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Als ich 1992 mit meiner chirurgischen Weiterbildung begann, stand für mich die Behandlung kranker Menschen und das Operieren im Fokus meines persönlichen Interesses. Der berufliche Alltag war geprägt von Idealismus und Stolz auf die Zugehörigkeit zur schneidenden Zunft. Ökonomische Zwänge ließen sich nur marginal in Form erwünschter hoher Bettenauslastung – wohlgemerkt ohne Relevanz der Belegungsdauer – und dem mahnenden Blick auf Sachkosten erahnen.

Mit Einführung von Fallpauschalen und Sonderentgelten fand eine Zäsur historischen Ausmaßes im Gesundheitssektor statt. Uns jungen angehenden Chirurgen wurde erstmals der Stellenwert der Vergütung medizinischer Leistungen bewusst vor Augen geführt.

Mittlerweile ist der wirtschaftliche Druck allerorts spürbar. Schon lange müssen nicht nur die niedergelassenen Kollegen als selbständige Unternehmer ökonomische Kennzahlen beachten und verstehen. Die Gesetze der Finanzwelt haben auch in den Krankenhäusern Einzug gehalten. Der Druck im Kessel „Gesundheitswesen“ ist in den letzten Jahren stetig gestiegen. Die Dominanz der Ökonomie droht die Faszination der Heilkunst zu entzaubern.

Heutzutage kämpfen Kliniken zum Teil um das blanke Überleben. Die Bereinigung der Krankenhauslandschaft um ca. 200 weitere Häuser durch Schließung oder Fusion ist politisch gewollt. Die Darstellung unserer erbrachten operativen Leistung ist zum überlebensnotwendigen Lebenselixier geworden. Dokumentation und Kodieren haben somit existentielle Bedeutung erlangt. Heute bedarf es in der Medizin nicht nur guter Ärzte, sondern auch DRG-geschulter Mitarbeiter im Team. Der messbare Nutzen hauptberuflicher fallbegleitender Kodierassistenten ist nach anfänglichen Diskussionen bewiesen. Dennoch müssen alle am Prozess Beteiligten erbrachte Leistungen detailliert schriftlich fixieren, um den Fragen des MDK Stand zu halten. DRG-Grouper sind zum Instrument des Verteilungskampfes avanciert. Diese wirtschaftliche Bedrohung verleitet aufgrund des hohen Leidensdruckes – wie die nachfolgende Befragung zeigt – sogar zum Up-Coding.

Wir sind als Ärzte schon lange auch zu Managern im Gesundheitswesen geworden. Ich selbst blicke, als Aufsichtsrätin auf der Arbeitgeberbank, über den sogenannten medizinischen Tellerrand hinaus. Und dennoch ist die Bürde der Gewinnoptimierung und Marge an manchen Tagen an der chirurgischen Front kaum zu ertragen… Mit Einführung des Fixkostendegressionsabschlags über drei Jahre ist eine weitere historische Schallmauer durchbrochen. Die Erlöse werden gedeckelt, Kosten weiter steigen, der Personalabbau ist vorprogrammiert. Zudem scheint der definitive Einzug der Rationalisierung medizinischer Leistungen im Gesundheitssystem zu befürchten.

In dieser Ausgabe Passion Chirurgie wird das Werkzeug der erlösrelevanten Kodierung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Ich wünsche Ihnen, dass Sie bei der Lektüre in Bezug auf Ihr persönliches berufliches Umfeld Anregungen und Impulse erhalten. Darüber hinaus wünsche ich jedem Einzelnen, sich Ethik und Moral in unserem faszinierenden Beruf mit höchster Priorität und Nachhaltigkeit zu bewahren!

Herzlichst,

Ihre

Carolin Tonus

Tonus C. Editorial Wirtschaftlichkeit & Kodierung. Passion Chirurgie. 2016 November; 6(11): Artikel 01.

 

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Autor des Artikels

Prof. Dr. med. Carolin Tonus

Stellv. Leiterin Themen-Referat Chirurgie, Ökonomie & Zukunftsfragen im BDCAsklepios Klinik St. GeorgChefärztin der Allgemein- und ViszeralchirurgieLohmühlenstraße 520099Hamburg kontaktieren

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