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Neue Ausgabe der Passion Chirurgie: Chirurgischer Nachwuchs

Hier geht’s zur neuen Ausgabe der PASSION CHIRURGIE 03/QIV/26: Chirurgischer Nachwuchs

Die Förderung des chirurgischen Nachwuchses bleibt eine der zentralen Herausforderungen unseres Fachs – gerade vor dem Hintergrund aktueller gesundheitspolitischer Veränderungen und weiterhin bestehender struktureller Hürden. Die Märzausgabe der PASSION CHIRURGIE beleuchtet vielfältige Aspekte von Weiterbildung, Resilienz, Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Engagement im Berufsstand und zeigt konkrete Ansätze zur Stärkung der nächsten Generationen auf.

Wir freuen uns, wenn wir Ihnen mit dieser Ausgabe Impulse geben können und Sie diese auch an Ihre jungen Kolleginnen und Kollegen weitergeben!

Programm der BDC|Akademie für 2026 – Für alle Karrierestufen finden Sie ein vielfältiges, praxisnahes Seminarangebot mit passgenauen Lernformaten, planen Sie schon jetzt Ihr Fortbildungsjahr und sichern Sie sich zukünftige Ihre Seminare für 2026.

Viel Spaß beim Lesen
Ihr PASSION CHIRURGIE-TEAM

KidsClub auf dem DCK 2026 in Leipzig

Auf dem Chirurgiekongress 2026 in Leipzig können Sie Ihre Kinder an allen Kongresstagen durch den KidsClub im CCL Congress Center Leipzig betreuen lassen!

  • Wann? An allen Kongresstagen, Mittwoch 22. April bis Freitag 24. April 2026, von 08:00 Uhr bis 18:00 Uhr (Freitag nur bis 17:00 Uhr).
  • Wer? Kinder im Alter von 12 Monaten bis 10 Jahre. Die Kinderbetreuung ist auf 20 Kinder täglich begrenzt.
  • Wo? CCL Congress Center Leipzig
  • Wie? Verbindliche Anmeldung bis zum 01. April 2026 im Rahmen der Kongressanmeldung unter www.dck2026.de/anmeldung/
    Vor-Ort-Anmeldungen am Tagungsschalter je nach Kapazität gegebenenfalls noch möglich
Quelle: BDC

Nähere Informationen über die Kongressseite unter www.dck2026.de. Zu zahlen sind 15 Euro pro Tag Selbstkostenbeitrag pro Kind.

Wir bitten Sie um eine verbindliche Anmeldung, da die Betreuungskapazität auf 20 Kinder täglich begrenzt ist.

Geben Sie Ihre Kinder ab und lassen sich Zeit für Seminare, Workshops und netzwerken!

Anmeldung KidsClub

Familie gründen in der Weiterbildungszeit

EIN SPANNUNGSFELD VOLL POSITIVER ENERGIE

Die Entscheidung, eine Familie zu gründen, ist naturgemäß hochgradig individuell. Sie hängt von Lebensumständen, Partnerschaft und persönlicher Gesundheit ab. Reine Privatsache ist sie jedoch nicht. Gerade in der eng getakteten Zeit der chirurgischen Weiterbildung besteht eine unauflösbare Verzahnung von Berufs- und Privatleben.

Spannungsfeld chirurgische Weiterbildung und Familie

Die chirurgische Weiterbildung verlangt jungen Ärztinnen und Ärzten ein hohes Maß an Engagement ab. Lange Arbeitszeiten, unvorhersehbare OP-Dauern, Dienste und ein permanenter Leistungsanspruch prägen den Alltag. Das Erfüllen des Weiterbildungskatalogs erscheint unter den heutigen Rahmenbedingungen – zunehmende Arbeitsverdichtung, überbordende Bürokratie, ökonomischer Druck und fortschreitende Ambulantisierung – deutlich schwieriger als früher [1]. Operationszeiten sind rar und kostbar. Zusätzlich fällt in diese Phase für viele Chirurg:innen der Wunsch nach Gründung einer Familie. Dadurch können weitere Schwierigkeiten entstehen und der Kinderwunsch trifft vielerorts auf strukturelle Bedingungen, die die Vereinbarkeit erschweren.

Ständig unter Strom: Zwischen Klinik und Betreuungseinrichtungen

Mit der Geburt eines Kindes verändert sich der berufliche Alltag grundlegend. Der Arbeitstag beginnt bereits vor dem Eintreffen in der Klinik: Pünktlich das Haus zu verlassen, Kinder in den Kindergarten und die Schule zu bringen und ohne Verspätung bei der Arbeit zu erscheinen ist im Grunde genommen eine organisatorische Meisterleistung. Wird ein Kind krank, müssen Betreuungslösungen gefunden oder kurzfristig Kind-krank-Tage organisiert werden.

Am Nachmittag können unvorhergesehene Ereignisse wie verlängerte Operationen oder akute Notfälle dazu führen, dass man in Kita oder Hort anrufen und um Verständnis für das Zuspätkommen bitten muss.

Der große Unterschied zum Leben ohne Kinder ist der des ausbleibenden Feierabends und der begrenzten Möglichkeit der Erholung. Denn nach getaner Arbeit im Krankenhaus oder Praxis beginnt die „Nachmittagsschicht“: Kinderturnen, Hausaufgaben, Musikunterricht statt Ausruhen, Sport oder der Blick in den OP-Atlas. Die Doppelbelastung erfordert eine hohe Anpassungsfähigkeit und eine kontinuierliche Abstimmung mit dem Partner oder der Partnerin.

Zwischen den Polen Elternzeit, Teilzeit und operativer Weiterbildung

Eltern stoßen in chirurgischen Abteilungen häufig auf strukturelle Hürden. Insbesondere Chirurginnen sind im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft häufig von Einschränkungen der operativen Tätigkeit betroffen. Pauschale OP-Verbote oder unzureichende individuelle Gefährdungsbeurteilungen führen nicht selten zu einem Verlust operativer Erfahrung, was einen deutlichen Karriereknick bedeuten kann [2].

Durch Elternzeit-bedingte Pausen verlängert sich die Weiterbildung und im Vergleich zu kinderlosen Kolleg:innen wird die Facharztreife eventuell später erreicht. Väter sehen sich noch immer mit Unverständnis aufgrund veralteter Rollenbilder konfrontiert, wenn sie einen Eltern- oder Teilzeitantrag einreichen.

Teilzeitmodelle werden zwar zunehmend nachgefragt, sind jedoch vielerorts noch nicht ausreichend in Weiterbildungskonzepte integriert. Gleichzeitig zeigen bestehende Modelle, dass operative Weiterbildung auch in reduzierter Arbeitszeit möglich ist, sofern eine Abteilung sich darauf einstellt [3].

Kolleg:innen ohne Kinder absolvieren ihre Weiterbildung zwar häufig schneller, legen dadurch früher die Facharztprüfung ab und werden vielleicht eher in höhere Positionen berufen. Doch macht das kinderlose Kolleg:innen automatisch zu besseren Chirurg:innen? Oder entwickeln Ärzt:innen mit Familie andere, ebenso wertvolle Kompetenzen?

Da steckt Energie drin: Organisationstalent und Effizienz

Der Alltag mit Kindern erfordert ein nicht enden wollendes Maß an Flexibilität. Die Anforderungen führen dazu, dass Chirurg:innen mit Kindern frühzeitig ein ausgeprägtes Organisationstalent entwickeln, welches ihnen im Arbeitsalltag hilft. Zeitfenster werden präzise genutzt, Abläufe vorausschauend geplant und Prioritäten klar gesetzt. Unproduktive Leerlaufzeiten kann man sich nicht leisten, wenn der Feierabend pünktlich sein soll, um rechtzeitig bei der Kita zu sein.

Auch Entscheidungsprozesse verändern sich: Was wirklich relevant ist, wird schneller erkannt, weniger Wesentliches konsequenter ausgeblendet. Diese Fokussierung wirkt sich nicht nur positiv auf den Arbeitsalltag aus, sondern kann auch die Qualität der ärztlichen Tätigkeit steigern. Effizientes Arbeiten wird zur Notwendigkeit – und zugleich zur hilfreichen Kompetenz.

Hinzu kommt, dass die Vereinbarkeit von Familie und chirurgischem Beruf ein hohes Maß an Verlässlichkeit und Verantwortungsbewusstsein erfordert. Termine müssen eingehalten, Übergaben sorgfältig vorbereitet und Abwesenheiten frühzeitig kommuniziert werden. Ärzt:innen mit Kindern sind daher in der Planung und Umsetzung ihrer Aufgaben häufig besonders zuverlässig, da ungeplante Verzögerungen direkte Auswirkungen auf das familiäre Umfeld haben.

Nicht zuletzt stärkt die familiäre Verantwortung soziale Fertigkeiten wie Empathie, Kommunikationsfähigkeit und Konfliktmanagement. Diese Fähigkeiten sind im klinischen Alltag – im Umgang mit Patient:innen, Angehörigen und interprofessionellen Teams – von erheblichem Wert. Organisationstalent und Effizienz sind somit keine bloßen Bewältigungsstrategien, sondern entwickeln sich zu Kernkompetenzen im Verlauf der Weiterbildung.

So können Kinder tatsächlich dazu beitragen wertvolle Kompetenzen zu entwickeln, die zwar nicht im Logbuch abgefragt werden aber gute Chirurg:innen ausmachen.

Anziehungskraft für motiviertes Personal: Ein familienfreundlicher Arbeitgeber

Der Arbeitgeber kann unterstützend auf eine gelungene Vereinbarkeit hinwirken. Was Eltern fehlt, ist Zeit. Der Tag müsste so oft eigentlich mehr als 24 Stunden haben, um allen Aufgaben gerecht zu werden. Im gemeinsamen Gespräch sollten individuelle Lösungen gefunden werden, die für Arbeitnehmer genauso wie für die Abteilung und den Rest des Teams passen. Bewährte Teilzeitmodelle müssen dabei nicht neu erfunden werden [3].

Ebenso wichtig sind ein verlässlicher Feierabend – für Teilzeit- wie für Vollzeitkräfte – und ein gut planbares, zumutbares Maß an Bereitschaftsdiensten. Familienfreundlichkeit entsteht nicht allein auf dem Papier, sondern zeigt sich im Alltag. Dienstpläne müssen realistisch gestaltet sein, Überstunden erfasst und zeitnah ausgeglichen werden. Eine verlässliche Planung schafft Vertrauen – besonders für Mitarbeitende mit familiären Verpflichtungen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umgang mit Elternzeit und Teilzeit. Diese sollten nicht als Karriereknick gesehen werden, sondern als selbstverständliche und gleichwertige Arbeitsmodelle. Das gilt insbesondere für den Zugang zu OPs, Fortbildungen und Entwicklungsmöglichkeiten. Teilzeit darf nicht automatisch bedeuten, fachlich weniger eingebunden zu sein oder geringere Aufstiegschancen zu haben.

Auch gut strukturierte Wiedereinstiege nach der Elternzeit machen einen großen Unterschied. Mentoring, klare Einarbeitungsphasen und eine schrittweise Rückkehr in den OP helfen dabei, Sicherheit zurückzugewinnen, ohne zu überfordern. Davon profitieren nicht nur die betroffenen Chirurg:innen, sondern letztlich auch die Patientensicherheit und das gesamte Team.

Werden diese Faktoren berücksichtigt, erhöht sich die Mitarbeiterzufriedenheit und der Arbeitgeber wird mit motiviertem Personal belohnt. Durch die eindeutige Positionierung mit einem Konzept zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ergibt sich ein Wettbewerbsvorteil und langfristige Bindung von qualifiziertem Personal.

Kinderkriegen ist keine Privatsache

Deutschland steuert auf einen massiven Fachkräftemangel zu, während die Geburtenzahlen weiter sinken. Schon heute ist der Nachwuchsmangel in der Chirurgie deutlich spürbar – bedingt durch Arbeitsverdichtung, ungünstige Arbeitszeiten und unzureichende Vereinbarkeit von Familie und Beruf [4].

Die Unterstützung und Förderung der Familiengründung von Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung ist daher nicht nur eine Frage der kurzfristigen Nachwuchssicherung in den chirurgischen Fächern. Sie ist vielmehr eine Aufgabe von langfristiger, gesellschaftlicher Bedeutung. Und wer sich für Kinder entscheidet, trifft eine Entscheidung, die der gesamten Gesellschaft zugutekommt.

Ein Plus: Arbeitsplatzsicherheit während der Elternzeit

Ein Vorteil der Familiengründung während der Weiterbildungszeit liegt in der vergleichsweise guten arbeitsrechtlichen Absicherung. Das Ärztliche Arbeitsvertragsgesetz regelt den Umgang mit befristeten Verträgen: Nach § 1 Abs. 4 ÄArbVtrG verlängert sich die Vertragslaufzeit um Zeiten des Mutterschutzes und der Elternzeit. Diese Absicherung fehlt bei vielen Facharztverträgen. Im ungünstigsten Fall kann ein Vertrag während der Elternzeit auslaufen – mit erheblichen persönlichen und finanziellen Unsicherheiten für die Betroffenen. Ein relevanter Vorteil also der Familiengründung während der Weiterbildungszeit.

