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Ingo Kaczmarek habe ich nicht zufällig gefunden. Etwa, als ich nach einer Wanderung zum Zervreila-See im Graubündner Vals noch eben tanken wollte und feststellen musste, dass sich hinter der Zapfsäule kein Sprit verbarg. Sondern, laut Schild, die Praxis von Dr. Ingo Kaczmarek: Praktischer Arzt und Facharzt für Herzchirurgie. Ich habe mich also nicht gefragt, was macht ein Herzchirurg in diesem abgelegenen Dorf am Ende der Straße? Obwohl gute Geschichten manchmal so entstehen. Diese aber hatte einen Vorlauf, denn einen wie Ingo Kaczmarek hatte ich lange gesucht: einen Arzt, der offen und ehrlich erzählt, wie es in seinem Beruf, seinem Haus, seinem System zugeht.

Im Grunde fing es damit an, dass meine Familie einen schweren Autounfall hatte, bei dem einer meiner Söhne beinahe ums Leben gekommen wäre: siebenfache Schädelfraktur. Zeitgleich recherchierte ich mit einer Bestatterin zu einem Buch über den Tod. Da ging es auch um die Organspende und darum, dass ich trotz Organspendeausweises keine Ahnung hatte, wie sie funktioniert. Aber sehr genau vor Augen, wie mein Kind, beatmet und sediert, auf der Intensivstation liegt; knapp vor dem Moment, in dem ein Arzt kommt, um zu fragen, ob man sich schon mal Gedanken über die Organspende gemacht habe? Endgültig tun musste ich es nicht – mein Sohn wurde wieder ganz gesund.

Aber ich begann zu recherchieren, daraus entstand eine viel gepriesene Reportage für das ZEIT-Magazin, und weil das noch nicht genug war, die Recherche zu dem Buch „HERZENSSACHE – Organspende: Wenn der Tod Leben rettet“. Dafür wollte ich mit Menschen sprechen, die in eine Transplantation involviert sind, von Angehörigen über Transplantationsbeauftragte und Herzchirurgen bis zu Empfängern. Eine Psychologin erzählte mir von diesem Arzt, „dem besten“, den sie kennen gelernt habe. Der aber nicht mehr als Transplanteur praktiziere. Auch weil er das System nicht mehr ertragen habe. Und Bergdoktor geworden sei. Ja, den Kontakt würde sie gern vermitteln. Ich habe eine Schwäche für Systemfragen. Und für Aussteiger.

Ich mailte Ingo Kaczmarek. Er mailte sehr nett zurück. Aus gewichtigen Gründen, die er nicht nennen könne, gebe er derzeit keine Interviews zur Organspende; nicht nur weil ihn eine meiner Kolleginnen sehr enttäuscht habe. Doch ich könne gern kommen, dieser Ort sei eine Reise wert und über das erfüllende Leben als Dorfarzt würde er berichten. Aber kein Wort zur Organspende.

Ich bin insofern Journalistin, also typisch Journalistin, dass da einiges zusammen kam, das mich jetzt erst recht, ich sag’s mal im Jargon, gibbrig machte: eine Empfehlung durch eine kluge Person; ein Fünkchen Ehrgeiz; aufbrausende Wissbegier und, auch aufgrund einer äußerst sympathischen Antwort (mit Foto einer blühenden Bergwiese!), das sichere Bauchgefühl: Der Mann hat was zu sagen!

Offenbar klingt es sehr detektivisch und außergewöhnlich, wenn Journalisten über ihre Recherchen sagen, sie hätten Monate lang beharrlich und hartnäckig nachgehakt. Ja, so war das. Viele Mails, viele Absagen, und irgendwie Licht hinter einem Türchen. Aber so ist das oft. Wir Journalisten müssen uns das Vertrauen von Menschen erarbeiten, und ich kann das nachvollziehen: nicht nur, wenn man seine sehr persönliche Geschichte erzählen und veröffentlicht sehen soll. Vor allem, da man nicht sicher sein kann, dass sie nicht falsch kolportiert wird. Porträts, noch dazu so prominente und lange, sind eine heikle Sache. Ich schreibe sie sehr gern – und ich habe ebenso großen Respekt davor. Denn da kommt eine Fremde aus einer mindestens 900 Kilometer entfernten Welt vorbeigeschneit, ein paar Stunden, mit Glück einige Tage und danach noch Zeit, und will ein Leben zusammenfassen, das schon Jahrzehnte dauert und reich ist an Erfahrungen. Welches Bild sollen die anderen von mir bekommen? Was ist da falsch, was richtig?

