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Betreff „Neuer Player im Gesundheitsmarkt: Der mündige Patient“

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Antwort, wie sich zusätzliches Kapital für Investitionen im Gesundheitssystem vor dem Hintergrund zurückgehender öffentlicher Finanzierung aufbringen lässt, ist aus meiner Sicht ganz einfach:

Abschaffung der sich fast krebsgeschwürartig vermehrenden Systeme an Gesundheitsmanagern/Ökonomen, Qualitätssicherungsinstrumenten, Zertifizierungssystemen Wund/Risk-Managern, u.s.w..

All dies wird letztendlich vom Gesundheitssystem und damit von den Kassenbeiträgen und Steuergeldern finanziert, ohne das ein wirklicher Input, ein wirklich existenter Nutzen für das System resultiert. Wen von den 600 Referenten, die sicherlich alle über gute und sehr gute Einkommen verfügen, brauchen wir wirklich????

Nach Durchsicht Ihres Flyers ist die Anzahl der Kollegen die im Sinne des Gesundheitssystem nützlich tätig sind, nach meiner Einschätzung eher gering.

Und erlauben Sie mir die Anmerkung, dass sogar ein Referent mir durchaus bekannt ist. Die bildliche Darstellung und die Beschreibung seiner jetzigen Tätigkeit wirkt brilliant und könnte Bewunderung auslösen, wäre da nicht die Erinnerung an lang zurückliegende gemeinsame Kliniktage, in denen jener Kollege vom medizinischen Klinikalltag völlig überfordert war und sich rasch für eine bequemere Lösung in der Pharmaindustrie entschied.

Und schließlich noch eine Bemerkung zum mündigen Patienten. Niemand wünscht sich mehr den begreifenden Patienten mit Compliance als der Klinikarzt.

Leider sieht die Realität in einer immer älter werdenden Gesellschaft anders aus. Die ganze Diskussion zeigt auf, wie praxisfern jene „Experten“ aus Politik, Medien, Wirtschaft und Gesundheitsbranche wirklich sind.

Wer meiner Darstellung nicht glaubt, den lade ich herzlich zu einer gemeinsamen Visite in meiner Abteilung ein.

Ein Letztes zur Transparenz und Patientensouveränität: Transparenz ist in aller Munde und jeder punktet der nach Transparenz ruft.

Genauer betrachtet schafft Transparenz aber auch Vertrauen ab. Was transparent ist, benötigt kein Vertrauen in das oder den, dem man sich anvertraut!

Aber genau dieses „Anvertrauen“ ist aus meiner Sicht ein Grundpfeiler der erfolgreichen Arzt-Patientenbeziehung und damit des Behandlungserfolges.

In der Diskussion um Transparenz und Patientensouveränität, Patientenrechtegesetz und „Augenhöhe“, unterschätzen die „Experten“ einen Aspekt ganz gewaltig, nämlich die Umerziehung des Arztes mit seiner besonderen Verantwortung und Hingabe in einen kalkulatorisch denkenden Dienstleister, ohne emotionale Bindung gegenüber dem durch ihn behandelten Patienten.

Wenn wir das wirklich wollen, dann ist die von Ihnen beworbene Veranstaltung sicherlich der richtige Weg!

In diesem Sinne und mit freundlichen Grüßen,

Dr. med. Christian Hessler
Chefarzt, Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie
Minimalinvasive Chirurgie, Proktologie
Heilig-Geist-Hospital Bingen
Kapuzinerstraße 15-17, 55411 Bingen
[email protected]

 

Sehr geehrter Herr Professor Bruch,

die Einladung zum o.g. Kongress die am 02. Mai via E-Mail verschickt wurde und die Sie wahrscheinlich auch bekommen haben, beginnt mit dem Satz: „Entgegen allen Behauptungen stand der Patient bisher nicht im Vordergrund des Behandlungsprozesses. Er war wegen der weitgehenden Intransparenz des Systems eher Objekt als Subjekt“, sagte Professor Heinz Lohmann.

Als Arzt bin ich natürlich einer der Hauptakteure in diesem „System“ und fühle mich direkt angesprochen und bin empört.