Familiengründung und biologische Grenzen

Das Durchschnittsalter bei der Geburt des ersten Kindes steigt in Deutschland kontinuierlich. Erstgebärende sind laut Statistischem Bundesamt im Schnitt 30,4 Jahre alt [5], Akademikerinnen sogar 32,5 Jahre [6]. Viele Chirurg:innen planen die Familiengründung bewusst erst nach Abschluss der Facharztweiterbildung, um keine Verlängerung der Weiterbildungszeit in Kauf nehmen zu müssen. Dadurch fällt diese Lebensphase in das frühe bis mittlere vierte Lebensjahrzehnt oder nahe an das 40. Lebensjahr – eine Phase, in der bei sinkender Fertilität das Risiko für Schwangerschaftskomplikationen und Fehlgeburten zunimmt [7]. Der Verzicht auf ein Aufschieben des Kinderwunsches und die Realisierung während der Weiterbildungszeit kann diese Risiken minimieren. Und man darf sich bewusstmachen: Werde ich mich, am Ende meiner Karriere stehend, daran erinnern, ob ich meine Facharztprüfung ein paar Jahre früher oder später gemacht habe?

Leben mit Kindern – eine Empfehlung

Kinder bereichern das Leben. Sie haben einen unvergleichlichen Blick auf das Leben, lehren uns Achtsamkeit und Freude an den kleinen Beobachtungen des Alltags. Sie fordern uns und zwingen uns zur konstanten Selbstreflexion. Sie geben dem Leben einen Sinn, der es als komplett erscheinen lässt. Ja, sie machen uns zu glücklichen Menschen – und Chirurgen und Chirurginnen mit positiver Energie.

Das Berufsleben endet irgendwann. Das Privatleben geht weiter. Und wie wertvoll ist das Wissen, für die eigenen Kinder da sein zu können – auch dann noch, wenn unsere Patient:innen uns nicht mehr brauchen.

Literatur

[1]   Hilienhof, A. Ärztliche Weiterbildung – Chirurgen schlagen Alarm. Dtsch Ärztebl. Online, Zugriff am 20.1.2026 unter https://www.aerzteblatt.de/news/aerztliche-weiterbildung-chirurgen-schlagen-alarm-a3080495-7c4d-4858-88e7-905f44fd3314 
[2]   Martin, M. Umfrage: Schwangerschaft setzt Ärztinnen unter Druck, Dt. Ärztebl. Online, Zugriff am 20.01.2026 unter https://www.aerzteblatt.de/news/umfrage-schwangerschaft-setzt-aerztinnen-unter-druck-720c25a3-a177-4613-bdc2-11f7aac31c76
[3]   Samland M., Hofmann A. Arbeitszeitmodelle – ein Wunschkonzert? Ärzteblatt Sachsen, 11|2022
[4]   Hofmann A, Samland M, Rosch L, Rommelfanger G. Quo vadis: New Work, Elternzeit, Wiedereinstieg und Teilzeit – Ergebnisse der Jahresumfrage des Jungen Forums O und U 2022. Z Orthop Unfall. 2023 Dec;161(6):599–602. German. doi: 10.1055/a-2151-7733
[5]   https://www.destatis.de/DE/Presse
/Pressemitteilungen/2025/07/PD25_259_12.html
), Zugriff am 20.01.2026
[6]   https://www.bib.bund.de/Publikation/2024/pdf/Beguenstigt-eine-spaetere-Mutterschaft-die-kindliche-Entwicklung.pdf?__blob=publicationFile&v=1, Zugriff am 20.01.2026
[7]   J Reproduktionsmed Endokrinol 2011; 8 (2): 112–22

Dr. med. Lisa Rosch

Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie

Städtisches Klinikum Dresden

Leitungsteam OPidS

Chirurgie

Rosch L: Familie gründen in der Weiterbildungszeit – Ein Spannungsfeld voll positiver Energie. Passion Chirurgie. 2026 März; 16(03/I): Artikel 03_02.

www.bdc.de

Young Surgeons Club @ BDC – Wieso, weshalb, warum?

Wiebke Heitzmann, Johanna Betzler, Carolina Vogel, Benedikt Braun

Warum?

Das Thema Nachwuchsmangel in der Chirurgie ist älter als viele Mitglieder unseres neuen Young Surgeons Club (YSC). Es wird seit Jahren intensiv diskutiert und von verschiedensten Akteuren bearbeitet. Man darf und muss sich daher die Frage gefallen lassen: Warum ruft der BDC, der mit seinem Nachwuchsressort und etablierten Formaten wie „Nur Mut“, „Staatsexamen und Karriere“, der eAkademie und zahlreichen Webinaren bereits „gut aufgestellt“ ist, nun ein weiteres Forum ins Leben? Schaffen wir damit nicht eine unnötige Parallelstruktur? Aus Sicht des BDC ist die Antwort eindeutig: Man kann gar nicht „zu viel“ für den Nachwuchs tun. Allein die Altersstruktur unseres Verbandes, die sich parallel zur demografischen Entwicklung in Deutschland bewegt, zeigt, dass wir dringend neue, junge Köpfe für unser Fach und unseren Berufsverband begeistern müssen.

Doch es geht nicht nur um Statistik, es geht um die Realität in den Kliniken. Trotz jahrelanger Bemühungen bestehen erhebliche Missstände, insbesondere bezüglich der Rahmenbedingungen, unter denen wir unser eigentlich schönes Fach ausüben, fort. Aktuelle Umfragen zeigen, dass die Burnout-Rate bei Ärzt:innen in Weiterbildung steigt und mehr als die Hälfte der Befragten im WHO-5 Well-Being-Index Werte im kritischen Bereich aufweisen. Gleichzeitig stehen wir durch die Krankenhausstrukturreform (KHVVG/KHAG) vor einem tiefgreifenden Wandel, der die chirurgische Weiterbildung durch Ambulantisierung und neue Versorgungsmodelle deutlich verändern wird. Es besteht also weiterhin ein dringender Handlungsbedarf – sowohl seitens des Nachwuchses als auch gesamtgesellschaftlich. Und wer könnte sich authentischer und effektiver für den Nachwuchs einsetzen als der Nachwuchs selbst?

Wir haben das neue Format daher so konzipiert, dass es die Stimmen aller Ausbildungsstufen bündelt: von Studierenden über Kolleg:innen in Weiterbildung bis hin zu jungen Fachärzt:innen. Unser Ziel ist es, Themen in den Fokus zu rücken, die in bestehenden Gremien oft noch zu kurz kommen. Dazu gehören explizit auch Aspekte wie „Surgeon Well-being“ und Resilienz. Wir wollen keine Konkurrenz, sondern eine sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Programmen sein. Deshalb suchen wir bewusst den Schulterschluss mit den relevanten Akteuren in Deutschland: Wir arbeiten eng mit den Nachwuchsforen der großen Fachgesellschaften im Perspektivforum Junge Chirurgie, mit „Die Chirurginnen“ sowie mit dem fachübergreifenden „Bündnis Junger Ärzte“ zusammen. Unser Anspruch ist es, Synergien zu nutzen, das Angebot für den Nachwuchs qualitativ zu erweitern und uns als starker, integrativer Partner zu positionieren.

Im Folgenden möchten sich Ihnen die Mitglieder des Clubs vorstellen und Ihnen einen Einblick in unsere konkreten Handlungspläne geben. Gleichzeitig verbinden wir diesen Artikel mit einem Appell an Sie alle: Setzen Sie sich gemeinsam mit uns für die Zukunft der Chirurgie ein. Ob vor Ort in Ihrer Klinik oder direkt bei uns im Verband. Die BDC-Website bietet hierfür bereits ein breites Portfolio an Hilfestellungen (z. B. den PJ-Leitfaden in Kooperation mit der bvmd (https://www.bdc.de/chirurgin-werden/pj-leitfaden/) – nutzen Sie diese Ressourcen und treten Sie mit uns in Kontakt. Wir freuen uns auf den Austausch, Ihre Mitarbeit und neue Mitstreiter:innen!

Wer wir sind

Um den Ansprüchen und Bedürfnissen der jungen Generation gerecht zu werden, haben wir ein Team zusammengestellt, das jeden Ausbildungsstand vertritt – von Studierenden bis zur jungen Fachärzt:in. Die studentische Perspektive bringen Vivien Weber und Robin Horray ein, die sich beide im 7. Semester befinden. Beide entdeckten ihre Faszination für das Fach Chirurgie bereits durch praktische Erfahrungen als studentische Hilfskräfte im OP. Im YSC setzen sie sich nun dafür ein, die Interessen der Studierenden zu vertreten und die Sichtbarkeit des BDC an den Universitäten zu verbessern. Die Gruppe der Ärzt:innen in Weiterbildung bildet den Kern unseres Teams und deckt verschiedene chirurgische Disziplinen und Karriereziele ab. Für die Weiterentwicklung strukturierter Ausbildungskonzepte macht sich Annika Uelwer (Viszeralchirurgie, 3. Weiterbildungsjahr) stark, die parallel zur Klinik an der Fertigstellung ihrer Dissertation arbeitet. Ergänzt wird diese Gruppe durch Wiebke Heitzmann (Viszeralchirurgie, 3. Weiterbildungsjahr), die als Sanitätsoffizier der Bundeswehr besondere Expertise in der Vereinbarkeit verschiedener beruflicher Interessen mitbringt und sich der aktiven Nachwuchsgewinnung widmet. Dr. Dannik Haas (O&U, 3. Weiterbildungsjahr) nutzt seine Begeisterung für wissenschaftliches Arbeiten, um schwerpunktmäßig eine geplante Web-App zur Statusbestimmung des Weiterbildungsfortschritts voranzutreiben. Das Thema „Well-Being und Resilienz“ wird federführend von Dr. Tillman Krones (Viszeralchirurgie, 2. Weiterbildungsjahr) betreut, der neben seiner klinischen Tätigkeit eine akademische Laufbahn mit dem Ziel der Habilitation anstrebt. Die Erfahrung der fortgeschrittenen Weiterbildung und der Facharztebene wird durch Dr. Johanna Betzler (Viszeralchirurgie, 6. Weiterbildungsjahr), Dr. Carolina Vogel (Unfallchirurgie, 4. Weiterbildungsjahr) und Dr. Johanna Miller (Fachärztin, Viszeralchirurgie) repräsentiert. Dr. Betzler steht kurz vor dem Facharzt und strebt eine Habilitation sowie langfristig eine leitende Position an. Als Mutter von zwei Kindern bringt sie ihre persönlichen Erfahrungen ein, um Projekte zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu koordinieren. Frau Dr. Vogel ist ebenfalls wissenschaftlich tätig und sowohl bei „Die Chirurginnen“ als auch im Jungen Forum der DGOU aktiv. Diese Schnittstellenrolle ermöglicht eine gute Verzahnung der Arbeit des YSC mit weiteren Nachwuchsstrukturen. Dr. Johanna Miller (Viszeralchirurgie) ist bereits Fachärztin und seit langem in der Nachwuchsförderung des BDC aktiv, wo sie unter anderem erfolgreich M3-Trainings für Studierende organisiert. Diese Arbeit findet gemeinsam mit dem Nachwuchsressort des BDC statt und sucht ganz bewusst den Schulterschluss in der gemeinsamen Arbeit mit den Nachwuchsvertretungen der Fachgesellschaften und Verbände.

Was wir wollen

Aus unserer gemeinsamen Motivation und unserem Selbstverständnis leitet sich ab, wofür wir stehen und wofür wir uns einsetzen.

1. Exzellente chirurgische Weiterbildung

Vor dem Hintergrund aktueller Strukturreformen im deutschen Gesundheitssystem – insbesondere zunehmender Spezialisierung und Ambulantisierung – setzen wir uns für eine verbindliche chirurgische Weiterbildung auf höchstem Niveau ein. Strukturelle Veränderungen dürfen sich nicht zulasten der Weiterbildungsqualität auswirken. Vielmehr müssen an allen Weiterbildungsstandorten eine strukturierte operative wie auch theoretische Ausbildung gewährleistet sein. Langfristig ist es unser Ziel, dass chirurgische Weiterbildung nicht als „Belastung“, sondern als Qualitätsmerkmal eines Standortes oder Weiterbildungsprogramms wahrgenommen wird. Denn die Förderung und Qualifizierung angehender Chirurg:innen bedeutet die nachhaltige Sicherung der Zukunft unseres Faches.

2. Faire Rahmenbedingungen in der Chirurgie

Trotz bestehender gesetzlicher Regelungen, insbesondere des Arbeitszeitgesetzes, zeigen aktuelle Erhebungen – unter anderem die Befragungen des BDC und des Marburger Bundes aus den Jahren 2024/25 – dass die Umsetzung fairer Arbeitszeitmodelle im chirurgischen Alltag häufig unzureichend bleibt. Diese Herausforderungen sind aus unterschiedlichen Perspektiven bekannt. Wir setzen uns daher für transparente und faire Rahmenbedingungen bei den Arbeitgebern ein: Ärzt:innen in Teilzeit dürfen keine Nachteile in ihrer Weiterbildung erfahren, und eine über das reguläre Maß hinausgehende Arbeitsleistung muss angemessen vergütet werden.

3. Lebenswerte Chirurgie

Faire und flexible Rahmenbedingungen, die sich an die individuellen Lebenssituationen von Chirurg:innen anpassen, wirken sich positiv auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die psychische Gesundheit sowie die langfristige Berufszufriedenheit aus. Wir setzen uns daher für eine lebenswerte Chirurgie ein, die fachliche Exzellenz mit nachhaltigen Arbeitsbedingungen verbindet.

