01.05.2026 Nachhaltigkeit
Kann ein Krankenhaus der Maximalversorgung überhaupt nachhaltig sein?

Bedeutung der Maximalversorger im deutschen Gesundheitswesen
Krankenhäuser der Maximalversorgung zählen zu den komplexesten Organisationsformen im Gesundheitswesen. Sie gewährleisten hochspezialisierte, innovative und interdisziplinäre Medizin auf höchstem Versorgungsniveau und garantieren die interprofessionelle 24/7-Akutversorgung. Überregionale Einzugsgebiete und die kooperative Unterstützung von Kliniken niedrigerer Versorgungsstufen ergänzen das Leistungsangebot. Sie bilden den ärztlichen Nachwuchs aus und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Forschung.
Gleichzeitig zählen gerade diese Einrichtungen zu den ressourcenintensivsten Institutionen der Gesellschaft. Sie verbrauchen hohe Mengen an Energie, Wasser und Materialien, produzieren große Abfallmengen und verursachen relevante CO2-Emissionen. Bis zu 5,3 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen (THG) entfallen weltweit auf den Gesundheitssektor und in Deutschland sogar bis zu rund 6 Prozent [5]. Damit übertrifft dieser Sektor in Bezug auf die THG-Emissionen den innerdeutschen Flugverkehr (knapp 4 Prozent) [4].
Nachhaltigkeit und Maximalversorgung – Synergie oder Widerspruch?
Es stellt sich daher die Frage, ob Nachhaltigkeit für diese Institutionen letztlich ein wohlmeinender, aber realitätsferner Anspruch ist.
Die Erfahrung am Universitätsklinikum Augsburg (UKA) zeigt: Ein Krankenhaus der Maximalversorgung kann und muss nachhaltig handeln. Nicht trotz, sondern gerade wegen des Versorgungsauftrags. Nachhaltigkeit ist keine Imagefrage oder Einzelmaßnahme, sondern eine Bringschuld gegenüber den Patientinnen und Patienten, den Mitarbeitenden und gegenüber der Gesellschaft.
Universitätsmedizin im Spannungsfeld planetarer Grenzen
Die globalen Klima- und Umweltveränderungen sind längst keine abstrakten Zukunftsszenarien mehr. Extremwetterereignisse, hitzebedingte Mortalität, veränderte Infektionsdynamiken und zunehmende chronische Belastungen betreffen die Versorgungsrealität unmittelbar [1]. Zugleich trägt der Gesundheitssektor selbst erheblich zu Treibhausgasemissionen bei. Daraus entsteht ein ethischer Doppelauftrag mit Konfliktpotential: Das UKA als Maximalversorger ist dazu aufgerufen, seinen Patientinnen und Patienten hochtechnisierte Medizin anzubieten und gleichzeitig den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.
Mit dem aktualisierten International Code of Medical Ethics wurde ökologische Nachhaltigkeit explizit als ärztliche Verpflichtung verankert [7]. Gesundheit zu schützen bedeutet heute auch, natürliche Lebensgrundlagen zu erhalten. Für die Universitätsmedizin Augsburg, die Forschung, Lehre und Krankenversorgung verbindet, ist diese Perspektive integraler Bestandteil des Selbstverständnisses. Dabei erstreckt sich nachhaltiges Handeln nicht nur auf ökologische, sondern explizit auch auf soziale und ökonomische Dimensionen.
Das Universitätsklinikum Augsburg als ein Haus der Maximalversorgung
Das UKA als eines der jüngsten Universitätsklinika in Deutschland gehört mit über 7.600 Mitarbeitenden, 66.870 stationären und 239.430 ambulanten Fällen im Jahr 2025 zu den größten Kliniken des Freistaats. 1.699 stationäre Planbetten und 46 teilstationäre Plätzen stehen für 24 Kliniken und fünf Institute zur Verfügung.
Im Januar 2026 eröffnete das UKA sein neues, hochtechnisiertes Zentrum für Intensivtherapie (ZIT) mit insgesamt 135 Intensiv- und Intermediate-Care Bettenplätzen als eines der modernsten dieser Art in Bayern. Im März 2023 entschied der Freistaat Bayern über einen Neubau des bettenführenden Zentralgebäudes des UKA bis zum Jahr 2040. Die diesbezüglichen Planungen laufen auf Hochtouren.
In Bezug auf soziale Nachhaltigkeit stellt das UKA mit rund 450 Ausbildungsplätzen einen der größten Ausbildungsträger in ganz Bayerisch Schwaben dar.
Vision und Institutionalisierung von Nachhaltigkeit
Das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit bedeutet in erster Linie eine Vision auf Vorstandsebene. Der zweite Schlüssel für gelingende Nachhaltigkeit an einem Maximalversorger liegt in ausgesuchten Governancestrukturen.
- Eindeutige personelle und organisatorische Verantwortlichkeiten – bestenfalls in Nähe zur Unternehmensleitung – verankern Zielsetzungen auf einer transparenten und dynamisch fortzuschreibenden Zeitschiene.
- Einschlägige Regelwerke sichern die Aufgaben, Projektvorhaben und Berichtspflichten verbindlich ab.
- Wiederkehrende Prüfung und Fortentwicklung der hinterlegten Inhalte stehen für belastbare Qualität und Zukunftsorientiertheit.
- Zur Erfüllung gesetzlicher Vorgaben stellt der Vorstand entsprechende finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung.
- Die Institution gibt Raum für Netzwerkarbeit mit der internen und externen Öffentlichkeit.
- Im Idealfall bauen die Verantwortlichen wissenschaftliche Kooperationen auf.
Umsetzung der Institutionalisierung am UKA
Etablierung wirksamer Strukturen
Am UKA etablierte der Vorstand im Jahr 2019 die interprofessionelle Initiative „University Medicine Augsburg Goes Green“ (UMAGG). Der Lenkungskreis von UMAGG vereint Vertreterinnen und Vertreter der Vorstandebene, des ärztlichen und pflegerischen Dienstes, der Administration sowie der Medizinischen Fakultät und der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg (siehe Organigramm Lenkungskreis UMAGG).
Die Leitung bekleidet eine stellvertretende Vorstandsposition und steht damit als Garant für einen niedrigschwelligen Austausch mit der obersten Leitungsebene.
Die Interprofessionalität des Gremiums repräsentiert Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe. Die vom Vorstand verabschiedete Satzung von UMAGG steht für die Verbindlichkeit der Aufgaben und deren Zielerreichung.
Nachhaltigkeit und Unternehmenskultur
Seit Februar 2024 ist Nachhaltigkeit eine von vier tragenden Säulen des Leitbildes des Universitätsklinikums Augsburg – gleichrangig mit Menschen, Innovation sowie Forschung und Lehre.
Zeitgleich verabschiedete der Vorstand den Code of Conduct. Auch dieser greift alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit auf. Der Vorstand sichert den Durchdringungsgrad beider Regelwerke durch wiederkehrende Vorstellungen beispielsweise im Rahmen des Einführungstages für neue Mitarbeitende ab. Die soziale Dimension der Nachhaltigkeit wird zudem u. a. durch die systematische Anwendung des Lob-, Anregungs- und Beschwerdefahrens, das anonyme Hinweisgebersystem und das Angebot zur Durchführung ethischer Fallbesprechungen abgebildet.