Um es vorweg zu sagen, ich empfinde, wie auch einige andere meiner Kollegen, diese Einleitung und den weiteren Text als eine Zumutung.

Nun im Einzelnen:

Natürlich stand und steht der Patient im Mittelpunkt unserer täglichen Arbeit. Wer oder was sollte denn sonst im Zentrum stehen. Patienten werden nicht erst seit dem es Herrn Lohmann gibt von Ärzten behandelt. Hätte in den letzten Jahrzenten nicht der kranke Mensch im Zentrum gestanden, wo wäre die Medizin heute?

Herr Lohmann der mit hoher Wahrscheinlichkeit bisher niemals einen kranken Menschen behandelt hat, versucht mit diesen Allgemeinplätzen uns Ärzte zu diskreditieren, und schwimmt auf dieser medialen Welle, die ebenfalls leider ein Klima des Misstrauens schafft, auf dem Scheitelpunkt mit.

Herr Lohmann spricht von einem Gesundheitsmarkt. Dieser Begriff wurde nicht von Ärzten erdacht. Der Patient als „Player“, die Konferenz als „Session“. Das ist die Sprache von Ökonomen die sich gerne der internationalen Sprache bedienen, um dadurch eine Atmosphäre des Weltweiten und Allgemeingültigen zu verbreiten.

Die „neue proaktive Rolle von Patienten.“

Was ist das? Ist das die 90-jährige alte Dame, die alleine zu Hause lebt, über den Teppich stolpert und sich dabei den Schenkelhals bricht? Oder ist der „proaktive Patient“ der junge Mann, der eine Psychose hat und sich ständig verfolgt fühlt? Ist „der Konsument“ die junge Familie, wo die Frau morgens um 3 Uhr per Kaiserschnitt ein kleines Mädchen mit einem schweren Herzfehler entbunden hat? Schaut die 90-jährige, der junge Mann, die Familie als erstes in das weltweite Netz um sich proaktiv als Konsument zu informieren, oder wünschen sie sich alle doch lieber einen empathischen Arzt, zu dem sie Vertrauen haben?

Am 14. Juni auf dem Hauptstadtkongress gibt es dann die „Session“: „App statt Anzeige: Gesundheitsmarketing auf neuen Wegen.“

Endlich wird klar worum es bei diesem Kongress geht: Der Patient als Teil der Wertschöpfungskette. Hier geht es nicht um das Patientenwohl, wie es von Herrn Lohmann vordergründig behauptet wird, sondern nur um die Möglichkeit für patientenferne Dienstleister, ohne Verantwortung für den „souveränen“ Patienten, an der Wertschöpfung beteiligt zu sein. Dies ist evident.

„Die Forderung nach Transparenz wird gerade da laut, wo kein Vertrauen mehr vorhanden ist. Die Transparenzgesellschaft ist eine Gesellschaft des Misstrauens, die aufgrund des schwindenden Vertrauens auf Kontrolle setzt.“ Dieses Zitat stammt aus einem Artikel von Herrn Professor Dr. Byung-Chul Han der am 12.01.2012 in „DIE ZEIT“ erschienen ist. Hier werden für jeden sehr nachvollziehbar die Nachteile und Gefahren des „Transparenzfetisch“ aufgezeigt.

„… anstelle des empathischen Engagements wird die unparteiische Dienstleistungserbringung gepriesen“ (Dtsch. Ärzteblatt 2012; 109 (16): A 804-7). Dieser Artikel ist von Herrn Professor Dr. G. Maio, Lehrstuhl für Medizinethik der Universität Freiburg.

„Paradoxerweise führt also die Korruption medizinischer Verlässlichkeit durch ökonomische Rationalität zu ökonomischer Ineffizienz.“ (Verlässlichkeit – Eine Grundlage humaner Ökonomie von Professor Dr. Julian Nida-Rümelin, nachzulesen auf seiner Homepage).

Erfreulicherweise gibt es auch noch Menschen, die diesseits vom gesundheitsökonomischen Mainstream ihre Gedanken publizieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Thomas Friedrich Weigel
Richard-Wagner-Straße 35
65193 Wiesbaden
[email protected]

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