Alle Artikel von Prof. Dr. Hubertus Feussner

Die Digitalisierung nicht anderen überlassen!

DAS POSITIONSPAPIER „DIGITALE TRANSFORMATION DER CHIRURGIE“ DER DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR CHIRURGIE

Auch das gesamte Feld der Chirurgie kann sich auf Dauer nicht dem Trend zur Digitalisierung entziehen. Es wäre auch unklug, diese Entwicklung rein passiv abzuwarten und damit hinzunehmen, was andere für unser Fach als sinnvoll und zweckmäßig erachten. Der Generalsekretär der Gesellschaft für Chirurgie, Prof. Meyer, hat deshalb eine Initiative ins Leben gerufen, die sich aktiv nach innen und von außen wahrnehmbar mit dem Phänomen der „Digitalisierung“ auseinandersetzen soll und die alle Fachgesellschaften der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie einbindet.

Die „digitale Revolution“ ist kein eindeutig beschreibbarer, homogener Prozess, sondern nur die Summe von vielen einzelnen Entwicklungen, die keineswegs nur technischer oder erkenntnistheoretischer Natur sind, sondern auch gesellschaftliche, politische und nicht zuletzt ethische Bezüge haben.

Durch seine Komplexität ist der Umwälzungsprozess nur schwer zu überschauen – speziell aus der Sicht des Chirurgen, der in der Regel nur marginale Kenntnisse der modernen IT besitzt. Dies erzeugt Unsicherheit oder gar Angst und blockiert den Willen und die Fähigkeit, sich den beiden wichtigsten Herausforderungen für die Chirurgie zu stellen, die sich jetzt durch die Digitalisierung der Chirurgie ergeben:

  • Einerseits ist es höchste Zeit, die Chancen zu identifizieren und alles daran zu setzen, sie auch in unserem und für unser Fach einzusetzen.
  • Andererseits müssen auch potentielle Gefahren rechtzeitig erkannt und Fehlentwicklungen vermieden werden.

Die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema der Digitalisierung in der Chirurgie ist also dringend geboten. Erforderlich dafür ist eine gemeinsame Terminologie, ein ausreichendes Verständnis der Werkzeuge und Prozesse und eine systematische Beschreibung heute bereits ablaufender und künftig zu erwartender Entwicklungen.

Dazu soll von der Projektgruppe der DGCH ein Positionspapier verfasst werden, das mehrere Ziele verfolgen soll:

  1. Die verständliche Darstellung und begriffliche Klärung der für die Chirurgie relevanten Werkzeuge, Methoden und Prozesse.
  2. Die Zuordnung der unter 1. aufgeführten Inhalte zu den spezifischen Anwendungsbereichen innerhalb der Chirurgie im weiteren Sinn. Das umfasst nicht nur den Einsatz in allen prä-, intra- und postoperativen Schritten, sondern auch alle damit direkt oder indirekt verbundenen Prozesse wie z. B. Organisation, Administration, rechtliche Fragen und Ethik.
  3. Die gemeinsame Aufdeckung von noch bestehenden Defiziten und die Definition von Handlungsfeldern.

Für diese Aufgabe hat die DGCH – in praktischer Umsetzung durch ihre Sektion für computer- und telematikassistierte Chirurgie (CTAC) gemeinsam mit der chirurgischen Arbeitsgemeinschaft Qualitätssicherung (CAQS) – einen Expertenkreis einberufen, dem ausgewiesene chirurgische Experten für alle Teilaspekte des Digitalisierungsprozesses angehören. Diese erarbeiten in einem strukturierten Vorgehen interaktiv das geplante Positionspapier, das primär für die Mitglieder der DGCH bestimmt ist. Darüber hinaus soll es aber auch der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt werden und als Basis für die Diskussion der DGCH mit anderen medizinischen Fachgesellschaften sowie politischen oder behördlichen Gremien dienen.

Um dem Papier eine hinreichende fachliche Tiefe und damit Überzeugungskraft zu geben, reicht allerdings die Bearbeitung der Thematik allein durch Chirurgen – unbeschadet der oft ausgezeichneten Expertise in Einzelaspekten – sicher nicht aus.

