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Dies ist keine Heldengeschichte. Dies ist ein Bericht mit und von Herz(en): Prof. Stephan Ensminger flog kurz vor Kriegsbeginn in die Ukraine, um einem schwerst herzinsuffizienten Patienten ein Kunstherz zu implantieren. Der Hilferuf von Prof. Illya Yemets vom Ukrainischen Herzzentrum in Kiew erreichte das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (USKH) am 9. Februar 2022. Die Zeit drängte. Der 47-jährige Patient schwebte in Lebensgefahr und Kunstherz-Spezialisten waren nicht vor Ort. 24 Stunden später stand Herzchirurg Ensminger mit dem dortigen Team im OP. Dank der engen und langjährigen Beziehung zwischen dem USKH und der Kiewer Klinik war eine schnelle und unbürokratische Hilfe möglich. Keine 14 Tage später war bereits Krieg in der Ukraine …

Hilferuf aus Kiew: Kunstherz muss implantiert werden

„I can‘t believe, you are here!“ Das waren die freudigen Worte, mit denen Prof. Yemets, Direktor des Ukrainischen Kinderherzzentrum in Kiew, den Kunstherz-Spezialisten Prof. Ensminger begrüßte. Und der 51-jährige Direktor der Klinik für Herz- und thorakale Gefäßchirurgie konnte es wahrscheinlich selbst kaum glauben: „Wir bekamen den Hilferuf am 9.2.; ich buchte einen der letzten Linienflüge und nahm am Folgetag den Flieger nach Kiew“, beschreibt Herzchirurg Ensminger die Situation. Nie hätte er geglaubt, die Genehmigung für den Einsatz zu erhalten. „Wir hatten nach wie vor Dienstreiseverbot, denn die Corona-Pandemie forderte Tribute. Die Überlastungssituation in den Kliniken ist nach wie vor gegeben und hoch“, betont der gebürtige Bamberger. Nur fünfzehn Minuten nach Schilderung der lebensbedrohlichen Lage des schwer herzkranken ukrainischen Patienten erteilte Prof. Dr. Jens Scholz, Vorstand und CEO des USKH und Bruder des deutschen Bundeskanzlers, die Genehmigung. „Ich habe eigentlich nicht lange nachgedacht“, erinnert sich Ensminger. „Der Patient brauchte dringend Hilfe, ich konnte helfen. So einfach war die Kausalkette.“

Kiew: Lagebesprechung und Teamzusammenstellung für Herzoperation

In Kiew eingetroffen führte der erste Weg zum Krankenbett des herzkranken Familienvaters. Der ehemalige Hockeyspieler hatte bereits eine Odyssee hinter sich, wurde zweimal reanimiert und über einen längeren Zeitraum mit einer ECMO versorgt. „Sein Zustand war schlecht. Aber er war neurologisch adäquat und kontaktierbar, wenn auch intubiert. Wir mussten schnell entscheiden und handeln. Die Lagebesprechung erfolgte direkt im Team vor Ort“, schildert Ensminger die Situation. „Es galt, in kürzester Zeit das Kompetenzteam für den OP und die mechanische Herzunterstützung zu organisieren.“ Die ukrainische Kardiologin Dr. Olga Gurjeva hatte bereits am USKH in Lübeck hospitiert und daher stand dem Herzchirurgen eine erfahrene Fachkollegin zur Seite. „Olga Gurjeva ist äußerst kompetent und auch ein großartiger Mensch“, urteilt Ensminger. „In der Ukraine gibt es kein Transplant-Programm. Sie war öfter bei uns in Lübeck und es war geplant, dass sie hier Erfahrungen im Bereich der künstlichen Herzunterstützung sammelt. Ein Transplant-Programm war auch für die Ukraine geplant.“ Mit dem Techniker Petr Liszka von Abbot, Hersteller für Kunstherzunterstützungssysteme, war der Grundstein für eine erfolgreiche Operation gelegt. „Auch die Firma hat sofort gehandelt und uns unterstützt. Das Menschenleben stand bei allen im Vordergrund“, berichtet Ensminger.

Abb. 1: Prof. Stephan Ensminger (links) mit Prof. Illya Yemets, dem Direktor des Ukrainischen Kinderherzzentrums in Kiew; Bildquelle: Stephan Ensminger

Schwere Herzinsuffizienz und lange ECMO-Versorgung drängten zur eiligen Operation im Krisengebiet Ukraine

Die Pumpfunktion des Herzens war äußerst eingeschränkt, beschreibt Herzchirurg Ensminger den Patientenzustand weiter. Mit der Implantation eines Linksventrikulären Herzunterstützungssystems (LVAD) sollte die linke Herzkammer unterstützt werden. Es folgte eine komplizierte siebenstündige Operation. „Die Implantation des LVAD ging relativ reibungslos, aber durch die lange Versorgung an der ECMO war die Blutgerinnung beeinträchtigt und die Gefäße in der Leiste quasi ein Trümmerfeld und mussten mit Gefäßprothesen ersetzt werden“, beschreibt Ensminger die OP. „Die Erleichterung nach der erfolgreichen OP war im ganzen Team zu spüren.“ Was ihn besonders beeindruckt habe, war das kompetente Team vor Ort. „Eine OP-Schwester sprach kein Englisch. Das war aber überhaupt nicht einschränkend, weil sie mit solch einer Achtsamkeit assistierte. Wir haben alle Hand in Hand sehr effizient und kollegial gearbeitet“, betont Operateur Ensminger.

