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Fachärztin für Chirurgie/Handchirurgie, Leitende Oberärztin, Arbeitszeit: 80 Prozent

Als ich im Dezember 2008 meinen damaligen Chef um eine Arbeitszeitreduktion bat, war er ziemlich überrascht. Das war wohl das erste Mal, dass eine solche Bitte von einem Chirurgen vorgetragen wurde. Nach einer kurzen Bedenkzeit hieß es dann: „Warum eigentlich nicht? Probieren wir es aus.“

Nach 13 Jahren Klinikalltag mit Nacht- und Wochenenddiensten wollte ich ein bisschen mehr Freizeit – Zeit für Freunde, Familie, Reisen, Hobbys. Die Arbeitszeitreduktion war keine spontane Idee. Lange Monate mit vielen Diskussionen zu Hause sind vergangen, bevor ich eine Idee davon hatte, wie ich meine Arbeitszeit in Zukunft gestalten wollte. Ich hatte kein Interesse an einem freien Tag in der Woche, auch wollte ich nicht mittags nach Hause gehen. Doch ich hätte gern mehr Urlaub. Nach diesem Wunsch konnte ich mein neues Arbeitszeitmodell in meiner Abteilung umsetzten. Damals war ich Fachärztin und arbeitete noch als Assistenzärztin. Natürlich waren die Kollegen zunächst etwas skeptisch – alles Neue wird am Anfang etwas kritisch beäugt. Für die Kollegen war der Dienstplan der wichtigste Aspekt. Doch als sich herausstellte, dass ich mich an Wochenend- und Feiertagsdiensten in gleichem Umfang wie bisher beteilige, war meine 80 %-Stelle kein Thema mehr. Meine Abwesenheiten waren lange im Voraus geplant und wurden in den Urlaubs- und Abwesenheitsplan integriert.

Mein Arbeitgeber, die Kliniken des Landkreises Lörrach, unterstützte meinen Wunsch nach Arbeitszeitreduktion. Die Personalleiterin Frau Hildemann-Groß formuliert das so: „Als Arbeitgeber sind wir an flexiblen Arbeitszeitmodellen zur Zufriedenheit unserer Mitarbeitenden sehr interessiert. Der Arbeitgeber sollte den Wünschen des Mitarbeiters möglichst nah kommen. In der heutigen Zeit sind die Lebensmodelle nicht mehr eindimensional, sondern sehr facettenreich und bunt, worauf ein moderner Arbeitgeber, wie die Kliniken des Landkreises Lörrach, gern eingeht.“

Doch die Unterstützung des Arbeitgebers ist nach meiner Erfahrung nicht der allerwichtigste Aspekt bei Erfolg oder Misserfolg eines solchen Modells. Am bedeutendsten hierfür sind die Akzeptanz des Modells durch den Chef und natürlich auch durch die Kollegen. Hier hatte ich Glück. Trotz Teilzeitstelle wurde ich im Februar 2009 Oberärztin. Ich habe die Unterstützung meines Chefs erfahren, obwohl für ihn – so kurz vor dem Ruhestand – dieses Modell neu und gewöhnungsbedürftig war.

Auch der neue Chef übernahm ohne jedes Zögern mein Arbeitszeitmodell. Es ist inzwischen für alle Kollegen und Mitarbeiter ganz selbstverständlich, dass ich ein wenig öfter im Urlaub bin. Meine Abwesenheiten werden genau wie der Jahresurlaub aller Kollegen langfristig geplant und in den Urlaubsplan eingebaut. Da ich nicht an Ferien gebunden bin, gibt es hier kaum Überschneidungen oder Probleme. In meinen Abwesenheiten bin ich flexibel.

Ich arbeite gern, doch ich brauche auch meine kleinen „Auszeiten“. Die gewonnene Freizeit nutze ich für Familie, Reisen, Hobbys, Sport und Fortbildung. Auch gibt mir diese zusätzliche Zeit die Gelegenheit, mich z. B. für Ausbildung von Chirurgen in Entwicklungsländern zu engagieren. Auch mit Interplast war ich schon mehrfach unterwegs. Ich bin deutlich ausgeglichener und zufriedener, wenn ich ein wenig mehr Zeit für mich habe. So haben alle etwas davon – auch Kollegen und Patienten.

Abb. 1: Instruktionsoperation in Nepal

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Seit Oktober 2013 bin ich nun Leitende Oberärztin – mit 80 %

Meine Abwesenheiten sind gut organisiert. Es gibt eine klare Festlegung für Vertretungen in dieser Zeit. So werde ich nach der Rückkehr aus einer Freiwoche nicht von unerledigten Aktenbergen erschlagen und kann mich problemlos wieder in den Klinikalltag integrieren.

Arbeitszeitmodell (AZM)

Arbeitszeit 80 % = 32 Stunden/Woche = täglich 6,4 Stunden

Dienst- und Arbeitszeitmodell der Klinik sieht 8 h Arbeitszeit pro Tag vor, d. h. täglich fällt eine Überzeit von 1,6 h an

Überzeiten werden auf einem Zeitkonto „gesammelt“ und als ganze Tage abgebaut – eingebaut in den Urlaubs- und Abwesenheitsplan der Abteilung

Die Dienstbelastung an Wochenenden und Feiertagen bleibt bei 100 %. Hier gibt es für mich keine Reduktion. Eine solche habe ich auch nie eingefordert. Dies ist sicher ein Kompromiss, trägt aber zur Zufriedenheit und Akzeptanz bei den Kollegen bei.

Für mich war die Arbeitszeitreduktion eine durchweg gute Entscheidung. Ich fühle mich akzeptiert und anerkannt in meiner Abteilung. Die Teilzeitstelle hat mich nicht auf ein Abstellgleis geschoben sondern gezeigt, dass es auch in leitender Funktion möglich ist, die Arbeitszeit zu reduzieren.

Liebe Kolleginnen und Kollegen – Nur Mut!

Kläber N. Teilzeit in der Chirurgie – na klar! Passion Chirurgie. 2015 März, 5(03): Artikel 02_02.

Autor des Artikels

Dr. med. Nicola Kläber

Kreiskrankenhaus SchopfheimKlinik für Plastische, Hand- und Fußchirurgie79650Schopfheim kontaktieren

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