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Akademie Aktuell: Erfahrungsbericht ORSI Summer School 2022

Hintergrund der Reise

Über den exzellenten Kontakt unseres leitenden Oberarztes – Herrn Prof. Hans Fuchs – zu der ORSI Academy in Belgien, hatten wir als zwei Assistenzärzte der Chirurgie der Uniklinik Köln die Möglichkeit, an der „ORSI Summer School“ im August 2022 teilzunehmen. Insgesamt nahmen 24 junge Chirurg:innen aus Deutschland, Italien und Belgien an der Veranstaltung teil.

Die Summer School ist eine europäische Initiative mit Unterstützung des BDC zur Förderung des chirurgischen Nachwuchses. So sollte uns und den anderen Kursteilnehmer:innen die Möglichkeit geboten werden, in einem der modernsten und innovativsten europäischen Trainingszentren für minimalinvasive und roboterassistierte Chirurgie, einen Einstieg in robotische Simulation und Laparoskopie aber auch klassische Hands-on-Nahttechniken zu gewinnen.

So machte sich die Kölner Delegation – neben Herrn Prof. Fuchs und uns als Kursteilnehmer gehörten noch Herr Prof. Schmidt und Herr PD Dr. Datta als Trainer dazu – also auf den Weg zur ORSI Academy nach Melle (unweit von Gent) in Belgien.

Die Fahrt nach Belgien

Mit guter Laune aufgrund der zwei anstehenden klinikfreien Tage und in vorfreudiger Stimmung auf die Erlebnisse an und rund um die ORSI Summer School machten wir uns also gemeinsam am Morgen des 18. August mit dem Auto auf den Weg Richtung Belgien: So eine Fahrt abseits des Klinikalltags ist immer gut, um auch das Gruppengefühl und Team-Building innerhalb einer Abteilung zu stärken!

Als junge Chirurg:innen können wir von den Erfahrungen der älteren Kolleg:innen profitieren und so tauschten wir uns schon während der Fahrt über etliche medizinische und weniger medizinische Themen aus.

Herr Prof. Fuchs konnte zudem von seinen vorherigen Aufenthalten am ORSI berichten und uns wurde klar, dass es sich dabei um ein einmaliges Trainingscenter handelt, das hinsichtlich des Erlernens von robotisch assistierter Chirurgie seinesgleichen sucht!

Angekommen am ORSI

Angekommen an der ORSI Academy wurden wir und die anderen Kursteilnehmer:innen durch die Vertreter:innen des Junior ORSI – eine Unterorganisation der ORSI Academy, die sich vor allem an Studierende und junge Mediziner:innen richtet – herzlich begrüßt.

Mit etwas Verspätung stieß auch die italienische Delegation unter der Leitung von Herrn Dr. Stefano Puliatti, der zusammen mit Herrn Prof. Fuchs die wissenschaftliche Leitung der ORSI Summer School bildet, hinzu.

Neben den herausragenden Möglichkeiten zum Einstieg in die roboterassistierte Chirurgie bietet die Summer School für interessierte Studierende oder angehende Chirurg:innen vor allem auch die Möglichkeit, ein erstes Netzwerk miteinander auszubilden.

Hands-on-Chirurgie

Nach einer Einführungsvorlesung über die Geschichte und die heutigen Möglichkeiten der ORSI Academy begaben wir uns zeitnah in medias res:

Unter der Anleitung der Mitarbeiter:innen des ORSI sowie der mitgereisten Dozent:innen durchliefen wir mehrere Stationen, die einen Einstieg in erste chirurgische Fertigkeiten bieten sollten. Hiervon profitierten vor allem die mitgereisten Studierenden: So konnten diese unter anderem chirurgisches Knoten und das Einwaschen und Einkleiden vor einer Operation üben. Für die anderen Teilnehmer:innen bot sich mit ersten Übungen am DaVinci-Chirurgiesystem als Einstieg in die roboterassistierte Chirurgie ein Highlight des ersten Tages.

Nach einem gemeinsamen Barbecue an der Academy, bei dem sich alle Teilnehmer:innen und Dozent:innen besser kennenlernen und vernetzen konnten, ging es für uns in das Hotel in das nahe liegende Gent.

Social activities während der ORSI Summer School

Zu jeder nachhaltig in Erinnerung bleibenden Fortbildungsveranstaltung gehört wohl das entsprechende Freizeit- und Abendprogramm:

Dank der hervorragenden Organisation durch die Studierenden des Junior ORSI durften die Teilnehmer:innen der ORSI Summer School neben den Veranstaltungen an der Academy auch das nahe liegende Gent näher kennenlernen.

Am ersten Abend folgte auf das gemeinsame Abendessen eine Tour durch die historische Altstadt von Gent mit Zwischenstopps in den beliebtesten Bars der Einheimischen. Hier konnte das ein oder andere typisch belgische Bier ausgiebig getestet werden.

Ein weiteres Highlight stellte die Bootsfahrt an Tag zwei dar: Über einen Kanal, der quer durch den Stadtrand Gents verläuft, durften wir die schönen Wohngegenden der Stadt vom Wasser aus kennenlernen.

Besonders in Erinnerung bleibt wohl der letzte Abend während der Summer School: Dank reger Beteiligung aller Teilnehmer:innen und sogar einiger Dozent:innen aus Italien, Belgien und Deutschland wurden hier sicherlich nachhaltige Kontakte und sogar Freundschaften geknüpft.

DaVinci Live Surgery

Nachdem wir uns an den ersten beiden Tagen an der ORSI Academy erste chirurgische Skills an den DaVinci-Chirurgiesystemen aneignen durften, folgte am dritten Kurstag folgerichtig die erste echte Operationssimulation.

Herr Dr. Puliatti – seines Zeichens Urologe an der Uniklinik in Modena und genau wie Herr Prof. Fuchs ein Spezialist auf dem Gebiet der robotischen Chirurgie – hatte zum Training der robotisch assistierten Prostatektomie an der ORSI Academy ein Simulationsmodell an einem Hühnerkadaver entwickelt, das die Anastomose zwischen Blase und Harnröhre nachbilden soll.

Die meisten Teilnehmer:innen konnten sich am ersten Kurstag wahrscheinlich kaum vorstellen, dass sie durch gute Vorbereitung in den Vorträgen und Skilltrainings am dritten Tag des Kurses unter Anleitung der Mitarbeiter:innen des ORSI eine solche Simulation durchführen und teilweise sogar erfolgreich abschließen würden.

Abschließende Worte

Stellvertretend für alle Teilnehmer:innen der ORSI Summer School 2022 dürfen wir festhalten, dass die Fortbildungsreise an die Academy nach Belgien sowohl für chirurgisch interessierte Studierende als auch junge Assistenzärzt:innen der Chirurgie eine äußerst lohnenswerte Veranstaltung darstellt.

Für viele ist das Interesse an innovativen Techniken in der Chirurgie sicherlich nachhaltig geweckt worden und einige von uns werden für weiterführende Veranstaltungen erneut an das ORSI reisen.

Daher gilt an dieser Stelle ein besonderer Dank den Veranstaltern und Unterstützern dieser Initiative!

Informationen und Anmeldung über www.bdc.de (Rubrik BDC|Akademie, Fachgebiet Allgemeinchirurgie)

Abb. 1, 2: Impressionen aus der ORSI Summer School

BDC|Akademie

ORSI Summer School

Nächster Termin vom 17.08. bis 19.08.2023 in Gent

Wissenschaftliche Leiter: Prof. Dr. med. Hans Fuchs, Dr. med. Stefano Puliatti

Die ORSI Summer School ist eine europäische Initiative mit Unterstützung des BDC zur Förderung des chirurgischen Nachwuchses. Eingeladen sind Studierende der letzten klinischen Fachsemester und Berufseinsteiger:innen im ersten chirurgischen Weiterbildungsjahr. Das ORSI ist eines der modernsten und innovativsten europäischen Trainingszentren für minimalinvasive und roboterassistierte Chirurgie. Trainiert werden Laparoskopie, robotische Simulation und Robotik-Wetlab aber auch die klassischen Hands-On Nahttechniken. Übernachtungsmöglichkeiten werden vor Ort angeboten, Social Activities helfen ein erstes Netzwerk zu gründen.

Anmeldung über www.bit.ly/ORSI2023

Korrespondierender Autor:

Dr. med. Karl Knipper

Assistenzarzt

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Tumor- und Transplantationschirurgie

Uniklinik Köln (AöR)

Kerpener Straße 62

50937 Köln

karl.knipper@uk-koeln.de

Anders Grabenkamp

Assistenzarzt

Klinik und Poliklinik für Allgemein-, Viszeral-, Tumor- und Transplantationschirurgie

anders.grabenkamp@uk-koeln.de

Chirurgie+

Knipper K, Grabenkamp A: Erfahrungsbericht ORSI Summer School 2022. Passion Chirurgie. 2023 März; 13(03): Artikel 04_02.

Weitere Artikel zum Thema finden Sie auf BDC|Online (www.bdc.de) unter der Rubrik Wissen | Aus-, Weiter- & Fortbildung.