Was wir machen

Im Rahmen eines eintägigen Kick-Off Meetings im November 2025 konnten innerhalb weniger Stunden bereits viele Themenbereiche, wie beispielsweise Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Qualität der Weiterbildung, (fehlende) Feedback-Kultur, Attraktivität der Chirurgie, psychische Gesundheit von Chirurg:innen erarbeitet werden, die chirurgisch interessierten Studierenden, chirurgischen Weiterbildungsassistent:innen sowie jungen Fachärzt:innen am Herzen liegen. Aus den angeregten Diskussionen dieses Tages entstanden die ersten drei Projekte des YSC.

1. Orientierung und Feedback in der Weiterbildung

Ein wiederkehrendes Thema unter Weiterbildungsassistent:innen ist der Wunsch nach besserer Transparenz hinsichtlich des eigenen Ausbildungsstands. Während operative Logbücher und Weiterbildungsordnungen formal existieren, fehlt häufig ein niedrigschwelliges, kontinuierlich nutzbares Instrument zur Selbsteinschätzung und externen Rückmeldung. Der YSC plant daher die Entwicklung einer Web-App, die eine strukturierte Statusbestimmung über alle Weiterbildungsjahre hinweg ermöglicht. Ziel ist es, operative und nicht-operative Skills, typische klinische Situationen sowie zentrale Eingriffe in einem standardisierten Format zu erfassen. Grundlage hierfür ist eine sorgfältige Definition der relevanten Kompetenzen – idealerweise unter Berücksichtigung bestehender Teilschritte-Konzepte. Anschließend sollen geeignete Feedback-Metriken entwickelt werden, um individuelle Fortschritte nachvollziehbar abzubilden. Die App soll nicht nur der Orientierung dienen, sondern auch die Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Ausbildungsstätten erhöhen und so einen Beitrag zur Qualitätssicherung leisten.

2. Begeisterung für die Chirurgie frühzeitig fördern

Chirurgische Fächer genießen früh im Medizinstudium traditionell eine hohe Faszination: Die unmittelbare Wirksamkeit operativer Eingriffe, die technische Komponente sowie das starke Teamgefühl im OP werden häufig als motivierende Faktoren genannt. Gleichzeitig zeigen zahlreiche hochschulinterne Befragungen und nationale Absolventenstudien, dass dieses anfängliche Interesse im Verlauf der klinischen Studienjahre abnimmt. Gründe hierfür sind u. a. die Wahrnehmung hoher Arbeitsbelastung, Unsicherheiten hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ein unzureichender Einblick in moderne Weiterbildungsstrukturen. Viele Studierende erleben Chirurgie vor allem über kurze, wenig strukturierte Pflichtpraktika – und weniger über authentische Einblicke in die Vielfalt des Faches oder die tatsächlichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Vor diesem Hintergrund verfolgt der YSC das Ziel, die Attraktivität der chirurgischen Weiterbildung gezielt sichtbar zu machen und den Kontakt zu Studierenden nachhaltig zu stärken. Ein modular aufgebautes Slide-Deck, das künftig bundesweit am Ende chirurgischer Hauptvorlesungen eingesetzt werden kann, soll über das breite Portfolio des BDC informieren und niederschwellige Zugänge – etwa über die „Nur Mut“-Kampagne oder die Chirurgische Woche – bieten. Darüber hinaus sollen professionelle, aber auch nahbare Videoformate entstehen, in denen Chirurg:innen und ihre Lebenswege vorgestellt werden. Die ersten Videos (mit dem Fokus auf den Themenbereich „Familie und Beruf“) sollen im Rahmen des DCK 2026 produziert werden. Ergänzend ist ein interaktives „Ask me anything“-Webinar geplant, das Studierenden und Weiterbildungsinteressierten authentische Einblicke in Karrierewege, Herausforderungen und Chancen der chirurgischen Weiterbildung ermöglicht.

3. Resilienz und Well-Being in der chirurgischen Weiterbildung

Die Arbeit in chirurgischen Fächern ist geprägt von hoher Verantwortung, körperlicher Belastung und komplexen emotionalen Anforderungen. Neben langen Arbeitszeiten und dem Druck, rasch operative Kompetenzen aufzubauen, erleben viele junge Chirurg:innen eine deutliche Diskrepanz zwischen persönlichem Anspruch, Versorgungsrealität und eigenem Wohlbefinden. Vor diesem Hintergrund hat der Young Surgeons Club Resilienz als eines seiner Kernprojekte definiert. Ziel ist es, junge Kolleg:innen frühzeitig für gesundheitsfördernde Strategien zu sensibilisieren und das Thema dauerhaft im chirurgischen Weiterbildungsdiskurs zu verankern. Als erster, sichtbarer Schritt entsteht ein Auftaktartikel für die Nachwuchsausgabe der Passion Chirurgie, der zentrale Ergebnisse der Weiterbildungsumfrage des BDC aufbereitet und diese um wissenschaftliche Erkenntnisse zu Belastungsfaktoren und Schutzmechanismen ergänzt. Der Artikel soll nicht nur Missstände benennen, sondern positive Beispiele und lösungsorientierte Ansätze hervorheben – etwa gelungene Teamkulturen, realistische Erwartungsmanagement-Modelle oder „Best-Practice“-Beispiele der Selbstfürsorge. Ergänzend soll ein Format für die Passion Chirurgie entwickelt werden, das im Rahmen eines monatlich erscheinenden, einseitigen Artikels positive Vorbilder, persönliche Bewältigungsstrategien und Resilienz fördernde Maßnahmen präsentiert.

Wiebke Heitzmann

Ärztin in Weiterbildung

Viszeralchirurgie, 3. Weiterbildungsjahr

Bundeswehrkrankenhaus in Ulm

Prof. Dr. med. Benedikt Braun, MBA

Stellv. Leiter der BDC|Akademie

BDC-Themen-Referat Nachwuchs

BDC-Themen-Referat Digitalisierung und technische Innovationen

Beauftragter für die Nachwuchsförderung in der Gemeinsamen Weiterbildungskommission Chirurgie

Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie

Eberhard Karls Universität Tübingen

BG Klinik Tübingen

bbraun@bgu-tuebingen.de

Dr. med. Johanna Betzler

Ärztin in Weiterbildung

Viszeralchirurgie, 6. Weiterbildungsjahr

Dr. med. Carolina Vogel

Ärztin in Weiterbildung

Unfallchirurgie, 4. Weiterbildungsjahr

BG Klinik Tübingen

Chirurgie

Heitzmann W, Betzler J, Vogel C, Braun B: Young Surgeons Club @ BDC – Wieso, weshalb, warum? Passion Chirurgie. 2026 März; 16(03/I): Artikel 03_04.

www.bdc.de

Resilienz stärken – Was die BDC-Weiterbildungsumfrage 2025 zeigt

Nachwuchsmangel in der Chirurgie bleibt trotz zahlreicher Gegenmaßnahmen ein dominierendes Thema unserer Zeit. Zwar verzeichnen die einschlägigen Statistiken teils leichte Anstiege bei den Kopfzahlen, doch diese bilden nicht den real zu leistenden Arbeitsaufwand ab und müssen immer im Verhältnis zum steigenden Versorgungsbedarf gesehen werden. Wir haben in Deutschland pro Kopf gesehen zwar eine hohe Ärzt:innen-Dichte, doch auch die Rate an Ärzt:innen-Besuchen von Patienten ist extrem hoch. Deutlich höher als im innereuropäischen Vergleich. Unser Berufsverband und zahlreiche weitere Akteure arbeiten unermüdlich an diesem Problemfeld: Der in dieser Ausgabe vorgestellte Artikel zum neu formierten „Young Surgeons Club“ ist nur ein Beispiel für die vielfältigen berufspolitischen Initiativen, Kurse und Konzepte, die darauf abzielen, die Weiterbildung qualitativ aufzuwerten und die Attraktivität der Chirurgie zu sichern. Das primäre Ziel vieler auf den Nachwuchs abzielender Projekte ist meist die nachhaltige Verbesserung der strukturellen Rahmenbedingungen – von der Dienstplangestaltung bis zur Entbürokratisierung. Doch politische und strukturelle Mühlen mahlen langsam. Bis Reformen in der Breite der Versorgungslandschaft greifen vergehen oft Jahre, die wir in unserer täglichen Arbeit überbrücken müssen.

Die aktuelle Realität in den Kliniken zeigt für viele Kolleg:innen in Weiterbildung ein hohes Maß an Unzufriedenheit und Unsicherheit. Neben der generellen Verunsicherung durch die Umgestaltung unserer Krankenhauslandschaft – Stichworte KHVVG und KHAG – und der Berichterstattung zu Krankenhausinsolvenzen und Sparmaßnahmen, sind es vor allem die täglichen Rahmenbedingungen unserer Arbeit vor Ort, die zur Unzufriedenheit beitragen. Es ist selten das Fachgebiet selbst, das frustriert, sondern vielmehr die „arztfremden Tätigkeiten“, die die Freude an der Chirurgie stark einschränken. Verschiedene Studien zeigen, dass Kolleg:innen in Weiterbildung im Schnitt über zwei Stunden täglich mit Aufgaben verbringen, die prinzipiell auch delegierbar wären. Diese Arbeitsverdichtung führt dazu, dass wertvolle Zeit für die eigentliche Arbeit an den Patient:innen und im OP fehlt, was wiederum als Hauptgrund für mangelnde Zufriedenheit und sogar die Erwägung eines Berufsausstiegs genannt wird. Wenn administrative Lasten die klinische Tätigkeit verdrängen, entsteht eine Diskrepanz zwischen dem eigenen Anspruch an den Ärzt:innenberuf und der Arbeitsrealität. Es ist also kein Wunder, dass wir die initial hohe Motivation unserer Studierenden den chirurgischen Beruf zu ergreifen mit zunehmender Exposition zum klinischen Alltag ersticken und die potentiellen zukünftigen Kolleg:innen abschrecken.

Angesichts der Diskrepanz zwischen spannendem Fach und schlechten Rahmenbedingungen sowie der langen Latenzzeit bis zum Greifen von strukturellen Maßnahmen stellt sich die dringende Frage: Was können wir ganz akut tun? Können und müssen wir uns selbst helfen, um in diesem System zu bestehen? Insbesondere in den angloamerikanischen Gesundheitssystemen ist der Begriff des „Surgeon Well-Being“ längst etabliert und wird nicht als „Wellness“-Trend, sondern als essenzieller Faktor für die Leistungsfähigkeit und sogar die Patientensicherheit verstanden. Es geht in diesem Rahmen auch darum, individuelle Resilienzfaktoren zu identifizieren und Strategien für den Umgang mit herausfordernden Situationen zu entwickeln, etwa durch Konzepte wie Achtsamkeit („Mindfulness“), trotz widriger Umstände gesund zu bleiben und den Fokus auf das zu richten, was uns antreibt.

Um diese Konzepte auch in Deutschland zu verbreiten, müssen wir zunächst verstehen, wie es um dieses „Well-Being“ unseres Nachwuchses eigentlich wirklich bestellt ist. Wir haben daher die aktuelle BDC-Weiterbildungsumfrage genutzt, um über die reine „Zufriedenheit“ hinauszublicken. Erstmals wurden mit dem WHO-5 Well-Being Index und der Perceived Stress Scale international verbreitete Instrumente eingesetzt, um das Wohlbefinden und das subjektive Stressempfinden objektiv zu messen. Die vorläufigen Ergebnisse der Weiterbildungsumfrage, die wir in diesem Heft präsentieren, sollen ein Bewusstsein für die reale Belastungssituation schaffen und gleichzeitig aufzeigen, welche Maßnahmen – individuell wie institutionell – jetzt ergriffen werden können, um die Resilienz zu stärken und die Freude am chirurgischen Beruf zu bewahren.

Die ersten Ergebnisse – BDC-Weiterbildungsumfrage 2025

An der Umfrage nahmen insgesamt 82 Mitglieder des BDC (M) und 130 Nicht-Mitglieder (NM) teil. Die allgemeine Zufriedenheit in der Weiterbildung bewerteten die Befragten auf einer Skala von 1 (sehr zufrieden) bis 6 (sehr unzufrieden). Der Großteil der Mitglieder mit 29,27 % gab die Zufriedenheit mit einer 2 an, gefolgt von 25,61 % mit einer 4. 20,73 % wählten eine 3 und 24,39 % eine 5 oder 6. Unter den Nicht-Mitgliedern wählte der Großteil eine 3 mit 29,7 %. Der zweitgrößte Anteil wählte eine 4 mit 28,71 %. Mit einer 2 bewerteten 17,82 % ihre Weiterbildung. Eine 5 oder 6 wurde von 21,78 % gewählt (Abb. 1 und 2).

Abb. 1: Zufriedenheit insgesamt mit der beruflichen Situation, 1 = sehr zufrieden – 6 = sehr unzufrieden – Mitglieder

Abb. 2: Zufriedenheit insgesamt mit der beruflichen Situation, 1 = sehr zufrieden – 6 = sehr unzufrieden – Nicht-Mitglieder

Bei der Befragung nach den Faktoren, die die Unzufriedenheit der jungen Chirurg:innen bedingen, ergaben sich vier Hauptpunkte. Zunächst die „Mangelnde Qualität der ärztlichen Weiterbildung“ die von 60,89 % der Mitglieder und 66,34 % der Nicht-Mitglieder als Problem identifiziert wurde. Weiterhin sehen 57,32 % der Mitglieder und 66,34 % der Nicht-Mitglieder den „Hohen Anteil arztfremder Tätigkeiten im Berufsfeld“ als Unzufriedenheit bedingenden Faktor. Zudem wurden der „Hohe Zeitdruck während der Arbeit (Arbeitsverdichtung)“ von 54,88 % und 65,35 % gewählt, und die „Hohe zeitliche Arbeitsbelastung (z. B. Überstunden)“ von 54,88 % und 57,43 %. Für 65,35 % der Nicht-Mitglieder ist die Unzufriedenheit auch durch eine „Schlechte Vereinbarkeit mit anderen privaten Tätigkeiten (z. B. Freizeitaktivitäten)“ bedingt. Die weiteren Antwortmöglichkeiten mit den entsprechenden Werten sind Abbildung 3 und Abbildung 4 zu entnehmen. Bezüglich des Arbeitsaufwandes in Form von Tätigkeiten, die prinzipiell auch an nicht-ärztliches Personal delegierbar wären, gaben Mitglieder und Nicht-Mitglieder im Durchschnitt 132 Minuten pro Arbeitstag an.

