01.03.2021 Aus-, Weiter- & Fortbildung
Pro Physician Assistant

1.Gibt es eine Kannibalisierung der Pflege durch Abwanderung zum Physician Assistant?
Physician Assistants begegnen immer wieder dem Vorwurf, dass der Mangel an Pflegekräften durch Abwanderung von Pflegenden in das neue Berufsbild erheblich verstärkt würde.
Aktuell arbeiten ca. 750 Physician Assistants in Deutschland. Die Zahl der Immatrikulationen hat mit zuletzt 738 in 2020 in den letzten Jahren zwar stark zugenommen [1], dennoch sind diese Zahlen gegenüber den ca. 500.000 Pflegefachkräften verschwindend gering [2]. Das Studium „Physician Assistance“ als Karrierechance wird zwar einige Pflegefachpersonen zu einem Wechsel bewegen, zahlenmäßig ist dies jedoch keinesfalls eine Kannibalisierung, sondern ein geringer Anteil.
Die akademische Qualifizierung von Pflegefachkräften für die Mitarbeit im Bereich ärztlicher Assistenz kann daher einerseits kritisch gesehen werden, da sie eine horizontale Verschiebung der Fachkräfte durch die Neuzuordnung zum ärztlichen Dienst beinhaltet, andererseits bietet sie eine Aufstiegsmöglichkeit, die diese Fachkräfte in der unmittelbaren Patientenversorgung hält, und sie nicht in patientenferne Arbeitsfelder wegqualifiziert.
Der Deutsche Hochschulverband Physician Assistant (DHPA) unterstützt grundsätzlich die Pflegeberufe in ihrem Professionalisierungsprozess [3].
2.Höhlt ein „Arzt light“ den ärztlichen Berufsstand aus?
Das Schlagwort „Arzt light“ fand erstmals 2014 als Reaktion von Vertretern ärztlicher Standesorganisationen auf die Einführung von Studiengängen zum „Physician Assistant“ an privaten Hochschulen Eingang in den Diskurs [4], und damit im Vorfeld der Diskussion um die Akzeptanz des Berufsbildes durch den Deutschen Ärztetag 2017 [5] als Folge der zunehmenden Überlastung von ÄrztInnen in Deutschland.
Eine adäquate Möglichkeit, ärztliche Aufgaben durch qualifiziertes nicht-ärztliches Personal übernehmen zu lassen, ist die Übertragung von Aufgaben an Physician Assistants. Physician Assistants arbeiten ausschließlich in Delegation unter der Aufsicht und Verantwortung von FachärztInnen. Damit bestimmt jede fachärztlich qualifizierte Person selbst, durch welche Tätigkeiten Physician Assistants individuelle Entlastung bringen und wird diese entsprechend für sich einsetzen. Das ermöglicht jeder fachärztlichen Person eine individuell passgenaue Entlastung.
Dies unterstreicht einmal mehr den besonderen Status des Arztberufes, der aus verfassungsrechtlicher Sicht ein freier Beruf ist, über ein eigenes Berufsrecht, eine weitgehende Selbstverwaltung und Verkammerung und die Erlaubnis zur uneingeschränkten Ausübung der Heilkunde verfügt. Gerade die allgemeinen und spezialrechtlichen Arztvorbehalte sowie die Pflicht zur persönlichen Leistungserbringung im Sozialrecht, um nur einige Beispiele zu nennen, schützen den Berufsstand.
3.Schafft ein weiteres Berufsbild zusätzlich unnötige Schnittstellen?
Im Gesundheitssystem können durch eine fehlende Standardisierung der Kommunikation zwischen den Akteuren Risiken für die Patientensicherheit entstehen [6], noch verstärkt durch Zunahme von Schicht- und Wechseldiensten mit inkonstanter Präsenz, Personalreduktion im Pflegebereich mit Wegfall von Visitenbegleitungen und interdisziplinären Therapiemodalitäten in den traditionellen Fachbereichsstrukturen. Physician Assistants erfahren während ihres Studiums eine breite praktische Ausbildung und ergänzen das ärztliche Team mit ihrer medizinischen Ausbildung und viel Organisationswissen in Verbindung mit konstanter Präsenz und Ansprechbarkeit an der individuellen Einsatzstelle. Damit bilden die Physician Assistants eine standardisierte Kommunikationsschnittstelle, welche zu einer Verbesserung der interprofessionellen Kommunikation und zu einer Verbesserung der Prozessqualität beiträgt.
4.Findet eine Reduktion der Ausbildungsqualität für WeiterbildungsassistentInnen statt?