Passion Chirurgie im Januar/Februar: Chirurgische Versorgung in Kriegs-, Terror- und Katastrophensituationen

Hier geht´s zur digitalen Ausgabe! 

Unsere erste Ausgabe 2023 befasst sich mit dem Thema „Chirurgische Versorgung in Kriegs-, Terror- und Katastrophensituationen“. Als wir im Sommer vergangenen Jahres den Redaktionsplan 2023 erstellten, wussten wir, dass wir dieses Thema aufgrund des andauernden Kriegs Russlands gegen die Ukraine als Schwerpunkt nehmen müssen. Das verheerende Erdbeben in der Türkei und in Syrien Anfang Februar mit tausenden Opfern hat gezeigt, dass Krieg, Terror und Katastrophen mittlerweile nicht mehr punktuell, sondern in immer engerer Taktung und oft kombiniert zu erwarten sind. Wir möchten allen unseren größten Respekt aussprechen, die sich für die Menschen in diesen Regionen engagieren.

Und ein Jubiläum steht an: BDC-Präsident Prof. Dr. med. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer feiert am 21. Februar seinen 75sten Geburtstag. Er wird allerdings an dem Tag in Polen sein, wo er von der Kopernikanischen Akademie in die Kammer für medizinische Wissenschaften aufgenommen werden wird. Herzlichen Glückwunsch!

Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre
Ihr PASSION CHIRURGIE-Team

P.S.: Zwei Highlights der BDC-Akademie: Die ersten Veranstaltungstermine für die HERNIENSCHULE stehen an! Zum Programm und Informationen... Außerdem findet am 15. Februar um 18:00 Uhr das nächste kostenlose BDC|Webinar statt, diesmal zum Thema „Anastomosentechnik bei Morbus Chron“. HIER geht es zur Anmeldung.

Organspende in Deutschland: weiterhin keine Erholung in Sicht

PANORAMA
Organspende in Deutschland: weiterhin keine Erholung in Sicht

Auch 2022, im dritten Jahr nach der großen Reform des Transplantationsgesetzes 2019, verharrten die Spenderzahlen auf niedrigem Niveau. Damit bleibt die hiesige Situation der Patientinnen und Patienten auf der Warteliste für eine Organtransplantation auch weiterhin dramatisch.

Bis Ende November 2022 gab es bundesweit 796 Organspender und Organspenderinnen in den rund 1.200 Entnahmekrankenhäusern, 7 Prozent weniger als im vergleichbaren Zeitraum des Jahres 2021. Auch die Summe der entnommenen Organe, die von Januar bis November für eine Transplantation an die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant gemeldet werden konnten, sank von 2.671 im Jahr 2021 auf 2.450 im Jahr 2022, was einen Rückgang um 8,3 Prozent bedeutet. Nach einem unerwarteten Einbruch der Organspendezahlen um beinahe 30 Prozent in den ersten vier Monaten 2022 fand zwar eine Stabilisierung auf dem Niveau der Vorjahre statt, doch insgesamt hat sich 2022 bis Ende November der Organmangel im Vergleich zu den Vorjahren sogar noch einmal weiter verschärft (Abb. 1 und 2).

Aus dem Eurotransplant-Verbund konnten hierzulande im vergangenen Jahr von Januar bis Ende November 2.569 Organe transplantiert werden, im Vergleichszeitraum 2021 waren es 2.740 (Abb. 3). Somit wurden in Deutschland 119 Organe mehr transplantiert als gespendet wurden, sodass wir innerhalb der Eurotransplant-Staaten, zu denen noch Belgien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Kroatien, Slowenien und Ungarn gehören, weiterhin ein Importland bleiben, was Organe betrifft.

Statt der Trendwende kam Covid-19

Mit dem im April 2019 in Kraft getretenen Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende [4] waren zu Recht sehr viele Erwartungen verknüpft – sollte dieses doch eine Art Neustart bei der Organspende in Deutschland bewirken. Dass dabei insbesondere die klinikinternen Reformen wie z. B. die Freistellung von Transplantationsbeauftragten eine gewisse Zeit brauchen, um umgesetzt zu werden, war allen Beteiligten an der Gemeinschaftsaufgabe Organspende bewusst. Doch kaum erhofften wir uns angesichts vorsichtig steigender Organspendezahlen zu Beginn des Jahres 2020 erste Erfolge des neuen Gesetzes zu erzielen, breitete sich kurze Zeit später auch hierzulande die Coronavirus-Pandemie aus, die seitdem direkten und indirekten Einfluss auf die Arbeit in den Kliniken und damit auch die Organspende nimmt.

Erfreulicherweise kam es bei uns insbesondere zu Beginn der Pandemie nicht zu jenen massiven Einbrüchen wie in anderen europäischen Ländern, die teils Einbußen im zweistelligen Bereich verzeichnen mussten. Dank der Struktur unseres Gesundheitssystems und dem sehr engagierten Personal in den Kliniken blieben die Organspendezahlen über den Pandemieverlauf von 2020 und 2021 durchweg fast annähernd auf dem Niveau von 2019 (postmortale Organspenderinnen und Organspender Januar bis November 2019: 862; 2020: 852, 2021: 856). Jedoch führten die coronabedingten außergewöhnlichen Belastungen dann zuletzt zu Beginn des Jahres 2022 doch noch zu einem stärkeren Rückgang als erwartet.

Abb. 1: Postmortale Organspender in Deutschland. Veränderung zum Vorjahr in Prozent, Januar bis November 2022* [1]

Abb. 2: Postmortal gespendete Organe in Deutschland. Veränderung zum Vorjahr in Prozent, Januar bis November 2022* [2]

Abb. 3: Transplantierte Organe in Deutschland nach postmortaler Spende. Veränderung zum Vorjahr in Prozent, Januar bis November 2022* [3]

Denn der Jahreswechsel 2021/2022 ging mit dramatisch weniger Organspenden einher. Einer der Gründe waren in den Kliniken auch die hohen Personalausfälle, die die Omikronwelle mit sich brachte. Ein weiterer Grund: Eine nicht unerhebliche Zahl potenzieller Organspender war selbst SARS-CoV-2-positiv und wurde gemäß internationaler Empfehlungen vorsorglich von einer möglichen Spende ausgeschlossen. Erst im Verlauf des Frühjahrs 2022 wurde dies geändert, nachdem zunehmend Erfahrungen aus anderen Ländern vorlagen, die zeigten, dass bei sorgfältiger Spendercharakterisierung eine Transplantation von Organen von SARS-CoV-2-positiven Spenderinnen und Spendern vertretbar erscheint. In diesem Sinne äußerte sich auch die Bundesärztekammer in einem im Mai mit weiteren Experten veröffentlichten Positionspapier. Seitdem können nach sorgfältiger Abwägung der Risiken und Chancen auch Organe von diesen Verstorbenen vermittelt werden.

Seit Mai 2022 befinden sich die Organspendezahlen wieder auf dem Niveau der Vorjahre. Gleichzeitig hat sich die Kontaktaufnahmen der Kliniken zur DSO nochmals erhöht, ein Trend, der sich erfreulicherweise nun bereits über mehrere Jahre fortsetzt, was aber leider bislang noch nicht zu der erhofften Zunahme der Spenden geführt hat.

Auswirkungen der Pandemie auf die gesetzlichen Reformen

Viele Maßnahmen des Gesetzes aus dem Jahr 2019 konnten durch die pandemiebedingte Belastung des gesamten Gesundheitswesens nicht in dem Umfang zeitnah umgesetzt werden, wie es wünschenswert und notwendig gewesen wäre. Zudem wird eine Verschärfung des Personalmangels in vielen Kliniken berichtet. Dies macht sich insbesondere bei so komplexem Abläufen wie einer Organspende bemerkbar – sie stellen eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe dar, die nicht nur intensivmedizinische Expertise, sondern auch Zeit und Ressourcen braucht. Gerade für kleinere Häuser ist sie ein eher seltenes Ereignis und damit eine zusätzliche Herausforderung.

Pflegerischer und ärztlicher Personalmangel sowie die fehlende Kapazität an Intensivbetten sahen die Transplantationsbeauftragten in den Entnahmekliniken dann auch als Hauptgrund für rückläufige Organspenden im ersten Quartal 2022. Dies ergab eine Online-Umfrage der DSO vom Herbst 2022, an der sich knapp 400 Transplantationsbeauftragte beteiligten [5]. Weitere Faktoren seien frühzeitige Therapielimitierungen und Ablehnungen durch Angehörige. Infektionen potenzieller Organspenderinnen und Organspender mit SARS-CoV-2 hatten hingegen laut Erhebung eine viel geringere Relevanz.

Was brachte das neue Gesetz von 2022?

Es wurde im Januar 2020 verabschiedet und trat zum 1. März 2022 in Kraft – das Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende [6] soll die Aufklärung der Bevölkerung über Organspende und die Willensbildung fördern. Denn letztlich können in Deutschland Organe nur dann gespendet werden, wenn eine Zustimmung dafür vorliegt.

Informiert und aufgeklärt werden sollen die Bürgerinnen und Bürger z. B. in den Ämtern, wenn sie einen neuen Pass oder Ausweis beantragen oder verlängern wollen. Die Hausärzte/-ärztinnen sollen zusätzlich alle zwei Jahre bei Bedarf ihre Patientinnen und Patienten zum Thema Organspende beraten – und ihre Entscheidung für oder gegen eine Organ- und Gewebespende soll dann in einem Online-Register dokumentiert werden können.

