01.04.2026 Sektorübergreifend
Gewalt gegen Ärzteschaft und Team: Anonyme Meldestelle der Landesärztekammer Hessen

Gewalt gegen die Ärzteschaft sowie medizinisches Personal stellt eine Bedrohung für die Sicherheit der Mitarbeitenden dar und wirkt sich negativ auf die Patientensicherheit aus. Der demografische Wandel, der zunehmende Fachkräftemangel [1] und eine allgemein krisenhafte gesellschaftliche Stimmung sorgen unter anderem dafür, dass Patient:innen und Angehörige in stressigen Situationen mit Ungeduld reagieren, die sich dann in aggressivem Verhalten äußern kann.
Um eine Vorstellung über Häufigkeit und Formen von ausgeübter Gewalt zu erhalten, wurde von der Landesärztekammer Hessen 2019 die Meldestelle “Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und Team” eingerichtet [2]. Ärzt:innen aus allen Bundesländern und Fachgebieten haben hier die Möglichkeit, Aggressionsformen, die sie im Rahmen eines Vorfalls erlebt haben, anzugeben. Um die Anonymität des Meldenden zu bewahren, werden personenbezogene Daten wie Alter oder Geschlecht nicht abgefragt.
Gewalterfahrungen auch im Gebiet der Chirurgie
Bis Februar 2026 sind über 500 Meldebögen bei der Landesärztekammer Hessen eingegangen. Bisher stammt die Mehrheit der Meldungen aus dem ambulanten Sektor, insbesondere aus der Allgemeinmedizin (33 %), gefolgt von der Psychiatrie und Psychotherapie (19 %), dem Gebiet Innere Medizin (10 %) und der Chirurgie (8 %).
Betrachtet man die Formen aggressiven Verhaltens, so wird deutlich, dass die Mehrheit der Meldenden über Beleidigung oder Beschimpfung (74 %) sowie über Bedrohung oder Einschüchterung (64 %) berichtet. Einige berichten über Rufschädigung in Form von Falschaussagen auf Ärzteportalen im Internet (27 %), gefolgt von körperlicher Gewalt in leichterer Form (z. B. Schubsen, Bedrängen, Festhalten) (14 %). Aber auch ausgeprägte körperliche Gewalt wurde genannt, wie Beißen, Schlagen, Treten (8 %) sowie sexuelle Belästigung in Form von anzüglichen Bemerkungen und Gesten, Grabschen (außer Brüste und Genitalien) (7 %).

Deeskalationsstrategien für Ärzteschaft und Team
Die Landesärztekammer Hessen hat auf Meldungen der Ärzteschaft reagiert: Um das medizinische Personal für den Umgang mit kritischen Situationen zu stärken, bietet die Ärztekammer ein Fortbildungsangebot für interprofessionelle Teams zu Gewalt und Aggressionen im Praxisalltag an. Die Schulung vermittelt nicht nur theoretisches Wissen zu den Ursachen und Auswirkungen aggressiven Verhaltens, sondern bietet auch praxisorientierte Deeskalationsstrategien. Ein wichtiger Bestandteil des Kurses sind Rollenspiele, in denen die Teilnehmenden realitätsnahe Szenarien durchspielen und lernen, wie sie in aggressiven Situationen besonnen reagieren können. Ziel des Kurses ist es, den Teilnehmenden das nötige Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu geben, kritische Situationen mit aggressiven Patient:innen oder Angehörigen im Berufskontext souverän zu meistern.
Gewaltvorfälle schnell und anonym melden
Die aktuellen Ergebnisse des Meldebogens zeigen einen dringenden Bedarf, dem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht in der Ärzteschaft sowie beim medizinischen Personal entgegenzuwirken, die Gewaltsituationen im Arbeitsalltag nach sich ziehen können. Angesichts der aggressiven Vorfälle in der medizinischen Praxis ruft die Landesärztekammer Hessen Ärzt:innen aus allen Bundesländern und Fachgebieten weiterhin dazu auf, Gewaltvorfälle, die man selbst erfahren hat oder die im Team erlebt wurden, konsequent zu melden.
Weiterhin verdeutlichen die aktuellen Meldedaten, dass insbesondere aus dem ambulanten Bereich Meldungen erfolgen und sich das aggressive Verhalten der Patient:innen vermehrt gegen Medizinische Fachangestellte richtet. Vor diesem Hintergrund bittet die Landesärztekammer Hessen auch Ärzt:innen aus dem stationären Sektor, bei Gewalterfahrungen im beruflichen Kontext eine Meldung abzugeben.
| Der Meldebogen „Gewalt gegen Ärzteschaft und Team“ ist auf der Website der Kammer oder unter https://kurzlinks.de/Gewalt-Meldebogen abrufbar. |
Die anonymisierten Meldungen sind von entscheidender Bedeutung, um Entwicklungen frühzeitig zu erkennen, potenzielle Risiken zu identifizieren und entsprechende Präventionsmaßnahmen weiterzuentwickeln. Dies trägt nicht nur zur Sicherheit des medizinischen Personals bei, sondern hilft auch, das Bewusstsein für die Problematik in der Öffentlichkeit und bei den Entscheidungsträgern zu schärfen.
Literatur
[1] Meryam Schouler-Ocak, Iris T. Graef-Calliess: Psychische Erkrankungen bei Migranten. Psyche im Fokus 3/2014: 31
[2] I. Natanzon, N. Walter: Gewalt gegen die Ärzteschaft und Mitarbeitende
Hessisches Ärzteblatt 04/2024, S. 208-210
Autor:in des Artikels
Weitere aktuelle Artikel
11.11.2022 Pressemitteilungen
Hybrid-DRGs entscheidend für Überwindung der Sektorengrenzen
Mit der nun von der Koalition gewünschten Einführung einer speziellen sektorengleichen Vergütung für ambulant mögliche, bislang aber überwiegend stationär erbrachte Operationen würde der Gesetzgeber einen entscheidenden Schritt zur Überwindung der Sektorengrenzen im Gesundheitswesen machen.
29.09.2022 Pressemitteilungen
BDC und DGCH mahnen maßvolle Erweiterung des AOP-Kataloges an
Der Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC) und die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie e.V. (DGCH) befürworten in einem Schreiben vom 23.9.2022 an die „Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung“ eine Ambulantisierung mit Augenmaß.
21.09.2022 Sektorübergreifend
Konsortium legt neuen Vorschlag zur Ambulantisierung vor
Ein Konsortium aus dem Hamburg Center for Health Economics (HCHE) der Universität Hamburg, der Technischen Universität Berlin (TU Berlin), dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi), dem Deutschen Krankenhausinstitut (DKI) und dem BKK Dachverband hat eine neues Konzept zur einheitlichen, sektorengleichen Vergütung ambulant erbringbarer medizinischer Leistungen präsentiert.
14.08.2022 Politik
BDC-Praxistest: Ambulante Operationen und Interventionen patientengerecht vorantreiben – aber wie?
Da ist es also, das neue AOP-Gutachten von IGES. Der Inhalt könnte die Krankenhauslandschaft in Deutschland nachhaltig verändern. Erfreulicherweise wurde das Gutachten komplett veröffentlicht. Der Interessierte kann sich die Ergebnisse je nach Ausmaß des Interesses auf einer zweiseitigen Zusammenfassung des IGES-Geschäftsführers, Dr. Martin Albrecht, zu Gemüte führen.
Lesen Sie PASSION CHIRURGIE!
Die Monatsausgaben der Mitgliederzeitschrift können Sie als eMagazin online lesen.

