01.05.2026 Nachhaltigkeit
BDC-Praxistest: Carus Green – Nachhaltigkeit und höhere Umweltverträglichkeit am Universitätsklinikum Dresden

Vorwort – Grün, grün, grün sind alle meine Kleider…
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
Ressourcenschonung und Kreislaufwirtschaft in einem komplexen Krankenhausbetrieb erfolgreich umzusetzen, ist eine große Aufgabe. In Zeiten, in denen es in vielen Häusern ums das nackten Überleben geht, treten Programme wie die Umweltverträglichkeit von Medizin verständlicherweise in den Hintergrund. Umso wichtiger werden dann die leuchtenden Beispiele wie in diesem Fall das Universitätsklinikum Dresden.
Das UKD hat mit seiner Initiative „Carus Green“ sehr erfolgreich Nachhaltigkeit und Umweltschonung im eigenen Klinikbetrieb etabliert. Die präsentierten Maßnahmen stellen gute Beispiele dar, die sich in der Gruppe, aber auch als Einzelteile auf andere Häuser übertragen lassen. Man muss nicht einen biodiversen Campus pflegen, kann aber sehr leicht Recyclingquoten erhöhen. Man muss auch keine veganen Menüs anbieten, kann aber sehr leicht Narkosegase umstellen. Die Initiative steht also nicht nur in der Tradition des Namensgebers des UKD, Carl Gustav Carus, der als einer der bedeutendsten Ärzte der Romantischen Medizin gilt. Die einzelnen Maßnahmen sind ganz handfest. Es wird schwer sein, in Zeiten großer finanzieller Belastungen im Gesundheitswesen, für Projekte dieser Art aktuell Gehör zu finden. Das schlagende Argument wird „Einsparungen“ lauten, aber auch die lassen sich mit ökologischen Veränderungen erreichen. Wir müssen am Ball bleiben, denn ein gesundes Gesundheitssystem nutzt uns in einer kranken Umwelt wenig.
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Prof. Dr. med. C. J. Krones und Prof. Dr. med. D. Vallböhmer
„Wir sind ein umweltfreundliches Klinikum“ – ein Leitsatz, dem sich das Universitätsklinikum Dresden bereits seit 2012 mit der Initiative „Carus Green“ verschrieben hat. Das Gesundheitswesen trägt in Deutschland zwischen 5,2 % und 6,7 % zu den gesamten Treibhausgasemissionen bei, wobei Krankenhäuser international etwa 30 % der Emissionen im Gesundheitssektor verursachen [1]. Als Maximalversorger mit über 1.400 Betten zeigt das Dresdner Uniklinikum, wie ökologische Nachhaltigkeit im Klinikalltag gelingen kann – trotz angespannter Finanzierungssituation und eines Systems, das Nachhaltigkeitsmaßnahmen nicht gesondert vergütet.
Entstehung: Vom Trainee-Projekt zur Nachhaltigkeitsmarke
Die Initiative „Carus Green“ entstand 2012 aus einem interdisziplinär besetzten Trainee-Projekt. Zwölf Trainees aus unterschiedlichen Fachbereichen – darunter Rechtsstelle, Pflege, Bau und Technik, Personal, Finanzen und Qualitätsmanagement – erarbeiteten in einer Konzeptphase erste Handlungsfelder und Maßnahmenkataloge. Im Anschluss wurde das Projekt an eine neu gegründete Mitarbeiterinitiative übergeben, die bis heute unter Koordination der Krankenhausökologie fortbesteht. Sechs zentrale Handlungsfelder wurden definiert: Bildung/Sensibilisierung, Campusgestaltung/Biodiversität, Ressourcenverbrauch, Energiemanagement, Verpflegung und Mobilität.
Umgesetzte Maßnahmen im Überblick
Seit 2012 wurden zahlreiche Projekte realisiert, die messbare ökologische und ökonomische Effekte erzielen:
- Energie: Photovoltaik-Anlagen mit über 140 kWp Gesamtleistung erzeugen jährlich ca. 130 MWh Strom und sparen 48 t CO2 Emissionen. LED-Umrüstungen reduzieren den Strombezug um weitere 82 MWh pro Jahr. Das bedarfsorientierte Herunterfahren von OP-Lüftungsanlagen in betriebsfreien Zeiten spart zusätzlich 40 MWh jährlich und wurde zur Blaupause für andere Kliniken. Die Einführung eines Energiemanagementsystems nach DIN ISO 50001 ermöglicht eine systematische Erfassung weiterer Einsparpotenziale.