Bereits im Vorfeld gab und gibt es jedoch Diskussionen um Nachbesserungsbedarf. So herrscht bezüglich der Aufklärungsarbeit in den Ämtern noch Uneinigkeit über die Zuständigkeiten.

Ein anderer und für uns sehr wichtiger Punkt wurde auf unser Bestreben hin und dem der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) bereits rechtzeitig zum Inkrafttreten am 1. März 2022 umgesetzt: So können die Ärztinnen und Ärzte nun bereits Einsicht in das Online-Register bekommen, wenn der irreversible Hirnfunktionsausfall unmittelbar bevorsteht oder als bereits eingetreten vermutet wird. Somit kann der Wille der Patientinnen und Patienten bezüglich einer Organspende bei Therapieentscheidungen am Ende des Lebens im Sinne der Patientenautonomie entsprechend umgesetzt werden – und diese Regelung geht auch konform mit den Vorgaben in der Richtlinie Spendererkennung der Bundesärztekammer.

Der Start des Online-Registers hat sich nun aber bereits verzögert und wird aktuell mit frühestens Ende 2023/Anfang 2024 benannt. Zudem wird es den gewünschten Erfolg nur dann bringen, wenn möglichst viele Menschen ihren Willen über die Organspende dort auch dokumentieren. Der Zugang muss daher möglichst niederschwellig sein, gleichzeitig aber den aktuellen Datenschutzbestimmungen genügen – und hier könnte eine bürokratische Hürde den gut gemeinten Ansatz zunichtemachen. Denn einen Eintrag kann man nach bisheriger Planung nur mittels Personalausweis mit Online-Ausweisfunktion vornehmen. Wer diesen noch nicht hat bzw. nicht haben möchte, wird weiterhin die Dokumentation seiner oder ihrer Entscheidung in einem Organspendeausweis oder einer Patientenverfügung vornehmen müssen

Bei der Aufklärung in den Hausarztpraxen gibt es erste Erfolge: Hier hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung umfangreiches Informationsmaterial bereitgestellt – zum einen zur Abgabe an die Patientinnen und Patienten, zum anderen, um das Wissen der Hausarztpraxen selber zu erhöhen. Auch die DSO bietet in ihrem E-Learning-Modul für Arztpraxen umfangreiches Info- und Lernmaterial zur Organspende an.

Ob das neue Gesetz mit den beschriebenen Maßnahmen dann tatsächlich zu einer Steigerung der Zustimmung zur Organspende in der Bevölkerung führt, werden wir allerdings frühestens in einigen Jahren sehen.

Fokus auf die Angehörigenbetreuung

Auch wenn die Situation der Organspende in den Kliniken weiterhin Grund zur Sorge gibt, hat sich zumindest einiges getan, was die Wertschätzung der Organspenderinnen und Organspender und ihrer Angehörigen betrifft. Denn mit dem Gesetz von 2019 wurden die Rahmenbedingungen für die Angehörigenbetreuung neu definiert bzw. offiziell in die Hände der DSO gelegt. Dabei haben wir die Begleitung und Unterstützung der Angehörigen schon immer als wesentlichen Bestandteil unserer Arbeit angesehen. So bieten wir den Kliniken in der Akutsituation an, dass unsere Koordinatorinnen und Koordinatoren das Angehörigengespräch zur Einwilligung in die Organspende gemeinsam mit dem behandelnden Arzt bzw. der Ärztin führt. Zudem stehen sie den Angehörigen jederzeit als Ansprechpartner im Organspendeprozess auf der Intensivstation sowie bei der Abschiednahme nach einer Organspende zur Verfügung. Auch nach Abschluss der Organspende kümmern wir uns weiterhin um die Spenderfamilien. Dazu gehören die Durchführung von Angehörigentreffen, die Information der Angehörigen über das Ergebnis der Organtransplantation in anonymisierter Form und zudem die Weiterleitung von anonymen Dankesbriefen des Organempfängers bzw. der -empfängerin an die nächsten Angehörigen sowie anonymer Antwortschreiben der nächsten Angehörigen an den Organempfänger bzw. die -empfängerin über das Transplantationszentrum, in dem das Organ übertragen wurde. Die Voraussetzung für die Weiterleitung solcher Briefe ist, dass beide Seiten ihr Einverständnis dafür erteilt haben.

Förderung der öffentlichen Wertschätzung

Die gesetzlichen Änderungen von 2019 haben den rechtlichen Rahmen für die Angehörigenbetreuung geschaffen. Um auch die gesellschaftliche Anerkennung der Organspender stärker zu fördern, hat der Gemeinschaftliche Initiativplan Organspende [7], der das verabschiedete Gesetz in der Praxis seit Sommer 2019 begleitet, den öffentlichen Dank an alle Organspenderinnen und Organspender mittels Veranstaltungen, Online-Angeboten und Gedenkstätten als eine seiner Maßnahmen aufgeführt.

Auch hier wurde bereits einiges erfolgreich umgesetzt: So fand bereits im Herbst 2019 die von der DSO organisierte erste „Zentrale Veranstaltung zum Dank an die Organspender“ im Park des Dankens, des Erinnerns und des Hoffens in Halle (Saale) statt. Bei diesem überregionalen jährlichen Treffen kommen Spenderfamilien, Organempfängerinnen und Organempfänger, Wartelistenpatientinnen und -patienten sowie Menschen aus Medizin und Politik zusammen, um der verstorbenen Organspender und -spenderinnen zu gedenken. Dieses Danken und Gedenken wird durch eine Baumpflanzaktion als Zeichen der Verbundenheit von Organspendern und -empfängern begleitet.

Aber auch in anderen Regionen Deutschlands finden mittlerweile solche öffentlichen Würdigungen für Organspender und deren Angehörige statt. So gibt es seit 2015 im Saarland die „Oasen geschenkten Lebens“ und seit 2021 das DANK-Mal auf dem Gelände der Charité Berlin, Campus Virchow, sowie eine Gedenkstätte im Patientengarten des Schwarzwald-Baar-Klinikums in Villingen-Schwenningen. Seit Herbst 2020 steht darüber hinaus die Plattform www.dankesbriefe-organspende.de als virtueller Treffpunkt für Spenderfamilien, Organempfänger, Wartelistenpatienten und alle, die sich mit den Themen Organspende und Transplantation befassen, zur Verfügung. Die Website bietet darüber hinaus praxisnahe Informationen für Transplantierte und Angehörige von Spendern zum Ablauf und den gesetzlichen Rahmenbedingungen des anonymen Briefwechsels. Betrieben wird das Portal von der DSO, mit Unterstützung der Deutschen Transplantationsgesellschaft, des Bundesverbands Niere e.V., des Bundesverbands der Organtransplantierten e. V., des Lebertransplantierten Deutschland e.V. und des Netzwerks Spenderfamilien.

DSO sorgt für Sicherheit im Organspendeprozess

Gerade in Zeiten eines eklatanten Organmangels zählt nicht nur jede Spende, sondern jedes einzelne Organ. Daher setzen wir uns als Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende dafür ein, dass entnommene Organe in bestmöglichem Zustand an die Empfängerinnen und Empfänger weitergegeben werden. Zu diesem Zweck entwickeln und fördern wir nicht nur umfangreiche digitale Hilfsangebote für die Aufgaben der Transplantationsbeauftragten, sondern unterstützen auch neue Verfahren im Organspendeprozess. In diesem Jahr steht die Einführung der Maschinenperfusion für die Organkonservierung von Spendernieren bevor. Mit dieser Methode können Ischämieschäden gemindert und so die Funktionalität der Organe erhöht werden – was bei der wachsenden Zahl der chronischen Nierenerkrankungen samt Organbedarf dringend notwendig ist.

Bereits etabliert ist das System DSO.isys web, das aus unserer Sicht wesentlich zur Sicherheit im Organspendeprozess beiträgt und zu den vielen Unterstützungsangeboten gehört, die wir den Kliniken zur Verfügung stellen, um die Abläufe während einer Organspende zu erleichtern. Zudem erlaubt es den Transplantationszentren, schnell und effizient an Daten zu gelangen. Ein weiteres digitales Unterstützungsprogramm ist das Screeningtool DETECT, das eine frühe und systematische Spendererkennung ermöglicht. Es wurde von der Hochschulmedizin Dresden in Kooperation mit der DSO entwickelt und steht allen Kliniken kostenlos zur Verfügung. Retrospektive Todesfallanalysen in Entnahmekrankenhäusern mit DSO-TransplantCheck haben gezeigt, dass durch rechtzeitiges Erkennen mehr Spenden realisiert werden könnten. Hier kann das automatisierte elektronische Screeningtool DETECT auf den Intensivstationen einen wertvollen Beitrag leisten und die Arbeit der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken unterstützen.

