20.01.2026 Panorama
Zwei Fundstücke chirurgischer Vergangenheit – Lambotte und Sauerbruch

Lambottes „L’Intervention Opératoire“ von 1907 und Sauerbruchs „Chirurgie der Brustorgane“ von 1920
Zeugnisse chirurgischer Vergangenheit [1] sind das Bindeglied zur Gegenwart. Das Erfassen und Bewahren historisch relevanter Objekte erlaubt die anschauliche Vermittlung von Prozessen und Entwicklungen des jeweiligen Fachgebietes. Zu diesen dinglichen Erinnerungsstücken zählen auch Bücher.
Albin Lambottes „L’ Intervention opératoire dans les Fractures“, erschienen 1907 bei Henri Lamertin in Brüssel, trägt auf dem Innentitel den Autographen „Braun“. Es stammt aus der Privatbibliothek von Prof. Dr. Heinrich Braun (1862-1934), von 1906 bis 1928 Direktor des Zwickauer Krankenstifts (seit 1934 „Heinrich-Braun-Krankenhaus“). Er war 1924 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und hat vor allem mit seinen Arbeiten zur Lokalanästhesie seinen Platz in der Geschichte der Chirurgie. [2] Um das Buch vor dem Einstampfen oder Makulieren zu retten, hat es später der Zwickauer Chirurg Günter Heimann (1933-2019) erworben und es dann dem Autor übereignet.

Abb. 1: Albin Lambotte

Abb. 2: Albin Lambotte setzt den Fixateur externe ein
Albin Lambotte, in den einschlägigen Lexika ebenso verewigt wie Heinrich Braun, stammte aus einer Brüsseler Ärztefamilie: sein Vater war Professor der Anatomie, sein Bruder Chirurg und Albins erster Lehrer. Seit 1900 Chefarzt der Chirurgie am Krankenhaus Stuivenberg in Antwerpen, begann Lambotte als einer der ersten in Europa mit der operativen Behandlung von Knochenbrüchen. Den Begriff „ostéo-synthèse“ hat er geprägt! Seine Erfahrungen legte er in der eingangs erwähnten Schrift dar. Gegliedert in einen allgemeinen und einen speziellen Teil, versehen mit eindrucksvollen Zeichnungen und Fotografien, schildert Lambotte meisterhaft die Prinzipien seines Vorgehens: exakte Reposition, stabile Fixation und frühe Mobilisation. Das galt für alle Formen der Osteosynthese, für die Verplattung ebenso wie für die Verschraubung oder Cerclage. Zum ersten Mal kam auch der Fixateur externe zur Anwendung. Die Ergebnisse waren frappant bezüglich der Wiederherstellung von Form und Funktion unter Vermeidung der Nachteile einer langwierigen Extensions- und Gipsbehandlung. [3] Von Lambotte, dessen Knochenzange- und Meissel wir noch heute kennen, führt der direkte Weg zu der von Allgöwer, Müller und Willenegger 1958 ins Leben gerufenen Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen (AO) und der weltweiten Etablierung einer regelhaften operativen Knochenbruchbehandlung. Albin Lambotte war auch künstlerisch begabt, spielte semiprofessionell Geige und baute – nach einer Geigenbaulehre in der Jugend – selbst Instrumente. Außerdem verfügte er über eine bildnerische Begabung, zeichnete, schnitzte und illustrierte teilweise eigene Fachliteratur.

