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Gewalt gegen die Ärzteschaft sowie medizinisches Personal stellt eine Bedrohung für die Sicherheit der Mitarbeitenden dar und wirkt sich negativ auf die Patientensicherheit aus. Der demografische Wandel, der zunehmende Fachkräftemangel [1] und eine allgemein krisenhafte gesellschaftliche Stimmung sorgen unter anderem dafür, dass Patient:innen und Angehörige in stressigen Situationen mit Ungeduld reagieren, die sich dann in aggressivem Verhalten äußern kann.

Um eine Vorstellung über Häufigkeit und Formen von ausgeübter Gewalt zu erhalten, wurde von der Landesärztekammer Hessen 2019 die Meldestelle “Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und Team” eingerichtet [2]. Ärzt:innen aus allen Bundesländern und Fachgebieten haben hier die Möglichkeit, Aggressionsformen, die sie im Rahmen eines Vorfalls erlebt haben, anzugeben. Um die Anonymität des Meldenden zu bewahren, werden personenbezogene Daten wie Alter oder Geschlecht nicht abgefragt.

 Gewalterfahrungen auch im Gebiet der Chirurgie

Bis Februar 2026 sind über 500 Meldebögen bei der Landesärztekammer Hessen eingegangen. Bisher stammt die Mehrheit der Meldungen aus dem ambulanten Sektor, insbesondere aus der Allgemeinmedizin (33 %), gefolgt von der Psychiatrie und Psychotherapie (19 %), dem Gebiet Innere Medizin (10 %) und der Chirurgie (8 %).

Betrachtet man die Formen aggressiven Verhaltens, so wird deutlich, dass die Mehrheit der Meldenden über Beleidigung oder Beschimpfung (74 %) sowie über Bedrohung oder Einschüchterung (64 %) berichtet. Einige berichten über Rufschädigung in Form von Falschaussagen auf Ärzteportalen im Internet (27 %), gefolgt von körperlicher Gewalt in leichterer Form (z. B. Schubsen, Bedrängen, Festhalten) (14 %). Aber auch ausgeprägte körperliche Gewalt wurde genannt, wie Beißen, Schlagen, Treten (8 %) sowie sexuelle Belästigung in Form von anzüglichen Bemerkungen und Gesten, Grabschen (außer Brüste und Genitalien) (7 %).

Abb 1: Formen aggressiven Verhaltens (N=512), Quelle: Landesärztekammer Hessen, Stabsstelle Qualitätssicherung

Deeskalationsstrategien für Ärzteschaft und Team

Die Landesärztekammer Hessen hat auf Meldungen der Ärzteschaft reagiert: Um das medizinische Personal für den Umgang mit kritischen Situationen zu stärken, bietet die Ärztekammer ein Fortbildungsangebot für interprofessionelle Teams zu Gewalt und Aggressionen im Praxisalltag an. Die Schulung vermittelt nicht nur theoretisches Wissen zu den Ursachen und Auswirkungen aggressiven Verhaltens, sondern bietet auch praxisorientierte Deeskalationsstrategien. Ein wichtiger Bestandteil des Kurses sind Rollenspiele, in denen die Teilnehmenden realitätsnahe Szenarien durchspielen und lernen, wie sie in aggressiven Situationen besonnen reagieren können. Ziel des Kurses ist es, den Teilnehmenden das nötige Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu geben, kritische Situationen mit aggressiven Patient:innen oder Angehörigen im Berufskontext souverän zu meistern. 

Gewaltvorfälle schnell und anonym melden

Die aktuellen Ergebnisse des Meldebogens zeigen einen dringenden Bedarf, dem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht in der Ärzteschaft sowie beim medizinischen Personal entgegenzuwirken, die Gewaltsituationen im Arbeitsalltag nach sich ziehen können. Angesichts der aggressiven Vorfälle in der medizinischen Praxis ruft die Landesärztekammer Hessen Ärzt:innen aus allen Bundesländern und Fachgebieten weiterhin dazu auf, Gewaltvorfälle, die man selbst erfahren hat oder die im Team erlebt wurden, konsequent zu melden.

Weiterhin verdeutlichen die aktuellen Meldedaten, dass insbesondere aus dem ambulanten Bereich Meldungen erfolgen und sich das aggressive Verhalten der Patient:innen vermehrt gegen Medizinische Fachangestellte richtet. Vor diesem Hintergrund bittet die Landesärztekammer Hessen auch Ärzt:innen aus dem stationären Sektor, bei Gewalterfahrungen im beruflichen Kontext eine Meldung abzugeben.

Der Meldebogen „Gewalt gegen Ärzteschaft und Team“ ist auf der Website der Kammer oder unter https://kurzlinks.de/Gewalt-Meldebogen abrufbar.

Die anonymisierten Meldungen sind von entscheidender Bedeutung, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, potenzielle Risiken zu identifizieren und entsprechende Präventionsmaßnahmen weiterzuentwickeln. Dies trägt nicht nur zur Sicherheit des medizinischen Personals bei, sondern hilft auch, das Bewusstsein für die Problematik in der Öffentlichkeit und bei den Entscheidungsträgern zu schärfen.

Literatur

[1]        Meryam Schouler-Ocak, Iris T. Graef-Calliess: Psychische Erkrankungen bei Migranten. Psyche im Fokus 3/2014: 31
[2]        I. Natanzon, N. Walter: Gewalt gegen die Ärzteschaft und Mitarbeitende
Hessisches Ärzteblatt 04/2024, S. 208-210

 

Autor:in des Artikels

Profilbild von Iris Natanzon

Dr. Dipl.-Soz. Iris Natanzon

Wissenschaftliche Referentin der Stabsstelle QualitätssicherungLandesärztekammer HessenBild: (c) Isolde Asbeck (LÄKH)

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