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Nicht ohne Hintergedanken steht der Artikel zum Korporatismus von H. Laschet an erster Stelle in dieser Ausgabe, tritt uns der Korporatismus doch in zweierlei Formen gegenüber. Als autoritärer Korporatismus, der die erzwungene Einbindung gesellschaftlicher Strukturen in politische Prozesse fordert und als liberaler Korporatismus, der deren freiwillige Teilhabe am politischen Prozess ermöglicht.

Betrachtet man die Entwicklungen der letzten Jahre kritisch, ist zu konstatieren, dass der autoritäre Korporatismus fröhliche Urstände feiert. Es werden politisch administrative Prozesse und Strukturen entwickelt, welche die Freiheit des Bürgers einschränken und gesellschaftliche Strukturen – seien dies etwa die Ärzteschaft oder die Verbände – in vorgegebene Prozesse zwingen.

Vielfach sind die Auswirkungen dieser Prozesse auf den ersten Blick nicht zu erkennen und es bedarf ausgiebiger Beschäftigung mit Erfahrungen und Literatur. Auf den zweiten Blick kann dann das primär sinnvoll Erscheinende durchaus Tücken entwickeln, wenn es zu Zwecken verwandt wird, die dem ursprünglichen Sinn zuwiderlaufen. Dies gilt für die ILV, die innerklinische Leistungsverrechnung, die nicht selten als Disziplinierungsinstrument missbraucht wird, so für Unfrieden unter den Leistungsträgern sorgt und therapeutische Entscheidungen in eine Richtung lenkt, die dem Patientenwohl abträglich sein kann. Das gilt aber ganz besonders für die risikoadjustierte Qualitätssicherung mit Routinedaten, die von bestimmten Interessenvertretern zur Bereinigung des “Klinikmarktes” instrumentalisiert wird. Dabei sind es nicht allein die grundsätzlichen Schwächen mathematischer Betrachtung komplexer Prozesse, die zu denken geben sollten. Das Aqua-Institut attestiert nur 50 Prozent der Krankenblätter eine ausreichende Genauigkeit, um Qualitätssicherung betreiben zu können. Es ist zu fragen, ob die Routinedaten so viel besser sein können?

Auch die Konzentration auf Prozesse wird in Zukunft nicht mehr hinreichen, um gute Medizin zu betreiben. Wenn man die berechtigten Wünsche der Patienten nach dem Guten und Richtigen, nach Empathie, Zuwendung und Vertrauen reduziert auf die effiziente Erfüllung bestimmter Prozessgegebenheiten und Standards, wird unser Medizinsystem weiter in die Irre gehen. Prozesse, Prozess- und Ergebnisqualität müssen in Übereinstimmung stehen mit den Anforderungen, die von der Gesellschaft und von Patienten mit Recht erhoben werden, so jedenfalls Philip B. Crosby, einer der Vordenker industrieller Prozesse. Daher mag die Betrachtung von Prozessen bei Routineeingriffen wie etwa der Cholecystektomie noch sinnvoll sein.

Die Worte von Bettina Warzecha sollten uns jedoch in jedem Falle Mahnung sein:

Je komplexer die Arbeit,
desto weniger Messbares steckt in ihr.

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Autor des Artikels

Prof. Dr. med. Hans-Peter Bruch

ehem. PräsidentBerufsverband der Deutschen Chirurgen e.V.Luisenstr. 58/5910117Berlin

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