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Eine wirklich nette Wortspielerei verschleiert wieder einmal das eigentliche Problem. Qualitäts- und Prozessmanagement sind Begriffe, die von der Industrie eingeführt wurden. Es geht darum, industrielle Produktionsprozesse zu verbessern. Dazu müssen alle mit der Produktion und Verteilung von Gütern zusammenhängenden Maßnahmen in Prozesse gefasst, als solche dargestellt und immer weiter optimiert werden. Dabei steht nur ein Faktor im Zentrum des Interesses und dieser Faktor heißt Effizienz.

Die Ökonomen haben das Denken in industriellen Prozessen vollkommen kritiklos in die Medizin transferiert. Alle Prozesse werden unterdessen gemessen, gewogen, zertifiziert und vornehmlich von fachfremden Entscheidern beurteilt. Eine Fülle von mathematischen Funktionen wurde entwickelt, die sie dabei unterstützen und Objektivität suggerieren sollen.

Dabei sollte man sich die Worte von Bettina Warzecha auf der Zunge zergehen lassen: Je komplexer die Arbeit, desto weniger Messbares steckt in ihr. Man denke an die Skandale in Bremen und Mannheim. Man denke an die Ausdünnung von Pflegern und Schwestern auf den Stationen, obwohl unterdessen wissenschaftlich eindeutig bewiesen ist, dass damit das Risiko schwerer Komplikationen mit Todesfolge steigt. Man denke an das Outsourcen von Leistungen und die damit verbundene Tarifflucht, an die Kürzung von Zeitkontingenten etwa für Putzarbeiten, bis alle Hygienestandards auf der Strecke bleiben. Und man denke an die Notwendigkeit überflüssige medizinische Leistungen zum Höchstpreis verkaufen zu müssen, um im Ampelsystem der INeK-Ratio im grünen Bereich zu bleiben und die EBITDA Erwartungen der Verwaltungen erfüllen zu können. Dringlicher denn je erhebt sich die Frage nach dem Nutzen von Produkten und Dienstleistungen. Die Konzentration auf Prozesse wird in Zukunft jedenfalls nicht mehr hinreichen.

Wenn man die berechtigten Wünsche der Patienten nach dem Guten und Richtigen, nach Empathie, Zuwendung und Vertrauen reduziert, auf die effiziente Erfüllung bestimmter Prozessgegebenheiten und Standards, wird unser Medizinsystem weiter in die Irre gehen. Prozesse, Prozess- und Ergebnisqualität müssen in Übereinstimmung stehen mit den Anforderungen, die von der Gesellschaft und von Patienten mit Recht erhoben werden. Davon entfernen wir uns in der Medizin derzeit mit großer Geschwindigkeit.

Die Zeit für vernunftgeleitete Diskussionen scheint mir gekommen. Strukturverwerfungen in der Medizinlandschaft müssen beseitigt werden. Wir müssen abkommen von der reinen Prozessdiskussion, die lediglich noch als Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Problemen zu sehen ist. Wir müssen uns hinbewegen zum verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen, die uns die Bürger unseres Staates zur Verfügung stellen, so wie dies der nationale Ethikrat vorgeschlagen hat.

Dem werden wir am ehesten gerecht, wenn wir den ersten Hauptsatz der medizinischen Ökonomik nach David OSOBA endlich ernst nehmen: Die Medizin soll auf dem jeweils höchsten Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis Maßnahmen ausführen, die den höchsten Nutzen für den Patienten mit den geringsten Belastungen für Patient und Gesellschaft verbinden.

Bruch H.-P. Machtprozesse versus „Macht Prozesse!“ – Industriedenken in der Medizin. Passion Chirurgie. 2014 Dezember, 4(12): Artikel 07_03.

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Autor des Artikels

Prof. Dr. med. Hans-Peter Bruch

ehem. PräsidentBerufsverband der Deutschen Chirurgen e.V.Luisenstr. 58/5910117Berlin

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