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Laut Frank-Ulrich Montgomery, dem früheren Präsident der Bundes-Ärztekammer und jetzt Vorstandsvorsitzenden des Weltärztebundes, hat die Spezialisierung in der Medizin in den letzten Jahren immer mehr zugenommen. In der gegenwärtigen deutschen Weiterbildungsordnung sind 51 Facharztgebiete verzeichnet. Nach einem Bericht im Deutschen Ärzteblatt [1] ist Montgomery der Ansicht, der medizinische Fortschritt sei ohne die Spezialisierung nicht möglich gewesen. „Wesentliche Argumente für eine Spezialisierung sind Fortschritt, Überschaubarkeit und eine Steigerung der Qualität“, habe Montgomery auf einem Symposium im Februar 2015 in Köln erklärt.

Das Europäische Parlament und der Rat haben in der Berufsanerkennungsrichtlinie die gegenseitige Anerkennung der Abschlüsse von 150 Berufen, darunter auch des Arztberufs beschlossen [2]. „Für alle 51 medizinischen Fachrichtungen gilt dabei auch in Zukunft das Prinzip der automatischen Anerkennung“ [2]. „Für neue Facharzttitel hingegen hat das Parlament die Latte der Anerkennungsrichtlinie höher gehängt: „Hier ist eine automatische Anerkennung grundsätzlich an die Voraussetzung geknüpft, dass mindestens zehn EU-Länder (sogenannte Zwei-Fünftel-Regelung) diese Bezeichnung eingeführt haben [2].

UEMS

Die UEMS (Union Européenne des Médecins Spécialistes/European Union of Medical Specialists) ist die älteste und größte professionelle medizinische Institution in Europa und vertritt heute die Interessen von 1,6 Millionen Fachärzten. Die UEMS wurde 1958 gegründet. Sie wird getragen von 40 nationalen Gesellschaften, die in ihren Ländern die Interessen der Fachärzte vertreten. Für die deutschen Fachärzte ist der Spitzenverband Fachärzte Deutschland e. V. (SpiFa) Mitglied in der UEMS.

Die UEMS verfolgt vordringlich die folgenden Ziele:

  • Vertretung der Interessen aller Fachärzte in Europa
  • Harmonisierung der Facharztausbildung in Europa
  • Entwicklung von Standards für alle Fachdisziplinen

Entsprechend der zunehmenden Spezialisierung besteht die UEMS mittlerweile aus 43 Fachdisziplinen, 15 multidisziplinären Ausschüssen und mehr als 20 Divisionen/Working Groups [3].

Die einzelnen Fachdisziplinen haben mit einem European Board jeweils eine Untergruppe gebildet, die zusammen mit den zuständigen europäischen wissenschaftlichen Fachgesellschaften Empfehlungen für das Training und die Weiterbildung erarbeiten.

Das Gesamtgebiet der Chirurgie ist in der UEMS durch die Sektionen Herz- und Thoraxchirurgie, Neurochirurgie, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie, Kinderchirurgie, Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie, Thoraxchirurgie, Gefäßchirurgie und Allgemein- und Viszeralchirurgie vertreten.

Themen, die mehrere Fachdisziplinen betreffen, sind in der UEMS in den Multidisciplinary Joint Committees angesiedelt (Handchirurgie, Intensivmedizin, Onkologie, Phlebologie, Wirbelsäulenchirurgie, Sportmedizin, Wundmanagement).

Da es aufgrund der Berufsanerkennungsrichtlinie nicht zu einer baldigen Einführung von neuen Subspezialitäten in der Chirurgie kommen kann, hat die UEMS Surgery Section zusammen mit ihrem European Board of Surgery und den entsprechenden europäischen wissenschaftlichen Fachgesellschaften Anforderungen für die Erlangung einer Qualifikation in einer Subspezialität formuliert. Innerhalb der UEMS Section of Surgery werden die Subspezialitäten durch Divisions/Working Groups vertreten. Sie führen zusammen mit dem European Board of Surgery und den wissenschaftlichen Fachgesellschaften die Prüfung der geleisteten Anforderungen und das schriftliche und mündliche Examen durch. Bei bestandenem Examen erhält der Antragssteller ein Zertifikat, dass er über ein ausreichendes Wissen und nachgewiesene Kompetenz, zum Beispiel im Bereich der Koloproktologie, der endokrinen Chirurgie, der Transplantationschirurgie, der onkologischen Chirurgie usw. verfügt. Das Zertifikat trägt dann den Titel „Fellow European Board of Surgery – Subspeciality“.

Im Jahre 2019 hat die UEMS Surgery Section die Qualifikation „Fellow European Board of Surgery – Abdominal Wall Surgery“ (FEBS-AWS) eingeführt. Voraussetzung zur Erlangung dieses Zertifikats ist der Facharzt für Allgemein- oder Viszeralchirurgie. Hintergrund sind die zunehmende Entwicklung von Hernienzentren und die gestiegenen Anforderungen an die Hernienchirurgie durch Innovationen und komplexere Eingriffe [4, 5]. Zur Umsetzung wurde eine Kooperation der UEMS mit der European Hernia Society getroffen. Gemeinsam wurden dann die Anforderungen an das Zertifikat und damit an die Qualifikation Abdominal Wall Surgery festgelegt.

Anforderungen an die Qualifikation „Abdominal Wall Surgery“

Der Antragsteller muss Facharzt für Allgemein- oder Viszeralchirurgie sein. Danach sollte für mindestens weitere zwei Jahre eine schwerpunktmäßige Weiterbildung in der Hernienchirurgie stattgefunden haben. Es müssen mindestens 200 Leistenhernien, 50 primäre Bauchwandhernien und 50 Narbenhernien von dem Antragsteller operiert worden sein [6]. Darüber hinaus müssen 200 Punkte durch den Besuch von Hernienkongressen und wissenschaftliche Aktivitäten auf dem Gebiet der Hernienchirurgie vorhanden sein [6]. Antragsteller, die diese Voraussetzungen erfüllen, können zur Prüfung zugelassen werden.