Der praxisnahe Austausch über solche Neuerungen und Optimierungen prägt unsere Zusammenarbeit mit unseren Partnern in den Kliniken. Daher haben wir dem Thema Qualitätssicherung bei der Organspende auf unserem Jahreskongress Anfang November 2022 mehrere Vorträge gewidmet, die auf der Kongress-Website auch als Video abrufbar sind: DSO Kongress 2022 Rückblick und Vorträge (z. B. Neues zu DSO.isys web, welche Untersuchungen werden zur Beurteilung thorakaler und viszeraler Organe benötigt sowie die Vorstellung von VivaScope, einem speziellen Mikroskop, das eine zeiteffiziente Unterscheidung zwischen pathologischem und gesundem Gewebe in Echtzeit ermöglicht).

Kulturwandel: dringend erforderlich

Wir sind zuversichtlich, dass sich die Lage in den Kliniken auch wieder entspannt und sich damit die 2019 gesetzlich angestoßenen Reformen zur Verbesserung der Organspende vollends entfalten können. Allerdings müssen wir mit Blick auf die rund 8.500 schwer kranken Patientinnen und Patienten auf den Wartelisten dringend über weitere grundlegende Maßnahmen nachdenken und die notwendigen gesellschaftlichen Diskussionen dazu führen. Ein wichtiger Baustein könnte hier die schon vielfach geforderte Einführung der Widerspruchslösung auch in Deutschland sein, so wie sie bereits in allen anderen Eurotransplant-Mitgliedsländern etabliert ist. Umfragen in der Bevölkerung bestätigen immer wieder eine hohe Bereitschaft zur Organspende. Eine Widerspruchsregelung könnte den Gedanken an die Organspende innerhalb der Gesellschaft und in den Kliniken weiter fördern und selbstverständlich machen und so grundlegende Voraussetzungen für einen Kulturwandel bei der Organspende schaffen.

Literatur

[1]   www.dso.de/organspende/statistiken-berichte/organspende. Zugriff 19.12.22
[2]   www.dso.de/organspende/statistiken-berichte/organspende. Zugriff 19.12.22
[3]   www.dso.de/organspende/statistiken-berichte/organtransplantation Zugriff 19.12.22
[4]   Bundesgesetzblatt im Internet. Zweites Gesetz zur Änderung des Transplantationsgesetzes – Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (2019). https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/O/GZSO_BGBl.pdf Zugriff 19.12.22
[5]   Schulze AK. Deutsche Stiftung Organtransplantation: Kultur der Organspende schaffen. Dtsch Arztebl 2022; 119(45): A-1952 / B-1623.
[6]   Bundesgesetzblatt im Internet. Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende (2020). http://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&jumpTo=bgbl120s0497.pdf Zugriff 19.12.22
[7]   Bundesministerium für Gesundheit. Gemeinschaftlicher Initiativplan Organspende (2019). https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/O/Organspende/Initiativplan_Organspende.pdf Zugriff 19.12.22

* Hinweis zu Abbildungen 1–3: Die kompletten Jahreszahlen zu Organspende und Transplantation inkl. Dezember 2022 lagen zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht vor, können aber ab Mitte Januar 2023 online hier abgerufen werden: www.dso.de/dso/presse/pressemitteilungen

Dr. med. Axel Rahmel

Medizinischer Vorstand

Deutsche Stiftung Organtransplantation

Hauptverwaltung

Deutschherrnufer 52

60594 Frankfurt am Main

Axel.Rahmel@dso.de

Panorama

Rahmel A: Organspende in Deutschland: weiterhin keine Erholung in Sicht Passion Chirurgie. 2023 Januar/Februar; 13(1/2): Artikel 09_01.

Weitere Artikel zum Thema finden Sie auf BDC|Online (www.bdc.de) unter der Rubrik Panorama. 

Leserbrief

CHIRURGIE+
Leserbrief

Betrifft: Artikel aus Passion Chirurgie 09/QIII/2022: „Mindestmengen bei der chirurgischen Behandlung von Lungenkrebs“ von Dr. med. Gunda Leschber und PD Dr. habil. Pia Menges. Sie finden den Artikel auf BDC|Online (www.bdc.de) im Bereich POLITIK, oder klicken HIER.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

mit Verweis auf die Publikation von Nimptsch et al. 2017 mit Sinken der Krankenhaus-Sterblichkeit unter den bundesweiten Durchschnitt von 2,9 Prozent ab 108 durchgeführten Operationen, die sich zudem nur in vier von sechs untersuchten, nicht thoraxchirurgischen Entitäten zeigte, werden trotzdem in der konkreten Entscheidung des Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) vom 16.12.21 nur 75 anatomische Lungenkrebs-Operationen pro Standort beschlossen, was von den Autorinnen Leschber und Menges unkommentiert bleibt, jedoch in Anbetracht der Mindestmengen bei anderen Organen eine gewisse Willkür des G-BA erkennen lässt.

Es wiederhole sich die Zahl 75, so weiter, die die Deutschen Krebsgesellschaft bei der Zertifizierung zum Lungenkrebszentrum als Anzahl von Eingriffen definiert habe, die eine Expertise auf dem Gebiet der Thoraxchirurgie und der beteiligten Fachabteilungen ausweise.

Völlig unberücksichtigt bleiben bei der rein quantitativen Forderung der Leistungszahlen in der Festlegung des G-BA allerdings die hohen qualitativen Anforderungen bei der Zertifizierung zu einem Lungenkrebszentrum. Ebenso unberücksichtigt bleibt auch die Anzahl und berufliche Erfahrung der operierenden Ärzte.

Ein Beispiel: In einem Lungenkrebszentrum mit einem Chefarzt, drei Oberärzten und vier Assistenzärzten werden 75 anatomische Resektionen durchgeführt, das macht für jeden neun Operationen im Jahr. Werden diese hingegen in einer kleinen spezialisierten Einheit mit zwei Fachärzten und einem Assistenzarzt durchgeführt, kommen im Schnitt auf jeden 25 Operationen. Ebenso kann die Erfahrung eines gestandenen Thoraxchirurgen nach vielen Berufsjahren nicht mit der eines jungen Facharztes, der zum ersten Mal den Zenit von 75 durchgeführten Operationen erreicht hat, verglichen werden. Eine differenziertere Betrachtung wäre daher angebracht.

Prinzipiell wird sich niemand dagegen verwahren, dass eine höhere Anzahl von durchgeführten Operationen nach Verlassen der Learning Curve eine höhere Qualität liefert, jedoch sollte ein entsprechendes Augenmaß angewendet werden. Ich zitiere die Aussagen der Deutschen Krankenhausgesellschaft zu diesem Thema im Interview mit dem Deutschen Ärzteblatt (DÄ), Deutsches Ärzteblatt, Jg. 119, Heft 12, 25. März 2022: „Während Mindestmengen im niedrigeren Bereich durch Ausschluss von Gelegenheitsversorgung die Qualität ohne wesentliche Nachteile steigern können, führen hohe Mindestmengen bei nur geringfügig weiter steigender Qualität zu einer deutlichen Zunahme der Nebenwirkungen beziehungsweise negativen Auswirkungen“, erklärt die DKG gegenüber dem DÄ … Mit den beschlossenen Mindestmengen für Brust- und Lungenkarzinome werde möglicherweise jedoch gerade das Gegenteil erreicht … Die DKG habe […] eine Mindestmenge von 20 für die Operation eines Lungenkarzinoms vorgeschlagen … „Dies konterkariert unsere Bemühungen um eine Verbesserung der Versorgungsqualität.

Die Mindestmengen bei spezialisierten viszeralchirurgischen Eingriffen hat nicht die Schließung der chirurgischen Klinik zur Folge, da diese durch zahlreiche andere Operationen kompensiert werden kann. In der Thoraxchirurgie stellen die anatomischen Resektionen jedoch das wesentliche Element dieses Fachbereichs dar, sodass ein Wegfall derselben die Schließung der gesamten thoraxchirurgischen Abteilung befürchten lassen muss.

Durch Wegfall der anatomischen Resektionen von Lungenkrebserkrankungen werden langfristig an diesen Standorten auch sämtliche weiteren thoraxchirurgischen Interventionen verschwinden, spätestens dann, wenn die verbliebenen Thoraxchirurgen in ein Zentrum wechseln oder in Rente gehen. Damit wird sich die gesamte flächendeckende thoraxchirurgische Versorgung in Deutschland verschlechtern oder die Patienten werden auch bei geringfügigeren Lungenerkrankungen die Zentren überfüllen und diese von ihrem eigentlichen spezialisierten Auftrag abhalten.

Die Aussage der Autorinnen, dass bei der Anzahl von 75 noch genügend Leistungserbringer der Kliniken übrig blieben, die eine flächendeckende Versorgung der Bevölkerung sicherstellen würden, trifft zumindest für das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern schon jetzt nicht zu, das es bis zum heutigen Tag nicht geschafft hat, auch nur ein einziges zertifiziertes Lungenkrebszentrum – mangels Zahlen in dem dünn besiedelten Flächenland – zu etablieren.