- Narkosegase: Die Umstellung von Desfluran auf Sevofluran in Verbindung mit der Minimal-Flow-Anästhesie senkt die direkten Treibhausgasemissionen erheblich.
- Mobilität: Aktuell 22 Elektrofahrzeuge ersetzen rund ein Viertel des konventionellen Fuhrparks. Ergänzt wird dies durch Lastenräder, abschließbare Fahrradstellplätze, Job-Bike-Angebote und die Teilnahme am Stadtradeln.
- Ressourcen: Die Recyclingpapierquote wurde auf über 50 % gesteigert. Über 120 Wasserspender vermeiden Einwegplastikflaschen, das Projekt „Stifte sammeln“ führte zum Recycling von 4,4 t Material und vermied 9 t CO2. Weitere Maßnahmen umfassen Mehrweg-OP-Kittel, die Rückführung von Polypropylen und Polyethylen in den Stoffkreislauf, die Wiederverwendung von Styroporboxen sowie einen internen Möbelkiosk.
- Biodiversität und Campus: Blühwiesen, Insektenhotels und Nistkästen schaffen naturnahe Lebensräume für Insekten sowie Erholungsräume für Patient:innen und Mitarbeitende.
- Verpflegung: Die sukzessive Einführung vegetarischer und veganer Menüs im Mitarbeiterrestaurant ebnet den Weg in Richtung der Planetary Health Diet.
Organisationsstruktur und Erfolgsfaktoren
Das Carus-Green-Team organisierte sich in Arbeitsgruppen und traf sich regelmäßig zum Projektupdate. Die Mitglieder fungierten als Ideengeber:innen, Vernetzer:innen wichtiger Stakeholder und Empfänger:innen von Mitarbeitervorschlägen – die konkrete Umsetzung erfolgt meist in den jeweiligen Fachbereichen. Diese dezentrale Struktur bei zentraler Koordination durch die Krankenhausökologie hat sich als praxistauglich erwiesen. Um weitere Potentiale heben zu können wird es künftig eine neue Carus Green-Steuerungsgruppe geben, die die Umweltstrategie weiter ausbaut, zentral koordiniert und regelmäßig Bericht an den Vorstand erstattet.
Erfolgsfaktoren für die Übertragbarkeit:
- Engagierte Mitarbeitende, die für ökologische Themen brennen
- Rückendeckung durch die Geschäftsleitung
- Niedrigschwellige erste Maßnahmen (Energiespartipps, zusätzliche Abfallfraktionen, Blühwiesen)
- Eine gemeinsame Dachmarke, die Sichtbarkeit schafft
Herausforderungen und Learnings
Der kontinuierliche Erhalt implementierter Maßnahmen gestaltet sich im Klinikalltag anspruchsvoll. Die Erkenntnis reifte, dass es in jedem Bereich sogenannte Umwelt- und Energiebotschafter:innen braucht – Mitarbeitende, denen diese Themen persönlich wichtig sind und die nach entsprechender Schulung dauerhaft in ihrem Bereich auf die Umsetzung achten. Diese „Carus Green Botschafter:innen“ sollen künftig als Multiplikator:innen den Nachhaltigkeitsgedanken ins Kollegium tragen.
Ausblick und Preisträger 2025
Im September 2025 wurde „Carus Green“ mit dem Lohfert-Preis „Green Hospital – Umweltschutz und Ressourceneffizienz in Krankenhäusern“ ausgezeichnet. Außerdem stand man im Finale des Deutschen Nachhaltigkeitspreises Gesundheit 2025. „Diese Würdigungen verstehen wir aber vor allem aber als Auftrag zur Weiterentwicklung, denn es ist noch sehr viel zu tun. An Ideen, wie man universitäre Spitzenmedizin nachhaltiger und umweltfreundlicher machen kann, mangelt es nicht.“
Konkrete Ziele für 2026 umfassen die systematische Erhebung von Kennzahlen zu CO2-Einsparungen, die kontinuierliche Erweiterung der PV-Kapazität sowie die Optimierung des Campus in Richtung eines klimaresilienten, biodiversitätsfreundlichen, gesundheitsfördernden Raumes.
Literatur
[1] Pichler P et al. (2019). International comparison of health care carbon footprints. https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/ab19e1, zuletzt geprüft am 08.06.2023

Dipl.-Ing.(BA) Patrick Emmerlich
Referent für Umweltschutz
Team Krankenhausökologie
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
patrick.emmerlich@uniklinikum-dresden.de
Gesundheitspolitik
Emmerlich P: BDC-Praxistest: Carus Green – Nachhaltigkeit und höhere Umweltverträglichkeit am Universitätsklinikum Dresden. Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 05_02.
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