Abb. 2: Während der siebenstündigen Operation mit dem herzchirurgischen Kollegen Dr. Sergey Varbanetc (rechts) im Operationssaal des Ukrainischen Kinderherzzentrums in Kiew; Bildquelle: Stephan Ensminger

Bereits einen Tag nach der Operation sitzt der Herzchirurg wieder im Flieger Richtung Deutschland. Auch die Nachsorge und Visite erfolgten unter eher ungewöhnlichen Bedingungen. „Wir haben per WhatsApp gechattet und via Facetime Visiten abgehalten. Das Verhältnis zum Patienten war sehr gut und ich bin äußerst dankbar für diese Erfahrung und dass alles so gut abgelaufen ist“, sagt Ensminger. Ob ihm bewusst war, in welche Situation er sich begibt? Eine Krisenregion, in der Krieg in der Luft liegt? Ensminger sagt dazu: „Meine Frau hat gesagt: ‚Hast du die Reisewarnungen wahrgenommen?‘ Ja, ich wusste natürlich um die Situation und bin nicht naiv. Aber ich dachte auch, wenn etwas passiert, komme ich schon raus und habe die Adresse der Botschaft. Auch vor Ort haben wir kontrovers diskutiert. Viele Mitglieder des Teams vor Ort hätten es auch nicht für möglich gehalten, dass es einen Krieg gibt. Mitten in Europa. Doch die Lage eskalierte sehr zeitnah …“

Kriegslage hat dramatische Auswirkungen auf medizinische Versorgung

Der Krieg hatte und hat auch dramatische Auswirkungen für die medizinische Versorgung der ukrainischen Bevölkerung – konkret auch für den frisch herzoperierten Patienten. „Die Frage war, welche Blutverdünner verfügbar sind vor Ort, wie es kontrolliert werden kann und welche Alternativen es gab. Ich habe intensiv recherchiert und sogar mit Kollegen in den USA, die an der Zulassungsstudie des Kunstherzens beteiligt waren, gesprochen und dann mit dem ukrainischen Team kommuniziert. Zudem war seit Kriegsausbruch die Stromversorgung nicht konstant gewährleistet. Das ist dramatisch für ein Kunstherzimplantat. Ich dachte, jetzt hat der Patient eine Therapie für 100.000 EUR erhalten und es scheitert am Strom? Der Patient ist jetzt in den Westen evakuiert … dort hat er in einem kleinen ländlichen Haus wenigstens einen Dieselgenerator und ist unabhängig. Das ist doch Wahnsinn, dachte ich“, beschreibt Ensminger die Situation.

Krankenhäuser und andere zivile Einrichtungen sind auch Bombenziele

In welcher Geschwindigkeit die politische Lage eskalierte – damit hatte auch das Herz-Team um Prof. Ensminger nicht gerechnet. „Bereits kurz nach meiner Landung in Deutschland forderte das Auswärtige Amt alle Bundesbüger:innen auf, die Ukraine zu verlassen. Ich verfolge seitdem die Lage, insbesondere erschüttert mich, wie fast alle Menschen, dass Zivilisten schwer betroffen sind und auch Krankenhäuser beschossen werden.“

Dem Herzpatienten geht es aktuell gut. Ensmingers kardiologische Kollegin, Dr. Olga Gurjeva, berichtete, dass man zeitweise im Krankenhaus das Licht ausgemacht hätte; auf der Intensivstation nur das Surren und Flimmern der Monitore zu hören und sehen sei. Erst wollte man ein Kreuz auf das Dach des Krankenhauses zeichnen, um zu signalisieren, dass es sich um eine Zivileinrichtung handele. Im Nachhinein sei man froh gewesen, dies nicht realisiert zu haben, da auch Krankenhäuser Bombenziele seien, lautete der Bericht aus Kiew. „Sie ist schon am dritten Tag nach dem Angriff nicht mehr nach Hause gegangen. Viele Pflegekräfte seien verständlicherweise aus Todesangst auch geflohen. Eine Anästhesistin aus unserem OP-Team wurde auf dem Weg zur Arbeit in ihrem zivilen Auto erschossen. Olga ist geblieben, weil sie die Patienten nicht allein lassen wolle. Operiert wird teilweise, während im Hintergrund laute Detonationen zu hören sind. Das schnürt mir die Kehle zu“, sagt Ensminger.

Abb.3: Prof. Stephan Ensminger (rechts) mit der Kardiologin Dr. Olga Gurjeva und Petr Liszka, einem Techniker der Kunstherz-Firma, vor dem Ukrainischen Kinderherzzentrum in Kiew; Bildquelle: Stephan Ensminger

Politisches Statement der Medizin relevant

„1.600 Kilometer liegen zwischen Lübeck und Kiew. Und zwei Welten, seit der Krieg inmitten Europas tobt. Demokratie ist fragil. Die Lage in der Ukraine desaströs. Es kommt nicht oft vor, dass man auch als Mediziner ein politisches Statement abgeben kann, aber in diesem Falle musste und wollte ich mich solidarisch mit der Ukraine erklären“, so Ensmingers Ansicht.

Spendenkonto

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Empfänger: UKSH WsG e.V.|

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Wichtig: Ihre Angabe im Verwendungs-Zweck  „FW14042: UKSH hilft Ukraine“

Iglauer-Sander R: Kunstherzimplantation rettete ukrainischem Sportler das Leben. Passion Chirurgie. 2022 Oktober; 12(10): Artikel 09_01.

Autor des Artikels

Profilbild von Regina Iglauer-Sander

Regina Iglauer-Sander

PressereferentinDeutsche Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie e.V. kontaktieren

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