Mit freundlichem Gruß

Dr. med. Wolfram Klemm

Antwort der Autorinnen

Sehr geehrter Herr Dr. Klemm,

Die nach dem Beschluss des G-BA entstandene Diskussion um die konkrete Zahl der Mindestmenge von 75 anatomischen Resektionen pro Jahr ist absolut richtig, nachvollziehbar und gerechtfertigt. Im Entstehungsprozess war allen Beteiligten präsent, dass diese Zahl zwangsläufig dazu führen würde, dass deutschlandweit einige kleinere Standorte keine thoraxchirurgischen Operationen mehr anbieten können. Dies wurde jedoch dem Ziel der größtmöglichen Qualität der Therapie für die Patienten nachrangig gestellt.

Letztlich geht die quantitative Forderung des G-BA sicher mit einer qualitativen Verbesserung einher, weil schließlich gerade in der Chirurgie ein wesentlicher Erfolgsfaktor die Erfahrung aufgrund vieler vorgenommener Eingriffe ist. Dabei wurde auch im Entstehungsprozess sehr umfangreich berücksichtigt, dass eine thoraxchirurgische Therapie immer eine Teamleistung ist. Der Erfolg einer thoraxchirurgischen Operation begründet sich ja nicht nur auf dem Können der Chirurgin/des Chirurgen, sondern hängt im Ganzen von der Erfahrung der Anästhesie ab, von der Qualität der intensivmedizinischen Betreuung, von der Expertise der involvierten Pneumologie, vom Kenntnisstand der Radiologie etc. Und gerade weil die thoraxchirurgische Therapie eine Teamleistung ist, ist die differenzierte Betrachtung eines gestandenen Thoraxchirurgen vs. jungem Facharzt, wie im Leserbrief vorgeschlagen, nicht hilfreich, da in diesem Fall eben alle Disziplinen dieser Beobachtung unterzogen werden müssten. Die Studie von Nimptsch hatte ja sogar noch den höheren Grenzwert von 108 Operationen bei Lungenkrebs ergeben, ab dem die Sterblichkeit der Operation unter den Bundesdurchschnitt sinkt. Auch dabei wurde nur das Ergebnis des Krankenhauses, nicht aber des einzelnen Operateurs gewertet.

Für ein Flächenland wie Mecklenburg-Vorpommern hat der Wegfall von Standorten für die einzelnen Patienten sicherlich die Konsequenz, dass sich hier Fahrzeiten zum nächsten thoraxchirurgischen Zentrum verlängern werden. Dies ist in den ländlichen Gebieten jedoch auch heute schon der Fall. Im Entstehungsprozess beim G-BA wurde davon ausgegangen, dass der einzelne Patient eine längere Fahrzeit gerne in Kauf nimmt, wenn ihm dafür eine höhere Qualität zugesichert werden kann. Die Etablierung von Lungenkrebszentren in diesem Bundesland ist nun nach Einführung der Mindestmenge in Zusammenhang mit der Übergangsfrist nur mehr eine Frage der Zeit.

Dr. Gunda Leschber & PD Dr. Pia Menges

Dr. med. Wolfram Klemm

Chefarzt Chirurgische Klinik II

Thorax- und Gefäßchirurgie

MediClin Müritz-Klinikum

Weinbergstraße 19

17192 Waren (Müritz)

wolfram.klemm@mediclin.de

Chirurgie+

Klemm W: Leserbrief. Passion Chirurgie.
2023 Januar/Februar; 13(01/02):
Artikel 04_08.

Diesen Artikel finden Sie auf
BDC|Online (www.bdc.de) unter der Rubrik Wissen | Politik.

Willkommen zum Bundeskongress Chirurgie 2023 in Nürnberg!

Wir laden Sie herzlich ein, vom 10.-11. Februar 2023 gemeinsam mit uns die Zukunft der Chirurgie zu diskutieren und zu gestalten. Unter dem Motto „Zurück in die Zukunft: Bewährtes sichern – Neues wagen!“ haben wir ein hochkarätiges Programm für Sie zusammengestellt.

Mit der Unterstützung von mehr als 20 chirurgischen Fachgesellschaften und Berufsverbänden bieten wir Ihnen einen spannenden Austausch zu praxisrelevanten Themen. Ganz besonders freuen wir uns auf die aktive Unterstützung und Teilnahme des Berufsverbandes der Chirurgie e.V. an unserem Kongress.

Freuen Sie sich auf ein zweitägiges Spitzenprogramm aus medizinisch- wissenschaftlichen Sitzungen, spannenden Fachsymposien und interessanten Workshops. Oder auf den Besuch unserer vielfältigen Industrieausstellung und auf das Netzwerken vor Ort mit Kolleginnen/Kollegen und dem medizinischen Nachwuchs.

Es ist für alle etwas dabei: von Sitzungen zu Viszeral-, Gefäß- und Fußchirurgie, über postbariatrische und metabolische Chirurgie zu Robotik, Proktologie und Anästhesie bis hin zur Unfall- und Kinderchirurgie. Daneben gibt es die Hernien- und Wundsymposien sowie das BAO-Symposium, die Plattform für alle Anästhesisten, Chirurgen, Urologen und ambulanten Operateure in Praxis und Klinik. Beim „Jungen Forum“ kommt die jüngere Generation zu Wort und tauscht sich von Assistenz zu Assistenz über Fälle und Herausforderungen im beruflichen Alltag aus.

Mit dem „Tag der medizinischen Fachberufe“ haben alle medizinischen Fachangestellten, einen eigenen Programmpunkt, bei dem es neben betriebswirtschaftlichen und juristischen Inhalten auch um berufspolitische und soziale Themen geht.

Abgerundet wird das wissenschaftliche Programm durch Seminare und Kurse, bei denen die Ärzte und MFA die Fortbildungsvorgaben der DGUV (Kindertraumatologie, Gutachten, Reha Medizin und Reha Management), des Strahlenschutzes und der Hygienerichtlinien (z. B. Präsenzseminar „Hygienebeauftragter Arzt“) erfüllen können.

Zuletzt sei noch auf unseren berufspolitischen Nachmittag verwiesen, an dem wir uns traditionell mit der aktuellen Gesundheitspolitik auseinandersetzen und für den wir im kommenden Jahr Klaus Holetschek, den Bayerischen Staatsminister für Gesundheit und Pflege, gewinnen konnten.

Wir freuen uns, Sie auch im Namen der beteiligten Berufs- und Fachverbände auf dem Bundeskongress Chirurgie 2023 in Nürnberg begrüßen zu dürfen!

Jan Henninger

Kongressleitung

Bundeskongress Chirurgie 2023

Dr. med. Frank Sinning

Kongressleitung

Bundeskongress Chirurgie 2023

Chirurgie+

Henniger J, Sinning F: Willkommen zum Bundeskongress Chirurgie 2023 in Nürnberg! Passion Chirurgie. 2022 Dezember; 12(12): Artikel 04_06.

Artikel zur Niederlassung finden Sie auf BDC|Online (www.bdc.de) unter der Rubrik Wissen | Fachgebiete | Niederlassung.

Passion Chirurgie im Dezember: Programmatik und Leitbild des BDC

Hier geht´s zur digitalen Ausgabe! 

Wir beschließen das Jahr 2022 mit der Dezemberausgabe der Passion Chirurgie, in der wir Ihnen die strategische Ausrichtung des Verbandes vorstellen. Vorstand, Geschäftsführung und Mitglieder des erweiterten Vorstandes haben gemeinsam strategische Innovationen auf den Weg gebracht, die neben der Umbenennung des BDC und der Einführung eines programmatischen Leitbilds auch die Umstrukturierung der Themenreferate mit sich bringen.

Für die Planung Ihrer chirurgischen Fort- und Weiterbildung empfehlen wir das neue BDC|Akademie-Programm für 2023! Neben dem Ausbau des robotischen Curriculums hat die wissenschaftliche Akademieleitung neue Veranstaltungsformate entwickelt. HIER geht´s online zum Programm.

Wir wünschen Ihnen und Ihren Familien friedvolle, gesunde und erholsame Weihnachtsfeiertage und einen guten Rutsch ins Jahr 2023!

Bleiben Sie gesund, ho ho ho
Ihre PASSION CHIRURGIE-Redaktion

 

Dr. Günther Matheis: Der Übergang vom OP-Tisch zum Kammer-Präsidenten war fließend

GESUNDHEITSPOLITIK
Dr. Günther Matheis: Der Übergang vom OP-Tisch zum Kammer-Präsidenten war fließend

Chirurginnen und Chirurgen brauchen für ihre Arbeit viele Eigenschaften, die auch in der Politik von Vorteil sind. Dazu zählt neben handwerklichem Geschick besonders Entscheidungsfreude, Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen, Disziplin und Ausdauer. Alles Eigenschaften, die helfen, in der Politik Herausforderungen zu erkennen, zu handeln und auch bereit zu sein, dicke Bretter zu bohren, um ans Ziel zu kommen.

Dies kommt auch mir bei meiner politischen Arbeit zugute. In der Berufspolitik habe ich mich schon früh engagiert. Direkt nach dem Studium bin ich in den Marburger Bund eingetreten, setzte mich viele Jahre lang für die Interessen der Kolleginnen und Kollegen ein und übernahm immer mehr Verantwortung. Meinen Facharzt für Chirurgie absolvierte ich 1990; 1992 kam das Teilgebiet Thorax- und Kardiovaskularchirurgie dazu und der Facharzt für Thoraxchirurgie im Jahr 2007. Die klinische Ausbildung erfolgte an der Medizinischen Hochschule Hannover und am Deutschen Herzzentrum Berlin.

