Zurück zur Übersicht

Auch Chirurgen müssen einmal in Rente gehen. Aber: Sollen sie freiwillig gehen? Sollen sie geschickt werden? Ab wann gehören Chirurgen zum alten Eisen? Bis wann dürfen, bis wann können sie operieren?

Passion Chirurgie besuchte einen Thoraxchirurgen aus Berlin, der vor fünf Jahren das Rentenalter erreicht hat und sich trotzdem noch lange nicht zur Ruhe setzt. Prof. Dr. Dirk Kaiser erzählt vom „65-Werden“, seinem bisherigen Berufsleben im Rückblick, von der Doppelbelastung als Chefarzt und Ärztlicher Direktor und – von seiner neuen Tätigkeit: Niedergelassener Facharzt für Thoraxchirurgie in dem Klinikum, das er bis vor kurzem leitete. Ein Modell, das vor allem auch die Patienten erfreut.

Prof. Dr. Dirk Kaiser

OEBPS/images/09_01_A_11_2014_Reisinger_image_01c_Thomas_Oberlander.jpg

Prof. Kaiser, Jahrgang 44, fackelt nicht lange und kommt direkt auf den Punkt: „2009 war mein theoretischer Ruhestand herangerückt. Doch da war an Ruhe gar nicht zu denken. Wir waren mitten in der Erweiterung unseres Klinikums und ich war Chefarzt und seit drei Jahren Ärztlicher Direktor. Das Helios-Klinikum war auch daran interessiert, dass ich noch bleibe. Also habe ich erst einmal um zwei Jahre verlängert, dann noch einmal für zwei Jahre. Ich hatte mir ein tolles Team aufgebaut, so dass ich zunehmend nur noch die Privatpatienten und bei Komplikationen selbst operiert habe. Die Indikationsbesprechungen habe ich geleitet und mit den Patienten immer selbst gesprochen.“

Währenddessen lief im Helios-Klinikum Emil von Behring in Berlin-Zehlendorf eine Erfolgsgeschichte, an der Prof. Kaiser maßgeblich beteiligt war. Der Chirurg erzählt begeistert: „Wir konnten 50 Mio. Euro in das Klinikum investieren, bauten eine Palliativstation und eine eigene Infektionsstation auf. Dann haben wir als eine der ersten ein PET-CT angeschafft, haben die invasive Kardiologie hier aufgebaut, Gefäßmedizin und Strahlentherapie eingerichtet. Zwei Bunker unter der Erde mit über ein Meter dicken Wänden. Dafür wurde extra noch aufgeschüttet. Jetzt sind wir Deutschlands einziges Krankenhaus mit `Berg`. Zu Ostern diesen Jahres kam dann der zweite Beschleuniger“. Was der Ärztliche Direktor zu dieser Zeit alles leistete, ahnten die Chirurgen zum Teil nicht einmal. Kaiser: „Es war meine schönste, interessanteste, aber auch anstrengendste Zeit. Dieser Erfolg, die Freude daran, dass es vorwärts ging und die tolle Mannschaft waren die Hauptgründe zu bleiben.“

Belastend ist nicht das Operieren, sondern die Verantwortung

Doch mit einer so guten Mannschaft wird man auch immer ersetzbarer. So, wie es eigentlich auch sein muss. Kaiser merkt außerdem, dass ihm die Doppelbelastung als Chefarzt und Ärztlicher Direktor zunehmend zu viel wird. „Belastend ist dabei nicht das Operieren“, resümiert er, „sondern die Verantwortung.“

Davon hat der Chirurg zeitlebens reichlich. Bereits mit 34 Jahren ist er leitender Oberarzt an der Uni-Klinik Freiburg in der Thoraxchirurgie, mit 40 kommissarischer ärztlicher Direktor dieser Abteilung. Seit 1978 ist er in einer Art Dauer-Verantwortung. Kaiser beschreibt das so: „Man denkt immer an die Klinik, man träumt von der Klinik und auch im Urlaub ist man ständig erreichbar.“ Dazu im Alter von 55/56 Jahren 80- und mehr Stunden-Wochen, Hintergrunddienste, jeden Tag Operationen. „Das schlaucht. Abends kein Glas Rotwein und nachts aufstehen und in die Klinik fahren.“

Ab August 2012 suchen Kaiser und das Heliosklinikum zusammen einen Nachfolger. Und dann kommt „Tag X“: Am 25. April 2013, einen Tag nach seinem 69. Geburtstag absolviert Kaiser seine unwiderruflich letzte Operation. Es folgt eine glamouröse Verabschiedung durch Kollegen, Klinikum, Gesellschaften. Plötzlich ist das Leben ruhig. Zu ruhig.

