01.04.2022 Sektorübergreifend
SKH Stadtteilklinik Hamburg: Sektorenübergreifende Zusammenarbeit zum Wohle der Patienten

In Hamburg arbeiten Mediziner:innen verschiedener Disziplinen sektorenübergreifend und unkompliziert zusammen. Im Blick haben sie dabei die Gesundheit der Menschen im Hamburger Stadtteil Mümmelmannsberg.
Aus den obersten Stockwerken der Hochhaussiedlung Mümmelmannsberg im Hamburger Osten schaut man auf Felder, Wiesen und ein Naturschutzgebiet. Hans-Jörg D. (Name geändert) wohnt seit 50 Jahren in Mümmelmannsberg und genießt jeden Morgen diesen Ausblick – in den letzten Jahren allerdings aus seinem Pflegebett. Darmkrebs und ein Schlaganfall haben ihn bettlägerig werden lassen. Jeden Tag hat er mehr Schmerzen. Die Pflege übernimmt seine Frau. Auch sie ist fast achtzig und chronisch krank. Seitdem ihr Ehemann von einem längeren Krankenhausaufenthalt wieder nach Hause gekommen ist, fällt ihr die tägliche Pflege immer schwerer.
Im Herzen von Mümmelmannsberg liegt die SKH Stadtteilklinik Hamburg, ein interdisziplinäres Belegkrankenhaus mit 15 Planbetten, einem OP und einem zugehörigem MVZ. Die stationäre und ambulante haus- und fachärztliche Versorgung findet hier wohnortnah, interdisziplinär und transsektoral statt. Die Zusammenarbeit mit weiteren Fachdisziplinen erfolgt nachbarschaftlich und niedrigschwellig.
So ist es hier gelebte Selbstverständlichkeit, dass Dr. Gerd Fass, der einzige Chirurg in Mümmelmannsberg, Belegarzt in der Stadtteilklinik Hamburg ist und aus seiner großen und breit aufgestellten Praxis regelmäßig Patient:innen zur Therapie und postoperativen Versorgung in die Stadtteilklinik Hamburg einweist.
SKH STADTTEILKLINIK HAMBURG GMBHAbb.1: Außenansicht der SKH Stadtteilklinik Hamburg Kontaktdaten: Die SKH Stadtteilklinik Hamburg ist eine Belegklinik, die im Bettenplan der Hansestadt Hamburg etabliert ist. In der SKH Stadtteilklinik Hamburg arbeiten Ärztinnen und Ärzte der Fachrichtungen Innere Medizin, Allgemeinmedizin, Allgemein- und Unfallchirurgie, Orthopädie, Gynäkologie und Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Abb. 2: Haupteingang zur SKH Stadtteilklinik Hamburg |
Oftmals werden komplexe Fälle interdisziplinär besprochen, durch die räumliche Nähe und enge Nachbarschaft der Stadtteilklinik Hamburg zu der Chirurgischen Praxis Dr. med. Fass (siehe Box) kommt es täglich zu einem Austausch über Patient:innen, Krankheitsverläufe und Projekte.
Die SKH Stadtteilklinik Hamburg liegt im zweiten Stock eines mehrstöckigen Gebäudes, in dem 14 medizinische Fachgruppen, eine Psychiatrische Tagesklinik, eine Apotheke und eine Physiotherapiepraxis untergebracht sind. Von einem Patientenzimmer aus blickt Dr. Tjark Schwemer, der Ärztliche Leiter der SKH Stadtteilklink Hamburg, während der morgendlichen Visite auf eine Hochhausfront – eine Patientin erzählte ihm, dass sie fast genau gegenüber hinter einem der Fenster wohne. Mit bei der Visite ist Peter Brasch. Peter Brasch arbeitet hausärztlich im MVZ der Klinik und ist gleichzeitig der Stellvertreter von Dr. Schwemer. Herr Brasch kennt die visitierte Patientin hausärztlich und erläutert in der Visite anstehenden Aufgaben im Entlassungsmanagement.