Die Prüfung findet bisher im Zusammenhang mit der Jahrestagung der European Hernia Society statt [7]. Der nächste Prüfungstermin ist der 18.10.2022 in Manchester, einen Tag vor Beginn des EHS-Kongresses. Die Prüfungen finden bisher in englischer Sprache statt [7]. Künftig können die Prüfungen auch in deutscher Sprache erfolgen.

Die Prüfung besteht aus einem schriftlichen und mündlichen Teil. Im schriftlichen Teil werden 100 Multiple-Choice-Fragen unterschiedlicher Kategorie gestellt. Im mündlichen Teil werden an sechs Stationen mit jeweils mindestens zwei Prüfern klinische Fälle besprochen und Behandlungsoptionen diskutiert sowie wissenschaftliche Fragestellungen angesprochen. Die Prüfungsdauer pro Station beträgt zehn Minuten, die Gesamtprüfungsdauer somit 60 Minuten. Die Prüfer sind national und international ausgewiesene Experten auf dem Gebiet der Hernienchirurgie.

Verleihung Zertifikat „FEBS-AWS“ ehrenhalber

Es ist nachvollziehbar, dass sich sehr erfahrene Chirurgen mit mehr als zehnjähriger selbstständiger Position und großer Erfahrung in der Hernienchirurgie nicht mehr gern einer Prüfung unterziehen wollen [8]. Da die UEMS Surgery Section jedoch eine Weiterverbreitung dieser Qualifikation anstrebt, hat sie entschieden, diese Qualifikation auch an erfahrene Hernienchirurgen ohne Prüfung bei Erfüllung entsprechender Voraussetzungen zu vergeben.

Folgende Voraussetzungen müssen gegeben sein:

  • Mindestens zehn Jahre in selbstständiger Position mit entsprechender Erfahrung in der Hernienchirurgie
  • Wissenschaftliche Aktivitäten auf dem Gebiet der Hernienchirurgie
  • Beteiligung an Guidelines zur Hernienchirurgie
  • Vorstand/Beirat nationaler und internationaler Herniengesellschaften
  • Empfehlungsschreiben von national und international anerkannten Hernienexperten
  • Lebenslauf mit Schwerpunkt der Aktivitäten im Bereich der Hernienchirurgie

Über den Antrag entscheidet dann das Leitungsgremium der Division/Working Group Abdominal Wall Surgery. Der erworbene Titel lautet Honorary Certificate „Fellow European Board of Surgery – Abdominal Wall Surgery“.

Literatur

[1]   Ärztliche Versorgung zwischen Spezialisierung und Ganzheitlichkeit, www.aerzteblatt.de (09. Feb. 2015)
[2]   Spielberg P, Europäische Union – Hohe Hürden für neue Facharzttitel, Deutsches Ärzteblatt (2005), Jg. 102, Heft 28-29
[3]   Union Européenne des Médecins Spécialistes, About us – Medical Specialities, https://www.uems.eu/general/contact
[4]   Köckerling F, Sheen AJ, Berrevoet F, Campanelli G, Cuccurullo D, Fortelny R, Friis-Andersen H, Gillion JF, Gorjanc J, Kopelman D, Lopez-Cano M, Morales-Conde S, Österberg J, Reinpold W, Simmermacher RKJ, Smietanski M, Weyhe D, Simons MP. Accreditation and certification requirements for hernia centers and surgeons: the ACCESS project, Hernia (2019); 23:185-203, doi: 10.1007/s10029-018-1873-2
[5]   Köckerling F, Sheen AJ, Berrevoet F, Campanelli G, Cuccurullo D, Fortelny R, Friis-Andersen H, Gillion JF, Gorjanc J, Kopelman D, Lopez-Cano M, Morales-Conde S, Österberg J, Reinpold W, Simmermacher RKJ, Smietanski M, Weyhe D, Simons MP, The reality of general surgery training and increased complexity of abdominal wall hernia surgery, Hernia (2019); 23:1081-1091, doi: 10.1007/s10029-019-02062-z
[6]   UEMS & EBS: Abdominal Wall Surgery Working Group, EBSQ Eligibility Requirements, https://uemssurg.org/working-groups/abdominal-wall-surgery/ebsq-examination/
[7]   UEMS & EBS: Abdominal Wall Surgery Working Group, EBSQ Examinations Organisation Rules, https://uemssurg.org/wp-content/uploads/2021/08/AW-EBSQ-organisation-030821.pdf
[8]   The Fellowship of Abdominal Wall Surgery (FEBS-AWS), Abdominal Wall Surgery – Honorary Certificate, https://uemssurg.org/working-groups/abdominal-wall-surgery/honorary-certificate

Köckerling F, Meyer HJ: UEMS – Zertifikat „Abdominal Wall Surgery“. Passion Chirurgie. 2022 Mai; 12(05): Artikel 03_02.

Autoren des Artikels

Prof. Dr. med. Ferdinand Köckerling

ChefarztZentrum für HernienchirurgieVivantes Humboldt-KlinikumAkademisches Lehrkrankenhaus der Charité – Universitätsmedizin Berlin kontaktieren

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer

Präsident des Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC)Referat Presse- & Öffentlichkeitsarbeit/WeiterbildungskommissionGeneralsekretär der Deutschen Gesellschaft für ChirurgieLuisenstr. 58/5910117Berlin kontaktieren

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