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„Wir fressen uns zu Tode.“ Dieser Buchtitel der chirurgischen Kollegin Galina Schatalova bringt es drastisch auf den Punkt. Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es ein so reichhaltiges Angebot an Lebens- und Nahrungsmitteln für die Menschen in Wohlstandsgesellschaften wie heute. Im erbarmungslosen Wettbewerb um den alimentären Wohlstandskonsum, um jederzeit und überall verfügbares Essen, um bequeme Fertigmahlzeiten und angeblich leckeres „Design Food“ hat sich die westliche Ernährungsform von der lebenserhaltenden, auf natürliche Sättigung ausgerichteten Daseins- und Gesundheitsnotwendigkeit zu einem potentiell lebensgefährlichen Fehlverhaltensmuster entwickelt, das von einflussreichen, lobby-aktiven Wirtschaftszweigen sogar gefördert wird.

Die Ernährungswissenschaft bereichert heute die Synopsis in der gesamten Medizin und kann selbstbewusst belegen, wie entscheidend unsere tägliche Nahrungsaufnahme für die Patho- und Salutogenese ist. Ganz besonders gilt dies für die interdisziplinäre Onkologie. Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat daher auf die Zusammenhänge von Ernährung und Krebserkrankung einen besonderen Forschungsschwerpunkt gelegt. Leider werden im Gesundheitssystem, speziell in der Medizin, die mahnenden Hinweise auf eine alimentär bedingte Beeinträchtigung der Volksgesundheit noch nicht angemessen wahrgenommen.

Auch wenn die Ansichten über die Entstehung und Aufrechterhaltung der Krebserkrankung nach wie vor sehr uneinheitlich und nicht selten stark interessenorientiert sind, so ist doch den Ergebnissen vieler experimenteller und groß angelegter, auch interkultureller Studien von Autoren aus aller Welt konsensuell zu entnehmen, dass im multikausalen Geschehen der Tumorbiologie der Nahrung, neben der Psyche, dem Suchtverhalten (z. B. Tabak) und der körperlichen Bewegung eine herausragende und besonders bedeutsame Hauptrolle zukommt. Dies wird im klinischen, also auch im heutigen chirurgischen Alltag sicher noch nicht entsprechend gewürdigt, sondern eher vernachlässigt. Dabei haben nicht zuletzt auch der präoperative Ernährungszustand und die Kompartimentverteilung des Karzinompatienten für den chirurgischen Erfolg eine große Bedeutung. Aber schon mit der Krankenhauskost wird den Patienten meist eine ganz wesentliche Grundsäule für die Gesundheit und der Weg zur Genesung weder vorgelebt, noch für die Häuslichkeit kompetent und deutlich genug nahe gelegt.

„Nur das Einbeziehen der Ernährung macht zukünftige Medizin leistbar.“

Sowohl in der studentischen Ausbildung, als auch in der fachärztlichen Weiterbildung aller klinischen Fachrichtungen fehlen definierte Vermittlungsinhalte, das Weitergegebene beschränkt sich meist auf allgemeine oberflächliche Hinweise, befürwortet noch zu oft von Mythen behaftete Ernährungskonzepte, ist häufig interessenorientiert bzw. längst nicht mehr aktuell.

Damit fehlen in der Regel von ärztlicher Seite die Impulse, in den Küchen der Akut- und Rehabilitationskliniken auf die erkrankungsbezogene Alimentation der Patienten differenziert Rücksicht zu nehmen und sie auch als Teil der Therapie zu begreifen. Stattdessen sind industriell stark verarbeitete oder aus „agraroider“ Massenproduktion hergestellte Nahrungs- und Nahrungsergänzungsmittel bzw. Fertigprodukte im gestrafften klinischen Alltag sehr weit verbreitet, von der Kantine bis zur Intensivstation.

