01.04.2026 Aus- & Weiterbildung
Nachwuchsgewinnung als Zukunfts- und Qualitätsfrage der Chirurgie

Dr. med. Romina Maria Rösch ist Fachärztin für Thoraxchirurgie an der Thoraxklinik Heidelberg des Universitätsklinikums Heidelberg. Sie ist Vorsitzende der Initiative Frauen in der Thoraxchirurgie und engagiert sich im Jungen Forum der Deutschen Gesellschaft für Thoraxchirurgie (DGT), im Perspektivforum Junge Chirurgie der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) sowie in der Jungen AWMF.
In ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit dem Titel „Nachwuchsmangel in der Thoraxchirurgie – Müssen wir uns anpassen oder aussterben?“ analysiert sie die Nachwuchsgewinnung, die Wahrnehmung chirurgischer Fachgebiete im Medizinstudium sowie die Implikationen für die zukünftige Ausgestaltung chirurgischer Weiterbildung. Für diese Arbeit wurde ihr der Wolfgang-Müller-Osten-Preis der gleichnamigen Stiftung zuerkannt.
Die Sicherung der Zukunftsfähigkeit der Chirurgie gehört zu den zentralen Herausforderungen des Fachs und des gesamten medizinischen Bereichs. Nachwuchsmangel, zunehmende Spezialisierung und sich wandelnde Arbeitsbedingungen stellen nicht nur die Versorgung in Krankenhaus und Praxis infrage, sondern berühren grundlegende Fragen der Qualität und berufsethischen Verantwortung der Chirurgie. In diesem Spannungsfeld gewinnt die chirurgische Weiterbildung eine Schlüsselrolle: Sie ist Bindeglied zwischen medizinischem Fortschritt, ärztlichem Selbstverständnis und nachhaltiger Fachentwicklung.
Besonders spezialisierte Disziplinen wie die Thoraxchirurgie stehen exemplarisch für diese Entwicklung. Einerseits verkörpern sie höchste operative Expertise und Innovationskraft, andererseits sind sie im Medizinstudium häufig wenig sichtbar und damit für den Nachwuchs schwer greifbar. Die vorliegende Arbeit widmet sich daher der Frage, wie Medizinstudierende die Chirurgie wahrnehmen, welche Faktoren ihre Facharztentscheidung beeinflussen und welche Konsequenzen sich daraus für die zukünftige Ausgestaltung chirurgischer Weiterbildung ergeben.
Bundesweite Studierendenbefragung
Im Rahmen einer bundesweiten, strukturierten Online-Befragung wurden Medizinstudierende verschiedener Studienabschnitte zu ihrem Interesse an der Chirurgie/Thoraxchirurgie, zu ihren Erfahrungen im Studium sowie zu Erwartungen an eine chirurgische Weiterbildung befragt.
Ziel war es, sowohl die Entwicklung des fachlichen Interesses im Studienverlauf als auch strukturelle Einflussfaktoren auf die Facharztentscheidung systematisch zu erfassen.
Wahrnehmung, Sichtbarkeit und Entscheidungsfaktoren
Die Ergebnisse zeigen ein konsistentes Bild: Zu Beginn des Studiums besteht ein ausgeprägtes Interesse an chirurgischen Fächern, welches im weiteren Verlauf deutlich abnimmt. Diese Entwicklung ist weniger Ausdruck einer Ablehnung operativer Medizin als vielmehr Ergebnis struktureller Rahmenbedingungen, die im klinischen Alltag erlebt werden.
Ein zentrales Ergebnis ist die eingeschränkte Sichtbarkeit chirurgischer Subdisziplinen. Ein erheblicher Anteil der Befragten war sich nicht bewusst, dass die Thoraxchirurgie ein eigenständiges Facharztgebiet darstellt (s. Tabelle 1). Dieses Defizit verweist auf ein grundlegendes Problem der chirurgischen Ausbildung: Wenn die Vielfalt und Einheit der Chirurgie im Studium nicht vermittelt werden, fehlt die Grundlage für eine informierte und bewusste Berufsentscheidung. Spezialisierung wird dann nicht als integraler Bestandteil der Chirurgie wahrgenommen, sondern als isolierter Sonderweg.