Ich will hier nicht ausführlich erzählen, wie die Tage und vor allem Nächte – Ingo Kaczmarek hatte erst Zeit, wenn Patienten und Kinder schon schliefen – in Vals verliefen. Nach anfänglichem Zögern hatte er so viel zu erzählen, dass mir schnell der Kopf schwirrte. Ich ließ ein Aufnahmegerät laufen und er hat in diesen Stunden so viele Wörter gesagt wie manche in Wochen nicht. Und dann noch sehr kritische und couragierte. Dinge, die, das wusste ich leider aus einigen Recherchen, kaum ein Angestellter offen auszusprechen wagt. Denn wir alle glauben uns zum Stillhalten verpflichtet gegenüber Arbeitgebern, der Branche und einem System, das uns abhängig macht durch „Hire & Fire“, mitunter mit militärischem Drill und sogar Gesetzesverstößen – und immer per Gewinnmaxime. Und sachgrundlosen Befristungen in Kette. Dieser Mensch aber war wütend, und ein freier, mit einem ebensolchen Geist.

Zugänglich gemacht hatte ich ihn, indem ich ihm versicherte, mich würde erst mal seine Geschichte vom Bergdoktordasein interessieren, ich käme halt einfach mal vorbei. Dann seine Herkunft vom Herzchirurgendasein. Und schließlich unter äußerster Verschwiegenheit seine Haltung zum Thema Transplantationsskandale. Es lief ja ein Verfahren gegen ihn. Das eigentlich bald beendet sein sollte, ich erfuhr vom Stand der Ermittlungen. Die aber, wie so häufig, aus Zeit- oder Personalmangel nicht abgeschlossen wurden. Möglicherweise hat es die Sache ein wenig beschleunigt, dass ich dem Gericht einen Veröffentlichungstermin im ZEIT-Magazin MANN ankündigten konnte.

Ich freue mich sehr über die Anerkennung der Geschichte von diesem Herzchirurgen, der Bergdoktor wurde. „Ein Glück!“ war ihr Titel. Für mich war sie das auch. Und eine schöne Überraschung, dass sie vom Berufsverband der Deutschen Chirurgen ausgezeichnet wird: Danke! Und sogar mit einem Preisgeld. Gerade für freie Journalisten ist das wichtig. Nicht nur, weil jeder Mensch für sein Engagement wertgeschätzt werden will. Mitunter sogar in Form von Geld. Sondern auch, weil solch geduldige Recherchen mit langen Wegen sonst gar nicht machbar wären. Nicht mal für Autorinnen wie mich, die gern in die Berge fahren. Manchmal sogar einfach so. Das Zervreila-Horn ist jedenfalls echt ‘ne Reise wert!

Nataly Bleuel

Schreibt für Magazine und Zeitungen wie das „Zeit-Magazin“, „Geo“, „Stern“ oder „Chrismon“, Bücher und eine Online-Kolumne für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“. Für ihren Artikel “Ein Glück” (ZEITmagazin MANN 14. März 2017) erhielt sie im Rahmen des Bundeskongress Chirurgie den Journalistenpreis der Deutschen Chirurgen

Infos zum Journalistenpreis der Deutschen Chirurgen

Bleuel N: Journalistenpreis – Die Geschichte hinter der Geschichte. Passion Chirurgie. 2018 Mai, 8(05): Artikel 09.

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Autor des Artikels

Nataly Bleuel

Freie JournalistinGewinnerin des Journalistenpreis der Deutschen Chirurgen 2018 kontaktieren

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