Abb. 3: Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für eine fehlende komplette Zufriedenheit? – Mitglieder

Abb. 4: Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptgründe für eine fehlende komplette Zufriedenheit? – Nicht-Mitglieder

Der Großteil der Befragten sieht dabei, in unterschiedlichen Abstufungen, vor allem die Rahmenbedingungen als problematisch, nicht die Chirurgie an sich. Lediglich zwei Befragte finden das chirurgische Fach an sich problematischer. Auf einer Skala von 0 bis 100 (0 = Reines Problem des Fachgebietes, 100 = Reines Problem der Rahmenbedingungen) lag der Mittelwert bei 87,7 ± 13,7.

Wie geht es unserem Nachwuchs – WHO Well Being Index und Perceived Stress Scale

Zur möglichst objektiven Messung von subjektivem Wohlbefinden und Stressempfinden wurden der WHO Well Being Index und die Perceived Stress Scale eingesetzt. Um eine Übersicht zu erlangen, fokussieren wir uns hier auf die meistgegebenen Antworten.

Die Fragen aus dem WHO Well Being Index beziehen sich jeweils auf das Erleben der letzten zwei Wochen. Hierbei gaben 35,37 % der Mitglieder und 32,95 % der Nicht-Mitglieder an, lediglich ab und zu froh und guter Laune gewesen zu sein. Ruhig und entspannt gefühlt haben sich 48,78 % der Mitglieder und 37,93 % der Nicht-Mitglieder ebenfalls nur ab und zu. Auch energisch und aktiv fühlte sich der Großteil in beiden Gruppen nur ab und zu (M 42,68 %, NM 32,03 %). Beim Aufwachen frisch und ausgeruht gefühlt hingegen haben sich 42,68 % der BDC-Mitglieder zu keinem Zeitpunkt in den letzten zwei Wochen. Bei den Nicht-Mitgliedern waren es 39,77 % die sich ab und zu nach dem Aufwachen frisch und ausgeruht gefühlt haben. Auf die Frage, ob der Alltag voller Dinge war, die die Befragten interessiert hat, gaben 48,78 % der Mitglieder und 31,82 % der Nicht-Mitglieder ein „ab und zu“ an.

Die Fragen der Perceived Stress Scale beziehen sich jeweils auf den letzten Monat. So haben sich 43,9 % der Mitglieder und 50 % der Nicht-Mitglieder manchmal aufgewühlt gefühlt, weil etwas Unerwartetes passiert ist. Der Großteil beider Gruppen hatte zudem manchmal das Gefühl, nicht in der Lage zu sein die wichtigen Dinge in ihrem Leben kontrollieren zu können (M 39,02 %, NM 35,23 %). Nervös und gestresst fühlten sich 37,8 % der Mitglieder und 45,98 % der Nicht-Mitglieder ziemlich oft. Hingegen zuversichtlich fähig zu sein, die persönlichen Probleme zu bewältigen waren 37,8 % der Mitglieder ziemlich oft und 43,68 % der Nicht-Mitglieder manchmal. Das Gefühl, dass sich die Dinge zu den eigenen Gunsten entwickeln, hatten aus beiden Gruppen die meisten Befragten manchmal (M 48,78 %, NM 57,47 %). Den Eindruck manchmal nicht allen anstehenden Aufgaben gewachsen zu sein, hatten 32,93 % der Mitglieder und 43,68 % der Nicht-Mitglieder. In der Lage, ärgerliche Situationen im Leben zu beeinflussen waren 46,34 % der Mitglieder und 49,43 % der Nicht-Mitglieder manchmal. Das Gefühl, alles im Griff zu haben, hatten die meisten Befragten ebenfalls nur manchmal im letzten Monat (M 42,68 %, NM 51,72 %). Dementsprechend haben sich 35,37 % der Mitglieder ziemlich oft über Dinge geärgert, auf die sie keinen Einfluss hatten. Bei den Nicht-Mitgliedern waren es 34,48 % die diesen Ärger manchmal verspürten. Zuletzt waren es 35,37 % der Mitglieder, die manchmal das Gefühl hatten, es würden sich so viele Schwierigkeiten anhäufen, dass diese nicht zu überwinden seien. Unter den Nicht-Mitglieder verspürten jeweils 31,03 % dieses Gefühl fast nie und 31,03 % manchmal.

… und was können wir tun?

Bei Betrachtung dieser vorläufigen Ergebnisse der BDC-Weiterbildungsumfrage scheint es unserem Nachwuchs aktuell nicht sonderlich gut zu gehen. Die Gesamtzufriedenheit bezüglich der aktuellen beruflichen Situation bewegt sich im mittleren bis schlechten Bereich. Vollständig zufrieden ist aktuell so gut wie keiner der Befragten. Die Faktoren, die diese Unzufriedenheit speisen scheinen dabei vornehmlich die momentanen Rahmenbedingungen unseres Faches zu sein, nicht das Fach an sich. So wird neben der Weiterbildung hauptsächlich der hohe Zeitaufwand für arztfremde Tätigkeiten kritisiert. Über zwei Stunden pro Arbeitstag wenden die Befragten im Schnitt hierfür auf. Das Frustration bei den jungen Chirurginnen und Chirurgen hervorgerufen wird, wenn sie erneut Reha-Plätze oder Vorbefunde organisieren, anstatt chirurgisch oder zumindest medizinisch tätig zu sein, ist vollkommen verständlich. Gleichzeitig ist solch einer Problematik eigentlich schnell Abhilfe geschaffen, wenn für diese Aufgaben beispielsweise zusätzliches nicht-medizinisches Personal vorhanden wäre.

Der WHO Well-Being Index und die Perceived Stress Scale zeigen uns zudem doch recht deutlich eine psychische und auch körperliche Belastung unseres Nachwuchses an. Positive Gefühle kommen doch recht selten vor, die Negativen dafür umso häufiger. Der empfundene Stress scheint zudem meist durch die Befragten nicht kontrollierbar, was zusätzliche Frustration bedingt. Um diese Punkte sowie die weiteren Unzufriedenheit-bedingenden Faktoren zu adressieren wollen wir mit dem Berufsverband aktiv das Wohlbefinden und die Resilienz unseres Nachwuchses fördern. Da stressreiche Situationen in der Chirurgie sicherlich systemimmanent sind und aus der Natur des Faches auch nicht vollständig zu eliminieren sein werden, wollen wir vor allem einen sinnvollen Umgang mit diesen und ein Bewusstsein für das eigene Wohlbefinden schaffen. Das American College of Surgeons und die Orthopaedic Trauma Association haben die Wichtigkeit des „Surgeon Well-Being“ bereits erkannt und bieten zahlreiche Programme zur Messung desselbigen und zur Förderung von Wohlbefinden und Resilienz an. In Anlehnung an unsere amerikanischen Kollegen wollen wir als Berufsverband, und speziell als Young Surgeons Club, ähnliche Programme aufbauen. Zunächst soll über ein Artikelformat mit persönlichen Erfahrungen und positiven Bewältigungsstrategien im ersten Schritt ein Identifikationsmoment schaffen, denn jede/r Chirurg:in kennt solch stressreiche und teilweise auch überfordernde Situationen. Der Fokus dieses Formats soll jedoch nicht auf der Benennung der Missstände liegen, sondern auf dem zweiten Schritt, in dem von den entsprechenden Bewältigungsstrategien berichtet wird. So können individuell Praktiken übernommen werden, die eine positive Überwindung solcher Situationen ermöglichen und letztlich die Resilienz stärken. Perspektivisch soll dieses Format auch als Videorubrik oder Podcast seinen Platz finden. Zusätzlich wollen wir gemeinsam mit dem Nachwuchsressort, nach Abschluss der Weiterbildungsumfrage, eine Art Tacho entwickeln, der nach Beantwortung einiger Fragen das Well-Being der jeweiligen Person anzeigt. So soll mehr Awareness für das eigene Wohlbefinden geschaffen werden. Kombiniert werden sollen diese beiden Formate mit einem entsprechenden psychotherapeutischen Angebot, sodass bei Bedarf, über den BDC vermittelt, schnell Hilfe zu finden ist. Auch weitere Projekte existieren bereits als Ideen oder stehen in den Startlöchern.

Zuletzt wollen wir an dieser Stelle noch darauf hinweisen, dass natürlich eine vollständige und umfassende Auswertung der Weiterbildungsumfrage in Zukunft noch publiziert wird.

Korrespondierender Autor:

Dr. med. Tillman L. Krones

Assistenzarzt Allgemein- und Viszeralchirurgie

St. Josefs-Hospital Wiesbaden

tkrones@joho.de

Dr. med. Carolina Vogel

Ärztin in Weiterbildung

Unfallchirurgie, 4. Weiterbildungsjahr

BG Klinik Tübingen

Prof. Dr. med. Benedikt Braun, MBA

Stellv. Leiter der BDC|Akademie

Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie

Eberhard Karls Universität Tübingen

BG Klinik Tübingen

bbraun@bgu-tuebingen.de

Chirurgie

Krones TL, Vogel C, Braun B: Resilienz und die Weiterbildungsumfrage 2025. Passion Chirurgie. 2026 März; 16(03/I): Artikel 03_01.

Das Perspektivforum Junge Chirurgie

Stimme des chirurgischen Nachwuchses in Zeiten des Umbruchs

Die chirurgische Weiterbildung in Deutschland steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Krankenhausstrukturreform, Ambulantisierung, Zentralisierung und zunehmender Fachkräftemangel verändern die Rahmenbedingungen der chirurgischen Versorgung und stellen insbesondere den Nachwuchs vor große Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund nimmt das Perspektivforum Junge Chirurgie (PFJC) der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) eine zentrale Rolle ein: als fachgesellschaftsübergreifende Interessenvertretung junger Chirurginnen und Chirurgen und als konstruktiver Impulsgeber für eine zukunftsfähige Weiterbildung.

Das Perspektivforum Junge Chirurgie: Struktur und Selbstverständnis

Das Perspektivforum Junge Chirurgie ist das gemeinsame Nachwuchsorgan der DGCH und bündelt die Perspektiven der Jungen Foren der chirurgischen Fachgesellschaften. Es versteht sich als Plattform für Austausch, Vernetzung und Positionsbildung über Fachgrenzen hinweg. Ziel ist es, die Anliegen von Medizinstudierenden, Ärztinnen und Ärzten in Weiterbildung sowie jungen Fachärztinnen und Fachärzten sichtbar zu machen und aktiv in gesundheitspolitische und fachgesellschaftliche Diskurse einzubringen.

Das PFJC arbeitet als Teil des Vorstands eng mit dem Präsidium der DGCH, den Fachgesellschaften, Berufsverbänden sowie weiteren Akteuren der ärztlichen Selbstverwaltung zusammen und bringt die Sicht des Nachwuchses systematisch in Entscheidungsprozesse ein.

Schwerpunkt: Engagement für die chirurgische Weiterbildung

Der zentrale inhaltliche Schwerpunkt des Perspektivforums liegt auf der chirurgischen Weiterbildung. In den vergangenen Jahren hat das PFJC maßgeblich an der Erarbeitung von drei grundlegenden Positionspapieren mitgewirkt, die die aktuellen Herausforderungen analysieren und konkrete Lösungsansätze formulieren.

Herausforderungen und Chancen der chirurgischen Weiterbildung im Kontext der Krankenhausstrukturreform

Das erste Positionspapier (via Springer/DIE CHIRURGIE) beleuchtet die Auswirkungen der Krankenhausstrukturreform auf die chirurgische Weiterbildung und wurde fachgesellschaftsübergreifend unter Beteiligung des PFJC erarbeitet. Ausgangspunkt ist die Sorge vor einem Qualitätsverlust der Weiterbildung durch Ambulantisierung, Zentralisierung und fehlende strukturelle sowie finanzielle Absicherung.

Zentrale Forderungen sind:

  • eine unabhängige und transparente Finanzierung der Weiterbildung,
  • die konsequente Mitberücksichtigung der Weiterbildung bei allen Reformvorhaben,
  • bundesweit strukturierte, kompetenzbasierte Weiterbildungskonzepte,
  • verbesserte soziale Rahmenbedingungen (Vereinbarkeit von Familie und Beruf, flexible Arbeitszeitmodelle) sowie
  • die frühzeitige Einbindung der Fachgesellschaften in Reformprozesse.

Gleichzeitig betont das Papier die Chance, den Strukturwandel als Ausgangspunkt für eine nachhaltige Neugestaltung der chirurgischen Weiterbildung zu nutzen.

Der chirurgische Weiterbildungsverbund der Zukunft

Mit dem zweiten Positionspapier rückt das PFJC die Verbundweiterbildung in den Mittelpunkt. Hintergrund ist die zunehmende Verlagerung weiterbildungsrelevanter Eingriffe in den ambulanten Sektor sowie die abnehmende Zahl von Kliniken mit vollständiger Weiterbildungsermächtigung.