Prof. Kaiser erinnert sich: „Eigentlich waren es nur zwei Monate, denn ich hatte natürlich schon längst an meiner Idee gearbeitet. Aber diese zwei Monate waren schon wie ein Loch. Von einer Minute zur anderen fällt die riesige Aufgabe weg, die man bisher hatte. Ich habe mein Haus komplett renoviert, den ganzen Garten umgestaltet und war trotzdem noch unruhig.“

Plötzlich haben Patienten, Kollegen und Klinik ihn wieder

Endlich kommt der 1. Juli 2013. Prof. Kaiser eröffnet seine Facharztpraxis für Thoraxchirurgie in den Räumen des Helios-Klinikums. Ein halber Kassensitz, zweimal die Woche Sprechstunde für je fünf Stunden. Und plötzlich haben Patienten, Kollegen und Klinik ihn wieder: Den fähigen Chirurgen, der jetzt untersucht, überweist, auswertet und ausgiebige Patientengespräche führt. Den fähigen Kollegen, dessen Ratschläge immer noch so gefragt sind. Und den großen Namen, dessen Image Patientenströme lenkt. Die Schnittstelle von ambulant zu stationär ist hier jetzt unübersehbare Tatsache.

Prof. Kaiser sagt, er habe nun wieder eine Struktur in seinem Leben. „Zweimal die Woche bin ich für die Patienten da, zweimal gehe ich mit meinem besten Freund Golf spielen, das Wochenende gehört ausschließlich Frau und Kindern.“ Und der Freitag? „Wird freigehalten. Man weiß ja nie, was noch so kommt!“

Mit zunehmender Verknappung werden gute Chirurgen, die physisch fit sind, länger gerbraucht. Davon ist Kaiser überzeugt. Wann Schluss ist mit Operieren merkt jeder selbst. Wenn die Spannkraft, die Konzentration nachlässt. Dafür bedarf es jedoch einer guten Selbstreflektion. Und die zählt zu den notwendigen Charaktereigenschaften eines Chirurgen.

Es gibt kein Muster für die Rente

Es gibt also kein Muster, nach dem Chirurgen in Rente gehen sollten. Es gibt keine Empfehlungen und kein Alter.

Aber es gibt „die Alten“. Und wenn man die fragt, sich mit ihnen unterhält, ihnen zuhört – dann sieht jeder auch ein bisschen in seine eigene Zukunft, kann sich vorbereiten. Sei es mit einer Runde Verlängerung, mit Hobbys, Ehrenämtern, Familie, neuen Jobs und Herausforderungen.

Prof. Kaiser sagt: „Eine Struktur im Leben ist das Wichtigste! Wenn ich zurückblicke – ich würde alles wieder so machen.“

Nur eines ist da, was Kaiser nach eigenen Worten nicht wusste: „… dass man anderthalb Jahre nach Abgabe der Verantwortung immer noch von der Klinik träumt!“

Reisinger K. Mit 65 in Rente? Das wäre meine persönliche Katastrophe geworden! Passion Chirurgie. 2014 November, 4(11): Artikel 09_01.

0

Autor des Artikels

Kathrin Reisinger

Berufsverband der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC)Ehem. PressesprecherinLuisenstr. 58/5910117Berlin

Um diesen Artikel kommentieren zu können, müssen Sie bei myBDC registriert und eingeloggt sein.

Weitere Artikel zum Thema

PASSION CHIRURGIE

Passion Chirurgie 11/2014

Rentner haben niemals Zeit Der oft zitierte demografische Wandel, der

Passion Chirurgie

Lesen Sie PASSION CHIRURGIE!

Die Monatsausgaben der Mitgliederzeitschrift können Sie als eMagazin online lesen.