (Blutdruck, Temperatur, Puls)
  • Verabreichen von Mahlzeiten oder Anreichen von Essen
  • Dokumentation und Computerarbeit
  • Sonografie und vielen weiteren diagnostischen Tätigkeiten an intakter Haut

Abb. 1: Indikationen für den bewussten Gebrauch unsteriler Handschuhe. © KliMeG

Weitere Vorteile durch das Weglassen nicht-indizierter unsteriler Handschuhe

1. Ökologische Dimension

Der Über- und Fehlgebrauch unsteriler Handschuhe ist nicht nur ein hygienisches Risiko, sondern auch ein bislang unterschätzter Faktor einer der größten Gesundheitsherausforderungen unserer Zeit: Dem Klimawandel. Das Gesundheitswesen verursacht ca. sechs Prozent der bundesweiten Treibhausgasemissionen und trägt damit erheblich zu einer Krise bei, die wiederum unsere Gesundheit massiv beeinträchtigt – durch Hitzewellen, Extremwetterereignisse, Luftverschmutzung und die Ausbreitung bisher in Deutschland unbekannter Infektionskrankheiten. [3] Vor diesem Hintergrund haben sich im KliMeG-Netzwerk bereits über 350 Einrichtungen auf den Weg gemacht, Klimaschutz im Krankenhaus konkret umzusetzen. Ein überraschend großer Hebel hierbei: Der Verbrauch nicht-steriler Handschuhe.

Analysen zeigen, dass Handschuhe bis zu einem Prozent der Gesamtemissionen eines Krankenhauses verursachen können [4]. Ihre Herstellung basiert überwiegend auf kunststoffbasierten Materialien; entlang der Produktions- und Lieferkette werden erhebliche Mengen Energie, Wasser und Chemikalien eingesetzt. Am Ende steht eine Entsorgung unnötig großer Mengen an Abfall, mit entsprechendem ökologischem Fußabdruck. Jeder eingesparte Handschuh reduziert daher nicht nur Kunststoff, sondern unmittelbar auch Emissionen und Ressourcenverbrauch.

2. Hautgesundheit des Krankenhauspersonals

Beim Tragen von Handschuhen entsteht zwischen Haut und Handschuh häufig eine sogenannte feuchte Kammer, die die Haut aufweicht und anfälliger für Irritationen und Ekzeme macht. Wer seltener Handschuhe trägt, berichtet von weniger Hautproblemen und weniger Belastung durch Schwitzen.

3. Empathischer Patient:innen-Kontakt

Berührungen ohne Handschuhe wird von vielen Patient:innen als wärmer, direkter und empathischer erlebt. Gerade in pflegerischen und ärztlichen Situationen, in denen keine Indikation für Handschuhe besteht – etwa beim Eincremen, bei der Mobilisation oder bei der körperlichen Untersuchung ohne Kontakt zu Körperflüssigkeiten – kann direkter Hautkontakt das Erleben von Fürsorge und Nähe stärken und damit den Genesungsprozess positiv beeinflussen.

Jetzt aktiv werden! Mit unserer Kampagne „Mit oder Ohne? – Handschuhe bewusst einsetzen“

Gemeinsam mit Kolleg:innen aus Hygiene, Pflege, OP-Management und Klimamanagement hat KliMeG die Kampagne „Mit oder Ohne? – Handschuhe bewusst einsetzen“ entwickelt. Unser Ziel ist, dass alle Gesundheitsberufler:innen genau wissen, in welchen Situationen unsterile Handschuhe tatsächlich erforderlich sind – und dass Handschuhe niemals die hygienische Händedesinfektion ersetzen.

Die Kampagne wurde mit Unterstützung der Röchling-Stiftung ins Leben gerufen. Die KliMeG-Webseite dient als zentrale Anlaufstelle, die alle Materialien bündelt, die für die Umsetzung in Ihrer Einrichtung benötigt werden:

  • Wissenschaftlich geprüfte Informationen
  • Poster zum Aushängen
  • Info-Sheets mit Indikationen
  • Schulungsfolien
  • Praxisleitfaden
  • Social Media-Vorlagen
  • Kommunikationsbausteine für Intranet, Newsletter oder Stationsaushänge

Alle Materialien können HIER kostenlos heruntergeladen und an die eigene Klinik angepasst werden.

4. Ökonomische Vorteile

Schließlich sind auch ökonomische Effekte messbar: Weniger Handschuhe bedeuten weniger Einkauf, weniger Abfallvolumen sowie geringere Entsorgungs- und Beschaffungskosten. In Zeiten knapper Budgets und steigender Preise ist dies ein überzeugender Nebeneffekt.

Umsetzung der Kampagne im OP- und Stationsalltag

In der Praxis hat sich ein mehrstufiges Vorgehen bewährt. Zunächst melden sich interessierte Häuser über die Kampagnen-Website an und benennen eine:n Koordinator:in, die häufig aus dem Bereich Hygiene, Pflege, Klimamanagement oder dem Ärztlichen Dienst kommt. In einem online Start-Workshop werden die Kampagne erläutert, typische Fehlanwendungen dargestellt und erste Ideen für lokale Maßnahmen gesammelt.

Im nächsten Schritt formen viele Einrichtungen ein interdisziplinäres Projektteam aus Pflege, Ärzt:innen, Hygiene, Arbeitsschutz, Einkauf und Öffentlichkeitsarbeit. Dieses Team sichtet die Einkaufsdaten zum Handschuhverbrauch, identifiziert Schwerpunktbereiche – häufig OP, Notaufnahme oder Intensivstation – und definiert messbare Ziele.

