01.09.2026 Politik
Berufspolitik aktuell

Die Statistik 2024 der Bundesärztekammer weist rund 437.000 berufstätige Ärztinnen und Ärzte in Deutschland aus. Gegenüber dem Vorjahr entspricht dies einem Anstieg von etwa zwei Prozent. Die medizinische Versorgung steht vor einer grundlegenden Herausforderung: Immer weniger Ärztinnen und Ärzte werden künftig eine stetig wachsende Zahl älterer Patientinnen und Patienten mit zunehmend komplexen Krankheitsbildern behandeln müssen.
Gleichzeitig wird die vorhandene ärztliche Arbeitszeit nicht optimal für die unmittelbare Patientenversorgung genutzt. Erhebungen zeigen, dass Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus auf Allgemeinstationen lediglich etwa 25,5 % ihrer Arbeitszeit im direkten Patientenkontakt verbringen. Auf Intensivstationen sinkt dieser Anteil aufgrund der hohen Komplexität der Versorgung sogar auf knapp 15 %. In der ambulanten Versorgung entfallen rund 49 % der Arbeitszeit auf Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben. Die Ressource Arzt wird damit nicht sachgerecht eingesetzt.
Neben der berechtigten Forderung nach einem konsequenten Abbau überbordender Bürokratie und Dokumentationspflichten müssen daher strukturelle und digitale Lösungen entwickelt werden, die Ärztinnen und Ärzte wirksam entlasten und ihnen wieder mehr Zeit für die unmittelbare Versorgung ihrer Patientinnen und Patienten verschaffen. Die bisherigen IT-Initiativen haben dieses Ziel nach allgemeiner Einschätzung bislang nicht erreicht. Vielmehr haben sie häufig zu zusätzlichen Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben geführt, ohne die verfügbare Arztzeit spürbar zugunsten der Patientenversorgung zu erhöhen.
Eine vergleichbare Entwicklung ist auch im Pflegebereich zu beobachten. Hochqualifizierte Pflegefachpersonen verbringen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit administrativen Tätigkeiten anstelle der direkten Patientenversorgung. Die Einführung von Pflegepersonaluntergrenzen hat diese Problematik bislang nicht gelöst und eine Steigerung der Versorgungsqualität mit spürbarer Entlastung des Pflegepersonals nicht erreicht.
Als Ergebnis der politischen Reformbemühungen im Gesundheitswesen der vergangenen Jahre berichtet der PwC Health Care Report über einen historischen Tiefstand der Zufriedenheit der Bevölkerung in Deutschland mit der Gesundheitsversorgung. Rund 60 Prozent der Befragten bezweifeln zudem, dass die Krankenhausreform die Versorgung verbessern und Kosten senken wird. Alle Akteure im Gesundheitswesen erleben sektorenübergreifend, dass Reformen zwingend notwendig sind. Eine bessere Strukturierung der medizinischen Notfallversorgung, der Abbau der Unterfinanzierung der Ambulantisierung sowie ein qualitätsorientierter Fokus auf die Zukunft der stationären Krankenversorgung in Deutschland sind zwingend erforderlich.
Die jetzt anstehende Reform der Notfallversorgung durch den gerade ernannten Bundesministers Dr. Carsten Linnemann muss die sachgerechte Ausgestaltung des poltisch gesetzen Primärarztsystems ohne zeitliche Verzögerung der notfallmäßigen Behandlung im chirurgischen Sektor im Blick haben. Die bisherigen Bemühungen des Verordnungsgebers in Bezug auf eine Verbesserung der digitalen Zugänge zu den verschiedenen Bereichen des Gesundheitswesens lassen nicht erkennen, dass eine erfolgsversprechende Konzeption vorhanden ist. Lösungen zu entwickeln ohne direkte Beteiligung der in der Verantwortung der Patientenversorgung stehenden Akteure des Gesundheitswesens ist schlichtweg nicht erfolgsversprechend.
Autor:in des Artikels
Weitere aktuelle Artikel
01.08.2022 Politik
Deutscher Ärztetag: 6.000 neue Medizinstudienplätze und mehr Kindeswohl in Pandemiebekämpfung
Um den steigenden ärztlichen Versorgungsbedarf in einer „Gesellschaft des langen Lebens“ zu decken, richtete der 126. Deutsche Ärztetag 2022 in Bremen an die Bundesländer den Appell, kurzfristig mindestens 6.000 neue staatlich finanzierte Medizinstudienplätze zu schaffen. Auch demografisch bestehe dringender Handlungsbedarf: Die Ärzteschaft stehe vor einer enormen Ruhestandswelle, denn etwa 20 Prozent der Ärztinnen und Ärzte schieden in den kommenden Jahren altersbedingt aus dem Berufsleben aus.
01.08.2022 Sektorübergreifend
Forum Ambulantes Operieren im November – Jetzt anmelden!
„Ambulantisierung – Wunsch und Wirklichkeit“ - unter diesem Motto des 6. Forums Ambulantes Operieren diskutieren Experten aus Gesundheitswesen, Politik und Berufspolitik im November die Chancen und Grenzen einer integrierten beziehungsweise sektorenübergreifenden Patientenversorgung.
27.07.2022 Politik
Kabinett kippt Neupatientenregelung
Das Bundeskabinett hat heute (27.7.2022) den von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach eingebrachten Entwurf eines GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes verabschiedet und damit auch die mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) eingeführte Neupatientenregelung gekippt.
18.07.2022 Sektorübergreifend
Sektorenübergreifende Versorgung – was ist das eigentlich?
Die aktuelle berufspolitische Diskussion zeigt, dass der Begriff „Sektorübergreifende Versorgung“ in aller Munde ist, dass darunter jedoch – je nach Interessenslage – unterschiedliche Sachverhalte und Ziele verstanden werden. Wir versuchen hier, die aus unserer Sicht vermuteten Positionen der beteiligten Player darzustellen.
Lesen Sie PASSION CHIRURGIE!
Die Monatsausgaben der Mitgliederzeitschrift können Sie als eMagazin online lesen.

