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Dr. med. Alfred Jahn ist 79 Jahre alt und steht noch immer an vier Wochentagen am Operationstisch, um Kinder zu operieren. Er ist Kinderchirurg und war bis zum Eintritt in den Ruhestand im Jahre 2002 Chefarzt der kinderchirurgischen Abteilung des Kinderkrankenhauses St. Marien in Landshut. Seitdem lebt er in Ruanda, wo er der einzige Kinderchirurg ist – Sein beruflicher Werdegang ist außergewöhnlich.

Aufgewachsen ist er in Nordhausen am Harz, von wo er 1955 nach dem Abitur nach Berlin aufbrach, um an der Humboldt Universität Medizin zu studieren. Seine Wunschfächer waren eigentlich Romanistik oder Bibliothekswissenschaft. Doch die wurden ihm in der DDR verwehrt. Der Prorektor für Studentenangelegenheiten erklärte ihm, dass beim Aufbau des Sozialismus in der DDR keine Romanisten, wohl aber Ärzte gebraucht würden. Seine erste ärztliche Tätigkeit begann er 1961 im städtischen Krankenhaus der Reuterstadt Stavenhagen in Mecklenburg. Nach einem Jahr ging er in die urologische Abteilung des St. Hedwigs – Krankenhauses in Berlin.

1963 floh er nach Westberlin, um sich des bevorstehenden Zugriffs der Stasi zu entziehen. Er ging dann nach Bonn, wo er eine Stelle als wissenschaftlicher Assistent am physiologischen Institut unter Professor Pichotka annahm. 1967 wurde er Assistent in der Chirurgie auf dem Hospitalschiff „Helgoland“ in Vietnam. Dort blieb er zehn Monate. Nach seiner Rückkehr begann er die chirurgische Ausbildung am Kreiskrankenhaus in Reutlingen. 1969 flog er erneut nach Vietnam, um auf der „Helgoland“ zu arbeiten. Er blieb dort bis 1972 und setzte danach seine chirurgische Ausbildung in Augsburg unter Professor Gumrich fort, an die sich eine Zusatzausbildung in Kinderchirurgie bei Dr. Kern anschloss.

Weitere Stationen waren ein Einsatz mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz im zentralen Hochland von Vietnam, dann München an der Lachnerklinik. Danach ging er für ein Jahr mit der Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit nach Thailand, wo er in 23 Krankenhäusern kinderchirurgisch tätig war, von Thailand dann direkt nach London, wo er Senior Registrar wurde. Dort erreichte ihn der Ruf nach Landshut, um dort die Chefarztstelle der noch einzurichtenden kinderchirurgischen Abteilung des Kinderkrankenhauses anzutreten. Er blieb 19 Jahre. Nun ist er in Ruanda und denkt noch nicht ans Aufhören.


„Nicht immer hatten wir auf der „Helgoland“ viel zu tun. Obwohl ein Verbot bestand, im Land herumzureisen, verspürte ich immer den Drang, das Landesinnere kennen zu lernen. Einige Male begleitete ich deshalb Patienten nach Hause, wenn sie entlassen wurden.

Einmal waren es zwei etwa zehn Jahre alte Buben, denen wir beide Oberschenkel amputieren mussten. Sie wohnten in einem Dorf nördlich von Da Nang. Unser Ambulanzauto fuhr sie, als sie entlassen wurden, so weit wie die Straßenverhältnisse es erlaubten. Der Rest musste zu Fuß zurückgelegt werden, es waren etwa noch drei Kilometer bis zu ihrer Hütte. Die beiden Buben hatten keine Beine mehr, sondern nur noch Oberschenkelstümpfe. Also lud ich mir beide Buben auf meine Hüften, rechts und links, sie umklammerten mich und dirigierten mich bis zu ihrem Zuhause. Es dämm erte bereits, als ich losging. In den Tropen wird es schnell dunkel. Ich ging auf stillgelegten Bahnschienen in die Dunkelheit hinein. Auf beiden Seiten des Schienenstrangs standen armselige Lehmhütten, in denen Flüchtlinge hausten. Dieser Fußmarsch ist mir noch immer wie ein Alptraum in der Erinnerung. Auf dem Weg zu ihrer Familie schlossen sich uns immer mehr Menschen an, ohne irgendetwas zu sagen. Ich, voran mit den beiden Kindern auf den Hüften und hinter mir die Eskorte von schweigenden Menschen! Das Ganze war gespenstisch und erschien mir wie ein stummer, ohnmächtiger Protest gegen den Krieg. Endlich langten wir in ihrer Hütte an. Ich hatte meine Aufgabe erfüllt, ging aber doch noch hinein. Drinnen saßen die Eltern auf dem fest gestampften Lehmboden. Man konnte nicht viel erkennen. Denn es war schon dunkel, und es gab kein Licht, auch nicht von einer Kerze oder einer Petroleumlampe. Niemand sagte ein Wort, wir hockten auf dem Boden und schwiegen. Die Kinder wurden nicht begrüßt, und diese zeigten ihrerseits auch keinerlei Freude des Wiedersehens mit den Eltern. Wir hockten alle still in dieser Hütte im Halbdunklen, die Eltern, die ihre amputierten Kinder zurück bekamen und ich. Es gab kein Wehklagen, keine Fragen, nur eben dieses Schweigen. Was hätten wir auch sagen können angesichts dieses Elends, angesichts dieser beiden Buben, die nun ihr Leben ohne Beine würden verbringen müssen? Das Leben ist so schon mühsam genug und nun gar ohne Beine. Ich fühlte mich so unendlich elend. Ich hätte heulen können, sodass ich mich alsbald wortlos verabschiedete und die Bahnschienen bis zum Ambulanzauto zurück ging, das auf mich gewartet hatte. In dieser Szene fokussiert sich für mich, was Krieg bedeutet.“