Auf Station oder im OP selbst kommen anschließend die Kampagnenmaterialien zum Einsatz: Poster in Aufenthaltsräumen, Info-Sheets mit KRINKO-Indikationen an Desinfektionsmittelspendern und Handschuhboxen, kurze Schulungssessions im Rahmen bestehender Fortbildungen, Quiz-Formate für Teams oder Fallbeispiele in Morgenbesprechungen.

Erfahrungen aus der Praxis und Ausblick

Mittlerweile beteiligen sich bereits über 50 Einrichtungen aktiv an der Kampagne – von großen Maximalversorgern über Fachkliniken bis zu Praxen und Pflegeeinrichtungen. In den monatlichen online Austauschformaten berichten viele von ähnlichen Mustern: Einem sehr hohen Ausgangsverbrauch, teils verunsicherten Teams nach der Pandemie und der Erfahrung, dass schon kleine Interventionen spürbare Effekte haben können. Gerade im perioperativen Management ist der bewusste Umgang mit Einmalhandschuhen ein naheliegender Baustein für eine nachhaltigere und sicherere Versorgung. Er verbindet zentrale Ziele chirurgischer Einrichtungen: Hohe Patient:innen-Sicherheit, guter Arbeitsschutz, effiziente Prozesse und eine Reduktion des ökologischen Fußabdrucks.

Am Ende ist die Frage „Mit oder Ohne?“ keine Detailfrage, sondern ein Symbol für einen größeren kulturellen Wandel: Weg von reflexhaften Routinen, hin zu bewussten Entscheidungen auf Basis von Evidenz. Wenn es gelingt, dass Gesundheitsberufler:innen im perioperativen Setting diese Frage immer wieder kurz stellen – und informiert beantworten – ist viel gewonnen: Infektionsschutz, Hautgesundheit, Klimaschutz. In einem Wort zusammengefasst: Gesundheitsschutz.

Literatur

[1]   Bellini C, Eder M, Senn L, Sommerstein R, Vuichard-Gysin D, Schmiedel Y et al. Providing care to patients in contact isolation: is the systematic use of gloves still indicated? Swiss Med Wkly 2022; 152:w30110. doi: 10.4414/SMW.2022.w30110.
[2]   Robert-Koch-Institut. Kommentar der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) zum indikationsgerechten Einsatz medizinischer Einmalhandschuhe im Gesundheitswesen. Epidemiologisches Bulletin 2024:3–15 [Stand: 04.12.2025]. Verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Epidemiologisches-Bulletin/2024/10_24.pdf?__blob=publicationFile&v=3.
[3]   Traidl-Hoffmann C, Schulz CM, Herrmann M, Simon B, Hrsg. Planetary health: Klima, Umwelt und Gesundheit im Anthropozän. Berlin: MWV; 2021. Verfügbar unter: https://www.beck-elibrary.de/10.32745/9783954666737.
[4]   Schneider M, Michael J. Nachhaltiger Einkauf in der Charité. Nachhaltiger Einkauf in der Klinik 2025:18–9 [Stand: 04.12.2025]. Verfügbar unter: https://epaper.nachhaltige-beschaffung.com/p/special-interest/24-06-25/r/10/18-19/8695/1950013.

Dr. Katharina Schilcher

Wissenschaftliche Mitarbeiterin

Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen

kathi.schilcher@gmail.com

Dr. Sybille Barkhausen

Institut für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene

Universitätsklinikum Freiburg

Gesundheitspolitik

Schilcher K, Barkhausen S: BDC-Praxistest: Mit oder Ohne? Der bewusste Einsatz unsteriler Handschuhe. Passion Chirurgie. 2025 Januar/Februar; 16(01/02): Artikel 05_02.

www.bdc.de

Leserbrief

Betrifft: Artikel von Dr. Dolores Krauss und Prof. Dr. Hans Fuchs in Passion Chirurgie 11/2026 „Wenn Roboter operieren – Chancen und Grenzen der autonomen Chirurgie“HIER finden Sie den Artikel auf BDC|Online

Sehr geehrte Frau Kollegin Dr. Krauss,
sehr geehrter Herr Professor Fuchs,
sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

mit großem Interesse habe ich den außerordentlich wichtigen Artikel gelesen. Der Artikel bringt die Ethik mit der Frage: „Wer haftet?“ auf den Punkt. In Anlehnung an die im Text zitierte SAE – Stufenklassifikation des autonomen Fahrens: Wer keine Fahrerlaubnis hat und in einem am Straßenrand geparkten Fahrzeug den Zündschlüssel umdreht, fährt ohne Fahrerlaubnis, auch wenn er noch gar nicht losgefahren ist.

Die Medizinprodukte-Betreiberverordnung gibt dem Anwender die maßgebliche Orientierung für Medizinprodukte, um die es sich hier handelt. In § 17 (Verantwortung für Software) [1] kann man das Prinzip erkennen. Technikfolgenabschätzung ist praxisrelevant, aber ausgesprochen schwierig [2, 3]. Deswegen ist es gut, dass die Passion Chirurgie aufmerksam dazu ist und wenn sie aufmerksam dazu bleibt.

Mit vorzüglicher und kollegialer Hochachtung

Dipl.-Ing.(FH) Hans – Friedrich Bär
Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
Nürnberg – Werl

[1] https://www.gesetze-im-internet.de/mpbetreibv_2025/__17.html
[2] https://www.itas.kit.edu/
[3] https://www.vdi.de/mitgliedschaft/vdi-richtlinien/details/vdi-3780-technikbewertung-begriffe-und-grundlage

Dipl.-Ing.(FH) Hans-Friedrich Bär

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie

Nürnberg – Werl

Chirurgie+

Bär HF: Leserbrief. Passion Chirurgie.
2026 Januar/Februar; 16(01/02):
Artikel 04_05.