Abb. 1: Organigramm Lenkungskreis UMAGG
Nachhaltigkeit als ethische und gesellschaftliche Verpflichtung
Die bildungspolitische Dimension von Nachhaltigkeit griff das UKA unter anderem über das Klinische Ethikkomitee (KEK) auf. Dieses nahm im Jahr 2024 die ökologische Nachhaltigkeit ausdrücklich in seine Beratungsdimension auf [6].
Netzwerke und wissenschaftliche Einbindung
Nachhaltigkeit in der Universitätsmedizin erfordert Kommunikation. Die Initiative UMAGG ist regional und national vernetzt, unter anderem im Nachhaltigkeitsbeirat der Stadt Augsburg, im Verband der Universitätsklinika Deutschlands e. V. sowie in gesundheitsbezogenen Klimanetzwerken.
Die enge Verbindung zur Universität Augsburg und der Medizinischen Fakultät mit dem Forschungsschwerpunkt Environmental Health Sciences (EHS) ermöglicht eine wissenschaftliche Aufarbeitung nachhaltigkeitsbezogener Fragestellungen. Nachhaltigkeit wird dadurch nicht nur operativ umgesetzt, sondern akademisch reflektiert und im Schulterschluss mit der Universität Augsburg weiterentwickelt.
Transparenz und Messbarkeit
Obwohl die gesetzliche Berichtspflicht nach der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) erst ab 2028 greift, veröffentlichte das UKA für das Berichtsjahr 2024 erstmalig einen Nachhaltigkeitsbericht nach dem VSME-Standard auf freiwilliger Basis [3]. Auf der Agenda für das Jahr 2026 steht die neuerliche Erhebung der Doppelten Wesentlichkeitsanalyse nach erfolgter Revision auf EU-Ebene.
Diese freiwillige Transparenz schafft die Grundlage für systematische Weiterentwicklung. Emissionen in Scope 1, 2 und 3, Energieverbräuche, Abfallstrukturen, Wasserentnahme sowie soziale und Governance-Kennzahlen werden dokumentiert und für Entscheidungsträger steuerbar gemacht.