Das Positionspapier formuliert klare Anforderungen an qualitativ hochwertige Weiterbildungsverbünde:

  • verbindliche rechtliche Rahmenbedingungen für sektoren- und arbeitgeberübergreifende Arbeitsverträge,
  • transparente, standortübergreifende Curricula,
  • eine verlässliche und auskömmliche Finanzierung,
  • kontinuierliches Monitoring und Evaluation,
  • sowie eine zertifizierte didaktische Qualifikation der Weiterbildenden.

Ziel ist eine strukturierte, planbare und qualitativ hochwertige Weiterbildung über alle Versorgungssektoren hinweg, die sowohl den Bedürfnissen der Weiterzubildenden als auch den Anforderungen der Versorgungsrealität gerecht wird.

Qualitätsindikatoren für die chirurgische Weiterbildung

Das dritte Positionspapier widmet sich der bislang kaum systematisch erfassten Qualität der chirurgischen Weiterbildung. (via Springer/DIE CHIRURGIE) Vor dem Hintergrund gesetzlicher Vorgaben (§ 17b KHG) hat das PFJC ein praxisnahes, indikatorbasiertes Bewertungssystem mitentwickelt.

Vorgeschlagen wird ein dreistufiges Set aus:

  • Strukturindikatoren (z. B. vorhandenes Curriculum, Betreuungsverhältnis, Teilnahme an Verbundweiterbildungen, didaktische Qualifikation),
  • Prozessindikatoren (z. B. strukturierte Weiterbildungsgespräche, operative Supervision, Fortbildungsaktivität),
  • Ergebnisindikatoren (z. B. Dauer der Weiterbildung, Bestehensquote der Facharztprüfung, Zufriedenheit der Weiterzubildenden).

Digitale Instrumente, wie das e-Logbuch und ein zu schaffendes Weiterbildungsregister, werden als Schlüssel für eine transparente, vergleich- und steuerbare Weiterbildung hervorgehoben. Langfristig sollen diese Indikatoren auch Grundlage einer qualitätsorientierten Finanzierung sein.

Mitgestaltung des Deutschen Chirurgenkongresses (DCK)

Neben der inhaltlichen Arbeit engagiert sich das Perspektivforum aktiv in der Gestaltung des Deutschen Chirurgenkongresses (DCK). Das PFJC organisiert und moderiert eigene Sitzungen, bringt Nachwuchsthemen in das Hauptprogramm ein und fördert neue Formate, wie Karriere-, Mentoring- und Diskussionsveranstaltungen.

Ein aktuelles Beispiel ist die vom PFJC initiierte Kongressumfrage, die Erwartungen, Teilnahmebarrieren und Wünsche junger Chirurginnen und Chirurgen systematisch erfasst. Die Ergebnisse sollen direkt in die Weiterentwicklung des DCK einfließen und dessen Attraktivität für den Nachwuchs weiter steigern.

Weitere Aktivitäten und Ausblick

Darüber hinaus engagiert sich das Perspektivforum in:

  • der Weiterentwicklung der DGCH-Webpräsenz mit Fokus auf Nachwuchsansprache,
  • der Vernetzung mit Politik, Kammern und Institutionen,
  • der Unterstützung von Pilotprojekten zur Weiterbildung,
  • sowie der Öffentlichkeitsarbeit, unter anderem über Podcasts und soziale Medien.

Das Perspektivforum Junge Chirurgie versteht sich dabei nicht nur als kritische Stimme, sondern als konstruktiver Partner, der tragfähige Lösungen entwickelt. In einer Zeit tiefgreifender Veränderungen leistet es einen wesentlichen Beitrag dazu, die chirurgische Weiterbildung zukunftsfähig zu gestalten und den Nachwuchs für die Chirurgie zu begeistern.

Nachwuchs gewinnen – Zukunft gestalten

Die Sicherung einer hochwertigen chirurgischen Versorgung beginnt mit der Gewinnung und Förderung des Nachwuchses. Das Perspektivforum Junge Chirurgie versteht Nachwuchswerbung daher nicht als Randaufgabe, sondern als zentrale Zukunftsaufgabe der gesamten chirurgischen Gemeinschaft. Alle Chirurginnen und Chirurgen – unabhängig von Fach, Karrierephase oder Arbeitsumfeld – sind eingeladen, sich aktiv einzubringen: durch Mitwirkung in den Jungen Foren, durch engagierte Weiterbildung, durch offene Gesprächskultur und durch Vorbildfunktion im klinischen Alltag. Nur gemeinsam gelingt es, junge Menschen für die Chirurgie zu begeistern, Perspektiven aufzuzeigen und attraktive, realistische Karrierewege zu gestalten.

Das Perspektivforum bietet hierfür eine offene Plattform – machen Sie mit, bringen Sie Ihre Erfahrungen ein und gestalten Sie die Zukunft der Chirurgie aktiv mit.
Kontakt: pfjc@dgch.de

Dr. med. Sebastian Schaaf

Sprecher Perspektivforum Junge Chirurgie der DGCH

Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz

Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie

PFJC@dgch.de

Dr. med. Frederik Schlottmann

Stv. Sprecher Perspektivforum Junge Chirurgie der DGCH

Sprecher des Jungen Forums der DGPRÄC

Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie

Medizinische Hochschule Hannover

Chirurgie

Schaaf S, Schlottmann F: Das Perspektivforum Junge Chirurgie. Passion Chirurgie. 2026 März; 16(03/I): Artikel 03_05.

Passion Chirurgie 01/02-2026: Perioperatives Management

Hier geht’s zur neuen Ausgabe der PASSION CHIRURGIE 01/02/26: Perioperatives Management

Perioperatives Management steht im Fokus der aktuellen Ausgabe. Drei Fachbeiträge beleuchten das Thema – von den zehn wichtigsten Maßnahmen im perioperativen Management, über den idealisierten Workflow im Zentral-OP bis hin zur Prähabilitation zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung. Viel Spaß beim Lesen!

Sicher operieren will gelernt sein – am besten von Beginn an. Gerade in den ersten Weiterbildungsjahren sind praxisnahe Trainingsformate besonders wertvoll. Für das 1. und 2. Weiterbildungsjahr empfehlen wir drei Seminare mit hohem Hands-on-Anteil: den Praktischen Workshop Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie (07.–09.05.2026, Berlin), MIC Modul 1 (11.–12.06.2026, Hamburg) sowie den Workshop Basischirurgie (08.–09.10.2026, Ingolstadt). Planen Sie schon jetzt Ihr Fortbildungsjahr und sichern Sie sich frühzeitig Ihre Seminare für 2026.

Viele Grüße, das Redaktions-Team

Prähabilitation – vom theoretischen Ideal zur praktischen Umsetzung

Lange wurde dem Allgemeinzustand von Patient:innen vor onkologischen Eingriffen wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es galt die Devise, den Tumor so rasch wie möglich nach Diagnosestellung zu entfernen. Dabei wurden erhöhte Risiken für Wundinfektionen, längeren Krankenhausaufenthalt, höhere Gesamtmortalität und eine schlechtere postoperative Lebensqualität bei gebrechlichen oder mangelernährten Patient:innen als unvermeidlich akzeptiert [1–3].

Das Konzept der Prähabilitation fokussiert nun darauf, bereits präoperativ Risikofaktoren wie Mangelernährung, Gebrechlichkeit oder Blutarmut zu identifizieren und im Idealfall zu eliminieren. Ziel ist eine postoperative Risikoreduktion und damit verbunden eine schnellere Rekonvaleszenz der betroffenen Patient:innen [4–6].

Prähabilitation ist jedoch keine Einzelmaßnahme, sondern besteht aus einem Bündel an Interventionen im Bereich Ernährung und Physiotherapie ergänzt durch Empfehlungen zur Nikotin- und Alkoholkarenz sowie eine psychoonkologische Anbindung [4–6]. Zusätzlich werden bei Substratmangel Eisen- und Vitaminsubstitution bei anämischen Patient:innen empfohlen.

Was auf den ersten Blick banal erscheint – regelmäßige, zügige Spaziergänge von ca. 30 Minuten täglich oder hochkalorische Trinknahrung [6-8] – ist in der Praxis oft von großer Bedeutung. Jedoch lässt die derzeitige sehr heterogene Studienlage mit unterschiedlichen Patientenkollektiven, unterschiedlichen Interventionen und unterschiedlichen Outcomeparametern bislang nicht eindeutig erkennen, welche Maßnahmen bei welchem Patientenkollektiv am erfolgversprechendsten sind. [5]

In der aktuellen S3-Leitlinie zum perioperativen Management gastrointestinaler Tumore wird daher auch eine über die allgemeinen Empfehlungen hinausgehende strukturierte, ressourcenaufwändige Prähabilitation als verzichtbar bezeichnet [9]. Dies fußt jedoch vor allem auf der Auffassung, dass Empfehlungen zur Erhaltung und Verbesserung der körperlichen Aktivität, zu ausgewogener Ernährung sowie zum Nikotin-/Alkoholverzicht vor Tumoroperationen heutzutage als Mindeststandard gelten sollten. Gleichzeitig betont die Leitlinie, dass Risikopatient:innen bei der Vorbereitung größerer Operationen partizipativ zu einer individualisierten Prähabilitation zu Hause motiviert werden sollten.[9]

Diese Einschätzung und Empfehlung gehen allerdings an der aktuellen Versorgungsrealität in Deutschland vorbei, in der eine strukturierte, präoperative Beratung und Begleitung der Patient:innen nicht flächendeckend gewährleistet ist.

Wir möchten daher sowohl Screeningtools zur Identifikation von Risikopatient:innen, als auch Prähabilitationsmaßnahmen vorstellen, deren positive Effekte belegt und die unseres Erachtens im klinischen Alltag gut umzusetzen sind. [6–8]

Es ist hervorzuheben, dass weder die in der Leitlinie als Standard formulierte perioperative Beratung und Begleitung noch die Betreuung und Prähabilitation von Risikopatienten ohne fachärztliche, ernährungsmedizinische Beteiligung umzusetzen sind. Diese Anforderungen spiegeln sich auch in dem OPS Code für ernährungsmedizinische Komplexbehandlung wider (OPS Code 8-98j, OPS Version 2025), für dessen Codierung die werktägliche Verfügbarkeit eines Ernährungsteams bestehend aus mind. einer Fachärzt:in mit curricularer Weiterbildung oder Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin sowie einer Ernährungsfachkraft erforderlich ist. In unserem Haus wird der Bereich Prähabilitation daher durch eine Stabsstelle Ernährungsmedizin betreut. Als Minimalausstattung ist in den Kliniken jedoch eine konsiliarische ernährungsmedizinische Mitbetreuung anzustreben.

Screening

Nicht alle Patienten bedürfen einer Prähabilitation. Um jedoch jene sicher zu identifizieren, die davon profitieren könnten, sollten alle Patient:innen vor größeren chirurgischen Eingriffen ein Screening durchlaufen, in dem mindestens der Ernährungszustand analysiert, das Vorliegen einer Sarkopenie untersucht wird, sowie eine Anämiediagnostik erfolgt.

Alter und Körpergewicht alleine sind hierfür unzureichend. So gibt es betagte Patient:innen, die weder mangelernährt noch gebrechlich oder sarkopen sind, während derartige Mangelzustände auch bei Jüngeren oder Übergewichtigen vorliegen können (sog. sarcopenic obesity).

Mangelernährung

Sowohl Inzidenz als auch klinische Bedeutung von Mangelernährung werden oft unterschätzt. Etwa 25–30 % aller hospitalisierten Patient:innen und mehr als die Hälfte der onkologischen Patient:innen in Deutschland sind mangelernährt [10]. Zudem ist Mangelernährung nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit Untergewicht, auch übergewichtige Patient:innen können mangelernährt sein.

Zum Nachweis der krankheitsspezifischen Mangelernährung (Info 1) [11] eignet sich das Nutritional Risk Screening, NRS 2002 (Tab. 1), das bereits beim Erstkontakt mit dem Patienten erhoben werden sollte und mit nur einem geringen Zeitaufwand verbunden ist [12].

Info 1: Definition krankheitsspezifische Mangelernährung [11]

Body-Mass-Index (BMI) < 18,5 kg/m2
oder
unbeabsichtigter Gewichtsverlust > 10 % in den letzten 3–6 Monaten
oder
Body-Mass-Index (BMI) < 20 kg/m2 und unbeabsichtigter Gewichtsverlust > 5 %
in den letzten 3–6 Monaten

Tab. 1: Nutritional Risk Screening [12]

Vorscreening

BMI < 20,5 kg/m2?

ja

nein

Gewichtsverlust in den letzten drei Monaten?

ja

nein

Während der letzten Woche weniger gegessen als normal?

ja

nein

leidet der Patient an einer schweren Erkrankung?

ja

nein

Wird eine Frage mit ja beantwortet, muss auch das Hauptscreening durchgeführt werden

Hauptscreening

Verschlechterung des Ernährungszustandes

Punkte

Keine Verschlechterung

0

Grad 1 (leicht): Gewichtsverlust > 5 % in drei Monaten oder während der letzten Woche weniger gegessen (50-75 %)

1

Grad 2 (mäßig): Gewichtsverlust > 5 % in zwei Monaten oder BMI 18,5-20,5 + reduzierter AZ oder während der letzten Woche weniger als die Hälfte gegessen (25-50 %)

2

Grad 3 (schwer): Gewichtsverlust > 5 % in einem Monat (> 15 %/3 Mo.) oder BMI < 18,5 + reduzierter AZ oder während der letzten Woche sehr wenig gegessen (< 25 %)

3

Schwere der Erkrankung

normaler, gesunder Patient

0

Grad 1 (leicht): z. B. hüftnahe Fraktur, Zirrhose, COPD, Hämodialyse, Tumorerkrankung

1

Grad 2 (mäßig): z. B. große abdominelle OP, Pneumonie, Chemotherapie, hämatologische Tumorerkrankung

2

Grad 3 (schwer): z. B. Schädel-Hirn-Trauma, Polytrauma, Verbrennung, Intensivpatient (APACHE<10)

3

Lebensalter > 70 Jahre

1

Gesamt

0-7

Gesamtpunktzahl ≥3: Mangelernährung oder hohes Risiko für Mangelernährung

Ernährungsmedizinisches Assessment und Ernährungstherapie erforderlich

Info 2: Definition metabolisches Risiko [13]; ein hohes metabolisches Risiko besteht, wenn mind. 1 Kriterium erfüllt ist. SGA: Subjective Global Assessment.

