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Zum Artikel ‚Vom Leid der Zinseszins Geplagten’ von Prof. Dr. Hans-Peter Bruch, Präsident des BDC, in Passion Chirurgie 10/2011

Sehr geehrter Herr Kollege Bruch,

nach meinen besten Wünschen zum Neuen Jahr möchte ich Ihnen bestätigen, dass Sie mit Ihrem oben genannten Artikel  mir und sicher vielen anderen Kollegen aus der Seele gesprochen haben. Gestatten Sie, dass ich dazu noch ein paar Anmerkungen mache.

Ich stimme Ihnen voll zu, dass die Medizin-Ökonomen immer stärker in unsere Tätigkeit einwirken. Aus eigener, bitterer Erfahrung kann ich darüber hinaus berichten, einige dieser Leute zu einer schwersten existentiellen Bedrohung für uns werden können. Und dagegen müssen wir uns besser als bisher zur Wehr setzen.

Mein Krankenhaus (Kreisklinik Wolfratshausen) wurde Ende 2006 von einem sogenannten Effizienzberater auf Veranlassung des in der Geschäftssatzung allein entscheidungsberechtigten Geschäftsführers “begutachtet”. Der Mann (Peter Milde von PMP) behauptete in der Fernsehsendung “Hart aber Fair” seine Beratung führe in jedem Fall zu einer 30 % Effizienz- (sprich Erlös-) steigerung. Aus seiner völlig intransparenten und nicht nachvollziehbaren Begutachtung formulierte er Zielvorgaben für alle Chefärzte, die von vornherein nicht umsetzbar und völlig realitätsfremd waren. Durch die von Ihnen angesprochene Machtebene, auf der der Geschäftsführer gemeinsam mit dem “Gutachter” auch mühelos den medizinisch unbedarften kommunalen Aufsichtsrat einbeziehen konnte, wurden die von mir als ärztlichem Direktor geäußerten Bedenken vom Tisch gefegt. Das Ende vom Lied war meine fristlose Kündigung wegen betrieblichem Geheimnisverrat. Leider ist man in so einer Situation rettungslos verloren, denn der daraus folgende Arbeitsgerichtsprozess dauert ewig. In meinem Fall stellte das Gericht nach einem Jahr fest, dass die Kündigung zu Unrecht erfolgte. Das nützt dem Delinquenten aber nichts, da sie nach einem Jahr natürlich ihrem Arbeitsplatz entfremdet sind, inzwischen darauf spezialisierte Anwälte bereits neue Kündigungsgründe an den Haaren herbei gezogen haben und selbst wenn Sie endgültig den Prozess gewinnen sollten, dem “Auflösungsantrag” vom Gericht mit Verständnis zugestimmt wird, denn wer könnte einem Dienstherrn zumuten, einen Arbeitnehmer wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren zu lassen mit dem er jahrelang vor Gericht gestritten hat.

“Mein” Effizienzberater entpuppte sich als regelrechter Betrüger und Hochstapler (das ist juristisch belegt!). Die späte Erkenntnis darüber half mir nichts, da kommunale Aufsichtsräte keineswegs einmal getroffene Entscheidungen rückgängig machen wollen, auch wenn man sie über den Tisch gezogen hat.

Warum berichte ich dieses? Weil ich glaube, dass wir in Zukunft öfters in solche Situationen geraten könnten und weil ich glaube, dass man daraus Einiges lernen muss:

Möglich war all dies leider nur, weil es keinerlei Solidarität unter meinen eigenen Chefarzt- und Oberarztkollegen gab. Wenn die Ärzteschaft es zulässt, sich von den Medizin-Ökonomen auseinander dividieren zu lassen, dann haben wir keine Chance. Als ärztlicher Direktor habe ich für und im Sinne der Ärzteschaft die Bedenken geäußert. Ich würde es als Aufgabe des Berufsverbandes sehen, allen Kollegen klar zu machen, wie wichtig es wäre, in solchen Situationen dem eigenen Vertreter den Rücken zu stärken, statt schweigend seiner beruflichen Existenzvernichtung zuzuschauen.

Vielleicht hatte ich das Pech, auf eine besonders ungünstige Konstellation zu treffen. Trotzdem hätte ich meinen Rauswurf niemals für möglich gehalten. Piloten haben für ihre Berufsgruppe erreicht, dass auch bei einer außerordentlichen Kündigung bis zum Zeitpunkt der endgültigen arbeitsrechtlichen Klärung das Gebot der Weiterbeschäftigung auf dem Wege einer einstweiligen Verfügung gilt. Dies wäre auch eine verdienstvolle Aufgabe unseres Berufsverbandes, den Arbeitsrechtlern klar zu machen, dass ein Chirurg auf die kontinuierliche Ausübung seines Berufes angewiesen ist. Er sollte genau wie die Piloten solange “fliegen” dürfen, bis die Sache rechtskräftig geklärt ist. Das würde auch die quälenden Verzögerungstaktiken vor Gericht sofort abstellen.

Und schließlich müssen wir die Nachvollziehbarkeit von medizin-ökonomischen Beratungen einfordern. Hierin haben Sie in Herrn Kapitza einen ausgezeichneten Partner gefunden. Er hat mich damals hervorragend beraten und kennt gewiss noch die damaligen Vorgänge. Leider konnte die Kraft seiner Argumente damals auch nichts gegen die Machenschaften der kommunalpolitischen Akteure ausrichten.

Ein kleiner, wirtschaftlich leider unwirksamer Trost für mich war damals, dass ich in den nachfolgenden bayerischen Kommunalwahlen zum Kreisrat gewählt wurde und nun unbequemer Weise im gleichen Gremium sitze, das mich vernichtet hat. Eine Konstellation, die manchen gar nicht schmeckt. Ich meine übrigens, dass wir uns als Mediziner auch in Hinblick auf die zunehmende Schieflage der Ökonomie und der von Ihnen zu recht beklagten Machtebenen in diese Gremien mehr als bisher einbringen sollten.

Mit besten kollegialen Grüßen

Ihr
Matthias Richter-Turtur

Vom Leid der Zinseszins Geplagten (Passion Chirurgie 10/2011)
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Autor des Artikels

Prof. Dr. med. Matthias Richter-Turtur

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