Broschiert: 308 Seiten
Verlag: IATROS;
Auflage: 1 (23. Dezember 2015)

ISBN-13: 978-3869632605

Das alles hat er in einem Buch unter dem Titel „Erinnerungen und Reflexionen: Hospitalschiff Helgoland – Vietnam – Landshut – Ruanda“ erzählt.

Im Dezember 1996, zwei Jahre nach dem Völkermord in Ruanda, erschien in The Lancet ein Aufruf des ärztlichen Direktors des Zentralkrankenhauses von Kigali an Chirurgen und Orthopäden, den Ärztinnen und Ärzten in Ruanda zu helfen, die überlebenden Verletzten der Massaker zu behandeln. Dr. Jahn folgte dem Appell im April 1997. Er schreibt darüber:

„Dr. Rwamasirabo führte mich nach der Begrüßung auf einen großen Innenhof des Krankenhauses, in dem gefühlt etwa einhundert Menschen warteten, Männer, Frauen, Kinder. „Diese Menschen warten alle auf Sie,“ sagte der ärztliche Direktor. „Sie warten schon drei Tage und Nächte. Ihre Ankunft wurde durch das Radio im ganzen Land bekannt gemacht.“ Ich bekam angesichts der vielen Menschen, deren erwartungsvolle Blicke auf mich gerichtet waren, einen großen Schreck und wäre am liebsten wieder umgekehrt. Ich fühlte mich ganz klein vor der Aufgabe, so vielen Menschen helfen zu müssen. Aber dann gab ich mir einen Ruck und sagte mir, „du fängst eben mit dem Ersten an und hörst mit dem Letzten auf, ganz einfach,“ und machte mich an die Arbeit, untersuchte ein Kind nach dem anderen, wobei mir eine ruandische Kinderärztin zur Seite stand und vergab einen Operationstermin nach dem anderen und fing am folgenden Tag zu operieren an. Ich operierte an jedem Tag von 8 Uhr bis 16 Uhr, auch an den Wochenenden. Als ich nach drei Wochen zum Flughafen abfahren wollte, hatte ich alles geschafft. Ich war aber auch selbst geschafft, dennoch zufrieden und hielt meine Aufgabe für erfüllt und wollte eigentlich nicht wieder kommen. Als ich das Krankenhaus jedoch verlassen wollte, stellten sich mir ein paar Mütter in den Weg und sagten zu mir: „Dr. Jahn, Sie haben unsere Kinder operiert und gesagt, dass, um ihre komplexen Missbildungen zu korrigieren, noch weitere Eingriffe nötig seien. Wer wird diese Eingriffe machen?“ Da wurde mir schlagartig klar, dass ich wieder kommen müsste, um die Kinder zu Ende zu behandeln, deren Missbildungen ich angefangen hatte, zu korrigieren. Ich hielt das für geboten. Da waren zum Beispiel Kinder, die mit sogenannten anorektalen Missbildungen auf die Welt gekommen waren, also ohne einen After. Da war sonst niemand, der das hätte operieren können. Also versprach ich den Müttern, wiederzukommen, um ihre bereits von mir operierten Kinder chirurgisch zu Ende zu behandeln.

Dr. Jahn mit seinem Operationsteam

Als ich dann im Oktober desselben Jahres ein zweites Mal eintraf, war der Hof im Krankenhaus genau so voll wie beim ersten Mal. Alle warteten auf mich und schauten mich erwartungsvoll an. Es war zum Erbarmen, all diese Menschen zu sehen. Sie alle waren arm, ärmlich gekleidet und hatten ein Kind, das zusätzlich zur Last des Lebens auch noch ein Leiden hatte, das der Operation bedurfte. Wie hätte ich da sagen können, dass ich gekommen sei, um nur die Kinder zu operieren, die ich schon im April operiert hatte, endgültig zu versorgen? Es waren so viele neue Patienten zu operieren, so dass ich mir sagte: „Da kommst du nicht mehr aus, ich muss nunmehr immer wieder kommen.“ Das tat ich dann auch jährlich während meines Urlaubs, bis ich in den Ruhestand ging im Jahre 2002. Dann zog ich ganz nach Ruanda. Der liebe Gott hat mich mit einer robusten Gesundheit a

usgestattet, sodass ich noch immer in der Lage bin, stundenlang am Operationstisch zu stehen. Ich kann mich voll konzentrieren und habe eine ruhige Hand. Dafür bin ich Gott dankbar.“

Ein Chirurgenleben. Passion Chirurgie 2016 September, 6(09): Artikel 09_01.

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