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Die Diskussion über die Zahl der operativen Eingriffe mit der stetigen Frage nach einem „zu viel“ in unserem Land in den letzten Jahren stellt letztlich eine vor sich hin glimmende never-ending story dar, die durch scheinbar neue Studien und Statistiken bzw. unterschiedliche Sicht der beteiligten Akteure immer wieder entfacht wird.

Die Argumente für ein „Pro oder Contra“ sind weitgehend bekannt und vielfach ausgetauscht worden. Auf der einen Seite wird die Ursache zunehmender Operationszahlen auf den so gern und häufig zitierten demographischen Wandel der immer älter werdender Bevölkerung wie auch auf die stetig verbesserten medizinischen Maßnahmen in Diagnostik und Therapie zurückgeführt. Sicherlich darf dabei auch nicht der individuelle Patientenwunsch bei Aufklärung über prinzipiell mögliche und alternative Behandlungsverfahren vergessen werden. Auf der anderen Seite werden der Anstieg der Operationszahlen bzw. seine Variationen im nationalen und internationalen Vergleich durch falsche, besonders ökonomisch unterlegte Anreizsysteme begründet – u. a. die inadäquate Vergütung konservativer Therapiemaßnahmen, Mengenausweitungen bei sehr kostenrelevanten DRG-Positionen sowie die weiterhin bestehenden Bonusvereinbarungen in den Verträgen leitender Ärzte bzw. die Honorierung jährlich gesteigerter Leistung. Dabei ist jedoch auch allen aktiv Beteiligten bewusst, dass eine Steigerung der Erlöse der klinischen Leistungen durchaus auch sachfremd – aufgrund mangelnder finanzieller Unterstützung durch die jeweiligen Bundesländer – zur Deckung von Investitionskosten eingesetzt werden. Zukünftig ist auch keine Veränderung durch das Krankenhausstrukturgesetz zu erkennen.

Auch wenn die dargestellten Problemfelder durchaus kein Novum darstellen, sind sie doch immer wieder Grundlage für sensationsheischende Schlagzeilen, auch in als seriös eingestuften Medien, wie z. B. „Land der fragwürdigen Operationen“. Besonders auch als Folge der ersten Veröffentlichung der OECD-Zahlen (Organisation for Economic Co-operation and Development), die Deutschland als Operationsweltmeister darstellt, wurde diese Art der Berichterstattung geschürt. Gerade eine Studie des wissenschaftlichen Instituts der Privaten Krankenversicherungen vermochte diese Einstufung nach Einsatz einer indirekten Altersjustierung zu korrigieren. Nach Japan weist die deutsche Bevölkerung nämlich mit einem Median-Wert von 44,3 Jahren den höchsten Wert im Vergleich zu anderen europäischen Ländern und den USA auf. Diese Korrektur führte dazu, dass Deutschland weiterhin im Vergleich der Gesundheitsausgaben einen Platz im oberen Drittel einnimmt. Gleichzeitig wurden die Spitzenpositionen bei verschiedenen operativen Eingriffen an andere Nationen weitergereicht, so beim Hüftgelenksersatz bzw. der Knieprothese jetzt mit Platz 5 bzw. 8 sowie bei der koronaren Bypass-Operation mit Platz 10. Zweifelsfrei sind nach dieser altersadjustierten Korrektur noch eine Vielzahl anderer Einflussfaktoren zu berücksichtigen, trotzdem können vor allem interessenbestimmte Hypothesen relativiert werden. Schließlich sollten wir uns stets an die Hippokratische These von „Primum nihil nocere“ erinnern, wenn der Patient über mögliche auch alternative Therapiemaßnahmen aufgeklärt wird. Ferner besteht seit langem die Möglichkeit zur Einholung einer Zweitmeinung, sodass diese im Versorgungsstärkungsgesetz aufgenommene Maßnahme, jetzt lediglich dirigistisch durch den Gemeinsamen Bundesausschuss gesteuert werden soll. Ob sich dadurch eine Veränderung oder Reduktion der operativen Eingriffszahlen erreichen lässt, muss abgewartet werden.

In dieser Ausgabe der Passion Chirurgie zum Thema „Wird in Deutschland zu viel operiert?“ finden Sie eine Auswahl von Beiträgen aus der Politik, aus Sicht der Krankenkassen- und Patientenvertreter und natürlich aus dem Blickwinkel von Chirurgen selbst.

Ich bedanke mich bei allen Autoren für ihr Engagement und wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre.

Meyer H.-J. Wird in Deutschland zu viel operiert? Passion Chirurgie. 2015 September; 5(09): Artikel 01.

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Autor des Artikels

Prof. Dr. med. Dr. h.c. Hans-Joachim Meyer

Präsident des Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC)Referat Presse- & Öffentlichkeitsarbeit/WeiterbildungskommissionGeneralsekretär der Deutschen Gesellschaft für ChirurgieLuisenstr. 58/5910117Berlin kontaktieren

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