Facharztmangel – Zwei Schritte, um die Ausbildung von Chirurgen zu retten

Ein Modellprojekt in Kiel verbindet die chirurgische Weiterbildung in Klinik und Praxis. Damit werden die Sektoren zwischen stationär und ambulant überbrückt. Ein Modell, das Schule machen könnte, um wieder mehr Chirurgen auszubilden. Wäre da nicht die fehlende Finanzierung.

Wer monatelang auf Facharzttermine wartet, weiß: Nicht nur in der ländlichen Fläche werden medizinische Strukturen ausgedünnt. Das liegt auch an fehlendem Nachwuchs von Medizinern. Dieses Problem wird noch dramatischer, warnt Ralf Schmitz, schleswig-holsteinischer Landesvorsitzender des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgie (BDC).

Denn die Krankenhausreform verstärke eine „eigentlich gute“ Entwicklung: Bestimmte Leistungen werden in dafür besser ausgestatteten Zentren angeboten, und der medizinische Fortschritt ermöglicht mehr ambulante Behandlungen ohne stationäre Klinikaufenthalte.

Qualität der Facharztausbildung steht auf dem Spiel

Doch ein Aspekt sei bei Zentralisierung und Ambulantisierung vergessen worden: die fachärztliche Weiterbildung. Am Beispiel seines Fachbereichs, der Orthopädie und Unfallchirurgie, macht Schmitz klar, in welche Sackgasse das Gesundheitssystem hier geraten ist. Seine Warnung: „Die Qualität der Fachärzte nimmt ab.“

Abb. 1: Ralf Schmitz ist Landesvorsitzender
des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgie
(BDC) für Schleswig-Holstein und leitender Arzt
am MVZ Chirurgie in Kiel.

Bereits vor zehn Jahren hat er gemeinsam mit dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) ein Modell auf den Weg gebracht, das Schnittmuster für eine Lösung sein könnte.

Wechsel zwischen dem OP in der Uniklinik und in der Praxis

Das „Modellprojekt sektorenübergreifender chirurgischer Weiterbildungsverbund Kiel“ Orthopädie und Unfallchirurgie ermöglicht Assistenzärzten, in der Weiterbildung zu wechseln zwischen dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) und einer vertragsärztlichen Praxis, dem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) Chirurgie in Kiel. Über die Jahre kommen sie so zu der Bandbreite an Fällen, die sie für ihre Qualifizierung brauchen. Also etwa Wirbelsäulenchirurgie an der Uni, Handchirurgie in der Praxis.

„Volle Weiterbildung“ in einem Krankenhaus gibt es nicht mehr

In den Kliniken sei das immer seltener möglich, erklärt Schmitz. In Häusern ab einer bestimmten Klinikgröße – beispielsweise beim Schwerpunktversorger Neumünster – gab es mal die „volle Weiterbildung“ mit der erforderlichen Bandbreite an Behandlungsfällen innerhalb des Hauses. Doch immer mehr Eingriffe und Diagnostikverfahren fänden nicht mehr überall statt.

Operieren – nur wo? Der Berufsverband der Chirurgie warnt, dass das Fallspektrum für Weiterbildungsassistent:innen in der Chirurgie immer kleiner wird. Die Lösung: sektorenübergreifend denken.

Jetzt seien Weiterbildungsassistenten oft gezwungen, selbst innerhalb eines Fachbereichs mehrere Ausbildungsstätten abzuklappern, „Klinik-Hopping“ sozusagen. Und das schrecke immer mehr junge Mediziner ab, so Schmitz: „Sie werden damit alleingelassen“, ganz nach dem Motto: „Sieh zu, wo du hingehst.“

Krankenhausreform verstärkt das
Facharzt-Problem

Was die 2024 verabschiedete Krankenhausreform noch verstärkt und sich auch durch angekündigte Nachbesserungen durch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kaum noch ändern wird: die weitere Spezialisierung durch die Leistungsgruppen, die das Spektrum von Krankheitsfällen und Operationstechniken nochmals verkleinert.

Im Reform-Vorzeigeland Nordrhein-Westfalen, wo Leistungsgruppen schon greifen, gibt es ein weiteres Problem. Wo Kliniken die notwendigen Kriterien nicht erfüllen, wurden schon Abteilungen geschlossen und Assistenzärzte standen mitten in der Ausbildung auf der Straße.

Abb. 2: Patrick Reimund, Geschäftsführer der
Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein,
@ KGSH

Patrick Reimund, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein, sieht in dem Kieler Projekt „eine Brücke, die über die Sektorengrenzen hinweg geschlagen wird“: zwischen einem Hochleistungskrankenhaus und Maximalversorger einerseits, den Erfahrungen aus der Praxis im MVZ auf der anderen Seite. Das habe Vorteile, nicht nur für die angehenden Chirurgen, sondern auch für die Patientenversorgung, wie Reimund betont. Auch die Ärztekammer begrüßt das Modell.

Vor allem soll es beweisen, so Schmitz dazu, „dass es geht“, um wieder mehr Bewerber zu gewinnen für „die Krone der Medizin“, die Chirurgie. Im Juli 2024 wurde das Projekt neu aufgelegt, ein ähnliches gebe es laut Schmitz für den Fachbereich sonst nur noch in Berlin.