BMI < 18,5kg/m2
oder
Gewichtsverlust > 10–15 % innerhalb von 6 Monaten
oder
Serumalbumin < 30 g/l (Ausschluss Leber und/oder Nierenerkrankung) oder
SGA Grad C
oder
NRS 5

Dabei kann die Erhebung am einfachsten sichergestellt werden, wenn das NRS im jeweiligen Krankenhausinformationssystem zu einem Pflichtfeld gemacht wird.

Neben dem NRS kann die Bestimmung der Serumalbuminkonzentration im präoperativen Routinelabor einen weiteren Hinweis auf das Vorliegen eines hohen metabolischen Risikos geben (Info-Box 2) [13]. So ist eine Albuminkonzentration im Serum von < 30 g/L ein unabhängiger Prädiktor für postoperative Komplikationen [13, 14].

Bei Vorliegen einer Mangelernährung bzw. eines erhöhten metabolischen Risikos richtet sich das weitere Vorgehen nach dem Ausmaß des Defizits, der Dringlichkeit der Operation und evtl. vorhandener, weiterer Komorbiditäten. Die Abstimmung sollte interdisziplinär zwischen Chirurg:innen und Ernährungsmediziner:innen erfolgen.

Am häufigsten liegt eine leichtgradige Mangelernährung vor, für die sich eine präoperative Ernährungsberatung in Verbindung mit häuslicher Proteinsupplementierung mit Eiweißpulver oder hochkalorischer Trinknahrung für 1–2 Wochen bewährt hat. Bei Diabetikern und Patient:innen mit bereits präoperativ gestörter Glukosetoleranz, sollten Ernährungstherapie und ggfs. antidiabetische Medikation engmaschig überwacht und im Bedarfsfall angepasst werden. In unserer Klinik erfolgt diese Begleitung wöchentlich in der Tagesklinik.

Ausgeprägte Mangelernährung, Schluckstörungen oder ein Passagehindernis im GI-Trakt können hingegen eine stationäre Behandlung mit parenteraler Ernährung vor der Operation erforderlich machen. Bei hochgradiger oder rasch fortschreitender Mangelernährung ist zudem eine langsame, kontrollierte Kaloriensteigerung sowie die bedarfsorientierte Substitution von Mikronährstoffen angezeigt, um das Risiko eines sog. Refeeding Syndroms mit potentiell lebensbedrohlichen Elektrolyt- und Flüssigkeitsverschiebungen zu minimieren [13].

Sarkopenie

Ein weiterer wichtiger und leicht messbarer Indikator ist die Sarkopenie, die als Verlust von Muskelmasse und -kraft sowie damit einhergehenden funktionellen Einschränkungen definiert ist [15].

In der onkologischen Viszeralchirurgie hat sich zur Bestimmung der Sarkopenie der Total Psoas Index (TPI) etabliert [16]. Der TPI setzt die beidseitige Fläche des M. psoas auf Höhe von LWK 3 ins Verhältnis zur Körpergröße (Info-Box 3).

Da vor einer größeren Operation in der Regel eine Computertomographie des Abdomens zur Diagnostik erfolgt, lässt sich in dieser Untersuchung das Vorliegen einer Sarkopenie in wenigen Minuten über den TPI detektieren (Abb. 4). Der TPI kann auch in extern durchgeführten CTs ermittelt werden.

Patienten mit Sarkopenie profitieren von einer präoperativen Bewegungs- und Sporttherapie, die individuell angepasst von Spazierengehen bis hin zu Krafttraining im Fitnessstudio reichen kann [6].

Eine ausführliche Aufklärung zur präoperativen körperlichen Aktivität sowie Informationsmaterialien mit Übungen für zu Hause unterstützen die Anleitung. Die Therapieadhärenz, aber auch der Erfolg der Intervention lassen sich durch digitale Bewegungsmessung (z. B. Schrittzähler), vor allem aber durch regelmäßiges Üben unter professioneller Anleitung erhöhen [17, 18].

Anämie

Eine Anämie (Hämoglobinkonzentration im Serum bei Männern < 13 g/dl; bei Frauen < 12 g/dl) ist ein unabhängiger Risikofaktor für postoperative Morbidität, Mortalität und längere Krankenhausverweildauer [19]. Perioperative Transfusionen sind bei malignen Erkrankungen sogar mit schlechterer Prognose und erhöhtem Metastasierungsrisiko assoziiert [20].

Info 3: Total Psoas Index (TPI) als ein Maß für Sarkopenie [16].

TPA: total psoas area: beidseitige Fläche des M. psoas auf Höhe LWK 3 in mm2.

Normalwerte: Frauen: > 385 mm2/m2, Männer: > 545mm2/m2.

Nach § 4.2 der Richtlinie Hämotherapie der Bundesärztekammer ist zu prüfen, ob auch andere Maßnahmen als Transfusionen geeignet sind, chronische oder akute Mangelzustände zu beheben. Daher soll im Sinne des Patient-Blood-Management präoperativ so früh als möglich eine Anämieabklärung und, sofern möglich, auch eine Therapie erfolgen [21].

Da bis zu einem Drittel der Anämien viszeralonkologischer Patient:innen durch Eisenmangel bedingt sind, sollte beim Nachweis einer Anämie grundsätzlich der Eisenstatus (Eisen, Ferritin, Transferrinsättigung) erhoben werden. Bei Eisenmangelanämie besteht die Indikation zur präoperativen Eisensubstitution. Idealerweise erfolgt diese intravenös, um eine rasche, präoperative Stabilisierung des Hb zu erreichen.

Die damit verbundene Reduktion des Transfusionsrisikos ist sowohl medizinisch als auch aus Gründen der Kosteneffizienz zu begrüßen. Gleichzeitig kann die Unterlassung des sog. Patient-Blood-Management einen Behandlungsfehler darstellen und dadurch potentiell haftungsrelevant sein [22].

Abb. 1: TPI-Messung im CT. A: Patient ohne Sarkopenie mit normalem TPI. B: Sarkopener Patient mit erniedrigtem TPI

Praktisches Vorgehen

In unserer Klinik werden alle Patient:innen bei der Erstvorstellung vor onkologischen Operationen sowie vor anderen größeren chirurgischen Eingriffen auf Mangelernährung, Sarkopenie und Anämie gescreent. Die Erhebung von NRS und TPI erfolgt dabei mit sehr geringem zeitlichem Aufwand. Das Anämiescreening und die Bestimmung des Serumalbumins erfolgen im Rahmen des Routinelabors und verursachen somit keine relevanten Zusatzkosten.

Beim Vorliegen eines der genannten Risikofaktoren erfolgt die Vorstellung der Patient:innen in unserer Stabstelle für Ernährungsmedizin zum weiteren Assessment. Anschließend wird interdisziplinär über notwendige Prähabilitationsmaßnahmen und die dafür erforderliche Behandlungsdauer entschieden.

Bei Patient:innen, die eine neoadjuvante Therapie vor der Operation benötigen, erfolgt die Betreuung bereits während der Neoadjuvanz und wird bis zur Operation fortgeführt.

Im Gegensatz dazu stehen Risikopatienten, bei denen keine neoadjuvante Therapie geplant ist, mitunter einer Prähabilitation zunächst ablehnend gegenüber, meist aus Sorge um einen onkologischen Nachteil durch den Aufschub der Operation. Die Mehrzahl der Patient:innen lässt sich jedoch durch eine ausführliche Aufklärung von den Vorteilen der Prähabilitation überzeugen.

Während das Screening durch die Chirurg:innen erfolgt, werden die Patient:innen in der Prähabilitationsphase in enger Absprache mit den Chirurg:innen vollständig von den Ernährungsmediziner:innen betreut – entweder konsiliarisch oder in einem multimodalen Programm in der Tagesklinik.

Zusammenfassung

Prähabilitation ermöglicht bei viszeralchirurgischen Risikopatient:innen eine Reduktion der perioperativen Risiken. Prähabilitation bedarf Zeit und die positiven Effekte der Prähabilitation sind umso größer, je länger die Maßnahmen erfolgen. Um ausreichend Zeit für die erforderlichen Interventionen zu haben, sollte das Screening so früh wie möglich, am besten bei der Erstvorstellung, erfolgen.

Im klinischen Alltag haben sich Mangelernährung, Sarkopenie und Anämie als Risikofaktoren etabliert, die nicht nur mit geringem Zeit- und Kostenaufwand erhoben werden können, sondern auch ideale Angriffspunkte für prähabilitative Maßnahmen bieten.

Bei den meisten Patienten kann eine deutliche Verbesserung der Mangelzustände bereits nach wenigen Wochen erreicht werden. Diese Zeit sollte man auch investieren, zumal gezeigt werden konnte, dass eine onkologische Operation um bis zu 3–6 Wochen verschoben werden kann, ohne dass hieraus ein Nachteil in Bezug auf die Prognose erwächst [23].

Nicht zu unterschätzen ist auch der psychologische Effekt der Prähabilitation: So bietet die präoperative Vorbereitung motivierten Patient:innen die Möglichkeit, ihren Krankheitsverlauf aktiv zu beeinflussen. Dabei konnten wir beobachten, dass sich auch die Einbindung der Angehörigen positiv auf die Therapieadhärenz insbesondere bei der körperlichen Aktivität und der Umsetzung der Ernährungsempfehlungen auswirkt.

Prähabilitation erscheint auf dem ersten Blick als Banalität hat sich aber zu einem der wichtigsten Faktoren der multimodalen Behandlung vor großen viszeralchirurgischen Operationen entwickelt. So muss man – politisch inkorrekt aber dennoch treffend formuliert – fordern: „Prehabilitation first“.