Aus- und lebenslange Weiterbildung gehören zum ärztlichen Selbstverständnis, deren Qualität im Fokus des einzelnen Arztes, der medizinischen Fachgesellschaften, und letztlich auch der Gesellschaft steht. Gefährdet werden die Ausbildungsziele zunehmend durch die Ökonomisierung des Gesundheitssystems, sowie andere Faktoren wie die Arbeitszeitgesetzgebung und Wandel der Lebensperspektiven. Auch an dieser Stelle wird die Diskussion über Chancen und Risiken akademisierter Assistenzberufe in der Chirurgie seit vielen Jahren geführt [7]. Weiterbildungsassistent*Innen haben den Wunsch nach einer Verbesserung von Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitmodellen mehrfach sehr deutlich artikuliert. Der Ruf nach mehr Arztstellen als einziger Lösung greift angesichts einer qualitativ und quantitativ nicht ausreichenden Bewerbersituation und einem Mangel an Studienplätzen ins Leere. Chancen für eine Verbesserung der ärztlichen Weiterbildung können Physician Assistants durch eine Entlastung von arztfernen und für die Weiterbildung irrelevanten Tätigkeiten und Entlastung von zeitraubenden Assistenzen ohne Bezug zur Weiterbildung schaffen. Darüber hinaus können PAs auch ihrerseits eine Ressource für die Anleitung und Ausbildung von WeiterbildungsassistentInnen darstellen, vorausgesetzt, sie haben entsprechende Erfahrung und Qualifikation. Es liegt in der Verantwortung der ärztlichen LeiterInnen und der Fachgesellschaften, die vorhandenen Chancen und Potentiale von PAs für die ärztliche Weiterbildung in Abstimmung mit den Hochschulen als Trägerinnen der PA-Studiengänge zu nutzen.
5.Physician Assistants sind nur eine Billigversion für sparsame Krankenhausgeschäftsführer
Beschäftigte sind in der Entgeltgruppe eingruppiert, deren Tätigkeitsmerkmalen die gesamte auszuübende Tätigkeit entspricht. Tätigkeitsmerkmale können unterschiedlich in Bezug auf die Anforderungen sein, wodurch die Eingruppierung von Physician Assistants allgemein vom akademischen Grad und im Einzelfall von der Arbeitsplatzbeschreibung abhängen. In den jeweiligen Tarifwerken können Eingruppierungen mit Einstiegsgehältern zwischen 3.000 und 3.800 Euro erfolgen. Dies entspricht den Daten aus AbsolventInnenbefragungen der Hochschulen mit einem Median von 3.500 bis 4.000 Euro, aber auch 4.500 Euro und mehr für ca. ein Drittel der AbsolventInnen [1]. Dem steht ein Einstiegsgehalt für Ärzte nach TV-Ärzte/VKA von etwa 4.600 Euro gegenüber, sodass Physician Assistants vielfach ähnliche Gehälter verdienen, wie junge ÄrztInnen. Auch bei ausreichender Bewerberlage haben viele Arbeitgeber den Wert von PA für eine sinnvolle Qualifikationsvielfalt in einem interprofessionellen Team erkannt. Demnach sind PA keine billige Alternative, sondern eine Ergänzung, die die ihren Preis wert ist.
Literatur
[1] eigene Erhebung des DHPA bei allen Hochschulen und Berufsakademien mit aktiven PA-Studiengängen
[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/546475/umfrage/auszubildende-gesundheits-und-krankenpfleger-in-krankenhaeusern-nach-bundeslaendern/, Abruf 26.11.2020
[3] https://www.hochschulverband-pa.de/stellungnahmen/, Abruf 5.1.2021
[4] https://www.medical-tribune.de/meinung-und-dialog/artikel/kbv-vertreterversammlung-gegen-den-arzt-light-fuer-eine-weiterbildungsstiftung/, Abruf 5.1.2021
[5] https://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Fachberufe/Physician_Assistant.pdf, Abruf 5.1.2021
[6] Bakker, H. Schnittstellen im Gesundheitswesen. Bremer Ärztejournal Februar 2009;62:5-7
[7] https://www.bdc.de/magazine/passion-chirurgie-082013/, Abruf 5.1.2021
[8] https://www.bdc.de/nehmen-wir-jetzt-jeden-eine-umfrage-in-deutschen-chirurgischen-kliniken/?parent_cat=210, Abruf 5.1.2021
[9] Lohmann, C. Was darf ein Physician Assistant? Orthopädie und Unfallchirurgie 2020; 10 (5), 42-43
[10] https://www.awmf.org/medizin-versorgung/stellungnahmen/ausuebung-der-heilkunde.html, Abruf 5.1.2021
[11] Herold, A, Jaklin, J. Delegation ärztlicher Tätigkeiten – Assistenz im OP. Passion Chirurgie 2011 Mai/Juni; 1 (5/6): Artikel 03_03
Heistermann P, Meyer-Treschan T: Pro Physician Assistant. Passion Chirurgie. 2021 März; 11(03): Artikel 03_03.
Autor:innen des Artikels
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