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Liebe Leserinnen und Leser,

diese Ausgabe des Heftes „Passion Chirurgie“ widmet sich in besonderer Weise der Herzchirurgie. In der Herzchirurgie ohne Leidenschaft zu arbeiten, ist nahezu unmöglich, steht doch das Organ Herz auch für den Sitz der menschlichen Gefühle und damit für den Ursprung der Leidenschaft. Natürlich ist für uns Herzchirurginnen und Herzchirurgen dieser Fachbereich eine ganz besondere Disziplin: Da es sich um ein unpaares Organ handelt, ist die simple Entfernung nicht möglich, ohne durch ein Spenderorgan einen passenden Ersatz zu ermöglichen. Maschinen zum Herzersatz können bisher nur für eine begrenzte Dauer im Körper arbeiten und bergen vielfältige Komplikationsmöglichkeiten. Auch lassen sich Teile des Organs nicht ungestraft entfernen, ohne einen Ersatz vorzunehmen. Da also auf das Herz als Organ nicht verzichtet werden kann, findet hier keine amputative Chirurgie statt, sondern stets eine rekonstruktive.

„In der Herzchirurgie ohne Leidenschaft zu arbeiten, ist nahezu unmöglich“

Wie Sie wissen, handelt es sich bei der Leidenschaft um ein besonderes Gefühl, das auch Leiden schafft: lange Konzentrations- und Stehphasen im OP, Operationen zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten, häufige Notfallsituationen, ständige Teamarbeit und die Unmöglichkeit der Niederlassung schrecken möglicherweise viele junge Menschen von der herzchirurgischen Arbeit ab. Für die Herzchirurgie spricht hingegen, dass sie ein besonders befriedigendes Fach ist, in dem man Erfolge auch kurzfristig sehen kann, in dem man kleinen Kindern helfen kann, groß zu werden, in dem man fast tote Patientinnen und Patienten ins Leben zurückholen kann. Und sie ist auch ein Fach, in dem man prognostisch wertvolle Eingriffe durchführen kann, die Herzkranken eine Überlebenschance annähernd vergleichbar zur Normalbevölkerung geben.

Für mich persönlich ist der Zustand des „Flow“, den man als Herzchirurg bei vielen Operationen erfahren kann, eine unglaublich positive Erfahrung. Beim „Flow“ handelt es sich um eine Art Glückszustand, den man erfährt, wenn man das, was man persönlich kann und weiß, in einer Art und Weise einsetzt, die den ganzen Menschen extrem fordert, aber eine zu bewältigende Aufgabe darstellt. In diesem Sinne kann ich nur feststellen, dass ich eine richtige Entscheidung getroffen habe, als ich im Jahr 1992 meine Tätigkeit in der Herzchirurgie begonnen habe. Ich kann auch weiterhin junge Menschen dazu ermutigen, diesen Beruf zu ergreifen. Auch wenn von kardiologisch-interventioneller Seite schon seit über 20 Jahren kolportiert wird, Herzchirurginnen und Herzchirurgen seien in spätestens zehn Jahren überflüssig: Sie werden immer noch gebraucht.

„Der Zustand des Flow ist eine unglaublich positive Erfahrung“

Vielleicht spüren Sie etwas mehr von der Faszination der Herzchirurgie in dem Kapitel über die Therapie der Herzinsuffizienz von Jan Gummert, wahrscheinlich etwas weniger in dem Kapitel über das Herz-Team von Andreas Beckmann und mir. Trotzdem ist es wichtig, dass wir uns als Herzchirurginnen und Herzchirurgen in einem Regelwerk mit anderen Fachdisziplinen verständigen, auch wenn dessen Lektüre vielleicht nicht unbedingt die „Passion Herzchirurgie“ widerspiegelt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre dieser Ausgabe der „Passion Chirurgie“.
Ihr
Prof. Dr. med. Andreas Böning

Böning A: Ursprung der Leidenschaft. Passion Chirurgie. 2021 November; 11(07/08): Artikel 01_Editorial.

Autor des Artikels

Prof. Dr. med. Andreas Boening

Direktor der Klinik für Herz-, Kinderherz- und GefäßchirurgieUniversitätsklinikum Gießen und Marburg GmbHRudolf-Buchheim-Str. 735392Gießen kontaktieren

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