Literatur

[1]   Studley HO. Percentage of weight loss: basic indicator of surgical risk in patients with chronic peptic ulcer. JAMA 1936;106:458-460.
[2]   Lobo DN, Gianotti L, Adiamah A, et al. Perioperative nutrition: Recommendations from the ESPEN expert group. Clinical Nutrition 2020;39:3211-3227.
[3]   Ryan AM, Power DG, Daly L, et al., Cancer-Associated Malnutrition, Cachexia and Sarcopenia: The Skeleton in the Hospital Closet 40 Years Later. Proc Nutr Soc 2016;75:199-211. doi: 10.1017/S002966511500419X.
[4]   Daniels, S L, Lee MJ, George J et al. Prehabilitation in Elective Abdominal Cancer Surgery in Older Patients: Systematic Review and Meta-Analysis. BJS Open 2020;4:1022-1041. doi: 10.1002/bjs5.50347
[5]   McIsaac DI, Prehabilitation in adult patients undergoing surgery: an umbrella review of systematic reviews. Br J Anaesth 2022;128:244-257doi: 10.1016/j.bja.2021.11.014
[6]   Waterland JL, McCourt O, Edbrooke L, et al. Efficacy of Prehabilitation Including Exercise on Postoperative Outcomes Following Abdominal Cancer Surgery: A Systematic Review and Meta-Analysis. Front. Surg. 2021;8:628848. doi: 10.3389/fsurg.2021.628848
[7]   Berardi G, Cucchetti A, Colasanti M, et al. Prehabilitation With Exercise and Nutrition to Reduce Morbidity of Major Hepatectomy in Patients With Sarcopenia The PREHEP Randomized Clinical Trial. JAMA Surg. 2025;160:1068-1075. doi: 10.1001/jamasurg.2025.3102.
[8]   Molenaar CJL, Minnella EM, Coca-Martinez M, et al. Effect of Multimodal Prehabilitation on Reducing Postoperative Complications and Enhancing Functional Capacity Following Colorectal Cancer Surgery: The PREHAB Randomized Clinical Trial. JAMA Surg. 2023;158:572-581. doi: 10.1001/jamasurg.2023.0198.
[9]   Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Perioperatives Management bei gastrointestinalen Tumoren (POMGAT), Langversion 1.0, 2023, AWMF-Registernummer: 088-010OL https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/perioperatives-management-bei-gastrointestinalen-tumoren-pomgat/; Zugriff am 28.11.2025
[10] Pirlich M, Schütz T, Norman K, et al. The German hospital malnutrition study. Clin Nutr. 2006;25:563-72. doi: 10.1016/j.clnu.2006.03.005. Epub 2006 May 15.
[11] Cederholm T, Barazzoni R, Austin P et al. ESPEN guidelines on definitions and terminology of clinical nutrition. Clin Nutr. 2017;36:49-64. doi: 10.1016/j.clnu.2016.09.004.
[12] Kondrup J, Rasmussen HH, Hamberg O et al. Nutritional risk screening (NRS 2002): a new method based on an analysis of controlled clinical trials. Clin Nutr 2003;22:321-36. doi: 10.1016/s0261-5614(02)00214-5.
[13] Loftus TJ, Brown MP, Slish JH et al. Serum Levels of Prealbumin and Albumin for Preoperative Risk Stratification. Nutr Clin Pract. 2019;34:340-348. doi: 10.1002/ncp.10271.
[14] Weimann A, Bezmarevic M, Braga M, et al. ESPEN guideline on clinical nutrition in surgery – Update 2025. Clin Nutr. 2025;53:222-261. doi: 10.1016/j.clnu.2025.08.029.
[15] Spira, D, Norman K, Nikolov J et al. Prevalence and Definition of Sarcopenia in Community Dwelling Older People: Data from the Berlin Aging Study II (BASE-II). Z Gerontol Geriatr. 2016;49:94-9. doi: 10.1007/s00391-015-0886-z.
[16] Richards SJG, Sajith C. Senadeera SC, Frizelle FA. Sarcopenia, as Assessed by Psoas Cross-Sectional Area, Is Predictive of Adverse Postoperative Outcomes in Patients Undergoing Colorectal Cancer Surgery. Dis Colon Rectum 2020;63:807-815. doi: 10.1097/DCR.0000000000001633.
[17] Amélie Cambriel A, Tsai A, Choisy B, et al. Immune Modulation by Personalized vs Standard Prehabilitation Before Major Surgery. A Randomized Clinical Trial. JAMA Surg. 2025;12:e254917. doi: 10.1001/jamasurg.2025.4917.
[18] Boden I, Skinner EH, Browning L, et al. Preoperative physiotherapy for the prevention of respiratory complications after upper abdominal surgery: pragmatic, double blinded, multicentre randomised controlled trial. BMJ 2018;24:360:j5916. doi: 10.1136/bmj.j5916.
[19] Baron DM, Hochrieser H, Posch M et al. Preoperative anaemia is associated with poor clinical outcome in non-cardiac surgery patients. Br J Anaesth. 2014;113:416-23. doi: 10.1093/bja/aeu098.
[20] Tai YH, Wu HL, Mandell MS et al. The association of allogeneic blood transfusion and the recurrence of hepatic cancer after surgical resection. Anaesthesia 2020;75:464-471 doi: 10.1111/anae.14862.
[21] Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Richtlinie Hämotherapie) https://www.wbbaek.de/richtlinien-leitlinien/haemotherapie-transfusionsmedizin/richtlinie/ Zugriff am 07.12.2025
[22] Ärzteblatt, Deutscher Ärzteverlag GmbH, Redaktion Deutsches. „Neue Behandlungsmodelle: Patient Blood Management“. Deutsches Ärzteblatt, 30. April 2021. https://www.aerzteblatt.de/archiv/218906/Neue-Behandlungsmodelle-Patient-Blood-Management.
[23] Kucejko RJ, Holleran TJ, Stein DE.et al. How Soon Should Patients With Colon Cancer Undergo Definitive Resection? Dis Colon Rectum 2020;63:172–182 doi: 10.1097/DCR.0000000000001525

Korrespondierende Autorin: Prof. Dr. med. Natascha Nüssler

Klinik für Allgemein-, Viszeralchirurgie und Koloproktologie

München Klinik Neuperlach

natascha.nuessler@muenchen-klinik.de

Dr. med. Eva-Maria Jacob

Stabsstelle Ernährungsmedizin

München Klinik Neuperlach

Chirurgie

Nüssler N, Jacob EM: Prähabilitation – vom theoretischen Ideal zur praktischen Umsetzung. Passion Chirurgie.
2026 Januar/Februar; 16(01/02):
Artikel 03_03.

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Perioperatives Management – das sind die 10 wichtigsten Maßnahmen

In der modernen Chirurgie spielen viele Maßnahmen bezüglich eines adäquaten prä-, intra- und postoperativen Managements eine relevante Rolle, um die Krankenhausverweildauer sowie die Morbidität und Mortalität der Patient:innen zu reduzieren. Das optimale perioperative Management ist ein interdisziplinäres und interprofessionelles Themengebiet, das sich aus einer Vielzahl an einzelnen Bausteinen zusammensetzt. Von einer guten präoperativen Vorbereitung der Patient:innen, über ein adäquates Narkosemanagement mit minimalinvasiver Operation bis hin zur Versorgung auf Station gibt es viele Punkte zu beachten. Hierbei gibt es nicht die eine entscheidende Maßnahme, vielmehr bauen die einzelnen Punkte aufeinander auf und ergänzen sich. Relevant ist ebenfalls, dass die Patient:innen auch im Rahmen des perioperativen Managements durch eine Fachkraft als Manager der diversen Maßnahmen begleitet und angeleitet werden.[1] Durch den Einsatz der Fachkraft kann die Einhaltung der Maßnahmen, die im weiteren Text beschrieben werden, signifikant gesteigert werden.[2]

Für den deutschsprachigen Raum hat sich mit der POMGAT Leitlinie aus 2023 bereits ein Handlungspfad etabliert, welcher das gesamte Spektrum der Viszeralchirurgie (Ösophagus, Magen, Pankreas, Leber, Kolon und Rektum) abbildet.[1] Auf internationaler Ebene wird diese Leitlinie durch die ERAS®-Guidelines flankiert, welche die einzelnen operativen Gebiete separat thematisieren. Auch wenn der Gedanke der Fast-track-Chirurgie, welche auf einem adäquaten perioperativen Management beruht, bereits vor circa 30 Jahren Einzug in den klinischen Alltag hielt, sind die Maßnahmen hierfür im deutschsprachigen Raum noch nicht flächendeckend etabliert. So zeigten zwei aktuelle Umfragen unter deutschsprachigen Anästhesist:innen und Chirurg:innen auf, dass viele Elemente gar nicht bekannt sind und noch weniger im klinischen Alltag gelebt werden.[3, 4] In diesem Übersichtsartikel sollen die zehn wichtigsten Maßnahmen im Rahmen des perioperativen Managements in Kürze mit Evidenz und den relevanten Informationen für den klinischen Alltag besprochen werden.

1. Präoperative Risikoevaluation

Bei Indikationsstellung zur Operation sollte die Komorbidität der Patient:innen berücksichtigt werden. Gemäß der britischen Leitlinie des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) sollten Screening-Tools (z. B. P-POSSUM, POSSUM) für eine adäquate Stratifizierung der perioperativen Mortalität genutzt werden.[5] Bei weniger komplexen Eingriffen kann der ASA (American Society of Anaesthesiology)-Status, dessen Erhebung mit weniger Aufwand verbunden ist, herangezogen werden.[5, 6] Patient:innen einer höhergradigen ASA-Klasse profitierten beispielsweise durch Prähabilitationsmaßnahmen, die zur Risikoreduktion der postoperativen Komplikationen von bis zu 50 % führen können.[7] Durch weitere einfache Fragebögen lassen sich Risikokonstellation, wie z. B. eine Mangelernährung oder eine Delir-Prädisposition, erkennen.[5] Diese können bereits präoperativ durch eine adäquate Ernährungsberatung oder Delir-Management adressiert werden.

2. Patient Blood Management

Bei maligner Grunderkrankung, z. B. einem kolorektalen Karzinom, weisen 30 %-67 % der Patient:innen eine relevante (Tumor)- Anämie auf, welche mit einem schlechteren Overall-Survival einhergeht.[8] Bei initialer Vorstellung der Patient:innen zur Operation sollte nicht nur der Hämoglobin-Wert, sondern bei erhöhter Wahrscheinlichkeit für eine Eisenmangelanämie ein entsprechendes Panel an Blutwerten abgenommen werden. Bei Vorliegen einer Eisenmangelanämie sollte präoperativ im Rahmen der Prämedikation bevorzugt eine Eiseninfusion verabreicht werden, da diese effektiver als die orale Substitution ist.[9] Durch eine adäquate Gabe von 1-2 g Gramm Eisen (maximal 1 g pro Woche) je nach Ausgangshämoglobinwert ist durch die intravenöse Eiseneingabe ein medianer Anstieg von 1,55 g/dl zu erreichen.[9]

3. PONV (Postoperative Nausea and Vomiting)-Prophylaxe

Das weibliche Geschlecht, Nichtraucher:innen, eine positive Anamnese für PONV oder Reiseübelkeit sowie ein postoperativer Opiatbedarf sind Risikofaktoren für PONV.[10] In diesem Kollektiv sollte eine Kombinationstherapie aus verschiedenen Medikamentenklassen zur Prophylaxe erfolgen.[1] Zur Prophylaxe sollte daher eine intraoperative Gabe von zwei Medikamenten der Substanzklassen 5-HT3-Rezeptorantagonisten, D2-Rezeptorantagonisten, NK1-Rezeptorantagonisten (off-label use) und Kortikosteroide erfolgen.[1, 11] Zudem kann durch den Einsatz einer total intravenösen Anästhesie (TIVA) die PONV-Rate weiter gesenkt werden.[12, 13]

4. Wundinfektions­prophylaxe

Bei viszeralchirurgischen Eingriffen ist mit einer Wundinfektionsrate (Surgical Site Infection), SSI) von 15 % zu rechnen.[14] Verschiedene Maßnahmen fließen in die adäquate Prophylaxe einer Wundinfektion ein. Zentraler Punkt ist die frühzeitige prophylaktische Gabe (60 Minuten vor Hautschnitt) eines Antibiotikums (z. B. 2. Generation Cephalosporin, bei Resektion gastrointestinaler Tumore eine Erweiterung um Metronidazol). Bei Operationen unter drei Stunden ist eine Einzelgabe ausreichend, jedoch sollte die Verabreichung des Antibiotikums bei längeren Operationen wiederholt werden. Ebenfalls relevant ist die Hautdesinfektion mittels Chlorhexidin.[1] Auf eine präoperative Rasur sollte verzichtet werden.[1]

5. Minimalinvasive Chirurgie

Wann immer technisch möglich und sinnvoll sollte ein minimalinvasives Vorgehen (laparoskopisch oder robotisch) dem offenen Verfahren gegenüber bevorzugt werden. Durch einen minimalinvasiven Eingriff kann die postoperative Erholung beschleunigt und dadurch die Liegedauer sowie Morbidität deutlich reduziert werden[15]. Zudem ist bei technischer Expertise die minimalinvasive Chirurgie bei onkologischer Resektion dem offen Verfahren gleichwertig.[16]

6. Drainagemanagement

Wann immer möglich sollte die Anlage einer intraoperativ eingebrachten Drainage vermieden werden. Die Drainagen sind mit erhöhten Infektionsraten und einer Behinderung der Mobilisation der Patient:innen durch verstärkte Schmerzen verbunden, wodurch sich der Krankenhausaufenthalt verlängern kann.[17] Potentielle Ausnahmen stellen Drainagen dar, die eine schnellere Diagnostik bei intraabdomineller Pathologie (Zieldrainagen nach Pankreasresektion) oder der Ableitung erwartbarer relevanter Flüssigkeitsansammlungen dienen (Pleuradrainage nach Ösophagusresektion). Falls – aus spezifischen Gründen – eine Drainage platziert wurde, sollte ihr Nutzen täglich kritisch hinterfragt und eine zeitnahe Entfernung angestrebt werden.

7. Blasenkatheter- und Magensonden­management

Ein Harnblasenkatheter sollte nur bei längeren Operationen zum Monitoring der Nierenfunktion sowie des intraoperativen Flüssigkeitsmanagements eingebracht werden. Idealerweise sollte der Katheter direkt nach der Operation entfernt werden, spätestens innerhalb der ersten 24 Stunden nach der Operation.[1] Eine unmittelbar präoperativ für die OP-Dauer eingebrachte Magensonde sollte direkt am Ende der OP wieder entfernt werden.

8. Multimodale Schmerztherapie

Zentraler Punkt einer raschen Erholung der Patient:innen nach einer Operation ist eine adäquate Analgesie. Hierdurch können eine rasche Mobilisierung und ein zügiger Kostaufbau der Patient:innen erreicht werden. Bei minimalinvasiven Operationen sollte auf die Anlage eines Periduralkatheters verzichtet werden und stattdessen Regionalanästhesieverfahren wie z. B. der „Transversus abdominis plane Block“ bevorzugt werden.[18] Die postoperative Analgesie auf der Normalstation sollte nach Möglichkeit auf dem Boden einer ausreichenden Basisanalgesie (Metamizol oder Paracetamol) erfolgen. Wo immer möglich sollte auf eine prophylaktische Gabe von Opioiden verzichtet werden, um Nebenwirkungen wie eine Darmatonie oder Atemdepression zu reduzieren.

9. Postoperative Ileusprophylaxe

Optimalerweise sollte eine Stimulation des Magendarmtraktes bereits im Aufwachraum durch die Gabe von oraler Flüssigkeit erfolgen. Weitere Stimulationsmaßnahmen können die Gabe von Kaugummi oder Kaffee darstellen.[19–22] Im nächsten Schritt können Laxantien frühzeitig als Prophylaxe beziehungsweise schon zu Beginn von postoperativer Darmatonie eingesetzt werden.[1] Opioide sollten optimalerweise vermieden werden.