Mit dieser Ausgabe von „Passion Chirurgie“ möchten wir eine Diskussion einleiten. Das Heft befasst sich im Schwerpunkt mit der nachhaltigen Unterstützung der Onkochirurgie durch Ernährung und mit Stoffwechselparametern, aus verschiedenen Blickwinkeln und mit beabsichtigten Überschneidungen. Die Thematik „Krebserkrankung und Ernährung“ wird in der breiten Öffentlichkeit heftig diskutiert, oft kontrovers, auch schon mal missverständlich und teilweise von der betroffenen Wirtschaft mit populistischen Halbwahrheiten lanciert. Aber: In den Fachkreisen besteht offenbar weitgehend Konsens, dass nicht nur die Prävention, sondern auch die konservative wie operative Tumorbehandlung nachhaltig durch eine vegetabile Vollwerternährung unter besonderer Restriktion solcher Kohlenhydrate, die einen hohen glykämischen Index haben und zu einer hohen glykämischen Last führen, unterstützt wird.

„Krebszellen mögen Zucker, aber noch mehr lieben sie Fett und tierisches Eiweiß“ (LM. Jacob und N.Weis, 2012). Dies schien wohl die entscheidende k.o.-Erkenntnis für die sogenannte ketogene Kost zu sein, die den Tumorzellen den Zucker als wichtigste Stoffwechselgrundlage entziehen möchte und eine fettreiche Ernährung empfiehlt. Diese Ernährungsform entwickelt sich derzeit differenzierter weiter, könnte zum Beispiel als Ernährung über wenige Tage zur Unterstützung der Chemo- bzw. Strahlentherapie eingesetzt werden, und enttäuscht vielleicht zukünftig alle, die sich am liebsten von Eisbein und Mayonnaise ernähren möchten. Des Weiteren ist die Entwicklung von Biomarkern spannend, die sich als „Monitoring“ zur Optimierung einer operativen oder radiologischen Behandlungsmaßnahme empfehlen möchten. Ob diese beiden Ansätze sich zukünftig als Durchbruch bewerten lassen, müssen noch weitere valide Studien zeigen.

Gerade im Themenbereich „Ernährung und Krebs“ sind klinische und epidemiologische Studien besonders schwer zu evaluieren. Zwar überraschen die Zusammenhänge nicht, allerdings ist es gerade die Komplexität mit so vielen Variablen, die Evidenzen in statistischen Untersuchungen nur mit sehr großen Zahlen ermitteln lässt, die einen Abgleich mit experimentellen Daten einfordert und einen so großen Raum für Spekulationen, Halbwahrheiten und Mythen ermöglicht. Die wohl größte Meta-Analyse ist die weltweit viel beachtete China-Study (TC. Campbell, 2004; dt. Ausgabe 2011), die trotz einiger methodischer und selektiver Schwächen den breitesten wissenschaftlichen Publikationsüberblick über den gesundheitlichen Nutzen einer vegetabilen Kost gibt.

Danach ist es meines Erachtens schlüssig, die krebsunterstützenden Faktoren spätestens zum Zeitpunkt des Therapiebeginns möglichst auszuschalten, um einen nachhaltigen Behandlungserfolg zu erzielen. Die Beiträge machen deutlich, dass die Ernährung dabei eine entscheidende Rolle spielt.

Im Namen des Berufsverbandes Deutscher Chirurgen danke ich allen Autoren für Zeit und Aufwand, die sie für die Veröffentlichungen auf sich genommen haben. Mit ihren Artikeln und Ideen geben sie in ebenso prägnanter wie überzeugender Form einen kompetenten Überblick über die Ansätze einer nachhaltigen Unterstützung der Tumorbehandlung durch die Ernährung, insbesondere durch sekundäre Pflanzenstoffe. Die Autoren leisten damit einen wertvollen Beitrag für einen so wichtigen Themenbereich. Er wird sicher für die Chirurgie in der Zukunft von wachsender Bedeutung sein, mehr in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen Interesses rücken und den Dialog mit den Ernährungswissenschaften beleben.

Literatur beim Verfasser

De Pay A. W. Editorial: Der Krebs isst mit – Ernährung und Tumorchirurgie. Passion Chirurgie. 2014 Juni; 4(06): Artikel 01.
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