PRAXIS DR. MED. GERD FASSFacharzt für Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie Abb. 3: Dr. med. Gerd Fass |
Abb. 4: Dr. Tjark Schwemer und Peter Brasch und weiteres Klinikpersonal bei der großen Visite in der SKH Stadtteilklinik
Im Anschluss daran berichtet Herr Brasch von einem Patienten, den er am Vortag zu Hause besucht und behandelt hat. Es ist Herr D., der zunehmend unter Schmerzen leidet. Ursächlich hierfür scheint ein sakraler Dekubitus IV° zu sein (Abb. 5). Herr Brasch und Dr. Schwemer entscheiden, Herrn D. stationär aufzunehmen und ihn Dr. Fass vorzustellen.
Abb 5: Patient Herr D.: sakraler Dekubitus IV° – vor Behandlung in der SKH Stadtteilklinik Hamburg
Schon am Nachmittag liegt Herr D. in einem Patientenzimmer der Stadtteilklinik. Das Team der Wundspezialistinnen aus dem Krankenpflegeteam der Stadtteilklinik hat den Dekubitus beurteilt und zusammen mit den Stationsärzten und dem Hausarzt einen Therapieplan aufgestellt.
Dr. Fass konnte nach seiner Operation im OP der Stadtteilklinik eine erste Visite bei Herrn D. machen und bespricht mit Dr. Schwemer das weitere Prozedere – eine Vakuum-Therapie ist die Therapie der Wahl (siehe Fallinformationen zum Patienten Herr D.).
Dieser Ablauf ist beispielhaft für die fach- und sektorenübergreifende Zusammenarbeit in der Stadtteilklinik Hamburg. Es wird interdisziplinär und unkompliziert und immer mit Blick auf den Patienten zusammengearbeitet.
Diese Gedanken werden auch im Ärztenetz Billstedt-Horn e.V. gelebt, in dem die Stadtteilklinik Hamburg und Dr. Fass langjährige Mitglieder sind. Das Ärztenetz Billstedt-Horn e.V. ist die Grundlage für eine breite Zusammenarbeit verschiedener Akteure im Gesundheitssystem des Stadtteils (siehe Infobox Ärztenetz Billstedt-Horn e.V.).
Herr D. liegt nun bereits eine Woche auf Station 1 der Stadtteilklinik Hamburg. Nach einem ausgiebigen Debridement, Anlage einer VAC-Pumpe und Wechsel des VAC-Verbands im OP der Stadtteilklinik ist eine beginnende Granulation des Wundgebiets erkennbar. Die spezialisierten Wundpflegekräfte der Station haben zusammen mit Dr. Fass entschieden, dass in den nächsten Tagen auf einen absorbierenden Wundverband gewechselt werden soll.
Dr. Schwemer und Herr Brasch haben sich um eine multimodale Schmerztherapie, die Keimsanierung und um die Therapien der Begleiterkrankungen gekümmert. So sind Chirurg, Kliniker und Hausarzt stets auf dem gleichen Stand und können eine individuelle Therapieplanung gewährleisten.
Die Planung der Entlassung von Herrn D. nach Hause erfolgt daher in einer interdisziplinären Absprache. Die Wundexpertinnen der Klinik übergeben das Konzept der Wundbehandlung an die Wundpflegeexpertin aus dem Team von Dr. Fass. Dieser wird zusammen mit seinem Team die weitere Therapie der Wunde ambulant bei Herrn D. zu Hause übernehmen. Herr Brasch wird die hausärztliche Betreuung weiterhin sicherstellen. Den stationären Verlauf kennt er aus eigener Mitwirkung und Anschauung (Abb. 6).