Ich erlebte die Jahre der sogenannten Ärzteschwemme genauso wie jetzt die Zeiten des Ärztemangels. 2011 wurde ich zum Vorsitzenden der Bezirksärztekammer Trier gewählt und war zugleich auch Mitglied im Vorstand der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz. 2016 wählten mich die Ärztinnen und Ärzte schließlich zum Präsidenten der Landesärztekammer. Seit 2021 habe ich darüber hinaus auch das Amt des Vizepräsidenten der Bundesärztekammer inne und bringe mich auch dort in vielen Ausschüssen inhaltlich ein.

Operiert habe ich immer sehr gerne. Aber der Verwaltungsanteil hat früh angefangen, immer mehr Zeit in Anspruch zu nehmen. Die Arbeitszeit hat sich bedeutsam verdichtet und die Bürokratie und auch der ökonomische Druck sind exponentiell gewachsen – zu Lasten der Zeit für die Patientenversorgung. Mein Übergang vom OP-Tisch zum Ärztekammer-Schreibtisch war letztendlich fließend. Das Operieren ist auch nicht gänzlich verschwunden, auch wenn es bedeutend weniger geworden ist. Ich leite nach wie vor die thoraxchirurgische Sektion innerhalb einer Abteilung für Herz- und Thoraxchirurgie in Trier. Das ist mir wichtig, um den Kontakt zur Basis zu behalten. Ich habe das Glück, dass ich auch dort über ein gutes Team verfüge, das vieles abfängt.

Nach und nach in die gesundheits- und berufspolitischen Sachthemen immer mehr hineinzuwachsen und Netzwerke aufzubauen, fand ich extrem spannend. Ich habe inzwischen sehr gute Kontakte zu den Hochschulen, einen Lehrauftrag an der Universitätsmedizin, pflege engen Austausch mit den Krankenhäusern und den Ärzteverbänden aber natürlich auch mit der Politik. Dadurch sind sehr oft Gespräche auf kurzem Dienstweg möglich, die von beiden Seiten genutzt werden. Das erleichtert den Austausch und wir werden als Landesärztekammer mit unserer Expertise als kompetenter Ansprechpartner wertgeschätzt.

Meine Jahre als Vorsitzender der Bezirksärztekammer Trier waren sehr hilfreich. Man wurde dadurch auch in der Landeshauptstadt Mainz schon bekannt. Zumal ich während meiner Trierer Amtszeit auch schon im Vorstand der Landesärztekammer aktiv war. Die Kammerarbeit in Trier wurde für dortige Verhältnisse bewusst sehr öffentlichkeitswirksam geführt. Beispielsweise habe ich starke Akzente gesetzt, die Rolle der Ärzte in der Region während der NS-Zeit aufzuklären. Denn auch vor Trier hatten diese schlimmsten Verwerfungen in der deutschen Geschichte nicht haltgemacht. Wir haben uns damit der unrühmlichen Vergangenheit gestellt und das Schweigen beendet. Daraus resultierte ein Buchprojekt in Zusammenarbeit mit der Universität. Mir war und es ist auch immer noch wichtig, vor allem jungen Ärztinnen und Ärzten zu zeigen, welch hohe moralische Verantwortung sie tragen.

Jedes Netzwerk ist auf seine Weise wichtig. Die Landesärztekammer ist beispielsweise während meiner Amtszeit in den Landesverband der Freien Berufe (LFB) eingetreten. Das war mir sehr wichtig, denn wir sind als Ärztinnen und Ärzte die größte Gruppe unter den Freiberuflern. In diesem Gremium können wir mit anderen Vertretern von freien Berufen im Schulterschluss gemeinsam noch wirksamer auftreten. Mittlerweile engagiere ich mich beim LFB auch als erster Vizepräsident.

Ein weiteres wichtiges Netzwerk hat sich während der Corona-Pandemie etabliert: die Steuerungsgruppe Impfen. Während der Akutphase haben wir uns gemeinsam mit dem Ministerium und vielen weiteren Institutionen täglich per Videokonferenz kurgeschlossen. Wir haben es geschafft, an einem Strang zu ziehen: zielgerichtet miteinander und keiner ist ausgeschert. Wir haben ausgesprochen unaufgeregt und effizient einen Weg gefunden. Alle Heilberufe haben in der Pandemiezeit Hand in Hand gearbeitet. Jeder steht in der Verantwortung, das zu tun, was er am besten kann. Und schaut zugleich, wen er noch unterstützen kann. Das hat gut geklappt und alle haben gemeinsam in unermüdlichem Dauereinsatz Hervorragendes geleistet. Ich bin zudem in den Ethikbeirat des Ministeriums für Wissenschaft und Gesundheit berufen worden.

Auf Landesebene haben wir inzwischen viele Projekte mit angestoßen wie beispielsweise das Kompetenzzentrum Weiterbildung Allgemeinmedizin und die Koordinierungsstelle Weiterbildung Allgemeinmedizin. Beim Kompetenzzentrum sind wir gerne als Kooperationspartner mit dabei, denn es bietet für künftige Hausärztinnen und -ärzte ein interessantes Weiterbildungsprogramm und ist zugleich eine gute Anlaufstelle für Weiterbilder, um sich noch mehr Lehrkompetenz anzueignen.

Partner sind wir auch bei der Koordinierungsstelle. Hier laufen alle Fäden zusammen für die Verbundweiterbildung. In diesen Verbünden bieten Praxen und Kliniken die Weiterbildung Allgemeinmedizin als Komplettpaket an. Das gibt den angehenden Hausärzten viel Planungssicherheit.

Bedeutsam wird es auch werden, mit dem Ministerium eine zukunfts- und tragfähige Krankenhausplanung zu realisieren. Hierfür sitze ich für die Landesärztekammer mit am Tisch im Krankenhausplanungsausschuss.

Eine wichtige Bedeutung hat natürlich die ärztliche Weiterbildung und deren Weiterentwicklung. Wir haben beispielsweise mit als erste Landesärztekammer neu das Fachgebiet „Innere Medizin und Infektiologie“ eingeführt. Ein weiteres bundesweites Novum: Für den Kompetenzerwerb im großen Gebiet „Innere Medizin“ können sich Ärztinnen und Ärzte in Rheinland-Pfalz künftig sechs Monate lang auch Kompetenzen in anderen Gebieten aneignen. Das ist eine wichtige, zukunftsweisende Entscheidung.

Eine große Rolle wird auch weiterhin das Thema „Delegation oder Substitution von ärztlichen Leistungen“ spielen. Meine Position hierzu ist klar: Delegation halte ich in bestimmten Fällen für sinnvoll; Substitution lehne ich ab – genau wie der überwiegende Teil der Ärzteschaft.

Weiter am Ball bleiben werde ich mit der Landesärztekammer zudem beim Thema Studienplätze. Wir brauchen einfach mehr ärztlichen Nachwuchs, um den künftigen Versorgungsbedarf auch in Zukunft auf gutem Niveau decken zu können. Seit vielen Jahren weise ich auf den Mangel an Ärztinnen und Ärzten sowohl im hausärztlichen als auch im fachärztlichen Bereich hin. Und natürlich habe ich mich darüber gefreut, dass es gelungen ist, den Medizincampus Trier zu etablieren. Darauf habe ich schon während meiner Trierer Zeit hingearbeitet und es war toll, schließlich den Kooperationsvertrag mit zu unterschreiben.

Dieser zusätzliche Standort für ein regionalisiertes Medizinstudium ist ein wichtiger Baustein für eine dezentralisierte Ausbildung von Ärztinnen und Ärzten. Wir stellen so für Medizinstudierende im klinischen Teil attraktive Rahmenbedingungen in der Lehre zur Verfügung. Zudem hoffe ich, dass Studierende nach ihrem Studium in der Trierer Region bleiben und dort in die ärztliche Versorgung einsteigen. Das wäre ein großer Gewinn für Eifel und Hunsrück.

Die berufspolitische Arbeit auf Bundesebene als Vizepräsident der Bundesärztekammer (BÄK) ist für mich eine wichtige Ergänzung zu meinem landespolitischen Engagement. So kann ich Themen für die gesamte Ärzteschaft landes- und bundesweit im Blick haben und für die Kolleginnen und Kollegen sowohl im niedergelassenen als auch im stationären Bereich gestalten. Wichtig ist es mir auch, auf Bundesebene gemeinsam tragfähige Beschlüsse zu erwirken. Als BÄK-Vize bin ich beispielsweise als Beauftragter der Bundesärztekammer für die bundesweiten Transplantationsgremien aktiv.

Mit Blick auf die Bundesebene liegt mir etwas sehr am Herzen und es ist eine elementare Forderung von mir: Die Ärzteschaft muss auf Bundesebene über die Bundesärztekammer im Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) vertreten sein. Und zwar mit Sitz und Stimme. Mir ist schon bewusst, dass die Bundesärztekammer weder Körperschaft noch Leistungserbringer ist. Für andere in diesem Kreis gilt das aber auch. Trotzdem sind sie mit Stimmrecht in das Gesetzgebungsverfahren eingebunden. Ich bin mir sicher, dass wir als Ärzteschaft im G-BA oft zur Klärung von Sachverhalten wesentliche Beiträge leisten können, denn unsere Stellungnahmen im G-BA sind immer von hoher Effizienz sowie wissenschaftlich fundiert und sollten nicht nur informelle Berücksichtigung finden.