Abb. 2: Leitbild des UKA
Klimaneutralität als strategische Zielmarke
Im Kontext der Planungen für den Neubau des UKA (s. o.) verfasste eine Expertengruppe unter Federführung der Stabsstelle Medizin und Gesellschaft ein umfassendes Nachhaltigkeitskonzept für die Betriebsplanung des Neubaus [2]. Die hinterlegte Zeitschiene resultierte in einem klimaneutralen UKA unter der Voraussetzung einer Neubauinbetriebnahme bis 2040 („Zero Emission Hospital 2040“). Energiestandards, Energieversorgung, Materialwahl und Prozessorganisation sind mit Klimazielen frühzeitig in Einklang zu bringen.
Operationalisierung von Nachhaltigkeit
Eine Zahl von insgesamt 16 Projekten sind unter UMAGG seit dem Jahr 2019 an den Start gegangen. Unter anderem dienen sie den Nachhaltigkeitszielen Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung, Erhalt der Artenvielfalt, Ressourcenschonung, Energieeffizienz, der nachhaltigen Verpflegung, dem betrieblichen Mobilitätsmanagement und dem Hitzeschutzplan für das UKA.
Schlussfolgerung
Ein Krankenhaus der Maximalversorgung kann nachhaltig sein. Nachhaltigkeit ist unter hochkomplexen Versorgungsbedingungen möglich, wenn sie strategisch verankert, messbar gemacht und kulturell getragen wird.
Die zentrale Herausforderung liegt weniger in der prinzipiellen Umsetzbarkeit als in der strukturellen Ausgestaltung: Nachhaltiges Handeln erfordert klare Verantwortlichkeiten, langfristige Planungshorizonte und geeignete regulatorische sowie finanzielle Rahmenbedingungen.
Universitätsmedizin steht für Exzellenz, Innovation und gesellschaftliche Verantwortung. In Zeiten globaler Klima- und Umweltveränderungen erweitert sich dieser Anspruch.
Die Debatte sollte daher nicht lauten, ob Maximalversorgung nachhaltig sein kann, sondern unter welchen strukturellen und politischen Bedingungen nachhaltiges Handeln systematisch ermöglicht wird.

Abb. 3: UKA-Stufenkonzept zur Klimaneutralität bis 2040 I Neubauinbetriebnahme
Literatur
[1] An der Heiden, Zacher, RKI -Geschäftsstelle für Klimawandel & Gesundheit, Diercke und Bremer (2024). Wochenbericht zur hitzebedingten Mortalität KW 38 / 2024, Robert Koch-Institut
[2] Linné, R., R. Binder, D. Bolkenius, D. Dubbelfeld (2024). „Nachhaltigkeitskonzept für die Betriebsorganisationsplanung des Neubaus des Universitätsklinikums Augsburg“. Universitätsklinikum Augsburg, Stabsstelle Medizin und Gesellschaft. Abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/UEber_uns/UMAGG/Nachhaltigkeitsberichte/Nachhaltigkeitskonzept_Neubau.pdf.
[3] Wabnitz K., Buser H., Linné R. (2026). „Nachhaltigkeitsbericht 2024.“ Universitätsklinikum Augsburg, abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/UEber_uns/UMAGG/Nachhaltigkeitsberichte/UKA_NHB_2024.pdf.
[4] Deutscher Ärzteverlag (2022). „Gesundheitsbranche umweltschädlicher als Flugverkehr.“ MT im Dialog. Abrufbar unter: https://www.mtdialog.de/news/artikel/gesundheitsbranche-umweltschaedlicher-als-flugverkehr#:~:text=Ausgerechnet%20die%20Gesundheitsbranche%20tr%C3%A4gt%20einen%20wesentlichen%20Teil,ausst%C3%B6%C3%9Ft%20als%20die%20Schifffahrt%20oder%20der%20Flugverkehr.
[5] Karliner, J., S. Slotterback, R. Boyd, B. Ashby, K. Steele und J. Wang (2020). „Health care’s climate footprint: the health sector contribution and opportunities for action.“ European journal of public health 30 (Supplement_5): ckaa165. 843.
[6] Edenhofer O., M. Herrmann (2025). „Erderwärmung: Klimapolitische Konsequenzen und die Verantwortung des Gesundheitswesens“. Jahresveranstaltung des Klinisches Ethikkomitee am Universitätsklinikum Augsburg 2025. Abrufbar unter: https://www.uk-augsburg.de/fileadmin/Daten/Zentrale-Einrichtungen/Klinisches_Ethikkomitee/PDFs/KEK_0002_Plakat_2025.pdf.
[7] Parsa-Parsi, R. W. (2022). „The international code of medical ethics of the world medical association.“ jama 328(20): 2018-2021.

Korrespondierende Autorin:
Dr. Renate Linné
Stv. Kaufmännische Direktorin
Leitung Stabstelle Medizin und Gesellschaft
Universitätsklinikum Augsburg

Helene Buser
Referentin der Kaufmännischen Direktion
Universitätsklinikum Augsburg
Chirurgie
Linné R, Buser H: Kann ein Krankenhaus der Maximalversorgung überhaupt nachhaltig sein? Passion Chirurgie. 2026 Mai; 16(05): Artikel 03_04.
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