Neben der fachlichen Wahrnehmung spielen die Bedingungen der Weiterbildung eine entscheidende Rolle. Studierende bewerten die Attraktivität der Chirurgie vor allem anhand von Struktur, Planbarkeit und Ausbildungsqualität. Frühzeitige praktische Einbindung, verlässliche Supervision, transparente Weiterbildungscurricula und realistische Karriereperspektiven wurden als zentrale Einflussfaktoren identifiziert. Damit wird deutlich, dass Nachwuchsgewinnung untrennbar mit Qualitätssicherung verbunden ist: Eine gute Weiterbildung ist Voraussetzung für operative Exzellenz und Patientensicherheit.
Tabelle 1: Interesse an der Chirurgie und Thoraxchirurgie sowie Studienerfahrungen nach Studienabschnitt (n = 224)
|
Vorklinik (n = 55) |
Klinik (n = 141) |
PJ (n = 28) |
|
|
Interesse an der Chirurgie |
42 % |
33 % |
36 % |
|
Interesse an der Thoraxchirurgie |
13 % |
8 % |
0 % |
|
Thoraxchirurgie als eigenständiges Fach bekannt |
58 % |
69 % |
86 % |
|
Keine Teilnahme an thoraxchirurgischer Operation |
71 % |
49 % |
32 % |
Spezialisierung, Qualität und berufsethische Verantwortung
Die zunehmende Spezialisierung der Chirurgie verschärft diese Anforderungen. Hochspezialisierte Zentren bieten die Chance auf eine intensive operative Ausbildung, bergen jedoch zugleich das Risiko, dass Weiterbildung unter ökonomischem Druck und hoher Arbeitsverdichtung in den Hintergrund tritt. Ohne verbindliche Ausbildungsstrukturen droht eine Entwicklung, in der Effizienz zwar gesteigert, Ausbildungsqualität jedoch nicht gesichert wird. Spezialisierung kann nur dann ein Gewinn für die Chirurgie sein, wenn sie von klaren Curricula, definierten Rotationen und ausreichenden personellen Ressourcen begleitet wird.
Die Ergebnisse der Arbeit verdeutlichen zudem die berufsethische Dimension der Nachwuchsfrage. Weiterbildung ist kein optionales Zusatzangebot, sondern Kernbestandteil ärztlicher Verantwortung. Die Sicherung von Substanz und Einheit der Chirurgie erfordert ein gemeinsames Verständnis von Ausbildung als zentraler Qualitätsfaktor. Fachgesellschaften tragen hierbei eine besondere Verantwortung, indem sie Standards setzen, Orientierung bieten und den Nachwuchs aktiv in die Weiterentwicklung des Fachs einbinden.
Gleichzeitig richtet sich der Blick auch auf den Nachwuchs selbst. Die heutige Generation von Studierenden und jungen Ärztinnen und Ärzten ist leistungsbereit, erwartet jedoch transparente Strukturen, Wertschätzung und planbare Entwicklungsperspektiven. Diese Erwartungen stehen nicht im Widerspruch zu chirurgischer Exzellenz, sondern sind Voraussetzung für langfristiges Engagement und Motivation. Eine moderne chirurgische Kultur muss diesen Wandel anerkennen und aktiv gestalten.
Nachwuchsgewinnung als gemeinsamer Gestaltungsauftrag
Die vorliegende Arbeit leistet einen Beitrag zur Diskussion über die Zukunft der Chirurgie, indem sie empirische Daten mit einer grundsätzlichen Einordnung verbindet. Sie zeigt, dass das Interesse an der Chirurgie vorhanden ist, jedoch gezielt gefördert werden muss. Nachwuchsgewinnung, Qualitätssicherung und der Erhalt der Einheit der Chirurgie sind dabei keine getrennten Aufgaben, sondern Teil eines gemeinsamen Gestaltungsprozesses.
Letztlich entscheidet sich die Zukunft der Chirurgie daran, ob es gelingt, jungen Menschen nicht nur operative Techniken zu vermitteln, sondern ihnen eine klare Perspektive, strukturierte Weiterbildung und ein überzeugendes berufliches Selbstverständnis zu bieten. Die hier dargestellten Ergebnisse liefern hierfür eine wissenschaftlich fundierte Grundlage – und unterstreichen die Verantwortung der Chirurgie, ihre Zukunft aktiv zu gestalten.

Dr. med. Romina Maria Rösch
Thoraxklinik Heidelberg gGmbH
Universitätsklinikum Heidelberg
romina.roesch@med.uni-heidelberg.de
Intern DGCH
Rösch RM: Nachwuchsgewinnung als Zukunfts- und Qualitätsfrage der Chirurgie. Passion Chirurgie. 2026 April; 16(04): Artikel 06_01.
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