Um die Vorlage aus Kiel bundesweit umsetzen zu können, nennt der Arzt zwei Schritte:

Zuerst die Finanzierung absichern

Erstens, die Finanzierung zu regeln. Zwar gibt es eine Förderung von Kassenärztlichen Vereinigungen und den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) zur Weiterbildung von Haus- und Fachärzten, aber die Plätze und Mittel seien „sehr begrenzt“. Die Finanzierung des Projekts könne auch kein Vorbild sein, denn hier, sagt Schmitz, komme das Geld „von den falschen Partnern“: je hälftig von den GKV und den Vertragsärzten. Seine Forderung: „Eigentlich müsste es aus Steuermitteln kommen, denn die Weiterbildung von Fachärzten ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Fester Lehrplan für sechs Jahre Weiterbildung

Der zweite Schritt wäre, sektorenübergreifende Weiterbildungsverbünde auf die Beine zu stellen zwischen Kliniken und Praxen. Allerdings dann verpflichtend: Chirurgen in Weiterbildung müssten ein sechsjähriges Curriculum durchlaufen, „wo festgelegt ist, wann und wo welche Kompetenzen erworben werden“. Das gebe es so längst in anderen Ländern. „Und wir müssen es jetzt auch so machen, wir haben gar keine andere Wahl.“

Damit werde die Freiheit der Klinikwahl für angehende Chirurgen zwar eingeschränkt. Aber: „Wer die Qualifizierung will, erhält sie. Immerhin gibt es dann Planungssicherheit.“ Da viele zu Beginn der Weiterbildung in der Phase der Familiengründung seien, hält er Kinderbetreuungsangebote an den Weiterbildungsstätten für zwingend erforderlich.

Dass mit der Weiterbildung Wechsel verbunden wären, sei nicht zu vermeiden, aber dann immerhin vorhersehbar. Das sieht Schmitz nicht nur als Nachteil: „Es ist gut, auch mal zu sehen, wie in anderen Küchen gekocht wird.“ Bundesweit herumgeschickt, ergänzt der Mediziner, würden die Assistenzärzte eher nicht. „Dank des Föderalismus“ werde nicht jede Weiterbildung in jedem Bundesland gleichermaßen anerkannt.

Kampagne: Kein Weiter ohne Bildung

Der BDC hat eine Kampagne „Kein Weiter ohne Bildung“ gestartet, um auf die fehlenden Weiterbildungsmöglichkeiten für Chirurgen aufmerksam zu machen. Dazu gibt es auch eine Petition zum Unterschreiben. (Anmerkung Redaktion: Erstveröffentlichung im Juli 2025. Mittlerweile ist die Kampagne erfolgreich mit 32.000 Unterschriften abgeschlossen.)

Wie Schleswig-Holstein von einem neuen System profitieren könnte

 

Dieses Thema wurde schon lange vor der Krankenhausreform diskutiert: es anderen Ländern nachzumachen und die festen Schranken zwischen den Sektoren in unserem Gesundheitssystem aufzuheben – nicht nur zwischen ambulantem und stationärem Bereich; auch Pflege, Reha und soziale Dienste müssten nahtlos eingebunden sein. Die Krankenkasse Barmer hat 2023 für den Norden hochgerechnet: Im vierten Quartal des Jahres 2022 hätten fast 20 Prozent der Krankenhausfälle auch ambulant durchgeführt werden können.

Gerade das Flächenland Schleswig-Holstein könnte von einer Durchlässigkeit des Systems profitieren, denn es verfügt über ein entsprechendes Spektrum von Versorgern: von Facharztpraxen über MVZ bis zu Unikliniken, die im Bundesvergleich qualitativ gut dastehen.

Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen, die mit der Krankenhausreform umgesetzt werden sollen, seien laut Ralf Schmitz vom Berufsverband der Deutschen Chirurgie vom Prinzip her zwar sinnvoll: Komplexe Eingriffe in Klinik A, einem Zentralkrankenhaus, und ambulante OPs in Klinik B, das nicht die entsprechende Leistungsgruppe aufweist. Doch auch hier gilt: Das Fachpersonal fehlt, womit sich nichts ändert am Problem der Finanzierung fachärztlicher Weiterbildung.

Margitta True

Reporterin

Redaktion Schleswig-Holstein

sh:z Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag GmbH & Co KG

margitta.true@shz.de

Zweitverwertung mit freundlicher Genehmigung von sh:z Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag GmbH & Co KG, Erstveröffentlichung am 31.07.2025 in der sh:z

Chirurgie+

True M: Facharztmangel: Zwei Schritte, um die Ausbildung von Chirurgen zu retten. Passion Chirurgie. 2026 Januar/Februar; 16(01/02):
Artikel 04_02.

www.bdc.de

Passion Chirurgie 12/QI/2026: Weiter- und Fortbildung

Hier geht’s zur PASSION CHIRURGIE 12/IV/25: Weiter- und Fortbildung 

Mit der Dezemberausgabe der PASSION CHIRURGIE schließen wir das chirurgische Jahr 2025. Im Fokus der Ausgabe steht das Thema „Weiter- und Fortbildung“ – ein Bereich, der für unsere fachliche Entwicklung ebenso wichtig ist wie für die Qualität und Sicherstellung der chirurgischen Versorgung. Passend dazu präsentieren wir Ihnen das neue Programm der BDC|Akademie für 2026. Wir bieten Ihnen wieder für alle Karrierestufen ein vielfältiges Angebot und passgenaue Lernformate. Suchen Sie gerne schon heute Ihre Seminare für nächstes Jahr heraus!

Außerdem haben wir für Sie in INTERN BDC einen kompakten Jahresrückblick zusammengestellt, in dem wir die wichtigsten Projekte und Schwerpunkte des Berufsverbands noch einmal Revue passieren lassen.