10. Mobilisierung

Es ist eine frühzeitige Mobilisierung der Patient:innen anzustreben, um das Risiko einer Pneumonie oder eines Ileus zu reduzieren. Bei minimalinvasiven Eingriffen ist bereits eine Mobilisierung außerhalb des Bettes am Operationstag zu veranlassen. Durch eine Frühmobilisierung kann zusätzlich die Krankenhausverweildauer signifikant reduziert werden.[23] Wichtig ist, dass die Patient:innen bereits präoperativ über die zentrale Bedeutung der Mobilisation aufgeklärt werden und dadurch die Patient:innen-Motivation gestärkt wird, sich eigenständig und regelmäßig postoperativ zu mobilisieren. [24]

Zusammenfassung

Die in dieser Kurzübersicht aufgeführten Maßnahmen sollen zu einer schnelleren Genesung der Patient:innen, einem kürzeren Krankenhausaufenthalt und einer geringeren Gesamtkomplikationsrate führen. Die Maßnahmen stellen dabei keine einzelnen Handlungen dar, sondern fungieren als Gesamtkonzept. So führt beispielsweise ein adäquates Schmerzmanagement mit der Vermeidung oraler Opioide zu einer schnelleren Mobilisierung der Patient:innen und wiederum zu einer Reduktion der Rate an postoperativen Darmatonien. Für die erfolgreiche Umsetzung aller Maßnahmen und die Koordination zwischen den einzelnen beteiligten Fachdisziplinen ist der Einsatz einer entsprechenden Fachkraft für perioperatives Management („ERAS Nurse“) ratsam.

Literatur

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[2]   Forsmo, H.M., et al., Compliance with enhanced recovery after surgery criteria and preoperative and postoperative counselling reduces length of hospital stay in colorectal surgery: results of a randomized controlled trial. Colorectal Dis, 2016. 18(6): p. 603-11.
[3]   Willis, M.A., et al., Adherence to fast track measures in colorectal surgery-a survey among German and Austrian surgeons. Int J Colorectal Dis, 2023. 38(1): p. 80.
[4]   Willis, M.A., et al., [Implementation of fast-track measures in colorectal resections : A survey among members of the DGAI]. Anaesthesiologie, 2022. 71(7): p. 510-517.
[5]   National Institute for Health and Care Excellence: Guidelines, in Perioperative care in adults. 2020, National Institute for Health and Care Excellence (NICE); Copyright © NICE 2020.: London.
[6]   Doyle, D.J., J.M. Hendrix, and E.H. Garmon, American Society of Anesthesiologists Classification, in StatPearls. 2024, StatPearls Publishing; Copyright © 2024, StatPearls Publishing LLC.: Treasure Island (FL).
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[9]   Keeler, B.D., et al., Randomized clinical trial of preoperative oral versus intravenous iron in anaemic patients with colorectal cancer. Br J Surg, 2017. 104(3): p. 214-221.
[10] Apfel, C.C., et al., A simplified risk score for predicting postoperative nausea and vomiting: conclusions from cross-validations between two centers. Anesthesiology, 1999. 91(3): p. 693-700.
[11] Weibel, S., et al., Drugs for preventing postoperative nausea and vomiting in adults after general anaesthesia: a network meta-analysis. Cochrane Database Syst Rev, 2020. 10(10): p. Cd012859.
[12] Schaefer, M.S., et al., Total intravenous anaesthesia versus single-drug pharmacological antiemetic prophylaxis in adults: A systematic review and meta-analysis. Eur J Anaesthesiol, 2016. 33(10): p. 750-60.
[13] Schraag, S., et al., Propofol vs. inhalational agents to maintain general anaesthesia in ambulatory and in-patient surgery: a systematic review and meta-analysis. BMC Anesthesiol, 2018. 18(1): p. 162.
[14] Allegranzi, B., et al., New WHO recommendations on intraoperative and postoperative measures for surgical site infection prevention: an evidence-based global perspective. Lancet Infect Dis, 2016. 16(12): p. e288-e303.
[15] Gaertner, J., et al., Effect of specialist palliative care services on quality of life in adults with advanced incurable illness in hospital, hospice, or community settings: systematic review and meta-analysis. Bmj, 2017. 357: p. j2925.
[16] Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF): Kolorektales Karzinom, Langversion 3.0, WMF-Registernummer: 021-007OL. 2025.
[17] Intraperitoneal drain placement and outcomes after elective colorectal surgery: international matched, prospective, cohort study. Br J Surg, 2022. 109(6): p. 520-529.
[18] Gustafsson, U.O., et al., Guidelines for perioperative care in elective colorectal surgery: Enhanced Recovery After Surgery (ERAS) Society recommendations 2025. Surgery, 2025. 184: p. 109397.
[19] Yang, T.W., et al., The effect of coffee/caffeine on postoperative ileus following elective colorectal surgery: a meta-analysis of randomized controlled trials. Int J Colorectal Dis, 2022. 37(3): p. 623-630.
[20] Kane, T.D., T.D. Tubog, and J.R. Schmidt, The Use of Coffee to Decrease the Incidence of Postoperative Ileus: A Systematic Review and Meta-Analysis. J Perianesth Nurs, 2020. 35(2): p. 171-177.e1.
[21] Mei, B., et al., Chewing Gum for Intestinal Function Recovery after Colorectal Cancer Surgery: A Systematic Review and Meta-Analysis. Gastroenterol Res Pract, 2017. 2017: p. 3087904.
[22] Roslan, F., et al., The Impact of Sham Feeding with Chewing Gum on Postoperative Ileus Following Colorectal Surgery: a Meta-Analysis of Randomised Controlled Trials. J Gastrointest Surg, 2020. 24(11): p. 2643-2653.
[23] Ahn, K.Y., et al., The effects of inpatient exercise therapy on the length of hospital stay in stages I-III colon cancer patients: randomized controlled trial. Int J Colorectal Dis, 2013. 28(5): p. 643-51.
[24] Wiesenberger, R., et al., Influence of motivational interviewing on postoperative mobilization in the enhanced recovery after surgery (ERAS®) pathway in elective colorectal surgery – a randomized patient-blinded pilot study. Langenbecks Arch Surg, 2024. 409(1): p. 134.

Korrespondierende Autorin:
Prof. Dr. med. Julia Hardt

Sektionsleiterin Darmchirurgie

Chirurgische Klinik

Universitätsmedizin Mannheim

Universitätsklinikum Heidelberg

Mario Kaufmann

Chirurgische Klinik

Universitätsmedizin Mannheim

Universitätsklinikum Heidelberg

mario.kaufmann@umm.de

Prof. Dr. med. Christoph Reißfelder

Direktor der Chirurgischen Klinik

Universitätsmedizin Mannheim

Universitätsklinikum Heidelberg

Chirurgie

Kaufmann M, Reißfelder C, Hardt J: Perioperatives Management – das sind
die 10 wichtigsten Maßnahmen.
Passion Chirurgie. 2026 Januar/Februar; 16(01/02): Artikel 03_01.

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12. D-Arztforum in Dortmund

Klare Kante in der Gesundheitspolitik und neue Impulse für die Unfallversorgung

„Das wird stark“, hatte BDD-Präsident Dr. Jens-Peter Stahl im Vorfeld versprochen – und er sollte Recht behalten. Vom 4. bis 6. Dezember 2025 versammelten sich Durchgangsärztinnen und -ärzte, deren ständigen Vertreter und Vertreterinnen sowie Vertreter der gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV), der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des BNC zum 12. D-Arztforum in Dortmund. Inhaltlich bot das Forum ein breites Spektrum seitens der Ärztekammer und der DGUV zertifizierter Fortbildungen in der Kindertraumatologie, Begutachtung und im Rehamanagment.

In der Kindertraumatologie wurden neben den immerwährenden Themen typischer Verletzungen und deren Behandlung vor allem auch das Management von Komplikationen offen angesprochen und diskutiert.

In der Begutachtung erläuterten Experten aktuelle Urteile und gaben praktische Tipps für die rechtssichere Erstellung von Gutachten, einem Bereich, der für viele D-Ärzte zunehmend an Komplexität gewinnt.

In der Session Rehamedizin und Rehamanagment wurden unter anderem neue digitale Konzepte in der Nachbehandlung von Unfallverletzen vorgestellt.

Alle drei Kurse waren mit hochrangigen Referenten besetzt und das Niveau der Veranstaltung lag entsprechend hoch, was von den Teilnehmern auch sehr wertschätzend kommuniziert wurde.

Die politische Positionierung des Durchgangsarztes in einem zunehmend digitalisierten und ökonomisch angespannten Gesundheitswesen stand in diesem Jahr im Fokus. Die Stärkung und Abgrenzung des SGB VII zum SGB V wurde eindringlich gefordert, um die hohe Qualität der Versorgung gesetzlich Unfallversicherter weiter gewährleisten zu können. So dürfen etwa Regelungen des SGB V nicht einfach in den Wirkungsbereich des SGB VII übernommen werden. Der Nachwuchs in der D-Arzt Praxis muss zudem mehr angesprochen werden, um das System der Behandlung Unfallverletzter weiter flächendeckend aufrecht erhalten zu können. Dies bedeutet auch, dass die ambulante D-Arztpraxis in die Ausbildung des Nachwuchses miteinbezogen werden sollte.

Politischer Vormittag: Dialog auf Augenhöhe

Ein Höhepunkt der Veranstaltung war der „Politische Vormittag“ am Samstag, den 6. Dezember. In einer Zeit, in der die ambulante und stationäre Notfallversorgung gleichermaßen unter Druck stehen und neue Strukturen z. B. in den Zentralen Notaufnahmen eingeführt wurden und stetig geschärft werden, betont der Bundesverband der Durchgangsärzte e. V., dass den Anforderungen der unfallchirurgischen Primärversorgung u. a. mit der Aufgabe der primär hoheitlichen Tätigkeit des D-Arztes Rechnung getragen werden muss. Diskutiert wurde diesbezüglich auch die Umsetzung der durchgangsärztlichen Versorgung in der Zentralen Notaufnahme eines Hauses als organisatorische Herausforderung, da die strengen formalen Vorgaben der DGUV mit den hochfrequenten Abläufen einer interdisziplinären Zentralen Notaufnahme in Einklang gebracht werden müssen. Die Umsetzung dieser Prozesse sollten in den einzelnen Häusern durch die DGUV überwacht werden. Die primäre Diagnostik und Versorgung eines Unfallpatienten bedarf eines Unfallchirurgen, eines weisungsungebundenen D-Arztes!

Diskutiert wurden die aktuellen gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen, die die Arbeit der D-Ärzte massiv beeinflussen. Eine zentrale Forderung blieb die angemessene Honorierung hochspezialisierter Leistungen, die D-Ärzte täglich erbringen. „Wir sind Partner der DGUV, aber wir brauchen eine Partnerschaft, die auch die wirtschaftlichen Realitäten der Kliniken und Praxen abbildet“, so der Tenor der berufspolitischen Debatten. Während die Einnahmen nach der Reform der UV-GOÄ im Juli 2025 um 4,41 % gestiegen sind, so liegen die Kostensteigerungen für Personal, Material und Energie eher im Bereich von 8–10 %.

Die Anwesenheit von Vertretern aus Politik und Selbstverwaltung auf dem D-Arzt-Forum ermöglichte einen direkten und konstruktiven Schlagabtausch über die Zukunft des berufsgenossenschaftlichen Heilverfahrens. Alle Teilnehmenden waren sich darüber einig, dass es sich bei dem Heilverfahren auf der Basis des SGB VII um ein System mit einer hohen Qualität und Struktur handelt, das unbedingt zukunftssicher weiterentwickelt werden und sich zudem eindeutig von den Maßgaben des SGB V abgrenzen muss. Das verfahren ist hocheffizient, was sich auch in den Bemühungen um eine stete Ausweitung der Versicherten (Bundespolizei, Bundeswehr) zeigt.

Diesbezüglich ist die Situation spezialisierter D-Arzt-Praxen und -Kliniken von einem erheblichen Kostendruck gekennzeichnet, um den hohen Anforderungen einer qualitativ hochwertigen Versorgung der Verletzten mit allen erforderlichen Mitteln gerecht werden zu können. Es gilt wirksam drohendem Personalmangel und Leistungseinschränkungen entgegenzuwirken.

Eine wirkliche Weiterentwicklung ist im ambulanten, aber auch stationären Bereich nur mit gemeinsamer Anstrengung aller Durchgangsärzte und ihrem Engagement möglich.

Networking in westfälischer Atmosphäre

Dass der kollegiale Austausch nicht zu kurz kam, dafür sorgte das Rahmenprogramm. Der Tagungsort in den Räumlichkeiten der traditionsreichen Dortmunder Actien-Brauerei bot den passenden Hintergrund für das „Get-together“ im historischen Sudhaus am Freitagabend. In persönlichen Gesprächen über Sektorengrenzen hinweg tauschten sich Niedergelassene und Klinikärzte bei hervorragender italienischer Musik über die Versorgungsrealitäten aus.

Fazit

Das 12. D-Arzt Forum hat erneut bewiesen, dass es mehr ist, als eine reine Fortbildungsveranstaltung. Es ist das zentrale Sprachrohr einer Berufsgruppe, die als Rückgrat der traumatologischen Versorgung in Deutschland fungiert. Mit einem klaren Auftrag für die politische Arbeit und frischem Fachwissen im Gepäck blicken die Teilnehmer nun auf das kommende Jahr 2026.

Korrespondierender Autor:

Dr. med. Dirk Arbter

Orthospine Magdeburg

Lübecker Straße 32

39124 Magdeburg

dirk-arbter@t-online.de

Dr. med. Jens-Peter Stahl

Direktor

Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie

Klinikum Dortmund gGmbH

Gesundheitspolitik

Arbter D, Stahl JP: 12. D-Arztforum in
Dortmund. Passion Chirurgie.
2026 Januar/Februar; 16(01/02):
Artikel 05_03.

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