Extrakt des Vortrags von Dr. Ralf Schmitz zur BDC-Sitzung Junges Forum – Weiterbildung der Zukunft
Die Zeit für eine strukturierte sektorenverbindende Weiterbildung ist jetzt!
Die Bedingungen für die Weiterbildung in den chirurgischen Fächern haben sich in den letzten 20 Jahren dramatisch verändert. Dem legendären EUGH-Urteil von 2003 folgend galt der Arbeitsschutz nun auch für Ärztinnen und Ärzte. Damit waren zwar die familienunfreundlichen 36 Stunden Dienst passé, gleichzeitig aber schwand die Anwesenheitszeit der Weiterzubildenden im Krankenhaus und damit auch die Möglichkeit zeitnah an die in der Weiterbildungsordnung gefordertem Richtzahlen zu kommen. Darüber hinaus musste zur Einhaltung des Arbeitsschutzes mehr Personal eingestellt werden und damit erhöhte sich zwangsläufig der Konkurrenzdruck um die Weiterbildungseingriffe. Letztere wiederum nahmen an Häufigkeit im Krankenhaus immer weiter ab, einer sich gerade in den letzten Jahren dramatisch an Fahrt aufnehmenden Ambulantisierungswelle geschuldet. Damit wird immer klarer, dass die Weiterbildung in der Chirurgie nicht mehr ausschließlich im Krankenhaus erfolgen kann, sondern dass auch der vertragsärztliche Sektor mit einbezogen werden muss, also eine sektorenübergreifende oder auch -verbindende und natürlich strukturierte Weiterbildung implementiert werden muss.
Das wesentliche Hindernis für eine fachärztliche Weiterbildung in der Praxis stellt die fehlende Vergütung dar, was eine Umfrage des Berufsverbandes Orthopädie und Unfallchirurgie (BVOU) aus 2025 wieder bestätigte. Ohne eine verbindliche Finanzierung kann eine Weiterbildung im Vertragsarztsektor aber nicht gewährleistet werden.
Auch auf dem diesjährigen Bundeskongress Chirurgie in Nürnberg vom 6.-7. Februar wurde dieses Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und intensiv diskutiert. Die berechtigten Wünsche und Vorstellungen der nachfolgenden Generation wurden von einer jungen Kollegin vorgetragen, die aktuell ihrer Weiterbildung im Fachgebiet Orthopädie und Unfallchirurgie in einem Maximalversorger absolviert. Die Möglichkeiten der Gründung und Unterstützung von Weiterbildungsverbünden wurden dargestellt von zwei Vertreterinnen der Bayrischen Landesärztekammer. Hier fand insbesondere die dort seit etwa 6 Jahren bestehende Koordinierungsstelle fachärztliche Weiterbildung (KoStF) großes Interesse. Der Referatsleiter für die Niedergelassen in der Chirurgie im BDC stellte dann ein finanziell gefördertes Weiterbildungsmodell in Kiel für den Fachbereich Orthopädie und Unfallchirurgie vor.
Dort haben sich das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel und das vertragsärztliche MVZ Chirurgie zusammengetan und mit Unterstützung der Ärztekammer Schleswig-Holstein eine Förderung im Rahmen eines sektorenübergreifenden Weiterbildungsverbundes über einen kompletten Weiterbildungszeitraum von 6 Jahren beantragt. Die Abgeordnetenversammlung der KV Schleswig-Holstein (KVSH) war von diesem innovativen Modell überzeugt und hat dem im November 2023 zugestimmt. Damit ist der Weg frei für eine planbare und auskömmlich finanzierte intersektorale Rotationsstelle.
Die Finanzierung im vorgestellten Fall erfolgt dabei allerdings ausschließlich jeweils hälftig über die gesetzlichen Krankenkassen und aus den Honoraren der Vertragsärzte in Schleswig-Holstein. Für eine qualitativ hochwertige Facharztweiterbildung sind aber zwingend Finanzierungsmöglichkeiten zu entwickeln, an denen alle Partner im Gesundheitswesen beteiligt sind. Dies ist nach fester Überzeugung des Podiums und Anwesenden eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Tatsächlich ist das Thema nun auch in der Gesetzgebung angekommen. So wurde mit der Annahme des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes (KHVVG) im Herbst 2024 in einem Annex fixiert, dass zur Förderung der Weiterbildung in Kliniken DRG-Aufschläge kalkuliert werden sollen. In dem im Dezember 2024 unterzeichneten AOP-Vertrag nach § 115 b findet sich die Formulierung, dass ärztliche Weiterbildung im ambulanten Sektor mit EBM-Aufschlägen gefördert werden soll. Weiter macht Hoffnung, dass das Thema unter anderem durch eine vom BDC initiierte Weiterbildungskampagne in der Gesellschaft immer breiteren Raum einnimmt. Denn nur durch Druck der Öffentlichkeit wird sich auch die Politik mit diesem Thema beschäftigen wollen. Es ist Zeit, dass sich was dreht!