Falls Sie noch Weihnachtswünsche zu erfüllen haben: Tolle Angebote für BDC-Mitglieder finden Sie auf unserem Partnerportal, sichern Sie sich von bekannten Marken & Anbietern Ihre BDC-Weihnachtsgeschenke zu top Mitgliederkonditionen.

Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre, eine frohe und erholsame Weihnachtszeit sowie einen guten Start in ein gesundes, erfolgreiches neues Jahr!

Herzliche Grüße
Ihr Team der PASSION CHIRURGIE

Gen-Z und Weiterbildung in der Chirurgie

Die chirurgische Facharztweiterbildung steht an einem kritischen Wendepunkt. Die Generation Z (Ärztinnen und Ärzte, die ab 1997 geboren wurden und vollständig in einer digital vernetzten Welt aufgewachsen sind) tritt mit einem neuen Werteverständnis in die Kliniken ein [1, 2]. Geprägt von permanenter Vernetzung, sozialer Vielfalt und dem starken Fokus auf individuellen Sinn und Selbstverwirklichung, fordern sie eine Arbeitswelt, die mit der traditionellen Krankenhauskultur oft diametral kollidiert [3, 4].

Die Gen-Z ist die erste Generation, die sich als „Digital Natives 2.0“ beschreiben lässt. Sie sind realistisch, sicherheitsorientiert und zugleich anspruchsvoll, wünschen sich Unabhängigkeit und ein optimales Verhältnis aus Arbeitsleben, Freizeit und Familie [2]. Demgegenüber steht ein Weiterbildungssystem, das in vielerlei Hinsicht noch in den Strukturen des 20. Jahrhunderts verankert ist: lange Präsenzzeiten, starre Hierarchien und die Erwartung, dass persönliche Bedürfnisse hinter beruflicher Hingabe zurückzustehen haben.

Die provokante These lautet: Wir bilden nach einem Modell aus, das älter ist als die Menschen, die wir ausbilden.

Die junge Generation bringt neue Perspektiven, Werte und Kompetenzen mit, die den Wandel in der chirurgischen Weiterbildung entscheidend vorantreiben können. Die Herausforderung der kommenden Jahre besteht darin, diese Haltung in konkrete Verbesserungen zu übersetzen, sodass aus dem Streben nach Sinn, Work-Life- Balance und digitaler Vernetzung spürbare Vorteile für Patient:innen, Teams und das gesamte Versorgungssystem entstehen. Eine Modernisierung der Weiterbildung ist damit kein Bruch mit Bewährtem, sondern ein notwendiger Schritt, um die Zukunftsfähigkeit, Attraktivität und Innovationskraft der Chirurgie langfristig zu sichern.

Kulturclash: Klinikalltag trifft Generation Sinn

Das Aufeinandertreffen der sogenannten Generation Sinn, wie die Gen Z auch genannt wird, mit der chirurgischen Realität legt tiefliegende Spannungsfelder offen. Der Wunsch nach Selbstgestaltung, planbaren Arbeitszeiten und einer sinnstiftenden Tätigkeit, die über das bloße Abarbeiten hinausgeht, prallt auf eine Weiterbildungskultur, die noch immer von Unplanbarkeit, körperlicher Belastung und Hierarchien geprägt ist.

Was zunächst wie ein Generationenkonflikt aussieht, ist in Wahrheit Ausdruck struktureller Defizite: starre Arbeitsmodelle, eine begrenzte Feedbackkultur und eine fehlende Flexibilität bei der Gestaltung von Lernprozessen. Die Forderung nach einer ausgewogeneren Balance zwischen Berufs- und Privatleben ist dabei kein exklusives Anliegen der Jüngeren, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Trend. Studien zeigen, dass dieser Wunsch nach Vereinbarkeit die Loyalität gegenüber Arbeitgebern sinken und die Wechselbereitschaft steigen lässt [3]. Besonders im Gesundheitswesen sind die Spannungen zwischen den Generationen mit rund 30 % überdurchschnittlich ausgeprägt [4], was darauf hindeutet, dass die bestehenden Strukturen nur begrenzt zukunftsfähig sind.

Konfliktlinien im chirurgischen Alltag:

  • Erwartung: planbare Arbeitszeiten, die das Privatleben respektieren
    Realität: unvorhergesehene, oft lange Operationen, starre Dienstpläne, die oft an die Grenzen der europäischen Arbeitszeitrichtlinie stoßen [1]
  • Erwartung: hohe Wertschätzung, kontinuierliches Feedback, Coaching-Mentalität
    Realität: traditionelle Hierarchien, Führungsverhalten nach dem Prinzip „Befehl und Gehorsam“ sowie häufig fehlende strukturierte Weiterbildungsgespräche [5]
  • Erwartung: strukturierte, kompetenzbasierte Weiterbildung, die den individuellen Fortschritt in den Fokus stellt [6]
    Realität: starre Rotationspläne, die primär dem Personalbedarf dienen, und ein Fokus auf Anwesenheit statt auf Lernerfolg [6]

Die Folge: Trotz guter Ansätze scheitert die Umsetzung einer modernen, kompetenzorientierten Weiterbildung häufig an systemischen Grenzen, Personalknappheit und finanziellem Druck [7]. Während die chirurgische Klinik im Rahmen der Weiterbildungsordnung oft durch hohe Belastung und unflexible Strukturen geprägt bleibt, gewinnen ambulante Versorgungsformen an Attraktivität – nicht, weil sie weniger anspruchsvoll sind, sondern weil sie mehr Gestaltungsspielraum, Planbarkeit und Eigenverantwortung bieten [2].