Die Abfassung des Positionspapiers verlangte die Einbeziehung von Experten aus den Grundlagen- und Ingenieurwissenschaften sowie der Informatik, die die betreffenden Wissensdomänen besser überschauen. Als diesbezügliche Partner konnten die Deutsche Gesellschaft für Biomedizinische Technik im Verband der Elektrotechnik (VDE) und die Deutsche Gesellschaft für Computer- und Roboterassistierte Chirurgie (CURAC) gewonnen.

Die Gesamtprojektgruppe wurde folgendermaßen strukturiert:

Das sogenannte „Kernteam“ besteht aus Prof. Dr. med. Dr. h. c. H.-J. Meyer, Generalsekretär der DGCH; Prof. Dr. med. H. Feußner, CTAC; Prof. Dr. med. A. Stier, CAQS; Dr. med. K. Neuder, DGBMT im VDE.

Dem Redaktionsteam gehören die folgenden Personen an: PD Dr. med. D. Back, Ulm; Dr. med. Dr. S. Böttger, Giessen; Dr. med. Ch. Czermak, Heidelberg; Prof. Dr. med. I. Gockel, Leipzig; Dr. med. J. Goedeke, Mainz; Dr. med. E. Hecker, Herne; PD Dr. med. A. Kirschniak, Tübingen; Prof. Dr. med. M. Kleemann, Lübeck; Ing. J. Klodmann, Oberpfaffenhofen; Prof. Dr. med. B. Müller, Heidelberg; Prof. Dr. med. Th. Neumuth, Leipzig; Dipl.-Ing. D. Ostler, München; Prof. Dr. med. St. Rosahl, Erfurt; Dr. med. S. Tretbar, St. Ingbert; PD Dr. med. D. Wilhelm, München; PD Dr. med. Th. Wittenberg, Erlangen

Mitglieder des Kernteams

Mitglieder des Redaktionsteams

Mitglieder des Projektteams

Abb. 1: Struktur des Positionspapiers

 

Die Arbeit des Kern- und Redaktionsteams wird unterstützt durch die weiteren Mitglieder des Projektteams: PD Dr. med. H. Kenngott, Heidelberg; Dr. med. M. Kranzfelder, München; Prof. Dr. med. W. Lamadé, Überlingen; Dr. med. St. Mayer, Leipzig; PD Dr. med. F. Nickel, Heidelberg; Dr. med. D. Pförringer, München; Dr. med. St. Rohleder, Mainz; Dr. med. J. Sperber, Saarbrücken

Das Positionspapier wird insgesamt drei große Abschnitte umfassen. In Abschnitt 1 werden technische Grundlagen auch für nicht damit vertraute „Einsteiger“ in das Thema erläutert.

Im größeren zweiten Teil werden die konkreten Applikationen der Digitalisierung in der Chirurgie anhand von fünf Themengebieten und Arbeitsbereichen illustriert:

  • TG/AB I Tele-Health
  • TG/AB II Perioperative Aspekte der Digitalisierung
  • TG/AB III Digitalisierung intraoperativer Prozesse
  • TG/AB IV Lehre/Forschung
  • TG/AB V Human Factors

In Abschnitt 3 werden schließlich die konkreten Positionen und Forderungen aus chirurgischer Sicht präzisiert.

Die inhaltliche Bearbeitung ist derzeit in vollem Gang, mit dem Ziel, die erste Version des Positionspapiers zum Chirurgenkongress 2020 der chirurgischen Öffentlichkeit vorzustellen. Ein Diskurs insbesondere bezüglich des dritten Abschnitts mit der durchpointierten Darstellung chirurgische Positionen und Forderungen ist dabei zu erwarten und aus Sicht der Autoren durchaus gewünscht. Am Ende soll jedoch ein konsensfähiges Papier entstehen, das die Position aller Chirurginnen und Chirurgen zum Ausdruck bringt und dementsprechend eine mächtigere Wirksamkeit entfaltet.

Es soll eine emotionslose und objektive Einschätzung des positiven und negativen Potenzials der „digitalen Transformierung“ in der Chirurgie ermöglichen und somit als Grundlage für künftiges Handeln dienen. Damit wäre dieses chirurgische Positionspapier mit seiner Systematik und seinem Umfang das erste seiner Art von allen medizinischen Disziplinen. Vielleicht kann es dadurch sogar zu einem Kristallisationskern für eine gemeinsame Positionierung aller interventionellen Fächer oder gar der Medizin in ihrer Gesamtheit werden. Jedenfalls erwarten die Autoren mit Spannung zunächst die Perzeption der chirurgischen Öffentlichkeit im Frühjahr nächsten Jahres.

