Alle Artikel von Jan Baus

Intensivmedizin: Wann bedeutet ein Okay auch okay?

Die Versorgung von schwer bis lebensbedrohlich erkrankten oder verletzen Patienten in der Intensivstation stellt an Rotationsassistenten der Chirurgie besondere Herausforderungen. Sie sind Mitglied eines interdisziplinären und interprofessionellen Teams, das in enger Zusammenarbeit Patienten behandelt, bei denen es zu Dysfunktionen in mindestens einem Organsystem gekommen ist. Selbst beim „stabilen“ Patienten kann es dem in der Intensivmedizin Unerfahrenen schwerfallen, alle relevanten Probleme des Patienten zu überblicken und in der Behandlung die richtigen Prioritäten zu setzen. Kommt es nun zu einer dynamischen Dekompensation einer oder mehrerer Vitalfunktionen, so entwickelt sich rasch eine Notfallsituation mit ihren klassischen Merkmalen Komplexität, Dynamik und Intransparenz. Hier kommt es nun neben allem medizinischen Wissen und Können insbesondere auf Fähigkeiten aus dem Bereich der Human Factors an. In den meisten Fällen (bis zu 70 Prozent) sind es Defizite im Bereich der Soft-Skills, die für Probleme und Zwischenfälle in der Notfallversorgung verantwortlich sind.

Verschlechtert sich der Zustand eines Patienten in bedrohlicher Weise, muss dies zunächst einmal erfasst, verstanden und kommuniziert werden (Situational awareness, Shared mental Model). Das Team muss sich unter einer Führung formieren (Teamwork und Leadership) und in diesem Team Entscheidungen treffen (Decision Making). Aufgaben müssen im Team verteilt werden (Task Management). Schließlich muss die Notfallsituation regelmäßig reevaluiert und das weitere Vorgehen angepasst werden. Wie gut dies gelingt, entscheidet in der Intensivmedizin über Leben und Tod. Dies sei an folgendem Beispiel verdeutlicht. Nehmen wir an, die erfahrene Intensivpflegekraft weist den Rotationsassistenten darauf hin, der Patient „in der 8“ habe einen „schlechten Blutdruck“. Was für die erfahrene Pflegekraft einen sich abzeichnenden Notfall darstellt, scheint dem Rotationsassistenten wie eine wahrscheinlich vorübergehende physiologische Störung. Er antwortet mit „Okay“. Dieses „Okay“ bedeutet für die Pflegekraft, der Arzt hat verstanden und wird sich zeitnah um eine Lösung bemühen. Für den Arzt bedeutet „Okay“: „Nehme ich zur Kenntnis, gib Bescheid wenn es schlimmer wird!“ Es wird aus der Perspektive des Beobachters klar, wie hier durch ein Defizit in der Kommunikation beim Erfassen einer Notfallsituation bedrohlicher Zeitverzug für die eigentliche Behandlung entsteht. In unserem Beispiel kommt es zum Kreislaufstillstand. Der herbeieilende Rotationsassistent beginnt sofort mit der Herzdruckmassage. In dieser Position ist er nicht in der Lage, Team und Ressourcen einzuteilen und zu führen. Im Rückblick werden die Beteiligten erinnern, dass hier eine „unnötige Hektik“ entstand. Einige Teammitglieder bekommen mehr Aufgaben, als sie abarbeiten können. Andere Teammitglieder fühlen sich „unnütz“. Alle vergessen, oberärztliche Hilfe anzufordern. In der Nachbesprechung sind sich alle Teammitglieder einig, dass die Bewältigung der Situation „eigentlich nicht schwierig“ gewesen wäre und an rein medizinisches Wissen und Können keine besonderen Herausforderungen gestellt hat. Wissen und Können war vorhanden, um die Situation zu beherrschen, dennoch wurde sie nicht optimal beherrscht. Es besteht somit offenbar ein Defizit in der Ausbildung der so wichtigen Notfallkompetenzen aus dem Bereich der Human Factors. Umso wichtiger ist es, Trainingsmöglichkeiten für Assistenten zu schaffen.