Perspektivwechsel: Was die Gen Z einbringen kann

Es geht nicht darum, in einem Generationenkonflikt zu verharren, sondern die Chirurgie zukunftsfähig zu gestalten. Angesichts attraktiverer und flexiblerer Arbeitsmodelle in anderen Branchen (von Homeoffice und Workcation bis hin zu personalisierten, individuellen Karrierewegen) wird es zur strategischen Notwendigkeit, die Generation Z nicht als Fordernde, sondern als Katalysator für strukturelle Veränderungen zu verstehen.

Die Diskussion über die Generation Z darf daher nicht im Klagen über vermeintlich hohe Ansprüche verharren. Vielmehr eröffnet sie die Chance, lang etablierte Strukturen zu hinterfragen, Lern- und Arbeitsprozesse effizienter zu gestalten und die chirurgische Weiterbildung an die Anforderungen der kommenden Jahrzehnte anzupassen.

Die Generation Z ist somit keine Gefahr für das System, sondern das Potenzial, das dessen Modernisierung ermöglicht.

Abb. 1: „Wer ist die Gen-Z?“

Ihre Stärken sind bereits heute auf viele Herausforderungen der modernen Klinik übertragbar:

  1. Digitalkompetenz und Innovationsbereitschaft: Als „Digital Natives 2.0“ verfügt die Gen-Z über eine ausgeprägte Routine im Umgang mit digitalen Tools, sozialen Medien und neuen Technologien [1, 7]. Diese Fähigkeiten sind von zentraler Bedeutung für die Weiterentwicklung der chirurgischen Weiterbildung – von Telemedizin und OP-Simulationen über KI-gestützte Weiterbildung bis hin zu digitalem Wund- und Fallmanagement. Viele junge Ärzt:innen treiben die Digitalisierung der Weiterbildung aktiv voran, indem sie Social-Media-Plattformen zur fachlichen Vernetzung, Wissensvermittlung und Aufklärung von Patient:innen nutzen [1].
  2. Werteorientierung und Teamkultur: Der Wunsch nach Sinnhaftigkeit, Transparenz und Wertschätzung ist die ideale Grundlage für eine moderne Klinik- und Teamkultur. Die Generation Z fordert flachere Hierarchien und eine positive Fehlerkultur, in der Führung als Coaching verstanden wird. Diese Haltung fördert die Offenheit im Umgang mit Komplikationen, stärkt das Lernen im Team und steigert die Patientensicherheit. Gleichzeitig bringt die Generation mit ihrer Kreativität und Flexibilität neue Impulse ein, um ineffiziente Prozesse zu hinterfragen und klinische Abläufe konstruktiv zu verbessern.
  3. Veränderungswille und Effizienzdenken: Die Gen-Z stellt vor allem die Frage „Warum?“. Dieses kritische Hinterfragen zielt jedoch nicht auf Widerstand, sondern auf Verbesserung ab. Ihr Fokus auf klare Ziele, Feedback und messbare Ergebnisse unterstützt die Einführung kompetenzbasierter Weiterbildungsmodelle, wie beispielsweise Entrustable Professional Activities (EPAs), und eine effizientere Nutzung der verfügbaren Arbeitszeit [8]. Dadurch wird die Weiterbildung nicht nur strukturierter, sondern auch nachvollziehbarer und leistungsorientierter – ein Gewinn für Weiterzubildende, Kliniken und Patient:innen gleichermaßen.

Beispiele aus chirurgischen Disziplinen zeigen, dass eine gezielte Ausrichtung der Weiterbildung auf die Bedürfnisse der Generation Z messbare Effekte haben kann. Wo flexible Arbeitsmodelle, klare Lernstrukturen und praxisnahe Ausbildungsmöglichkeiten umgesetzt wurden, steigt die Attraktivität des Fachs spürbar – insbesondere im ambulanten Bereich [2].

Diese Erfahrungen verdeutlichen: Wenn Weiterbildung modern gedacht und konsequent umgesetzt wird, profitieren nicht nur junge Ärzt:innen, sondern das gesamte Versorgungssystem.

Lösungen statt Lamento: Chancen für die Weiterbildung

Um die Chirurgie langfristig zukunftsfähig zu gestalten, ist eine klare Abkehr von der traditionellen Präsenzkultur hin zu einem individualisierten, kompetenzbasierten Weiterbildungsmodell erforderlich. Dabei geht es nicht darum, die Weiterbildung bequemer, sondern effizienter, motivierender und wirksamer zu gestalten.

Der Fokus sollte auf den tatsächlichen Lernfortschritten liegen und nicht auf der bloßen Anwesenheit. Eine moderne Weiterbildung zeichnet sich durch erworbene Kompetenzen, nachvollziehbare Entwicklungsziele und eine gezielte Begleitung durch qualifizierte Weiterbildungsbefugte aus.

So entsteht ein System, in dem Leistung gefördert, Motivation gestärkt und Qualität gesichert wird – zum Vorteil von Nachwuchs, Teams und Patient:innen gleichermaßen.

1. Personalisierung durch kompetenzbasierte Weiterbildung:

  • Meilenstein oder/und EPA-basiertes Lernen: Eine moderne chirurgische Weiterbildung sollte sich an klar definierten Kompetenzen und nicht an starren Zeitvorgaben orientieren. Das Konzept der „Entrustable Professional Activities“ (EPAs) bietet hierfür einen geeigneten Rahmen. Es ermöglicht eine gezielte Förderung und transparente Dokumentation von Lernfortschritten sowie eine Anpassung operativer Tätigkeiten an den individuellen Weiterbildungsstand. Durch EPAs werden Erwartungen klar formuliert und Lernziele überprüfbar. Dies ist ein entscheidender Schritt hin zu einer Weiterbildung, die Qualität messbar und Entwicklung nachvollziehbar macht.