Berufspolitisch gibt es auch wichtige Themen in der Chirurgie, die ich im Blick habe. So hat beispielsweise das DRG-System so seine Tücken. Eigentlich ist es nicht schlecht gemeint, aber es birgt gerade in der Chirurgie auch die Gefahr der Fehlanreize. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass es nur noch darauf ankommt, hierbei ökonomisch zu denken, nämlich, dass jeder Eingriff Geld für die Klinik bringt, deshalb muss so viel wie möglich operiert werden. Das sollte so nicht sein.

Und wenn ich an unseren ärztlichen Nachwuchs denke, fällt mir immer mehr auf, dass es zunehmend schwieriger wird, Nachwuchs für die Chirurgie zu gewinnen und auch zu halten. Wir müssen die Rahmenbedingungen im Sinne einer Restrukturierung verbessern. Das müssen wir gemeinsam leisten. Ansonsten verliert die Chirurgie an Attraktivität. Und dass wäre für unser schönes Fach sehr schade und für die Patientenversorgung fatal.

Dr. Günther Matheis

Präsident der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz

Vizepräsident der Bundesärztekammer

Gesundheitspolitik

Matheis G: Dr. Günther Matheis: Der Übergang vom OP-Tisch zum Kammer-Präsidenten war fließend. Passion Chirurgie. 2022 Dezember; 12(12): Artikel 05_02.

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Dem Leben auf der Spur. Das neue Medizinhistorische Museum der Charité

PANORAMA
Dem Leben auf der Spur. Das neue Medizinhistorische Museum der Charité

Die Charité hat Rang und Namen in der Welt. Vor dem Hintergrund einer reichen und bewegten Geschichte und im Ausklang einer lebensbedrohlichen Pandemie denkt sie gegenwärtig Gesundheit neu: lokal, national und auch global. Sie entwickelt Strategien für die Medizin der Zukunft und plant hierzu, mit einem Zeithorizont bis 2050, ihre Standorte in Berlin baulich neu.

Zu den Investitionen in die Zukunft der Charité gehört das neue Medizinhistorische Museum. Über die letzten drei Jahre hinweg entstand es auf dem historischen Campus Charité Mitte. Maßgeblich gefördert durch den Bund und das Land Berlin, wurde das historische Museumsgebäude grundlegend baulich ertüchtigt. Mit einer neuen Fassadengestalt, zusätzlichen Räumen und einer modernen museumstechnischen Infrastruktur bildet es ab Anfang 2023 eine einzigartige Schnittstelle zwischen Medizin und Öffentlichkeit.

Das neue Museum bietet der Charité vielfältige innovative Möglichkeiten, Menschen aus den internen Einrichtungen der Charité, aber vor allem auch von extern, aus allen Schichten der allgemeinen Öffentlichkeit, unter den Stichworten Medizin, Gesundheit und Gesellschaft zusammenzuführen. Es fungiert künftig als eine Stätte der Begegnung, des Austauschs und der Vermittlung, als ein Ort der Identifikation und Repräsentation, vor allem jedoch als ein Forum von Reflexion und Diskussion.

Geschichte und Bestand

Grundlage und Ausgangspunkt aller künftigen Aktivitäten des neu gestalteten Museums sind seine eigene Herkunft und die einschlägigen, daraus erwachsenen Sammlungsbestände. Gegründet 1899 als Pathologisches Museum durch Rudolf Virchow (1821-1902), firmiert es seit 1998 als Berliner Medizinhistorisches Museum (BMM) der Charité. Mit zuletzt rund 100.000 Besucher:innen pro Jahr ist es heute das größte und bekannteste universitäre Medizinmuseum in Deutschland mit europa- und weltweiter Ausstrahlung. Als Museum erfüllt es mit seinen rund 50.000 Depot- und Schauobjekten (siehe Abbildungsseite mit 10 exemplarischen Exponaten) entlang der Koordinaten Sammeln, Erfassen, Erhalten und Erschließen alle museumstypischen Kernaufgaben. Als zentrale Einrichtung der Medizinischen Fakultät der Charité – Universitätsmedizin Berlin macht es seine vornehmlich aus der wirkmächtigen Charité- und Berliner Medizingeschichte stammenden Sammlungsgegenstände in Forschung, Lehre und öffentlicher Vermittlung nutz- und sichtbar.

Ein neues Gesicht

Das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité empfängt seine Besucher:innen künftig mit einem neuen Eingang, mehr noch, mit einer gänzlich neuen Eingangsfassade (s. S. 72/73). Die sieben Fenster im Erd- und ersten Obergeschoss, die zum Charité-intern gelegenen Virchowweg hin weisen, wurden herausgebrochen und die Fensterlaibungen über beide Etagen hinweg zu hochgeschossenen Vitrinenkörpern mit geringer Tiefe ausgebaut. Die Idee für diese Fenstervitrinen stammt aus dem Museum in seiner ursprünglichen Bestimmung. Bis heute zeigt das einstige Pathologische Museum Virchows zahlreiche, in klinischen Sektionen gewonnene Lehrpräparate von meist krankhaft veränderten Organen und Gewebestrukturen des menschlichen Körpers in weitgezogenen, voll verglasten Präparatevitrinen. Transparenz für eine ungetrübte Einblicknahme war das Programm von Beginn an. Mit den Schmalseiten ragen diese Virchowschen Präparatevitrinen nun gewissermaßen durch die gewaltigen Fensterschlitze des BMM nach außen und geben einen unverstellten Blick in das Museumsinnere frei. Die starre, oft hermetisch wahrgenommene Gebäudewand wirkt dadurch transparent und transluzent. Dieses neue architektonische Element versteht sich als Einladung, offen und ohne Berührungsängste einzutreten, um sich mit Geschichte, Bedingungen und Zielen einer ambitionierten Medizin vertraut zu machen, die noch viele Rätsel von Mensch, Gesundheit und Krankheit zu klären hat, die sich jedoch auch selbst – die Corona-Pandemie hat es deutlich gezeigt – öffentlich erklären will und zu verantworten hat.

Vor dem Gebäude können sich die Besucher:innen fortan – einzeln oder als Gruppe – auf einem gänzlich neu gestalteten Vorplatz versammeln. Ein topografisches Bronzemodell des Campus Charité Mitte am Zuweg zum Museum bietet die Gelegenheit zur Orientierung auf dem geschichtsträchtigen Krankenhausgelände.

Im innen gelegenen, erweiterten Eingangsbereich sind für die Gäste des Museums an der Kasse Monitore installiert, die über alle aktuellen Ausstellungen und Veranstaltungen des Museums informieren. Eine künstlerisch gestaltete Gallensteinvitrine stimmt die Besucher:innen in einer Ruhezone thematisch ein. Ein Shop neben der Museumskasse bietet Gelegenheit, Kataloge, typische Museumsartikel und Merchandising-Produkte der Charité zu erwerben.

Eine Reise durch die Medizingeschichte

In seiner Dauerausstellung lädt das BMM seine Besucher:innen zu einer einzigartigen Reise ein. Auf rund 800 m² Ausstellungsfläche folgen die Museumsgäste der Herausbildung und Ausgestaltung der naturwissenschaftlich begründeten Medizin westlicher Prägung durch verschiedene einschlägige Aktionsräume hindurch: Anatomisches Theater, Anatomisches Museum, Krankensaal, Labor, Seziersaal, Lehr- und Studiensammlung. Im Zentrum steht das wissenschaftliche Erbe Rudolf Virchows. Mehr als 700 ausgestellte humanpathologische Feucht- und Trockenpräparate verweisen auf das zentrale Anliegen der Medizin bis heute: Krankheiten zu erkennen und zu verstehen sowie Menschen, die an diesen Krankheiten leiden, zu heilen. Kontextualisiert wird der Virchowsche Präparatesaal durch Einblicke in die laborgestützte Klinik und in einen historischen Krankensaal mit 10 Fallgeschichten von ausgewählten Charité-Patienten. Gesundheit und Krankheit werden darin in ihren gesellschaftlichen Bedingungen und Bezügen vorgestellt. Diese Präsentation folgt Virchows Diktum, dass Politik letztlich auch denkbar ist als Medizin mit anderen Mitteln.

Für die Ausrichtung der Dauerausstellung im neuen Charité-Museum ist es wesentlich, dass sie in doppelter Weise ethisch argumentiert. Zum einen erkennt sie die besondere Sensibilität der gezeigten Präparate als sogenannte „Menschliche Überreste“ an und zielt auf eine würdevolle Präsentation. Zum anderen verweist sie in einem eigens gestalteten Ausstellungselement zur „Medizin im Nationalsozialismus“ explizit auf die Fallstricke und Schattenseiten einer streng biologistisch ausgerichteten Medizin.