Seminar Simulationstraining Notfallmanagement

Der BDC bietet die Seminare „Simulationstraining Notfallmanagement“ mit dem Ziel an, diese Lücke zu schließen. Mithilfe eines High-Fidelity-Patientensimulators und unter „echten“ Bedingungen werden bei dem Seminar einen Tag lang sowohl das prioritäten-orientierte medizinische Abarbeiten des Notfalls als auch die beschriebenen Soft-Skills trainiert, ohne dass ein Patient zu Schaden kommen kann. Dabei wird die Arbeit des Teams aus verschiedenen Perspektiven mit Kameras und Mikrofonen aufgezeichnet. Kernstück einer jeden Simulation ist die anschließende audio-video-gestützte Nachbesprechung, das sogenannte Debriefing. Hier erhalten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich selbst bei der Arbeit zu beobachten, Fehler selbst zu erkennen und mit den Instruktoren zu erarbeiten, wie es zu diesen Fehlern kommen konnte und wie sie in Zukunft vermieden werden können. Dabei wird wiederum sowohl auf medizinische Inhalte als auch im Besonderen auf die Aspekte der Human Factors eingegangen.

Das Zentrum für Notfalltraining des ukb hat sich auf medizinische Simulationstrainings spezialisiert und schult Ärzte, Gesundheits- und Krankenpfleger und Rettungsdienstpersonal sowohl am Unfallkrankenhaus Berlin als auch „in situ“ an anderen Krankenhäusern zum Thema Notfallmanagement im Schockraum, in der Intensivstation, in der Anästhesiologie oder in der Präklinik.

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Workshop „Simulationstraining Notfallmanagement”

21. September 2018, Potsdam

Information & Anmeldung

Tel. 030/28004-120, Fax 030/28004-129 oder per E-Mail: [email protected]
oder über BDC|Online unter www.bdc.de, Rubrik BDC|Akademie | Alle Veranstaltungen

Baus J: Intensivmedizin: Wann bedeutet ein Okay auch okay? Passion Chirurgie. 2018 Februar, 8(02): Artikel 04_01.

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Simulationstraining „Notfallmanagement für Unfallchirurgen” am Unfallkrankenhaus Berlin

Im Rahmen des „Curriculums Basischirurgie“ des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen e.V. fand am 28. April 2017 der erste Workshop „Simulationstraining Notfallmanagement“ am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) statt.

Die Teilnehmer des Workshops stellten sich einen Tag lang der Herausforderung, unter realitätsnahen Bedingungen ihre Handlungskompetenz in Notfallsituationen zu testen und unter der Führung erfahrener Simulationsinstruktoren zu verbessern.

Zunächst wurde praxisbezogen die nötige Theorie zur allgemeinen Herangehensweise an eine medizinische Notfallsituation vermittelt, dem Teilnehmer ein Leitfaden zum prioritäten-orientierten Vorgehen in diesen stressgeladenen Situationen an die Hand gegeben. Dies allein reicht aber nicht als Grundlage für das erfolgreiche Handeln im Notfall. Denn es zeigt sich immer wieder, dass Probleme und Zwischenfälle bei der Notfallversorgung nicht allein auf fehlendes medizinisches Wissen und Können zurückzuführen sind, sondern zu 70 Prozent im Bereich der Human Factors liegen. Zudem ist die „weit überwiegende Mehrzahl von risikoreichen Handlungen am akutmedizinischen Patienten ebenfalls nicht eine Einzelleistung, sondern das Resultat einer Teamleistung.“ (Lackner, Burghofer, 2010). Deshalb wurden im Weiteren die Grundlagen des so wichtigen Themenkomplexes des Crisis Resource Managements vermittelt, insbesondere die Aspekte Teamführung, Entscheidungsfindung und Kommunikation.