2. „New Work“ im chirurgischen Kontext

  • Teilzeit ohne Stigma: Teilzeitmodelle in der Weiterbildung sind bereits Realität, müssen jedoch als gleichwertige Karriereoption anerkannt und organisatorisch abgesichert werden. Entscheidend ist eine Entstigmatisierung, damit reduzierte Arbeitszeit nicht als fehlendes Engagement, sondern als bewusste Entscheidung für eine nachhaltige Karriere wahrgenommen wird.
  • Flexible Arbeitsgestaltung: Nicht jede Aufgabe muss im Krankenhaus erfolgen. Tätigkeiten wie das Verfassen von Arztbriefen, die Dokumentation von Operationen oder die Nachbereitung von Fällen lassen sich effizient im Homeoffice bearbeiten. Dadurch kann die Präsenzzeit im Krankenhaus fokussierter genutzt werden – für das, was den Kern der Weiterbildung ausmacht: Das operative Lernen an Patient:innen.

3. Mentoring-Strukturen und Entwicklung:

  • Die Forderung nach Vorgesetzten als „Coaches“ erfordert eine systematische Schulung von Weiterbildern im Bereich Führung und Mentoring. Während viele Weiterbildungsbefugten ihre Kompetenz in der Weiterbildung sehen, zeigt die Befragung der Weiterzubildenden, dass hier eine höherer Kompetenz in Supervision, Feedback und Erwachsenenbildung gewünscht sind [8].
  • Die Entwicklung der Weiterbildungsbefugten kann in unterschiedlichen Formaten und Ebenen gestaltet werden. Formelle Gruppenformate wie Workshops und Seminare bieten strukturierte Lerngelegenheiten zu pädagogischen Themen und fördern den kollegialen Austausch. Individuelle und formelle Ansätze wie Mentoring und Coaching unterstützen die persönliche Weiterentwicklung und Reflexion der Lehrpraxis. Peer-Review-Verfahren und systematisches Feedback ermöglichen eine kontinuierliche Qualitätsverbesserung durch gegenseitige Rückmeldung unter Kolleginnen und Kollegen. Ergänzend können E-Learning-Angebote und Simulationen flexible, orts- und zeitunabhängige Lernmöglichkeiten schaffen. Eine Kombination dieser Methoden ermöglicht eine umfassende, praxisnahe und nachhaltige Fakultätsentwicklung [9].

Tab. 1: Darstellung der Gen-Z Erwartungen, des aktuellen Chirurgischen Alltags und die Möglichkeiten zur Veränderung/Anpassung.

Gen-Z Erwartungen

Chirurgischer Alltag (Traditionell)

Möglichkeiten

Flexible Arbeitsmodelle, Teilzeit ohne Stigma

48h-Woche (oder mehr), Präsenzkultur

New Work im chirurgischen Kontext

Vorgesetzte als Coach/Mentor

Hierarchie, Befehl & Gehorsam

Ausbildung von Weiterbildungsbefugten um die Qualität und den Wert der Weiterbildung zu erhöhen

Sinnhaftigkeit, Transparenz, Wertschätzung

Stress, Überlastung, unklare Abläufe

Meilenstein, EPA-basierte, Kompetenzbasierte Weiterbildung; Differenzierte Karrierepfade

Digitale Tools & mobiles Lernen

Papierakten, CDs, Faxgeräte, mangelnde digitale Infrastruktur

New Work im chirurgischen Kontext

4. Differenzierte Karrierepfade:

  • Um den aktuellen und zukünftigen Bedürfnissen gerecht zu werden, sind vielfältigere Karrierepfade in der Chirurgie zu berücksichtigen. Nicht alle Ärztinnen und Ärzte streben eine klassische Hierarchielaufbahn bis zur Chefarz/Chefärztintposition an. Durch die Etablierung differenzierter Karrierewege in Klinik, Praxis, Forschung oder Lehre können individuelle Stärken gezielt gefördert werden. Werden Arbeitszeitmodelle, Verantwortlichkeiten und Entwicklungsperspektiven entsprechend angepasst, steigert das nicht nur die Zufriedenheit, sondern auch die langfristige Bindung an das Fachgebiet.

Abb. 2: New Work im OP

Fazit & Ausblick

Die Generation Z ist kein Problem, das gelöst werden muss, sondern die entscheidende Ressource, um die Zukunftsfähigkeit der Chirurgie zu gewährleisten. Eine moderne chirurgische Weiterbildung muss nicht bequem sein, aber effizient, motivierend und transparent gestaltet werden.

Der Auftrag an alle Weiterbildungsbefugten ist klar: Wer auch künftig exzellente Chirurginnen und Chirurgen gewinnen und ausbilden will, muss die Generation verstehen, die dieses Fach in Zukunft prägen wird. Die Integration neuer Werte wie Sinnhaftigkeit, Vereinbarkeit und digitale Kompetenz ist dabei keine Konzession, sondern ein strategischer Wettbewerbsvorteil.

Kliniken, die die Weiterbildung strukturiert, individuell und wertschätzend gestalten, profitieren mehrfach: Sie erhöhen ihre Attraktivität als Arbeitgeber, verbessern die Mitarbeiterbindung und die Weiterbildungsqualität und sichern so ihre Versorgungs- und Innovationsfähigkeit langfristig.