Abb. 3: „L’Intervention Opératoire“.
Das zweite Buch wiegt zwei Kilo! Es handelt sich um den ersten Band von Sauerbruchs „Chirurgie der Brustorgane“, das war die um mehrere hundert Seiten erweiterte zweite Auflage seiner „Technik der Thoraxchirurgie“ und beinhaltete die Erkrankungen der Lunge. Der Verfasser hat das Werk von seinem Doktorvater Prof. Eberhard Hasche (1920-1973) erhalten, diesem wiederum war es von einem Patienten namens Dr. Fritz Loth zu seinem 44. Geburtstag zugeeignet worden. Hasche war, 1957 von der Berliner Charité kommend, Chefarzt der Thorax- und Herzchirurgie an der dem DDR-Gesundheitsministerium unterstehenden Zentralklinik im thüringischen Bad Berka. [4] Als Schüler von Willi Felix (1892-1962) konnte er sich als chirurgischer Enkel von Ferdinand Sauerbruch (1875-1951) betrachten. Über diesen Großmeister muss an dieser Stelle nicht mehr viel gesagt werden. [5] Sein Name, seine Leistungen und seine Licht- und Schattenseiten sind noch heute Gegenstand von Betrachtungen, Diskussionen und auch Kontroversen. Das große Gebäude der Thoraxchirurgie wäre ohne ihn nicht denkbar. Neben den rein fachlichen, anatomischen, physiologischen und operationstechnischen Aspekten des über 900 Seiten starken Buches mit einzigartigen Abbildungen einschließlich der Wiedergabe von Röntgenaufnahmen und zum Teil farbigen Operationssitus, die zu analysieren es einer gesonderten Betrachtung bedürfte, sind es Randbemerkungen, die unser Interesse hervorrufen. Im Vorsatzblatt widmet Sauerbruch das Werk dem Andenken seines Lehrers Johannes von Mikulicz (1850-1905), der ihn in Breslau an die Thoraxchirurgie herangeführt hatte. In seinem Vorwort weist Sauerbruch auf seinen Mitarbeiter Emil Dagobert Schumacher (1880–1914) hin, der ihn seit der ersten Auflage als Mitherausgeber begleitet und auch die Operationsbilder gezeichnet hat. Der Luzerner Schumacher, den heute kaum noch jemand kennt, hatte bei Rudolf Krönlein (1847-1918) habilitiert und dann bei Sauerbruch in Zürich und München gearbeitet. Sauerbruch rühmte dessen „künstlerische Hand“, der nicht nur einprägsame Operationsbilder entstammten, sondern auch realistische Darstellungen von pathologischen Präparaten. Tragisch war der Tod dieses hoffnungsvollen Schweizer Chirurgen, der im Alter von 34 Jahren in Davos an der „Volkskrankheit“ Tuberkulose starb. Wie oftmals zuvor, waren Sauerbruch und Schumacher gemeinsam zum Operieren in die Davoser Heilstätten gereist.

Abb. 4: Ferdinand Sauerbruch

Abb. 5: „Die Chirurgie der Brustorgane I“
Ein weiteres Vorsatzblatt ist „Der Erinnerung an Georg Ruge“ gewidmet. Ihn hatte Sauerbruch während seiner Züricher Zeit kenngelernt, wo Ruge Ordinarius für Anatomie war. Zusammen mit dem Sauerbruch-Schüler Felix hatte Ruge den anatomischen Part der großen Operationslehre übernommen. Wie Sauerbruch und Felix ist auch er Mitglied der altehrwürdigen LEOPOLDINA gewesen. Dem Vorwort entnehmen wir weitere prominente Namen, so den des chirurgischen Radiologen Eduard Stierlin (1878-1919) und des Chirurgen Alfred Brunner (1890-1972). Ein weiterer namhafter Mitarbeiter des Bandes war Dr. Ludwig von Muralt (1869-1917), Chefarzt eines Davoser Sanatoriums, der kurz nach Fertigstellung seines Kapitels über die Lungentuberkulose an derselben verstarb – erst 48 Jahre alt. Auch Stierlin hat das Erscheinen dieser zweiten Auflage nicht mehr erlebt, während sein Kollege Brunner Sauerbruch nach Zürich und München folgte, Oberarzt wurde und auf den Zürcher Lehrstuhl in der Nachfolge von Paul Clairmont (1875-1942) berufen wurde. Brunner war ebenso Mitglied der LEOPOLDINA wie der oben erwähnte Hasche, der diese Auszeichnung zur höchsten seines Lebens zählte.

Abb. 6: Die Widmung

Abb. 7: Emil Dagobert Schumacher

Abb. 8: Lungenresektion
2025 begingen wir den 150. Geburtstag von Sauerbruch und den 70. Todestag von Lambotte.
Literatur
[1] Klimpel, V.: Zeugnisse chirurgischer Vergangenheit. Zent. bl. Chir. 112(1987), 202-209
[2] ders.: Die Zwickauer Chirurgie von Karl Hermann Karg bis Frank Otto Meyer. Der Chirurg 69 (1998), 105-108
[3] https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Albin_Lambotte&oldid=
239778667
[4] Klimpel, V.: Eberhard Hasche (1920-1973): eine bio-bibliographische Skizze. Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 13 (1995), 459-472
[5] Weißer, Chr.: Ernst Ferdinand Sauerbruch. In: Christoph Weißer, Chirurgenlexikon. 2000 Persönlichkeiten aus der Geschichte der Chirurgie. Berlin 2029. 284-285
Klimpel V: Zwei Fundstücke chirurgischer Vergangenheit. Passion Chirurgie. 2026 Januar/Februar; 16(01/02): Artikel 09.
Autor:in des Artikels
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