Abb. 6: Patient Herr D.: Dekubitus – deutlicher Heilungsverlauf nach Behandlung in der SKH Stadtteilklinik Hamburg
Chronische Wunden sind multifaktoriell bedingt und brauchen eine multikausale Therapie. Selten ist eine Versorgung abschließend stationär möglich, fast immer sind intersektorale Zusammenarbeit und interdisziplinäre Absprachen notwendig und fast immer scheitert die Versorgung daran – gerade in einem sozial schwachen Stadtteil wie Mümmelmannsberg.
FALLINFORMATIONEN ZUM PATIENTEN HERR D.
- Männlich, 75 Jahre
- Kolonkarzinom mit Z.n. Hemikolektomie rechts und Anlage Anus praeter, Radiatio und Chemotherapie, Z.n. Apoplex mit residueller Hemiparese rechts
- Epilepsie, Diabetes mellitus, ischämische Kardiomyopathie, Alkoholabusus
- Dekubitus IV° am Steiß, a.e. auf dem Boden eines Dekubitus II° nach Entlassung aus Reha nach Colonkarzinom.
Behandlungsverlauf in der SKH Stadtteilklinik Hamburg
Tag 1: ausgedehntes Wunddebridement und Anlage VAC-Therapie
Tag 5: Wechsel VAC-Verband
Tag 7: Nachweis MRSA in Wunde, Beginn lokale antiinfektive Therapie
Tag 9: epileptischer Anfall
Tag 12: Wechsel von VAC-Therapie wegen Leckage zu absorbierendem Wundverband
Tag 20: Entlassung
Abb. 7: Blick in die SKH Stadtteilklinik Hamburg
Ärztenetz Billstedt-Horn e.V.
Das Ärztenetz Billstedt-Horn, zu dem inzwischen 65 Mitglieder gehören, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die medizinische Versorgung der Bevölkerung in den Hamburger Stadtteilen Billstedt und Horn zu verbessern. Dies gelingt durch eine stärkere Vernetzung der Ärzt:innen in den betreffenden Stadtteilen und eine koordinierte Zusammenarbeit von Ärzt:innen und Personen nichtärztlicher Heilberufe in medizinischen Einrichtungen der ambulanten und stationären Versorgung. Das Ärztenetz Billstedt-Horn ist teil des Gesundheitsnetzwerkes, zu dem unterschiedliche Akteure aus dem medizinischen und sozialen Sektor gehören.
Die SKH Stadtteilklinik Hamburg beteiligt sich daher an einem Projekt des Innovationsfonds, um die transsektorale, interdisziplinäre und wohnortnahe Versorgung zukunftsweisend aufzustellen und sicherzustellen. Die zukünftige Gesundheitspolitik will diese Formen der medizinischen Versorgung stärker fördern und potentielle Hürden abbauen. Die Stadtteilklinik Hamburg und Dr. Fass sind daher optimistisch, was die Weiterführung ihrer wohnortnahen Versorgung der Einwohner von Mümmelmannsberg angeht.
Herr D. blickt mittlerweile wieder aus dem Fenster seiner Wohnung auf das nahe gelegene Naturschutzgebiet. Das vollständige Abheilen des Dekubitus wird noch dauern, aber seitdem die Schmerzen gut behandelt sind und seine Frau durch einen Pflegedienst bei seiner Versorgung unterstützt wird, geht es ihm deutlich besser.
Dr. Fass, Dr. Schwemer und Herr Brasch schauen in der Stadtteilklinik Hamburg in dieselbe Richtung wie ihr Patient, ihr Blick richtet sich aber auf das Röntgenbild einer schlecht abgeheilten proximalen Femurfraktur. Auch diesem Patienten wird das Team in Mümmelmannsberg gemeinschaftlich und interdisziplinär helfen können.
Schwemer TF: Zum Wohle der Patienten. Passion Chirurgie. 2022 April; 12(04): Artikel 03_02.
Autor des Artikels

Dr. med. Tjark Frederik Schwemer
Ärztlicher LeiterSKH Stadtteilklinik HamburgOskar-Schlemmer-Straße 9-1722115HamburgWeitere Artikel zum Thema
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