Die von den Fachgesellschaften angestoßenen modularen, kompetenzbasierten Ansätze sind ein richtiger Anfang. Nun gilt es, diese Konzepte mutig in den klinischen Alltag zu übertragen, um die Chirurgie als modernes, leistungsfähiges und für kommende Generationen begeisterndes Fach zu erhalten.

Die Literaturliste erhalten Sie auf Anfrage via passion_chirurgie@bdc.de.

Korrespondierende Autorin:

Dr. med. Johanna Ludwig

Fachärztin Orthopädie & Unfallchirurgie

ZB Spezielle Unfallchirurgie

MSc Surgical Science and Practice

University of Oxford

mail@johannaludwig.com

Jonah Grütters

CEO & Co-Founder von acceler8health

B.A. Healthcare Management

Cand. M.Sc. Business Intelligence & Smart Services, Maastricht University

Chirurgie

Grütters J, Ludwig J: Gen-Z und Weiterbildung in der Chirurgie. Passion Chirurgie. 2025 Dezember; 15(12/IV): Artikel 03_03.

Mehr zur chirurgischen Weiterbildung lesen Sie auf BDC|Online (www.bdc.de) unter der Rubrik Wissen | Aus-, Weiter- und Fortbildung.

Akademie Aktuell: Hands-on-Kurs Kindertraumatologie 2025 – praxisnah, interaktiv, wegweisend

Am 12. und 13. Juni 2025 fand im traditionsreichen Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin der erste „Hands-on-Kurs Kindertraumatologie“ der BDC|Akademie statt. Unter der wissenschaftlichen Leitung von PD Dr. med. Peter Zimmermann (Helios Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken Wiesbaden) und Prof. Dr. med. Martin Lacher (Universitätsklinikum Leipzig) bot die Veranstaltung ein kompaktes und hochdynamisches Fortbildungsformat, das Theorie, Praxis und Interaktion in idealer Weise verband.

Breites Themenspektrum – von Kopf bis Fuß

In zwei intensiven Kurstagen wurden alle Themen der Kindertraumatologie abgedeckt – von Extremitätenverletzungen, Polytrauma und Thorax- sowie Abdominaltrauma, Schädelhirntrauma bis hin zu spezifischen Aspekten wie Non-Accidental-Trauma und pathologischen Frakturen. Besonders geschätzt wurde der interdisziplinäre Zugang: Unfall- und Kinderchirurg:innen, Anästhesist:innen und Radiolog:innen diskutierten gemeinsam praxisnahe Behandlungspfade.

Workshops mit hohem Praxisanteil

Die sieben parallel angebotenen Hands-on-Workshops bildeten den Kern des Kurses: Thoraxdrainage, Extended-Fast, Fraktursonographie, ESIN-Osteosynthesen an Ober- und Unterarm, Femur und Tibia, KD-Osteosynthese suprakondyläre Humerusfraktur, Schraubenosteosynthesen an Übergangs-frakturen sowie die Behandlung von pathologischen Frakturen infolge von Knochenzysten. Kleingruppen mit intensiver Supervision durch erfahrene Tutor:innen aus Deutschland, der Schweiz und Österreich ermöglichten eine außergewöhnlich steile Lernkurve.

Exzellente Resonanz und Evaluation

Mit einer Gesamtnote von 1,78 im Schulnotensystem erhielt der Kurs ein ausgesprochen positives Feedback. 93 % der Teilnehmenden würden die Veranstaltung weiterempfehlen. Besonders gelobt wurden die Praxisorientierung und die Arbeit in Kleingruppen, die hochwertigen 3D-Modelle und realitätsnahen Übungsmaterialien, die didaktisch klar strukturierten Vorträge in angenehmer Atmosphäre sowie die hervorragende Organisation durch das Team der BDC|Akademie.

Der „Hands-on-Kurs Kindertraumatologie“ hat sich damit innerhalb kürzester Zeit als feste Größe im Fortbildungsprogramm der BDC|Akademie etabliert. Er verbindet klinische Relevanz mit praxisnaher Wissensvermittlung und fördert den kollegialen Austausch über Fachgrenzen hinweg. Das Konzept, Theorie und praktische Fertigkeiten in intensiver Atmosphäre zu vereinen, überzeugte auf ganzer Linie – ein Kursformat, das auch 2026 wieder Maßstäbe setzen wird.

Save the Date!

Hands-on-Kurs Kindertraumatologie 2026

Der nächste Kurs findet am 04. und 05. Juni 2026 erneut im Langenbeck-Virchow-Haus, Berlin, statt – wahlweise in Präsenz oder online in der BDC|eAkademie. Zielgruppe sind Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung, Fachärzt:innen der Kinderchirurgie und Unfallchirurgie sowie niedergelassene Kolleg:innen. Die wissenschaftliche Leitung übernehmen PD Dr. med. Peter Zimmermann (Helios HSK Wiesbaden) und Prof. Dr. med. Martin Lacher (Universitätsklinikum Leipzig).

Weitere Informationen und Anmeldung…

Korrespondierender Autor:

PD Dr. med. habil. Peter Zimmermann

Klinik für Kinderchirurgie und angeborene Fehlbildungen

Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken Wiesbaden GmbH

Peter.Zimmermann@helios-gesundheit.de

Prof. Dr. med. Martin Lacher

Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie

Universitätsklinikum Leipzig

Chirurgie+

Zimmermann P, Lacher M: Hands-on-Kurs Kindertraumatologie 2025 – praxisnah, interaktiv, wegweisend. Passion Chirurgie. 2025 Dezember; 15(12/IV): Artikel 04_01.

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