Die verbindende Klammer der Dauerausstellung bildet eine ausführliche Darlegung der Geschichte der Charité, die sich über beide Ausstellungsetagen erstreckt. Im neuen Museum wird hier auch die jüngere Vergangenheit des Berliner Universitätsklinikums mit seinem Beitrag zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie und die Rezeption der Einrichtung in der historischen Charité-Serie thematisiert.

Unvermittelt eingefügt in den Ausstellungsparcours öffnet sich eine Tür ins Depot, nicht ins reale des BMM, sondern in ein realistisch inszeniertes. Depotdinge, wie sie typischerweise im BMM einlagern – medizinische Geräte, Modelle, Instrumente, Lehrtafeln – zeigen sich hier eng an eng. An einem größeren Monitor finden Besucher:innen virtuell noch weitere Depotobjekte vor. Sie können sich diesen Stücken und den zugehörigen Kontexten nähern und letztlich eintauchen in den faszinierenden Kosmos der Objektgeschichten.

Die Chirurgie-Geschichte wird in der Dauerausstellung des BMM an verschiedenen Stellen in besonderen Objekten und Arrangements aufgerufen: Haarseilzange, Brenneisen und Aderlass-Messer verweisen auf die frühe Wundarzneikunst. Ätherflasche, Narkosemaske und Sterilisator markieren die Schwelle zur modernen Chirurgie Mitte des 19. Jahrhunderts. Am Beispiel der Augenheilkunde wird das feine Operationsbesteck und die ruhige Hand früherer Operateure beschworen. Chirurgische Zangen fanden sich bald schon an den Spitzen der ersten funktionstüchtigen Zystoskope. Der Erste Weltkrieg stellte Militärchirurgen vor allergrößte Herausforderungen. Dies bezeugt beispielhaft der Fall einer komplizierten Nasenrekonstruktion. Eine weitere sehr besondere Krankengeschichte verknüpft die jüngere Chirurgie-Geschichte mit Gegenwart und Zukunft: Ein 35-jähriger Patient mit Leberzirrhose überlebt eine 1990 durchgeführte Lebertransplantation.

Zielgruppen und Dienstleistungen

Hinsichtlich seines öffentlichen Auftritts zielt das neue Museum auf zwei große Gruppen. Nach außen wendet sich das Museum an alle Laien, die an gesundheitlichen und medizinischen Fragestellungen interessiert sind. Dabei kommt jungen Menschen in der Berufsfindungsphase eine besondere Bedeutung zu. Nach innen wendet sich das Museum ausdrücklich an alle Angehörigen der Charité, vornehmlich an die Studierenden und Auszubildenden.

Eine wesentliche Dienstleistung des BMM sind Führungen durch die Ausstellungen und über das historische Gelände der Charité. Neu hinzu kommen zielgenaue museumspädagogische Vermittlungsangebote für einzelne Gruppen. Hierfür gibt es im künftigen Charité-Museum im direkten Anschluss an das Eingangsfoyer einen eigens gestalteten Multifunktionsraum. Dieses „Virchow-Kabinett“ ist mit vermittlungsspezifischen Materialien und speziell gefertigtem Mobiliar ausgestattet.

Das generelle Interesse am Medizinhistorischen Museum speist sich aus seinen spezifischen Objekten und der Möglichkeit für die Besucher:innen, einen Blick hinter die Kulissen der Medizin werfen zu können. In unmittelbarer Nachbarschaft zum neuen Foyer, allerdings räumlich getrennt, befindet sich auf der gleichen Gebäudeebene das Museumslabor. Dort werden Beprobungen und vor allem aufwändigere restauratorische Arbeiten an Präparaten und Modellen durchgeführt. Ein assoziierter Vorraum fungiert als Schaulabor, in dem interessierte Museumsbesucher:innen der Präparatorin bei der Arbeit über die Schulter schauen können.

Im ersten Obergeschoss betreten die Besucher:innen des BMM die 400 m² große Wechselausstellungsebene. Sonderausstellungen sind das Kerngeschäft des BMM. Der gezielte Brückenschlag zwischen medizinischer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft lässt sich für zahlreiche konkrete Themenfelder, wie etwa Chirurgie, Onkologie, Kardiologie oder Neurowissenschaften, aber auch für übergeordnete Aspekte, so beispielsweise Translation, Digitalisierung, Prävention oder Global Health, interessant, sachgerecht und spannend inszenieren. Die sich daraus ergebenden Fragen können auf neue partizipative Weise zusammen mit interessierten Besucher:innen diskutiert werden.

Hörsaalruine und Objektlabor

Das Charité-Museum verfügt auch nach dem Umbau über einen einzigartigen Veranstaltungsraum: die historische Ruine des einstigen Museumshörsaals. Der auratische Saal bewährt sich vor allem als moderierender Reflexionsraum für wichtige medizinische, gesundheitspolitische, ethische, gesellschaftsrelevante und kulturgewichtige Themen. Ein gezieltes Veranstaltungsmanagement wird die Ruine für das Museum und die Charité zu einem zentralen Forum im Dialog mit der Öffentlichkeit werden lassen.

Direkt über der Hörsaalruine erhält das Museum einen gänzlich neuen Funktionsraum. Der dortige Dachstuhlbereich wird zu einem didaktischen Objektlabor ausgebaut. Ein integriertes medizinhistorisches Lehrkabinett versammelt an dieser Stelle rund 50 ausgewählte Objekte aus allen Themenfeldern, die das BMM in seinen Sammlungen abdeckt. Sichtbar in eine teilverglaste Hochvitrine eingestellt, regen diese Stücke Studierende in eigens konzipierten Lehrveranstaltungen zu historischen Objektstudien an. Die Objektübungen an den Sammlungsstücken finden direkt vor Ort statt. Außerhalb des Unterrichts wird das Objektlabor durch Wissenschaftler:innen für Forschungszwecke genutzt. Überdies können dort Seminarsitzungen, Teambesprechungen und Projektworkshops stattfinden. Das Museum verfügt damit in diesem Bereich über einen unikalen Thinktank, aus dem sich neue Ideen und Formate hinsichtlich Forschung, Lehre und öffentlicher Vermittlung entwickeln und erproben lassen.

Resümee

Mit dem neuen Medizinhistorischen Museum macht die Charité ab Anfang 2023 allen Besucher:innen ein einzigartiges Angebot. An der Schnittstelle zwischen Medizin und Öffentlichkeit können sich künftig alle Interessierte an diesem Ort über wichtige medizinische Themen informieren und die sich daraus ergebenden Fragen sachgerecht, seriös und zielorientiert erörtern. Damit wird letztlich auch die Charité ihrem selbst gesteckten Anspruch gerecht, über lokale Gegebenheiten und Notwendigkeiten hinaus die Zukunft der Gesellschaft auf gesundheitlichem Gebiet grundlegend und global entscheidend mitzugestalten. Die ausdrückliche historische Verankerung bietet dazu eine nachhaltig breite Argumentationsgrundlage und zugleich eine Folie, vor der sich die zentralen wissenschaftlichen, sozialen, kulturellen und ethischen Dimensionen einer künftigen Medizin ausbreiten, vermitteln und mit großem Gewinn konstruktiv und produktiv diskutieren lassen.


Short Facts

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité

Standort:

Das Berliner Medizinhistorische Museum liegt auf dem Gelände der historischen Charité in Berlin-Mitte.

Kontakt:

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité, Charitéplatz 1, 10117 Berlin, Tel. 030 450 536 156, bmm@charite.de, www.bmm-charite.de

Ausstellungen:

Für die Wiedereröffnung im ersten Quartal 2023 bereitet das Museum neben einer punktuellen Überarbeitung seiner Dauerausstellung zwei Wechselausstellungen vor: „Das Gehirn in Wissenschaft und Kunst“ und „Da ist etwas. Krebs und Emotionen“

Nähere Informationen und genauere Zeiten siehe unter www.bmm-charite.de.

Korrespondierender Autor:

Prof. Dr. med. Thomas Schnalke

Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité

thomas.schnalke@charite.de

Panorama

Schnalke T: Dem Leben auf der Spur. Das neue Medizinhistorische Museum der Charité. 2022 Dezember; 12(12): Artikel 09_01.

Weitere Artikel zum Thema finden Sie auf BDC|Online (www.bdc.de) unter der Rubrik Wissen | Panorama

Passion Chirurgie im November: Handchirurgie

Hier geht´s zur digitalen Ausgabe! 

Die vorletzte Ausgabe der Passion Chirurgie in diesem Jahr widmet sich dem Thema „Handchirurgie“. Die Fokusartikel beschäftigen sich mit dem ambulanten Operieren in der Handchirurgie aus der Perspektive der Niederlassung und mit Handverletzungen im Sport.

Haben Sie Lust auf aktuelle und kontroverse Themen rund um die Hernienchirurgie? Dabei noch 2CME-Punkte einsammeln? Am 22. November 2022 findet um 17 Uhr das kostenlose Webinar „HERNIE KONTAKT“ statt und wir laden Sie ein, daran teilzunehmen. HIER geht es zum Programm und der Anmeldung…

Viel Spaß beim Lesen und bleiben Sie gesund,
Ihre PASSION CHIRURGIE-Redaktion