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Die „Zeitsparkassen“ oder: Wenn Behörden Funktion und Kompetenz verdrängen

Längst sind wir sind in Deutschland in der überbürokratischen Behördenmedizin angekommen. In einem starren, uneffektiven, intransparenten und unpersönlichen Zuteilungssystem, das von den „Zeitreichen“ (H.H. von Arnim: „Das System“) der Behörden gestaltet wird.

Weder Pflege, noch Verwaltungspersonal, stehen derart im Fokus der Verantwortung wie Ärzte. Dennoch haben Ärzte kaum noch Einfluss auf unsere Politik. Sie ist fest in der Hand jener Behörden die Verantwortung nicht tragen, diese aber verwalten und verschieben. Jene aber, die direkt verantwortlich am bedürftigen Patienten arbeiten und sich gleichzeitig mit den Behördenkassen (gesetzl. Kassen) und ihren Vorgaben herumschlagen müssen, kennen zwar die Schwachstellen des Systems, da aber „zeitarm“ hetzend, bleibt diesen kein Gestaltungspielraum. Das ist das System: Nicht mehr qualifizierte Verantwortliche gestalten, sondern angestellte Verwalter.

So stellt sich Behördenmedizin dar

Es bedarf längst mehr Zeit die Anfragen der AOK auszufüllen, als eine Operation durchzuführen. Schon hier findet der bürokratische Zeitraub statt, der die eigentliche Arbeit am Patienten zur Nebentätigkeit werden lässt.

Auch das Pflegepersonal ist derzeit weit mehr mit Qualitätssicherung beschäftigt als mit der Pflege.

Es werden Forderungen gestellt und gleichzeitig die Auswege hierzu mit Budgetierung abgegraben: Wird weniger operiert (was alle fordern) und mehr Krankengymnastik verschrieben, droht der Regress.

Die Liste der realen Widersprüche unserer Behördenmedizin ist unendlich. Jeder Arzt kann abendfüllend von diesen Behörden-Perversionen berichten.

Die Berufspolitik spiegelt ähnliches: Chirurgen hatten bislang die schlechteste Lobby, da sie einfach nicht die Zeit hatten Positionen in den Umverteilungs-Behörden (KVen) einzunehmen. Mit der anspruchsvollen Einzelversorgung am Patienten sind sie mehr beansprucht und darum zeitärmer, als Ärzte die eine Gerätemedizin betreiben können. Gerätemedizin bekommt die bessere Zuteilung, das gute Handwerk am Patienten wird kaum noch ausreichend vergütet. Behördenmedizin belohnt nicht Aufwand, Verantwortung und Ergebnis sondern vor allem die Lobby. Das Ergebnis: Chirurgie wurde für Männer unattraktiv. Schlecht bezahlt und ausgebeutet ist noch immer der perfekte Job für Frauen und man spricht heute von der Verweiblichung der Chirurgie.

Dieser Qualitätsverlust durch Zeitarmut, Entwertung und Demotivation zeichnet zunehmend unsere Kliniken. Ganz gleich, ob auf der Ebene der Pflege, der medizinischen Versorgung oder der ärztliche Betreuung. Unter dem Verwaltungsdruck, Gewinnmaximierung, dem fehlenden Gestaltungspielraum, gehen längst mehr und mehr Kliniken und Praxen in die Knie.

Lassen Sie mich darum kurz analysieren wie wir in die Sackgassen dieser Behördenmedizin gerieten:

Markt und Wettbewerb sorgen für einen patientenfreundlichen Wettbewerb: Hier entscheidet die qualitativ hochwertige Leistung und die Patientenzufriedenheit. Der gute Arzt/das gute Krankenhaus/die gute Pflege haben Patienten und Einnahmen – die Schlechten eben nicht. Kontrollen sind kaum notwendig. Wird aber das Regulativ Markt ausgehebelt und Steuergelder über Behörden zugeteilt (Einheitskasse von Lauterbach, SPD und Grüne), bedarf es kostspielige Kontrollen und Zertifizierungen. Die Zuteilung muss ja schließlich kontrolliert werden, aber auch die Kontrolle, die Zertifizierung und der Kontrolleur müssen kontrolliert, zertifiziert und verwaltet werden. Ruckzuck sind landen wir in unserer aktuellen Behördenmedizin, mit ihrem enorm kostspieligen, zeitraubenden Verwaltungs-, Kontroll- und Zertifizierungswahn. All das schafft zwar viele Stellen für „zeitreiche Verwalter“ und dient dem exzessiven, unproduktiv-verwaltenden „Geldscheffeln” (wir kennen das ja bestens von Banken), raubt aber Ärzten die Zeit für Patienten und ihre medizinische Weiterbildung. Der Skandal ist darum dieser: Trotz sündhaft teurem Kontroll- und Verwaltungsaufwand versagt die Behördenmedizin. Sie bedeutet Kostenexplosion, Zeitnot und Qualitätsverlust. Gut versorgt bleiben dabei einzig und allein die Bürokraten in den Behörden, nicht aber der Patient. Für diese Behördenmedizin

  • müssen Patienten immer höhere Beiträge aber auch immer mehr selbst zahlen,
  • müssen Ärzte für immer weniger Geld, immer mehr arbeiten und immer mehr leisten,
  • nimmt man einen gigantischen Systemmissbrauch in Kauf.

    Bravo! Man darf applaudieren. Kreative Gestaltung geht anders.

    An was erinnert Sie das? Möglicherweise an unsere gesamtdeutsche Entwicklung? Ist es nicht so, dass wir immer mehr verwaltet und immer unpolitischer werden? Immer mehr arbeiten und immer weniger leben? Immer grauer aussehen und unsere Gesundheit zu Markte tragen (Volkskrankheiten: Stress, Burnout, Depression)? Auch immer mehr Steuern zahlen und immer weniger zurück zu bekommen (Schulen, Straßen, Renten, Krankenversorgung)? Dafür immer höhere Verwaltungsprachtbauten aus dem Boden schießen (EZB, Banken, Verdi, AOK, KVen, IHK, Europarlament Brüssel, etc.), in denen immer größere Garnisonen an grauen, gesichtslosen Verwaltern sitzen, die mit ihren Forderungen nach Geldzuteilung, uns unsere Lebenszeit und unsere Lebensqualität rauben? Erleben wir nicht tatsächlich und wahrhaftig die Fremdbestimmung und Besatzung durch graue Männer, so wie sie Michael Ende in seinem Kinderbuch „Momo“ beschrieb?

    Ohne Fronten öffnen zu wollen, möchte ich hier den systemimmanenten Fehler unserer Landes- und Berufspolitik ansprechen. Wir haben immer mehr Zuteilungswirtschaft (EU) dafür immer weniger Markwirtschaft, erleben schlicht und ergreifend Behördenpolitik und ihre Planwirtschaft. Die Pathologie der Planwirtschaft ist wie Krebs: Es fehlt die natürlichen Regulierung und so kann das funktionslose Gewebe auf Kosten des Funktionsgewebes wuchern. Die Prognose dieser gesundheits-konsumierenden Erkrankung ohne Therapie ist meist infaust.

    Unser Land und die EU werden von zeitreichen verantwortungsarmen Verwaltern regiert. Ganz gleich ob Euro-, Steuer-, Sozial- oder Gesundheitspolitik – unter der Übermacht dieser Behörden, die ihre Pfründe und Geldzuteilung mit aller Macht verteidigen, haben die verantwortungsbeladenen Zeitarmen kaum eine Chance und wenig Gestaltungsspielraum. Wie wir aus dieser „Verantwortung-verschiebenden Verwaltungsnummer“ je wieder heraus kommen und ob irgendeine Politik jemals wieder Engagement, Kreativität und ihre Qualität zulässt, wird sich zeigen.

    Ich persönlich sehe hier strukturelle unüberwindbare Widerstände. Im besten Fall geschieht ein Wunder und „Zeitarme“ finden Kraft und Zeit, sich zusammen zu schließen, im schlechtesten Fall wird es aber der Kollaps richten.

    Pszolla N. Wenn verantwortungsarme Zeitreiche die Politik entern. Passion Chirurgie. 2014 Februar, 4(02): Artikel 07_01.

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