Feußner H, Wilhelm D: Die Digitalisierung nicht anderen überlassen! Passion Chirurgie. 2019 November, 9(11): Artikel 03_02.

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Rezension: App vom Arzt – Bessere Gesundheit durch digitale Medizin

App vom Arzt – Bessere Gesundheit durch digitale Medizin
Verlag Herder
1. Auflage 2016, virtuell (Internetdatei)
144 Seiten
ISBN: 978-3-451-80749-7
Geb. Ausgabe € 16,99 / eBook € 12,99
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Das Thema E-Health ist inzwischen auch in der Öffentlichkeit angekommen und wird in den Medien zunehmend diskutiert. Wie in der Welt vom 17. Oktober 2016 anhand einer Statistik gezeigt wurde, steht jedoch die Mehrheit der Bevölkerung der Entwicklung eher skeptisch gegenüber.

Kürzlich erschien im Deutschen Ärzteblatt ein Kommentar aus dem Wissenschaftlichen Institut der Techniker Krankenkasse zum Thema der Gesundheits- und Fitness-Apps, der in der Forderung gipfelte: „Gerade den Global Playern darf man das Feld der digitalen Gesundheit nicht überlassen. Eine Datenethik ist unabdingbar.“

Das Büchlein von Jens Spahn, Markus Müschenich und Jörg F. Debatin ist genau dieser Problematik gewidmet. Zunächst wird auf die ubiquitäre und quasi selbstverständliche Verwendung von Datendiensten im normalen „Consumer“-Umfeld hingewiesen, die häufig durch eine beeindruckende Sorglosigkeit der Individuen im Umgang mit ihren persönlichen Daten gekennzeichnet ist.

Anschließend wird am Beispiel der Gesundheitskarte erklärt, wie auch der Gesundheitsbereich im weitesten Sinne in der digitalen Welt ankommen soll. Das Großprojekt „Digitale Gesundheitsakte“ war einmal ein wegweisendes kühnes Konzept, dessen endgültige Realisierung nach eineinhalb Jahrzehnten immer noch nicht abgeschlossen ist – ein Projekt, das vielleicht etwas weniger teuer als der Berliner Flughafen ist, aber dafür umso länger dauert.

Dass es in Deutschland bisher nicht gelungen ist, die Möglichkeiten von E-Health zu nutzen, ist nicht ausschließlich, aber doch ganz wesentlich auf die diffuse Angst vor dem „gläsernen Patienten“ zurückzuführen. Das Buch hat es sich zum Ziel gemacht, aufzuzeigen, dass damit auch große Chancen für den Patienten vertan werden. Die Autoren bringen es auf die ebenso einfache wie griffige Formel: „Datenschutz ist nur etwas für Gesunde“. Im Folgenden werden dann die historische Entwicklung der digitalen Medizin und beispielhafte heute schon verfügbare erfolgreiche Anwendungen dargestellt. Einen breiten Raum nimmt nun die kenntnisreiche und plausible Skizzierung der künftigen Chancen und Möglichkeiten der digitalen Medizin ein. Nicht jeder wird die ausgesprochen positive Beurteilung der digitalen Medizin durch die Autoren uneingeschränkt teilen, aber das Büchlein ist zweifellos eine wichtige Orientierungshilfe für den medizinischen Laien, der unser Gesundheitssystem in der Regel nur als Patient kennenlernt.

Die pointierte Stellungnahme für die Medizin 4.0 hat einen besonderen Wert in einem gesellschaftlichen Diskurs, der heute eher von einem lautstarken technoskeptischen bis technophoben Mainstream bestimmt wird. Das Buch ist uneingeschränkt lesenswert, denn es hilft dem Leser, auch die großen Chancen der medizinischen Digitalisierung zu sehen.

Feußner H. Rezension: App vom Arzt – Bessere Gesundheit durch digitale Medizin. Passion Chirurgie. 2017 Januar; 7(01): Artikel 04_10.

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