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Plötzliches Tohuwabohu während meiner samstäglichen Visite: Mehrere Männer tragen einen blutüberströmten Menschen auf einer selbstgebauten Trage aus Tüchern und Holzstangen in die Station, begleitet von einem Schwarm aufgeregter Angehöriger. Auch in Amppipal Hospital kein ganz alltägliches Ereignis…

Amppipal Hospital in Nepal ist ein Krankenhaus mit 45 Betten, das in ländlicher Region (in den Vorbergen von Annapurna auf ca, 1100m Höhe gelegen) die einzige medizinische Versorgungsmöglichkeit für die Bewohner darstellt. Daher nimmt insbesondere auch die ambulante Versorgung großen Raum ein. Behandelt werden grundsätzlich Krankheitsbilder aller Art, bis hin zur Zahnmedizin.

Es handelt sich um ein „community hospital“, das heißt, es wird von der Gemeinde Amppipal getragen. Die Patienten müssen ihre Behandlung selbst bezahlen, eine Krankenversicherung existiert nicht, bzw. ist für den durchschnittlichen Nepalesen unerschwinglich. Gerade in der Region um Amppipal sind aber viele Menschen so arm, dass sie dringend notwendige medizinische Behandlungen nicht bezahlen können.

Abb. 1: Amppipal Hospital

Nach mehreren Reisen und Arbeitseinsätzen in Nepal gründeten 13 Mediziner und Geisteswissenschaftler den Verein Nepalmed am 30. August 2000 in Grimma/Sachsen zur Unterstützung des Landes. Da in Nepal nur 10 Prozent der Bevölkerung Zugang zu medizinischer Hilfe haben, fördert Nepalmed nepalische Initiativen auf dem Gebiet des Gesundheitswesens, insbesondere zur Aus- und Weiterbildung von medizinischem Personal.

Alle Mitglieder arbeiten ehrenamtlich für den Verein. Zur Zeit sind das weltweit etwa 250 Mitglieder. Nepalmed finanziert sich ausschließlich über Mitgliedsbeiträge und Spenden und operiert dadurch nur mit einem knappen Budget. Jeder Euro geht in die Projektarbeit. Die Kosten für Papier, Porto und ähnliches werden privat von den Mitgliedern getragen. Der Verein hält regelmäßigen Kontakt zu anderen Nepalorganisationen, den Botschaften, Ministerien und Institutionen und ist sehr stolz, den Honorarkonsul Nepals in Köln und Vorsitzenden der Deutsch-Nepalischen Gesellschaft, Herrn Ram Pratap Thapa, 2002 als Mitglied aufgenommen zu haben. Eine enge Zusammenarbeit besteht zudem mit PHECT Nepal (Public Health Concern Trust – Kathmandu Model Hospital), das sich vor allem der Ausbildung von einheimischen Ärzten und medizinischem Assistenzpersonal widmet. Eine entsprechende Ausbildungsstätte wird voraussichtlich in ein bis zwei Jahren in Betrieb gehen. Lehrpersonal (vor allem für die medizinischen Grundlagenfächer) wird noch gesucht…

Abb. 2: Eine Operation im (alten) OP

Nepalmed unterstützt insbesondere auch Amppipal Hospital aus seinem Spendenaufkommen. Unter anderem wurde ein Charity Fonds eingerichtet, aus dem die Behandlung der besonders bedürftigen Patienten ganz oder teilweise bezahlt wird.

Außerdem ist es Nepalmed gelungen, die Ausstattung des Hauses mit medizinischen Geräten zu verbessern – unter Mitwirkung des Lion’s Hilfswerks und der Bundeswehr (Überlassung von OP-Instrumentarium). Und es herrscht Renovierungsbedarf: Die Gebäude stammen aus den 1960er Jahren. Aktuell steht ein neuer OP mit Aufwachraum kurz vor der Fertigstellung. Im Frühjahr 2010 konnte ein halbautomatisches Laboranalysegerät in Betrieb genommen werden. Auch ein neueres Sonographiegerät konnte aus Spenden zur Verfügung gestellt werden. Endlich ist auch ein Bildwandler für den OP auf dem Weg nach Nepal. Dies ist besonders wichtig, da die Versorgung von Frakturen (häufig sind auch Frakturen bei Kindern) doch breiten Raum einnimmt.

Abb. 3: Amppipal Hospital von oben

Zudem wird versucht, den Gesundheitszustand der Bevölkerung insgesamt zu verbessern. Erhebungen zur Kindergesundheit und zur Prävalenz der COPD wurden bereits durchgeführt. Ein „HIV-Projekt“ (Prävention und Testung) ist angelaufen, ein Programm zur Schwangerschaftsvorsorge steht kurz vor der Umsetzung.

Was weiterhin dringend fehlt, ist ärztliches Personal. Einheimische Kollegen sind für eine Tätigkeit in dieser abgelegenen Region schwer zu gewinnen. Und unser langjähriger und verdienter ärztlicher Direktor – Dr. med. Wolfhard Starke – ging im März des Jahres im Alter von 68 Jahren in seinen wohlverdienten Ruhestand. Fast zehn Jahre hat er das Hospital – oftmals im Alleingang – umsichtig geleitet, auf- und weiter ausgebaut. Seit jüngerer Zeit wurde er, auf Grund einer Kooperation mit einer Klinik in Kathmandu, von jungen einheimischen Assistenzärzten unterstützt. Diese können zwar die große und manchmal ausufernde tägliche Ambulanz bewältigen, nicht aber eine gegebenenfalls nötige operative Versorgung von Patienten. Hierzu wird die Anleitung und Überwachung durch chirurgisch erfahrene Kollegen gebraucht. Zur Zeit wird dies durch Mitglieder von Nepalmed gewährleistet, die jetzt reihum im Amppipal Hospital tätig sind.

Und hierfür könnte unser Verein weitere Unterstützer dringend brauchen! Chirurgisch versierte Kollegen (gerne mit traumatologischer Erfahrung, denn Frakturen sind häufig), die sich gerne einmal abseits vom deutschen Klinikalltag betätigen möchten, sind uns daher jederzeit herzlich willkommen, damit auch Patienten, wie der anfangs geschilderte, weiterhin sachgerecht versorgt werden können.

Abb. 4: Das Team im Amppipal Hospital

Es handelte sich dabei um einen jungen Mann, der schon seit einiger Zeit in seiner Familie durch selbst beschädigende Handlungen aufgefallen war. Die zu Grunde liegende floride Psychose war natürlich bisher nicht behandelt worden: Die psychiatrische Versorgung ist in Nepal besonders lückenhaft! Obwohl seine Familie alle „gefährlichen“ Gegenstände unter Verschluss gehalten hatte, hat dieser junge Mann eine Grassichel gefunden, mit der er sich selbst in den Hals geschnitten hatte. Die großen Gefäße waren glücklicherweise nicht betroffen (wie sich schon präoperativ im Ultraschall hat zeigen lassen), aber ich hatte dann ein „selbst gemachtes“ Tracheostoma zu versorgen. Die Wundheilung war im Weiteren regelrecht, unter neuroleptischer Medikation war der Patient gut zugänglich und konnte nach abgeschlossener chirurgischer Therapie in eine weitere psychiatrische Behandlung in der Hauptstadt Kathmandu vermittelt werden.

NEPALMED

Kirsch B. Medizinische Versorgung in Nepal: Amppipal Hospital. Passion Chirurgie. 2012 April; 2(04): Artikel 02_04.

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