Der Vorteil von Simulationstrainings ist es nun, unter quasi „echten“ Bedingungen sowohl das prioritäten-orientierte medizinische Abarbeiten des Notfalls als auch die beschriebenen Soft-Skills zu trainieren, ohne dass ein Patient zu Schaden kommen kann. Die Herausforderung für das Simulationsteam liegt bei der Gestaltung der Szenarien darin, die Teilnehmer „echten“ Stress erleben und sie vergessen zu lassen, dass lediglich die Gesundheit eines Simulators auf dem Spiel steht. Kernstück einer jeden Simulation ist die audio-video-gestützte Nachbesprechung, das sogenannte Debriefing. Hier erhalten die Teilnehmer die Möglichkeit, sich selbst bei der Arbeit zu beobachten, Fehler selbst zu erkennen und mit den Instruktoren zu erarbeiten, wie es zu diesen Fehlern kommen konnte und wie sie in Zukunft vermieden werden können. Dabei wird wiederum sowohl auf medizinische Inhalte als auch im Besonderen auf die Aspekte des Crisis Resource Managements eingegangen.

Abb. 1: Simulationssetting, Schematische Darstellung

Ein Durchlauf eines klinischen Falls durch ein medizinisches Simulationstraining nennt man „Szenario“. Bei Simulationstrainings können gezielt Szenarien ausgewählt werden. Zwei bis vier Teilnehmer werden pro Szenario aktiv teilhaben. Dabei werden diese vom Instruktor gebrieft, um so realitätsabbildend in das Geschehen des Szenarios eingeführt zu werden. Dann findet das Szenario statt. Dabei befinden sich nur die Teilnehmer des Szenarios im Geschehen. Das Szenario wird von außerhalb („Kontrollraum“) von den Instruktoren gesteuert. Dabei sehen und hören die Instruktoren die gesamte Zeit über Kameras und Mikrophone aus verschiedenen Perspektiven die Situation und können das Szenario beeinflussen und steuern. Die nichtaktiven Teilnehmer partizipieren ebenfalls beobachtend vom Debriefingraum aus.

Die Teilnehmer des Workshops durchlebten mehrere Notfallsituationen und bewerteten diese Erfahrung als sehr realistisch. Bei den Debriefings wurde typischerweise gerade die Möglichkeit, „sich selbst bei der Arbeit zuzusehen“, als besonders wertvoll eingeschätzt. Dies lohnt sich hervorzuheben, da gerade die Sorge, „per Kamera vorgeführt zu werden“, viele Kollegen und Kolleginnen im Vorfeld umtreibt und gar davon abhält, an einem Simulationstraining überhaupt teilzunehmen.

Alle Teilnehmer zeigten sich am Ende des Tages sehr zufrieden mit dem Erlebten und Erlernten. Die Handlungskompetenz der Teilnehmer wuchs rasch, und der eine oder andere Teilnehmer hätte sich gewünscht, sein Können in weiteren Szenarien unter Beweis zu stellen.

Das Zentrum für Notfalltraining des ukbs hat sich auf medizinische Simulationstrainings spezialisiert und schult Ärzte, Gesundheits- und Krankenpfleger und Rettungsdienstpersonal sowohl am Unfallkrankenhaus Berlin als auch „in situ“ an anderen Krankenhäusern zum Thema Notfallmanagement im Schockraum, in der Intensivstation, in der Anästhesiologie oder im Rettungswagen.

Effekte von medizinischen Simulationstrainings sind neben der Erhöhung der Patientensicherheit, auch die Erhöhung der Leistungsfähigkeit Einzelner und eines Teams. Es führt zur Reduzierung von vermeidbaren Fehlern. Darüber hinaus erhöht es auch die Mitarbeiterzufriedenheit, erhöht die Personalbindung und reduziert dadurch Fehlzeiten.

Baus J. Simulationstraining „Notfallmanagement“ für Unfallchirurgen am Unfallkrankenhaus Berlin. Passion Chirurgie. 2017 Juli, 7(07): Artikel 04_03.

Programmflyer “Workshop Simulationstraining Notfallmanagement”
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